Ein guter Ort zum weinen

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Die besten  Spaziergänge werden die, bei denen ich mich ziellos voran treiben lasse. Wovon? Mein Plan reicht nur bis zur nächsten Ecke, wo ich die Richtung ändern kann, einen Bogen schlage oder einfach weiter geradeaus gehe. Stehen bleibe, gucke. Bei einem Wohnblock für Betreute gleich hinter der Frankfurter Allee scharren vier Hühner in einem Gehege, im angrenzenden Hof einer Backsteinkirche schreit ein Jugendlicher.

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Hier unten war ich noch nie. Drinnen schon, das Schwimmbad mit seinen olympischen 50-Meter-Bahnen ist mit der Straßenbahn vom Alex aus gut erreichbar, von meiner jetzigen Wohnung ist der „Europasportpark“ nur drei S-Bahnstationen entfernt. Im Juni hätte Massive Attack unter der kreisrunden Stahldachkonstruktion des Velodroms gespielt. Die Radrennbahn soll aus sibirischer Fichte sein. Jetzt knattern eine Handvoll Jugendliche mit ihren Rollbrettern die Betonpisten entlang. Früher, bis zum Abriss 1992 und Neubau für die 1993 abgeschmetterte Olympiabewerbung Berlins, stand hier die 1950 eröffnete Werner-Seelenbinder-Halle, ein auf dem ehemaligen Schlachthofgelände errichteter Konzertsaal für 10 000 Besucher und SED-Tagungsgebäude. Auf dem begrünten Wall um die zwei in die Erde versenkten riesigen Hallen wurden Apfelbäume gepflanzt. Sie kämpfen an gegen den vielspurigen Verkehr auf der Landsberger Allee, vielleicht gegen den Wind aus Sibirien.

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Unten sitzt ein Mädchen und weint, ein junger Mann ist bei ihr. Ihre Rucksäcke liegen 100 Meter weiter in der Kurve aus Glas. Mich tröstet heute nichts. Auf dem Mittelstreifen der Ausfallstraße nach Marzahn blüht Löwenzahn, am Bahndamm Flieder.

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Zwei Sängerinnen auf dem Balkon

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Gänsedistel (Sonchus oleraceus), wäre natürlich essbar

Am Comeniusplatz gibt es eine Menschenansammlung. 50 oder 100 Leute stehen verstreut auf dem Bürgersteig und zwischen geparkten Autos herum, sie schauen alle in eine Richtung. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wärmt die tiefhängende Sonne eine blassgelbe Hausfassade, vom Balkon im ersten Stock kommt Musik. Ein Trompeter – oder ist es Posaune- spielt zu eingespielter Orchesterbegleitung vom Band, das er mit dem Telefon bedient. Der Musiker bläst inbrünstig, sein Lied fliegt weit über uns und verwandelt uns. Puccini und Dvorak stehen auf dem Programmzettel, ein DinA4 Ausdruck ist an die Hauswand geklebt. Abwechselnd singen zwei amerikanische Sopranistinnen, die eine eher schmal, die andere füllig und gelockt, ja sind wir hier im Heftle?, sobald sie die ersten Töne anstimmten, sind beide so dermaßen sofort Sirenengleich da, nicht die mit Blaulicht, sondern jene die Odysseus verführen wollten, sie tirilierten und schmettern, dass keine Amsel dagegen eine Chance gehabt hätte, herzschmelzende Arien zerschneiden die Stille. Alle halten die Luft an, lächeln. Vor dem Späti an der benachbarten Ecke ist eine dezente Schlange, Kaffee gibts keinen. Die blonde Sängerin tritt ab. Wir sind beseelt und treiben davon.

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Yaam Club

Sechs Obdachlose, schlafend, jeder für sich in einer Nische, Nester aus Schlafsack und Decken, niedere Unterschlupfecken, entfernt von allem. Die Gegend ums Berghain ist eine der letzten großen Brachlandschaften im Zentrums. Es ist noch hell, früher Abend, 19 Uhr vielleicht. Sind sie dann spät in der Nacht wach? Einer hat sein Lager neben dem geschlossenen Eingangstor zu Berlins umworbenstem Club aufgeschlagen. Eine Art Bushaltestelle, an der „Wetterseite“ der Behausung sind Pappkartonagen, sorgfältig verflochten, um den Nachtwind abzuhalten. Unter der Andreasbrücke  beim Ostbahnhof zieht es wie Sau. Trotzdem leben einige hier. Ein Müllhaufen aus Matratzen und Deckeln am Ende. Ein Automat, wie ein Relikt aus Urzeiten: 5 Kanülen, ein alkoholisierter Tupfer, 50 Cent. Geht der noch? Manni und Milan sind munter. Wir kennen uns doch? Heiratest Du mich? Ich trink ja nich zum Glück, außer Bier, Milan grinst und zeigt ruinöse Zahnstummel. Hab kalte Hände, sagt Manni. Sie verräumt eine Schnapsflasche aus ihrem Schoß, halb eingemummelt sitzt sie da im lila-grünen Schlafsack, da drin ist es warm, nur morgens, wenn man raus muss, puh, Essen kriegen sie, der Kältebus der Stadtmission kommt vorbei, in die Unterkünfte gehen sie nie, dort sind Asoziale, die stehlen, was? Manni zeigt ihr dickes Buch, ein Fantasythriller, vorne sind Bilder drin.

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Raw

Auch die Partyzone am RAW Gelände ist ausgestorben. Ein Besucher macht Fotos im Schwarz-weiß-Automaten. Ein grauhaariger Pferdeschwanzträger, unterm Kinn eine Maske aus Plüsch mit Elefantenrüsselapplikation, hoho, spricht mich an. Ich würd wohl auch spazierengehen? Er hat einen süddeutschen Akzent, wahrscheinlich völlig vereinsamt der Mann. Mir ist nicht mehr nach Konversation. Der alte Boden aus Schienen, Platten, Pflastersteinen, abgeplatztem Aspahlt, verschorftem Belag, erzählt Geschichten von früher.

 

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TXL

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Das wird jetzt echt hardcore. Bei Flughäfen sind wir in Berlin sehr sentimental. Ich sag nur Tempelhofer Feld, Volksentscheid, Lerchenwiese, Rosinenbomber, Zen, so.  Jetzt ist der nächste dran. Im Mai noch soll der Flughafen Tegel schließen, vorübergehend, sagen sie, aber es sieht überhaupt nicht so aus, als ob er jemals  wieder aufmachen würde. Der einmal für 2011 angekündigte BER, da hieß er noch Willy Brandt Flughafen, wie verschwand dieser Name eigentlich?, der sei jetzt quasi fertig und könnte ab Herbst den Betrieb aufnehmen. In der Zwischenzeit, für die verbliebenen knapp Dutzend Flüge am Tag mit 1% der früheren Fluggäste, geht, wie eigentlich immer, Schönefeld. Dort fährt sogar die S-Bahn hin.

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Demontage vonTXL

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Auf dem Rückweg spazier ich um den Plötzensee. Am Bootsverleih verscheucht mich die kurzärmelige Betreiberin, aufs Geländer stützen nicht erlaubt, Kaffee gibts auch keinen. An der Schleuse sitzt ein Mann mit gefärbten Locken, neben ihm hängt eine Angel in den Kanal, ein angebrochener Beutel Toastbrot, eine goldene Lautsprecherbox, die Flasche Wodka dreiviertel leer. Er macht Platz für mich auf der Bank, bietet mir einen Schluck an, zeigt Fotos von sich auf seinem Telefon. Mit Sonnenbrille und Manta, Mafia, sagt er und lacht beschädigt. Mehr Fotos. Sohn erwachsen, eine Freundin, mit Laube, Marzahn. .

Gellendes Kindergeschrei. Die Quelle ist ein zorniges schwarzhaariges Mädchen, das sich  halbherzig angeschnallt  im Buggy windet. Der junge Vater gibt dem Schreikind sein Telefon, auf dem hat er einen Kindercomic  eingestellt, die Mutter fast voll verschleiert, scheint bloß froh zu sein, dass sie hier in der Weite des Volkspark sind. Für Lili ist es überhaupt erst der zweite Regen. Sie ist sechs Wochen alt, ihr faustgroßes Gesichtchen rosig verschrumpelt, sie liegt in einem Tuch eng um den Oberkörper ihrer Mutter geschmiegt. Die sitzt breitbeinig und abgesehen von zwei Umschlagtüchern in Unterhose auf dem Boden am Seeufer, zwei verklemmte Migrantenjungs in Kapuzenjacken lümmeln zu nah um sie herum. Nein, sie braucht keine Hilfe, sie friere nicht, sie schwimme hier. Auf dem See rudert eine Geburtstagsgesellschaft vorüber. Opa singt.

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Der Sprit ist billig wie vor 20 Jahren, im Volkspark Rehberge wächst wie überall gerade die Koblauchsrauke, neben der Gedenkstätte für die „zentrale Hinrichtungsstätte für den Vollstreckungsbezirk IV“ (durch Hängen, wikipedia hat Details) poliere ich die von Taubendreck zugeschissene Motorhaube meines Autos. Wahrscheinlich werd ich jetzt verrückt. So weit ok.

 

 

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In Mitte ists doch auch ganz schön

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Mittwoch vormittag am Alexanderplatz

Vor dem rosafarbenen Bunker von Alexa, der ästhetisch gewagtesten Berliner „Shoppingmall“ am Alexanderplatz, sind weinrote Abstandshalter-Marken auf den Gehweg geklebt. Breitschultrige Türsteher stehen wie vergessene Wellenbrecher vor der gläsernen Pforte herum, die erhofften Konsumentenorgien bleiben aus. Die Mall am Frankfurter Tor war bereits  Wochen vor der „Krise“ halb entmietet und schloss abends schon um Acht. Auch am Alex ist die Schlange nicht vor der Mall mit den immer gleichen Kettenläden, sondern, ganz zivilisiert und fast unscheinbar, vor einem Geschäft für Stoffe und Nähbedarf in den U-Bahnbögen. Nirgendwo, in keiner der gerade erst wieder eröffneten Sportklamotten-Designer-Vintage-Fake-Boutiquen-Schaufenstern zwischen Friedrichstraße, Hackeschen Markt und Alex sehe ich Masken. Es trägt auch so gut wie niemand eine, die Verkäuferin im Asia Shop hat ihren schwarzen Mundschutz selbst genäht, nach YouTube, die Bändel sind alte Schnürsenkeln.

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Im Garten der Parochialkirche steht ein Zürgelbaum, er ist 90 Jahre alt, der Celtics occidentalis L., meist in den Tropen vorkommend, sei winterhart und „sehr widerstandsfähig gegen alle Krankheiten“, steht auf einem Schild an seinem Stamm. Ist die Vorstellung eines jungen schönen Todesengels, der einen sanft ins Jenseits begleitet, nicht eigentlich heidnisch? Efeu liegt wie dicke Kissen auf fast 200 Jahre alten Gräbern. High Noon, das von einem Mäzen restaurierte Glockenspiel bimmelt, in der „Letzten Instanz“ nebenan waren wir mal Eisbein essen. Die Ruine der Klosterkirche strahlt wie frisch poliert im hellgrünen Himmel, im eingezäunten Innenraum blinken neonfarbene Wortfolgen auf einem Laufband, stotternd archaischer Teletext, wird Kunst sein, Dichtung. Die dadaistisch kryptischen Sätze  – das muss man anderswo nachlesen –  sind  „Werbe Texte“ für den Alchemisten Leonhard Thurneysser, der hier, ganz früher bei den Franziskanern, eine Druckerei und eine Wunderkammer betrieb und seine Erkenntnisse gerne in Rätselreimen verschlüsselte. Verstehe das der Vogelkundler. Die „Besseren Alchemisten“ dieser „Unfinished Histories“  sind Monika Rinck und der Dichter Haytham El-Wardany, „How to Disappear“, noch mehr schöne Worthülsen. Grad lese ich, dass eine Pflanzenerkennungsapp derzeit der Downloadrenner ist. Versteh ich besser.

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An der Mühendammschleuse liegen Schiffe vor Anker, unter der S-Bahnüberführung  Jannowitzbrücke Schlafsäcke, ein Rollstuhl. In der Spree treiben gelbe Blütenblätter, unter dem klaren Wasser bemooste Steine, schlammgrüner Pelz, sachte bewegt, oben schwimmen aller Seelenruhe fünf Karpfen, oder Zander?, groß wie 2 l-Colaflaschen. Der neue Arzt zweifelt angesichts meiner unterirdischen Luftwerte am Messgerät oder an meiner vorgeblichen Fitness. Zwei Stockwerke, sagen Sie? Er heißt fast genau wie ein irakisch-kurdischer Schriftsteller, aus dem Wedding beide, er kam aus Treuenbrietzen  und verschreibt mit was bissl stärkeres. Darauf geb ich dem stoppelbärtigen Raucher auf der Bank in der Sonne neben mir gleich einen doppelten aus. Und steige Treppen hinunter und hinauf. Aus dem menschenleeren U-Bahnhof Klosterstraße hallt das Lied eines Straßenmusikers. Seit 1913 leuchten auf den Wandkacheln die babylonische Palmen aus König Nebukadnezars Palastgarten. Ich erinnere mich an eine Kunstaktion (1994), bei der hier zehn unterschiedlich gehende Bahnhofsuhren an Pendeln schwangen. Die Aktion musste abgebrochen werden, weil die Bahnmitarbeiter davon ganz rapplig wurden.

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Klosterstraße

 

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Im Luftraum, 20. April 2020

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Halle Luja, Notübernachtung am Containerbahnhof

Ja, saudoofes Datum. Ein Montag. Grünanlagen, Uferwege, Stadtparks, alles voll, Jogger, Radfahrer, Spaziergänger, mit Kindern, in Buggys, Gepäckträgern, Anhängern, auf Kinderrädern, die Wiesen belagert von Gruppen, Jugendliche im Dutzend auf Decken, Picknick, Biertrinker auf Bänken, niemand schert sich um Abstand, einer von 800 könnte es der offiziellen Statistik nach haben, da wird durchseucht was geht, niemand mit Maske, fast keine Solo-Alten unterwegs, ein Flaschensammler. Eine Sprühflasche Desinfektionsmittel am Schaufenstertresen der Pizzeria, immerhin. 

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An der Hauptstraße, Rummelsburg

Ein blaues, ein rosanes und ein backsteinernes Haus zwischen Ausfallstraße und Bahndamm, Zäunen hegen Gärten mit kleinen Beeten ein, auf den Klingelschildern alles vietnamesische Namen. Hinter Gleisen die Eisenskelett-Ruine eines Gasometers. Oder Lokschuppens.

 

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Saganer Straße

Auf einer abgesperrten Brache ein halbherzig im Gestrüpp verstecktes Zeltlager, Männer, Musik. Haben alle Männer jetzt Freizeit? Stehen am Grill rum. Und wo, abgesehen von den joggenden Muttis an der Uferpromenade, die einen Buggy schieben und dabei am Telefon Termine besprechen, wo sind die Frauen? Arbeiten die alle? Zuhause, in Supermärkten, östlichen Dörfern?

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Seit die Luft so klar, der Himnel so blau und die Kirschbäume so irre blühen (im gegenwärtigen Dystopie-Jargon es ist schon die Rede von „Angstblüte“, weil die Bäume gestresst seien), seitdem es im Luftraum so still geworden ist, stören uns die Nachbarn. . Was auf der Einflugschneise nach Tegel an Lärm wegfällt, kompensieren die Mitbewohner im Stockwerk drüber mit Musikgedröhn, dünn sind die Wände und dumpf bis zur Beleidigung das Programm. Auch am Stadtrand ist der Frieden vorbei. An Rasenmähmaschinen und martialischen Kreissägen kämpfen die Männer der Nachbarschaft alle im Baumarkt wahrgewordenen Heim- und Gartenwerkerträume aus. In meinem paradiesischen Schrebergarten bin ich nach ein paar Stunden juchzendem Kindergeschrei hinter der Hecke kurz vorm Amoklauf. Gibt es jetzt etwa auch weniger Singvögel?

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Viele Amseln hat es seit 2011 erwischt. Das Usutu-Virus kam aus dem Süden hier an, Stechmücken übertragen es. Jetzt verbreitet sich unter Blaumeisen eine neue Killer-Infektion, ganz wichtig sei, die Vogeltränke täglich mit Essigwasser zu desinfizieren. Und Einweghandschuhe. Das mit dem Plastikmüll ist gerade nicht mehr so wichtig.

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Köpenicker Chaussee

 

 

 

 

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Immer noch Sonntag

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Risikogruppe, Stralauer Halbinsel.

Zum „Sonntag der Tränen“ ernennt Papst Franziskus den heutigen. Man soll jetzt Tagebuch schreiben, sonst könne man im Nachhinein nicht mehr glauben, was in so rasendem Tempo bei gleichzeitigem Stillstand des öffentlichen Lebens passiert. Friedhöfe haben wieder stundenweise geöffnet. Auf dem in Stralau hantieren zwei Männer in weißen Seuchenoveralls an Kisten hinter einem Schuppen. Leichen dürfen derzeit nicht gewaschen und angezogen werden, erzählt ein Bestatter im Radio. Die weißen Männer sind nur Stadtimker. Ramazzotti macht jetzt Handdesinfektionsmittel mit Orangenroma. Russland schließt Parks und die Außengrenzen. Südafrika verbietet Bottlestores, dabei weiß jeder, dass der Virus von Weißen eingeschleppt wurde. Der Bürgermeister einer nordfranzösischen Stadt lässt alle Bänke abmontieren, Lufthansa meldet Kurzarbeit für 31.000 Beschäftigte bis 31. August. Auguhust! Als Online-Junkie freue ich mich täglich über all die schönen kleinen, die verzagten, besinnlichen, banalen, traurigen, trotzigen, ratlosen, wütenden usw. Alltagsgeschichten vieler Bloggerinnen und Blogger. (Die links zu den von mir gelesenen Blogs, der blogroll „Andere besuchen“ hier am Rand, ist leider bislang nur automatisch erstellt.) Im Garten übernachtet, saukalt, unerlaubtes Feuer auf dem verrotteten Grill, mit Bettflasche himmlisch geschlafen, zum Glück blühen Pfirsich-, Kirsch-, Zwetschgen-, Apfelbäume noch nicht. „Der Emil“ aus Halle notiert täglich drei Sachen, die positiv waren: 13 Stunden Schlaf, steht da heute. Gewaschen, gebügelt, geflickt. Der österreichische Residenz-Verlag lässt seine Autoren jetzt auch Tagebuch bloggen. Nicht ganz so gut wie hier in Kleinbloggersdorf. Reisen durch mein Zimmer sind das neue Feuilletongenre (Deutschlandfunk). Zeitungen  laden Schriftsteller ein, den Blick aus dem Fenster zu beschreiben oder den Spaziergang um den Block zu literarisieren, Flaneur goes Gassi. Das geht umso schiefer, je bedeutsamer sich die Autoren empfinden, wird schon mal peinlich (Richard Ford in der faz-Reihe „Mein Fenster zur Welt“) oder gleich pathetischer Kitsch („Journal in Zeit der Pandemie“ in der Süddeutschen, uarrgh). Beliebt ist auch das Regal der ungelesenen Bücher als Bühne für narzisstische Angeber, ja klar, Bücher empfehlen, nehm ich mir auch dauernd vor. Lapidare Alltagsethnologie ist halt nix für Großmäuler. Man könnte auch gute Nachrichten sammeln: Portugal verleiht allen Migranten, Asylsuchenden und illegalen Einwanderen temporär Aufenthaltsgenehmigung und  Rechte auf Sozialleistungen , Obdachlose ziehen in Hotels in Mainz oder Frankfurt oder Paris, in Berlin bietet ein Hostelbesitzer an der Warschauer 400 leeren Betten an. Weil ihm der Easyjet-Mob abhanden gekommen ist, unterstellt man ihm Geschäftemacherei, so what? Während bei uns Adidas und Konsortien mit gutem Beispiel für alle kleinen Läden vorausgehen und ihre Mietzahlungen einstellen (der Steuerzahlerstaat wird’s richten), vernetzt ein nigerianisches Buchungsportal jetzt Hotels als mögliche Quarantäneorte, ein Startupunternehmen macht ein Register von Kliniken und deren Ausstattung – und listet 100 Beatmungsgeräte in ganz Nigeria auf, in Indien werden stillstehende Züge zu Quarantäne-Abteilen umgewandelt, der chinesische Internetriese Alibaba sponsert medizinisches Material für Afrika,  eine Firma, die zuvor iPhone zusammenschraubte, produziert jetzt Gesichtsmasken, afrikanische Straßenhändler in Spanien nähen welche, die deutsche Unterwäschenfirma Trigema und Chanel auch. Kreative Arbeitsbeschaffung oder nur gute PR? Kapitalismusbashing wirkt grad auch irgendwie schal. Klaus Wowereits Ehemann,Neurologe, 54, ist an C. gestorben.

Autoren im Residenzverlag

Carolin Emcke in der SZ

tex Rubinowitz im Standard

Richard Ford in der faz

Katarina Poladjan im Deutschlandfunk

Marlene Streeruwitz

Corona Tagebücher Literaturhaus Graz

Rotbuchblog

 

 

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Bügeln übermorgen

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Harper Lee: Wer die Nachtigall stört

Wir sind ja privilegiert. Heimarbeit, Kontaktminimalismus, splendid isolation, social distancing, ist hier schon lange. Einkaufen eh nur das Nötigste und das wird immer weniger. Obwohl. Was wär, wenn ich jetzt mal jeden Abend mehrere Flaschen Bier und Wein, Sherry, Rum oder, warum nicht, Whisky, Gin und Tonic brauche? Könnte ich dafür meine Nachbarn im Haus oder Freiwillige von nebenan.de einspannen, vermummt zum Späti schleichen oder besser einen anonymen Lieferdienst, der auch noch fair zu seinen Sklaven ist? Wie lange kommt der? Gabs da nicht grad die ersten Lieferandolo-Fake-Betrüger? Die Berliner Sozialsenatorin sucht nach Häusern, um Obdachlose zur Quarantäne unterzubringen, Nachschub für Suchtkranke zur „kontrollierten Drogenabgabe“ sollen dort erfahrene Sozialarbeiter besorgen. Meine Verlotterung schreitet rasend voran. Verwahrlosung, sehenden Auges wahrgenommen, lass ich mich gehen, mit ausgebreiteten Armen fallen, runter sacken. Da muss man ganz unten durch. Dieser Sonntag ist nicht der erste in dieser Woche, den ich ungewaschen im Schlafanzug verbringe. (Getting dressed for the livingroom.) Es gibt Linsencurry mit Brennnesseln, Basmati und Wildkräutersalat. Bei den Spaziergängen der letzten Tage habe ich so viel gesammelt, Scharbockskraut von der Wiese neben dem Friedhof auf der Stralauer Insel, auf dem D. liegt, dessen Witwe … die Stadtverwaltung schliesst 46 Friedhöfe, wegen Versammlungsverbot -, Wunderlauch aus dem Plänterwald, Brennnessel, Schnittlauch, Knoblauchsranke, Vogelmiere… dann alles im herrlichen neuen Mixer püriert und portionsweise  eingefroren, Pesto-Basis bis Herbst. Gestaubsaugt, Tiefkühlfächer geputzt. Die tauenden Klötze an Sauerkirschen vom letzten Frühjahr heb ich bis morgen auf mit einmachen. Bügeln vielleicht übermorgen, haushalten mit dem Haushalten. Zeitvertreib einteilen, Heimarbeit aufsparen. Haushalt, Haus halten, Hausarrest, unterhalten. Fängt es so an im Oberstübchen? Schon kursieren Wohnungsgrundrisse als Wanderkarten, Gänge zwischen Tisch und Fenster werden vermessen, Bett, Bad und Wasserkocher die Knotenpunkte eines Verkehrsnetzes. Romantipps zu berühmten Reisen im Zimmer (Xavier de Maistre, Reise durch mein Zimmer von 1794, Karl Markus Gauß, Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer, 2019). Zwei Schritte zum Kühlschrank. Wohnungen als Forschungsinseln, Erinnerungsschubladen, Milchkännchengeschichten , Desert Island Discs, Durst-Express.

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Stalinallee am Samstag

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„Gabenzaun“: Nachbarschaftshilfe für Obdachlose oder wie man das alte Winterzeug los wird und dabei noch Karmapunkte sammelt

 

Am Samstag war die Stalinallee voll. Wenige Autos auf der in jede Fahrtrichtung vierspurigen Magistrale, dafür so viele Spaziergänger wie selten zuvor. Die für menschliches Maß völlig überdimensioniert breiten Bürgersteige erlauben das Flanieren, Joggen, Radfahren, Kinderwagenschieben im jetzt verordnetem Abstand. Auch für Tische, Stühle und Strandkörbe der Restaurants und Cafés ist genügend Platz, aber die waren bis auf wenige geschlossen. Auf jeder Bank reckte eine einzelne Person   ihr Gesicht in die gletscherklare Sonne. Kleinfamilien und Pärchen verliefen sich. Am Strausberger Platz blühten Osterglocken. Eine Amsel sang angeberisch. Im Grünstreifen wuchs wilder Schnittlauch. Ein Kind kickte einen Stein.

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Stalinallee (gebaut 1961/62), Karl-Marx-Allee, Frankfurter Allee

 

 

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Gassi gehen?

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Der Bankberater spricht. Alle hören zu. Außer mir. Friedrichshain, Tage vor der Ausgangssperre.

Die Straßen sind voll, die Supermärkte eh, viele Leute sitzen zu nah beeinander in den immer noch offenen Cafés. Auch ich hab Lust, ein Bier vor dem Späti von Cemal zu trinken, im Penny gegenüber sei das inzwischen ausverkauft, sagt der Alevit mit seinem immer so lieb verschmitzten Lächeln. Der anbrandende Frühling, die drängend wärmenden Sonnenstrahlen werden es schwer machen, zuhause zu bleiben. Wie wird das mit dem Spazieren gehen werden, dem Hund, so da, ausführen? Blumenerde scheint noch nicht ausverkauft. Wer jetzt keinen Balkon hat, wird lange leiden. Und vielleicht wieder mehr Blogs schreiben. Immerhin scheint die mit großer Sicherheit kommende Ausgangssperre das zusehends einschlafende Bloggersdorf wieder etwas zu reaktivieren. Viele beginnen nun ein Coronatagebuch, um sich einmal an das zu erinnern, was eine Woche zuvor noch undenkbar war. Viele schreiben, dass wir spannende Zeiten erleben. Teilnehmen können wir daran aber demnächst wohl nur noch medial. Hoffen wir, dass das sicher bald völlig überlastete Internet und Telefonsystem nicht zusammen bricht.

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Spazieren gehn geht noch

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man sollte ja jetzt wieder mehr über Bücher schreiben, oder zuerst welche horten, solange die Bibliotheken und Buchhandlungen noch offen sind. Seit einigen Abenden freue ich mich an Laurie Lee, dessen Buch ich allein wegen seinem schönen Titel bewahrt habe. „An einem hellen Morgen ging ich fort“, ein Reisetagebuch seiner Wanderung als 21 jähriger Mann durch Spanien in der Vorkriegszeit 1935/36, publiziert 1969, wiederveröffentlicht 2016 im Wiener Milena Verlag. Mit einem Nachwort des immer inspirierenden Robert Macfarlane. Der junge Engländer wandert, wie sein Landsmann Patrick Leigh Fermor kurz zuvor, ab 1933 durch ganz Europa, als Vagabund mit leichtem Gepäck durch ein sonnenverbranntes, sturzarmes Spanien der Arbeitslosen und Hoffnungslosen, verdient sich manchmal ein paar Groschen mit seiner Geige als Straßenmusikant, schläft auf Feldern und in Billigpenssionen, gesellt sich zu Landstreichern, am liebsten aber streunt er allein durch die herben Landschaften der Sierras, der Weizenfelder bis zum Horizont, steigt über Gebirge und sieht zum ersten Mal das Meer. Ein träumerisches Buch, voll melancholischer Leichtigkeit, aus einer Zeit, in der europäische Grenzen noch kaum ein Thema schienen. Bis auf Gibraltar, da bekam der Brite sicherheitshalber eine Pritsche in einer Gefängniszelle zugewiesen, mit Speck- und Spiegeleifrühstück. Tagsüber hatte er freien Auslauf in der merkwürdig nebelverhangenen Enklave.

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Hallo, wie gehts’n so?

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Metropolis

Vorhin sah ich Michael in einer Ausstellung auf einem Foto. Daneben hingen Fotos, die er  gemacht hat. Er ist einer der Obdachlosen, die von einem Projekt der Projekt:Kirche mit einer von 42 Einwegkameras ausgestattet worden war, damit er seinen eigenen Blick auf seine Welt zeigen möge. Zur Eröffnung  gibt es Bionade und Salzstangen. In eine durchsichtige Box soll man spenden für die Kältehilfe der Stadtmission am Containerbahnhof. (Die kriegen Staatsknete.) Die Scheine knüllen sich in der Kiste wie bei einer thailändischen Mönchsbeerdigung. Michael ist nicht da. Wusste keiner, wo man ihn erreichen kann? Ist er erreichbar? Wo ist er? Nicht viele der Straßenfotografen  waren da. Sibylle ist verstorben. Der „Engel mit einem gebrochenen Flügel“ war da, gebeugt, immer noch elegant im Mantel und  Jackett. Dann sprachen total sympathische Leute auf einem Podium, Eine las ihre Dankesansprache vom Telefon ab, ihre kleinen Kinder gaben derweil keine Ruhe, die andere hatte eine Klappmappe für ihre Notizen, die sie auf einem Manuskriptständer befestigte und war auch ziemlich aufgeregt, ein bisschen wie aufm Land, in der Scheune eines von jungen Architekten für den Eigenbedarf gentrifizierte Hinterhof-Ensembles aus rohem Backstein. Die coole Anwältin und Grünen-Politikerin mit Migrationshintergrund sagte kluges  Lokalpolitikerzeugs, die Moderatorin brabbelte unbeholfen von Würde zurückgeben (?) und „Arbeit am Menschen“, der noch rechtzeitig gerettete junge Obdachlose begann zu erzählen und wollte nicht aufhören, die rosige Obdachlosen-Fotografin zupfte an ihren zu engen Bekleidungsstücken und betonte, wie total toll es sei, wenn wir alle mal mit einem Obdachlosen reden würden. Hallo, wie gehts’n so? Scheiß kalt heute, nich?  Und wenn der Obdachlose davon genervt ist, dass jetzt lauter erleuchtete, vegane Hipster ihn in einen kumpelhaften Schwatz verstricken wollen? Wenn er keinen Bock auf „kreativen Flow“ und Smalltalk hat und hier hockt und bettelt, weil er keine Beziehung eingehen kann oder will? Sobald es ins Kulturelle kippt, wird das ganze Gutmenschensein unerträglich. Ein dermassen krass woker Sozialarbeiter, blonder Dünn-Dutt, Hoodie, Asientrip-Armbändchen, so was von spitznasig vegan translucent und Yoga macht er sicher auch, lächelte heilig und redete aufrichtiges Gutmenschen-Blech. Am Schluss sollten wir unsere Sitznachbarin nach ihrem  Namen fragen und über eine vorgegebene Frage kommunizieren … nee, das ging echt zu weit.  Zum Glück passen die Fotos des zuvor erlebten  Kitschwolkenspaziergangs mit S-Bahnfahren nicht zum Text.

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Ah Berlin! Ostbahnhof Richtung Warschauer Straße

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Schmetterlinge aus Asche

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Halt in Laingsburgh in der Karoo, die Lok hat schlapp gemacht, wir können zum Laden und kaltes Wasser, Kekse und Biltong nachkaufen, nach ein paar Stunden gehts weiter.

Die weißen Schmetterlinge sind zurück. Es heißt, sie fliegen nach Madagaskar. Dort sterben sie dann. Wie Blütenblätter lassen sie sich auf den Dornbüschen der Karoo nieder, sie sitzen auf den Drähten, mit denen die Farmer ihr dürres Land eingezäunt haben, sie wehen bis nach Johannesburg in die von Migranten ohne Arbeitserlaubnis bewässerten Gärten der Weißen, sie wirbeln wie Flocken seiner Asche durch das Flirren der Hitze, tänzeln schwerelos über der staubig roten Erde. Warum wurde er nicht in ihr begraben? Das silberne Rad einer Windmühle ragt aus einer grünen Busch-Oase in den transparenten Himmel. Eine Postkarte der Verlassenheit. Alles Land ist eingezäunt. 1913 machten die Weißen ein Gesetz, den Landact, der sie berechtigte, alles Land für sich zu reklamieren. Die entschädigungslose Enteignung der Einheimischen wurde legitim. Könnte man dieses Gesetz und den durch es legitimierten Diebstahl heute nicht einfach wieder zu Unrecht erklären?

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Zäune bis zum Horizont, alles Land ist in Privatbesitz, für die paar Schafe oder Rinder der Farmer, es könnten ja irgendwann Diamanten oder Gold gefunden werden.,

Elfenbeinweiße Röschen  neben dem Schotter der Bahntrasse. Shrub. Gestrüpp, niedrige Büschen, wie hingeworfen über der harten Erde, Monate, Jahre können sie der Trockenheit trotzen, doch einmal dann blühten sie plötzlich, nach einem Regenguss, in dem wir in einem plötzlichen Fluss stecken blieben, da färbten sie die Karoo rosa, blasslila und sternleuchtend gelb mit ihrem Meer an winzigen Büten. Wieso Meer? Potfontain, Hopetown, De Aar, Wildebeest. Sind die bis zum Horizont und darüber hinaus reichenden Zäune gegen wilde Tiere? Sollen sie die Handvoll Schafe oder Rinder vor dem Ausbrechen ins Nichts hindern? Ausgebleichte Knochen liegen manchmal am Rand. Wieviele Landarbeiter braucht es, um diese endlosen Maschendrahtzäune, oft elektrisch geladen mit einer Solarzelle, so ordentlich Instand zu halten? Wohnen die dann in den knastartigen Hütten, wo es außer der erbarmungslosen Sonne nichts gibt? Haben sie Strom? Reicht ihr Sklavengehalt, um den zu kaufen? Haben sie einen Kühlschrank? Im Durchgang zu den Waggons der Sitters, der Sitz- Klasse, in der man keine Liege zum schlafen hat wie wir in der ausschließlich von uns Weißen gebuchten Touristen-Klasse, stehen fünf Farbige, dünne junge Kerls, die mich auf Afrikaans und halbstark grinsend um ein Bier anhauen. Alkohol war in den Townships geduldet, das macht die Birne matschig, Betrunkene begehren nicht auf. Dazu gab es Shebeens, informelle und illegale Kneipen in den Shacks, in denen zunächst selbstgebrautes Maisbier ausgeschenkt wurde, später das des staatlichen Brauerteimonopols, und Schnaps.

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Three Sisters. Wie haben die hier in dieser Mondlandschaft überlebt? Je näher wir unserem Ziel, Kapstadt, kommen, desto unwirtlicher wird  das Land, die Karoo ist Steppe, Halbwüste, flaches Land, steinige Berge erheben sich daraus, schwarzer Granit, schillernder Basalt, scharfkantiges Geröll, unbewohnbare Mondlandschaften. Diese zarten Schmetterlinge zwischen plötzlich grünen Bäumen an ausgetrockneten Flussbetten, gelbe Steinhaufen, silbergrau die kaum den Boden bedeckenden Dornenbüsche. Ein angetrunkener Bure, so ausgemergelt wie das Land, das ihn nicht reich gemacht hat, zetert im Zugrestaurant herum, weil der Zug Verspätung hat -, sechs Stunden nun?- und er nicht mit Karte bezahlen kann. Schrunden, wo nach Bodenschätzen gegraben wurde, aufgegebene Hoffnungen vernarben hier nicht in ein paar Menschengenerationen, Löcher, aufgerissene Haut der Erde, Ruinen verlassener Ansiedlungsversuche bleichen wie die Knochen verendeter Tiere in der Sonne. Und dann am Ende des Kontinents der Atlantik, unbarmherzig das Licht, brutal der Wind, ein Teppich aus glitzernden Muschelschalen, Sonne, die alles verbrennt.

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Melkbosstrand, nördlich von Kapstadt, im Hintergrund der Tafelberg mit Tischtuchwolke.

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Ausgeträumt

 

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Exit

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Keine Worte gerade. Das ist die Karoo. Exit steht auf der Tür des Zuges, der uns in zwei Tagen und Nächten von Johannesburg nach Kapstadt fährt.

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„An den Tod gewöhnen wir uns nie“. Chantal (rechts) hat ihren kleinen Sohn verloren. Sie möchte einen Flachmann Gordons, ihre Freundin Latiche nimmt ein Lager Light. So langsam der Shosholoza Zug durch die heiße Landschaft zuckelt, so schnell sind wir beim Existentiellen. Und keine zwei Minuten nach den Getränken gesellen sich zwei weitere durstige Frauen dazu. Die eine ältere Matrone hat kupferrot gefärbte Haare und schüttet sich erst Mal das übrige gebliebene Tütchen Zucker in die Hand.

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Der Wind blies weißen Sand von den Abraumhalden der Goldminen auf die Township. So nannten die Bewohner ihren Ort White City.

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An der Bucht

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Die Roma sind weg. Nur eine ältere Frau in vielen Röcken und Jacken eingepackt hockt an einem Feuerchen. Ihr Mann mit Ohrenklappenmütze schiebt einen beladenen Einkaufskarren durch den Dreck, vielleicht sind noch ein paar Verwandte unterwegs bei der Bettelarbeit. Die notdürftigen Behausungen sind verlassen, durch die Türverschläge aus Brettern, Latten und Planen sind Matratzen und gammelige Decken zu sehen. Vor manchen Eingängen liegen Teppichreste, die während der Besiedlung von den Frauen wie Vorgärten sauber gefegt wurden. Auch die Hoodies aus Trebegängern und jungen Obdachlosen im Lager daneben hocken auf Kisten und Planken um zwei, drei kokelnde Feuerstellen herum, sie trinken Sternburg, einer füllt Rotwein, recht guten gar, so weit ich es erkenne, in eine Plastikflasche um. Viele gepflegte Hunde streunen herum, auf einem Podest steht ein Eimer voll Schrippen, mit Käse oder Salami belegt, einzeln in Folie gewickelt. Die hat J. von der Wärmestube vom Kneipenkollektiv in der Rigaer soeben vorbeigebracht, er arbeitet bei Karuna, einer Hilfsorganisation für Straßenkinder. Bis letztes Frühjahr betreuten sie die Leute hier an der Rummelsburger Bucht mit einem Zelt, Klocontainern, Rat und Angeboten zur Sozialhilfe. Jetzt gibt es weder Wasser – die Bucht ist mit Schwermetall verseucht –  geschweige denn Rudimente von sanitären Anlagen, Müllentsorgung oder gar Strom. Wie lädt man sein Handy hier auf, wo scheißt man hin, wie putzt man Zähne oder wäscht sich auch nur die Hände?

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Anfang kommendes Jahr will der Bezirk Lichtenberg eine ehemalige Flüchtlingsunterkunft in Karlshorst hergerichtet haben und den Leuten des Camps hier zur Verfügung stellen. Niedrigschwellig, ohne Personalienerfassung, bis April zumindest. Ein Schlaks mit halbrasiertem Kopf winkt mich heran, ein Ledertyp bietet mir von den Brötchen an. Fast gemütlich ists ums Feuer. Ob wer aus der Gruppe in die temporäre Unterkunft umziehen werde? Das wisse hier keiner vom anderen. Sie lachen und kümmern sich nicht weiter um mich, eine blonde Frau mit Dreads und Nietenjacke spricht Englisch, es ist ein bißchen wie beim Ferienlager der Versprengten, die nach der letzten Band die Abreise vom Festival verpasst haben.

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Zelte und wild zusammengehauene Hütten lehnen aneinander, verbunden durch schräg verzurrte Vordächer aus Planen und Werbebannern, darunter zertretene Wiese, nackter Boden, aufgetaute Matschpfützen, Schmuddeldecken, Schlafsäcke, Ersatzzäune, ein Dorf, ein beinahe heimeliger Kreis um die Feuerstelle. Dazwischen aufquellende Säcke mit Altklamotten, Fahrräder, aus lindgrünen Plastiksäcken quellen alte Laugenstangen und Brezeln. Ein Ensemble aus Einkaufswagen ist kunstvoll zu einer filigranen Barrikade aufgetürmt. Beißender Rauch zieht in niedrigen Schwaden über der Müllszenerie. Ein Radfahrer mit einem Anhänger bringt noch mehr Tüten voll Brot vorbei.

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Über der Bucht zieht eine Möwenschar eine letzte Runde vor dem pathetischen Sonnenuntergang. Auf Hausbootclustern gehen die ersten Lampen an. Qualm schwelt über dem Gelände, mit der blauen Stunde kommt die Kälte.

 

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Wachdienst

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Sind die alle beim Friseur? Die Stadt ist wie ausgestorben, die Straßen leer. Selbst die zwei leichtbekleideten Damen vom Massagesalon sind in der Skybar nebenan. Milimeterscharf getrimmter Gesichtsbewuchs, epilierte Nasenhaare und ein kantig rasierter Schädel scheint bei den Kerlen hier im Kiez zur rite de passage zu gehören. Sauber schnittig möchte der Jungmann über diese vage Zwischenzeit kommen. Oder gehen die einfach zum Barbier, weils dort so jungsgesellig ist? Der Einzelgänger hingegen schiebt zur Dämmerung seinen großem Rollkoffer in den Münzswaschsalon. Im nüchtern ausgeleuchteten Schutzraum aus anonymen Kachelwänden schleudern Trommelmonster den Muff aus Klamotten und die Milben aus der Bettwäsche. Die Hüllen der Körper werden gereinigt, der alte Dreck muss weg, porentief clean solls nun ins Neue gehen. Zu blöd, dass all die krachenden Blitz- und Donnerschläge zur Vertreibung der alten Geister bald verpönt sind. Grauhaarige Frauen mit Knollennasen versorgen sich im Café Tasso mit letzten Vorräten an gebrauchten Büchern. Mir sagt keines zu, noch das Backbuch und der Thriller, den sich andere ausgesucht haben, wirken interessanter als die nett kategorisierten Reste („von Piraten und Abenteurern“) in den Regalen. Der Kaffee ist dünne Plörre und lauwarm. Vor dem Biomarkt kauert Michael, unter der Kapuze des Parkas schaut fast nur sein Nikolausbart hervor, die Mütze tief ins zerfurchte Gesicht gezogen, sein Rucksack mit Isomatte lehnt am Fahrradständer, der Wassernapf für Hunde spiegelblank. Auf dem eiskalten Boden liegt ein kleines Ringbuch und ein Bic-Kugelschreiber. Mit Großbuchstaben notiert er darin Stichworte für sein Drehbuch. Ein Berliner Road-movie, sagt er, der auf der Straße lebt und schnurrt ein raues Lachen dazu. Im Park sei es jetzt zu kalt zum übernachten, aber er kennt offene Haustüren. Er ist Profi-Penner, Gejammer kann er nicht leiden. „Das hab ich mir so ausgesucht“. Freiheit, schon, ja, seit vielen Jahren. Und nein, er bereut es nicht. Irgendwann hatte er mal eine Wohnung hier um die Ecke, vierter Stock, morgens runter, nachts wieder rauf, da war er auch den ganzen Tag draußen. Noch früher gab es eine Frau, wegen der er überhaupt aus Süddeutschland. nach Berlin gekommen war. Zu Weihnachten war er bei Bekannten, die haben sich dann gestritten. Knödel, Blaukraut und Gänsekeule, die kann er jetzt eine Weile nicht mehr sehen. Jemand hat ihm einen warmen Militärschlafsack besorgt, der hat Ärmel, für „Nächte im Wachdienst“. Seine Fingernägel sind lang, rillig, gelb und wie deformierte Krallen nach oben gebogen. Die alten Stiefel stinken. Wir hocken mit Filterkaffee aus Porzellantassen auf dem Bürgersteig. Niemand hat ihm seine Füße gewaschen. Gibt auch keinen Neuanfang. Vor Penny liegt Michael, alle heißen heute Michael, er kommt aus Sachsen und ist halb so alt wie der zauselbärtige Drehbuchdichter, auch er geht nicht in eine Notunterkunft, aus einem betreuten Wohnen flog er raus wegen Alkohol, er wird nicht damit aufhören, sagt er fast stolz, auch er ist schon nicht mehr gut zu Fuß. Sein Hab und Gut türmt sich in einem Einkaufswagen. Er wünschte sich ein Radio, jetzt sind die Batterien leer.

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Schnäppchenprinz

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Reset. Bei Dubai Gold herrscht Hochbetrieb. Auf dem vom Gerüst verengten Bürgersteig stauen sich Kinderwagen. Stiefel mit Kunstpelzfutter kosten 24 Euro, lachsfarbenene Killer-Pumps mit Paillettenbesatz im Ausverkauf 10. Vor Euro Gida stapeln sich Granatäpfel, Mandarinen und Ananas, zwei für 2 Euro, das Kilo 79 Cent. Auf den schmutziggelben Bodenfliesen im S-Bahnhof kauert eine klapprige Romafrau, den zerquetschten Pappbecher als Hindernis in den Weg der Passanten geschoben. Um die Ecke von ihr trinken fröhliche Männer mit Rollstühlen und Reisetaschen Bier. Bei Döner 44 stehen die Leute Schlange. Paare umarmen sich. Wie süß der Milchschaum auf dem großen Glas Kaffee schmeckt. Fast hätte ich ein Foto meines späten Frühstücks aus Sesamkringel und dem Schälchen mit gemischten Oliven gemacht. Ein riesiger Spiegel mit Goldrahmen reflektiert den hochhängenden Flachbildschirm, im Musikvideo erzählen blonde Glitzerbräute ein Märchen ohne Ton, das niemanden interessiert. Gemurmel erfüllt das Simit Elif mit Nestwärme, keine trägt Kopftuch, kaum einer schaut auf ein Telefon. Ein Graugelockter am Laptop verbrüht sich am Minztee. Auf der Straßenseite gegenüber wirbt der mit Billigklamotten vollgestopfte Laden wie eh für den totalen Indirim. Was für ein Glück, wieder am Leben teilnehmen zu können. Feiner Regen poliert den Abendasphalt, bunte Lichter tänzeln durch Auspuffwölkchen wie die Sufi-Derwische auf der Istiklal. Beirut 124 Euro, Varna 49, Gaziantep 79. Morgen, vielleicht, hol ich mir den Schnäppchenprinz und geh mit ihm ins Cafe Carisma.

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Suspended animation

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Es riecht nach geröstetem Kaffee am Ufer des Britzer Verbindungskanals. Hier wurde im Februar 1989 der zwanzigjährige Chris Gueffroy beim Versuch der Republikflucht erschossen. 

Auf dem Balkon der Nachbarn flappt ein weißer Sonnenschirm wie ein greiser Albatros mit den Flügeln. Die Albatrosse sind aus der Südsee, sie folgen einem Dampfschiff auf dem Weg nach Samoa. Dort sucht der Tagebuchschreiber Genesung, doch eine Lungenentzündung bringt ihn fast um. Die Samoanerinnen gefallen ihm nicht, das Essen ist eintönig, überall Fliegenschwärme, das Paradies ein Fiasko. Ich füttere die Spatzen und gieße Tee auf. Die Elster holt sich ihre Walnuss. Im Radio läuft Beethoven, das geht jetzt ein ganzes Jahr lang. Verarmt reist der Schriftsteller zurück nach Europa. In Sidney muss er Kaution für die Einreise seines chinesischen Dieners hinterlegen. Stevensons Grab hat er nicht besucht. Aber das Meer leuchtete wie geschmolzener Saphir.

(Marcel Schwob: Manapouri, Reise nach Samoa 1901/1902. Elfenbein Verlag)

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Besser werden

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Hat leider nicht funktioniert. Ich dachte, ich wäre durch die Lektüre von Katja Oskamps herzerwärmenden „Geschichten einer Fußpflegerin“ in „Marzahn mon amour“ ein besserer Mensch geworden. Deshalb nahm ich die M6 nach Marzahn und hoffte, wie sie dort solch liebenswürdig schrulligen Leuten zu begegnen. Aber ich liebe die Menschen einfach nicht genug, jedenfalls nicht die zwei munter in einer osteuropäischen Sprache quasselnden jungen Mütter mit ihren angeklebten Fingernägeln und ihren rosafarbig gerüschten Blagen, deren Geplärre sie mit Tüten voll Junkfood stopfen, nicht die topmodisch ausstaffierte Kurzhaarige, die ihre Querelen mit dem Jobcenter für alle Mitfahrer unüberhörbar am Telefon verhandelt, nicht die übergewichtigen Mädchen mit ihren engen falschen Markenjogginghosen, nicht die nach abgestandenem Rauch riechenden Männer, und den Mief von alten Schuhen und Käsefüßen, von Müdigkeit, Armut und ungewaschener Hoffnungslosigkeit, der einzelne verdreckte Handschuh, das fallengelassene Kekspapier, den Kaffeebecher in einer braunen Pfütze auf dem Waggonboden, das alles mag ich auch nicht. Besser die Welt durch Bücher gernhaben: „Nebel hängt wie Rauch ins Haus / drängt die Welt nach Innen / Ohne Not geht niemand aus / Alles fällt in Sinnen. …“ (Novembertag, Christian Morgenstern)

Die Lobhudelei zu Katja Oskamps wunderbaren Buch „Marzahn mon amour“ ist auf    Spätlese 

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Wir sind Du

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Meine Lieblings-Wärmstube mit Kaffee und allen erdenklichen Zeitungen, die AGB, hat zu. Vor der Heilig-Kreuz Kirche nebenan stehen Leute, drinnen findet die Nationale Armutskonferenz statt. Unangemeldet – ich wollt nur aufs Klo – bin auch ich willkommen, bekomme Kugelschreiber, Block und Infomappe, es gibt Orangensaft und belegte Brötchen. Die Vertreter der Hilfsorganisationen sehen nicht aus wie Funktionäre, ihre Ansprachen sind kurz, schnörkellos freundlich, „Wir sind Du“, unter den Teilnehmern schöne Rauschebärte mit langen silbernen Haaren in Schlabberpullovern, Krücken, ein Rollstuhlfahrer, aufrechte Kämpferinnen, vom Leben gezeichnete Gesichter. „Der Würde eine Stimme geben“ heißt ein Programmpunkt. „Die Bedrohung geht von den Mächtigen aus, nicht den Machtlosen“, sagt „Ich bin der“-Erich. Und „existentielle Unterversorgung bedeutet radikaler Ausschluss von Teilhabe“. Für die Workshops gehen wir um die Ecke ins Gebäude der Arbeiterwohlfahrt. Konferenzräume mit Resopaltischen und hellen Holzstühlen, Kaffee und gute Tees. Professor Antonio, schwarzer Dutt, berichtet von einer an seinem Institut durchgeführten Studie zur subjektiven Dimension von Armut. Wir gruppieren uns zu vier Themen, Schuldenfalle, Alleinerziehend, ich nehm das mit psychischen Krankheiten. Dann dürfen wir Punkte sammeln, Antonio malt Stichworte mit grünem Marker auf ein plakatgroßes Blatt und verbindet sie schwungvoll mit Pfeilen. „Was wollen Sie uns eigentlich sagen“, platzt es aus einem aufgewühlten Mann in kurzärmeligem Shirt und zwei Handvoll Stiften in der Brusttasche. Er ist Mathematiker und will nur kurz sein grafisches Modell einer Steuerprogression vorstellen. Damit könnte der Unterschied zwischen Arm und Reich quasi abgeschafft werden! Er ist ungehalten, seit zwanzig Jahren hört ihm keiner zu. Hier auch nicht. Ein zarter, ganz filigran aussehender Zausel flüstert in seinen Wichtelbart etwas vom System, von böswilligen Öffnungszeiten der Sozialämter, so leise dass ihn kaum einer versehen kann. Das System, brüstet sich ein dritter Profibetroffener nun verächtlich schnaubend, das habe er seit zwanzig Jahren erfolgreich unterwandert. Eine vornehme Wienerin erzählt, dass Depression stigmatisiert und einen weiter ausgrenzt, es droht beim Jobcenter das „ausgesteuert werden in Erwerbsminderung“, weshalb Verheimlichen von (armutsbedingtem) Psychostress besser sei. Zurück in der Kirche gibt es Kaffee und buttrigen Blechkuchen, danach stellen sich ein paar Projekte und Initiativen auf der „Plattform für Vernetzung“ vor. Ein Vereinsvorsitzender bietet Modelleisenbahnbauen als Therapie zur sozialen Reintegration an, ein junger Typ mit einem dicken Stapel Papieren empfiehlt drei Bücher: „Wohnen ist ein Menschenrecht, lest mal den Hans Jochen Vogel.“  Im September 2020 soll ein Euromarsch von Berlin über Brüssel nach Paris stattfinden, „wir leben aus dem Rucksack, einfach eben, aber wir spüren uns!“ heißt es im Flugblatt des Organisationskomites. Zum Schluss bekommt auch Martin noch das Podium. Seine auf einem Stick gespeicherte Computergrafik des progressiven Steuermodells erscheint auf die Leinwand hinter ihm, er artikuliert seine seit langem einstudierten Sätze perfekt, mit beiden Händen ausholend wie ein Dirigent unterstreicht er seine Worte, ein Marx-Zitat, er kommt in Fahrt, doch da unterbricht ihn schon die geblümte Moderatorin von der Kölner Caritas. Sozialpädagogisch charmant lädt sie ihn und alle jetzt zum privaten Austausch bei einem Glas Sekt ein. Es gilt 25 JKahre BBI, Bundes Betroffenen Iniative, zu feiern. Ein Tischgenosse verrät mir, wie man an die Sparpreise bei der Bahn kommt, sein Kumpel fuhr mit dem Schwerbehinderten-Nahverkehrsticket gratis, 18 Stunden in Regionalzügen, eine sportive Rentnerin aus Freiburg stößt mit mir an, derweil ihr Begleiter in blasslilanem Sommeranzug ihr unverdrossen weiter die letzten 280 Fotos im Display seines Fotoapparats zeigt. Als ich hinaustrete ist es Nacht geworden, Blätter schwimmen im schwarzen Landwehr-Kanal, die Straße glänzt.

Immer noch hängt in der Heilig-Kreuz-Kirche die Ausstellung mit Portraits von Obdachlosen. Auf FB postet die Fotografin Debora Rupert heute, dass Omar, der ein Pappschild mit „Weldfrieden“ vor sich hält, vor kurzem, in einer der ersten Frostnächte am Arnimplatz, mitten im reichen Prenzlauer Berg,  gestorben ist. 

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Im Spatzenbad

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An der Spree eskortiert mich eine Schwanenfamilie. Wenn ich zu lange stehen bleibe, warten sie, kehren sogar um und drehen bei, bis ich weitergehe am Ufer neben ihnen, sie schwimmen genauso schnell  wie ich langsam bin. Vater, Mutter, Sohn (?) noch in graubraun, daher käme der Spruch vom hässlichen Entlein, sagt eine Mutter, die hinzugetreten ist. Ihr Kind im roten Anorak ist das Signal für ein Dutzend Enten, die im Tiefflug angedüst kommen und Gischt pflügend abbremsen. Nein, wir füttern nicht. Auf der Brücke zur Insel der Jugend posiert eine Blondine in hochhackigen Stiefeln für zwei knipsende Begleiter. Der Wald irrlichtert in gelbem Leuchten, Kindergebrüll hallt durch die Tunnel aus Moos. Ein übergewichtiger Junge stapft mit Nervmusik aus umgehängter Bluetoothbox des Pfades, seine Freundin schaut stolz zu ihm auf. Die Baumschaukel am Abenteuerspielplatz ist weg. Am Ufer stehen Bänke, das Wasser glasklar, man kann jedes Blatt am Grund erkennen. Über den Himmel ziehen hellgraue Wolken, kreisen da Bussarde?, kann man sich mal hinlegen?, der Beton ist kalt. Es wird dunkel. Im Supermarkt gibt es Chalwa mit Vanillegeschmack aus Polen. Das Ketten-Kino im Sonycenter am Potsdamer Platz kann die Miete nicht mehr bezahlen und schliesst.

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Sieben Mal wirst Du die Asche sein

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…aber einmal auch der helle Schein“. Muss mir dieser blöde Schlager jetzt durchs Hirn ballern, nur weil sein Dichter, Helmut Richter, er war Traktorist, Landarbeiter, Maschinenschlosser, Physiker, später Direktor des Johannes-R.-Becher-Instituts, gestorben ist und wir in unserer freundlichen Stimmung das Lied von Karat nachgehört haben? Ausstellungseröffnung einer sehr lange schon ehemaligen Freundin, Wendefotos in tristem Schwarz-weiß, über 25 Jahre ist es her, dass wir nachts auf der Warschauer Brücke den Gleisen nachsahen, in Istanbul ein Fest machten oder in einem hellblau gekachelten Imbiss im Bahnhof Friedrichstraße saßen. Ihr Mann fragt mich in wenigen Sätzen alles ab, Arbeit, verheiratet, rauchst du noch. Seine Augen schön wie früher, sein Geruch alt. Sie aber lässt mich stehen, sobald der nächste Bekannte reinkommt. Steh ich da. Wie ein blöder Clown. „Von der Welt durch Gelächter getrennt“. Aber es lacht keiner und die Welt ist auch nicht da. Besser ich geh auch. Unter der U-Bahnbrücke am Kotti werfen Männer in leuchtenden Warnwesten Müll in einen Container, sie hantieren ungeschickt mit einer Schubkarre herum, von ihrem roten Einsatzwagen wird irgendwas verteilt. Die Nacht glänzt, ich setze mich bei Crunchy Pizza auf die Gasse und trinke ein Bier. Danke Oma, sagt der junge Mann, als er mir das Wechselgeld gibt. Geh ich jetzt öfter hin, vielleicht. Viel leicht.

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Nicht wartezimmerfähig

 

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Sofas sind schon da

Ich war in einer großen Stadt. Der Vollmond schien, gelbe Züge und Bahnen fuhren die ganze Nacht. An den Umsteigebahnhöfen wird musiziert und es gibt Drogen. Ein schlaksiger Kerl um die Zwanzig singt „Forever Young“. Bedröhnte Alte tanzen beseelt um ihn herum, er sorgt sich ein wenig um seinen Gitarrenkoffer und die filigrane Anlage, auf der er mit dem Fuß die Rhythmusapp bedient. In einer Kirche ein paar Stationen entfernt wird eine Ausstellung mit Obdachlosenportraits eröffnet. Auf einem Podium erzählt die Fotografin Anekdoten, der ehemals Obdachlose berlinert, der Lokalpolitiker menschelt, der Sozialpraktiker differenziert. In Berlin gibt es keine Obdachlosenstatistik, die sind ja auch so schwierig zu zählen, haha, fragen Sie doch uns, sagt der Leiter des Trinkerwohnheims in der Nostizstzraße. Bei 50 Prozent der Leute sei der Krankenversicherungsschutz relativ leicht reaktivierbar, das Problem, neuer Begriff: „nicht wartezimmerfähig“. Was er auf der Straße am meisten vermisst habe, wird der  „Gerettete“ gefragt: „Nüscht!“ Jetzt arrangiere er sich langsam mit einer Wohnung, zwanzig Jahre, legt er nach, habe er super in der Charité gewohnt, den kurzen Dietrich immer dabei, mehr verrate er nicht,“Ehrenkodex der Straße“. Ein Rentner in weißem Freizeitanzug findet, man müsste auch mal was gegen die Roma-Gangster tun. Stellt sich danach jovial zu den bärtigen Rotweingesellen an den Tisch, tolerant sind die. Ein Trio spielt Space-Musik, leg ich mich echt auf den Holzfußboden vor der Orgel lang hin. Bin ich die Einzige, die sich verhält wie ein Penner?

Ausstellung: Kein Raum, Fotografien von Deborah Ruppert, Heilig-Kreuz-Kirche, Zossenerstr. 6 

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Woanders ist es auch ganz schön…

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Wir erinnern uns. Auch dieser Satz wurde anderswo schon gut benutzt. Heute herbstelt es heftigst (hehehe) in Kleinbloggersdorf, vieles passt zusammen. http://finbarsgift.wordpress.de/2019/09/26/herbstbeginn/ Deswegen hier ein paar schöne Zitate mit links – jaa, ich wollt auch endlich mal eine Blogroll einrichten. Kommt Winter.

„Im Zug dahinfahrend, die Stimme des ehemaligen Kommilitonen im Ohr, werde ich einmal mehr erinnert an das wunderbare Logion 42 aus dem apokryphen Thomasevangelium, das mich seit den Tagen meiner Tübinger Studien begleitet, das ich oft zitiert und in den heiligen Wind gesprochen: »Ait Iesus quia: Estote praeterientes / Jesus sprach: Werdet Vorübergehende«; werde ich gleichermaßen erinnert an das nicht weniger oft zitierte Epitaph des William Butler Yeats: »Cast a cold eye / On life, on death / Horseman pass by«. Auf dem First eines Dorfrathauses sitzt eine einzige Dohle.“

So schreibt der Landpfarrer aus meiner Heimatgegend: https://tagebucheineslandpfarrers.wordpress.com

Auch die gute Wildgans von „Lese und Lebensdinge“verweist auf ihn, wobei sie über „das Wenigerwerden aller Dinge“ sinniert. „Zum Beispiel das Befreiende beim Mülleimerdeckelschließen. Sachen versenken, es wird eh alles verbrannt.“ https://wildgans.wordpress.com

Oder gleich ein GedichtFionka von „Schreiben und lesen lassen“ zitiert eins von Theodor Storm, so leicht und lapidar kanns auch gehen:

Kaum zittert durch die Mittagsruh
Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten;
Dem Alten fällt die Wimper zu,
Er träumt von seinen Honigernten.
– Kein Klang der aufgeregten Zeit
Drang noch in diese Einsamkeit.

Theodor Storm: Gedichte
https://fjonka.wordpress.com

Topp, da geht noch was: Hermann Hesse etwa, dessen Gedichte „Die Welle“, das Maren Wulf von „Orte und Menschen“ zu Wellenbildern montiert. https://orteundmenschen.wordpress.com

Und wie ein Lied am heißen Straßenrand
Fremdtönig klingt mit wunderlichem Reim
Und dir das Herz entführt weit über Land –

So weht mein Leben flüchtig durch die Zeit,
Ist bald vertönt und mündet doch geheim
Ins Reich der Sehnsucht und der Ewigkeit

Bevor es jetzt zu klebrig morbid wird, noch was quasi seriöses. Der Sinn des Lebens besteht darin, ein Niemand zu sein:

https://qz.com/987109/the-purpose-of-life-is-to-be-a-nobody/?utm_source=facebook&utm_medium=qz-archive&fbclid=IwAR3wnwkMfrh9_PDmuiOsXUftIFPC1is3JUzsaPnXCuDBQFZsDKxl4ko77aU

Verschwindsucht allerorten, auf jetzt.

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Draußen war Sommer

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Kann man Ausgrenzung schöner ausdrücken als in diesem vollkommenen Dreiwortsatz? Er ist vom Schriftsteller  Albrecht Selge, der unter anderem den „Blog Hundert11-Klassikmusikblog hundert11.net betreibt. „Der Landschaft ist ja alles recht“ – noch so ein toller Satz  aus seinem wunderbaren schmalen Roman „Fliegen“. Er handelt vom leisen Verschwinden einer kleinen Frau, die kein mehr Obdach hat, aber eine Bahncard100. (Mehr dazu nebenan auf https://vogelsspaetlese.wordpress.com/. Ich muss dringend wieder mal Zug fahren. Und Bücher lesen voller Sätze zum abschreiben.

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Schöne Bilder

Stadtauswärts. Landsberger Allee, Lichtenberg Richtung Marzahn

Am Freitag war Lange Nacht der Bilder in Lichtenberg. Den Veranstaltungstipp gabs vom Fotoblogger Stadtauge. Dessen unterkühlte Stadtansichten haben mich schon öfters bei Spaziergängen in besonders öden Stadtgegenden inspiriert und manchmal hab ich den Verdacht, dass ich versuche, seine Ästentik zu imitieren. Aber es gibt mehr von uns und Geschichte eh. Das ist schon Stil, das Mülleimerstillleben ein eigenes Genre, Kunst seit der Schönheit von Heizkörperverkleidungen (Kapielski) und dem Ungeschick der Dinge (Rutschky?), wobei man die beiden eigentlich nicht zusammen in einem Satz nennen sollte. Jedenfalls sind – vielleicht aus Rache am Glatten – in den Massenmedien FB und Instagram die Fotos besonders trostloser Ecken, pittoresk verlassener Buden an von allen guten Geistern verlassenen Ausfallstraßen (Christian Y. Schmidt, Autor des Romans „Der letzte Huelsenbeck“ über einen Hobbyornithologen) von städtischen Nischen und zugigen Plätzen gerade in – oder fallen mir sie vermehrt auf. „Das Schöne, Schäbige und Schwankende“ von Brigitte Kronauer handelt auch irgendwie von einem Ornithologen, aber das führt jetzt echt zu weit ab. Seine Serie „Schöne Orte“ will der Autor Björn Kuhligk gerade per Crowdfunding als Fotobuch im „modernen, urbanen Querformat“ bei mikrotext publizieren, ab 40 Euro mit Kunstdruckposter. Genau, ich wollte ja berichten über meinen Ausflug zur Kunst. Freitag Abend also auf nach Marzahn. Eine Dame in Gelbweste führt eine Besuchergruppe durch eine labyrinthische Flucht von Ateliers. Im Tross ist es nicht so schrecklich, die Künstler und ihre zuvor noch nicht allzu öffentlich präsentierten Werke in ihren Räumen zu besichtigen, mal mit Schlaflager, Wasserkocher, ein alter Sessel, Farbpigmente in Instantkaffeegläsern, vor allem kann man sich in der Gruppe wieder verdrücken, ohne was blödes oder verlogenes über die Kunst gesagt zu haben. Nur an die Weintrauben traut sich keiner, von den Künstlern so erwartungfroh in kleinen Schälchen aufgetischt. Die Führerin erledigt die Kunst-Konversation, mit Seitenblick auf ihr Klemmbrett spricht sie gewandt von Raumerfindungen, von Luft und Wasser, Dynamik ja?, die kubanische Malerin lächelt zustimmend, im Studio nebenan tänzelt eine sehnige Frau in schwarzem Kleid und Papiermaske eine Säbelchoreografie, bei einem expressiven Maler aus Madrid gibt es Salzstangen in einem Glas, complicity, seduction, joy, fear und melancholy, perversion, brutality steht auf einem Flyer zu seinem Werk, zur Selbstvergewisserung greift er sich eine Handvoll metallener Spachtel vom farbfleckigen Tisch, seine Pinsel sind sauber auf dem Fenstersims verräumt, eine Chinesin hat ein Tellerchen mit Kartoffenchips inmitten ihres verträumten nachtblauen Universums aus Öl und Tintenzeichen angerichtet, niemand kommt, im Studio eines israelischen Malers mit Caravaggioaugen, keine Trauben hier, verstärkt leise Ambientmusik vom Laptop den Sogeffekt in die Tiefen seiner riesigen Farbfeldmonochromien, ein strubbeliges Paar zeigt gespiegelte Videos von strudelnden Wasserfluten und hält sich aneinander fest, bei einem Bildhauer mit lustigen Werktiteln steht eine mobile Doppelkochplatte, Weingläser, ein Topf Zwiebeln, seine Frau werkelt auch in Objekten, er bietet an, gute Preise zu machen. In der Toilette auf dem langen Flur bittet ein Schild, Farbe nicht ins Waschbecken zu schütten und kein Klopapier zu klauen. Von einem mit Kupferplatten vollverkleideten Raum hallt Technomusik herüber. Violette Discobeleuchtung, zwei alte Sofas, paar Bierflaschen künden vom Willen, hier Party zu feiern. War schon, kommt noch was. Kein Getränkeausschank. Ich habe gesehen, wozu ich kam. Raum, Luft, Geschichte: Die Ateliers befinden sich in einem funktionalen, 1985 errichteten Gebäudeklotz im ehemaligen mitlitärischen Sperrbezirk der Staatssicherheit in Hohenschönhausen. Gegenüber das Stasigefängnis, von den Sowjets 1951 der Geheimpolizei der DDR übergeben, heute Gedenkstätte, mit Wachturm, Stacheldraht und jenem fahlen Licht, in dem es keine Nacht und keinen Tag gibt. Die „Studios ID“, was für Intelligence Department steht, dienten früher der Entwicklung, Produktion und Instandhaltung von Spionagegeräten. Kameras, Wanzen, Überwachungsanlagen, Tarnausrüstungen, gefälschte Pässe, Taschen mit Geheimfächern usw. Bei den Künstler hat der Genius loci des OTS, des Operativ Technischen Sektors, keine für mich ersichtliche Wirkung hinterlassen. Der Kupferraum abhörsicher, mein Knips-Telefon auf Empfang.

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Otto III.

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Ein Spaziergang, durch Wald und an einem Seeufer entlang, an einem Ort ohne die Nähe von Nachbarn, ohne Geschichte und Erinnerungen. Mit der S-Bahn zur Endstation, rumlaufen, von einem anderen Bahnhof wieder zurück. In Strausberg war ich noch nie, sieht nah von „im Grünen“ aus. Der Jakobsweg, das lerne ich dann, führt hier lang. Erst nach der Wende wurde die Lücke des Pilgerwegnetzes auf beiden Seiten der Oder wieder geschlossen. Überregionaler Knotenpunkt war Frankfurt (Oder), die Pilger des Mittelalters benutzten auf dem Weg nach Santiago de Compostela gern gut ausgebaute und stark frequentierte Handels- und Heeresstraßen. Hier lief einer der ältesten Postwege, die Berlin mit Schlesien,  von der slawischen Burg  Köpenick über Lebus nach Posen führte. Ich erfahre das erst auf einem etwas verwitterten Schild am Uferweg. „Schon im Jahre 1000 nutzte Kaiser Otto III. bei seiner Rückkehr von Gnesen nach Magdeburg diesen Weg.“ Daneben sagt ein Piktogramm, Hunde sind anzuleinen. Strausberg Nord war mal als Armeebahnhof gebaut, weiß ich aber da auch noch nicht und so seh ich auch nichts von möglichen ehemaligen Kasernenbauten. Paar Einfamilienhäuser mit Gärten und Garagen, Autohaus, Fahrradweg, Ausfallstraße, eine dicke Frau mit gemusterter Bluse zieht beschwerlich einen Einkaufskoffer hinter sich her, dann ist man schon draußen,  Sonntag im August Landkreis Märkisch-Oderland. zwei Rufro Eintritt für Erwachsene beim Roten Hof, Kinderbauernhof mit Streichezoo, Tipis, Pferden und Bewirtschaftungen. Ein Hahn kräht. Und nochmal. Das hab ich schon lang nicht mehr gehört. Ein lichter Weg geht durch ein Wäldchen, es duftet betörend nach sonnengewärmtem Harz, alle paar hundert Meter stehen Bänke auf kleinen Lichtungen, niemand da, ein weicher Teppich aus Kiefernzapfen federt unter meinen Schritten, Licht blinzelt, ich pinkle mir einen Hosenbeinsaum nass. Sandige Buchten säumen den Straussee, Sonntagsidyllen wie gemalt, Picknicktaschen und aufblasbare Schwimmtiere, Familien auf Fahrrädern. Väter in Badehosen hüpfen von weiß skelettierte Baumstämmen ins hellblaue Wasser, zwei Bikinifrauen treiben auf einem Tretboot zum Ufer, eine macht Fotos, eine guckt auf ihr Smartphone. Ein Frau im Schatten liest ein Buch. Jungmänner mit prallen Oberschenkeln tragen Bierflaschen spazieren. Auf gemusterten Handtüchern sitzen Paare beieinander. Mein Schwein pfeift.

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Zen im Schrebergarten

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Das Gartenlokal hat neue Bewirtschafter, sie machen jetzt Jazzfrühschoppen. Wenn nur der Kaffee besser wär. Elektronisch verzerrter Gesang zieht weit über die Parzellen. Vom Friedhof weht Glockengeläut herüber. Feiner Regen fällt. Die Schnecken machen sich zum Sonntagsausflug auf. Vier rostrote Wegschnecken (Arion Rufus) setzte ich mit den gleichfarbigen Fauläpfeln auf die Miste. Sie mögen das. Der Komposthaufen ist neu, die Bretter zum Zusammenstecken gab es fertig als Set im Obi. Ich muss ihn noch dauernd aufsuchen, die tortenartigen Schichtungen begutachten, neue hinzufügen. Ich gieße ihn auch. Humus ist heilig. Totholz, auch schön. Insektenhotels gibt’s hier natürlich nicht.

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Long time no see

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Pförtnerhäuschen (1936 gebaut) des Central-, Vieh- und Schlachthofes (1881-1990) Berlin

„Die Zeit der vielen Falter ist gekommen.“ Muss ich jetzt schon Hermann Hesse lesen, um einen guten Satz zu finden. Er habe „zu Schmetterlingen und anderen  flüchtigen und vergänglichen Schönheiten immer ein Verhältnis gehabt, während dauerhafte, feste und sogenannte solide Beziehungen mir nie geglückt sind“, schrieb der Fernreisende aus Calw  in einem Brief von 1926 (Insel Taschenbuch). Im Apfelbaum zanken sich lärmend zwei Ringeltauben, sie schlagen mit den Flügeln um sich, zetern panisch, dann hektisches Geraufe und Übereinander herfallen, Vögeln als Vergewaltigung. Junge Kohlmeise spielt Specht und pickt auf dem Fensterladen herum. Der Eichelhäher kommt mit der ganzen Familie zu Besuch, vier Junge plantschen in der zur Vogeltränke umfunktionierten Obstschale aus Keramik. Zwei, dann drei Distelfinken checken die Kornblumengarbe im Gras nach samen aus.  Im Dornengestrüpp der ungebändigt wuchernden Heckenrose ist Spatzenversammlung.  Der Gartenrotschwanz wippt auf den dünnen Zweigen des Pfirsichbaums. In der Dämmerung  pesen zwei Fledermäuse Achter über meinem Kopf. Vogelbeobachtung macht glücklich. Guck an: Aus dieser spektakulären Einsicht heraus installiert der Landesbund für Vogelschutz (LBV) derzeit in über 40 Pflegeeinrichtungen Vogelfutterhäuschen, damit die Dementen und Verlassenen was zum Freuen haben. „Es geht darum, Naturerlebnisse zu schaffen und damit dem Verlust von Lebensqualität entgegenzuwirken“,  sagt LBV- Projektmanagerin Kathrin Lichtenauer. Sie meint das so. Glück ist die triefende Süße eines überreifen, vom Gewitterregen der Nacht heruntergeschüttelten Pfirsichs zum grünen Tee aus dem Asialaden im Wedding.  Ist das ein Zustand der Gelassenheit oder einfach nur das dumpf saturierte Sein? Die ersten Wespen sind da. Der Spätsommer beginnt. Die Brombeeren am Hohlweg entlang der Gleistrasse aber sind alle vertrocknet. Die Nachmittagssonne heizt noch, Eisessende Mädchen und abgeschaffte Ehepaare sitzen auf der Steinplattform um den Springbrunnen am Storkower Bogen, stoisch trotzen sie dem Ensemble urbaner Tristesse ihre Daseinqualität ab. Fusspflege, Orchidnails, Tabakbörse. Sonja Bistro, Bäckereikettencafé. Wimpern verlängern 50 Euro, Wimpern krümmen 40. Das Kreativkaufhaus Edelhoff entpuppt sich als riesiges Näh- und Bastelparadies. Im Glastunnel des „langen Jammers“ hallt das Brüllen eines Kleinkindes. Im Blankensteinpark liegen Fahrradfahrer mit nacktem Oberkörper auf der Wiese. Eine Krähe keckert von einer Birke herunter. Ein Dackel trägt eine Halskette aus Bernstein. Der Himmel ist weit. Ich habe einen Stein im Schuh.

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Nachtrag zu Read on, my dear, read on

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Sie war 31 Jahre alt, promovierte Historikerin, lebte in Dublin und schrieb den Blog Read on, my dear, read on. Im Mai wurde sie in einem Spiegel Artikel der „Fälschung“ überführt – sie hatte ihre jüdische Identität („ich bin der Jude“) samt vielen Familienangehörigen aus  Holocaust-Opfern erfunden und 22 ihrer vermeintlichen Lebensdaten bei Yad Vashem eingereicht. Jetzt wurde sie tot in ihrer Wohnung aufgefunden, Fremdverschulden wird ausgeschlossen. Ich war lange Zeit eine ihrer vielen Followerinnen, mehrere Hunderttausend sollen es gewesen sein, aber bei wordpress gab es meistens nur ein paar Dutzend Likes unter den Beiträgen. Als ihr Freund, der Tierarzt, letztes Jahr starb, war ich traurig. Etwas seltsam fand ich, wie sehr es mich berührt hat, wo ich ihn doch nur aus den Erzählungen in Read Ons Blog kannte. Befremdlich fand ich, wie sehr ich selbst  – neben dem Kälbchen, der Frau des Krämers oder der Mali Tant – schon im virtuellen Leben von Kleinbloggersdorf lebte. Aber so ergeht es mir ja auch oft beim Lesen von Romanen. Erdichtet bedeutet da ja nicht erstunken und erlogen, vielmehr steht es für gute, bzw.“fesselnde“ Literatur, wenn sie Empathie erzeugt und wir durch sie selbstvergessen in fremde Lebenswelten eintauchen können. Fraglos darf man sich in Blogs neue, andere Identitäten erfinden, ein anderes Leben mit anderen Geschichten ausdenken. Man darf unter Pseudonymen schreiben, sich neue Namen und Familien und Vergangenheiten geben, zu einer Person werden, die man im banalen „richtigen Leben“ nicht ist.  Wahrscheinlich, so hieß es bald, gab es auch den Tierarzt in Wirklichkeit ebensowenig wie die jüdische Großmutter von Fräulein Read on, wie sie sich selbst nannte. Aber was ist „in Wirklichkeit“? Der Tod? Der Text? Madame Read on, Marie Sophie Hingst, hat nach der Veröffentlichung der Anschuldigungen gegen sie ihren Blog vom Netz genommen, ihre oft wunderbaren Texte sind somit gelöscht. Das ist schade. Ihr Tod aber ist furchtbar traurig.

(PS: Diesen Song hatte Fräulein Read on kurz vor ihrem Sendeschluss auf ihrem Blog verlinkt, am 15. April 2019 hatte ich den Link dort von ihr übernommen.)

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Fräulein Read On

 

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https://www.irishtimes.com/news/world/europe/the-life-and-tragic-death-of-trinity-graduate-and-writer-sophie-hingst-1.3967259?mode=amp&fbclid=IwAR3iKc_HxcH5QX_9C5SolWT2ZLZTNXMFB0wfG9h33vRRLdJYapXlw9zcAao

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True Airspeed

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Doha, Katar

Verspätung und Umwege kommen mir gerade recht. Statt Heathrow bei Nacht sehe ich Doha am frühen Morgen. Infrastruktur in der Wüste, schnurgerade Straßen, die rechtwinklig im Nichts abbiegen, einfach enden, vom Sand verweht. Verkehrskreisel, Pisten, irgendwo fern von allem sieben gleiche Wohnblocks, vielleicht kommt da mal eine Stadt hin, eine jener auf dem Reissbrett geplanten, in einem Investorentraum visionierten Siedlungen, Olympiadorf, kommt FußballWM, zukünftiges Wasweißich-Zentrum, Modellstadt, Utopie, Las Vegas. Irrsinnn oder nur zu viel Geld. Der Flughafen riesig, mit Bahn zwischen den Terminals, Raucherlounge und Gebetsraum nebeneinander, die teuren Läden, goldene Designskulpturen, keine einzige Topfpflanze. Draußen ein Fleck dauerbewässerter Rasen in unwirklichem grasgrün, ansonsten eine unendliche Leere. Stacheldrahtumzäunte Quadrate um ausgebleichten Schotter, Antennenmaste, von der Sonne gehärtete Betonquader, lauter mögliche Quantanamos. No Entry. Wieso sind Landebahnen überall auf der Welt englisch beschriftet und wieso sind arabische Ziffern nicht arabisch? Die Route geht zunächst übers Meer nach Osten statt nach Süden, Muskat, eine andere Mondlandschaft, kahle zerklüftete Berge, die steil in hellblaues Meer fallen. Adam. ist das Aden? Plötzlich riesige Bergzüge, scharfkantig, in den Täler ganz vereinzelt Siedlungen, Serpentinen aus Sand, in denen einmal Springfluten und Ströme die schwarzen  Steinmassen geformt haben, als die Erde noch flüssig war, sie durch gewaltige Verschiebungen in Falten zusammengepresst und nach oben gedrückt wurde, lange bevor es Menschen gab. Hier ist die Erde noch immer unbewohnbar wie der Mond. Südarabische Halbinsel, Oman, Jemen, Sanaa? (Ein paar Tag später, so les ich, hat die omanische Autorin Jokha Alharti für ihr Buch „Celestial Bodies“ den Man Booker International Preis bekommen, er handelt von Sklaverei, die im Oman  erst 1970 abgeschafft wurde.) Nach einem indischen Frühstück schlafe ich endlich ein. Als ich aufwache, ist immer noch Wüste unter uns, goldgelbe Sandebene nun, Schäfchenwolken werfen Schattenflecken, Sahara, wird zur Steppe mit einem pickelartigen Bewuchs, durch den immer noch die rote Erde durchscheint wie Kopfhaut unter schütteren Haaren. Büsche, Bäume. Keine geschlossene grüne Decke, kein Wasser weit und breit, kein Wadi, wo mal ein Fluss gewesen war. Wo etwas wächst, fangen sofort Menschenspuren an, Straßen und Kreise, Umrandungen, Zäune, Felder. Richtung Mogadischu, einzelne Bewirtschaftungen, es werde rechteckig, dahinter das Meer, keine Palmen, keine Ortschaften, kein Mensch kann von Salzwasser und Fischen leben. Distance to Destination 2327 Miles, True Airspeed 905 kmh, Altitude 10,340 m. Es gibt Chips und Kitkat. Es wid grün, Mombasa, Sansibar, Daressalam, Mozambik. Dort die Flut.

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Nacht

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Puntland, Somalia

Du bebst vor allem, was nicht trifft,
und was du nie verlierst, das mußt du stets beweinen.
Goethe, Faust (1, Nacht)
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Caykovski

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Es riecht nach Orangen und frisch gemahlenem Kaffee. In der Unterführung zum S-Bahnhof steht ein Hauch Ammoniak in der Luft. Und Spargel, Granatäpfel, Erdbeeren, Honigmelonen und Trauben säumen den Bürgersteig. Caykovski ist ein Teehaus, „90 minutes“ ein Wettbüro. Donnerstags von 12-14 Uhr werden in der evangelischen Kirche Rixdorf Lebensmittel („Laib und Seele“) von der Berliner Tafel ausgegeben.  Im Trödel in der Flughafenstraße kostet ein Rollstuhl 25 Euro, Rollatoren 20. Der Senat lädt ein zum Müllsammeln und Baumscheiben bepflanzen. Hinter einem staubigen Schaufenster stapeln sich blasige, „Frische Gözleme“. Fußdeosprays und Fließverdünner für Diesel, 1 Euro, zusammen in Kisten auf dem Boden. Zwei bös aufgedonnerte Kopftuchmädchen mit Nagelstudiokrallen blinzeln schwerst bewimpert von einer Parkbank in die Sonne. In vollem Karacho pest ein Kleinkind auf seinem Plastikfahrrad auf die Straße, stürzt, brüllt, der morgenländische Nachwuchspimp im soft ausgebremsten Angeberauto tadelt die blondgelockte Mutti. Das Kinderbüro und Jugendrechtehaus Lessinghöhe erwacht gerade aus dem Winterschlaf. An der Ecke Morusstraße weist eine Indianerskulptur gleichgültig in alle Richtungen. Amseln im umzäunten Friedhof, Hundescheiße und ein zerfledderter Kühlschrank auf dem Gehweg. Zufall steht auf einer abgerissenen Tür, eine Genossenschaftswohnanlage mit Balkonen und Backsteinbanderolen an den senfgelben Fassaden.  Ein riesiger Wasserturm, Zufall steht als Graffiti auf einer Stacheldraht bewehrten Mauer. Eine Mutter mit schwarzgefärbten Haaren eilt entschlossen rauchend und zeternd vorbei. „Halts Maul Du Arsch“, sagt ein Vierjähriger zu seiner Freundin. An der „Farbtankstelle“ Ecke Hermannstraße gibt es Restposten an Auslegware, Kunstrasen in Rot, Blau oder Schwarz für 5.99 der laufende Meter, in Grün 4,99. Ein Graulanghaariger mit wenigen Zähnen fragt mich nach dem Weg zum Biomarkt und will mir behilflich sein, als er merkt, dass ich hier „fremd“ bin. SPD, Lara Fashion, Lidl. Kik, Euroshop, McGeiz. Blumen Melek (Engel), Juwelier, Mobile World, Lotterie, Tabak. Fünf schmalste Buden, Kiosk, kösk, nebeneinander. Döner, Gemüse Kebab, Pizza Rollberg, Jasmin Asia. Notgeile Jungs, die Eier zum platzen prall mit Testosteron, giggeln und kuscheln öffentlich miteinander. Eine alte Frau steht vor dem Einkaufstempel mit falschem Silberschmuck in einem aufgeklapptem Bauchladen. Schwer muss der sein. Sie friert, ihre Nase ist rot, die Augen müde, was für ein Scheißleben. Die paar Bänke in der Wärme der überdachten Einkaufsmall sind von älteren Frauen mit Kopftüchern besetzt. Ihnen gegenüber sitzen Kopftuchfrauen auf Rollatoren. Sie haben kein Geld fürs Teehaus. Bei Elif kostet das große Glas Tee 1 Euro. Der Sesamkringel ist knusprig. In den Musikvideos, die auf der Flatscreen in dezenter Lautstärke laufen, lutschen blonde Schlägersängerinnen wie zur Shampoowerbung dauernd das Wasser unter  der Dusche. Eine weißhaarige Dame schaut begeistert eine Soapie-Serie in ihrem Telefon. Es werden da viele Sprechchöre intoniert, manchmal schrecken wir anderen Teehausbesucher neben ihr kurz auf. Die zwei türkischen Rentner in wattierten Jacken, leicht müffelnd, einer mit Schiebermütze, palavern ungerührt weiter. Eine Frau trägt Modeschmuck, schwarze Plastikgehänge als Ohrringe, einer spannt das Kleid über den Hüften, einer anderem zipfelt der zu dünne Rock über den Leggings, das geliebte Kind ist übergewichtig. Fett und blöd. Kultursensibler Pflegedienst, heißt es an einem anderen Schaufenster. Back home again.

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Du hustest nicht allein

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Pieta vor der Wache – im Hof stehen Unfallautos

Die Katzen vom Shaman Bookstore in Chiang Mai lagern in laszivem Desinteresse zwischen und auf den Regalen des erlesenen Sortiments an Secondhand-Büchern. (Elephanta Suite von Paul Theroux gefunden.) Odalisque von Ingres fällt mir dazu ein, aber das liegt wahrscheinlich am türkischen Kardamom-Kaffee, den ich gerade auf dem Atatürk Flughafen von Istanbul trinke. Die Raucherterrasse ist ein luftiger, mit Maschendraht umgebener Käfig  und hängt wie ein Vogelhorst an der Fassade. Wie gerne würde ich mich zu den Männern in dunkelblauen Anzügen gesellen, eine Slimkippe schnorren und gedankenverloren auf das Flugfeld blicken, noch so eine Erinnerung. Worst pollution worldwide, titelte die Thaitimes über Chiang Mai. Der Air Quality Index (aqicn.org., neue Lieblingsseite) ist mit über 300 Punkten im violetten Bereich –  vor Dhaka, Ulan Bator, Kabul – danach kommt nur noch braun, bedeutet kurz vor Erstickungstod, jedenfalls wenn man eh schon aus dem letzten Loch pfeift. Waldbrände, abfackelnde Reisstoppelfelder, Smog und eine Hitze, die wie ein dicker staubiger Teppich auf dem  Land lastet, in die Straßen der Städte drückt und über den Bergen liegt, machen nicht nur Alten und Gebrechlichen das Luftholen schwer. Particular Matters, PM10, Messwert für Feinstaub, Bangkok bei 38 Grad 174:  Berlin heute 14. Seit der Besuch in einigen Tempeln von Chiang Mai Eindritt kostet, haben die Selfieo-Orgien abgenommen. Eine Gruppe älterer Frauen in schwarzen Spitzenkleidern und passenden Handtaschen kommt barfüßig herein, andächtig knien sie sich vor dem goldenen Altar auf den Boden. Im Tempel nebenan ist eine Leiche aufgebahrt,  stundenlang singen die Moönche ihren Sermon, es gibt Essen und  süßen Tee für alle, die Trauernden tragen weiß. Ein junges Nüttchen platziert sich vor die vornehmen Damen, freilich nicht zum Gebet, sie schüttelt die Haare zurecht und posiert für ein Foto, mit dem Rücken, oh weh, Tabu, Blasphemie!, mit den nackten Füßen, zum Buddha. Da kramen auch die schwarzen Witwen ihre Handys aus den Handtaschen und fotografiern sich reihum genauso. Im nächsten Tempel gibt eine weißgekleidete Nonne (?) einen dreistündigen Meditationskurs, Schwester Boa meditiert 15 Stunden am Tag und ernährt sich von wässriger Kürbissuppe. Damit heile sie sogar Zahnschmerzen, an der Schläfe hat sie ein talergroßes schwarzes Geschwür, das hat wohl auch seine Richtigkeit. Ich bin aus Versehen da gelandet, bzw nicht mehr rechtzeitig davon gekommen. Zum Einüben bewegen wir eine halbe Stunde die Hände und Unterarme in minimalistischem Ablauf, Hand auf Bauch, Hand aufs Herz. Dann laufen wir eine Stunde hin und her, ganz langsam, Schritt für Schritt, mit der ganzen Sohle den Boden berühren, Gewicht verlagern, ausatmen. Die zwei jungen Amerikanerinnen und eine Alleinreisende aus Prag können das ganz gut, Gehen-Meditation, in sich gehen, sich finden, mich finden vor allem drei Moskitos. Im Wandelgarten des königlichen Haupttempels hängen Kalendersprüche auf verwitterten Holztäfelchen in den Bäumen. Good to forgive, the best to forget. In einer silbrigen Blechschale liegen Briefumschläge für die Spenden bereit. Ein Mönch nimmt die Umschläge auf einem gelben Tuch entgegen, spritzt einem etwas Weihwasser mit einem Besen aufs Haupt, knotet Bändel ums Handgelenk, a glas of wine, a cigarette, and than its time to go…

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Shaman Bookstore in Chiang Mai

 

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An die Grenze gehen

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Der Schlagbaum.

Nachts brennt ein Berghang, niemand kümmerts,  keine Feuerwehr, keine Straße dorthin, kein Bach, ein chinesisches Tomatencurry und ein Bier beim Schnaps trinkenden Mr. Ho und ein paar Stunden später ist das Feuer von selbst ausgegangen, die Luft noch rauchverhangener, die Berge auch tagsüber kaum mehr zu sehen. Im lichten Laubwald ist es schattig und etwas kühler, im Dorf hinterm Tempel, 712 Stufen hoch über dem Oolong-Tee-Dorf Mae Salong, wird Kaffee angebaut. die Bohnen liegen zum Trocknen auf Bambuspodesten im fahlgelben Licht, die altertümlichen Zahnradmaschinen zum Kaffeebohnenwaschen stehen still. In einem Bambuskäfig hüpft ein kleiner Rabe. Noch ein Dorf  höher und weiter windet sich der Weg durch zauberischen Dschungel. Limousinenhafte Pickups transportieren Jutesäcke voller Kaffeebohnen ab, Mopeds mit Schulkindern knattern vorbei. Winzige Vögel zwitschern, als würde jemand mit einem Löffelchen auf ein Heizungstohr klimpern, ein größerer wirft sein Kiwitt in die Runde und bekommt Antworten, ein Sound,  als ob im Nebenhaus das Radio liefe, Grillensirren,  schwarzweißgeszreifte Schmetterlinge,  weiße Weihnachtssternbäume, hier gibt es keine wilden Tiere. Eine rotgestreifte Bambussperre markiert die Grenze. Birma sagen ein paar schwarz Uniformierte, lässig baumeln ihre Gewehre, fotografieren darf ich, weitergehen nicht.

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lokaler Transport

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Durchgangsstationen

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In Tha Ton endet  der Linienbus, mit einem Bötchen könnte man den Mae Kok hinunter nach Chiang Rai fahren,  weiter in die Berge hoch geht es mit Song Thaews, den klapprigen Pritschenwagen,  Aber erst am kommenden Tag.  Durchgangssationen sind oftmlas gute Orte zum Innehalten. Bei Station 4 des Pilgerwegs den Berg hinauf döst nur ein Hund bei den verwaisten Hütten eins Mditationszentrums, die Stupa bei Station 8 muss besonders heilig sein. Man kann in ihr auf einem Wendelgang (Rollstühle stehen bereit) hochsteigen, vorbei an einem Sammelsurium aus gruseligen Wachsmönchen, Buddhas und Shivas aus Gips, Gold, Jade oder Plastik und gespendeten Kitschgefäßen.  Der Besitzer vom Inter View schlummert bei laufendem Fernseher auf der Terrasse seines Gasthauses. Poliertes Tropenholz, Blick über einen Teppich aus Bougainvielleas. Orangen, Tee und Kaffee frei. Ein Gast mit haalblangen grauen Haaren sitzt an seinem Laptop. Ken, ein Schwede, war auch nur kurz gestrandet hier auf der Durchreise mit dem Motorrad, jetzt ist er schon Wochen hier. Er sei auf der Suche nach einem Ort zum Bleiben. Seit ein paar Jahren würde sich etwas ändern, in der Welt, im Bewusstsein, zumndestvon Leuten wie ihm. Genug hätten sie materiellen Dingen, von Anarchie auch und ungezügelter Fteiheit, nun suchten sie nach etwas Stabilem, nach etwas das sich nicht dauernd verändert, darf durchaus etwas konservativ sein.. Er habe auch genug Erinnerungen, er mag keine neuen mehr dazu haben. Man müsse jetztt das Sterben üben. Wir trinken den nächsten Tee, auf seinem Bildschirm ploppt das Angebot auf für ein billiges Häusche in Norschweden, vielleicht, sagt Ken, könnte seine Tochter ihm das kaufen. Am nächsten Tag fährt er mit seinem Motorrad hoch nach Mae Salong, das sei ein Ort der starken Energien. Manchmal würden die Naturgeister zu übermächtig, dann würden die Dörfler die buddhistischen Mönche zu Hilfe holen.

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Ein Schiff in den Bergen

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Der gewundene Pfad auf Stelzen mit lialfarbenem Geländer endet an einer letzten Aussichtsplattform. Die hat die Form eines Schiffes, über dem goldenen Rumpf wölbt sich ein geschwungenem Dach aus rotgoldenen Holzbohlen. Von den eisernen Sitzbänken blättert die rote Farbe. Für 30 Passagiere ist Platz, doch der Kapitän ist nie angekommen, die Mannschaft hat sich über die sieben Hügel  ins Nachbarland abgesetzt. Ein silberner Anker liegt im Bug, das Führerhaus am hinteren Ende ist verlassen. Auf der Veranda des geschlossenen Restaurants neben dem stehenden Buddha ist eine weißschwarze Katze der einzige Gast. Die Tische sind mit weißen Plastiktüchern gedeckt. Die Köchin schläft ein halbes Jahr. Der acht Meter hohe goldene Buddha steht auf einer Bergnase hoch über der Stadt am Fluss, er markiert die letzte der neun Stationen des Pilgerwegs den Berg herauf. Niemand ist heute unterwegs, die 28 Mönchzellen auf halber Höhe im Raschelwald stehen leer. Im Schatten döst ein schwarzer Hund. Eine Eidechse huscht über die Baumwurzeln. In einer  Amulettbude telefoniert eine einsame Verkäuferin. Hinter der nächsten Biegung des Flusses, über den Bergen, beginnt Myanmar, die grüne Grenze, ein halber Tagesmarsch. Ein lauthals singender Mann knattert auf einem Moped um eine steile Kurve. Seine Augen funkeln, wild schielen sie in verschiedene Richtungen, Zähne hat er kaum mehr, er strahlt mich an. Im Städtchen im Tal ist Markt. Halbwüchsige hören Popmusik aus dem auf der Brücke geparkten Auto und trinken Dosenbier.

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Fuck the poor

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Eigentlich habe ich längst genug von der vermeintlichen Authentizität der Armut, der Vernachlässigung der Natur, der Missachtung der unmittelbaren Umwelt, dem gedankenlosen Zumüllen des Nichteigenen mit Plastikdreck. Jedes noch so pittoresk zerlumpte Kind lässt die Chipstüte da fallen, wo es sie leer gefuttert hat. Jedes Flußufer eine Abfallhalde, jede Brache ein stinkend verkokelter Haufen aus Matratzenfetzen, Elektronikschrott, verbrauchtem Hausrats, öligen Motorwracks, Schutt. Da liegen keine Scherben mehr, keine zerbrochenen Erinnerungen oder geplatzten Träume, da eitern Geschwüre aus Gift und Chemie. Zusammengeschmolzen zu oszillierenden Klumpen und blasigen Fladen, die nicht in diesem Leben mehr verrotten. In Bangkok angekommen mit dem Nachtzug kaufe ich sofort eine Fahrkarte erster Klasse für den nächsten Nachtzug.  Den Tag verbringe ich nicht in der schmuddeligen alten Welt, sondern in der glitzernden Stadt der Moderne. Eine Trasse des Skytrains zerteilt den fahlweißen Himmel über der Sukhumvit Road, stilettosteile Hochäuser aller Hiltons und Carltons werfen keinen Schatten, in ihren Granit- und Glasfassaden spiegeln sich die kreischenden Botschaften von Videobillboards, auf  halbem Weg zu den Wolken, die es nicht gibt, wachsen Palmen. Shopping-Malls und Untergrundpassagen sind frostig klimatisiert und todschick begrünt. Wenns dort nur nicht so grauenhaft langweilig wär. Kein Eindringen, keine Eimsichten, überall Fassade hochglanzpoliert, Luis Vutton wirbt mit Mädchen in kolonialem snakewhite und sahnigem afrobraun. Im Park dreht ein schwarz Uniformierter mit Springerstiefeln auf einem Rädchen Runden um den künstlichen See. Ein Kleinkind mit Vater füttert Tauben, der Parkwächter setzt energisch seiner Trillerpfeife ein. Den Sonntagsfrieden stört das nicht. Im Pavillon führen Mädchen geheime Telefonate, in den Bäumen ratschen Streifenhörnchen und springen wie schwerelos durchs Geäst, eine schwarze Katze döst auf dem Podest einer abstrakten Skulptur. Die Risse in der Oberfläche sind doch ganz nah. In den Seitengassen vertreiben Mädchen vor Massagesalons sich rauchend die Zeit, die schon am Nachmittag auf dunkelrot und violett gedimmten Bars dünsten den Alkoholschweiß übler Nächte aus, noch die mobilen Garküchen riechen nach Gosse. 

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Marktgemälde

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Manchmal ists gar nicht so schlecht, wenn Texte verloren gehen. Der sollte mal wieder von den unwiderstehlichen Sensationen eines dörflichen Marktes erzählen. Verschrumpelte Frösche auf Bambusspießchen und Unterhosen im Sechsepack, Fische zappeln in Plastikwannen,  Marktfrauen unter grünen Sonnensegeln wedeln mit einer Tüte an einem stöckchen die Fliegen von Fleisschstücken weg, Koriander, Knoblauch und Basilikum, parfümierte Seifen, getrocknete Chillischoten, Smartphonebuden, der Geruch von Schmalzküchlein und faulendem Abfall, der flirrende Impressionismus, die  übliche Kakophonie aus einander überwältigenden  Sinneseindrücken… Und plötzlich diese würzigen Duftschwaden: die zwei Frauen auf dem Lastwagen rauchten beide einen fingerdicken Joint, fürs Foto verbargen sie ihn diskret.

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Spiegelung geht immer

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Der Seemann ist wieder da, bläulich wie zarte Krampfadern seine Tättowierungem am nackten Oberkörper, immer noch blass vom Vermeiden allen Tageslichts, er freut sich nicht, mich wiederzusehen. Ein übergewichtiges Pärchen aus England schweigt sich an. Zufrieden essen sie große Portionen gebratener Nudeln, meine Schüssel vietnamesischer Nudelsuppe ist auch riesig und schmeckt ziemlich grandios. Zwei junge Laoten bestellen ebenfalls Suppe, sie hören laut Popmusik mit ihrem Smartphone. Eigentlich mögen wir die Einheimische doch lieber arm, still und rückständig. Zurück über die Grenze nach Thailand, die Abendsonne wirft einen silbernen Glanz auf den breiten Fluss. Mekong Ade. Und plötzlich diese „Schwernehmigkeit“, so nannte mein Vater das. Die beissende Schärfe einer Nudelsuppe am Bahnhof von Ubon sollte jeden Anflug von Weltschmerz verscheuchen. Ach hätte ich doch den im Wasserfläschchen getarnten Laolaofusel gekauft. Aber eine ganze Nacht im Wiegen des  Zuges muss ausreichen. Weiße und gelbe Lichter ziehen vor dem Fensterpanprama vorbei, blitzen kurz auf im Schwarz, ein entgegenkommender Zug wird vorbeigelassen, er pfeift, wie alle Züge in allen Träumen der Welt pfeifen, beim Halt im Irgendwo stehen fahle  Gestalten am Bahndamm. Gehen sie nach Hause? Haben sie ein Haus? Schlafen sie unter einem Dach aus Wellblech, einer Plane, aus Stroh, aus Bambuslatten, aus Holz mit verziertem First in Form eines Drachen?

 

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Mehr geht von außen nicht

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Dünne Jungen springen die zehn oder mehr Meter des Wasserfalls hinunter. SIe tragen dabei ihre engen Jeans und manche sogar stolz Kapuzenshirts, nur die Schlappen werfen sie voraus ins tosende Wasser. Unverblümt schauen sie die Touristinnen in den Bikinis an. wir schauen zurück und lassen uns an den schwarzen Fels geklammert minutenlang den Rücken vom donnernden Wasserfall massieren. Mehr von außen geht nicht. Nur ein paar hundert Metee weiter, wo die Bambusstege über die brodelnden Pools enden und die Picknick-, Wasch- und Badezone aufhört, führt der Pfad ins struppige Gebüsch. Ein uralter Mann hackt mit seiner Machete Brennholz, er deutet verschämt auf seinen eingefallenen Brustkorb und in den Himmel, ein bisschen zu großer Geldschein (das Kleingeld haben mir zuvor kleine Mädchen mit gerösteten Bohnenkernen abgeknöpft) verzaubert sein Runzelgesicht zu einem  zahnlosen Lächeln. Sein nahes Dorf hat keine Straße, die mit dem Auto erreichbar wäre. In der Mitte des Dorfplatzes steht ein großes Gemeinschaftshaus. Das ist ein Spirithouse, ein ho kuan der Ngae Ethnie, ein Geisterhaus. Die schwarz bemalten Holzplanken sind mit Zeichen, Schlangenlinien und Kringeln in weißen Pinselstrichen dekoriert. So ähnlich hab ich das bisher nur auf den Trobriand Inseln gsehen. Einmal im Jahr, jetzt im März, werden hier die Geister der Ahnen mit rituellen Umrundungen, zeremoniellen Tänzen  und Getrommel beschworen. Für Fremde wie mich, Frauen wahrscheinlich sowieso, ist das alles Tabu, Knochen und Towrhörner werden dort aufbewahrt, das Schlagen der Ttommel und auch die roh geschnitzen Holzpfosen bloß nicht berühren, warnt eine verblichene Tafel. Ein paar ältere Männer sitzen am Rand des Platzes im Schatten und beobachten mich misstrauisch. Ich mach mich lieber vom Acker. Am Dorfausgang ist eine schmutzwassrige Gänsefurt, danach stellt sich ein ein Mann mit Machete – haben alle immer dabei – in den Weg. Mit einem Stöckchen malt er Kreise und Linien in den Staub, und eine Zahl, so viel Gled will er dafür, dass er mich führen würde, ich steige ihm nach über drei Zäune und durch Gärten, dann ists mir zu blöd und ich geh allein einen zaunlosen  Trampelpfad an abgefackelten Reisstoppelfelder entlang. Die gleissende Sonne  steht hoch, mir ist ein  bisschen gespenstisch zumute. Als ich eine Stunde später das nächste  Dorf und eine Straße sehe, bin ich erleichtert. Auch dort gibt es ein bemaltes Ahnenhaus in der Mitte. Hier sitzen Männer drin und palavern laut. Bier haben sie auch. Frauen lagern ringsum im Schatten unter ihren Häusern, Hühner, Ferkel und große Muttersäue laufen herum. Mädchen grüßen scheu.

 

 

 

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Mobile Nagelstudios

 

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Tadlo hat der Seemann gesagt.  Der Bus von Pakse aus braucht länger. Er fährt auch später los. Mit den Diensten von zwei Frauen mit mobilen Maniküre-Pediküre-Nagelstudios im Plastikkörbchen vertreiben sich Reisende die Wartezeit. Eine Bäurin bietet  Bündel mit weißen Rübchen feil. An einer der vielen bunten Buden braut ein Frau mit roten Wangen und rotem Kopftuch sirupdicken Kaffee, schüttet ihn mit gesüßter Kondensmilch auf und über ein Pfund geschredderte Eiswürfel. Als wir in Tadlo ankommen ist es dunkel, Ich bekomme das letzte freie Zimmer im empfohlenen Gasthaus. Die  Hängematte aus grünem Tuch auf der Holzveranda wiegt mich nah an die Seligkeit. Eine – nur eine und nicht diese Millionen von der Insel – Grille zirpt und macht die samtschwarze Stille hörbar.

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Brückentage, Hohlwege

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Der Hund schläft über Nacht vor meiner offenen Hüttentür, eine Hängematte baumelt vor der Holzveranda, am Morgen schaut der Gockel vorbei. Enten mit einem Dutzend Küken picken sich durchs trockene Gras. Nachts donnern tellergroße dürre Blätter aufs Blechdach. Mein Hirn ist auch schon ausgedörrt. Um den Zustand dieser hohlköpfigen Leere zu erreichen, müsste man zuhause ganz schön lange auf einem Bein stehen.

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Geister und andere Pflanzen

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Die Hitze ist mörderisch, die Zikaden machen einen Höllenlärm. Es ist ein Sirren. als wär man mitten in der Turbine eines kosmischen Elektrizitätsswerkes. Ich wache in der Morgendämmerung davon auf und habe von schrillenden Alarmglocken geträumt.  In den ausgebleichten Stoppeln der Reisfelder grasen gelbe Kühe mit hunderten von Kälbchen. In den offenen Verandabars  stehen die Rucksacktouristen und betrinken sich schon am Vormittag mit eiskaltem Beer Lao. Wer den Hals davon nicht voll kriegt, kann sich eine Pizza  mit magic mushrooms und Mangoshakes  mit Gras reinballern. Eine Gtuppe chinesischer Urlauber setzt sich schnatternd in den winzigen Schattenplatz bei der ehemaligen Eisenbahnbrücke zur Nachbarinsel. Der Mann ist stolz auf seine ansehnliche Kameraausrüstung vor dem Bauch. Er knipst wie irre die kleinen Kinder in ihren putzigen Schuluniformen. Sie hampeln wie Äffchen für ihn herum. Es wirkt obszön. Tiere fotografieren. Topfpflanzen und Geisterhäuschen.  Drei Tempel gibt es auf den zwei Inseln, alle sind vernachlässigt, vermüllt, aus einem dröhnt  Rockmusik. Wir sind in Laos und da ist immer noch Kommunismus, da hat mans nicht so mit der Religion. Wenn man Leute um Foto-Erlaubnis fragt, lassen sie es zu, sie ertragen uns Touristen als Goldesel (cashcow), dann erstarren sie in maskenhafte Posen.

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Schwimmen im Mekong

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Zwei tätowierte Italienerinnen im Bikini sitzen im Mekong. Ein Wasserbüffelkleinfamilie guckt leicht indigniert, die Kuh geht baden. Der Schlamm ist cremeweich, mal lehmig frichtbar, mal sandig und voll silbrig glitzernder Mineralien. Am Rand der Strömung kann man auf der Stelle  schwimmen. Mein Hemd ist zwanzig Minuten später wieder trocken. Nach der Hängebrücke zu einem Wasserfall  und ein paar. Mauerresten aus der französischen Kolonialzeit kommt niemand mehr des Wegs. Eine Brücke auf dem Pfad durch den Dschungelwald ist zusammengebrochen. Ein paar Holzbohlen und ein rostige Schwellen der einst von den Besatzern gebauten Eisenbahnline, die ganze sieben Kilometer über die Insel und noch weitere zwei auf die benachbarte führte, hängen in den zugewachsenen Graben. Die Umgehung führt hinunter zu einem sandigen Uferplatz, Wasserpause Abkühlung. Ich wusste nicht, dass ich im Badeurlaub bin. Jeden Tag werde ich von nun an im Mekong schwimmen. Ich umrunde die Insel, kaufe Wasser am südlichen Ende, wo die Berge schon Kambodscha sind und man mit einem Bötchen aufbrechen kann, um vielleicht die seltenen Süßwasserdelphine zu sehen. Ich gehe durch verdorrtes Gebüsch, an einer Köhlersiedlung vorbei und an einer zerzausten Bananenplantage. An vielen Stellen ist der Wald bis in die Baumkronen verkokelt, ascheschwarz der Boden, verbrannte Erde statt der grüne Wildnis. Grillen sirren.

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Schlafen

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Der Seefahrer kippt einen Schuss Apfelschnaps aus einer Thermoskanne in unsere Kaffeebecher. Wir sitzen am Busbahnhof von Ubon Ratchatani, es ist noch keine acht Uhr Früh, wir warten auf den Anschlussbus über die Grenze nach Pakse in Laos. Der Seefahrer hat das Wappen der Bretagne  an seinem  Hals eintättowiert, da kommt er her und den Schnaps hat sein Großvater gebrannt. Einen Tag zuvor erst bin ich in Bangkok angekommen, die futuristische Metro braust als Skytrain zum Hauptbahnhof, dort bekomme ich sogleich ein Ticket für den Nachtzug nach Ubon. Den Nachmittag bis dahin schlendere, naja schleppe, ich mich durch das nahegelegne Chinatown, trinke haufenweise Instantkaffee in herrlich eisig klimatisierten Supermärkten,  esse aufgeschnittene Mango im Plastikbeutel und Schmalzkringel, kaufe einen rosafarbenen Plastikstrohhut mit blauen Stofftulpen, versorge mich mit  thailändischem Insektengift und chinesischer Kräutermedizin gegen den Husten. In einer schattigen Gasse näht eine Schneiderin aus meiner Vorhangseide einen Schlafsack. Hitze und tiefe Mattigkeit nötigen mich dauernd zum Schattenplätze suchen. Die schönsten Orte der Ruhe und Ventitlatoren und Klos sind die Tempel. Der ersten Halt  mache ich beim Tempel der Prostituierten, die lieber ein Armenkrankenhaus auf Erden eröffnete, als in die ewige Heiligkeit hinüberzutreten. Ganz still ist es mitten im Herzen Chinatowns, einem von allem Stilwillen vergessenen Hinterhof, wo schon 1654 chinesische Flüchtlinge und alsbald Händler ihren ältesten Tempel für das Wohlergehen ihrer Geschäfte errichteten und bis heute zum Räucherstäbchen abfackeln und Schicksalbeschwören herkommen. Wie immer läuft tonlos ein Fernseher drinnen und ein uralter Mann sitzt vor einem Teller Reis dabei. Eine schläfrige Katze jagt in eher symbolischer Geste kurz einer Ratte hinterher, und legt sich wieder hin. Die Ratte flitzt davon unbeeindruckt hin und her. Eine Ecke weiter, zwischen den Rauchfahnen röstender Esskastanien und Buden voll grellfarbenen Törtchen und glitzernden Paraphernalien, liegt fast verborgen der Eingang zu einer ausgedehnten Tempelanlage. Mindestens sieben Meter hohe Wärterfiguren in Smaragdgrün, Rot und Gold fletschen  hinter Glas furchterregend  die Zähne. Orangefarbene Novizen leiern monoton eine Gebetszeremonie herunter, kniende Gläubige in Bermudashorts tupfen ihre Stirn auf den roten Teppichboden. Götterstatuen mit goldenen Schwertern, schwarzen Bärten oder rosa Tüllschleiern werden um Rat befragt und mit füf meter entfert gekauften Mandarinenkörbchen gnädig gestimmt. In einem Raum kann man vorgedruckte Listen mit seinen Wünschen ausfüllen und neben der Düendenbox deponieren. Eine vielarmige Shivagöttin in einem Schrein ist irgendwie das Wahrzeichen des japanischen  Canon-Konzerns, was ein Touristenguide mit einer wikipediaseite auf  seinem smartphone strahlend demonstriert. Auf der brutal umtosten Verkehrsinsel vor dem Hauptbahnhof Huang Lampong legen sich bei Einbruch der Dämmerung die ersten Obdachlosen schlafen. Im Zug werden die Liegen mit weißen Laken bezogen, vornehm summt die Klimanlage, ich ziehe meine Daunenjacke zum Kinn.

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Freibeuter

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Schön wars am Ofen dort. Nun ist Hund und Herrchen weg. Die Kunstobjekte blieben, ob Harry sie je wieder zurückbekommt, ob er je wieder Platz dafür haben wird, wenn sie da nicht längst als Schrott entsorgt wurden. Wo wohnt er? Das Laufen fällt ihm schwer. Vom Roma-Lager gleich neben dem Uferweg ist nichts mehr zu sehen. Tabula rasa. Alle Relikte, Müll, kaputte Fahrräder, Decken, alles weg, die Büsche niedergewalzt, die Erde wie gefegt. Auch die verwilderte Brache dahinter ist sauber niedergemäht. Der Aufbruch von Harry, Hund und einer Handvoll Mitbesetzern war unfreiwillig, und doch was man friedliche Räumung nennt. Jetzt bewachen Männer in gelben Westen von einer Sicherheitsfirma das Schiff. Mitte Oktober hatte die letzte Gruppe den Freibeuter besetzt, dort gelebt, gekünstlert und gekocht. Es gab interne Konflikte, ein Polizeieinsatz. Die einen wollten mit dem Sozialhilfeverein zusammen arbeiten, deren Leute schon das geduldete wilde Zeltlager von obdachlosen Jugendlichen betreuen, die anderen wollten mit niemandem „vom System“ zusammenarbeiten. Der Neubau dahinter wächst, die Stelle mit dem wilden Schnittlauch ist eingezäunt. Letztes Jahr gab es dort noch ein Osterfeuer.

 

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on kötü aksamimis boyle olsun

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Berlin, Warschauer Brücke, Samstag Nacht, Frühling im Februar.

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Dann halt Minzlikör

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Markus möchte Minzlikör. So blöd sich das anhört. M. ist ein relativer junger, verwahrloster und oder verwirrter Mann mit blonden Locken, er sitzt seit Wochen am Parkplatzrand vor Lidl. Anfangs hing hinter ihm am Schaufenster der geschlossenen Apotheke – es sind inzwischen alle Geschäfte da zu – ein handgeschriebenes Plakat. Darauf stand etwas gegen Vertreibung. Manchmal schläft er, unter einem schmuddeligen Haufen Decken und Schlafsack vergraben, um ihn halbleere Glasflaschen (Minzlikör), Essenreste, Zigarettenschachteln, Müll. Nachts geht er wo anders hin. Ich brauche Tabak. Don’t ask. Um das Nötige mit dem Angenehmen zu verbinden, frage ich ihn, ob er Tabak gebrauchen könnte, er möchte, dass ich ihm eine Flasche Minzlikör kaufe, will mir sogar das Geld dafür geben. Er will keine Hilfe, Notübernachtung schon gar nicht. Der Minzlikör (3,79) ist smaragd- um nicht zu sagen giftgrün, bloß 18 %. Wahrscheinlich gut Zucker, M. mag den und so kriegt er den. Und Tabak. Ich einen neuen Rucksack für die Reise. Und eine dieser superleichten neuen Jacke kauf ich auch noch. (Lustig in Henning Sußebachs feinen Buch über seine Wanderung durchs deutsche Hinterland, wie er für 1000 Euro Funktionskleidung kauft und nach ein paar Tagen höllische Blasen hat, seine Freundin bestellt, die ihm mit dem Auto an eine Wegkreuzung seine alten Botten bringt.) Zuvor  in der Bibliothek den neuen Ondaatje („Kriegslicht“) geliehen, von dem ich bisher alles gelesen hab, und Seethaler, von dem hab ich noch nie was gelesen. Genug für einen Tag. Doch der Himmel ist so leer, es ist fast 10 Grad warm, das Frankfurter Tor blinkt gegen das Februargrau in aller Verkehrsknotenhaftigkeit an, in der U-Bahn sind drei gelb-grau uniformierte BVGler im Wagen, als ich am Alex nach dem richtigen Ausgang Ausschau halte, fragt mich einer von ihnen, ob ich Hilfe bräuchte. Werd ich schon auffällig? Die Langsamkeit schon verdächtig? 

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Buchungen

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Nix gegen Schöner Wohnen im Homeoffice. Fast zwei Wochen ist es her, dass die Nelken ihr offizielles Haltbarkeitsdatum überschritten haben. Unverkäuflich geworden lagen sie mit vielen weiteren Blumensträußen am Westhafen. Die Rosen sind eine Woche „alt“. Der Frost hat auch sie „gestählt“, noch schöner gemacht. Einen Flug hab ich dennoch gebucht. Auf dem Weg zum Flughafen, wo ich hinmusste, um den Flug noch mal umzubuchen, hab ich kurz bei Neruda, unserer Stadtteilbibliothek, Halt gemacht. Da treff ich in letzter Zeit öfter bekannte Gesichter. Navid  Kermanis wunderbares, an Horrorgeschichte übervolles Reisebuch „Entlang der Gräben“ zurückgegeben und „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz ausgeliehen. Der 1939 erschienene Roman erzählt von Otto Silbermann, einem Berliner Kaufmann, der in letzter Sekunde dem Novemberpogrom entkommen mit einer Aktentasche voll Geld durch Deutschland flieht, nirgends mehr sicher, immer in Gefahr betrogen, denunziert, deportiert zu werden, ohne Entkommen, weil Juden kaum noch Visa nirgendwohin mehr bekommen. Ohne Illusionen, wohin die Reise geht, rastlos, unterwegs, „emigriert in Züge der Deutschen Reichsbahn“. „The man who took trains“, so der englische Titel, „The Fugitive“, der amerikanische,  ist „wie im Fieberrausch“ der unmittelbaren Ereignisse vom November 1938 geschrieben, rasend furchterregend, und ja, das liest sich gruselig spannend, ist das obszön?, ein literarischer Thriller mit Obergruselfaktor Zeitzeugenschaft. Deutsch erstmalig jetzt. (Klett-Cotta, hrsg. Peter Graf). Der Autor Boschwitz, selbst deutschstämmiger jüdischer Flüchtling, wurde in England interniert, in ein australisches Lager verbracht, er starb auf der Rückkehr 1942 mit 27 Jahren. Sein Schiff wurde von Deutschen bombardiert und versenkt. Ich hätte den Schnulli, der maulend mein Ticket umbuchte und für den horrenden Aufpreis meine Kreditkarte annahm, herzen können.

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Lustige Wissenschaft und zuckersüße Kirschen©

hier auch noch mal: früher hieß es, es gibt kein Privateigentum an Kugelschreibern, Feuerzeugen und Zehnmark-Scheinen – und ganz früher: Wer schreibt ,der zahlt. Meint: der Urheber zahlt für, dass er gelesen werden kann. Allerbeste Grüße,

„Manchmal denk ich, ich bin in einem Science Fiction Film, in dem wir lustige Ameisen spielen. Lacht da überhaupt noch jemand?“
Die beiden Sätze haben mich gestern sehr amüsiert. Ich las sie bei Kollegin Docvogel. Nur weil sie mir gefallen haben, darf ich sie nicht einfach klauen. Die intellektuelle Redlichkeit gebietet, das Zitat durch Anführungszeichen kenntlich zu machen und die Urheberin anzugeben. Natürlich sind die Sätze wie der gesamte Text ihr geistiges Eigentum und durch das Urheberrecht geschützt.

Wir erinnern uns an einen Fall lustiger Wissenschaft: Morgen vor sechs Jahren, am 9. Februar 2013 gab Bundeskanzlerin Angela Merkel bekannt, sie habe das Rücktrittsangebot der Bildungs- und Forschungsministerin Dr. Annette Schavan angenommen. Mash-up von Jules van der Ley für Teppichhaus Trithemius Schavan war unhaltbar geworden, weil sie „auf 94 von 325 Seiten ihrer Dissertation Textstellen ohne Quellenangaben übernommen“ hatte. (Wikipedia) Der Doktortitel wurde ihr später von der Universität Düsseldorf…

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best loss

 

Best loss. Werfel über Armenien, das Vergessen ist schneller als das erinnern. – Wenn das Leben aus einer Anhäufung von Verlusten besteht, geht es auch darum, den best loss zu finden. Dazu später. 6.2., um mal wieder ein Datum zu nennen. Welcher Tag ist überhaupt? Geburtstag von E.. Morgen früh um Acht kommt der Hauswart. Die Nelken halten am besten. Die Pinkfarbenen, viele Knospen an einem Stengel, blühen auf, sie erweisen sich als knallrobust, sehen nicht mehr struppig aus. Haben den einen Nachtfrost gut überstanden. Oder  viel mehr.  Zu Sträußen im Fünferpack gebündelt, in Zellophan gehüllt, in einem Haufen anderer Sträuße mit gleichem Schicksal: Müll. Die weißen, faustgroßen Einzelnen am Stiel, geben auch prächtig was her. Riechen tut keine. Pheromene sind zur Fortpflanzung da. Die ist bei Blumen zum Massenverkauf in Billigdiscountern nicht relevant. Die von M. gekauften Tulpen haben längst schlapp gemacht, die Rosen auch. Nelken also. Blühn wie verrückt. Wo kommen sie her? Ok, sie lagen in einem Haufen, in Kartons, in Plastik, ihr Haltbarkeitsdatum ist abgelaufen, sie sind kurz vorm Exitus oder schon hinüber, ein Himmelreich für einen Komposthaufen, nach Stunden Unter Null am Eingang zu einer Containerhalle sind sie Matsch, sobald sie ins Warme kommen. Die Nelken überstehen das. Und die Fresien, noch so eine als Dekor der Spießigkeit unterschätzte Blume. Von den zwölf Zwiebeln, die ich letztes Jahr in verschiedenen Balkonkübeln versenkt hab, ist eine gekommen, sie blüht seit November, in einem sehr trotzigen Weiß. 

Ich wollte von Leuten erzählen, die alle zu wenig Liebe gekriegt haben oder immer noch da fest stecken und also permanent zu wenig  kriegen. Kindsköpfe, die sich Namen geben, Tiernamen, aus Kinderfilmen, aus gezeichneten, inzwischen „computeranimierten Comics“, aus Walt-Disney-Produktionen, ohne zu wissen, was sie tun. Fantasienamen, aus Zeiten, als sie noch an  Fantasie glauben durften. Fünfzigjährige mit Sicherheitsnadeln in der Lippe. Und dezidiertem Geschmack. In der Kleiderkammer bestehen sie auf schwarzen leggings, die langen Unterhosen, dazu schwarze Socken? Der Klavierkurs in Kreuzberg ist ausgefallen, in der Bibliothek sind bis zum frühen Nachmittag die Computer frei. In der AGB riecht einer auf der Heizung, einer liegt zu breit, ein Alter lädt mich ein, den lilafarbenen Sitzwürfel neben ihm einzunehmen. Als ich mein Blatt habe, ist er besetzt. Wir blinzeln uns aber nochmal zu. Manchmal denk ich, ich bin in einem Science Fiction Film, in dem wir lustige Ameisen spielen. Lacht da überhaupt noch  jemand?

 

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Rosen Tulpen Nelken

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Im Pförtnerhäuschen sitzt niemand, die Schranken sind offen, gelbschwarze Bremsbarrieren sind alles, das uns aufhalten könnte. Containermauern, Containergebäude, Lagerhallen nummeriert, der Parkplatz ist weitläufig, zugig und zu groß für unseren Pkw. Wir stellen 12 leere Plastikkisten auf eine Karre, warten im Eingang zur Halle, rechts und links hinter Schiebefenstern zur Einfahrt Frauen an Büroschreibtischen, wir müssen uns nirgendwo anmelden, wie stehen einfach rum und warten auf B., der ist für uns zuständig und wird uns schon bemerken. Er hat ein Klemmbrett mit einer Liste von Abholern, auf der wir den Erhalt unserer Fuhre unterschreiben müssen. Er ist ein großer Mann, das rote Logo-T-Shirt über seinen Klamotten spannt über seinem breiten Rücken, die meisten anderen Männer hier tragen grüne Logo-Shirts, viele haben lange oder schüttere Haare, manche sind spillerig und gebeugt, lässig schieben und tragen sie Kistenstapel mit oder ohne Lebensmittel hin und her, sie rauchen im launigen Westwind vor den Hallentoren, sie sehen cool oder mitgenommen aus, vom Leben, von der Frischluft, die könnten dir was erzählen. Die meisten hier sind Ehrenamtliche, sagt M., mit dem ich hier bin, wie er und ich auch. B. schiebt uns eine beladene Karre hin mit Paletten voll Griespudding Vanillegeschmack, schwäbische Markenware, Mangojoghurt, 2 Karton Biovollmilch, Kisten mit Frisch-Gemüse, unverpackt, Brot, Tomaten, Mandarinen, Blechkuchen, Brot, geschnitten. Zehn Sixpacks Wasserflaschen. In der Toreinfahrt lagern rechts etwa 500 Pfund Feldsalat in Schalen, links ein Haufen Blumensträuße in Zellophanverpackung mit roten Reduziert-Etiketten, für 4,99 laut Preisschild gingen sie nicht mehr weg. Der Januar riecht nach Schneeregen. Der Himmel reißt auf, ein Blau wie im März, doch Blumenberg und Salathügel sehen fertig aus, sie sind am Ende,  düster und todtraurig dämmern sie dem Kompost zu, bloß die Plastikhüllen müssen noch weg. Fünf Sträuße nehme ich, und schäme mich doch ein wenig für meine Gier. Die rauchenden Männer interessiert das nicht, sie gucken in die Pfützen zu ihren Füßen, in denen sich jagende weiße Wolken spiegeln. Rosen Tulpen Nelken. Wirklich jetzt. Und rote Gerbera. 

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Wohltäter und Opfer

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Die Leute werden durchsichtig. Geselliges Beisammensein sonstwegenwas. Verschon uns mit gemütlichem „Weinchen“. Wohin mit dem Brot? Krieg ich überall, wehrt der Wortkarge ab. Es war ein Sonntag auf dem Kneipensofa. Die zum Pferdeschwanz gebundenen grauen Haare, der Unterschied zwischen Wohltäter und Opfer. Einer, wer, lässt jetzt seine Zähne richten. Glück gibt es in der Stadtbibliothek.

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Hat man schon nichts

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Der Paketshop hat noch offen. Eine Frau will was kopieren, geht dort aber nicht. Sie bricht in Tränen aus. Ihr Hund wurde gestohlen. Er saß angeleint am Eingang des Kaufhauses. Wer macht so was? Sie hat ein Foto von ihm mit Suchmeldung ausgedruckt. Dann war die Tintenpatrone alle. Drei Stunden hat sie ihn überall gesucht, alt ist er, ein Mischlingsrüde. Sie hat zwei Kinder und ihre Mutter ist gekommen. Und nun soll sie ohne Hund nachhause.

Es ist kalt in der Kombüse. Der Kapitän sieht aus, als könnte er Knut heißen. Sein weißer Bart ist zu vier dünnen Zauseln gewirbelt, auf seiner Mütze ist ein Anker angenäht. Er hält einen Vortrag über Gentrifizierung  – das Wort haben Sie vielleicht schon mal gehört? 58 Jahre lang hat man ihn immer wieder vertrieben, jetzt bleibt er. Auf dem Wasser. Mit einem 5-l Motor ist man beweglich,  man braucht weder Führerschein noch Genehmigung.  Nur einen schwimmenden Untersatz. Und schließlich kämen die ganzen Touristen nur nach Berlin wegen ihm und dem was er und die anderen Piraten verkörpern. Die Ansammlung schrottiger Kutter mit demonstrativem Autonomie- und Kulturanspruch seien schließlich das, was Berlin attraktiv mache. Höre ich da einen schwäbischen Akzent?

Best of Grill hat alle Feiertage über geöffnet. In der Ringbahn sitzen vom Familiensein erschöpfte Kleinfamilien. Jungen mit neuen Plastikgewehren machen Nervgeräusche. Eine Frau mit Kind und grauhaarigem Vater redet ununterbrochen, ohne Tonfall und Rhythmus zu ändern. Zwei Obdachlose fahren die ganze Runde mit im Kreis. Einer döst, den kapuzenbedeckten Kopf ans Fenster gesackt. Einmal schreckt er hoch, wendet das Gesicht irritiert um und spricht zu niemandem konkreten. Auch ihn hat am Heiligen Abend jemand beklaut. „Hat man schon nichts!“ Die gelben Ersatz-Turnschuhe sind ihm zu klein, die schnürsenkellosen Laschen hat er aufgeschnitten. Ein winziger Rucksack, ein Schlafsack und eine noch in Plastikfolie verpackte Isomatte lehnen nah an seinem Körper. Bartstoppeln überziehen seine eingefallen Wangen mit fahlem Grau, seine Fingernägel sind lang und schmutzig. Der in seine schmale Hand gedrückte Fünfer schickt eine Welle ungläubigen Lächelns über sein Gesicht. Wie in einem plötzlichen Wolkenloch erhellt sich seine Miene, erinnert sich daran, wie jung er doch ist.

 

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Zu verschenken

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Leute, hört auf mit dem Kaufscheiß! Die Kleiderkammern sind voll. Es gibt keine freien Kleiderbügel mehr im Schenkladen, die Kleiderstangen bei der Kältehilfe biegen sich mit schicken Winterjacken und neuwertigen Wollpullovern. Die Sockenschublade beim Obdachlosenasyl quillt über. Wie soll die Wachstumswende kommen, wie überhaupt was sich ändern,  wenn wir hier alle wie die Irren weiter konsumieren und uns mit völlig überflüssigen Klamotten und Warenscheiß zumüllen? Schenkt Euch doch mal Zeit.

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Wo sie ruhen

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Neben der monströsen Festung des BND werden krumme Weihnachtstannen angeboten. Für die Hälfte  kann man sie auch als Topfbäume mieten. Auf eine Glasfassade bewerben blaue Leuchtbuchstaben ein „Research Gate.“ „Vergangenheit heilen“, verspricht ein Meditationskurs in der „Reinigungspraxis“ gegenüber. Das Klo auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof  ist beheizt. Barrierefrei und geräumig genug, um mehrere Leute beherbergen zu  könnten. Auf einer Infotafel steht der Scancode der web-app „wo-sie-ruhen“. Sie dient als Routenfinder zu Promigräbern auf 45 historischen Friedhöfen, ein Schauspieler verliest dazu Informationen, die auch Zuhause einen „emotional ansprechenden Eindruck“ machen können. Emotional ansprechend finde ich jetzt vor allem die nächste Bäckerei mit Stehcafe. Während ich gesüßten Milchschaum mit einem winzigen Plastikstäbchen in mich hinein löffle, überfällt mich die Erinnerung man meine Mutter, die ich so mit Kaffeeschaumtröpfchen gefüttert habe. Auf dem Gehsteig vor den bodentiefen Fenstern lächelt mir ein Frau mit roten Lippen zu. Eine Apothekenangestellte in weißem Kittel schüttet mir zwei Hände voll Kräuterbonbons und ein Kistchen mit Cremeproben in den Rucksack. (Ich schnorre für Weihnachtspäckchen der Kältehilfe.) Für mich und eine kranke Freundin kaufe ich mehrere Romane im langen Blomqvist. Dort gibt es preisreduzierte Mängelexemplare. Über die Spreebrücke beim Bahnhof Friedrichstraße eilt die isländische Schriftstellerin Steinunn Sigurdadottir auf dem Weg ins Berliner Ensemble. Ihr lila Schal flattert wie ihr offenes Lächeln im Wind. Vor einigen Jahren wollten wir mal zusammen U-Bahnfahren bis zur Endstation und zurück und dabei Bier aus Flaschen trinken. Es wurde nie was draus, heute macht das ja jeder. Ihr neuestes Buch „Heidas Traum“ (Hanser) ist die scheinbar einfach – das ist nie einfach – in Rollenprosa erzählte Geschichte einer isländischen Schäferin, die vom Ex-Model zur Umweltaktivistin wurde. Eine Apothekerin im Wedding, bei der ich weiter um Waren-Pröbchen bettele, fragt nach meinem Ausweis.  Man weiß heut ja nie. (Ich habe eine Visitenkarte des Hilfe-Vereins vorgelegt.)  Als ich meinen Presseausweis zeige, sagt sie spöttisch „ach, so sehn die also heute aus“.  „Bangkok!“ fügt sie kennerisch hinzu. Hä? Bei der Kao san road  könne man sich doch alle Ausweise fälschen lassen. Da kann ich ja bald echt Geld sparen, bedanke ich mich erfreut für den Tipp. Da packt sie doch eine Tüte mit Blasenteebeuteln,  Brausetabletten, Traubenzucker, Duschgels und drei Sonnenschutz-Schirmmützen. Die kriegen wir im Winter ja nicht los. Das sagt sie schon fast entschuldigend.

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Installation

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Innere Leere kennt unser Held aus jenem unvergessenen Spielfilm nicht. Das Parkhaus der Neuköllner Arkaden liefert den Vorspann in engspurigen Spiralen. Suspense. Gibts hier keinen Frauenparkplatz? Wir  kurven durch alle Drehmomente, zu angespannt, um Fotos zu schießen. D. will einen Fernseher für den Freund kaufen. Der kann nur noch sehr beschwerlich seine Wohnung verlassen. Wir kaufen auch ein neues Kabel dazu, weil ein Kunde erzählt, das wär nötig, während er genauso geduldig wie wir in diesem Spiegelkabinett des Warenirrsinn auf die Zuwendung eines Servicemitarbeiters wartet. Beim Freund sitzen wir dann gut eine Stunde wie Kinder vor der Glotze auf dem Resopalfußboden und versuchen, das Ding zum Laufen zu kriegen.  Mit einem Obstmesserchen schrauben wir einen Stehbügel an den Bildschirm, dann installieren wir. Anschließen, Gebrauchsanweisung, Suchdurchlauf. Da ist ein Bild, juhu, da sind ganz viele. Wir schaffen es, die verschlüsselten Kanäle zu löschen, die anderen auf Nummern zu programmieren, die der kranke Freund dann mit Knopfdrücken rauf und runter zappen kann. Allein hätte keiner von uns das hinbekommen. Im Nachmittagsprogramm läuft ein alter Woody Allen Film. Der Freund interessiert sich mehr für die Liveübertragung aus dem Parlament. Teilhabe am Tagesgeschehen statt Konserve. Abspann. Wir stehlen uns davon.

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Tassen sind alle

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Unser Konsumterrorfreitag: In einem Jutebeutel bringt Frau Balkan einen selbst gebackenen Rührkuchen mit Walnüssen auf der Schokoglasur. Sie und ihr Mann schleppen immer haufenweise Zeugs ab. Manche verdächtigen sie, das auf einem Flohmarkt weiter zu verscherbeln. Die Staffel Nagellackfläschchen , die sie gerade eingesackt hat, dürfte die Frau mit dem Kopftuch kaum selbst in Gebrauch nehmen. Aber was wissen wir? Mit kennerischem Lächeln schwenkt Herr Umverteiler zwei lackierte Keramikpfännchen mit eiförmigen Vertiefungen durch die Luft. Unnütze Gegenstände, die fand er auf der Straße. Ordentlich sortiert er sie nun ins Regal mit den Haushaltswaren. (Die Dame mit einem früheren Leben murmelt leise, dass es sich um  Weinbergschneckenservierteller handelt.) Tassen sind alle. In einer im staubigen Dunkel abgestellten Reisetasche finden wir ein gold- samtenes Rundkissen mit Henkel und ein Netz mit faustgroßem Kieselsteinen. Eine grauhaarige Dame mit Mütze sortiert Klamotten aus ihrem vollen Hackenporsche (ich hasse dieses Wort, wie sagt man besser und gleich kurz?) und fragt nach den Handtüchern hinter unserem Tresen. Sie bringt sie die Tage frisch gewaschen zurück.
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Kaputtkitsch

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Puh, das fängt ja schon gut an. Drei mal die Überschrift tippen, bis sie keinen Fehler mehr hat. Grassiert in Kleinbloggersdorf eigentlich gerade der Bloggersblock? Oder kommt mir das nur so vor.  Mich hat er jedenfalls erwischt. Bann tut Not. Ich hätte nur weitere Spaziergänge durch unspektakuläre Randzonen und urbane Industriebrachen  – also bitte: Westhafen! – oder über Friedhöfe zu referieren. Friedrichsfelde Ost, gleich drei dort, der mit dem Rosa-Luxemburg-Denkmal und anderer Helden war der falscheste darunter. Alles Fake! Repräsentation und faule Eingemeindung noch im Grab. Irmtraud Morgener neben Käthe Kollwitz? Ein Typ mit wadenfreien Turnhosen gewährt seinen kläffenden Pitbulls freien Auslauf bis an meine Beine und macht mich noch an, weil ich nicht auf dem Betonweg gehe. Ein Rosa Winkel auf einer Stele für die Opfer des Nationalsozialismus, die hier, bis in die 2000er Jahre (!?)  begraben wurden. Auf einem Friedhof in Neukölln waren damals Zwangsarbeiter interniert, ein Denkmal informiert darüber. Sie mussten ein O für Ostarbeiter tragen, Gartenarbeiten verrichten und  Gräber schaufeln. Dort gibt es heute eine Wiese für die Grabstellen von Aleviten. Pinkfarbene Gartenstühle. Reden wir nicht über Beerdigungen. Gestern einen Apfelkuchen fürs Obdachlosencafe gebacken, heute zwei Bücher gekauft (William T. Vollmann: Arme Leute / Stasiuk: Der Osten), und eine gelbe Cordhose. Geschirrspülen, Klos putzen, Gemüse schneiden mit Gummihandschuhen. Kältehilfe für die Seele.

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Wie die Raben

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Die Praxis liegt in einer Genossenschaftswohnanlage im Wedding. Im  Wartezimmer liegt ein Perserteppich auf dem Parkett, es gibt  drei Ledersessel und Zeitschriften, aber man muss nie lange warten. Mein Zahnarzt kam vor gut 30 Jahren aus Teheran. Er hat Zauberhände und macht nie etwas Unnötiges. Eine Blondine und eine junge Kopftuch-Frau assistieren ihm. Am Leopoldplatz ist Kirmes. Ein Kinderzug schrappt im Kreis herum. An der Bushaltestelle steht eine Frau mit halb entblößtem Hintern. Sie rubbelt hektisch ihre Scham, erschrocken schaue ich weg. Hol mir einen Pappbecher Kaffee an der nahen Bude und sehe zurück. In der Apotheke gegenüber kaufe ich feuchte Desinfektionstücher. Inzwischen hat sie ihre Hose bis auf die Knöchel heruntergelassen. Halbnackt und barfüßig steht sie mitten auf dem Bürgersteig, der spätnachmittägliche Berufsverkehr rauscht um sie herum. Im Unterstand der Bushaltestelle sind alle Sitze besetzt, bis auf den äußersten, neben dem hat sie ihre Sachen auf dem Boden ausgebreitet. Schlafsack, Müll, Tüten, Schuhe, ein Einkaufswagen. Sie guckt panisch, hab Neurodermitis, und Entzug, sagt sie, es juckt sie fürchterlich. Sie hält einen Flachmann in der Hand und reibt sich den Alkohol in die brennende Möse. Das kühle feuchte Tuch hilft, vielleicht auch meine Allergietabletten, die sie einsteckt, sie beruhigt sich schnell, zieht ihre Hose hoch, die ist sauber, neu. Wir setzen uns auf ihr Lager. Sie ist spindeldürr, Krebs auch noch, ja, sie ist in Behandlung, gibt auch eine Unterkunft, aber da sei es nicht gut, keine Privatsphäre, sicher auch striktes Drogenverbot. Entzug, sagt sie wieder, und zeigt entschuldigend auf den Rest Schnaps. An ihren dünnen Armen klimpern Armreifen, ihre blonden Haare sind mit rosa Strähnchen durchsetzt. Unter einem Auge hat sie ein Pflaster, einen etwas schmuddeligen Verband um ihr geschwollenes Fußgelenk. Ob ich ihr Cola besorgen könnte, und Klaren, sie fingert ein paar Euro hervor, sie funkeln wie Spielgeld  im Sonnenlicht. Als ich zum Obstler noch Schokolade, Bio-Bananen und Spekulatius dazu tue, fühle ich mich super. Hat dieser Tag doch noch Sinn gemacht. Ha. Und billiger als eine Yoga-Stunde. Mal kurz den Samariter spielen ist leicht und erzeugt Instant-Glück. Die damit einhergehende wohlige Selbstzufriedenheit macht die Güte und Barmherzigkeit (des Gutmenschen) so suspekt. Aber hieß es nicht: Was Ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr  mir getan? Warum haust sie inmitten der erschöpften, von Chefs, Vätern, Nahverkehr und Hormonen genervten Menschenmassen an einer Bushaltestelle am Leopoldplatz und nicht auf der nächsten Parkbank im Schatten eines alten Baumes? Warum gibt es kein Hospiz mit Kirmes und Schlosspark und frischbezogenen Betten für sie? Sie redet nun wie ein Wasserfall, ich könnte ihre ganze Lebensgeschichte haben, eine Stunde entfernt von Tuzla, Ex-Jugoslawien, von dort komme sie her, sie berlinert, sie spuckt, sie sabbert ihre Kippe voll, die sie nicht ansteckt, ihr ginge es ja gut, nur die Menschen, die sind schlecht. Wie zum Beweis knallt ein Kopftuchmädchen ihren Fingerring an die Scheibe hinter uns. Ob ich mal kurz auf ihr Zeugs aufpassen kann, die klauen hier. Wie die Raben. Klar komme ich wieder. Bis bald. Als Studentin habe ich beim Unisport einen Kurs in Ausdruckstanz besucht, der mir sehr gut gefiel . Nach dem zweiten Semester bedankte sich die Kursleiterin bei uns und verabschiedete sich. Sie hatte ihre Magisterarbeit in Tanztherapie erfolgreich abgeschlossen. Wir waren ihre Probanden gewesen. Ich fühlte mich verraten. 

 

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Spuk in Lichtenberg

 

IMG_0199Es ist mir schon vorher aufgefallen. Ich krieg es jetzt nicht hinformuliert, aber es ist klar was mit Ästhetik. Bloggerfotoästhetik. Hab das Gefühl, es greift um sich, zielgerichtet. Dann das hier. Stadtauge, den finde ich toll, vielleicht imitiere ich ihn, immer unprofessionell, aber dann hab ich ein fast gleiches Foto zur fast gleichen Zeit gemacht. Fast ein wenig gespenstisch jetzt.

https://stadtauge.wordpress.com/2018/09/03/zimmer-frei/#like-9967

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Frischeparadies

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Reste der Hammelauktionshalle im Blankensteinpark

Im Garten von Mias Leuchtturm stehen Strandkörbe und Astern auf den Tischen. Als wäre ich für Jahre auf jener fernen Zeitinsel verschollen gewesen, wundere ich mich über den Preis von 3,20 für einen Cappuccino. Teuer sind bestimmt auch die Wohnungen hier im Rinderstall des ehemaligen Schlachthofs und in den neuen Stadtvillen Reihenhäusern auf den Brachflächen ringsherum. Kinderspielplatz, Show4You, Supermärkte, Frischeparadies.  Wieviele Schritte musst du gehen, bis du in der Gegenwart ankommst? Wieviele Stunden musst du reisen, bis es Tag wird? (Zweieinhalb Stunden, 10 000 Schritte.) Der Wind, der Wind, er bläst den Rauch des Waldbrandes bei Treuenbrietzen aus unserem Himmel. Zu lange keinen Kopfstand mehr gemacht und nicht in Wasser getaucht.  Am S-Bahnhof Landsberger Allee ist Rushhour, ein Händler versucht sein Glück mit einem provisorischer Obststand. Ein Jungher Security-Typ in Schwarz schüttelt sich eine Wespe ab, sie fällt rücklings auf den Boden, er bückt sich und dreht sie auf die Beine. Auf den Serpentinen zum Flakturm im Humboldthain hinauf schlendern drei arabisch aussehende Jugendliche, einer hat eine Lautsprecherbox umgehängt, aus der deutscher Rap dröhnt.  Du schuldest mir Cash, ich will jeden Cent zurück. Oben sind alle Schilder mit Hinweisen zur weiten Aussicht über Berlin abmontiert. Den Rosengarten unten beschallen zwei Nordafrikaner mit ihrer Musik. Ein Zeitungs-Kommentator verklärt die jungmännliche Lärmbelästigung als Mediterranisierung unserer (tot-gentrifizierten) Städte. Er glaubt auch, Bluetooth-Boxen seien demokratisch, weil ja jeder da seine Musik drauf abspielen könnte. Hat’s wohl noch nie probiert. Eine Kopftuchfrau schiebt einen Kinderwagen, eine andere sitzt im Gras, beide stieren auf ihr Telefon. Der Moment der Versöhnung kippt. Der Sommer war zu kurz. Im Büro der Autowerkstatt bekomme ich einen großen Becher ich Kaffee.  

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Abraham und der Storkower Bogen

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Die Dealer im Görlitzer Park haben ihre Sonntagskleider an. Bunt gemusterte Kaftans, wadenlange Hemdkleider in Brokatlila und Braun, aus glänzend gewachstem Stoff, steif gebügelt und mit schillernden Bordüren. Höchster Feiertag der Muslime, erklärt der schöne Ghanaese mit Goldklette, Kopftuch und Holzperlen in den Rastazöpfchen. Heute sollte Ibrahim seinen Sohn opfern und kurz bevor er Isaak die Kehle durchsäbelte schickte Allah ihm das legendäre Opferlamm. Abraham? sag ich, klar, Ladim nickt, war alles mal dasselbe. Früher mal begann mit den Brombeeren der Herbst. Schon im Juli waren sie in diesem Jahr fällig. Ein von Brombeerhecken gesäumter Fußgängerweg führt am Bahndamm entlang zur Storkower Straße. Die ist nicht zum Zu-Fuß-gehen gedacht. Die mehrspurige Verkehrsachse entstand um 1970 aus der Verlängerung und Zusammenlegung kleinerer Straßen als Verbindung zwischen Prenzlauer Berg (Greifswalder), südlichem Pankow und Lichtenberg durch zuvor stadträndige Gewerbegebiete und mehrere neuentstehende Hochaussiedlungen. Parallel zur Storkower kann man nun endlos an geparkten Kleinwagen entlang durch stille Straßen laufen, umhegte Mülleimerareale, verwaiste  Spielplätze, eingezäunte Sportanlagen und betretbare Grünflächen, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Der Storkower Bogen, ist ein kreisförmiges, in „freundlichen“ Primärfarben bemaltes Einkaufscenter. Im gleißenden Licht flimmert eine leere Piazza, ich kaufe ein Gummicroissant und lasse die Füße ins flache Wasser einer einst neumodischen Brunnenkreation hängen. Über eine Brückenröhre, die längste ihrer Zeit, Aufzug defekt, kommt man über die Storkower zur S-Bahn-Station, dahinter sind große Einkaufseinrichtungen in weitläufigen Parkplatzflächen verstreut. Zwischen Landsberger Allee und Kniprodestraße, nach einem weiteren Einkaufsblock (in den USA hat gerade das Mall-Sterben eingesetzt…) und einem fast schon lauschig abgeratzten Burger-Drive-In liegen hier preisgünstige Tankstellen und Autowaschanlagen, Werbeposterwände vor Brachen, Fitnesscenter, Tierfuttergroßmarkt, Möbelabholmarkt, Jobcenter, Finanzamt. Aus einem mit Graffitis zugeschmierten Flachbau kommt live geübte Rockmusik, im 2015 von ihm eingeweihten Rupert-Neudeck-Haus leben seither mehrere Hunderte Geflüchtete in Mehrbettzimmern. Im selben Haus gibt es auch eine Notunterkunft für Obdachlose. Dort wurde bis vor kurzem noch der Straßenfeger produziert, aufgrund der Zeitungskrise ist er temporär eingestellt, ebenso das Café Bankrott. Den besten Café Berlins, so meine Freundin, die das beurteilen kann, gibt es eine Ecke weiter bei der KulturMarktHalle. In einem klug designten und selbstgezimmerten Tiny House wird arabischer Kaffee mit Kardamom in zierliche Orienttässchen mit silbernen Deckelchen serviert. Ein paar deutschsprachige Trivialromane und zwei junge arabische Männer warten auf Kundschaft, die altgewordenen Bewohner aus der Hochhäusern der Nachbarschaft hätten wahrscheinlich gerne ihre alte Kaufhalle wieder gehabt, vielleicht wären sie da mal im „Bake off“ eingekehrt, mit dem „Hackenporsche“ ist der Weg zum nächsten Aldi weit. Zurück im Brombeerhohlweg bedeutet mit ein grauhaariger Herr mit einer großen Plastiktüte, ihm zu folgen. Er ist Fliesenleger, ursprünglich Kaminbauer, aus Griechenland, und zeigt mir seine geheime Brombeerstelle. Dazu müssen wir neben einer Brücke über ein Gartentor klettern und eine wild verwucherte Treppe hinunter steigen. Im Dreieck zwischen zwei Gleistrassen versteckt sich eine eingezäunte Datsche, die Brombeerhecke ist riesig, die Beeren auch, wir hamstern beide mehrere Kilos, ein Baum hängt voller reifer gelber Pflaumen. Der Grieche sagt, seine Frau mache so was wie Ketchup draus, ich mache Brombeer- Sauerkirschen-Chillie-Marmelade, Pflaumen-Kuchen mit karamellisierten Zimt-Mandelsplittern. Bei den Rezepten für Aufläufe stehen Zutaten wie „Kartoffelpüree aus Trockenproduktion“, Margarine, Maismehl, Tortenguss, und dass man die aufgeschlitzte Vanilleschote nach dem Kochen in der Milch herausnehmen soll, als gäbe es das alles noch im Kolonialwarenladen an der Ecke. Und „Pfirsiche“ bedeutet immer aus der Dose. Wer hätte je an Pfirsiche aus Pankow geglaubt, inzwischen sind sie abgeerntet, die Brombeeren vertrocknet, und ich bin mehrere Aufläufe, Kompotte und Kuchenversuche reifer. 

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Sternschnuppenhagel

 

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Der Donner kommt von der einen Seite, die Flugzeuge von der anderen. Windböen jagen wie verspielte Derwische herum, schütteln den Apfelbaum des linken Nachbarn, legen sich in die knarzende Hollywoodschaukel des anderen, verstecken sich im Gebüsch, legen sich ins Gras, schlagen einen Fensterladen zu, fahren hoch. Die Fahne des rechten Nachbarn knattert, zwei lilane Comic-Hühner drauf,  er hat auch noch eine gelbe mit Smiley, wo kriegt man so was, bei Ikea, im Datschenausstattungsbedarf?  Die Metallringe und das Seil zur Profi-Befestigung klappern am Fahnenmast, gaukelt uns ein wenig Hafenatmo vor. Flughafen haben wir eh in der Nähe. Die deutsche Fahne gibts hier fast nur bei sportlichen Ausnahmeereignissen. Im Schaukasten mit den Vereinsmeldungen rät ein ausgeschnittener Zeitungsartikel davon ab, die Christdemokraten oder gar die Liberalen zu wählen. Wieso überhaupt wählen, das hier ist Heimatschutzgebiet Ost, da regiert die Partei und Tegel ist im feindlichen oder doch weitest unerreichbaren Westen. Leider liess sich mit der Wende die Überfremdung der Kolonie durch zuwandernde Wessis (wie mich) nicht aufhalten. Die Einflugschneiße, auch Ausflug, je nach Wind, liegt wie ein Schutzschild über den geduckten Obstbäumen der Kleingartenanlage. Bei der kürzlichen 105-Jahr-Feier verkauften Alteingesessene auf dem Hauptweg selbstgemachten Kaffee und Kuchen, es gab Kinderbespaßung mit Anmalen und in der Gartenwirtschaft moderierte ein Radiosender-Clown die Schlagerparade. Es wurde Heino gespeilt, Mamma, das glaubt mir keiner. Das Gewitter verzog sich. Der Regen blieb aus. Aber wenn mans grad mal gerne so knallklar gehabt hätte, wie all die vergangenen Hitzetage, dann zieht eine hauchzarte Wollendecke auf. Ich sitze da wie im Lichtspieltheater und warte, dass der Vorhang aufgeht. Vielleicht sitz ich schon an der gefakten Bushaltestelle im Demenzgarten und warte, dass was passiert. Nichts geht ab. Wie es aussieht, wird auch dieser alljährliche Perseidenhagel ungesehn an mir vorübergehen. Stattdessen eine Fledermaus, vermutlich drei, klein wie Schwalben, die meistens Mauersegler sind. Eine Weile sind alle landenden Flugzeuge von Easyjet. Mein neuer Wasserkocher leuchtet nicht, wenn er in Betrieb ist. Klart es auf, oder ist das nur ein Wunsch? Und  reicht es nicht zur Wunscherfüllungsbeschwörung, wenn ich mir die Sternschnuppen einfach nur einbilde? Die Augen müssen sich an die Nacht gewöhnen. 

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Verdrängung

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Bis vor wenigen Tagen stand hier ein Flachbau. Er war nicht schön, aber darin war unser Getränke-Stützpunkt, mit dem von Rosenbüschen umheckten Parkplatz davor ein beliebter sozialer Treffpunkt für alte und neue Anwohner, Tagelöhner der Baustellen und viele europäische Touristen aus den nahen Hostels. (Sind diese Jugendlichen etwa die Nutznießer der Interrail-Tickets, die gerade in einer mir unverständlichen Eu-Aktion umsonst verteilt werden?) Ein paar junge Männer, die bestimmt nie ein Interrtail-Ticket haben werden, schmissen den Laden, der brummte, aber Getränke-Hoffmann kann sich die Miete für die Filiale in den Neubauten ringsum nicht leisten. Die Spätis dürft es freuen, leicht habens die auch nicht. Lidl soll auch weg, obwohl der doch im ja wohl denkmalgeschützen Backstein-Fabrikgebäude ist. Das erfährt die Freundin bei der Maniküre im Nagelstudio, das dann bestimmt auch weg muss, wie die Apotheke nebenan, die belgischen Frittenbude und der Haferkater, ein „auf schottischem Porridge spezialisiertes Café in modern-rustikalem Ambiente“. Weg müssen Tische und Stühle, weg muss der Bürgersteig auf dem sie stehen und wir gehen. Gab es da nicht sogar mal ein Reisebüro?

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Senza parole

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Welches Glück. Die Sängerin vom Alex war heute wieder da. Sie singt Arien, auf Italienisch, glaube ich, sie schmettert und tiriliert sehr kunstvoll, keine Verstärkung oder Begleitung, allein ihr Sopran erhebt sich in die zur Kurmuschel umfunktionierten  Kaufhauspassage. Sie versteht nicht nur was von Akustik. Mit ihrer linke Hand hält sie kein Telefon sondern ihr Ohr zu, damit sie ihre Kopfstimme hört. Ich glaube auch, dass sie die Liedtexte beim Singen frei erfindet, Sätze, Sinn, Zitate neu montiert, ihre Interpretationen sind jenseits der Texttreue. Fragen geht natürlich nicht. In der Plastikschale auf der Ablage ihres Rollators sind schon ein paar Euro zusammen.

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Ich kann auch keine Pfirsiche mehr sehn

Südkreuz. Das ist in Berlin kein Romantitel sondern ein recht schicker, zumindest zugiger S-, U- und Stadtautobahn-Verkehrsknotenpunkt mit Möbelhaus-Anschluss. Tempelhof. Das „Feld“ des ehemaligen Flugplatzes ist eine Station entfernt. Man könnte das Konzept der blanken Stadtbrache, die urbane Glatze aus Asphaltbahnen und derzeit versteppter Wiesen,  jetzt gut mit ein wenig Schattenspendern modifizieren, ein Wäldchen, ein See… Im ehemaligen Rückstaubecken des Flughafens, auf der südlichen Seite des Columbia-Damms, haben Architekten und kulturell subventionierte Aktivisten mit Holzstegen und Stahlgerüsten übern Sommer die Floating University City eingerichtet. Ein Wasserrad, Tomaten in hölzernen Blumenkästen, Pilze im feuchten Stroh in Badewannen, Kisten mit heiligem Kompost und Hornissen. In einem luftigen Pavillon mit einzelnen Waben gibt es pinkfarbene Plastikgießkännchen zum Spülen der Ökoklos. Gummistiefel stehen an den Treppen und Podesten bereit, um damit im grünen Wasser herumzuwaten. Es gibt Bewirtschaftung und Programm, an einem vergangenen Sonntag stellt die Gruppe MetroZone ein Buch über Novosibirsk vor, später geben authentisch kostümierte Ethnomusiker aus der Großregion Südsee ein Konzert, ein australischer Surfertyp, der das organisiert hat, zeigt dazu seinen Docfilm. Vollmond auf Meer, eine Frau singt melancholisch melanesisch über längst verstorbene Ahnen. Time to go. Auf dem selbem Flachbildschirm hatten zuvor auch die Novosibirsk-Forscher einen Docfilm gezeigt. Da war es allerdings noch hell und die Schwalben und Mauersegler vollführten interessante Bewegungen. In Novosibirsk gelte das Motto Go West, und das beliebteste Hobby, zumindest unter Videokünstlern, sei Autofahren und dabei filmen. Man sieht eine vielspurige Straße mit Autos, die endlos an einer toten Kreuzung stehen, in der Ferne Hochhäuser, und Technosound. Beim Südstern essen wir eine der ödesten Thai-Suppen ever, beim Kotti überrennt eine Polizei-Einheit einen schmächtigen Dealer, der wirft sich sofort auf den Boden und lässt sich abführen. Am Schlesischen Tor ist wie immer Straßenfest. Alles gut? lockt der Dealer an der Warschauer Brücke. Doch das ist  Ostkreuz. Mein Ausflug ging ja nach Südkreuz: Der Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße hat Montags zu. Das Kopfsteinpflaster brütet Blasen aus. Von einer Autowerkstatt kommen müde Geräusche, der Eingang zum leeren Büro sieht aus wie ein lauschig beschattetes Caféhaus, in dem es selbst gebackenen Kuchen geben könnte. Das ganze Gelände ist still und groß, Autos ohne Nummernschilder,  verschlossene Backsteinhäuser, Brombeerhecken, didaktische Schilder. Im Kasernengebäude der Preußischen Eisenbahnregimenter befand sich 1933 eines der ersten Konzentrationslager der SA., Folterkeller. Nach der Luftbrücke in der Nähe die ehemalige Lagerhalle der Senatsreserven, einer von 700 einst geheimen Orten. Daneben eine Kleingartenanlage. Eine Babyklappe. Wirklich eine Klappe, fast wie beim Altkleidercontainer. Dann das Krankenhaus, im Garten ein Wasserschlauch. In meinem Garten  wird  es Zeit für die Wespen.

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wir werden sehen

 

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Es könnte das Bild zusammmenfallen wie eine Glasscheibe, der Moment, in dem sie trüb wird, sich als Trennscheibe zeigt, materialisiert im Zerfall, hi. Bleibt aber alles stehn. Die gelbe Katze hinkt, die schwarze stinkt. Und zwar scheusslich, zumal sie immer direkt unter mir sitzt und ihre Zecken an meinem Beinen abstreifen will. 

 

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Tarnung

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Vorteile des Verschwindens: 87 Euro kassiert für zwei nicht abgestempelte Fahrkarten. Im Bordrestaurant mehrere Kaffees getrunken und mich unsichtbar gestellt. Klappt   „zusehends“ besser. Ein Bauarbeiter aus Rumänien setzte sich zu mir an den Tisch. Auf Montage in Gera. Der Kellner verlangte Geld von ihm, bevor er das bestellte Bier brachte. Er lieh sich mein Telefon, um seiner Frau in Berlin anzurufen. Ich zog eine Strickjacke an, obwohl mir nicht kalt war. Er hat vier Kinder. Später fuhren wir noch zusammen S-Bahn. Normalerweise fährt er Auto. Deswegen kannte er sich mit dem Nahverkehrsnetz nicht aus. Sein Handschlag war zu weich.

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Wo seid ihr? (Fluchtlinien)

 

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„Grünfläche“ bei der Topografie des Terrors

Als ich vom Hauptbahnhof aus zur Schlusskundgebung der Demo „Seebrücke“ stoße, ist die schon ziemlich am Ende. 12 000 seien da gewesen. jetzt hängen nur  noch ein paar Hundert zur Beschallung von einem LKW in der Sonne ab. Nackige Kleinkinder in den Wasserspielen. Kein Mensch ist illegal, schreit einer ins Mikro, und dass er diese Scheiße von Transitzentren nicht mehr hören will. Ein wenig arabische Folklore oder Wüstenblues hätte der doofen All-white-Rave-Musik vielleicht ganz gut getan. Auf der vertrockneten Wiese vor dem Reichstag üben sich Paare in Earthing. Eine junge Frau rekelt sich auf dem massigen Leib ihres Kerls, der ihr innig den Rücken streichelt. Die Fanmeile blockiert das Brandenburger Tor bis auf einen schmalen Durchgang, müssen wir den deprimierenden Ballermann jetzt spaßig und schützenswert finden, weil die Blöden ihn vorzeitig schließen wollen (zu wenig Volk)? In der Fluchtlinie der Fanmeile (ach, schon das Wort) steht ein Riesenrad. Im Knick des Tors ist der Eingang zum „Ort der Stille“. Dort drinnen ist es echt still. Drei Türen, Schleusen aus Glas, schwerer Vorhang, dichte Rahmen, Broschüren, links liegen zu lassen. Ein kitschiges Gemälde vom Licht am Ende des Feldes, in dunklem Braun, Scheiße, Kompost, Humus, Homo, davor liegt ein Stein, ein „Findling“, er wirkt völlig künstlich und deplatziert, schwarze Stühle stehen im etwas schummrigen Halbrund, ein Mann sitzt da, die Augen geschlossen, mich juckt’s am Fuß, trau mich aber nicht zu kratzen, um keinen Lärm zu machen, die Luft ist abgestanden. Nichts wie raus. In der Akademie der Künste gegenüber hält ein Rentnerpaar im Café die letzte Stellung. „Abfallprodukte der Liebe“, was für ein toller Titel (vom Filmemacher Werner Schroeter), die Zeitung zur Ausstellung gibt es zum mitnehmen. Das Stelenfeld, bemerke ich plötzlich, ist einfach zu klein. Am Zaun der Botschaft Niedersachsens, nein, es ist die Vertretung des Landes Rheinland-Pfalz, egal, direkt am Mahnmal, hängen Bilder einer weiteren Ausstellung: „Weit weg von Brüssel“,  hat der Fotograf Stefan Enders seine Arbeit betitelt. Für die ist er 31 000 Kilometer entlang der europäischen Außengrenze, einmal ringsherum, gereist. Enders porträtierte eine Menge Personen, frontal, alle haben sich in Szene gesetzt, jeder hat das Bild von sich gewählt. Fotos im altmodischen Schwarz Weiß, dafür gibts überhaupt keine Filme mehr. Fake. Aber Namen, Orte, Zitate. Geschichten von Leuten im Wald, von Roma und Samen, wenig Gewinner, ein spanischer Fremdenlegionär, ein französischer Bürgermeister, eine irische Straßenmusikerin. Ich lese alles. Herzergreifend, toll. Guckt das an, schleppt Tanten, Touristen und Euch dorthin. Vor einer Sport- und Shisha-Bar in der Nähe der Berlinischen Galerie wehen Duftschwaden herüber. Junge Männer am Grill, keine Frauen dabei. Im Prinzessinnengarten gibt es einen Revolutionsautomaten. Er ist leer. Ein dicker Türke fragt, ob der Stuhl frei ist und nimmt ihn dann mit. Ein Schwuler spricht amerikanisch, der Tattowierte hat grüne Hochwasser-Hosen an  Ich kann mir die Lippen blau anmalen und Bermuda-Shorts tragen.

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Sandinodröhnung

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Sonntags sind Sportplätze besonders öd. Olympische Leere herrscht geradezu im Lichtenberger Sportforum, weißes Nachmittagslicht, gnadenlos schön. Wieder sucht mich die Vision von einem Eiskaffee mit Sahne heim. Aber im Gartenrestaurant am Orankesee läuft Fernsehen auf mehrere Flachbildschirmen, Fußball, ältere Ehepaare sitzen viel zu weit weg über ihren blassen, wie verdünnt wirkenden Bieren. Die Kleingartenanlage, vorbildlich einsichtig gestutzte Hecken, hat nur einen Ein-und Ausgang, der evangelische Friedhof daneben auch. In der Gegend hat Mies van der Rohe seine letzte Villa gebaut, bevor er 1933 emigrieren musste. In der sehr kurzen Gropiusstraße frage ich Anwohner, die ihren Hund ausführen, nach der Kriegsgräberstätte oder dem russischen Ehrenmal, deren Nähe mein digitaler Stadtplan anzeigt. Sie wissen von nichts. Es ist gleich hinter den Schrebergärten und einer hohen Mauer aus Fertigbauteilen,m sie fasst einen riesigen verwunschenen Märchenwald ein, Efeu umspinnt haushoch die Kiefern, Amseln lärmen. Kilometer später, gegenüber eines vergitterten, verwaisten Wurfplatzes und dem gleißenden Beton einer Eissporthalle, klettere ich schließlich über die Mauer, lande in einem weitläufigen Friedhof, Kapelle, Tor gleich um die Ecke. Urnengräber in Kreisbeeten, Eichhörnchen zwischen den Reihen der Kriegsgräberplatten. Fast unauffindbar, gänzlich versteckt hinter Dickicht und verwildertem Unterholz der Gräberhain von zwei tausend Toten, Russen, Polen, Deutsche, Soldaten, Zwangsarbeiter, Zivilisten, Kinder. Eine Wiese im Wald, so still, wie außerirdisch, mitten in der Stadt. Hohenschönhausen. Wo sind bloß all die Leute? Die Häuser haben 12 oder 20 Stockwerke, Grünflächen, Sandkasten, Schaukeln, der Rasen verdorrt, kein Müll, keine Musik. Lauwarmer Filterkaffee an der Sandinostraße. Immerhin mit Holzbank vor der Tür. Grad als ich den Mangel an Ausländern für die Totheit des öffentlichen Raums hier verantwortlich machen will, flaggt mich die blauweiße Markise des Akropolis an. Die Straßenbahn ist pünktlich.

Kriegsgräber, russischer Ehrenhain

 

 

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Schönhausen

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„Poetische Stimmung“ hat der rumänische Bildhauer Anton Ratio seine 1987 im Park Am Fennpfuhl aufgestellte Skulptur genannt. Die lebensgroße Männerfigur, halb hinein geschmiegt, halb heraus gehauen aus einem Block Sandstein, könnte auch einen Dahinsiechenden verkörpern. Die im Park verstreuten Steinplastiken aus den 1980er Jahren sind alle DDR-Kunst-konform figurativ, ein abstrakt gedrungener David sieht aus wie zum Pfosten gehauen, notgedrungen. Die Verwitterung steht den Kunstwerken gut, das Alter ist gnädig zu ihnen, moosige Flechten glätten die Falten ihrer Frühvergreisung. Vom Ufer des Fennpfuhls ziehen Rauchfahnen herüber. Männer stehen am Grill. Mütter sitzen auf Decken, dien junge Frauen auf der Bank. Dazwischen rennen Dutzende Kinder mit Bällen und Reifen herum, sie haben rote und schwarzen Judo-Anzüge mit breiten Schärpen an, Kung Fu Viet Nam steht hinten drauf. Bei den Vietnamesen brutzelt marinierter Schweinenacken überm Feuern, nebenan duftet Lammfleisch und Merkez-Bällchen an Spießen, arabisch sprechende Herren trinken Bier aus Plastikbechern, Frauen tragen Kopftuch und schwatzen am anderen Ende des langen steineren Tisches miteinander. Gestern feierte ein kamerunischer Verein, oder mehrere oder Dorfgemeinschaften, naja, man kennt sich halt und unterstützt zusammen kleine Projekte zuhause in Kamerun, jedenfalls, an die 200 Leute trafen sich zur Grillparty im Stadtpark Lichtenberg. Frauen in knallbunten Sommerkleidern zeigten nackte Schultern, kleine Prinzessinnen  herausgeputzt in Tüll und riesigen Haarschleifen, Sonnenstrahlen durch Baumkronen gebündelt, gebratene Hähnchenflügel, Fettpfützen auf Silberplatten,  Reisberge, Bier und Saft kistenweise, Campingstühle, Sitzgruppen in Baumschatten, Groovemusik, dezent und im schläfrigen Herzschlag des Sommernachmittags. Da hinten sind Angolaner, die kommen jedes Jahr, sagt B. der wie ein Aufpasser am Rand steht und mich einlädt, klar, nun komm schon. Wenigstens ein Hühnerbein auf die Hand? B. wohnt in Moabit, dort darf man nirgendwo mehr grillen. Er hatte mal drei Spätis, einen auch in Friedrichshain, Nachbarn beschwerten sich über betrunkene Touristen. Als ob sich Einheimische nie betrinken würden. Hinter dem Park ist die Bahntrasse. Eine Brache, Container, eine Traglufthalle der Stadtmission, eine Wagenburg, ein Garten voller Giftpflanzen. Sportplätze am Sonntag. Das trockene Rascheln der Pappeln. Sollen sich doch andere an deine Kindheit erinnern

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Dann geht ein Bild hinein

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An der Bushaltestelle steht eine Nonne in weißer Tracht und schwarzen Sandalen. Über der schwarzen Haube trägt sie eine weiße SchiebermützeIm Bordbistro trinken drei Chinesen Flaschenbier und schmatzen genüsslich eine Vollkornbrotstulle. Einer hat seine Halbschuhe ausgezogen und die Beine im Schneidersitz übereinander geschlagen. Die Gräfin schickt drei Videoclips mit lachenden Tieren. Blue Eye Sinatra singt dazu Smile when your heart breaks. Wir haben einen Tag lang Familienfotos vernichtet. So viele Bilder  von glücklichen Tagen. Immer schön mitten durch die Gesichter reissen. Die alte Nachbarin weint und pflückt der Schmuddelkatze eine fette Zecke aus dem Fell. 

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Lager Luna

 

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Die Beete des Sowjetischen Ehrenmals in der Schönholzer Heide sind frisch bepflanzt. Hier wurden 13200 gefallene Russen beerdigt. Die Namen von 3000 sind auf den Grabsteinen aufgelistet. Blau ist der Himmel über den „von der Sonne gehärteten Quadern“ der stalinistischen Monumentalarchitektur. Die Einschüchterung funktioniert, kein Besucher, der sich hierher verirrt hätte, bleibt. Das Cafe gegenüber hat Schließtag. Der Wilhelmsruher See ist von Blaualgen verseucht. Enten und Seerosenteppiche stört das nicht. Man hat Garagen und Gärten des Grauens an den Einfamilienhäusern Friesenstraße, Ecke Germanen-, Ecke Walhallastraße. Auf der anderen Seite des Sportplatzes VfB Einheit zu Pankow (Verein für Bewegungsspiele, Jugendabteilung) gibt es eine Genossenschaftstraße – Borsig-Werke? In der Schönholzer Heide nördlich davon wurden ab 1942 ausländische Kriegsgefangene nach Nationalitäten getrennt in Baracken untergebracht, im Schloss das Polenlager, sie mussten 60 Stunden die Woche  Zwangsarbeit leisten in der Waffenproduktion und den Elektrizitätswerken. Weil dort 1936 bis 1940 der Vergnügungspark Traumland lag, mit Riesenrad und Gespensterbahn, hieß das Zwangsarbeiterlager bei der Bevölkerung „Lager Luna“.  Übrig sind Gesteinsbrocken, Fragmente von Säulen aus Betonguss, ein Bunker und ein efeubewachsener Friedhof, der  Ehrenhain für die Opfer von Krieg Gewaltherrschaft.  Und ein Lied:

Auf der Schönholzer Heide, / Da jab’s ’ne Keilerei / Und Bolle, jar nicht feige, /War mittenmang dabei, / Hat’s Messer rausgezogen / Und fünfe massakriert. / Aber dennoch hat sich Bolle / Janz köstlich amüsiert.

 

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Entsorgen kostet

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Am 29.Mai sind die ersten Fledermäuse da. Eine kleine, räudige Meise gockelt im Gras herum. Die Gartenrotschwänzchen machen sich rar. Drei Tage hintereinander war eine  sehr zierliche Brandmaus da, holte Knäckebrot und Käse im Gras unter meinem Stuhl.  Hab ich sie überfüttert und die Katze sie sich geholt? Leider schon lange keine Igel mehr, eigentlich nur einen Sommer gabs Igelbesuch. Das war großes Schrebergartenkino. Sie haben einen unfassbar langen und anstrengenden Paarungstanz, bei dem der Mann laut hechelnd wie ein Irrer im Kreis um die Dame herumrennt. Sie dreht sich auch, aber auf der Stelle, bis ihr so schwurbelig ist, dass ihr der hechelnde Kerl wie ein Igelprinz vorkommt. Am 30. soll Weltuntergang sein. So steht es in einem Gedicht  im Glaskasten der Gartenwirtschaft. Ein Lied, wie ich lerne, vier Strophen, gereimt, geschrieben auf schwarzem Karton. Die Kröte weiß nichts davon. Sie unkt auch nicht, sondern ratscht. Es soll hier bald Plastikverbot geben: für Trinkhalme und Luftballonhalterklemmen. Ist das jetzt Fake-news? In Ruanda, wo Plastiktüten schon ewig verbannt sind, soll bald auch der Import von unseren alten Secondhandklamotten verboten werden. Wer was loswerden will, soll dafür bezahlen. (In Anverwandlung des Högeschen Anarcho-Mottos: Wer schreibt, der zahlt.) „Schenken“, das nur dem Ausmisten des eigenen Überflusses dient, müsste Gebühren kosten, statt auch noch ein gutes Gefühl zu verschaffen. Nicht Anschaffen, Loswerden der Dinge muss vergütet werden. Müll- statt Mehrwert-Steuer. Eine Art Negativzins auf Dinge. Ver-Gütung, Ent-Sorgen. In Neukölln gibts schon gebrauchte Rollatoren im Trödel. Der Vollmond geht auf.

 

 

 

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Himmelfahrt

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Sehn wir uns nicht in dieser Welt… Bei Bitterfeld explodierte mal der Motor meines Autos. Ich fuhr mit einem Ersatzwagen zu den Eltern nach Hause, das alte Auto (vom Vater geerbt) fährt mit dem neuen Motorblock immer noch. War ich auf dieser Fahrt allein? Es war Frühsommer. Ich erinnere mich an Wiesen und das Wetter. Jahre später, bei der Flut, wieder war es Sommer, waren wir zu zweit. Als wir langsam durch das knietief  stehende Wasser fuhren, in der Nähe von Bitterfeld, wurden wir mit Steinen beworfen. Er hat Fotos gemacht, als ich später etwas darüber schrieb, wurde der Satz mit den Steinen gestrichen. Was geschieht eigentlich mit all den verlorenen Bildern, mit den gelöschten Fotos? Wohin gehn all die Pixel und geschrotteten Daten? Und was geschieht mit all den Milliarden Erinnerungen, die keiner mehr braucht? Gibt es ein Krematorium, wo ihre Asche in Urnen abgefüllt, einen Friedhof, wo sie alle verrotten können, zu Kompost neuer Gefühle werden oder wie Mikroplastik zu einer Schicht Firniss verkleben, unter der die Vergangenheit mumifiziert,  Als ob Erinnerungen Körper wären, Materie im Moor.

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Did you ever go clear?

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Nähe der Warschauer Brücke finden Passanten am Montag früh einen Toten unter einem Baum. 40 Jahre, aus dem „Obdachlosenmilieu“. Es regnet. Ich geh zur Post, kaufe für 50 Cent ein Buch von günter kunert: kramen in fächern, alles klein geschrieben auf dem Umschlag, weiß auf schwarz, sieht aus wie ein suhrkamp klassiker, ist aber von aufbau, 1968. Kurze Texte, Impressionen vom Hinterhof, keuchende Bedeutungspausen, ganz schön geschraubtes Zeug. „Die Wasserfäden spulen sich von oben herunter und reißen nicht ab: in den Gärten zusammengeklappte Stühle, deren Eisengestänge schon rostet: Auch sie nehmen Anteil an der allgemeinen Vergängnis.“ Rostige Gartenstühle! Probleme hatten die. Ich nehme die S-Bahn zum Gartencenter am Treptower Park, kaufe ein paar Samentütchen, sammle Bärlauch, laufe im weiten Bogen über die matschige Wiese zurück, steh blöd auf Kieswegen im Nieselregen herum, stiere auf die Tropfenkreisel im grauen Wasser und scanne doch andauernd verstohlen das Ufer gegenüber nach einem pinkfarbenen Handtuch ab. Ich meide die Brücke über die Spree, geh aber dann drunter durch, bis dahin wo es nach Pisse stinkt und die dort immer unsichtbaren Obdachlosen ein Lager haben, eine sauber gefegte Festung mit Spendentopf am gedachten Eingang. Gegenüber hat nur ein Liebespaar kurz das Trockene gefunden. Seine Decke hängt dort, wo er im Gras daneben lag, ausgebreitet über dem Geländer. Sie ist nass, sie riecht nach nichts. Was mache ich hier? Ein Mann mit ausgemergeltem Oberkörper in rotem Unterhemd reckt sich auf der Reling eines am Ufer dümpelnden Lastkahns, bevor ich ihn ansprechen kann, ist er wieder zurückgekrochen in sein Kabuff. An der nächsten Uferbrache auf dem Nachhauseweg sehe ich ihn dann. Sein pinkfarbenes Handtuch leuchtet nicht, er eiert herum. Er hat Schuhe an! Weiße Sandalen. Andere Klamotten auch, war er im Schenkladen, den ich ihm empfahl? Er umkreist im Zickzack eine Baumgruppe, ich hoffe, er sieht mich nicht. Wieso? Wieder hab ich das komische Gefühl, dass er mich wahrgenommenen hat, um mich weiß. Wilder Schnittlauch wächst im Unterholz. Ich kaufe Obst, Wasser, Schokolade im nächsten Supermarkt. Warum? Was will ich? Als ich zurückkehre, wieder gut eine halbe Stunde später, steht er immer noch bei dieser Gruppe aus Bäumen, sein Handtuchlumpen auf einem trocken gebliebenem Unterholzflecken, er steht herum und schaut, blinzelt desorientiert, als ob die Horizontlinie, wie überhaupt alle Richtungen des Himmels und der Erde für ihn keine Geltung haben würden. Er freut sich über das Wasser.  Den Schnittlauch  anfassen kann er gerade nicht, eine Lähmung hält  seine Hände fest. Freunde von früher, sagt er eilfertig mit seinem erleuchtetem Lächeln, habe er wieder getroffen. Wo sind sie? Ich bleibe heute nicht.

Not for Jane or me…

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Diogenes kann einpacken

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Er hat keine Schuhe an. Er taumelt am Ufer entlang, zerzaust und fürchterlich abgerissen. Ich gehe ihm aus dem Weg, er ängstigt, er berührt mich. Ich möchte ihm Geld geben, hab aber nur zwei große Scheine. Ich könnte sie wechseln, auf dem Weg zum nächsten S—Bahnhof blicke ich von der Brücke über die Spree und sehe ihn aus der Ferne, sein pinkfarbenes Frotteehandtuch über den Schultern leuchtet. Er sammelt eine lumpige asphaltgraue Decke ein, ich habe das komische Gefühl, er sieht mich auch. Ich kaufe zwei Bier und gehe zurück. Gut eine halbe Stunde ist vergangen. Vermutlich ist er längst verschwunden. Doch er liegt neben der Uferpromenade unter einem Baum, die schmuddelige Decke verbirgt ihn fast. Warum nicht, sagt er freundlich, als ich ihm ein Bier anbiete, er setzt sich halb auf. Seine Augen sind hellwach. Ich versuche, die Flaschen am Ufergeländer zu öffnen, am Metallpapierkorb gelingt es. Jens, er heißt nicht so, aber er erinnert mich an einen solchen, hat eine leichte, fast gesunde Bräune, seine Haare sind wellig dunkelblond, sein Bart rötlich, seine Augen leuchten hellblau. Er ist kein Trinker. Er ist 41, das war sein erster Winter auf der Straße. Seine Ausdrucksweise ist fein und elaboriert, durchsetzt mit englischen Codewörtern, eruptions und vocations, die er höflich für mich eindeutscht. Er hatte ein Tonstudio, eine Wohnung natürlich, war DJ, Elektro-Musiker. Was hat ihn aus der Kurve geschmissen, was ihn bei Höchstgeschwindigkeit aussteigen lassen? Bipolar? Manisch-depressiver Schub? Drogen? Da sind Stimmen. Freunde aus einem früheren Leben rufen ihn. Sie wollen Kontakt mit ihm aufnehmen, und Kinder sind da, die lärmen. Es ist laut, viel zu laut. Aber man muss sprechen. Er hat zu viel geschwiegen, deshalb die Missverständnisse, die Wunden. Die gebrochenen Rippen, der Riss in den Herzkranzgefäßen, die Beulen, manche auch vom Frost, die Kälte der Nächte, auf der Straße, in Hauseingängen hat er unterschätzt. Er hat schon Gras gegessen. Genug Wasser trinken ist wichtig. Das geben ihm Leute. Wo wäscht man sich als Obdachloser? Wo geht man scheißen, wohin, wenn das Fieber einen schüttelt? Er hat nichts, Diogenes ist ein Angebeer gegen ihn. Ein Koffer, eine Tüte vielleicht steht bei einem Freund. Papiere, Schatzbriefe, Existenzbeweise? Freunde von früher, Stimmen, Zeichen sprechen zu ihm. Jesussyndrom, Realitätsverlust, Verhungern. Seine Schuhe hat er ausgezogen und irgendwo stehen gelassen. Für den Kontakt mit der Erde, der Grund, das Universum. Wir sind alle eins. Bäume, Tiere, Steine. Als würde er zustimmen fältelt der Baumstamm hinter ihm seine Rinde zu schrundigen Grimassen. Selbst Tiere brauchen Behausungen. Eine Höhle, ein Nest. Er wickelt die Decke um seine besockten Füße. Wenn sie einfach so herumständen, würde er vielleicht auch wieder Schuhe anziehen. Seine Hände sind schmal, die Fingernägel lang und schmutzig. Er riecht nicht gut. Loslassen, sagt er, hat mit Erlösung zu tun. Er lächelt wie ein Heiliger.

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Herr Gott

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Herr Gott hat mein Portemonnai gefunden, er hat meine Autoversicherung angerufen, von dort rief mich einer zurück, und Herr Gott hat mir alles wieder gebracht. Heißt er so? Er kam um fast 23 Uhr, er braucht Auslauf, sagte er, er hat in Paris gearbeitet, am Louvre eine goldene Verzierung am Dach angebracht, jetzt hat er es am Bein, Sehnenriss, er sammelt Flaschen. Mein Geldbeutel lag unter einem Auto an der nächsten Straßenecke, im Taxi oder vor der Haustüre verloren. Herr Gott ist jung und zerknittert, er trinkt keinen Alkohol, seine Frau hat ihn verlassen, er freut sich beschämend süss über den Finderlohn. Ich bin nur beschämt.

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Zum Schwanen

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Uferschilf, Queckenkreise. Diagonalverscheibung. Wie verändert sich die Welt, wenn man schielt? Woher die Überheblichkeit, beautiful loser, das warst du nur in den Liedern. Zwei Japanerinnen im Bordbistro teilen sich eine Currywurst. Der blonde Kellner kratzt sich am Handgelenk. Einer erzählt von seinem Knie. Maulwurfshügel auf Wiesen, Rehe im Stoppelfeld, Erde dunkel, Farben wie ausgeblutet, der Horizont weichgezeichnet vom diesigen Licht. Birkengrau, Ascheweiß. Nein, es ist nichts. Eine Tasse zerbricht. Irgendwo stirbt immer jemand. Was hast du? Verschieb die Wolken und lass die Leute in Ruhe ihre Kohlrouladen essen. Die Kartoffeln sehen aus wie poliert. Mach die Sonne weg. Kunststoffhosen und Kälte für alle. Nächster Halt Haßfurt, Ausstieg in Fahrtrichtung rechts. Das Gasthaus zum Schwanen heißt seit zwanzig Jahren Pizzeria Adriatica.

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Kopfbahnhof *

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Der Mann mit Fahrrad und einer schon mehrfach benutzten Alditüte kauft Betel ein, sagt Ladim. Wie zum Beweis hat er eine Nuß in seinen klammen Fingern, an der er herum knabbert. Gambia, fünf Jahre hier, wohnt in der Norweger Straße, nähe Bornholmer, („Skandinavisches Viertel“ heißt der neue Roman von Torsten Schulz) er spricht gut genug deutsch,um mich quer über die Mulde der Ex-Pissrinne anzurufen. Oder kennen die mich hier schon, harmlose Alte, Parkgängerin ohne Auftrag? Weiß ich wie ihr soziales Netz funktioniert, was darin eine Rolle spielt? Bethel Henry Strousberg, Generalunternehmer der Berlin-Görlitzer Bahn, so Johannes Groschupf im Tsp, „ließ 1866 den Kopfbahnhof am damaligen Stadtrand im Stil eines italienischen Palazzo bauen.“ Die Rummelsburger Bucht hat eine dünne Eisschicht. Jogger traben in kurzen Sporthosen über Leggings vorbei, Hunde tragen Pullis, meine Nase läuft. Der Uferweg vorbildlich, renaturierte Zivilisation, öffentlicher Raum mit Naturlehrschildern, Zonen für Totholz, Geschichtsstelen und Bänken bestückt. Beim Paul-und-Paula-Ufer gibt es ein Ökoklo, bisher immer geschlossen. Der Wassergrund ist mit Blei, Cadmium, Kupfer, Zinn oder Quecksilber vergiftet, Schwimmen ist verboten und von längerem „Aufenthalt auf dem Wasser“ wird abgeraten. Nichts mit Hausbootromantik, das Containerschiff Freibeuter mit seinen alternativen Lebensformen für völlig Verlorene scheint unbewohnt. Wegen dem Gift denkt man im Bezirksamt darüber nach, den Schlamm mit „Matratzen“ abzudichten und den Untergrund quasi unter einen Teppich zu stopfen. Im Röhricht-Bioreservat quietscht eine Ente, Haubentaucher treiben auf Eisschollen herum. Mit seinen katholisch wirkenden roten Lämpchen auf den Gräbern hat der Gottesacker bei der Kirche Alt-Stralau in der Dämmerung fast etwas Venezianisches. Weiden, Pappeln, im Backsteingebäude des ehemaligen Palmkernölspeichers wurden bis 1899 Rohstoffe aus den deutschen Kolonien Westafrikas zu Margarine verarbeitet. Die seit über einem Jahr leerstehende Taverne wird für 1,35 Millionen nicht verkauft. Die Möwen stört das alles nicht. Noch schwimmen keine Kadaver hier rum. Ein Paar Schwäne hat es auch hier her verschlagen. Sind die zwei Grauen dort nicht vielleicht Kormorane, Fischreiher? Der Matsch auf dem Trampelpfad ist gefroren, Schuhsohlenfährten. Rotkäppchensektflaschen. Am Ende ein Tor. Der Weg ist vermüllt. Die Mülleimer aus dem System gefallen. Das blaue Zelt im Gebüsch beim Weg zur Großen Liegewiese ist weg. Wo bist du hin?

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Bambara, vielleicht

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Die Dealer spielen Fußball, um sich aufzuwärmen. Manche hocken in Dreier- und Vierergruppen auf Banklehnen. Die Gesichter sind unter Kapuzen, Mützen und zwischen hochgezogenen Schultern vergraben. Meine Blicke werden mit Lächeln erwidert, ich könnte eine Kundin sein. Bambara spricht er, und Englisch und Französisch natürlich. Aus Bamako am Niger, Mali, wo mal die beste Musik Afrikas herkam, Ali Farka Touré, wo die Menschen schön, freundlich und sanftmütig waren, lange das favorisierte Einsatzgebiet für Entwicklungshelfer, da, wo die Bundeswehr jetzt Rekrutierungsvideos produzieren lässt und Musiker von religiösen Fundamentalisten verfolgt werden, ein Jahr sei er jetzt hier. Der Schneegriesel verdichtet sich zu einer grauweißen Wand. Die Farben verschwinden. Horizontaler Wind jagt unsere Atemfetzen davon, eisige Pfeilspitzen stechen ins Gesicht. In der Marienkirche am Alex steht Eucharistie auf einem Poster, der Gottesdienst findet auf Englisch statt. Der junge Pfarrer ist schwarz, er hat ein einziges Dreadlock-Zöpfchen, das wie eine Miniantenne senkrecht in die Höhe steht. Im Dämmerhimmel ziehen Nebelkrähen ihre majestätischen Kurvenformationen, sie sammeln sich unter Geschrei und lassen sich zum schlafen als schwarze Trauben auf den Bäumen ringsum nieder. In der Akademie der Künste bekommt ein Schriftsteller den Jean-Amery-Preis für europäische Essayistik. Karl Markus Gauß ist Österreicher und hat viele wunderbare Reportagen über ethnische Minderheiten an den Rändern Europas verfasst. Inzwischen ist er es ein wenig überdrüssig zu erfahren, wie anders ein jeweiliger Stamm seine Ostereier anmalt. Der Laudator, Feuilletonist aus Hamburg im Dreiteiler mit Einstecktuch, gefällt sich darin, neoliberalie Privatisierungen und Kommerzialisierung zu kritisieren und zugleich „Dritteweltbewegungen und Postkolonialismus“ verächtlich zu machen. Bis auf einen Mann mit Mandelaugen hat niemand im Publikum einen nichteuropäischen Hintergrund. Im Anschluss gibt es Sekt und Brezeln, von der Dachterrasse blickt man über das Brandenburger Tor. „Wir da oben“ denke ich unwillkürlich. Und steige in die Nacht hinunter.

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Blendung

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„29 plus eins“, sagt der Mann auf dem Rollator. Ich geh vom Fahrplanpfosten zu ihm in die Bushaltestelle. Er streift einen Fingerhandschuh ab und daddelt auf seinem Handy rum. Haufenweise Apps, die der BVG findet er nicht gleich, aber da ist er in seinen Erinnerungen schon dort, wo der Bus herkommen soll, Lobeckstraße oder so, da hat er als Kind gewohnt, bis sie ausgebombt wurden. Ja, 85 ist der Kreuzberger jetzt und morgen will er mit dem Zug nach Dresden, da ist eine Ausstellung zu Modelleisenbahnen, die wird er sich angucken. Der 29er kommt und wir wünschen uns noch einen schönen Tag. Im Arsenal am Potsdamer Platz läuft ein Film aus Nigeria. In wundervoll langsamen Bildern von pastoralen Landschaften, Kamelkarawanen durch Sandwüsten und pittoresk kostümierten Turbanmännern erzählt der 1976 gedrehte Film von einem Jungen, der von arabischen Sklavenhändlern entführt wird und später als islamischer Gelehrter in sein Dorf in Nordnigeria zurückkehrt. Und unentwegt, quasi die ganzen 142 Minuten des digital restaurierten Films lang, wird die Größe Allahs gepriesen. Die Geschichte spielt Ende des 19. Jahrhunderts, ist in Hausa und basiert auf einer Novelle des ersten Ministerpräsidenten des postkolonialen Nigerias. Der Politiker Abubakar Tafawa Balewa wurde 1912 im nordnigerianischen Tafawa Balewa geboren und 1966 bei einem Militärputsch ermordet. Er hat sich u.a. gegen die Pläne Frankreichs eingesetzt, in der Sahara Atomversuche durchzuführen. Es ist noch hell, als der Film zu Ende ist.

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Wegen deinem Tee

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Im Adlon kommt Kaffee aus Aluminiumkapseln. Das Kotti Café ist von Männern vollgeraucht, draußen, auf der Terrassenbrücke über die Adalbertstraße, dampft schwarzer Tee. Vor Behagen heult man nicht. Hostel steht in vergessenen Buchstaben am schmutzig gelben Rundbau, die Fassade bröselt. Köfte seit 1993. Wie im Stummfilm schwebt die U-Bahn auf Augenhöhe vorbei. Darunter fliesst Verkehr im Kreis, stockt, geht, steht, wartet auf Grün, auf den Bus, guckt auf Displays, hat Eile, hat Kinderwagen, hat Freundin, hat Zeit. Wenn ich mich auf der linken Straßenseite halte, erreiche ich das Ufer in den letzten Sonnenstrahlen des eisblauen Tages.

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Sesam öffne Dich

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Auf das Auto eines Buchhändlers in Neukölln wurde ein Brandanschlag verübt. Es sei nicht das erste Mal, die Täter werden in der rechten Ecke vermutet. Bei jenem Buchladen Leporello von Heinz Ostermann wurden schon im Winter 2016 einmal die Scheiben eingeworfen und sein Auto abgefackelt. Deswegen gibt es am Samstag eine Kundgebung gegen Nazis am Rathaus Neukölln. Ein Sprecher der Partei der Linken spricht, eine Frau liest einen Aufruf vor zu einer weiteren Kundgebung gegen Rassismus und Sexismus, ein Mann mit rotem Schal trommelt eine Art Tusch, wenn man Beifall klatschen soll, eine Frau mit verhärmter Miene klöppelt dazu stoisch auf einer überraschend klangvollen Plastikrassel. Es ist kalt, die grauhaarigen Köpfe stecken tief in hochgezogenen Schultern und Krägen, manche halten rote DinA-4-Schilder mit einem Piktogramm in den Händen, ein Transparent schlackert wie ein verbrauchter Lappen am Rand, kraft- und freudlos alles. Auch ich bin froh, als die Veranstaltung sich vorzeitig sang- und klanglos verläppert. Das Elit Simit, eine Bäckerei mit Selbstbedienungscafé, ein Stück weiter die Karl-Marx-Allee Richtung Rixdorf, ist so gut besucht, dass es selbstverständlich ist, sich zu fremden Leuten mit an den Tisch zu setzen. Im Fernseher läuft ein türkischer Musikvideo-Sender ohne Ton, androgyne Blondinen fahren Madmax-Motorräder, Machomänner gucken mit Sonnenbrillen auf Wüsten, Schmachtlockenjünglinge werden von wilden Bräuten geküsst und geohrfeigt, ein knittriger Amor sammelt seine Pfeile wieder ein, Sonne geht unter im goldenen Schnitt. Ein beleibter Mann mit Wollpulli und dunkler Hautfarbe macht sich Notizen in seinem Tagebuchkalender, ein Dutzend Jugendliche mit leuchtenden Gesichtern, Studenten?, sitzen dicht gedrängt unter der Spiegelwand und besprechen wichtiges, zwei hübsche Mütter, eine mit, eine ohne Kopftuch, unterhalten sich leise und füttern ihre Schoßkinder mit Torte. Eine Kopftuchmatrone im knöchellangen Mantel wackelt mühsam am Stock zu einem freien Platz, Kuchen und Tee werden ihr gebracht. Der Bäckergeselle befördert ein Blech frisch gebackener Simitkringel schwungvoll vom Ofen in die Tresenauslage. Ein schöner Mann im Rollstuhl genießt seinen Milchkaffee. Bei Italy Depot gegenüber ist immerwährender Indirim, gepolsterte Winterjacken fünf Euro, alles übrige drei. Plötzlich eine Sehnsucht nach Istanbul, konkret und kribbelig in der Nase wie Duft gerösteten Sesams, klebt auf der Haut wie der neblige Samt vom Bosporus im Winter, eine Sehnsucht nach dem Eiswind vom Schwarzen Meer und der wolligfeuchten Wärme im großen Teehaus in Beylerbeyi. Flucht aus Byzanz (Joseph Brodsky) findet Exil in Neukölln.

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Gimme shelter

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Benjamin heißt der Hund, sein Mensch liest ein Buch über Hunde, das hat er gefunden, es lag auf der Straße. Da leben sie sonst, der Mensch seit 12 Jahren, mit Hund sei es schwieriger, da hat man Verantwortung. Im Moment sind sie bei einem Kumpel untergekommen, den haben sie Sylvester kennengelernt, für den Hund war das wie Krieg, er brauchte Schutz, ein Unterschlupf. Es nieselt. Auf das Brücke über den Landwehrkanal steht ein Klavier auf Rollen. Ein junger Typ in Kapuzenmantel spielt eine Sonate, im losen Kreis um ihn herum bleiben Passanten stehen, alle sind schwarz gekleidet, sie wirken beseelt. Im schwarzen Wasser posieren die Schwäne vom Urbanhafen für Gruppenfotos. Am Karpfenteich hinter dem Sowjetischen Ehrenmal übt ein Mann Saxophon, sein Rad ist an die Sitzbank gelehnt, niemand nimmt bei ihm Platz. Im Unterholz des Waldes, wo ich einen versteckten Ort zum Pinkeln suche, hat jemand die sorgsam entblößten Wurzeln eines großen Baumstumpfs zu einer abstrakten Skulptur poliert. Warum sieht das so kitschig aus? Adern, Sehnen, Muskelstränge, Schrankwandkranich. Zwischen Baumgeäst ist eine graue Plane über einen gefallenen Stamm gespannt, unter einem Gebüsch duckt sich ein zerrissenes gelbes Igluzelt. Bald wird Grün die Spuren verdecken.

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Ausverkauf

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Der Blumenfrau sind die Hände gefroren. Auf den Bürgersteigen liegen Tannenbäume herum. Frostzucker hat sie konserviert. Angebot, Angebot ruft ein bemützter Verkäufer, gebeugt über Berge von Ananas, Mango, Kaki, Litschi. Das Straßenpflaster am Paul-Linke-Ufer glänzt schwarz im geschmolzenen Schnee. Auf dem Türkenmarkt sind die Südfrüchte so billig wie in Bangkok. In Chinatown gab es teure Erdbeeren und schwarzrote Herzkirschen, kunstvoll wie Pralinen in Zellophantüten geschichtet. Der Lauch ist fahl, der Blumenkohl sieht aus wie aus Plastik. Die Äpfel schmecken so. Ich erinnere mich: es gab keine Äpfel im letzten Jahr. Ein später Frost hat sich die Blüten geholt. Ich sollte Tannenreisig für den Garten sammeln. Aber ich habe gar keine Rosen mehr. Im Discounter liegt Thermo-Unterwäsche aus flauschigem Polyacryl und ein großes Sortiment an Vogelfutter in den Regalen.

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Chinatown forever

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In der Frühe werden Kerzen angezündet, symbolisches Geld verbrennt in Emaileschüsseln, Räucherstäbchen verbreiten süße Gerüche. Ein melodiöser Saperlot-Sermon vom Band übertönt den Verkehrslärm, über der Straßenkreuzung fließen zwei Hochstraßen ineinander. Mitten im tosenden Berufsverkehr ein chinesischer Schrein, Insel der angehaltenen Zeit. Für einen erfolgreichen Tag richten Geschäftsfrauen den Göttern Obstteller an. Salatöl füttert Flammen in Leuchtampeln, ein Mann mit einem Plastikkorb verteilt goldene Papierschalen, einer betet auf Knien. Mir hat die Fluglinie noch einen Tag hier geschenkt, Felekten bir gün calalim – lass uns dem Schicksal einen Tag stehlen, heißt es im Türkischen. Noch einen Tag durch Katzengassen streunen, Strassenzüge voller Radlager und Motorblöcke, Bäume mit verblassten Bändern und Altären, Gewürze in Leinensäcken, Pfeffer aus Sichuan. Beerdigungen in Tempeln, drei Krokodile im Gehege daneben, Tuktukfahrer trinken Schnaps. Im Universitätspark haben die Pflanzen Namensschilder. Ein sehr alter Mann verkauft mir Spinatknödel. Die Gasthauswirtin gibt mir ein Tetrapack süße Sojamilch mit auf den Weg. Ich verliere meinen Strohhut und finde einen anderen. Die Zeit ist um.

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Be sure to wear some flowers in your hair

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Nachtzug nach Bangkok. Chinesische Urlauber in Funktionskleidung spielen Karten. Deutsche Mädchen mit nackten Schultern schreiben Tagebuch. Der Schaffner bezieht die Liegen selbst in der Holzklasse mit weißen Laken. Seidig hellgrüne Vorhänge machen die Kojen zum Separe. Das Fenster klemmt und bleibt halb offen, Ruß weht herein, scherengitterartige Jalousien rattern blechern, der Rhythmus findet keine Musik, der Traum keinen Schlaf. Die Bilder haben das Regime übernommen. Selbst das Sehen machen andere für mich. Der Körper will essen. Rauchige Reisfladen vom Feuer, frittierte Spinatbällchen, grüne Mangos. Mit der Fähre über den breiten schalmmgrünen Strom ans andere Ufer hinüber, als ich mich endlich in die Ticketschlange für den weißen Tempel einreihe, wird sie geschlossen. Die Prinzessin, so heißt es, würde kommen. Im Schatten eines Hauses, auf einer Stufe sitzend, trinke ich eine Flasche Wasser. Unter einer Brücke haben sich ein paar Verlorene mit Sperrmüll eingerichtet. Eine andere Fähre setzt über, die Slumhütten am Ufer sind durch eine neue, überdachte
Promenade mit Läden ersetzt worden, in denen der immer gleiche Souvenirtrash angeboten wird. Dahinter sind die hohen Hallen des Blumengroßmarktes. Orchideenbündel mit Wasser aus Eimern benetzt, Tausend Rosenblütenköpfe in Plastiksäcken, Glücksbringer im Tagetesrausch. Das Toben der Stadt, die Menschenströme, Verkehrswahn, heiße Abgasschwaden, sogar der Lärm gefällt mir hier.

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Auskehren

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Und wieder, und wieder. Die schöne Metzgerin zerhackt Knochen, hagere Männer ziehen Körbe auf Rädern. Koriander duftet, Fische schillern, Garnelen haben blaue Bärte.

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Im Schöpflöffelwahn

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Am Anfang steht ein Lastwagen. Zwiebelberge. Zitronengrasbesen. Säckeweise Kurkumawurzeln. Eine Flasche fällt um. Die Spur führt ins Große. Die Quelle der Warenströme ist ein Delta. Der Trichter eine Halle mit Oberlicht. Marktfrauen thronen in Kohlköpfen. Schweineköpfe grinsen sich tot. Tomaten sind günstig. Fische zucken in Bottichen. Sternanis, Zimt und Kreuzkümmel. Im Haushaltswarenhimmel funkelt das Aluminiumgeschirr, ein Anfall von Schöpflöffelwahn ergreift mich. Schöpflöffel kann man gar nicht genug haben.

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Die Dörfer hinter mir