Spuk in Lichtenberg

 

IMG_0199Es ist mir schon vorher aufgefallen. Ich krieg es jetzt nicht hinformuliert, aber es ist klar was mit Ästhetik. Bloggerfotoästhetik. Hab das Gefühl, es greift um sich, zielgerichtet. Dann das hier. Stadtauge, den finde ich toll, vielleicht imitiere ich ihn, immer unprofessionell, aber dann hab ich ein fast gleiches Foto zur fast gleichen Zeit gemacht. Fast ein wenig gespenstisch jetzt.

https://stadtauge.wordpress.com/2018/09/03/zimmer-frei/#like-9967

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Frischeparadies

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Reste der Hammelauktionshalle im Blankensteinpark

Im Garten von Mias Leuchtturm stehen Strandkörbe und Astern auf den Tischen. Als wäre ich für Jahre auf jener fernen Zeitinsel verschollen gewesen, wundere ich mich über den Preis von 3,20 für einen Cappuccino. Teuer sind bestimmt auch die Wohnungen hier im Rinderstall des ehemaligen Schlachthofs und in den neuen Stadtvillen Reihenhäusern auf den Brachflächen ringsherum. Kinderspielplatz, Show4You, Supermärkte, Frischeparadies.  Wieviele Schritte musst du gehen, bis du in der Gegenwart ankommst? Wieviele Stunden musst du reisen, bis es Tag wird? (Zweieinhalb Stunden, 10 000 Schritte.) Der Wind, der Wind, er bläst den Rauch des Waldbrandes bei Treuenbrietzen aus unserem Himmel. Zu lange keinen Kopfstand mehr gemacht und nicht in Wasser getaucht.  Am S-Bahnhof Landsberger Allee ist Rushhour, ein Händler versucht sein Glück mit einem provisorischer Obststand. Ein Jungher Security-Typ in Schwarz schüttelt sich eine Wespe ab, sie fällt rücklings auf den Boden, er bückt sich und dreht sie auf die Beine. Auf den Serpentinen zum Flakturm im Humboldthain hinauf schlendern drei arabisch aussehende Jugendliche, einer hat eine Lautsprecherbox umgehängt, aus der deutscher Rap dröhnt.  Du schuldest mir Cash, ich will jeden Cent zurück. Oben sind alle Schilder mit Hinweisen zur weiten Aussicht über Berlin abmontiert. Den Rosengarten unten beschallen zwei Nordafrikaner mit ihrer Musik. Ein Zeitungs-Kommentator verklärt die jungmännliche Lärmbelästigung als Mediterranisierung unserer (tot-gentrifizierten) Städte. Er glaubt auch, Bluetooth-Boxen seien demokratisch, weil ja jeder da seine Musik drauf abspielen könnte. Hat’s wohl noch nie probiert. Eine Kopftuchfrau schiebt einen Kinderwagen, eine andere sitzt im Gras, beide stieren auf ihr Telefon. Der Moment der Versöhnung kippt. Der Sommer war zu kurz. Im Büro der Autowerkstatt bekomme ich einen großen Becher ich Kaffee.  

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Abraham und der Storkower Bogen

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Die Dealer im Görlitzer Park haben ihre Sonntagskleider an. Bunt gemusterte Kaftans, wadenlange Hemdkleider in Brokatlila und Braun, aus glänzend gewachstem Stoff, steif gebügelt und mit schillernden Bordüren. Höchster Feiertag der Muslime, erklärt der schöne Ghanaese mit Goldklette, Kopftuch und Holzperlen in den Rastazöpfchen. Heute sollte Ibrahim seinen Sohn opfern und kurz bevor er Isaak die Kehle durchsäbelte schickte Allah ihm das legendäre Opferlamm. Abraham? sag ich, klar, Ladim nickt, war alles mal dasselbe. Früher mal begann mit den Brombeeren der Herbst. Schon im Juli waren sie in diesem Jahr fällig. Ein von Brombeerhecken gesäumter Fußgängerweg führt am Bahndamm entlang zur Storkower Straße. Die ist nicht zum Zu-Fuß-gehen gedacht. Die mehrspurige Verkehrsachse entstand um 1970 aus der Verlängerung und Zusammenlegung kleinerer Straßen als Verbindung zwischen Prenzlauer Berg (Greifswalder), südlichem Pankow und Lichtenberg durch zuvor stadträndige Gewerbegebiete und mehrere neuentstehende Hochaussiedlungen. Parallel zur Storkower kann man nun endlos an geparkten Kleinwagen entlang durch stille Straßen laufen, umhegte Mülleimerareale, verwaiste  Spielplätze, eingezäunte Sportanlagen und betretbare Grünflächen, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Der Storkower Bogen, ist ein kreisförmiges, in „freundlichen“ Primärfarben bemaltes Einkaufscenter. Im gleißenden Licht flimmert eine leere Piazza, ich kaufe ein Gummicroissant und lasse die Füße ins flache Wasser einer einst neumodischen Brunnenkreation hängen. Über eine Brückenröhre, die längste ihrer Zeit, Aufzug defekt, kommt man über die Storkower zur S-Bahn-Station, dahinter sind große Einkaufseinrichtungen in weitläufigen Parkplatzflächen verstreut. Zwischen Landsberger Allee und Kniprodestraße, nach einem weiteren Einkaufsblock (in den USA hat gerade das Mall-Sterben eingesetzt…) und einem fast schon lauschig abgeratzten Burger-Drive-In liegen hier preisgünstige Tankstellen und Autowaschanlagen, Werbeposterwände vor Brachen, Fitnesscenter, Tierfuttergroßmarkt, Möbelabholmarkt, Jobcenter, Finanzamt. Aus einem mit Graffitis zugeschmierten Flachbau kommt live geübte Rockmusik, im 2015 von ihm eingeweihten Rupert-Neudeck-Haus leben seither mehrere Hunderte Geflüchtete in Mehrbettzimmern. Im selben Haus gibt es auch eine Notunterkunft für Obdachlose. Dort wurde bis vor kurzem noch der Straßenfeger produziert, aufgrund der Zeitungskrise ist er temporär eingestellt, ebenso das Café Bankrott. Den besten Café Berlins, so meine Freundin, die das beurteilen kann, gibt es eine Ecke weiter bei der KulturMarktHalle. In einem klug designten und selbstgezimmerten Tiny House wird arabischer Kaffee mit Kardamom in zierliche Orienttässchen mit silbernen Deckelchen serviert. Ein paar deutschsprachige Trivialromane und zwei junge arabische Männer warten auf Kundschaft, die altgewordenen Bewohner aus der Hochhäusern der Nachbarschaft hätten wahrscheinlich gerne ihre alte Kaufhalle wieder gehabt, vielleicht wären sie da mal im „Bake off“ eingekehrt, mit dem „Hackenporsche“ ist der Weg zum nächsten Aldi weit. Zurück im Brombeerhohlweg bedeutet mit ein grauhaariger Herr mit einer großen Plastiktüte, ihm zu folgen. Er ist Fliesenleger, ursprünglich Kaminbauer, aus Griechenland, und zeigt mir seine geheime Brombeerstelle. Dazu müssen wir neben einer Brücke über ein Gartentor klettern und eine wild verwucherte Treppe hinunter steigen. Im Dreieck zwischen zwei Gleistrassen versteckt sich eine eingezäunte Datsche, die Brombeerhecke ist riesig, die Beeren auch, wir hamstern beide mehrere Kilos, ein Baum hängt voller reifer gelber Pflaumen. Der Grieche sagt, seine Frau mache so was wie Ketchup draus, ich mache Brombeer- Sauerkirschen-Chillie-Marmelade, Pflaumen-Kuchen mit karamellisierten Zimt-Mandelsplittern. Bei den Rezepten für Aufläufe stehen Zutaten wie „Kartoffelpüree aus Trockenproduktion“, Margarine, Maismehl, Tortenguss, und dass man die aufgeschlitzte Vanilleschote nach dem Kochen in der Milch herausnehmen soll, als gäbe es das alles noch im Kolonialwarenladen an der Ecke. Und „Pfirsiche“ bedeutet immer aus der Dose. Wer hätte je an Pfirsiche aus Pankow geglaubt, inzwischen sind sie abgeerntet, die Brombeeren vertrocknet, und ich bin mehrere Aufläufe, Kompotte und Kuchenversuche reifer. 

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Sternschnuppenhagel

 

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Der Donner kommt von der einen Seite, die Flugzeuge von der anderen. Windböen jagen wie verspielte Derwische herum, schütteln den Apfelbaum des linken Nachbarn, legen sich in die knarzende Hollywoodschaukel des anderen, verstecken sich im Gebüsch, legen sich ins Gras, schlagen einen Fensterladen zu, fahren hoch. Die Fahne des rechten Nachbarn knattert, zwei lilane Comic-Hühner drauf,  er hat auch noch eine gelbe mit Smiley, wo kriegt man so was, bei Ikea, im Datschenausstattungsbedarf?  Die Metallringe und das Seil zur Profi-Befestigung klappern am Fahnenmast, gaukelt uns ein wenig Hafenatmo vor. Flughafen haben wir eh in der Nähe. Die deutsche Fahne gibts hier fast nur bei sportlichen Ausnahmeereignissen. Im Schaukasten mit den Vereinsmeldungen rät ein ausgeschnittener Zeitungsartikel davon ab, die Christdemokraten oder gar die Liberalen zu wählen. Wieso überhaupt wählen, das hier ist Heimatschutzgebiet Ost, da regiert die Partei und Tegel ist im feindlichen oder doch weitest unerreichbaren Westen. Leider liess sich mit der Wende die Überfremdung der Kolonie durch zuwandernde Wessis (wie mich) nicht aufhalten. Die Einflugschneiße, auch Ausflug, je nach Wind, liegt wie ein Schutzschild über den geduckten Obstbäumen der Kleingartenanlage. Bei der kürzlichen 105-Jahr-Feier verkauften Alteingesessene auf dem Hauptweg selbstgemachten Kaffee und Kuchen, es gab Kinderbespaßung mit Anmalen und in der Gartenwirtschaft moderierte ein Radiosender-Clown die Schlagerparade. Es wurde Heino gespeilt, Mamma, das glaubt mir keiner. Das Gewitter verzog sich. Der Regen blieb aus. Aber wenn mans grad mal gerne so knallklar gehabt hätte, wie all die vergangenen Hitzetage, dann zieht eine hauchzarte Wollendecke auf. Ich sitze da wie im Lichtspieltheater und warte, dass der Vorhang aufgeht. Vielleicht sitz ich schon an der gefakten Bushaltestelle im Demenzgarten und warte, dass was passiert. Nichts geht ab. Wie es aussieht, wird auch dieser alljährliche Perseidenhagel ungesehn an mir vorübergehen. Stattdessen eine Fledermaus, vermutlich drei, klein wie Schwalben, die meistens Mauersegler sind. Eine Weile sind alle landenden Flugzeuge von Easyjet. Mein neuer Wasserkocher leuchtet nicht, wenn er in Betrieb ist. Klart es auf, oder ist das nur ein Wunsch? Und  reicht es nicht zur Wunscherfüllungsbeschwörung, wenn ich mir die Sternschnuppen einfach nur einbilde? Die Augen müssen sich an die Nacht gewöhnen. 

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Verdrängung

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Bis vor wenigen Tagen stand hier ein Flachbau. Er war nicht schön, aber darin war unser Getränke-Stützpunkt, mit dem von Rosenbüschen umheckten Parkplatz davor ein beliebter sozialer Treffpunkt für alte und neue Anwohner, Tagelöhner der Baustellen und viele europäische Touristen aus den nahen Hostels. (Sind diese Jugendlichen etwa die Nutznießer der Interrail-Tickets, die gerade in einer mir unverständlichen Eu-Aktion umsonst verteilt werden?) Ein paar junge Männer, die bestimmt nie ein Interrtail-Ticket haben werden, schmissen den Laden, der brummte, aber Getränke-Hoffmann kann sich die Miete für die Filiale in den Neubauten ringsum nicht leisten. Die Spätis dürft es freuen, leicht habens die auch nicht. Lidl soll auch weg, obwohl der doch im ja wohl denkmalgeschützen Backstein-Fabrikgebäude ist. Das erfährt die Freundin bei der Maniküre im Nagelstudio, das dann bestimmt auch weg muss, wie die Apotheke nebenan, die belgischen Frittenbude und der Haferkater, ein „auf schottischem Porridge spezialisiertes Café in modern-rustikalem Ambiente“. Weg müssen Tische und Stühle, weg muss der Bürgersteig auf dem sie stehen und wir gehen. Gab es da nicht sogar mal ein Reisebüro?

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Senza parole

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Welches Glück. Die Sängerin vom Alex war heute wieder da. Sie singt Arien, auf Italienisch, glaube ich, sie schmettert und tiriliert sehr kunstvoll, keine Verstärkung oder Begleitung, allein ihr Sopran erhebt sich in die zur Kurmuschel umfunktionierten  Kaufhauspassage. Sie versteht nicht nur was von Akustik. Mit ihrer linke Hand hält sie kein Telefon sondern ihr Ohr zu, damit sie ihre Kopfstimme hört. Ich glaube auch, dass sie die Liedtexte beim Singen frei erfindet, Sätze, Sinn, Zitate neu montiert, ihre Interpretationen sind jenseits der Texttreue. Fragen geht natürlich nicht. In der Plastikschale auf der Ablage ihres Rollators sind schon ein paar Euro zusammen.

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Ich kann auch keine Pfirsiche mehr sehn

Südkreuz. Das ist in Berlin kein Romantitel sondern ein recht schicker, zumindest zugiger S-, U- und Stadtautobahn-Verkehrsknotenpunkt mit Möbelhaus-Anschluss. Tempelhof. Das „Feld“ des ehemaligen Flugplatzes ist eine Station entfernt. Man könnte das Konzept der blanken Stadtbrache, die urbane Glatze aus Asphaltbahnen und derzeit versteppter Wiesen,  jetzt gut mit ein wenig Schattenspendern modifizieren, ein Wäldchen, ein See… Im ehemaligen Rückstaubecken des Flughafens, auf der südlichen Seite des Columbia-Damms, haben Architekten und kulturell subventionierte Aktivisten mit Holzstegen und Stahlgerüsten übern Sommer die Floating University City eingerichtet. Ein Wasserrad, Tomaten in hölzernen Blumenkästen, Pilze im feuchten Stroh in Badewannen, Kisten mit heiligem Kompost und Hornissen. In einem luftigen Pavillon mit einzelnen Waben gibt es pinkfarbene Plastikgießkännchen zum Spülen der Ökoklos. Gummistiefel stehen an den Treppen und Podesten bereit, um damit im grünen Wasser herumzuwaten. Es gibt Bewirtschaftung und Programm, an einem vergangenen Sonntag stellt die Gruppe MetroZone ein Buch über Novosibirsk vor, später geben authentisch kostümierte Ethnomusiker aus der Großregion Südsee ein Konzert, ein australischer Surfertyp, der das organisiert hat, zeigt dazu seinen Docfilm. Vollmond auf Meer, eine Frau singt melancholisch melanesisch über längst verstorbene Ahnen. Time to go. Auf dem selbem Flachbildschirm hatten zuvor auch die Novosibirsk-Forscher einen Docfilm gezeigt. Da war es allerdings noch hell und die Schwalben und Mauersegler vollführten interessante Bewegungen. In Novosibirsk gelte das Motto Go West, und das beliebteste Hobby, zumindest unter Videokünstlern, sei Autofahren und dabei filmen. Man sieht eine vielspurige Straße mit Autos, die endlos an einer toten Kreuzung stehen, in der Ferne Hochhäuser, und Technosound. Beim Südstern essen wir eine der ödesten Thai-Suppen ever, beim Kotti überrennt eine Polizei-Einheit einen schmächtigen Dealer, der wirft sich sofort auf den Boden und lässt sich abführen. Am Schlesischen Tor ist wie immer Straßenfest. Alles gut? lockt der Dealer an der Warschauer Brücke. Doch das ist  Ostkreuz. Mein Ausflug ging ja nach Südkreuz: Der Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße hat Montags zu. Das Kopfsteinpflaster brütet Blasen aus. Von einer Autowerkstatt kommen müde Geräusche, der Eingang zum leeren Büro sieht aus wie ein lauschig beschattetes Caféhaus, in dem es selbst gebackenen Kuchen geben könnte. Das ganze Gelände ist still und groß, Autos ohne Nummernschilder,  verschlossene Backsteinhäuser, Brombeerhecken, didaktische Schilder. Im Kasernengebäude der Preußischen Eisenbahnregimenter befand sich 1933 eines der ersten Konzentrationslager der SA., Folterkeller. Nach der Luftbrücke in der Nähe die ehemalige Lagerhalle der Senatsreserven, einer von 700 einst geheimen Orten. Daneben eine Kleingartenanlage. Eine Babyklappe. Wirklich eine Klappe, fast wie beim Altkleidercontainer. Dann das Krankenhaus, im Garten ein Wasserschlauch. In meinem Garten  wird  es Zeit für die Wespen.

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wir werden sehen

 

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Es könnte das Bild zusammmenfallen wie eine Glasscheibe, der Moment, in dem sie trüb wird, sich als Trennscheibe zeigt, materialisiert im Zerfall, hi. Bleibt aber alles stehn. Die gelbe Katze hinkt, die schwarze stinkt. Und zwar scheusslich, zumal sie immer direkt unter mir sitzt und ihre Zecken an meinem Beinen abstreifen will. 

 

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Tarnung

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Vorteile des Verschwindens: 87 Euro kassiert für zwei nicht abgestempelte Fahrkarten. Im Bordrestaurant mehrere Kaffees getrunken und mich unsichtbar gestellt. Klappt   „zusehends“ besser. Ein Bauarbeiter aus Rumänien setzte sich zu mir an den Tisch. Auf Montage in Gera. Der Kellner verlangte Geld von ihm, bevor er das bestellte Bier brachte. Er lieh sich mein Telefon, um seiner Frau in Berlin anzurufen. Ich zog eine Strickjacke an, obwohl mir nicht kalt war. Er hat vier Kinder. Später fuhren wir noch zusammen S-Bahn. Normalerweise fährt er Auto. Deswegen kannte er sich mit dem Nahverkehrsnetz nicht aus. Sein Handschlag war zu weich.

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Wo seid ihr? (Fluchtlinien)

 

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„Grünfläche“ bei der Topografie des Terrors

Als ich vom Hauptbahnhof aus zur Schlusskundgebung der Demo „Seebrücke“ stoße, ist die schon ziemlich am Ende. 12 000 seien da gewesen. jetzt hängen nur  noch ein paar Hundert zur Beschallung von einem LKW in der Sonne ab. Nackige Kleinkinder in den Wasserspielen. Kein Mensch ist illegal, schreit einer ins Mikro, und dass er diese Scheiße von Transitzentren nicht mehr hören will. Ein wenig arabische Folklore oder Wüstenblues hätte der doofen All-white-Rave-Musik vielleicht ganz gut getan. Auf der vertrockneten Wiese vor dem Reichstag üben sich Paare in Earthing. Eine junge Frau rekelt sich auf dem massigen Leib ihres Kerls, der ihr innig den Rücken streichelt. Die Fanmeile blockiert das Brandenburger Tor bis auf einen schmalen Durchgang, müssen wir den deprimierenden Ballermann jetzt spaßig und schützenswert finden, weil die Blöden ihn vorzeitig schließen wollen (zu wenig Volk)? In der Fluchtlinie der Fanmeile (ach, schon das Wort) steht ein Riesenrad. Im Knick des Tors ist der Eingang zum „Ort der Stille“. Dort drinnen ist es echt still. Drei Türen, Schleusen aus Glas, schwerer Vorhang, dichte Rahmen, Broschüren, links liegen zu lassen. Ein kitschiges Gemälde vom Licht am Ende des Feldes, in dunklem Braun, Scheiße, Kompost, Humus, Homo, davor liegt ein Stein, ein „Findling“, er wirkt völlig künstlich und deplatziert, schwarze Stühle stehen im etwas schummrigen Halbrund, ein Mann sitzt da, die Augen geschlossen, mich juckt’s am Fuß, trau mich aber nicht zu kratzen, um keinen Lärm zu machen, die Luft ist abgestanden. Nichts wie raus. In der Akademie der Künste gegenüber hält ein Rentnerpaar im Café die letzte Stellung. „Abfallprodukte der Liebe“, was für ein toller Titel (vom Filmemacher Werner Schroeter), die Zeitung zur Ausstellung gibt es zum mitnehmen. Das Stelenfeld, bemerke ich plötzlich, ist einfach zu klein. Am Zaun der Botschaft Niedersachsens, nein, es ist die Vertretung des Landes Rheinland-Pfalz, egal, direkt am Mahnmal, hängen Bilder einer weiteren Ausstellung: „Weit weg von Brüssel“,  hat der Fotograf Stefan Enders seine Arbeit betitelt. Für die ist er 31 000 Kilometer entlang der europäischen Außengrenze, einmal ringsherum, gereist. Enders porträtierte eine Menge Personen, frontal, alle haben sich in Szene gesetzt, jeder hat das Bild von sich gewählt. Fotos im altmodischen Schwarz Weiß, dafür gibts überhaupt keine Filme mehr. Fake. Aber Namen, Orte, Zitate. Geschichten von Leuten im Wald, von Roma und Samen, wenig Gewinner, ein spanischer Fremdenlegionär, ein französischer Bürgermeister, eine irische Straßenmusikerin. Ich lese alles. Herzergreifend, toll. Guckt das an, schleppt Tanten, Touristen und Euch dorthin. Vor einer Sport- und Shisha-Bar in der Nähe der Berlinischen Galerie wehen Duftschwaden herüber. Junge Männer am Grill, keine Frauen dabei. Im Prinzessinnengarten gibt es einen Revolutionsautomaten. Er ist leer. Ein dicker Türke fragt, ob der Stuhl frei ist und nimmt ihn dann mit. Ein Schwuler spricht amerikanisch, der Tattowierte hat grüne Hochwasser-Hosen an  Ich kann mir die Lippen blau anmalen und Bermuda-Shorts tragen.

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Sandinodröhnung

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Sonntags sind Sportplätze besonders öd. Olympische Leere herrscht geradezu im Lichtenberger Sportforum, weißes Nachmittagslicht, gnadenlos schön. Wieder sucht mich die Vision von einem Eiskaffee mit Sahne heim. Aber im Gartenrestaurant am Orankesee läuft Fernsehen auf mehrere Flachbildschirmen, Fußball, ältere Ehepaare sitzen viel zu weit weg über ihren blassen, wie verdünnt wirkenden Bieren. Die Kleingartenanlage, vorbildlich einsichtig gestutzte Hecken, hat nur einen Ein-und Ausgang, der evangelische Friedhof daneben auch. In der Gegend hat Mies van der Rohe seine letzte Villa gebaut, bevor er 1933 emigrieren musste. In der sehr kurzen Gropiusstraße frage ich Anwohner, die ihren Hund ausführen, nach der Kriegsgräberstätte oder dem russischen Ehrenmal, deren Nähe mein digitaler Stadtplan anzeigt. Sie wissen von nichts. Es ist gleich hinter den Schrebergärten und einer hohen Mauer aus Fertigbauteilen,m sie fasst einen riesigen verwunschenen Märchenwald ein, Efeu umspinnt haushoch die Kiefern, Amseln lärmen. Kilometer später, gegenüber eines vergitterten, verwaisten Wurfplatzes und dem gleißenden Beton einer Eissporthalle, klettere ich schließlich über die Mauer, lande in einem weitläufigen Friedhof, Kapelle, Tor gleich um die Ecke. Urnengräber in Kreisbeeten, Eichhörnchen zwischen den Reihen der Kriegsgräberplatten. Fast unauffindbar, gänzlich versteckt hinter Dickicht und verwildertem Unterholz der Gräberhain von zwei tausend Toten, Russen, Polen, Deutsche, Soldaten, Zwangsarbeiter, Zivilisten, Kinder. Eine Wiese im Wald, so still, wie außerirdisch, mitten in der Stadt. Hohenschönhausen. Wo sind bloß all die Leute? Die Häuser haben 12 oder 20 Stockwerke, Grünflächen, Sandkasten, Schaukeln, der Rasen verdorrt, kein Müll, keine Musik. Lauwarmer Filterkaffee an der Sandinostraße. Immerhin mit Holzbank vor der Tür. Grad als ich den Mangel an Ausländern für die Totheit des öffentlichen Raums hier verantwortlich machen will, flaggt mich die blauweiße Markise des Akropolis an. Die Straßenbahn ist pünktlich.

Kriegsgräber, russischer Ehrenhain

 

 

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Schönhausen

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„Poetische Stimmung“ hat der rumänische Bildhauer Anton Ratio seine 1987 im Park Am Fennpfuhl aufgestellte Skulptur genannt. Die lebensgroße Männerfigur, halb hinein geschmiegt, halb heraus gehauen aus einem Block Sandstein, könnte auch einen Dahinsiechenden verkörpern. Die im Park verstreuten Steinplastiken aus den 1980er Jahren sind alle DDR-Kunst-konform figurativ, ein abstrakt gedrungener David sieht aus wie zum Pfosten gehauen, notgedrungen. Die Verwitterung steht den Kunstwerken gut, das Alter ist gnädig zu ihnen, moosige Flechten glätten die Falten ihrer Frühvergreisung. Vom Ufer des Fennpfuhls ziehen Rauchfahnen herüber. Männer stehen am Grill. Mütter sitzen auf Decken, dien junge Frauen auf der Bank. Dazwischen rennen Dutzende Kinder mit Bällen und Reifen herum, sie haben rote und schwarzen Judo-Anzüge mit breiten Schärpen an, Kung Fu Viet Nam steht hinten drauf. Bei den Vietnamesen brutzelt marinierter Schweinenacken überm Feuern, nebenan duftet Lammfleisch und Merkez-Bällchen an Spießen, arabisch sprechende Herren trinken Bier aus Plastikbechern, Frauen tragen Kopftuch und schwatzen am anderen Ende des langen steineren Tisches miteinander. Gestern feierte ein kamerunischer Verein, oder mehrere oder Dorfgemeinschaften, naja, man kennt sich halt und unterstützt zusammen kleine Projekte zuhause in Kamerun, jedenfalls, an die 200 Leute trafen sich zur Grillparty im Stadtpark Lichtenberg. Frauen in knallbunten Sommerkleidern zeigten nackte Schultern, kleine Prinzessinnen  herausgeputzt in Tüll und riesigen Haarschleifen, Sonnenstrahlen durch Baumkronen gebündelt, gebratene Hähnchenflügel, Fettpfützen auf Silberplatten,  Reisberge, Bier und Saft kistenweise, Campingstühle, Sitzgruppen in Baumschatten, Groovemusik, dezent und im schläfrigen Herzschlag des Sommernachmittags. Da hinten sind Angolaner, die kommen jedes Jahr, sagt B. der wie ein Aufpasser am Rand steht und mich einlädt, klar, nun komm schon. Wenigstens ein Hühnerbein auf die Hand? B. wohnt in Moabit, dort darf man nirgendwo mehr grillen. Er hatte mal drei Spätis, einen auch in Friedrichshain, Nachbarn beschwerten sich über betrunkene Touristen. Als ob sich Einheimische nie betrinken würden. Hinter dem Park ist die Bahntrasse. Eine Brache, Container, eine Traglufthalle der Stadtmission, eine Wagenburg, ein Garten voller Giftpflanzen. Sportplätze am Sonntag. Das trockene Rascheln der Pappeln. Sollen sich doch andere an deine Kindheit erinnern

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Dann geht ein Bild hinein

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An der Bushaltestelle steht eine Nonne in weißer Tracht und schwarzen Sandalen. Über der schwarzen Haube trägt sie eine weiße SchiebermützeIm Bordbistro trinken drei Chinesen Flaschenbier und schmatzen genüsslich eine Vollkornbrotstulle. Einer hat seine Halbschuhe ausgezogen und die Beine im Schneidersitz übereinander geschlagen. Die Gräfin schickt drei Videoclips mit lachenden Tieren. Blue Eye Sinatra singt dazu Smile when your heart breaks. Wir haben einen Tag lang Familienfotos vernichtet. So viele Bilder  von glücklichen Tagen. Immer schön mitten durch die Gesichter reissen. Die alte Nachbarin weint und pflückt der Schmuddelkatze eine fette Zecke aus dem Fell. 

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Lager Luna

 

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Die Beete des Sowjetischen Ehrenmals in der Schönholzer Heide sind frisch bepflanzt. Hier wurden 13200 gefallene Russen beerdigt. Die Namen von 3000 sind auf den Grabsteinen aufgelistet. Blau ist der Himmel über den „von der Sonne gehärteten Quadern“ der stalinistischen Monumentalarchitektur. Die Einschüchterung funktioniert, kein Besucher, der sich hierher verirrt hätte, bleibt. Das Cafe gegenüber hat Schließtag. Der Wilhelmsruher See ist von Blaualgen verseucht. Enten und Seerosenteppiche stört das nicht. Man hat Garagen und Gärten des Grauens an den Einfamilienhäusern Friesenstraße, Ecke Germanen-, Ecke Walhallastraße. Auf der anderen Seite des Sportplatzes VfB Einheit zu Pankow (Verein für Bewegungsspiele, Jugendabteilung) gibt es eine Genossenschaftstraße – Borsig-Werke? In der Schönholzer Heide nördlich davon wurden ab 1942 ausländische Kriegsgefangene nach Nationalitäten getrennt in Baracken untergebracht, im Schloss das Polenlager, sie mussten 60 Stunden die Woche  Zwangsarbeit leisten in der Waffenproduktion und den Elektrizitätswerken. Weil dort 1936 bis 1940 der Vergnügungspark Traumland lag, mit Riesenrad und Gespensterbahn, hieß das Zwangsarbeiterlager bei der Bevölkerung „Lager Luna“.  Übrig sind Gesteinsbrocken, Fragmente von Säulen aus Betonguss, ein Bunker und ein efeubewachsener Friedhof, der  Ehrenhain für die Opfer von Krieg Gewaltherrschaft.  Und ein Lied:

Auf der Schönholzer Heide, / Da jab’s ’ne Keilerei / Und Bolle, jar nicht feige, /War mittenmang dabei, / Hat’s Messer rausgezogen / Und fünfe massakriert. / Aber dennoch hat sich Bolle / Janz köstlich amüsiert.

 

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Entsorgen kostet

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Am 29.Mai sind die ersten Fledermäuse da. Eine kleine, räudige Meise gockelt im Gras herum. Die Gartenrotschwänzchen machen sich rar. Drei Tage hintereinander war eine  sehr zierliche Brandmaus da, holte Knäckebrot und Käse im Gras unter meinem Stuhl.  Hab ich sie überfüttert und die Katze sie sich geholt? Leider schon lange keine Igel mehr, eigentlich nur einen Sommer gabs Igelbesuch. Das war großes Schrebergartenkino. Sie haben einen unfassbar langen und anstrengenden Paarungstanz, bei dem der Mann laut hechelnd wie ein Irrer im Kreis um die Dame herumrennt. Sie dreht sich auch, aber auf der Stelle, bis ihr so schwurbelig ist, dass ihr der hechelnde Kerl wie ein Igelprinz vorkommt. Am 30. soll Weltuntergang sein. So steht es in einem Gedicht  im Glaskasten der Gartenwirtschaft. Ein Lied, wie ich lerne, vier Strophen, gereimt, geschrieben auf schwarzem Karton. Die Kröte weiß nichts davon. Sie unkt auch nicht, sondern ratscht. Es soll hier bald Plastikverbot geben: für Trinkhalme und Luftballonhalterklemmen. Ist das jetzt Fake-news? In Ruanda, wo Plastiktüten schon ewig verbannt sind, soll bald auch der Import von unseren alten Secondhandklamotten verboten werden. Wer was loswerden will, soll dafür bezahlen. (In Anverwandlung des Högeschen Anarcho-Mottos: Wer schreibt, der zahlt.) „Schenken“, das nur dem Ausmisten des eigenen Überflusses dient, müsste Gebühren kosten, statt auch noch ein gutes Gefühl zu verschaffen. Nicht Anschaffen, Loswerden der Dinge muss vergütet werden. Müll- statt Mehrwert-Steuer. Eine Art Negativzins auf Dinge. Ver-Gütung, Ent-Sorgen. In Neukölln gibts schon gebrauchte Rollatoren im Trödel. Der Vollmond geht auf.

 

 

 

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Himmelfahrt

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Sehn wir uns nicht in dieser Welt… Bei Bitterfeld explodierte mal der Motor meines Autos. Ich fuhr mit einem Ersatzwagen zu den Eltern nach Hause, das alte Auto (vom Vater geerbt) fährt mit dem neuen Motorblock immer noch. War ich auf dieser Fahrt allein? Es war Frühsommer. Ich erinnere mich an Wiesen und das Wetter. Jahre später, bei der Flut, wieder war es Sommer, waren wir zu zweit. Als wir langsam durch das knietief  stehende Wasser fuhren, in der Nähe von Bitterfeld, wurden wir mit Steinen beworfen. Er hat Fotos gemacht, als ich später etwas darüber schrieb, wurde der Satz mit den Steinen gestrichen. Was geschieht eigentlich mit all den verlorenen Bildern, mit den gelöschten Fotos? Wohin gehn all die Pixel und geschrotteten Daten? Und was geschieht mit all den Milliarden Erinnerungen, die keiner mehr braucht? Gibt es ein Krematorium, wo ihre Asche in Urnen abgefüllt, einen Friedhof, wo sie alle verrotten können, zu Kompost neuer Gefühle werden oder wie Mikroplastik zu einer Schicht Firniss verkleben, unter der die Vergangenheit mumifiziert,  Als ob Erinnerungen Körper wären, Materie im Moor.

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Did you ever go clear?

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Nähe der Warschauer Brücke finden Passanten am Montag früh einen Toten unter einem Baum. 40 Jahre, aus dem „Obdachlosenmilieu“. Es regnet. Ich geh zur Post, kaufe für 50 Cent ein Buch von günter kunert: kramen in fächern, alles klein geschrieben auf dem Umschlag, weiß auf schwarz, sieht aus wie ein suhrkamp klassiker, ist aber von aufbau, 1968. Kurze Texte, Impressionen vom Hinterhof, keuchende Bedeutungspausen, ganz schön geschraubtes Zeug. „Die Wasserfäden spulen sich von oben herunter und reißen nicht ab: in den Gärten zusammengeklappte Stühle, deren Eisengestänge schon rostet: Auch sie nehmen Anteil an der allgemeinen Vergängnis.“ Rostige Gartenstühle! Probleme hatten die. Ich nehme die S-Bahn zum Gartencenter am Treptower Park, kaufe ein paar Samentütchen, sammle Bärlauch, laufe im weiten Bogen über die matschige Wiese zurück, steh blöd auf Kieswegen im Nieselregen herum, stiere auf die Tropfenkreisel im grauen Wasser und scanne doch andauernd verstohlen das Ufer gegenüber nach einem pinkfarbenen Handtuch ab. Ich meide die Brücke über die Spree, geh aber dann drunter durch, bis dahin wo es nach Pisse stinkt und die dort immer unsichtbaren Obdachlosen ein Lager haben, eine sauber gefegte Festung mit Spendentopf am gedachten Eingang. Gegenüber hat nur ein Liebespaar kurz das Trockene gefunden. Seine Decke hängt dort, wo er im Gras daneben lag, ausgebreitet über dem Geländer. Sie ist nass, sie riecht nach nichts. Was mache ich hier? Ein Mann mit ausgemergeltem Oberkörper in rotem Unterhemd reckt sich auf der Reling eines am Ufer dümpelnden Lastkahns, bevor ich ihn ansprechen kann, ist er wieder zurückgekrochen in sein Kabuff. An der nächsten Uferbrache auf dem Nachhauseweg sehe ich ihn dann. Sein pinkfarbenes Handtuch leuchtet nicht, er eiert herum. Er hat Schuhe an! Weiße Sandalen. Andere Klamotten auch, war er im Schenkladen, den ich ihm empfahl? Er umkreist im Zickzack eine Baumgruppe, ich hoffe, er sieht mich nicht. Wieso? Wieder hab ich das komische Gefühl, dass er mich wahrgenommenen hat, um mich weiß. Wilder Schnittlauch wächst im Unterholz. Ich kaufe Obst, Wasser, Schokolade im nächsten Supermarkt. Warum? Was will ich? Als ich zurückkehre, wieder gut eine halbe Stunde später, steht er immer noch bei dieser Gruppe aus Bäumen, sein Handtuchlumpen auf einem trocken gebliebenem Unterholzflecken, er steht herum und schaut, blinzelt desorientiert, als ob die Horizontlinie, wie überhaupt alle Richtungen des Himmels und der Erde für ihn keine Geltung haben würden. Er freut sich über das Wasser.  Den Schnittlauch  anfassen kann er gerade nicht, eine Lähmung hält  seine Hände fest. Freunde von früher, sagt er eilfertig mit seinem erleuchtetem Lächeln, habe er wieder getroffen. Wo sind sie? Ich bleibe heute nicht.

Not for Jane or me…

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Diogenes kann einpacken

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Er hat keine Schuhe an. Er taumelt am Ufer entlang, zerzaust und fürchterlich abgerissen. Ich gehe ihm aus dem Weg, er ängstigt, er berührt mich. Ich möchte ihm Geld geben, hab aber nur zwei große Scheine. Ich könnte sie wechseln, auf dem Weg zum nächsten S—Bahnhof blicke ich von der Brücke über die Spree und sehe ihn aus der Ferne, sein pinkfarbenes Frotteehandtuch über den Schultern leuchtet. Er sammelt eine lumpige asphaltgraue Decke ein, ich habe das komische Gefühl, er sieht mich auch. Ich kaufe zwei Bier und gehe zurück. Gut eine halbe Stunde ist vergangen. Vermutlich ist er längst verschwunden. Doch er liegt neben der Uferpromenade unter einem Baum, die schmuddelige Decke verbirgt ihn fast. Warum nicht, sagt er freundlich, als ich ihm ein Bier anbiete, er setzt sich halb auf. Seine Augen sind hellwach. Ich versuche, die Flaschen am Ufergeländer zu öffnen, am Metallpapierkorb gelingt es. Jens, er heißt nicht so, aber er erinnert mich an einen solchen, hat eine leichte, fast gesunde Bräune, seine Haare sind wellig dunkelblond, sein Bart rötlich, seine Augen leuchten hellblau. Er ist kein Trinker. Er ist 41, das war sein erster Winter auf der Straße. Seine Ausdrucksweise ist fein und elaboriert, durchsetzt mit englischen Codewörtern, eruptions und vocations, die er höflich für mich eindeutscht. Er hatte ein Tonstudio, eine Wohnung natürlich, war DJ, Elektro-Musiker. Was hat ihn aus der Kurve geschmissen, was ihn bei Höchstgeschwindigkeit aussteigen lassen? Bipolar? Manisch-depressiver Schub? Drogen? Da sind Stimmen. Freunde aus einem früheren Leben rufen ihn. Sie wollen Kontakt mit ihm aufnehmen, und Kinder sind da, die lärmen. Es ist laut, viel zu laut. Aber man muss sprechen. Er hat zu viel geschwiegen, deshalb die Missverständnisse, die Wunden. Die gebrochenen Rippen, der Riss in den Herzkranzgefäßen, die Beulen, manche auch vom Frost, die Kälte der Nächte, auf der Straße, in Hauseingängen hat er unterschätzt. Er hat schon Gras gegessen. Genug Wasser trinken ist wichtig. Das geben ihm Leute. Wo wäscht man sich als Obdachloser? Wo geht man scheißen, wohin, wenn das Fieber einen schüttelt? Er hat nichts, Diogenes ist ein Angebeer gegen ihn. Ein Koffer, eine Tüte vielleicht steht bei einem Freund. Papiere, Schatzbriefe, Existenzbeweise? Freunde von früher, Stimmen, Zeichen sprechen zu ihm. Jesussyndrom, Realitätsverlust, Verhungern. Seine Schuhe hat er ausgezogen und irgendwo stehen gelassen. Für den Kontakt mit der Erde, der Grund, das Universum. Wir sind alle eins. Bäume, Tiere, Steine. Als würde er zustimmen fältelt der Baumstamm hinter ihm seine Rinde zu schrundigen Grimassen. Selbst Tiere brauchen Behausungen. Eine Höhle, ein Nest. Er wickelt die Decke um seine besockten Füße. Wenn sie einfach so herumständen, würde er vielleicht auch wieder Schuhe anziehen. Seine Hände sind schmal, die Fingernägel lang und schmutzig. Er riecht nicht gut. Loslassen, sagt er, hat mit Erlösung zu tun. Er lächelt wie ein Heiliger.

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Herr Gott

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Herr Gott hat mein Portemonnai gefunden, er hat meine Autoversicherung angerufen, von dort rief mich einer zurück, und Herr Gott hat mir alles wieder gebracht. Heißt er so? Er kam um fast 23 Uhr, er braucht Auslauf, sagte er, er hat in Paris gearbeitet, am Louvre eine goldene Verzierung am Dach angebracht, jetzt hat er es am Bein, Sehnenriss, er sammelt Flaschen. Mein Geldbeutel lag unter einem Auto an der nächsten Straßenecke, im Taxi oder vor der Haustüre verloren. Herr Gott ist jung und zerknittert, er trinkt keinen Alkohol, seine Frau hat ihn verlassen, er freut sich beschämend süss über den Finderlohn. Ich bin nur beschämt.

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Zum Schwanen

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Uferschilf, Queckenkreise. Diagonalverscheibung. Wie verändert sich die Welt, wenn man schielt? Woher die Überheblichkeit, beautiful loser, das warst du nur in den Liedern. Zwei Japanerinnen im Bordbistro teilen sich eine Currywurst. Der blonde Kellner kratzt sich am Handgelenk. Einer erzählt von seinem Knie. Maulwurfshügel auf Wiesen, Rehe im Stoppelfeld, Erde dunkel, Farben wie ausgeblutet, der Horizont weichgezeichnet vom diesigen Licht. Birkengrau, Ascheweiß. Nein, es ist nichts. Eine Tasse zerbricht. Irgendwo stirbt immer jemand. Was hast du? Verschieb die Wolken und lass die Leute in Ruhe ihre Kohlrouladen essen. Die Kartoffeln sehen aus wie poliert. Mach die Sonne weg. Kunststoffhosen und Kälte für alle. Nächster Halt Haßfurt, Ausstieg in Fahrtrichtung rechts. Das Gasthaus zum Schwanen heißt seit zwanzig Jahren Pizzeria Adriatica.

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Kopfbahnhof *

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Der Mann mit Fahrrad und einer schon mehrfach benutzten Alditüte kauft Betel ein, sagt Ladim. Wie zum Beweis hat er eine Nuß in seinen klammen Fingern, an der er herum knabbert. Gambia, fünf Jahre hier, wohnt in der Norweger Straße, nähe Bornholmer, („Skandinavisches Viertel“ heißt der neue Roman von Torsten Schulz) er spricht gut genug deutsch,um mich quer über die Mulde der Ex-Pissrinne anzurufen. Oder kennen die mich hier schon, harmlose Alte, Parkgängerin ohne Auftrag? Weiß ich wie ihr soziales Netz funktioniert, was darin eine Rolle spielt? Bethel Henry Strousberg, Generalunternehmer der Berlin-Görlitzer Bahn, so Johannes Groschupf im Tsp, „ließ 1866 den Kopfbahnhof am damaligen Stadtrand im Stil eines italienischen Palazzo bauen.“ Die Rummelsburger Bucht hat eine dünne Eisschicht. Jogger traben in kurzen Sporthosen über Leggings vorbei, Hunde tragen Pullis, meine Nase läuft. Der Uferweg vorbildlich, renaturierte Zivilisation, öffentlicher Raum mit Naturlehrschildern, Zonen für Totholz, Geschichtsstelen und Bänken bestückt. Beim Paul-und-Paula-Ufer gibt es ein Ökoklo, bisher immer geschlossen. Der Wassergrund ist mit Blei, Cadmium, Kupfer, Zinn oder Quecksilber vergiftet, Schwimmen ist verboten und von längerem „Aufenthalt auf dem Wasser“ wird abgeraten. Nichts mit Hausbootromantik, das Containerschiff Freibeuter mit seinen alternativen Lebensformen für völlig Verlorene scheint unbewohnt. Wegen dem Gift denkt man im Bezirksamt darüber nach, den Schlamm mit „Matratzen“ abzudichten und den Untergrund quasi unter einen Teppich zu stopfen. Im Röhricht-Bioreservat quietscht eine Ente, Haubentaucher treiben auf Eisschollen herum. Mit seinen katholisch wirkenden roten Lämpchen auf den Gräbern hat der Gottesacker bei der Kirche Alt-Stralau in der Dämmerung fast etwas Venezianisches. Weiden, Pappeln, im Backsteingebäude des ehemaligen Palmkernölspeichers wurden bis 1899 Rohstoffe aus den deutschen Kolonien Westafrikas zu Margarine verarbeitet. Die seit über einem Jahr leerstehende Taverne wird für 1,35 Millionen nicht verkauft. Die Möwen stört das alles nicht. Noch schwimmen keine Kadaver hier rum. Ein Paar Schwäne hat es auch hier her verschlagen. Sind die zwei Grauen dort nicht vielleicht Kormorane, Fischreiher? Der Matsch auf dem Trampelpfad ist gefroren, Schuhsohlenfährten. Rotkäppchensektflaschen. Am Ende ein Tor. Der Weg ist vermüllt. Die Mülleimer aus dem System gefallen. Das blaue Zelt im Gebüsch beim Weg zur Großen Liegewiese ist weg. Wo bist du hin?

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Bambara, vielleicht

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Die Dealer spielen Fußball, um sich aufzuwärmen. Manche hocken in Dreier- und Vierergruppen auf Banklehnen. Die Gesichter sind unter Kapuzen, Mützen und zwischen hochgezogenen Schultern vergraben. Meine Blicke werden mit Lächeln erwidert, ich könnte eine Kundin sein. Bambara spricht er, und Englisch und Französisch natürlich. Aus Bamako am Niger, Mali, wo mal die beste Musik Afrikas herkam, Ali Farka Touré, wo die Menschen schön, freundlich und sanftmütig waren, lange das favorisierte Einsatzgebiet für Entwicklungshelfer, da, wo die Bundeswehr jetzt Rekrutierungsvideos produzieren lässt und Musiker von religiösen Fundamentalisten verfolgt werden, ein Jahr sei er jetzt hier. Der Schneegriesel verdichtet sich zu einer grauweißen Wand. Die Farben verschwinden. Horizontaler Wind jagt unsere Atemfetzen davon, eisige Pfeilspitzen stechen ins Gesicht. In der Marienkirche am Alex steht Eucharistie auf einem Poster, der Gottesdienst findet auf Englisch statt. Der junge Pfarrer ist schwarz, er hat ein einziges Dreadlock-Zöpfchen, das wie eine Miniantenne senkrecht in die Höhe steht. Im Dämmerhimmel ziehen Nebelkrähen ihre majestätischen Kurvenformationen, sie sammeln sich unter Geschrei und lassen sich zum schlafen als schwarze Trauben auf den Bäumen ringsum nieder. In der Akademie der Künste bekommt ein Schriftsteller den Jean-Amery-Preis für europäische Essayistik. Karl Markus Gauß ist Österreicher und hat viele wunderbare Reportagen über ethnische Minderheiten an den Rändern Europas verfasst. Inzwischen ist er es ein wenig überdrüssig zu erfahren, wie anders ein jeweiliger Stamm seine Ostereier anmalt. Der Laudator, Feuilletonist aus Hamburg im Dreiteiler mit Einstecktuch, gefällt sich darin, neoliberalie Privatisierungen und Kommerzialisierung zu kritisieren und zugleich „Dritteweltbewegungen und Postkolonialismus“ verächtlich zu machen. Bis auf einen Mann mit Mandelaugen hat niemand im Publikum einen nichteuropäischen Hintergrund. Im Anschluss gibt es Sekt und Brezeln, von der Dachterrasse blickt man über das Brandenburger Tor. „Wir da oben“ denke ich unwillkürlich. Und steige in die Nacht hinunter.

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Blendung

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„29 plus eins“, sagt der Mann auf dem Rollator. Ich geh vom Fahrplanpfosten zu ihm in die Bushaltestelle. Er streift einen Fingerhandschuh ab und daddelt auf seinem Handy rum. Haufenweise Apps, die der BVG findet er nicht gleich, aber da ist er in seinen Erinnerungen schon dort, wo der Bus herkommen soll, Lobeckstraße oder so, da hat er als Kind gewohnt, bis sie ausgebombt wurden. Ja, 85 ist der Kreuzberger jetzt und morgen will er mit dem Zug nach Dresden, da ist eine Ausstellung zu Modelleisenbahnen, die wird er sich angucken. Der 29er kommt und wir wünschen uns noch einen schönen Tag. Im Arsenal am Potsdamer Platz läuft ein Film aus Nigeria. In wundervoll langsamen Bildern von pastoralen Landschaften, Kamelkarawanen durch Sandwüsten und pittoresk kostümierten Turbanmännern erzählt der 1976 gedrehte Film von einem Jungen, der von arabischen Sklavenhändlern entführt wird und später als islamischer Gelehrter in sein Dorf in Nordnigeria zurückkehrt. Und unentwegt, quasi die ganzen 142 Minuten des digital restaurierten Films lang, wird die Größe Allahs gepriesen. Die Geschichte spielt Ende des 19. Jahrhunderts, ist in Hausa und basiert auf einer Novelle des ersten Ministerpräsidenten des postkolonialen Nigerias. Der Politiker Abubakar Tafawa Balewa wurde 1912 im nordnigerianischen Tafawa Balewa geboren und 1966 bei einem Militärputsch ermordet. Er hat sich u.a. gegen die Pläne Frankreichs eingesetzt, in der Sahara Atomversuche durchzuführen. Es ist noch hell, als der Film zu Ende ist.

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Wegen deinem Tee

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Im Adlon kommt Kaffee aus Aluminiumkapseln. Das Kotti Café ist von Männern vollgeraucht, draußen, auf der Terrassenbrücke über die Adalbertstraße, dampft schwarzer Tee. Vor Behagen heult man nicht. Hostel steht in vergessenen Buchstaben am schmutzig gelben Rundbau, die Fassade bröselt. Köfte seit 1993. Wie im Stummfilm schwebt die U-Bahn auf Augenhöhe vorbei. Darunter fliesst Verkehr im Kreis, stockt, geht, steht, wartet auf Grün, auf den Bus, guckt auf Displays, hat Eile, hat Kinderwagen, hat Freundin, hat Zeit. Wenn ich mich auf der linken Straßenseite halte, erreiche ich das Ufer in den letzten Sonnenstrahlen des eisblauen Tages.

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Sesam öffne Dich

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Auf das Auto eines Buchhändlers in Neukölln wurde ein Brandanschlag verübt. Es sei nicht das erste Mal, die Täter werden in der rechten Ecke vermutet. Bei jenem Buchladen Leporello von Heinz Ostermann wurden schon im Winter 2016 einmal die Scheiben eingeworfen und sein Auto abgefackelt. Deswegen gibt es am Samstag eine Kundgebung gegen Nazis am Rathaus Neukölln. Ein Sprecher der Partei der Linken spricht, eine Frau liest einen Aufruf vor zu einer weiteren Kundgebung gegen Rassismus und Sexismus, ein Mann mit rotem Schal trommelt eine Art Tusch, wenn man Beifall klatschen soll, eine Frau mit verhärmter Miene klöppelt dazu stoisch auf einer überraschend klangvollen Plastikrassel. Es ist kalt, die grauhaarigen Köpfe stecken tief in hochgezogenen Schultern und Krägen, manche halten rote DinA-4-Schilder mit einem Piktogramm in den Händen, ein Transparent schlackert wie ein verbrauchter Lappen am Rand, kraft- und freudlos alles. Auch ich bin froh, als die Veranstaltung sich vorzeitig sang- und klanglos verläppert. Das Elit Simit, eine Bäckerei mit Selbstbedienungscafé, ein Stück weiter die Karl-Marx-Allee Richtung Rixdorf, ist so gut besucht, dass es selbstverständlich ist, sich zu fremden Leuten mit an den Tisch zu setzen. Im Fernseher läuft ein türkischer Musikvideo-Sender ohne Ton, androgyne Blondinen fahren Madmax-Motorräder, Machomänner gucken mit Sonnenbrillen auf Wüsten, Schmachtlockenjünglinge werden von wilden Bräuten geküsst und geohrfeigt, ein knittriger Amor sammelt seine Pfeile wieder ein, Sonne geht unter im goldenen Schnitt. Ein beleibter Mann mit Wollpulli und dunkler Hautfarbe macht sich Notizen in seinem Tagebuchkalender, ein Dutzend Jugendliche mit leuchtenden Gesichtern, Studenten?, sitzen dicht gedrängt unter der Spiegelwand und besprechen wichtiges, zwei hübsche Mütter, eine mit, eine ohne Kopftuch, unterhalten sich leise und füttern ihre Schoßkinder mit Torte. Eine Kopftuchmatrone im knöchellangen Mantel wackelt mühsam am Stock zu einem freien Platz, Kuchen und Tee werden ihr gebracht. Der Bäckergeselle befördert ein Blech frisch gebackener Simitkringel schwungvoll vom Ofen in die Tresenauslage. Ein schöner Mann im Rollstuhl genießt seinen Milchkaffee. Bei Italy Depot gegenüber ist immerwährender Indirim, gepolsterte Winterjacken fünf Euro, alles übrige drei. Plötzlich eine Sehnsucht nach Istanbul, konkret und kribbelig in der Nase wie Duft gerösteten Sesams, klebt auf der Haut wie der neblige Samt vom Bosporus im Winter, eine Sehnsucht nach dem Eiswind vom Schwarzen Meer und der wolligfeuchten Wärme im großen Teehaus in Beylerbeyi. Flucht aus Byzanz (Joseph Brodsky) findet Exil in Neukölln.

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Gimme shelter

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Benjamin heißt der Hund, sein Mensch liest ein Buch über Hunde, das hat er gefunden, es lag auf der Straße. Da leben sie sonst, der Mensch seit 12 Jahren, mit Hund sei es schwieriger, da hat man Verantwortung. Im Moment sind sie bei einem Kumpel untergekommen, den haben sie Sylvester kennengelernt, für den Hund war das wie Krieg, er brauchte Schutz, ein Unterschlupf. Es nieselt. Auf das Brücke über den Landwehrkanal steht ein Klavier auf Rollen. Ein junger Typ in Kapuzenmantel spielt eine Sonate, im losen Kreis um ihn herum bleiben Passanten stehen, alle sind schwarz gekleidet, sie wirken beseelt. Im schwarzen Wasser posieren die Schwäne vom Urbanhafen für Gruppenfotos. Am Karpfenteich hinter dem Sowjetischen Ehrenmal übt ein Mann Saxophon, sein Rad ist an die Sitzbank gelehnt, niemand nimmt bei ihm Platz. Im Unterholz des Waldes, wo ich einen versteckten Ort zum Pinkeln suche, hat jemand die sorgsam entblößten Wurzeln eines großen Baumstumpfs zu einer abstrakten Skulptur poliert. Warum sieht das so kitschig aus? Adern, Sehnen, Muskelstränge, Schrankwandkranich. Zwischen Baumgeäst ist eine graue Plane über einen gefallenen Stamm gespannt, unter einem Gebüsch duckt sich ein zerrissenes gelbes Igluzelt. Bald wird Grün die Spuren verdecken.

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Ausverkauf

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Der Blumenfrau sind die Hände gefroren. Auf den Bürgersteigen liegen Tannenbäume herum. Frostzucker hat sie konserviert. Angebot, Angebot ruft ein bemützter Verkäufer, gebeugt über Berge von Ananas, Mango, Kaki, Litschi. Das Straßenpflaster am Paul-Linke-Ufer glänzt schwarz im geschmolzenen Schnee. Auf dem Türkenmarkt sind die Südfrüchte so billig wie in Bangkok. In Chinatown gab es teure Erdbeeren und schwarzrote Herzkirschen, kunstvoll wie Pralinen in Zellophantüten geschichtet. Der Lauch ist fahl, der Blumenkohl sieht aus wie aus Plastik. Die Äpfel schmecken so. Ich erinnere mich: es gab keine Äpfel im letzten Jahr. Ein später Frost hat sich die Blüten geholt. Ich sollte Tannenreisig für den Garten sammeln. Aber ich habe gar keine Rosen mehr. Im Discounter liegt Thermo-Unterwäsche aus flauschigem Polyacryl und ein großes Sortiment an Vogelfutter in den Regalen.

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Chinatown forever

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In der Frühe werden Kerzen angezündet, symbolisches Geld verbrennt in Emaileschüsseln, Räucherstäbchen verbreiten süße Gerüche. Ein melodiöser Saperlot-Sermon vom Band übertönt den Verkehrslärm, über der Straßenkreuzung fließen zwei Hochstraßen ineinander. Mitten im tosenden Berufsverkehr ein chinesischer Schrein, Insel der angehaltenen Zeit. Für einen erfolgreichen Tag richten Geschäftsfrauen den Göttern Obstteller an. Salatöl füttert Flammen in Leuchtampeln, ein Mann mit einem Plastikkorb verteilt goldene Papierschalen, einer betet auf Knien. Mir hat die Fluglinie noch einen Tag hier geschenkt, Felekten bir gün calalim – lass uns dem Schicksal einen Tag stehlen, heißt es im Türkischen. Noch einen Tag durch Katzengassen streunen, Strassenzüge voller Radlager und Motorblöcke, Bäume mit verblassten Bändern und Altären, Gewürze in Leinensäcken, Pfeffer aus Sichuan. Beerdigungen in Tempeln, drei Krokodile im Gehege daneben, Tuktukfahrer trinken Schnaps. Im Universitätspark haben die Pflanzen Namensschilder. Ein sehr alter Mann verkauft mir Spinatknödel. Die Gasthauswirtin gibt mir ein Tetrapack süße Sojamilch mit auf den Weg. Ich verliere meinen Strohhut und finde einen anderen. Die Zeit ist um.

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Be sure to wear some flowers in your hair

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Nachtzug nach Bangkok. Chinesische Urlauber in Funktionskleidung spielen Karten. Deutsche Mädchen mit nackten Schultern schreiben Tagebuch. Der Schaffner bezieht die Liegen selbst in der Holzklasse mit weißen Laken. Seidig hellgrüne Vorhänge machen die Kojen zum Separe. Das Fenster klemmt und bleibt halb offen, Ruß weht herein, scherengitterartige Jalousien rattern blechern, der Rhythmus findet keine Musik, der Traum keinen Schlaf. Die Bilder haben das Regime übernommen. Selbst das Sehen machen andere für mich. Der Körper will essen. Rauchige Reisfladen vom Feuer, frittierte Spinatbällchen, grüne Mangos. Mit der Fähre über den breiten schalmmgrünen Strom ans andere Ufer hinüber, als ich mich endlich in die Ticketschlange für den weißen Tempel einreihe, wird sie geschlossen. Die Prinzessin, so heißt es, würde kommen. Im Schatten eines Hauses, auf einer Stufe sitzend, trinke ich eine Flasche Wasser. Unter einer Brücke haben sich ein paar Verlorene mit Sperrmüll eingerichtet. Eine andere Fähre setzt über, die Slumhütten am Ufer sind durch eine neue, überdachte
Promenade mit Läden ersetzt worden, in denen der immer gleiche Souvenirtrash angeboten wird. Dahinter sind die hohen Hallen des Blumengroßmarktes. Orchideenbündel mit Wasser aus Eimern benetzt, Tausend Rosenblütenköpfe in Plastiksäcken, Glücksbringer im Tagetesrausch. Das Toben der Stadt, die Menschenströme, Verkehrswahn, heiße Abgasschwaden, sogar der Lärm gefällt mir hier.

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Auskehren

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Und wieder, und wieder. Die schöne Metzgerin zerhackt Knochen, hagere Männer ziehen Körbe auf Rädern. Koriander duftet, Fische schillern, Garnelen haben blaue Bärte.

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Im Schöpflöffelwahn

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Am Anfang steht ein Lastwagen. Zwiebelberge. Zitronengrasbesen. Säckeweise Kurkumawurzeln. Eine Flasche fällt um. Die Spur führt ins Große. Die Quelle der Warenströme ist ein Delta. Der Trichter eine Halle mit Oberlicht. Marktfrauen thronen in Kohlköpfen. Schweineköpfe grinsen sich tot. Tomaten sind günstig. Fische zucken in Bottichen. Sternanis, Zimt und Kreuzkümmel. Im Haushaltswarenhimmel funkelt das Aluminiumgeschirr, ein Anfall von Schöpflöffelwahn ergreift mich. Schöpflöffel kann man gar nicht genug haben.

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Die Dörfer hinter mir

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Ein kleines Mädchen in Schuluniform führt einen Jungen mit geschwollenem Auge vom Bolzplatz zum Wasserhahn und wäscht sein kleines Mondgesicht. Eine Frau in Lumpen schenkt mir eine Mandarine.

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Cloud mit Kirschblüte

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Temperatursturz. Die Wolken haben sich wie ein wattiger Lappen auf uns gesenkt, es regnet nicht, die Luft weht in nassen Schwaden durch die Gassen, hängt triefschwer in den Bäumen, schüttelt sich als Duschschauer aus den Blättern, hängt als silberne Tropfen in Spinnweben, weht wie ein Vorhang über den leeren Platz vor dem Museum für die chinesischen Märtyrer (die in den Bergen hier bis 1975 Schlachten schlugen, um die letzten versprengten kommunistischen Kämpfer zu vernichten, von „Annihilation“ und „Pulverisation“ ist auf den Gedenktafeln zu lesen, die thailändische Regierung dankte es ihnen, weil sie die Grenze zu Burma sicherten.) Der feuchtigkeitssatte Wolkenschleier lichtet sich, auf 1395 m Höhe, über den 719 Treppenstufen hoch zum Tempel, noch einmal so viel die kurvige Straße hinauf, kurz zeigen sich, selbst wolkengleich, die ersten rosafarbenen Knospen der Kirschblüte.

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Schöpfung, mach mich fertig

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Bambus knarzt im Wind wie ein Haus voller alter Möbel, Türflügel wehen zu, klemmende Schubladen gehen sich wie von Geisterhand auf. Was dem Feuer widerstand, wurde mit der Machete niedergemacht. Zwischen langen, wie Mikados gefällten Stöcken keimen Maisschößlinge aus der schwarzen Asche. Ich stehe still. Von der gerodeten Hügelkuppe habe ich ein fast vollkommenes 360-Grad-Panorama, die weite Aussicht über Täler zu den am Horizont blauen Bergketten dürfte fast 50 km betragen. Rotbraune Feldwege schlängeln sich über mit Bananen, Teebüschen Kaffeebäumen bebauten Terrassen, Dschungel liegt wie grüner Kraushaarfilz über den Hügeln, in Fernen flirrt Luft über Dörfern, goldene Stupas zittern wie winzige Kompassnadeln im Landschaftsozean. Meine Knie zittern auch, und das kommt nicht nur vom heraufsteigen. Die grenzenlose Weite, ja agen wirs ruhig mal, die Schönheit der Erde, haut mich um, ich muss mich festhalten, ich umarme den nächstbesten Baum, lege meine Gesicht an seinen Stamm, drücke die Stirn in seine schorfige Rinde, sie ist sonnenwarm.

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Kaffeepause

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Manche Wege geht man besser nicht allein. Die Zickzacklinie auf der Karte ist ein glitschiger Pfad, zum Teil schulterhoch zugewachsen, zum Teil eher einem gerölligen Bachbett ähnelnd, das steil ins Tal hinunter stürzt. Zwei junge Franzosen, sie abenteuerlustige Zirkusartistin auf Langzeitreise, er ein schlaksiger IT-Projektmanager, immer hungrig und zum ersten Mal in Asien, holen mich ein, als ich zögernd am Abzweig stehe. Gemeinsam gehts. Ohne auszurutschen oder zu stolpern erreichen wir ein Dorf, ein abgerissener Mann winkt uns freundlich in seinen mit Bierflaschen dekorierten Laden, wo er uns frischen Espresso macht. Auf Bambusebenen,Terrassenflächen und Planen liegen überall erdnussfarbene Kaffeebohnen in der Sonne zum Trocknen, barfüßige Frauen wenden die Ernte mit hölzernen Rechen, Männer bedienen ratternde elektrische Maschinen, in denen die Bohnen über Siebe gerüttelt und gewaschen werden. Kaffeeplantagen säumen den die Abhänge zu beiden Seiten des Weges, nach einem weiteren Dorf noch höher in den Wolken gelangen wir in einen lichten Dschungelwald und stehen plötzlich vor einer rotweißen Barrikade aus leichtem Bambus. Ein Mann in schwarzer Uniform lacht uns an und überkreuzt die Unterarme vor seiner Brust. Das ist die Grenze zu Myanmar? Die Artistin freut sich wie ein Kind, für ein Foto mit dem Grenzschützer dürfen wir kurz hinüber. Auf dem Rückweg hält ein Pickup neben uns, meine Begleiter freuen sich über den Lift und klettern begeistert auf die Ladefläche. Ich freue mich drüber, wieder meine Ruhe zu haben und nichts mehr über die Migration von Whatsup-Daten auf ein neues Endgerät hören zu müssen.

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It´s Teatime

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Eine Nacht in Chiang Mai, fast zwei Tagesreisen und sechs verschiedene Busse später bin ich dort angekommen, wohin es mich zum Ende meiner Thailandreisen immer zieht. Mae Salong liegt ganz im Norden des Goldenen Dreiecks, 1113m über dem Meeresspiegel. An den steilen Hängen bauen die ehemaligen Drogenguerillas der Shan und die aus China über Myanmar geflüchteten Kuonmintang-Chinesen inzwischen Kaffee und meinen Lieblingstee an. Hier kaufe ich für den Rest des Jahres köstlichen Oolong ein, seit heute auch den herbem thailändischen (der chinesische ist süßer) Jiagolan. Ein paar Tage spaziere ich noch durch abgelegene Dörfer, fast jedes von einem anderen Hilltribe bewohnt, hole tief Luft und inhaliere den Himmel.

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Wellness brutal

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Das Angenehme am Backpackerpack ist sein Hang zur Verklumpung. Man muss bloß ein paar Schritte über die Ballungszone hinaus gehen, und sogleich hat man Straße und Landschaft mit Mopeds, Hunden und Hühnern wieder für sich. Gestern hab ich hier pauschal über den Rucksackmob herumgeätz. Das war dumm, wie alles pauschale Urteilen. Zudem gehöre ich ja selbst dazu, mit dem einzigen Unterschied, dass ich doppelt so alt bin. Vermutlich neide ich diesen lockigen Mädchen in Leggings und Jungen mit Buns nur die Zukunft. Dabei ist die Gegenwart der Tage wunderbar. Gestern verlief ich mich auf der Spur zu einer heißen Quelle auf Feldwegen zwischen Heuschobern, Weilern immer höher in den Bergen. Wolken spiegelten sich in den Pfützen der roten Erde, steil fielen terrassierte Felder zu Bachschluchten hinab, unüberwindbar, undurchdringlich das mannshohe Gestrüpp zur laut gps nur noch 200 m Luftline entfernten Quelle im Wald. In der Nacht träumte ich, dass eine Militärinvasion mit Hubschraubern geschieht und ich im letzten Haus am Weg dort oben Zuflucht suchte. Heute wanderte ich zu eine anderen heißen Quelle. Der Weg zum Naturschutzpark war ausgeschildert. Die junge Frau an der Schranke lächelt über meine Grimasse angesichts des steilen Eintrittspreises und gibt mir ein Kinderticket. Ich kaufe ein Körbchen mit sechs Eiern, das ich wie alle anderen,thailandischen Besucher an einer sprudelnden Stelle ins fast kochende Wasser halte. Im WK2 hatten die Japaner hier eine Militärbasis. Diese Geschichte handelt, wie die von Kanchanaburi und der Brücke über den River Kwai (Film von 1957 mit der berühmten Marschmusik) vom Kampf um die nicht ferne Grenze zu Burma. An der Eierkochstelle machen Jaryias aus Bangkok und ich zusammen Selfies, danach suhle ich mich endlos, wie die paar jungen Touristen und die in voller Montur im Wasser plantschenden Hilltribe-Frauen in den dampfenden Bassins, durch die das heiße mineralische Wasser stufenweise auf Badewannentemperatur herunterkühlt. Im Dickicht um ein kühlere Becken hat einer Schlangen gesehen, mein Kopf schaukelt auf einer tief über dem Wasser hängenden Lianenschleife. Herz, was willst du mehr? Nudelsuppe!

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Die Geister haben schlechte Laune

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Ameisen haben den Klebreis im Bambusrohr erobert, das Kartoffelcurry beschert mir eine nächtliche Entschlackungskur, die Minivans zum nächsten Ziel sind ausgebucht. Irgendwie läuft das neue Jahr suboprimal an. Es ist wohl an der Zeit, die Geister zu bestechen. Drei Stunden dauert die 110 km lange Fahrt mit der nun doch wieder gelben Klapperkiste über die Berge. Weil sich 20 Passagiere hineinquetschen müssen, sehe ich nichts von der berühmten “scenic“ Landschaft, wegen der sich Touristen in Chiang Mai Motorräder mieten und den legendären Mae Hong Son Loop mit 1856 Kurven auf 900 noch was km in einer Woche abfahren. Es ist so eng, dass zwei junge Bauersfrauen nicht mal Platz finden, um sich zwischen unseren Füßen auf den Boden zu setzen und deshalb über Stunden völlig verbogen stehen müssen. Der Körper ist die Erfahrung, die Knochen, die Bandscheiben, die halben Hinterteile speichern unsere Erinnerung. Die pinkfarben ausstaffierten Töchter der Frauen, alle Männer sowieso, okkupieren mit größter Selbstverständlichkeit Sitzplätze. Frauen, besonders die aus traditionellen ethnischen Gemeinschaften, sind hier der letzte Dreck. Ein korpulenter Teddybär mit seiner Freundin fläzt sich, unentwegt eklig mit ihr knuddelnd, über eine halbe Sitzbank. Seine Freundin platzt schier aus ihrem knappen Cocktail (!) -Kleidchen, ihr weißes Fick-, sorry Schenkelfleisch ist bis zum Schritt entblößt. Aus ihrem rosafarbenen Handtäschchen mit Straußenfederflaum und Klunkerbesatz fingert sie alle Nase lang mit irren Krallen, ebenfalls mit Glitzersteinwülsten dekoriert, stolz ihr Telefon heraus. Während die Mädchen eine Plastiktüte nach der anderem vollreihern, von den gekrümmt kauernden Müttern geduldig nachgereicht und dann lässig auf die Straße geworfen, füttert die Jungverliebte ihren Fettsack mit Keksen, die nach künstlichem Erdbeeraroma duften. Pai, mein Ziel, ist ein berüchtigter Hotspot für langhaariges, gerne auch dröhnendes Backpackerpack aus allen westlichen Gefilden. Sie kommen aus Frankreich, der Schweiz, Spanien, Israel, der Ukraine usw., um hier die tollste Party zu feiern. Vom Busbahnhof aus reiht sich ein Guesthouse ans nächste, Kneipen, Cafes, Massagesalons, Tattoobuden, free wifi allerorten. Um minimalen Abstand vom alternativen Ballermann-Mob zu bekommen, ist dringend ein upgrade nötig, meine schwächelnden Beine lotsen mich wie von selbst in eine Oase. Im TaiYai, das steht für Shan, stehen verspielt ausstaffierte Holzhäuschen in einem verschwenderischen Blumengarten, Stare zwitschern, Hähne krähen, Regen fällt. Zur ersten Orientierung spaziere ich über den Fluss, keuche dann eine ziemlich endlose Treppe den Hügel hinauf zum gigantischen Weißen Buddha. Auch dort hängt lärmendes Jungvolk der internationalen Billigheimerei herum, ich werfe verstohlen einen Schein in die wie ein Safe aussehende Donationbox. Im Tempel ein Stockwerk am Berg tiefer aber sitzt allein ein dunkelrot eingewickelter Mönch. Er nimmt meine drei Kniefälle, wie sichs gehört mit der Stirn bis auf den Teppichboden, und meine rosafarbene Geldschein- Spende in seine Messingschale schmunzelnd zur Kenntnis, bespritzt mich darauf mit einem Besenwedel unter segnendem Sermon mit doch sicher heiligem Wasser und knotet mir ein blütenweißes Bändchen ums Handgelenk. Good luck, sagt er zum Schluss auf Englisch, damit auch alle guten und nicht so guten Geister die Botschaft verstehen sollten.

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moment of surrender

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Wenn es hell wird morgens um sieben haben die Marktfrauen schon ihre Stände fertig aufgebaut. Der Klebreis dampft, Kürbis und Linsenschoten sind gekocht und portioniert. Darin liegt eines der Grundprinzipien des Marktes: Gemüse, eingelegte Fische, getrocknete Schweinekrusten, Gewürze, Kekse, Suppen werden aus großen Töpfen und Säcken in Millionen winzige Plastiktütchen umgefüllt und in Windeseile mit Gummis verschlossen. Eine Frau trägt einen jungen gelben Hund mit halbem Maul in einer Kiepe und umtuttelt ihn mit einer Strickjacke. Dach und Ladefläche eines Song´taas werden beladen mit verschnürten Kartons und Tüten voller Tüten. Zwischen die Einkäufe quetschen sich am Schluss die Passagiere. Im Dorf der Chinesen, „die Thailand lieben“, so heißt die erst vor ein paar Jahrzehnten gegründete Siedlung ehemaliger Kuonmintang-Flüchtlinge aus Burma, scheint Bedarf an Morning Glory zu herrschen. Ein Mädchen in rosa Plüschhoody mit Bommeln lächelt schüchtern. Die Sonne schafft es über die Berge und sengt sofort. Wozu Leute und Wetter beschreiben, wenn es keiner Narration dient? Wenn es nicht Seelenlandschaft illustriert, nicht Stimmungsmoment ist, das eine Dramaturgie auflädt? Vita contemplativa ist das Gegenteil von Handlung, ich bin kein Akteur, es gibt keine Geschichte, ich ändere nichts, ich hinterlasse keine Spuren. Was sich abspielt, erschliesst sich mir nicht. Ich sehe Oberflächen aus Licht, Farben, Bewegung. Ich betrachte Bilder, durch die Geräusche fluten, Sprache, die ich nicht verstehe. Was erzählen die Gerüche? Ich bin Zuschauer eines Stücks ohne Erkenntnisgewinn, was für ein schreckliches Wort auch. Und dann tut sich doch noch was. Die gelbe Transportkiste füllt sich mit Gepäckstücken und Leuten, die Zeichen für die um Neun angekündigte Abfahrt verdichten sich, um Zwölf gehts los. Dafür macht der Fahrer einen Abstecher zu dem als Schweiz von inländischen Touristen geschätzten Naturparadies, wo man in Zelt-Iglus unter Pinien an einem grünen Stausee campieren kann. Nachmittag ists, als wir das hoch in den Bergen und, klar, direkt an der Grenze klebende Chinesendorf Mae Aw erreichen. Es gibt eine Fake-Burg, einen Stausee, ein paar teure Resorts, ansonsten nur eine verratzte Einkaufsmeile für Souvenirs und massenhaft Tee in kleinen vakuumverschweißten Päckchen, die wer weiß wieviele Jahre da schon rumliegen. Ich kauf ein Päckchen in billigem Zellophan bei einer Mutter mit Kind, die am Straßenende im Dreck sitzen. Nach einer Viertelstunde bin ich durch und will wieder weg. Haufenweise karren Minivans mit getönten Scheiben Besucher heran, kaum ein Wagen aber verlässt den Ort wieder. Mein öffentliches Verkehrsmittel, so viel hab ich inzwischen herausgekriegt, fährt erst am Tag drauf die knapp 45km zurück. Puh. Handlungsbedarf. Zögerlich spreche ich am Parkplatz Touristen nach einem Lift an. Eine Stunde später mach ich mich schon offen zum Affen, indem ich am Dorfausgang zu trampen versuche. Natürlich hält kein Schwein. Peinlichkeit und Demütigung machen mich bald so mürb im Keks, das ich bereit bin, eine Bleibe für das zehn, ach zwanzigfache des Preises zu sichen, den ich im Ort, wo meine Zahnbürste und mein Adapter liegen, schon bezahlt hab. Und zack! The Moment of surrender. Als ich aufgeben will, bremst ein silberner Truck und ich klettere zu den fünf Erwachsenen auf die offene Ladefläche. So komme ich auch noch in den Genuss, die spektakulär steilen Haarnadelkurven zu erleben, mit freiem Blick auf Urwald, Abgrund und Himmel.

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Where are you?

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Der nette Mensch vom Moped-Verleih will kein Geschäft mit mir machen. Kein internationaler Führerschein? Ganz schlecht. Viel Strafe. Polizei besonders scharf, heute neues Jahr, Rückreiseverkehr, Straßensperren. Er tippt in sein Telefon und hält mir das Display vor die Nase: „What is fear?“ Oh. Diese existentialistische Übersetzungs-App wieder. Auf Feldwegen im Nirgendwo konfrontierten mich schon giggelnde Mädchen auf Mopeds (!) mit der Frage „Where are you?“ Der freundliche Mann hier aber zweifelt vermutlich an meinen Fahrkünsten. „Hospital nicht modern!“, lässt er sein Telefon ausrichten. Ok, dann eben nicht. Wer weiß, wozu es gut ist. Vielleicht zu gar nichts? Muss überhaupt alles immer einen Sinn haben? Wie bestellt steht an der nächsten Ecke Polizist und kassiert einen Falschparker ab. Geh ich halt wieder zu Fuß, gefällt mit eh besser. Die in der Karte eingezeichnete Quelle ist ja nur gut fünf km entfernt, blöderweise die ersten drei davon auf der Landstraße, wo der Fernverkehr entlang rollt. Doch halt, eine nur unwesentlich längerer Umweg führt über Weiler und Felder. Endet leider auf halber Strecke an einer Schranke, die ein Soldat bewacht. Wir vergleichen unsere elektronischen Landkarten, nichts zu machen, ich muss zurück zur Hauptstraße. Inzwischen steht die Sonne hoch, schwül ist’s und ich hab nur zwei leere Wasserflaschen dabei, bin ja auf dem Weg zur Trinkwasserquelle. Die gibt es dann nicht. Zwei hagere Mönchlein, die genau da, wo die Quelle sein soll, einen Tempel haben, in dem ihr Buddha einen Heiligenschein hat aus sieben Nagas – das sind doch Wasserschlangen? -, deuten demütig lächelnd, oder spöttisch?, in den blauen Himmel. Hä, kein Regen? Was war das mit der Sintflut letzte Woche? Dazu plätschert und gluckert es von allen Seiten, blaue Leitungsrohre ziehen sich kreuz und quer durchs saftige Unterholz. Ein Junge bietet mir auf meine Frage Wasser sus seinem Elternhaus an, begleitet mich dann imerhin zum Bach runter, sagt netterweise „clean“ dazu, wo ich wie ein Idiot sturköpfig meine zwei Plastikflaschen fülle. Schlepp sie auch den ganzen Weg zurück, ohne was davon zu trinken. Wie gut, dass ich nicht abergläubisch bin. Nach dem europäischen Hexengeraune der 12 Rauhnächte verhieße das für meinen August 2018 zwecklose Durststrecken in Sackgassen, für die ich nicht mal ein Moped leihen kann.

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Besser machen!

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Fledermäuse umschwirren den Pavillon im See. Die Beleuchtung des schon bei Tageslicht in prächtigem Kitschglanz erstrahlenden Tempels hat Konkurrenz bekommen in den bunten Neonröhren rings um das Ufergeländer, goldenen Glühbirnengirlanden und weißen Papierlaternen in den Bäumen und einer Bühne, auf der steif kosrümierte Tänzer steife klassische Tänze vorführen, wechselweise Kindergruppenreigen und Popmusikeinlagen chinesisch anmutende Klönkelmusik mit schlangenbeschwörerischer Armgewedel-Choreografien von zierlichen Frauen, quietschende Gute-Laune-Moderationsduos, alles in Großprojektion, gezoomt und vervielfacht über eine Leinwand flimmernd, was sich wie alles irre Gefunkel und Geleuchte im schwarzen Wasser spiegelt, über das Fledermäuse in Scharen schwirren und manchmal ein Karpfen einen Kreis aufploppen lässt. Mit einem Feuerring aufgeheizte Lampions steigen in den Himmel, natürlich wünscht man sich dabei etwas, nur der Mond ziert sich noch die Idee von einer Nacht bis zur vollen Ründe. Ein Transvestit in Radlerhose und blonder Wuschelkopf-Perücke singt herzergreifend schräge Pop-Schlager. Die Moderatorin trägt zu strassbesetzten Mörder-High-heels einen eimergroßen, mit silbernen Blechmünzen geschmückten Kopfputz des Lisu-Stammes. Die Preise der Tombola – ein elektrischer Mixer, Bettwäsche und Zudecken mit Hello-Kitty-Aufdruck, ein Kochtopf – werden verliehen,.ein Junge in Lahu-Tracht, eine Frau in Sonntagsstaat, goldene Bluse zu gewebtem Wickelrock, holen ihre Gewinne rennend vor Öffentichkeitsscham von der Bühne ab. Ein Ballet von schönen jungen Frauen in den Trachten aller 12 oder so hier in der Provinz lebenden Tribes läuft auf zur Ethno-Modenschau, dann tanzen sie barfuß zusammen eine Polonaise zur Katzenmusik vom Band. Eine Nebelmaschine macht Nebel, die Kinder in uns bekommen heliumgefüllte Luftballons mit Kerzenschiffchen dran, Countdown, vom Tempelberg steigen Raketen in das neue Jahr, scheiße, das war gut!

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vanishing cultures, ach was

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Bananen haben Kerne. Man bekommt sie nur im Bündel, 16 bis 18 Stück, halb so groß wie die bei uns. Am Sonntagsmarkt kauf ich bei einer schönen Frau vom Stamm der Shan ein etwas gammeliges Bananeblattpäckchen, darin sind noch gammeligere Sojabohnen, bestimmt eine Art lokaler Spezialität. Mit soviel Wegzehrung mache ich auf vom Ort nach Süden zu einer Quelle im Wald, biege dann aber doch ab Richtung „Long Neck Village“, das nur noch sieben km entfernt sein soll. Das ist eine der hiesigen Touristenattraktionen, man bucht eine Tour, bezahlt Eintritt, damit fühlt man sich berechtigt, die „Giraffen-Frauen“ mit ihren metallenen Halsringen und gewebten Zotteltrachten zu fotografieren. Zugleich weist ein Schild darauf hin, dass das kein Themeparc ist. Natürlich wollt ich da gar nicht nie hin, dann doch, um das voll erwartbar als ekelhaften Menschenzoo zu geißeln, nicht ohne anzumerken, dass diese ethnische Minderheit ja davon lebe, was übrigens alle darüber schreibenden Besucher tun. Nun, nichts auslassen war ja auch eine Devise. Die Straße windet sich wieder durch einen zauberischen Wald, Bachgemurmel, smaragdgrüne Tümpel, Altäre mit lebensgroßen hölzernen Pferden, verblichenen Papierblumenketten und Plastikflaschen mit granatroter Limonade, saphirblaue Vögel, einsame Rufe, Echos in der Stille. Die sieben Kilometer ziehen sich Richtung zehn, ein Mann auf der Ladefläche eines weinroten Toyota winkt, lässt den Wagen stoppen und mich einsteigen. Nach sieben „wet crossroads“ passieren wir die parkenden Kleinbusse der Pauschaltouristen, kein Eintritt heute für uns. Dafür gleich mal den teuersten, aber echt tollen Espresso aus scheinbar hier angebautem Kaffeebohnen. Die Frauen und Mädchen haben zum Glück gar keine unnatürlich langen Hälse, obzwar schon Metallringe drum, auch an den Knöcheln und Waden, man kann die Schmuckstücke auch gleich kaufen, sie sind hinten offen zum zubinden (selbes Prinzip, Fabrikat? wie bei den Kwa Ndebele). Die Stände, dicht an dicht, bilden eine enge Gasse, es gibt auch genau das gleiche wie überall sonst, Tigerbalm, Fake-Jade-Schmuck, Sesamöl, bestickte Massenware-Klamotten, fast wie eine Shoppingmal, wär da nicht der hubbelig matschige Erdboden und der insgsamt leicht schrottig pittoreske Armutslook und: der Elefant! Fotos gemacht, Souvenir gekauft, lokale Wirtschaft unterstützt, und wiede losgelaufen, zurück, Straße endet hier. Über sieben Brücken,nein siebenmal durchs flache Wasser mit den welthässlichsten und besten Latschen gepatscht, einen Hügel hoch geschnauft, eine sonnenbeschienene Talkurve entlang, dann liest der weinrote Pickup mit der freundlichen Familie mich wieder auf. Wir machen Selfies mit unseren Telefonen und tauschen facebook-Adressen aus, happy new year.

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Der Wandermönch und die Waisenkinder

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Die Wolken hängen zu tief für das Flugzeug, das ansonsten einmal am Tag von hier aus nach Chiang Mai abhebt. Ostwärts hinter der Landebahn führt die Straße noch etwa drei Kilometer sanft ansteigend durch den Wald, an einem kleinen Stausee parken drei Mopeds, drei Männer sitzen am Ufer unter Sonnenschirmen und angeln. Der Fahrer eines Pickups mit drei orangegewandeten Novizen drin bietet mir einen Lift an. Freiwillig zu Fuß gehen macht hier für niemanden einen Sinn, aber Blätter fegen im Wald! In einer magischen Baumkathedrale schwingt ein Mönch den Besen an einer Flußbiegung, gegenüber am Felsen klebt der mit Tüchern,verhüllte Eingang zu einer Höhlenbehausung. An einer flachen Furt grunzen Schweine, danach öffnet sich das Gelände zu einem gepflegten Amwesen, ein Schild mahnt anständige Bekleidung an. Die Dhammagiri Foundation wurde 2010 als Waisenhaus und buddhistisches Zentrum von einem Wandermönch aus Malaysia eröffnet. Ajahn Cagino, mit Preisen ausgezeichneter Fotograf, lebte hier in den Wäldern, schlief in Höhlen, meditierte an Wasserfällen und wurde durch die Großzügigkeit von zwei Aids-Waisenkinder so gerührt, dass er diese Stiftung gründete. Ein S-förmiges, nach vorne hin offenes Langhaus aus Beton schmiegt sich elegant ins Tal, zunächst halte ich es für eine riesige Kleiderkammer, aber es sind die auf Drahtbügel gehängten Besitztümer der rund 60 Kinder und Jugendlichen, die hier auf dicht aneinander gereihten Stockbetten wohnen. Zwischen dem Mädchen-und Jungentrakt liegen die Gemeinschaftsräume, Küche, Bibliothek, ein lichter Versammlungsraum. Im Internetcafe telefoniert ein Mönch, ein freundlicher Mann mit besticktem Ethnohemd bremst mein Herumschnüffeln aus, indem er mich zum Mitessen einlädt, was ich aus misanthropischer Skepsis (bei Stiftungen ist nie was umsonst) dankend ablehne. Er ist aus Singapur und macht dort was mit IT, hier ist er für zehn Tage zum mal rauskommen. Eigentlich hatte er ein tudong, eine neuntägige buddhistische Pilgertour durch die Wälder mit den Mönchen gebucht, das wurde aber wegen Regenfluten und Kälte (Taifun nennen sie es auf ihrer website) abgebrochen. Es sind Schulferien und die meisten „Waisenkinder“ zuhause bei ihren Familien, in den Dörfern – manche, so der Singapurer IT-Experte, kommen aus so ärmlichen Verhältnissen, dass die Eltern sich nicht leisten können. sie zur Schule zu schicken. Hier kriegen sie Unterkunft und Verpflegung, gehen zur staatlichen Schule, lernen buddhistische Werte und Disziplin, werden in Hygiene und Agrikultur eingewiesen. Die terrassierte Reisfelder der Foundation wirken allerdings ziemlich verkrautet, ich kenn mich ja nicht aus, vielleicht liegen sie gerade brach, aber die Äcker der Dörfler sehen anders aus, ein paa Salatbeete wirken eher wie Meditations-Deko, es gibt hübsche Bambuspavillons „zum ruhen“, ein mehrstöckiges Haus für Gäste ist im Bau. Unterhalb von schicken Apartments mit bodentiefen Fenstern – für Sponsoren? – bauen Frauen mit den Händen im Matsch ein Natursteinmäuerchen. Sie wohnen im Dorf auf der gegenüberliegende Seite des Bachlaufs. Eine Frau, so erloschen wie der Stumpen in ihrem zahnlosen Mund, kratzt sich den verlausten Kopf, sie sitzt zusammengefaltet auf einem taschentuchgroßen Stück Erde, geringer als der Hund, der sich im Sonnenfleck auf der Gasse räkelt. Ein vom Alkohol zerrütteter Mann taumelt im Schatten einer Plastikplane. Die Straße endet hier, danach kommt der Urwald. Ein Mann sägt Bauholz, sein Begleiter bringt mir „Danke“ in der Sprache der Karen bei. Sie haben keine Felder zum bestellen.

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Einatmen, ausatmen

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Es geht immer noch langsamer. Der orangefarbene Bus braucht gut fünf Stunden für die etwa 140 km, die Türen bleiben offen, es ist Nacht, als wir ankommen. Auch Mae Hong Son ist abgelegen, in sich ruhend und überschaubar, eine junge Frau am Tresen des „Living Museum“ reicht mir einen schwarz-weiß kopierten Stadtplan, auf dem eine Spaziergangsroute an ein paar markanten Holzhäusern im burmesischen oder Shan-Stil entlang durch die Kleinstadt vorgeschlagen wird, Dauer eine Stunde. Auf dem überdachten Morgenmarkt trinke ich frisch gebrühten Kafffee, neben mir auf den Plastikhockern würzen zwei Polizisten ihre Eier im Glas mit Maggi. Eine lange Treppe mit Schlangengeländer führt im Zickzack einen bewaldeten Hügel hinauf zu einem alten Tempel aus dem Jahr 1870, außer mit ist dort zu Fuß nur das übliche Rudel räudiger Hunde unterwegs. Ein angedeutetes Bücken. als wollte man einen Stein aufheben, mit dem man nach ihnen werfen könnte, macht klar, wer hier Angst vor wem haben muss und die Kläffer ziehen die Schwänze ein und kuschen weg. Mit Autos und Mopeds sind ein paar Thailänder die Serpentinenstraße zum Tempel und seinen blendend weißen Chedis hochgefahren. An Souvenirbuden mit den immer gleichen Ethnosachen starren Verkäuferinnen auf ihre Smartphones, ein wenig besseren Absatz finden die Opfergestecke mit Kerzen, Räucherstäbchen und weißen Astern, die Panorama-Aussicht über das Tal bis zu den umgebenden Bergketten zwingt zu Erinnerungsfotos. In meinem von Hippies empfohlenen Gasthaus ziehe ich um in die Holzklasse, das ist der erste Stock, wo die Zimmer Bambusmattenwände haben und eine langgezogene Veranda aus polierten Teakholzdielen den Blick zum See, naja Dorfteich, mit illuminiertem Tempel gegenüber freigibt. Ringsum das Ufer ist allabendlich Nachtmarkt mit kleinen Ständen, wo ich gleich mal mit einem heißen Nutellacrepe, na gut Reisdonut, die Promenade lang bummeln werde. Ein oder drei Kneipen gäb es noch, sonst ist nichts los. Die Kinder sind am längsten wach.

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Geisterhäuschen

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Das gelbe Sorng-taa-ou, wie diese überdachten Pritschenwagen mit Bänken rechts und links heißen, fährt nicht um 11 wie angekündigt, sondern schon kurz nach 10 ab. Es fährt auch nicht die Straße nach Ban Sam Leap hoch, sondern das Flusstal entlang. Was solls, wer weiß das schon. Der Mais steht Spalier, ein Bauer  mit Strohhut und Tornister versprüht Pestizide über ein Feld mit Schößlingen. Dann beginnt die Straße doch kurvig bergan zu steigen, wird „scenic“ und verschlechtert sich, ein halbes Dutzend Bergrutsche versperren mit Geröll eine Fahrspur oder Springfluten haben eine Kehre halbseitig unterspült und weggerissen. In winzigen Straßendörfern sitzen Frauen mit Kleinkindern direkt am Straßenrand, Hunde dösen mitten auf dem Weg. Und plötzlich tauchen die an den Steilhang gepflanzten Stelzenhäuser von Sam Leap auf. Hier endet die Straße, das Dorf liegt am Salaween Fluss, der hier die Grenze zu Myanmar bildet. Der Salaween kommt aus dem Himalaya, entsteht dort in 5450 m Höhe aus dem Schmelzwasser eines Gletschers, fliesst durch Tibet nach Yunnan in China, wo er wegen seiner Stromschnellen Nu, Wut, heißt, fliesst weiter nach Myanmar und Thailand und kehrt von hier wieder nach Myanmar zurück, wo er nach fast 3000 km in die Andamanensee im indischen Ozean mündet. Das Ufer ist sandig und mit großen anthrazitglänzenden Felsbrocken gesprenkelt, langnasige Holzboote betreiben den kleinen Grenzverkehr, es gibt einen verschlafenen Einreiseposten, barfuß stehe ich in einem der längsten Ströme der Welt, wieso haben wir noch nie was von ihm gehört? (Der taz-Korrespondent berichtete mal mit schamlos viel wikipedia-copy&paste-sätzen über chinesische Staudammprojekte, die bisher wohl nicht realisiert wurden.) Am Ufer stehen Pavillons und gestapelte Plastikstühle, Männer testen die Lautsprecherboxen für eine Festivität (Lärm sehr gut!), der Songtaa-Fahrer hupt dringlich, es geht wieder zurück. Eine Kleinfamile fährt noch mit. Der Junge mit mongolisch aussehendem Vollmondgesicht bettet seinen runden Kopf in die Kniekuhle seines Vaters, nennen wir ihn Joseph Vodafon, der biegt sich geschmeidig zu ihm und gibt ihm einen Kuss. Mutter Maria, Ferrari steht auf ihrem Anorak unter einem flammendroten Drachenpferd, kramt aus ihrem Rucksack eine Plastiktüte und reicht ihrem Mann eine Betelnuss. Auf dem Straßenmarkt bekomme ich klebrig braune Reiskringel und Nudeln mit Chilli, Erdnüssen und Limone in einem Bananenblatt.

Geisterhäuschen dienen dazu, die Geister zu bannen, sie zu domestizieren und so von eigenen Haus oder Feld fernzuhalten. Um sie freundlich zu stimmen, stellt man ihnen täglich frische Schälchen mit Reis und Getränke hin. 

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There is no place to fall

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Und so laut! Den ganzen schönen Tag lang war ich ich quasi allein auf der Welt, die paar Mopedfahrer auf der Straße durch den Laubwald zum Nationalpark grüßen verwundert lächelnd. Am Eingang, wo man Eintritt bezahlen müsste, winken mich die zwei Ranger gelangweilt durch, beim Ausgang später bedanken sie sich, ich bin die einzige Besucherin, auch der „nature trail“, steil bergan und bergab, zum Glück an den wüsten Stellen mit Bambusgeländer, gehört mir allein, nicht stolpern noch straucheln, there is no place to fall. Wo sind all die Touristen, für die dieser Park und sein Campsite mit dem Lotusteich angelegt ist? Es ist Freitag vor Weihnachten, Hochsaison. Die Nacht legt sich wie ein Laken auf das friedliche Tal und die Regler werden aufgedreht. Plötzlich singen in allen Schrottbuden, äh Bars, ringsum Männer mit Haarknoten und Elektrogitarre schnulzige Lieder. Am Dorfausgang zwirbeln Laserstrahler die sternenklare Nacht und die Boxen hier sind die allerbesten. In einer Art Bierzelt ohne Zelt trinken und tanzen Leute. Auf der Bühne musiziert eine Band mit dünnem exaltiertem Sänger, vor allem aber agiern hier vier halbnackte Gogogirls. Heißt das noch so? Sie tragen, nicht nur bei der Kälte, absurde Bikinis oder „Reizwäsche“. gehäkelt in hellblau mit monströsen Pushups, oder mit Riemchen in roter Kunstseide, sie können nicht tanzen aber lassen ihre Höschenpopos kreiseln und spreizen obszön ihre Beine. Geld wird ihnen zugesteckt. Wir, ein junger Schweizer, der mich dankenswerterweise als seine Freundin annonciert, werden an einem Tisch voller Tellern zu Brandy auf Eis eingeladen. Schlotter. Ein Irrer macht Kniefälle vor allen, ein fröhlicher Transvestit zeigt seine tattowierten Schultern, Frauen in Uniform schunkeln. Nach dem dritten Brandy ist es weniger kalt.

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Pforten der Wahrnehmung

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Wie still kann es sein. Kein  Windhauch durchdringt den Dschungel, keine Blätterkrone rauscht, kein Bambus ächzt, kein Laub raschelt. Selbst die Vögel sind still. Ein Specht klopft, er ist mein Herz.

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Schlendrian

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Es muss ein dicker Buddha gewesen sein, einer mit Bauchfalten und glücklichem Grinsen, vielleicht gar einer mit einem Geldsäckel in der Hand, der hier seinen Fußabdruck hinterlassen hat. Neben dem etwas achtlos platzierten Stein mit dem halbmetergroßen Relief seiner Fußsohle plätschert ein Brunnen, unter dem prächtig verzierten Pagodendach einer offenen Säulenhalle reihen sich goldene Buddhastatuen. An einem Ende steht eine säbelbewehrte Figurine in kämpferischer Pose, auf ihrem Sockel sind Plastikpistolen als Opfergaben abgelegt. Eine blendend weiße Stupa gleißt in der Mittagssonne, silberne Windorgeln klimpern und bimmeln eine leise Zufallsmelodie, Vögel zwitschern, ich übe Lotussitz auf einem weiß gekachelten Tischchen und blinzle in die Panoramaaussicht über das von bewaldeten Hügelketten und blauen Bergen eingerahmte Tal. Unten in einem Dorf gibt es eine weitläufige, von Holland gespendete Anlage, Schule, Waisenhaus? jedenfalls verwaist, eine Ecke weiter wird gefeiert, Männer in schwarzen T-Shirts stehen auf der Strasse und trinken Whiskey, eine Frau in Camouflage-Jacke und hitzig glänzenden Wangen bietet mir von ihrem Bier an. Auf den Stoppelfeldern wird die nächste Saat ausgebracht, Männer und Frauen balancieren Schubkarren über einen Brettersteg zwischen Reisanbauterrassen und betonieren einen Bewässerungsgraben. Alles sieht sehr geordnet aus, die Holzhäuser sind groß und gepflegt, in den Gärten blühen Bougainvilleas, die Farmer sind wohlhabend, neue Allradautos in „Carports“ keine Seltenheit. Dunkelhäutige Männer in Röcken, Mädchen in Hidjab fahren Mopeds. Gegenüber dem überdachten Morgenmarkt liegt eine Moschee, die von der Hauptstraße abzweigenden Wege haben  Eingangsportale, von denen pastellfarbene Papierlampions baumeln. Heute früh hatten wir sockenlose 9 Grad, die Dusche kalt. Ich bin ein Gasthaus weiter gezogen, upgrade zu weißbezogenem Deckbett und Veranda über dem trägen braunen Fluss.

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Reisende

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Kalt ist es in der Nacht und auf der Fahrt über die sieben Berge auf dem Pritschenwagen. Wir ziehen die Mützen und Kapuzen ins Gesicht, wickeln die Schals bis zu den verspiegelten Sonnenbrillen, sodass wir aussehen wie eine Himalaya-Expedition. Nur die Füße nackt und bloß in den Sandalen. Dampfsauna im Tempel von Mae Sot, am nächsten Morgen selbstgemachte Starfruit-Marmelade auf Toast und mit dem nächsten Sorng-taa-ou weiter sechs Stunden bergauf und bergab. Auf halber Strecke passieren wir ein Flüchtlingslager, in dem seit Jahren an die 20 000 Karen aus Myanmar, nunmehr Staatenlose, leben. Keine Zelte, es ist eine Stadt mit niedrigen, schindel- und blättergedeckten Holzhäusern, Hühnern und ein paar Beeten, Bambuslatten und Stacheldrahtzäune kilometerweit entlang der Straße, uniformiert Bewacher an den Gattern, Shelter steht daran. Wovor schützen sie? Wieso gibt man diesen Menschen nicht Papiere und lässt sie ziehen und arbeiten, was sie können? (Kotzbedürfnis beim Gedanken an die Nachrichten aus Europa. Der rechtsnationale Fuzzi in Österreich will allen Flüchtlingen alles Geld abnehmen lassen und die Handys konfiszieren,wenn sie die dann mal zurück bekommen, können sie keine Telefontarife mehr bezahlen.) In der beschaulichen Kleinstadt Mae Sariang bekomme ich ein Zimmer im River View, der chinesisch aussehende Gasthausbetreiber bringt eine zusätzliche Wolldecke. Auf dem Straßenmarkt gibt es mal wieder handgewebte Ethnobeutel, wie es heißt von Karen-Frauen, ich kaufe einen garantiert individuell auf der Nähmaschine aus Flicken zusammengeschusterten Beutel bei einem bemützten Mann mit Betelnusszahnstümpfen, eine Schneiderin flickt ruckzuck mein lakengroßes Allzweckseidentuch aus Indien,1994. Sie weist empört mein Geld zurück. Beim Tempel läuft dröhnende Rockmusik, die Novizen kicken geflochtene Plastikbälle.

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Pastorale

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Kleine Schritte, kein Plan. Wege enden in fremden Gärten. Limonen, Bananen, Ananas, Papayas. Es gibt keine Sackgassen. Pfade verlieren sich im Gebüsch. Führen zu Holzhäusern, zum Flussufer, auf Felder. Schlange, grau mit gelbgrünem Zackenmusterstreifen, kreuzt. Sonnige Felsen im Flüsschen, damit ich innehalten und seinem Gluckern zuhören kann. Hennen flüchten mit ihren Küken ins hohen Gras. Plastiklatschen an der Uferböschung, Jungen fischen mit Plastiktüten. Köter kläffen um ihre Reviere, samtige Welpen tölpeln zwischen meinen Beinen herum. Bananenstauden, Kaffeeplantage, Kohlschösslinge in Reihen, Bäche flüstern aus dunklem Unterholz. Bambus knackt. Safrangelbe Katzen, ein Tempel bei einem Hohlweg, die Müllabfuhr leert eine grüne Tonne und wendet. Ein junger Mönch mit flächendeckender Tätowierung fegt Blätter vom Weg. Stoppelfelder. Heuernte. Wann habe ich das zum letzten Mal gesehen? Ein Alter mit Wanderstock und betelroten Zahnstummeln lächelt breit. Er ist der einzige Fußgänger, der mir begegnet. Ein Bauer im Hawaiihemd wässert sein Feld mit einem Gartenschlauch. Ein Hirte döst im Schatten in einer Hängematte, auf seinem Moped steht ein großes Kofferradio, aus dem Musik dödelt. Die schwarzgrauen Büffel springen schreckhaft aus dem Wasser und stehen auf dem Weg. Blüten, Schmetterlinge, ein Moped wirbelt Staub auf. Es gibt kein Ziel. Oh doch: die Ananasverkäuferin beim Tempel. Sie ist nicht mehr da. Dafür probiere ich ein köstlich scharfes Schmalzgebäck aus Grünzeug, für das ich nicht bezahlen darf.
Der Scheiterhaufen hat sich inzwischen mit Lamettagirlanden und bunt blinkenden elektrischen Lichterketten in einen weihnachtsbaumlichen Thron verwandelt. Frauen haben den ganzen Tag über das tortenartige Podest mit weißen Orchideen und Schleierkrautwedeln geschmückt. Ein hölzerner Sarg steht nun hoch unter dem Baldachin, ein gerahmtes Foto zeigt das Porträt des verstorbenen Mönchs. Meine Gastwirtin hat weiße Trauerkleidung angezogen. Zum Anbruch der Nacht findet sich die gesamte Bevölkerung von Umphang beim Tempel ein. Die Frauen sitzen auf gelben Bastmatten in der offenen Säulenhalle. Ein paar Mädchen holen sich zwanglos eine Plastikschale Reis und Sauce von einem Tisch mit Essen gegenüber des Altars. Der ist von vier Elefantenstoßzähnen flankiert, Erinnerung an die noch nicht lange vergangene Zeit des Wilderei-Reichtums. Die männlichen Honorationen nehmen auf weiß eingepackten Plastikstühlen auf dem Vorplatz unter Zeltdächern Platz. Orangefarben gewandete Novizen bilden paarweise ein Spalier. Hinten, am Rand der neonbeleuchteten Bereiche, sitzen ein paar Arme und Alte, Wollmützen tief in den Hutzelgesichtern. Da setze auch ich mich hin, strategisch blöd, wie ich später merke, weil ich da nicht ungesehen wegkomme. Ein Animateur spricht und scherzt über Mikrofon und bittet wahrscheinlich um großzügige Donationen in die Holzbox mit Sichtscheibe. Dann beginnt der gefühlt endlose Sermon des Priesters über Lautsprecher. Eine Schar Kinder in einem Pavillon zappelt unruhig herum. Die ersten Mütter schleichen sich davon. Der Vorbeter lobt ausführlich das Buddha-gefällige Leben des Mönchs und stimmt wieder seinen monoton meditativen Rampampam-Singsang an. Hände gefaltet, andächtiges Stillsitzen. Das wird hier nichts mit Feuer. Dann ertönt plötzlich heitere Musik, die Novizen treten ab und Mädchen verteilen kunstvoll gefaltete Bananenblattschälchen mit süßem, gallertartigem Reispudding. Ommm.

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Scheiterhaufen

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Im Wald liegt ein burmesischer Tempel. Er ist ganz aus Holz. Gut dreißig verschieden gefiederte Hähne spazieren herum. Ein Mönch bearbeitet mit einer Spritzpistole ein geschnitztes Relief, das wohl zur Dekoration an die große Glocke soll. Sie ist eingerüstet, zwei andere Möche werkeln darauf herum. Breite Treppen führen zum Flussufer, an dem drei Jungen baden. Wo ein Bach in den Fluss mündet, steht eine Bank aus Bambus für mich. Kühe grasen im Stroh abgeernteter Reisfelder. Am Abend ist die Dorfstraße für den ohnehin spärlichen Verkehr gesperrt. Fressbuden reihen sich aneinander, auf dem Holzkohlegrill rösten köstliche Kokosplätzchen und braune Fladen aus Perillasamen, sollen omega gesund sein, sie werden in einem zum Schälchen zusammengetackerten Bananenblatt mit Sirup gereicht. Zwei Bands machen schaurigschöne Popmusik. Ein Mann mit Haarknoten und Sumoringerfigur spielt E-Gitarre und singt so unwiderstehlich inbrünstig mit einer gebrochenen Stimme wie einst Anthony. Die Spenden für die Musiker gehen an ein Projekt für Flüchtlingswaisen. Das scheinbar so traditionelle Karen-Dorf Pa la tha liegt 30 km hinter drei Bergen und dem „glatzköpfigen Felsen“ entfernt, aber die im Lonely planet versprochenen Elefanten gibt es dort nicht mehr, man hat Trecker und die grüne Einheitsmülltonne (wer hat dafür eigentlich das Patent?). Danach beginnt wieder das von Menschen bereinigte Unesco-Naturschutzgebiet, die Straße geht in einen zerfurchten Schotterweg über, auf dem das Rollerfahren, zumindest für mich, voll bescheuert ist. Nach ein paar Stunden und weiteren hübschen Serpentinen ist die Tankfüllung fast alle und ich liefere das Gefährt wieder ab. Im Dorftempel ist aufgetafelt, alte Weiblein wollen mich zum essen nötigen, das muss gut für die Seele eines Verstorbenen sein. Zu seiner Einäscherung errichten Männer daneben einen riesigen, mit bunten Papiergirlanden drapierten Scheiterhaufen. Der lachende Mann aus dem Bus ist auch wieder da und zeigt sein strahlendes Pferdegebiss.

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Dschungelfieber

 

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Zuerst laden wir drei 100 kg Säcke Reis, einen Karton Klempnermaterialien und einen Sack voll hellblaue Rohrknie, dann noch zwei Säcke Mandarinen und etwa 100 Melonen. Die kommen aufs Dach, zusammen mit zwei Soldaten, ihren Rucksäcken und weiteren Gepäckstücken. Gut eine Stunde später verlassen wir die Stadt Mae Sot und pesen Richtung Süden. Unterwegs steigen noch weitere Passagiere zu, sodass wir zu Spitzenzeiten 28 Personen in diesem Gefährt sind, darunter freilich drei kleine Kinder und zwei Jungen, von denen einer abwechselnd mit einer Schwangeren hinten raus kotzt, sobald der Pickup die Serpentinen bergauf in Angriff nimmt. Wegen der 1219 Kurven wird die vor 30 Jahren gebaute Straße Death Highway genannt, sie führt ins entlegene Umphang, wegen seiner Unzugänglichkeit zuvor ein Rückzugsgebiet für Kommunisten und Drogenschmuggler. Noch früher, bevor es die (durch wen gezogene?) Grenze zu Burma überhaupt gab, war die bergige und von vielen Flüssen durchzogene Dschungelregion die Heimat der Karen. Inzwischen sind viele von ihnen zu Flüchtlingen geworden, aus Myanmar aus.politischen Gründen vertrieben auf der Thaiseite wurden ihre Dörfer vernichtet, um Naturschutzparks, auch für uns Touristen, einzurichten. Im Wildlife Sanctuary stören die Eingeborenen, die Siedlungen der Einheimischen wurden von den verschiedenen Militärs niedergebrannt.
Als ich ankomme wirken die Guesthouses, Campsites und Resorts verwaist, das Büro der Touristeninfo eine staubige Baustelle, Restaurants und Kneipen geschlossen. Im „Garden Hut“, einem, idyllischen Plätzchen mit Holzbungalows direkt am Fluss, bin ich der einzige Gast, was mir die Zuwendung (Kaffee, Schmalzgebäck, Bananen, Wasser) der älteren Dame mit pinkfarbenem Hütchen sichert, die den Gasthof mit einer Handvoll junger Frauen und ein paar angestellten Männern betreibt. Beim Dorftempel gibt es mehr Katzen als Mönchlein. Man kann als Tourist hier Wildwasserpaddeln, Dschungel-Trekking und den größten Wasserfall Thailands besuchen. Alles, was ich tunlichst unterlassen werde, schon weil man dazu eine geführte Tour buchen muss, was zudem um die 100 Dollar kostet. Felder mit Tabak, Mais, Reis, Bananenstauden und Mangobäumen ziehen sich durchs Tal den Fluss entlang, Kühe, Wasserbüffel und ihre Kälbchen tragen Glocken, sodass mit den sanften Hügeln und bewaldeten Bergketten ringsum fast Almfeeling aufkommt. Alle paar Kilometer gibt es kleine Dörfer mit Läden für kaltes Trinkwasser. Am Abend zirpen Grillen, von irgendwo weht Musik herüber, die Luft kühlt ab. Die heiße Quelle sei gut 30 km weit entfernt, er könnte mich hinbringen, sagt der  Hausgärtner und zeigt mir Kinderfotos auf seinem Telefon. Während ich nur halb hingucke, bei der Sonne eh sinnlos, und nebenher in maps-me auf dem pad herumstreiche, ploppt  dort das Zeichen für „Hot Springs“ auf. Nur 3,8 km (Luftlinie…) entfernt, zuerst an der „Shalom Kirche“ vorbei die Asphaltstarße entlang, dann einen Waldweg hinein. Es geht so steil bergan, dass ich über eine Stunde brauche, um allein die gewundene Straße hinaufzukeuchen und weil schon zwei Uhr ist beschließe, das ganze zu vertagen. Doch die ganze Ochserei des Anstiegs nochmal? Der Waldweg geht flott auf dem Bergkamm entlang, ein Stunde geb ich mir, um Fünf versinkt die Sonne hinter den Bergen. Den Blick immer wieder auf die Uhr und das GPS, ich fürchte mich ein wenig, kein Mensch weit und breit, Leoparden solls hier geben, Schlangen (sah gestern eine überfahrene) oder Giftspinnen reichen auch, nicht stehenbleiben, sonst Moskitosirren, Aufmerksamkeit auf den Boden, Wurzeln, knackende Blätter, Rinnsale, Matsch, Schmetterlinge, direkt neben dem immer schmaleren Trampelpfad fallen irre steile Böschungen in gigantische Täler, Felsformationen, Monsterbäume, registriert nur aus den Augenwinkeln, plötzlich geht es rasant hinunter, schon fast drei Uhr, darf gar nicht dran denken, das alles wieder hoch und zurück zu müssen, laut gps zu nah dran zum umkehren. Und dann eine Lichtung! Wie selten passend dieses Wort, und Menschen, zwei Ranger und ein Weiblein, die mit Macheten Bambus in Becherform zurechthauen. Der eine zeigt mir den „Pool“. Es ist unfassbar himmlisch. Ich war noch nie in einer heißen Quelle baden, ich liege im Wasser, über mir das hellgrün lichtdurchblitzte, hohe Kathedralendach. Als ich wieder angezogen und zurück bin, schaut der Ranger auf die Uhr und macht Motomoto-Gesten, die Frau schnürt sich den Korb auf den Rücken und bedeutet mir zu folgen, aufwärts, zurück. Nach den ersten hunderten Metern rutschigem Kletteraufstieg kommen echt die Ranger mit ihren Mopeds hinterher, fahrend und dabei seitwärts mitlaufend. Und dann nehmen sie uns hintendrauf mit. Bei den haarsträubendstend Stellen muss ich die Augen zumachen, halte den Mann vor mir fest umarmt, atme tief und dankbar seinen Schweißgeruch ein, öffne die Augen wieder und blinzle berauscht vor Glück in das von Sonnensplittern durchbrochene Dschungeldach.

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Kleiner Grenzverkehr

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Trinkwasser im Niemandsland

Den Bus, den ich suche, finde ich nicht. Niemand spricht Englisch. Nehm ich halt den Pritschenwagen zur Grenze. Weil ich dort nur die üblichen Edelstein-, Elektronik- und Asiasouvenirschrottläden vermute, wollte ich da eigentlich gar nicht hin, aber wie das Suchen könnte ich auch das mit den Erwartungen langsam mal sein lassen. Den äußersten Westzipfel Thailands markiert ein pompöses Monument aus poliertem schwarzem Stein mit Goldschrift, vor dem sich chinesische Touristen in Selfiepose fotografieren. Ein weiteres Schild weist darauf hin, dass der unlizensierte Kauf von Zigaretten und Alkohol strafbar ist. Direkt dahinter säumen Buden mit Zigarettenstangen und Whiskey aus Myanmar einen halben Kilometer weit die Uferpromenade. Der Grenzfluss selbst sieht auch nicht aus wie eine ernst zu nehmende Angelegenheit. Alte Holzboote bringen Waren und Leute über die paar Meter träges schlammgelbes Wasser hin und her, auch ich werde eingeladen, unkompliziert illegal die Grenze zu übertreten. Wo die müllige Uferpromenade ins Gebüsch übergeht, sitzt ein Junge und spielt mit einem Messer rum. Ich soll mich zu ihm in den Schatten setzen. Bo heißt er, komme von drüben, hier sei es besser, er lebt mit seiner Familie hier in einer der Behausungen im Gestrüpp hinter uns, Thaiboxen mag er, keine Freundin, kein Job, er ist 22, money no money, egal happy. Dann zündet er sich eine Filterzigarette an und ich geh wieder zurück. Am Ufer sind eine ganze Menge Hütten aus Planen, Blech, Latten und Bambus. Es gibt eingezäunte Gärtchen und Trampelpfade. Eine Hütte ist höher und weniger schrottig als die anderen, ein Gemeindehaus im Slum? Zwischen zwei Buden, an denen Trockenfisch und lebende Krebse aus siffenden Styroporkisten verkauft werden, steige ich die glitschige Böschung hinunter. Das ist ein richtiges Dorf! Auf einem überdachten Holzgerüst stehen drei Gefäße mit öffentlichem Trinkwasser, manche Hütten sind Läden. Unter dem herausragenden Dach glimmert ein buddhistischer Altar, Männer streichen ein Wandbrett hellblau. Am Ufer, wo aus einem Boot Kartons mit Dosenbier entladen werden, treibt ein Generator eine Wasserpumpe an, ein Stromkabel schlängelt sich über den Lehmweg, hangelt sich über eine Leine… da hält mich ein Typ an, sagt, hier habe ich nichts verloren, für Ausländer verboten. Viel zu gefährlich auch, keine Polizei würd sich hier rein trauen. Niemandsland! Mir kommts eher vor wie eine Art Christiania für Arme, eine ordentlich strukturierte „informelle Siedlung“ von ganz offen ihrer Tätigkeit nachgehenden Schmugglern und eher harmlosen Kleinganoven, an deren obrigkeitlicher Duldung sicher jemand gut profitieren wird. Drink? schaltet der Blockwart um und schwupp sitzen wir auf rosanen Plastikhockern unterm zerfetzten Planenvordach eines Shacks, in dem gut ein Dutzend Frauen, Mädchen, Kinder herumhängen, essen, kommen und gehen, wohnen, leben. An einem Kühlschrank endet das Stromkabel, ich kauf uns zwei Bier.

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Hazel taste

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Hazel war hier!

Es dämmert noch nicht, aber in Scharen lärmen schon die Amseln und Tauben auf dem Gestrüpp der Stromleitungen, die.Verkehrskreisel dienen ihnen als natürliche Versammlungsorte. Weißgraue Schissflecken sprenkeln die Bürgersteige. Müde Frauen ziehen scheppernd eiserne Ladengitter auf. Ein Feuer zerstörte 1957 die Hälfte des Stadtzentrums von Phitsanulok, die eiskremfarbenen Fertigbauhäuser aus Beton haben heute schon wieder Patina. Ein Tuktuk bringt mich viel zu früh zum Busbahnhof. Die Fahrkartenverkäuferin trägt mir meinen Beutel mit allem drin nach, den ich am Schalter liegen ließ. Ein Mann mit wirrem Haar lacht mir aufdringlich zu. Eine junge Frau an einem Holzkarren formt Bällchen aus Hefeteig, über einer Gasflamme simmert das Schmalz in einer Eisenpfanne. Ein Mann feudelt mit zwei Mopps gleichzeitig den Steinboden unter den Holzbänken des offenen Wartebereichs. Eine hinkende Kakerlake begrüßt den Morgen, ein hinkender Hund kratzt sich. Jetzt eine Kippe und der Moment dieser genügsamen Verkrüppeltheit wäre perfekt. Die Sonne geht auf. Wir lassen die Unesco—Kulturerbe—Palastruinen von Sukothai links liegen, fahren im Höllenritt über hohe Berge, dann sind wir am äußersten Westen von Thailand. Was will ich bloß immer an den äußersten Rändern. Mae Sot ist eine verratzte Grenzstadt zu Myanmar, mit dem unsichtbaren Charrm einer Durchgangssation mit schnellen billigen Händeln. Die Kanäle verdreckt, die Straßen voller Mopedabgasen, von den Bergen nichts mehr zu sehen. Es soll viele der Karen—Flüchtlinge geben. Ich finde nur zweit Läden, einer heißt dümmlicherweise „borderline“, die scheinbar handgewebte Taschen und Schals jener vom Schicksal, gutmeinenden NGOs und jugendlichen Volunteers aus der 1.Welt gebeutelten Frauen verkaufen. Die Sachen sehen genau so öd und naturgebleicht und fabrikerzeugt aus, wie in allen solchen Fairtrade—Projektläden überall auf der Welt. Ich trinke einen Soli—Burmese Tee, der wie Roibos mit Kondensmilch schmeckt und trotte zusehends deprimiert weiter an Läden mit bunten Glas— oder Halbedelsteinen, Smartphones, und Klamotten—Supermärkten entlang. Am Bordsein sitzend stiere ich ratlos auf den Stadtplan in meinem ipad, stürze dabei knapp einen Liter Wasser in mich und schwupp, es hat wieder funktioniert! Das Wasser! Da solls so einen Tempel geben mit Kräuter—Sauna, den check ich doch gleich mal aus. Und nochmal schwupp the magic, ohne Handtuch oder angemessene Kleidung („Sarong“) steh ich kurz darauf klitschnass in Unterhose in brühheißem Feuchtigkeitsnebel und zwei junge Thailänderinnen schütteln mir kichernd die Hände.

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Tiere von Bangkok

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Die Straße, in die mich die Suche nach meinem plattgemachtem Gasthaus geführt hat, wird zu einer schmalen Sackgasse. Über ein Rohr auf Augenhöhe klettert eine Ratte. Ihr Schwanz ist ellenlang und so dick wie mein Zeigefnger, aber sie ist nicht fett, fast zierlich ihr Körper, flink und geschmeidig verschwindet sie. Sie ist auch nicht grau, sondern haselnussbraun. Die nächste spaziert im Tempel für den Wohlstand der chinesischen Händler hinter einem Wasserbassin die Wand entlang. Seit Jahren sitzen dort zwei uralte Männer und schauen sich Billard in einem Fernseher an. Ich sollte meine Einstellung zu Ratten ändern. Ich könnte mir vorstellen, sie hätten einen buschigen Schwanz, wie die nEichhörnchen auf Berliner Friedhöfen. Ich trinke Instantkaffee aus einem Supermarkt. In einem der vielen Kanäle Bangkoks dümpelt ein moosiges Holzstück gegen den brackigen Strom. Es paddelt auf mich zu und wird eine meterlange Echse. In Chinatown gibt es einen vornehmen Laden, in dem Handtaschen aus ihrer krokodilähnlichen Haut verkauft werden. In der Dusche huscht ein winziger, fast durchsichtiger Gecko über die Fliesen, eine Kakerlake lässt kunstvoll ihre langen Fühler kreiseln. Aber inzwischen bin ich gar nicht mehr in Bangkok. Auf der fünfstündigen Zugfahrt nach Phitsanulok serviert eine Hostess auf Stöckelschuhen Reis und Fisch, danach gibts Kaffee und Kuchen. Bahnhöfe sind immer Sehnsuchtsorte, besonders wenn keine Züge mehr fahren. Wenn man schon in der Ferne ist, wird dort das Fernweh abstrakt wie eine Erinnerung. Am Abend sitzen Jugendliche auf den Gleisen und rauchen.

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Hunger nach Chinatown

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Straßenküchen sollen in Thailand abgeschafft werden. In Chinatown von Bangkok undenkbar. Die Verkehrspolizei sperrt hingegen am Abend mit Seilen und mobilen Pollerhütchen einen Fahrstteifen ab, damit mehr Platz für Buden, Plastikstühlchen und die vielen hungrigen und flanierenden Leute ist. Tagsüber hab ich meine Runden gebummelt, taumelnd durch die Opulenz der Dinge, die ich oft nicht mal identifizieren kann, schwächelnd strandend im Tempel der Prostituierten, die, statt heilig zu werden, lieber ein Krankenhaus für Bedürftige gespendet hat. Sie ist jetzt aus Gold, eine dünne Gestalt mit großen Füßen. Ein Stück tiefen im  Gassen— und  Lädengewirr gibt es  noch einen Tempel einer Prostitutierten, da stehen Personenwaagen an der Schwelle, wo man die Schuhe auszieht und eine Galerie Urnenschubladen umringen das kostbar verzierte Gebäude. Offenbar war das Ende des 19. Jahrhunderts ein Beruf, bei dem Frauen sehr reich werden konnten, keine Zuhälter brauchten, und sich nicht schämen mussten. Beide Tempel sind gut besucht, meist von älteren Frauen, drinnen sorgen Ventilatoren für eine Brise, da kann auch ich gut auf dem roten Teppichfilz ausruhen vor dem tobenden Leben ringsherum. An einem weiteren Tempel wird um Spenden gebeten: für einen Sack Reis 1500 Baht,  für einen Sarg 600 Baht, so viel wie  die zwei Nächte in meiner Bude. Die idyllische Absteige mit begrüntem,Dachgrten, wo ich noch im Januar war, ist verschwunden. samt der ganzen Straße. Und wo sind die vielen Katzen von dort hin?

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Paris

Die Flughafenmeisen gabs noch in Tegel. Und das hier ist mal wieder üben, neues Spielzeug, neue app und nichts kapiert. Wieso muss man dauernd erleben, wie blöd man ist?  Und Schnupfen haben, wenn man auf Reisen geht, ist auch blöd. Aber sicher wird alles gut. Hier gibts Spender für köstlich eiskaltes Trinkwasser und alter Schwabe, der ich bin, hab ich den Pappbecher vom Flugzeug mitgenommen.

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bald wirds wieder bunt hier

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Neulich in der Bäckerei

 

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Der Mensch von Kafka On The Road alias „Depressiv und Spass dabei“ berichtet vom nachlassenden Impuls, seine Erlebnisse von Neulich-in-der-Bäckerei (beim Späti, in der Supermarkt-Kassenschlange, an der Bushaltestelle, aufm Friedhof) bloggerisch mitzuteilen. Kenn ich. Selten sind Besuche in der Bäckerei so spektakulär, wie jener soeben im Teestübchen Trithemius erzählte Vorfall. Was soll auch schon bemerkenswert sein an einem novemberlichen Sonntagsspaziergang  in Rummelburg. „Was meinst Du?“ „Ich hab dich gefragt.“ Ein männliches Ehepaar in orangefarbenen Funktionsjacken trabt vorbei. Herbstschlieren liegen malerisch auf den Schildern am Wegrand. Hier wurde die Szene von Paul und Paula gedreht. Runde Fotos zeigen Sträucher und Tiere des eingezäunten Röhrichts. Väter schieben Kinderwagen, Hunde laufen voraus, Wind weht an der Promenade der Spreebucht. Pappeln, Bänke, Boote. Biotope und Gedenkorte. Hinweistafeln und Stelen für Opfer und Täter, manche beschädigt, am „Gedenkort Rummelsburg“ –  seine über mehrere Diktaturen überdauernde „grausame Benutzung als Ort für Ausgrenzung und Verfolgung von randständigen Menschen“ -, wo Gefängnis, Zwangsvollzugsanstalt, Anilin-Fabfrik, nicht fern auch das heute in Wohnungen umgebaute Waisenhaus, waren. Aldi jenseits der mehrspurigen Straße, auf der auch die Tram fährt. Keine Kneipen, Cafés oder Buden. Eine Pizzeria,  schon lange geschlossen. Von den über 5000 Menschen, die in den „anspruchsvollen Neubauten am Wasserpark“ wohnen, ist keiner zu sehen. Sie betrachten den öffentlichen Raum von ihren  bodentiefen Wohnzimmerfenstern aus. Die Stellplätze für ihre Autos und Mülltonnen sind gepflastert, ihre Vorgärten sind niedrig eingehegt, die Kinderspielplätze sauber, die Straßen ordentlich und leer. Ein Mädchen spricht mit einer schwarzen Katze. Sogar die ausländerfeindlichen Graffitis am Uferstreifen sind korrekt überschrieben.

Mehr vom Neulich-in-der-Bäckerei-Genre:

Kafka On The Road, 

Teestübchen Trithemius

 

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Spätzündung

 

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158 Freunde in neun Tagen! So lang bin ich jetzt bei Facebook. Mit zweien hab ich mich schon analog verabredet. Soll ja keiner was sagen. Am Anfang macht es auch ein bisschen süchtig, schon spannend, wie das da funktioniert. Sehr schnell. Sich die Autokorrektur: Legastenieliste statt Leseliste, Vergilio statt Virilio… Sieg der Oberflächenreize: Wie Extasy, darauf haben wir mal eine Nacht lang voller Hingabe ein Zimmer in den verschiedensten himmelblauen Farbtönen gestrichen, am nächsten Tag sah es aus wie scheiß Kleckserei, wir mussten neustreichen, das machte uns aber gar nichts. Jedenfalls gibt keiner auf fb etwa Privates preis, niemand würde „Beziehungsstatus“ oder Näheres zum Job angeben, die meisten „Freunde“ (ab jetzt alles ohne Anführungszeichen) nutzen Fb eh nur, um Werbung für sich und ihre Produkte zu verbreiten. Weshalb jede dahergelaufene Freundschafts-Anfrage noch vom berühmtesten Schriftsteller angenommen wird. Mehr Freunde, mehr Klicks, mehr Erfolg. Sie annoncieren Bücher, Veranstaltungen, Meinungen. Die ersten zwei Artikel sind bestenfalls informativ wie eine Postwurfsendung, die man ja auch angucken oder ungelesen wegschmeißen kann, der dritte haut auf den alternativen digitalen Stammtisch.  #Metoo , Volksbühne, Weihnachtsmarktverpollerung, Kataloniens oder Zimbabwes politische Zukunft. Empörung, Selbstgerechtigkeit und wohlfeile Weltrettungsmissionen. Da ist halt kein Redakteur oder Lektor vor… Nun kann man sich ja selber aussuchen, zu welchem Tisch man sich gesellt oder von welchen Freunden man sich lieber gleich wieder verabschiedet. Mir wird wieder mal klar, warum ich im echten Leben so wenig Freunde hab.

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Überfahrt


 

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Gestern war der letzte Tag des Sommerfahrplans der F11. Aber die BVG-Fähre fuhr trotzdem, im Zehnminutentakt vom Ufer am Baumschulenweg zum Wilhelmsstrand. Gibt Winterfahrplan. Ich habs zum ersten Mal geschafft mit überzusetzen. Und war der einzige Passagier, hab dafür gleich mehrfach die Petition unterschrieben, dass die Linie nicht nach 2018 ganz eingespart wird, wie die BVG derzeit plant. So konnte ich einen Kreis spazieren vom Treptower Park über Karlshorst. Auch dort ist Lichtenberg eine „gute“ Gegend mit schnuckligen alten Einfamilienhäusern in Gärten und gepflegten zwei- bis dreigeschossigen Reihenhäusern aus den Zeiten des ernstgemeinten sozialen Wohnungsbaus. Große Bäume säumen die Straßen. Es ist so ruhig, dass die kreischenden Kinder stören. Am Zaun vom Plänterwald ist die Baumschaukel weg.

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Berufsverkehr

 

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I love Neukölln

Das Licht. Es erstaunt mich, dass es früh um Acht schon einen Himmel gibt. Die S-41  Richtung Südkreuz ist voll.  Ming möchte einmal mit der Ringbahn den ganzen Kreis fahren, aber zwischen Westkreuz und Gesundbrunnen herrscht Ersatzverkehr. Sie ist für zwei Wochen in Berlin, um einen Kurs an der VHS-Neukölln in DTP zu machen. In der Mittagspause essen wir für 2 Euro Schawarma „beim Syrer“. Oder Gözleme. Die macht eine Frau mit weißen Kopftuch im Schaufenster einer Bäckerei mit Imbiss. Die Straßen sind voll. Männer stehen oder sitzen herum,  sie telefonieren, trinken Tee und machen Geschäfte vor Wettbüros. Bei einem Trödler gibt es Rollatoren. Viele Leute sind versehrt, arm, alt und gebrechlich hier. Es gibt auch viele Autos, die so schrottreif wie meines sind. Ein Kiosk bietet Reparaturen für alle PCs, Handys, Festplatten und Akkus. Der Mann vom Schlüsseldienst macht meinen Sicherheitsgeneral ohne Papiere nach, solange ich nebenan einen Kaffee im Stehen trinke. Die Glastür zum Juwelier öffnet sich auf einen von innen betätigten Drücker, der Goldschmied lötet die gerissene Kette zum nächsten Tag. Am Hermannplatz trinke ich einen frisch gepressten Orangensaft für 1 Euro. Die Anlaufstelle für Wohnungslose sieht aus wie ein Café.

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Ziemlich kleine Freuden

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Versuch des Heimattourismus

Manchmal mache ich Touristen nach. Manchmal ist der Rehasport  der einzige Termin, den ich am Tag habe. Es sind fast alles Rentner dort, viele fitter als ich, was mich nicht mehr fertig macht. Ich finde es auch nicht hat mehr besonders lächerlich, einen Tennisball hochzuwerfen und ihn mit einem Joghurtbecher einzufangen. Der Blick in den Spiegel, der eine ganze Wand einnimmt, lässt sich vermeiden. Die schlimme Musik ist immer noch schlimm. Und die Paarübungen. Ich warte, bis alle jemanden haben, dann stelle ich mich zu dem oder der übrigen, für die oder den ich dann auch die übriggebliebene bin. Letztes Mal war es ein Mann, ganz in schwarzen Trainingsklamotten, das weiche Gesicht unter grauen Haaren verschlossen wie eine Eisdiele im Winter. Zuerst mussten wir uns mit dem Rücken gegeneinander stellen und einen Petziball zwischen uns klemmen. Das ist dieser elastische rote oder blaue Gummiballon, auf den man sich sogar setzen kann. Danach, das konnte nicht ausbleiben, mussten wir uns den Ball in verschiedenen Positionen und Variationen zuwerfen. Das ging auch mal daneben. Und da durchbrach ein blitzartiges Lächeln seine gefrorene Miene. There is a crack in everything, that’s how the light gets in… iss schon wieder Cohen-time?

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Engel

Eichhörnchen und Emma Zukunft

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Ausflug

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Marek fotografiert die Wanderboje. Anne programmiert sie. Sie übt Tai Chi mit mir, Marek kennt sich mit Pilzen aus, Anne kocht sie, Marek überspielt mir Musik. Wir bestellen Unsterblichkeitskraut-Tee im Bioladen von Mysliborz und kaufen Honig am Grenzmarkt. Zwei Tage und Nächte haben sie mich auf ihrem Vierseithof in Polen bewirtet, sie sind Künstler und planen eine Ausstellung über die 80er. Damals hatten sie eine Remise in Kreuzberg, in der sie Kunst machten und zeigten. Wie schwer es ist, sich zu erinnern. Dachten wir damals nicht, wie merkwürdig alles ist? Man sprach schon von Flüchtlingskrise, Doppelstaatsbürgerschaft und Endlager. Nico gab Konzerte im Loft. West-Berlin feierte 750-Jahrfeier. Tschernobyl. Ungarn. Was haben wir gemacht?

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Für den Fall der Nüchternheit*

 

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Schrebergarten-Kolonie Betriebsbahnhof Rummelsburg

Gestern hab ich Spekulatius gekauft. Bei Aldi in Lichtenberg. Das Pfund für 99 Cent. Bald ist wieder Weihnachten.

*Almanach der Peter Huth Gesellschaft zu dessen 60. Geburtstag, Berlin 1978
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Hello again

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Es geht auch anders: Rentnerschunkeln beim Konzert von  Khaled im HKW

Hacke, Spitze eins zwei drei. Hello again. Was für ein Scheißsong. Ein ganzes Tape voll. Die Kursleiterin freut sich mit quietschendem Lachen über einen Gutschein von Rossmann, den die Frauen ihr zum Geburtstag geschenkt haben. Immer ist eine jener zwanghaft Netten dabei, die sich um so was kümmert, Geld einsammelt, alle unterschreiben lässt auf der zuvor besorgten Glückwunschkarte. Traust du dich, Nein zu sagen? Die zu sein, die nicht fürs Kinderfest spendet? Aber der Kurs ist gut. Anfang mit Qi Gong Atem, Ausklang mit Jakobsen-Entspannung, dazwischen drücken wir Bälle. Zum Glück nur eine Partnerübung, Rücken an Rücken, meine Partnerin hängt an einer Sauerstoffflasche, den sie in einem Einkaufsrolli lässig mit sich führt. Wir drücken unsere Bälle, lehnen uns aneinander. Rücken an Rücken.

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Baustellen

 

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Am Flughafen Tempelhof werden temporäre Unterkünfte für Flüchtlinge aufgestellt.
Wo aber sind sie (diese ein wenig Flüchtigeren als wir selbst)?
Auch mein Körper wird zur Dauerbaustelle. Nur ohne Neubauten. Am Morgen aufgewacht, als ob eine Dampfwalze über mein Gesicht gefahren wäre. In drei Ärztehäusern werde ich von freundlichen Rezeptionistinnen abgewiesen, bei einem bekomme ich einen Termin für September, im Klinikum ist keine Sprechstunde mehr, statt der Notaufnahme, wo man mich im letzten Jahr deswegen eine Woche an den Tropf hing, therapiere ich mich dann selbst mit lange abgelaufenen Tabletten. Ich setze eine alte Sonnenbrille auf und mache einen Spaziergang. Auf dem Tempelhofer Feld spiele ich Fluglotse und rudere mit dem vor sechs Wochen gebrochenen Arm gegen den Wind.

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Der Neue

 

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Berlin wird auch immer neuer

Teuer war er. Mit dem Neuen im weißen Beutel mit dem Logo des Ladens am Kudamm drauf steig ich am Zoo in die S-Bahn, eine junge Frau setzt sich mir gegenüber. Sie isst hingebungsvoll Fruchtgummis aus einer Tüte, ich seh sie wohl zu gierig an, sie bietet mir welche an. Ich lehne dankend ab, sie fragt, ob ich in der Bahnhofsmission essen war. Hm, ob die dort nett sind, frag ich zurück. Sie sagt, sie mag das ganze Elend nicht. Und die vielen Leute in der Stadt auch nicht, deshalb will sie in den Tiergarten, ins Grüne. Sie steigt jedoch nicht aus. Aber, Sie haben schon eine Wohnung, hakt sie vorsichtig nach. Haben Obdachlose inzwischen Macs?

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Verbinden

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das ist jetzt ein wenig billig als Illu, aber ich sag dafür jetzt nicht extra, wie begeistert ich von diesem Gilchristverband bin, also dieser ziemlich nach rottendem Fleisch müffelnden Latex-Strumpf-Schlinge, in der ich meinen fragilen Arm immer noch verbindlichst gebeugt herumtrage.  Gestern las ich irgendwo die offenbar berühmteste Gedichtzeile von Dylan Thomas:

Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light.

Er schrieb das, als sein Vater sich zum Sterben anschickte. Und das hatte nichts mit  „Go to your Happy Place“ zu tun. Wo und in welchem Kontext ich das las, fällt mir beim besten Willen nicht mehr ein. Aber es hat mich fast so was wie fröhlich, gemacht, weil das ja heißt, dass wütend bleiben ok ist und auch ich gar nicht altersmilde werden muss. Und gleich fühlte ich mich besser, quasi nahezu altersmild. Aber dann hat heute ein „hanswurst90“ ein Foto von mir auf Instagram gelikt und siehe da, statt was zu seiner Identität standen da wieder diese Dylanzeilen. Die einzige Verbindung zwischen uns wiederum ist der Hashtag „Baumschulenweg“.  Wie hat der Alogarithmus das bloß zusammen gekriegt?

ich habe jedenfalls immer noch nicht richtig den Buchblog hingekriegt, aber wenigstens schon mal im Ansatz, sodass er jetzt bespielbar wird. Er heißt schön, aber nicht gerade legasthenikerfreundlich:

http://vogelsspaetlese.wordpress.com.

Dort könnte ich jetzt erzählen, dass ich gerade Robert Louis Stevensons Erzählung „Der Strand von Falesa“ (Jung und Jung,Verlag) gelesen hab, sowie die etwas arg zusammenfantasierte Romanbio über Stevenson und dessen vielleicht echte Schatzinsel vom immer unterhaltsam plaudernden Alex Capus (Reisen im Licht der Sterne, Hanser Verlag). Das macht aber erst dann Sinn im Verbund damit, dass Dylan Thomas am Ende seines kurzen Lebens an einem Stück schrieb, das „The Beach  of Falesa“ hieß.

Das Gedicht von Dylan Thomas geht jedenfalls so weiter:

Though wise men at their end know dark is right,
Because their words had forked no lightning they
Do not go gentle into that good night.

Good men, the last wave by, crying how bright
Their frail deeds might have danced in a green bay,
Rage, rage against the dying of the light.

Wild men who caught and sang the sun in flight,
And learn, too late, they grieved it on its way,
Do not go gentle into that good night.

Grave men, near death, who see with blinding sight
Blind eyes could blaze like meteors and be gay,
Rage, rage against the dying of the light.

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Gefälligkeit

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Gnädig eingeblödet durch massenhafte Painkiller hab ich zum ersten Mal in meinem Leben einen TV-Tatort gesehen. Glotze gucken überhaupt das erste Mal seit Jahren wieder. Im Tatort, der mich Anfänger in mehreren Hinsichten – Machart, Frauenbilder – zum Staunen brachte, lief immer wieder dieses irre schöne Lied „Dans le Silence“ von Martha Wainwright. https://m.youtube.com/watch?v=KAy9AZq1BV0   Nachdem ich es bei youtube gefunden hatte, hab ich den ganzen Nachmittag lang weitere Lieblingskitschsongs gehört. Muss sagen, auch der Logarithmus der playlist war erstaunlich treffsicher. Bin begeistert. Vielleicht macht die Matschköpfigkeit oder die körperliche Versehrtheit mich im Moment so begeisterungswillig? Gerade habe ich gebadet, und oh welch Genuss, welch Luxus, sich in klares, heißes Wasser sinken zu lassen. Bin zB. auch wieder mal begeistert über unser Sozial-und Gesundheitssystem. Im Krankenhaus Friedrichshain organisiete eine Schwester, dass mich nun alle paar Tage eine Haushaltshilfe besucht. Jetzt bräuchte ich nur noch eine Therapie, damit ich solche Hilfen auch annehmen kann, ohne mich innerlich zu winden. Ich weiß, das wird entgolten, das ist ein Job, über den meine Helferin wahrscheinlich froh ist, und meiner ist es eben gerade, hilfsbedürftig zu sein. Wie krank ist das eigentlich, wenn Gefälligkeiten von Freunden anzunehmen oder gar zu erbitten einen schon zum Psycho machen?

Ps: bin total gerührt über Eure Anteilnahme, Danke!!!!

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Gefallen

wer bung

Neulich bei den Mülltonnen…
e“Ich hab eine Nummer,ich bin jetzt ein Fall!“ Die 78jährige Dame im Bett neben mir seufzt belustigt, während sie auf der Fotokopie des Speiseplans im Klemmbrett Schmelzkäse und Kleingebäck ankreuzt. Sie hat eine Platte in ihren Fuß operieren lassen, in zwei Tagen will sie wieder hier raus sein. Ich? Gute Frage. Der Oberarm besteht nur aus einem Knochen. Der ist gebrochend. Glatt durch, kann so bleiben, wird auch wieder zusammenwachsen, Kalauer for free. Aus Schmerzen lernt man nichts.

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Pflanzen, Tiere, Sensationen

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Der Garten sei der Spiegel der Welt, lese ich in einem preisgekrönten Büchlein. Das Paradies, das eingehegte Wilde, die gestaltete Natur. So wie ich mich in ihm und zu ihm verhalte, so bin ich zur Welt. Zwanghaft, pingelig, dominant oder demütig, geduldig, stoisch oder irgendwas dazwischen. Kooperation (mit der Natur) zahlt sich aus, das hat Erfahrung und Evulotion gezeigt. Unter dem etwas großmäuligen Titel „Philosophie des Gärtnerns“ versammelt das Buch des mairisch Verlags – dieser wunderbafe Name entammt dem hessischen Wort für Vogelmiere – dann doch eher bodenständige Aufsätze zu Theorie und Praxis des modernen Hobby-Gärtnerns. Überschriften wie „Learning by Digging“, „Gardening is commoning“ und, ja, „Let it grow“, lassen schlimmes befürchten. Vielleicht dienen die anglizistischen „Skills“ auch nur dazu, die Erdverbundenheit des Handwerks zu entnationalisieren. Man wird jedenfalls in keiner Hinsicht enttäuscht, es geht nicht ans Eingemachte, dafür von japanischen Moosgärten bis zu antikonsumistischen Heilsversprechen der „Selbstversorgung“. Da retten Gelbe Rüben, die auf dem Mittelstreifem der Stadtautobahn gezogen werden, die Menschheit, mit der Angst vor dem Chaos überwinden wir die vor dem Tod und mit Unkraut lernt man,“das Fremde“ zu tolerieren. Super. Auf unseren süddeutschen Latifundien musste ich leider dem Kahlfraßmassaker des Buchsbaumzünzlers mit einem Kahlschnittmassaker des Buchsbaums kontern. Wer Krieg säht…Der Zünsler ist ein unscheinbarer. nachtaktiver Schmetterling, sagen wir ruhig Motte dazu, beziehungsweise seine sehr hungrigen, sich sieben mal verpuppenden Raupen. Er kommt aus Ostasien, wurde 2006 zum ersten Mal in Rheinnähe, Containerhafen?, gesichtet, hat keine Feinde hier und ernährt sich von Buchs. Der ist giftig und der Amsel wird schlecht, wenn sie die gelbgrüne Raupe frisst. Ganze Alleen mit altem Buchbaum- und Heckenbestand in württembergischen Barockgärten sollen ihm schon zum Opfer gefallen sein. Verbrennen soll man den Pflanzenabschnitt! Oder auf Sonderdeponien entsorgen, die nur Mittwochs und Freitags kurz geöffnet sind. Das schaff ich nicht, aber in Plastiksäcke und zuknoten, muss sein. Eingehen sollen sie. Zum Genozid am Zünsler bereit, bin ich auch brutal fremdenfeindlich. Gartennazi, wie das mal in einem deutschen Schlager hieß. Ist doch echr Mist.

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Soziale Plastik (1)

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Früher, ja früher, da rannten keine Horden von alten Leuten in Trainingsanzügen durch die städtischen Parks. Die Alten saßen krumm und entspannt auf den Bänken, genossen den Ruhestand und unterhielten sich. Miteinander, aneinander vorbei, mit sich selbst. Man hielt das Gesicht in die Sonne, vergiftete die Tauben oder machte ein Nickerchen. Heute haben auch wir einen Schrittzähler und platzieren die Pfandflaschen, sofern wir sie nicht schon sammeln. Heute haben auch jene schillernde Funktionskleider aus Astronautenplastik an, die ihre zähen Sehnen und Muskeln weniger bedeckt als betont. Als ob ihnen schon die Haut abgezogen wär. Die jüngeren sehen nur unwesentlich besser aus. Sie haben ihr Smartphone am Oberarm umgeschnallt, dem Rhythmus ihrer schweren Schritte nach hören sie Marschmusik. Jedem das Seine. Ach je, sie kriegen das um uns tosende Oratorium aus Amsel, Drossel, Fink und Star überhaupt nicht mit! Kurz vor Dämmerung ist der Sound so laut, dass ich still im Parkwäldchen stehen bleibe. Symphony for the Angels oder Probe im Orchestergraben. Und der nächste Jogger trabt vorüber. Dieser ist als Wespe verkleidet, er propellort und trägt alamierendes Orange. Warnt er vor sich selbst? Wie kann man bloß so rumlaufen? Sie sind auf dem Laufband, und wir – Baum, Weg, Passant- sind nichts. Wusch, wie ein Feen-Hauch rauscht eine freihändige Radfahrerin vorbei. Jogger im öffentlichen Stadtraum gehören verboten. Dafür gabs früher Sportplätze. Rechts im Bild stehen übrigens Zelte, da wohnen Leute. Links ist die Spree.

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Befreit das Meer

 

imageIst ja nicht so, dass es derzeit keine Gründe zum Protest gäbe. Am 3. Mai fand am Brandenburger Tor eine Soliveranstaltung für den nun schon seit mehrenen Wochen in Istanbul inhaftierte Welt-Korrespondenten Deniz Y. statt. Es spielten junge Deutschrapper aus Berlin und Politrock-Veteranen aus Hamburg auf, aber das historisch wirklich Bemerknswerte war, dass die Aktion zum Tag der Pressefreiehit von taz und Springer zusammen ausgerichtet wurde.

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Von der Fensterbank

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Ach, so ein 1. Mai in Kreuzberg ist schon schön. Von ihrer elaboriert gepolsterten Fensterbank winkt diese Frau den Passanten freundlich zu. Es wird zu selten zurückgewunken. Gewinkt? Huldvoll erteilt sie mir die Erlaubnis, sie zu fotografieren. Ich habe gelesen, dass viele hier alt gewordene „Gastarbeiter“ keine Ahnung davon haben, welche Sozialfürsorgeleistungen ihnen zustehen. In der Bar, wo ich dann dem Gruppenzwang folgend schon am hellichten Nachmittag ein alkoholisches Kaltgetränk kaufe, siezt mich die auch nicht mehr ganz jugendliche Tresenkraft und fragt, was mich offenbar zu Alte hierher verschlagen habe. Später erzählt sie jemandem anderen, dass wer dauernd umfällt. Jeden Tag, und dass sie ihn nicht mehr lange ohne Hilfe wieder hinstellen, aufrichten könne.

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Tresen (2)

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Eben.

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Tresen (1)

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wieso Panik?

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Schon wieder Tag der Arbeit

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Die schönsten Frauen sind am Mariannenplatz beim Feuerwehrdenkmal. Da spielt die kurdische Musik, da säuseln schrankförmige Männer in Muskelshirts live und zart ihre sentimentalen Sehnsuchtsmelodien ins Mikro, dazwischen wummern merkwürdig gruftige Rhythmen vom Band. Die jungen Frauen und Mädchen haben untenrum alle sehr enge Stretchjeans oder halt Leggings an zu Turnschuhen. Oben stecken sie in prallen Lederjäckchen oder schick gebundenen Kopftüchern, alle sind zu stark geschminkt, tragen falsche Wimpern, gefärbte Haare, die vollen Lippen mit violetten Stiften konturiert. Manche machen Freundinnen-Selfies mit goldfarbenen Handys. Nur ihre Handtaschen mit den schillernden Kettengliedgriffen verraten sie.

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hier lang

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Ich seh hier Pfeile: Pelargonium citrosum, die Zitronengeranie, soll durch ihren Citronelladuft Mücken abschrecken. Hier hat sie aber eindeutige Wegweiser aufgetragen, um Bestäubertierchen zu dirigieren.

Während  ich die unverwüstliche Topfpflanze auf meinem Fenstersims bewundere, sehe ich die Ratte. Draußen, drunten im Hof. Sie huscht zwischen Mülltonnen und Buchsbaumhecke herum und kriecht zurück unter die Dielen des Erdgeschossbalkons. Dort wohnt sie, Seit kurzem stehen dort drei Plastikboxen mit Rattengiftködern. Ich glaube, das interessiert die Ratte nicht. Aber seitdem wird sie von uns Hausbewohnern öfters gesehen. Wir begrüßen uns jetzt schon mit einem freundlichen „Sie ist noch nicht gestorben“. Bald hoffen wir das auch.

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Vertilgung

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Es ist ja nicht so, dass ich keine Freude an der kulinarischen Unkrautvertilgung hätte. Was im Garten gnadenlos vernichtet wird, macht mich an Stadtbrachen zur Futterklauberin. Plastiktüten immer in der Handtasche vorrätig. Ein älteres türkisches Ehepaar lässt sich animieren, die Frau probiert ein Stück, das ich ihr reiche, dann pflückt sie selber, ihr Mann mit dem Sprung in der Schüssel grast die Böschung ab und fühlt sich nützlich. In etwas Salzwasser kurz gedämpft haben die Hopfenspitzen einen leicht nussigen Geschmack und erinnern ferne an grünen Spargel, wenn er kratzig wär. Als Deko dienen hier die frischen Blätter des Knoblauchhedderichs, der das aktuelle Wildkraut der Stunde ist und das immer noch wuchernde Scharbockskraut um eine scharfe Note ergänzt. Als nächstes kommt der Sauerampfer. Im Gartengroßmarkt an der Kurve Treptower Park  hab ich Gynostemma Pflänzchen gefunden, das Unsterblichkeitskraut, das ich aus Bangkok importiert als Tee trinke. Muss aber nochmal rein, Nachtfrost ist angekündigt. Drinnen läuft die Heizung,  mir ist sowieso kalt.

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Der Buchleser (2)

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S-Bahnhof Savigny-Platz. „Good night, white pride“ steht auf seinem Sweatshirt. Okwui hat noch mehr Bücher in seinem Rucksack. Als er sie mir zeigen will, fällt seine Bierflasche um.

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Der Buchleser (1)

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Revalerstraße. Achim liest einen biografischen Roman, etwas mit Ägypten. Er wartet auf einen Bekannten.

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April

 

imageDieser April macht seinem TS Eliot alle Ehre. Es blüht wie verrückt und dazu schneits. Im Sauerland hatten sie vorgstern 10 cm geschlossene Schneedecke. Das lässt uns Frostbeulen dankbar die lange Unterhose anziehn, gebietet dem nackten Treiben in der Natur aber keinen Einhalt. Aus dem Garten unserer leicht verwahrlosten Latifundien im Süddeutschen sammelte ich Anfang April mindestens zwei grüne Mülltonnen voll vor Fruchtbarkeit strotzender Ahronsamen und entsorgte knapp eine Million seiner lebensgierigen Miniaturschösslinge auf dem Komposthaufen, die am Folgetag durch eine aus der Reserve rekrutierte Invasionsarmee ersetzt schien. Danach verbrachte ich in Pankow ein meditativ gebeugtes Wochenende auf Knien, um den zierlichen Giersch mitsamt seinem bleichen Wurzelrhizom am und unterm Maschendrahtzaun zur Nachbarin ellbogentief zu entfernen. Jedes Fitzelchen der Pflanze hat alle Erbinfos und den nötigen Schub, ihrer Gattung das Überleben zu sichern.  Den unwirtlichen Samstag drauf verbrachte ich gut geschützt am Grund der mit lachsroten Blüten und Dornen gespickten Zierquittenhecke bei dem Versuch, die spargelzarten Triebspitzen des Hopfens mit Stumpf und Stil herauszureißen, dabei seinen eimergroßen Wurzelknollenknoten zu zerhacken, zu zerstückeln, seine meterlangen gummiartigen Tentakeln im Untergrund zu zerfasern, zu zerfleddern, durchzubeißen, wie Sehnen aus einem  monströsen, gesamtuntererdigen Körper zu ziehen. Dem schien das Massaker nicht das geringste auszumachen. Rekelte aich und schickte vielleicht eine Flotte Buchjecken los. Und Ahorn gibts auch hier. Cruel. Sag ich doch.

PS: The waste land, von,T.S.Eliot, 1922, beginnt so:
April is the cruellest month, breeding
Lilacs out of the dead land, mixing
Memory and desire, stirring
Dull roots with spring rain.

übersetzt von Norbert Hummelt (Suhrkamp 2008):

April ist der übelste Monat von allen, treibt / Flieder aus der roten Erde, mischt / Erinnerung mit Lust, schreckt / Spröde Wurzeln auf mit Frühlingsregen

und hier die wilde Übersetzung von Eva Hesse:

April, der ärgste Monat, heckt
Flieder mit der toten Flur, verquickt
Erinnern und Verlangen, langt
Taube Wurzeln an mit Frühlingsregen.

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Mähen ohne zu muhen

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Das erste Mal ist immer  zu früh.  Dabei fällt dem elektrischen Rasenmäher schon dauernd eins seiner Plastikrädchen ab, weil das Gras an manchen Stellen so fett ist. Die Scilla haben sich noch nicht zurückgezogen, Wiesenschaumkraut gabs gar nicht, um die Vergissmeinnichthorste kurve ich herum. Danach sieht der Garten kurz unglaublich ordentlich aus.

 

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Brennnesseln

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Nee, das wird jetzt kein Foodblog. Andrerseits: Zwei rote Zwiebeln und ein Schnitz Sellerieknolle kleingeschnipfelt in Kübriskernöl angeschmelzt, dazu einen fußballgroßen Beutel Brennnesselspitzen, möglichst frisch geerntet, ein paar Minuten gedämpft, bis die faserigen Stängel weich sind, Salz und Pfeffer dran und fertig. Als Deko drübergestreut etwas Scharbockskraut und wilder Schnittlauch. Eigentlich aber wollte ich einen Buchblog starten. Weil man ja im Kleinen das große Ganze finden kann, schien mir das hübsche neue Büchlein über Brennnesseln das richtige für mein unausgegorenes Vorhaben. Geschrieben hat es der gelehrte Kräutergärtner Ludwig Fischer, die Schriftstellerin Judith Schalanski hat es gewohnt bibliophil mit gezeichneten Abbildungen und farbigem Kopfschnitt gestaltet – die Naturkundenreihe des feinen Matthes &Seitz Verlags, so sagen Neider und Bewunderer, soll ein Erfolg sein. Weil Naturkunde im besten Fall immer Kulturgeschichte ist, kriegen wir in dem handlichen Bändchen über die wehrhaften Utricaceae ein adrettes und fadengeheftetes Sträußchen aus germanischen Legenden und römischen Mythen, Bauernregeln und Sprichwörtern, Ethymolgien, Bibelstellen, Gedichten und Poesiealbenprosa einschließlich literaturgeschichtlicher Irrtümer. Selbst Heiner Müller verwechselte das gar nicht so kratzige Nesselhemd mit dem verfluchten Nessushemd. Weil sie stickstoffhaltige Böden mag, da wo Misthaufen rotten, Männer hinpinkeln und Leichen verfaulen, sucht die wilde Brennnessel seit 30 000 Jahren die Nähe des Menschen, das nennt sich dann Kulturfolger. Die Frau wob feines Tuch aus ihr und wusste schon früh um so „mancherlei Heilkräfte“ des brennenden Krauts. Die fiesen Brennhärchen heizen arthritischen Gelenken ein, Hippokrates empfahl sie als Tee zur Blutreinigung, die Samen knuspere man gegen Lungenleiden, Hildegard von Bingen riet zu Schläfenabreibungen gegen die Vergesslichkeit, und in Frankreich wurde sogar 2002 bis 2011 der private Ansatz und Gebrauch des gärtnerischen Wundermittels Brennnesseljauche verboten. Leider fragt der Autor nicht warum. Der etwas gemütliche Märchenonkelstil sei dem emeritierten Literaturprofessor verziehen, seine Skepsis gegenüber den spannenden neuen Erkenntnissen und Forschungen zur Kommunikationsfähigkeit von Pflanzen (über Botenstoffe, Lichtimpulse, elektromagnetische Felder…) und ihre über traditionellen Aberglauben und Hexenwissen hinausgehenden medizinischen Wirkungen und mindesens mineralischen Kräfte, ist etwas schade. Und dass der 78-jährige Kräuterhobbyologe sich so neumodische Brennnessel-Smoothies mixt, das glauben wir jetzt echt nicht. Trotzdem, ein sehr lobenswerter Einstieg für Neubotaniker.

Ludwig Fischer: Brennnesseln. Ein Portrait. Naturkunden No. 32, Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2017. 167 S., 18 Euro

 

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Monsterfriedhof

Aukrug Monsterfriedhof

German Vodoo: Bastelstunde nennen einige Patienten, äh Klienten, verächtlich oder gleich hasserfüllt die psychologisch betreute Beschäftigungstherapie. Dort wurden sie motiviert, ihre Gespenster, Ängste, Süchte, Peiniger, Verfolger, Traumas in Ton zu kneten. Abbilden, bannen, ausdrücken, wie einen Pickel. Danach wurden die Gebilde auf dem „Monsterfriedhof“ beigesetzt, damit sie dort vom „Zahn der Zeit“ zermalmt, zersetzt, zu Staub zerfallen und unschädlich werden können.
Es muss noch andere Geister hier auf dem Gelände der Reha-Klinik im Tönsheider Wald geben, die den Gästen den Schlaf rauben. Ein Bunker, in dem „gefährliche Substanzen“ lagern, wurde zugemauert. Fledermäuse nutzen den unteridischen Höhleneingang. 1931 wurde die Backsteinanlage im Naturschutzgebiet als Tuberkulose-Sanatorium errichtet. Was geschah danach? Von 1934 bis 1966 war Joachim Hein dort Oberarzt, er hat die Thorakoplastik erfunden, eine Methode mit der man das Kollabieren eines an TB erkrankten Lungenflügels und so dessen Ruhigstellung bewirken konnte. Im Internet finde ich sonst nur den knappen Hinweis darauf, dass das Haus während des Krieges als Reservelazarett genutzt wurde. Und dass es dorteine „Russenbaracke“ für 55 Kriegsgefangene gab, die zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden. Im Wald versteckt gibt es noch einen kleinen Friedhof mit Gräbern von russischen Soldaten, die 1917 fielen, und polnische Arbeiter, Arbeiterinnen und ein Kind in den Jahren 1945 und 46. Das Rätsel unserer schlaflosen Nächte bleibt ungeklärt. Sollte etwa das hier auch betrieben Schlaflabor unsere Nachtruhe rauben?

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Perspektivwechsel

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Kieler Förde

Einfach mal Licht anmachen. Oha, es wurde hell. Auf der Rückfahrt in der Regionalbahn saß mir ein junger, naja im Vergleich zu mir junger Mann gegenüber. Ich sah zwei Rehe übers Feld springen und zeigte aus dem Fenster: Rehe! Der junge Mann, der mich zuvor schon recht unverstohlen angeguckt hatte, beugte sich kurz zum Fenster, verzog sein Gesicht zu einem breiten Lächeln und und sagte, das wusste ich, dass sie das sagen würden Ich guckte verdutzt zurück, dann musste ich aussteigen und verabschiedete mich. Hat er da „schade“ gesagt?

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Totholz

Tönsheide


„Hier dürfen Bäume wieder alt werden und natürlich sterben“. Steht auf einer der zahlreichen, selbst schon etwas verwitterten Schautafeln in meinem derzeitigen Spaziergangswald. Ein morbid verwunschener Zauberwald, der zum Urwald renaturiert wird. Umgefallene Bäume heißen Totholz und bilden Lebensgrundlage für haufenweise andere Organismen. Bechsteinfledermäuse, vier Paare Schwarzstörche, Rotmilane und den Ubu soll es hier geben, Spechte klopfen, Rehe springen herum, Eichhörnchen und Hasen sehe ich und unwegsamen Wege sind von entwurzelten Giganten verbarrikadiert oder von Wildschweinen durchpflügt. In schwarzwassrigen Tümpeln und mit Entengrütze bedeckten Teichen, Matschpfützen und gluckernden Bächen sollen Adonislibellen (rot) und Hufeisen-Azurjungfern und eine Vielzahl an Lurchen und Molchen leben. „Go to your happy place“, so wieder Mathias Enard in seinem dermaßen wunderbaren Orient-Roman „Kompass“ (voriger Blogeintrag), sagt man in irgendeiner amerikanischen TV-Serie, wenn man jemanden in den ewigen Schlaf, in den Tod entlässt. Ist der Himmel ein Wald?

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Watt

 

Büsum

Büsum

„Was man lange Zeit Wahn, Melancholie, Depression genannt hat, war oft das Ergebnis einer Reibung, eines Selbstverlusts in der Schöpfung, im Kontakt mit der Andersheit…“

Aus Mathias Enard: Kompass. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Hanser Berlin 2016. 427 S., 25 €.

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/kompass/978-3-446-25315-5/

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Das ist kein Urlaub

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Morgens um halb zehn auf dem Alex. Niemand stört die Schlafenden. Sind das nun Penner?

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Gemeinsames Vorlesen

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Heute war ich bei einem Shared Reading. Das ist der letzte Schrei, um die Leute zum Lesen und Bücherkonsum zu bringen, kommt aus Manchester oder doch eher Liverpool?, therapeutisch wertvoll, im Knast getestet, und schadet niemand. Wahre Freunde hatten Facilitater eingeladen, das sind Leute, die haben einen Kurs besucht und dürfen jetzt selber Shared Readings  leiten. Es wurde eine Kurzgeschichte von Strittmatter vorgelesen, abwechselnd und mit Unterbrechungen, in denen jeder sagen konnte, was ihm dazu einfiel.  Die Gruppenleiterin, die den Text ausgesucht, fotokopiert und sich darauf vorbereitet hatte, moderierte sehr behutsam. Sie trug genauso viel Lila und Blusenmuster wie ich. Die Lektüreauswahl gefiel uns nicht, der Hausherr, ein renommierter Kleinverleger und Übersetzer, monierte mit diabolischem Understatement u.a. die  falschen Ausdrücke und Metaphern im Text. Die anderen diskutierten angeregt über die Figur des rechthaberischen Alten in der Geschichte. Es gab Kaffee und Tee, Kekse und Kuchen.

 

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Riders on the Storm

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Sie singt eine Arie, Mezzosopran? Ich kann sie nicht fragen, sie hat gerade erst angefangen, die eine Hand am Ohr für den inneren Soundcheck, in der anderen eine Kladde mit Liedern. Ihre kristallklare Stimme hat in der Unterführung am Alex einen perfekten Hallraum, sie kennt sich aus mit Akustik.Die Passanten sind überrascht, überwältigt. Im Nu füllt sich der Pappteller in ihrem Rollator mit Münzen.

Trotzki erlebte es in seinem Exil in Kasachstan als „große Freude, sich vorübergehend  in einen Barbaren zu verwandeln: in freier Luft zu schlafen, unter offenem Himmel Hammelfleisch zu essen, das in einem Eimer zubereitet wurde, sich nicht zu waschen, nicht auszuziehen, also auch nicht anzuziehen, vom Pferd in den Fluss zu fallen.“

Zitat aus Patrick Devilles wundervollem Roman „Viva“, erscheint am 20. März im Züricher Bilger Verlag. Das Buch ist eine fiktionalisierte  Doppelbiografie von Leon Trotzki und Malcolm Lowry, die B. Traven und Frida Kahlo, Arthur Cravan und Tina Modotti und vielen anderenim Riesenrad der Geschichte trafen oder verpassten. Das Leben als Abenteuerrroman. Eine obsessive Recherche des weitreisenden Franzosen, der den Irrsinn der Fakten und Querverbindungen über Chronologien und Kontinente hinweg liebt und die Lücken mit dem Ich des längst darin verlorenen Autors füllt. 100 Sterne.

http://www.bilgerverlag.ch
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Isch over

Die Überschrift dichtete Tom, das Foto ist von Hans Edinger. Nach 18 Jahren im Betrieb sei er zum ersten Mal für ein  selbstgemachtes Foto gelobt worden: Wenn das nicht heroisch, romantisch, dramatisch ist. Es kippt sogar.

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Ersatzverkehr

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Relativitätspraxis: Im Verhältnis zur Geschwindigkeit der Veränderungen bin ich doch eher langsam. Bescheidet ein Aufhebungsvertrag die Aufhebung oder die verragliche Bescheidung? Könnt man a Unterhösle draus schneidern, hieß es bei meiner Großmutter, die mir noch oberpeinliche Unterhosen aus Baumwollgarn strickte, wenn der Himmel einen Fleck Blau zeigte.Ja: ich habe noch handgestrickte Unterhosen getragen. Nach dem Waschen waren sie bretthart und kratzten. Das waren keine Slips, der Zackenlitzengummi klemmte weit oberhalb  der Taille.

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37 Herzen

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foodblog‘

Manche Leute kaufen das für ihre Katze. Aber wie fast alle Rezepte der Armenküche sind gebratene Hähnchenherzen köstlich. Man erstehe also ein Päckchen für ca 1,29 Euro, die abgepackten 400 Gramm enthalten heute 37, was auf ebenso viele wahrscheinlich fies, nein, daran denken wir jetzt mal nicht. Jedes der daumengroßen und auch ein wenig wie ein abgeschnittener Daumen aussehenden Herzen besteht aus feinstem Muskelgewebe, der Schlagaderschnirpsel gibt dem Biss etwas gummiartiges, die daran hängenden Fettpölsterchen lässt man in der Pfanne oder Wok gemächlich  abschmelzen, bis alle Knubbel  rundum knusprig, von mir aus gar und gerne auch fast  etwas zäh sind. Zwei rote Zwiebeln, eine Möhre, eine Scheibe Knollensellerie und zwei Handvoll Spitzkohl oder was gemäß einer weiteren Regel der gehobenen Soweto-Küche sonst halt rumliegt und weg muss. Darunter grobes Salz, schwarzer Pfeffer, Knoblauch schadet nie, muss aber nicht sein, ebenso Kreuzkümmel, Senfkörner, Majoran usw. Nur Chili muss sein, fertig.

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Verstandverleih

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Wie viel wir nicht wissen!  Wie Sandino in einer Hafenbar von Tampico auf B.Traven traf – aber das wollen wir auch nur wissen, wenn jemand wie der begnadete Patrick Deville so darüber erzählt, dass es sich halt wie ein Abenteuerroman liest, den er dann gar nicht schreibt. Ja, ich lese immer noch am liebsten Abenteuerromane. „Viva“ heißt Devilles neuer über Trotzky, Lowry u.a. im Mexiko der Revolution, „Der letzte beste Ort“ von Callan Wink  winkt vom Nachtisch rüber (Suhrkamp, mal wieder, nicht der Nachttisch) mit seinem Wüstencover, bleiches Sand mit Ätherblau. Was für ein dämlicher Gegensatz. Wörter: Verstandverleih (Verleser), Verschwindsucht, Endgerät, Ruhestandsregelung. Transfergesellschaft. Kann ich da überhaupt ohne ein Dünndruckexemplar von Eckhard Henscheids „Trilogie des Laufenden Schwachsinns“ hin? Und ist das nicht alles ein Abenteuerroman, je abgedroschener desto besser“

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Imagine …

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Stell dir vor, du bist dieser Hund. Promenadenmischung, weiß mit Flecken. Es ist dunkel, knapp über Null, Matschwetter, es nieselt. Du bist vor der Automatiktür vom Lidl in der Boxhagener angebunden. Eine ältere Frau streichelt dich. Sie hat zuvor für 78 Cent eingekauft, eine um  30% heruntergesetzte Brotauflage und noch so etwas. Sie braucht beides nicht. Aber den Hund. Der windet sich.

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Im Reich der schadhaften Zeichen

 

imagewährend ich in am Küchentisch Bilder aus dem bunten Detailwahn zusammen stelle, ist draußen der Schnee liegengeblieben. Er hat sich auf die kahlen Äste der Hinterhoflinde gepappt und wie eine Katze über den feuchten Dreck gelegt. Die Nacht ist weiß und hält die Luft an, für mich, mein erster Schnee! Ich fange an, dafür einen Koffer zu packen.

 

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