Luftraum

Andere sehen das Flimmern der Luft auch. Ich habe Heimweh nach dem Hier, in dem ich gerade spazieren gehe, als wär es schon verschwunden. Das Jetzt zerrt an mir als wollte es mit dem Tag in der Bucht ertrinken, muss es festhalten, es begreifen, da wird es schon zum Bild, zur Postkarte, vergilbt, verblasst. Der Augenblick, den ich erkenne, als wär er meine Vergangenheit, in der ich nicht war. Wie gerne würde ich mich fallen lassen. Wolkenkuckucksheim. Andere liegen auch im Gras. Am Ufer tanzt ein Mädchen mit Sommerkleid und Turnschuhen. Vier Polizisten patrouillieren. Auf einem Hausboot wird gefeiert, ein Floß voll stiller Leute treibt die Spree hinunter, sphärische Musikfetzen wehen herüber. Ein Mann stellt seinen Rollator am Geländer ab und tappert zum Bootsanlegersteg hinunter. Die Graureiher sind schlafen. Mückensäulen verwirbeln im letzten Tageslicht, Fledermäuse übernehmen den Luftraum. Die Dämmerung gehört den Klängen. Nacht macht den Atem leichter.

Über „die Sehnsucht anzukommen“ gelesen: C Pam Zhang: Wie viele von diesen Hügeln ist Gold. (S.Fischer 2021). Zwei Waisenkinder chinesischer Einwanderer im Wilden Westen, der Vater Goldsucher und Minenarbeiter, die Mutter krank, abwesend und dann fort, mit einem gestohlenen Pferd ziehen sie los durch die goldenen Hügel und Gräser der Prärie. Lucy, die anpassungswillige, die das Wasser eines in ferner Zeit ausgetrockneten Sees in sich spüren kann, findet in Sweetwater Sicherheit und Arbeit als Wäscherin, Sam, die wilde, die ein Mann sein will, zieht mit den Cowboys, Banditen und Abenteurern ins Weite. Fünf Jahre später, nun 16 und 17-jährig, brechen die Geschwister erneut zu ihrer Flucht-Reise nach Zuhause auf. Kann man sich Heimat wie eine Seepassage oder ein Stück des geraubten Landes kaufen? Der Tiger spricht Mandarin-Pidgin. Wild, wüst, magic. Toll.

Stralauer Halbinsel, links Rummelsburger Bucht, rechts Spree
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Erzähl mir nichts

Wo sind die Dealer? Ich bin da, sagt der, den ich frage. Wir haben uns alle nichts zu erzählen, weil niemand mehr was erlebt, sagt der Arzt. Wozu das ganze noch kommunizieren? Der Blick in den Mikrokosmos, die Reisen durch mein Zimmer, der Ausflug in die nahe Umgebung, das Studium der Schnecke im Blumentopf, der Tauben auf dem Balkon, die Sensationen des Gewöhnlichen, sie verbrauchen sich wie alles. Die Verabredung zum Spaziergang gilt schon wieder als spießig. Um die Ecke ist kein Abenteuer, bloß die nächste öde Straße wie gestern schon. Heute in mich gegangen. War auch nichts los. Soll Karl Valentin gesagt haben. In den roten Buchvitrinen vor dem Cafe Tasso (Buch 2 Euro, 3 für 5) finde ich Marco Polos Reisebericht Von Venedig nach China aus dem 13. Jh., Abenteuer in Tibet von Sven Hedin (1919), und Kenan Cusanits Babel über die Ausgrabung Babylons der Deutschen Orient-Gesellschaft 1913. Der Kaffee ist lausig, die Verkäuferin unleidig. Auf dem zugigen Mercedes Benz Platz vor der geschlossenen Mehrzweckhalle packt ein Filmteam sein Zeugs ein, auf riesigen Billboards flimmert eine Ankündigung für vergangenen Ostermontag. Könnte ebenso letztes Jahr gemeint sein. Vielleicht sind dies schon die Ruinen unserer Vergangenheit? Die Jungen sitzen paarweise am Spreeufer mit Flaschen und langstieligen Weingläsern. Der Obdachlose vor Rossmann ist wieder da, berichtet von Quarantäne, Polizei und Medikamenten, die man ihm spritzen wollte. Hab niemandem etwas getan. Er ist Rockmusiker, aus Holland, Komponist. Er mag kein Blau, Obst auch nicht. Die Halbschuhe hat er mit Plastikstreifen geschnürt, die neuen Stiefel hatten blaue Ösen. Er hat die Mütze abgesetzt und blinzelt ins Sonnenlicht, schüttere graue Locken fallen ihm kitzelnd ins Gesicht, seine Augenbrauen aber sind blau tätowierte Bögen. Schon irgendwie Frühling. Hinter Aldi geht die Sonne unter.

Ahornschössling an Bordsteinkante Frankfurter Allee

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Koexistenzen

Rummelsburger Bucht

Der Bahnhof im Plänterwald ist verschwunden. Die rostigen Gleise der Schmalspurbahn verlieren sich im Wunderlauch, doch die Station, an der die aufgemalte Uhr immer acht vor zwölf zeigte, wurde demontiert. Das Riesenrad ist auch weg, es soll aber nach Prüfung des Skeletts irgendwann wieder aufgestellt werden. Ein Rotkehlchen hüpft durch die noch kahlen Sträucher. Drei Kormorane haben ihren Baumstumpf im Wasser beim ehemaligen Palmölspeicher wieder besetzt, sind es die gleichen vom vorigen Jahr? Wie alt werden diese großen schwarzen Fischfänger eigentlich? Und spielt das eine Rolle? Sie können bis zu 25 Meter tief tauchen, lese ich auf den Seiten der Nabu, und dass 2005 im Anklamer Kormoranmassaker bis zu 7000 der Raubvögel abgeschossen wurden. 18 Jahre zählte der älteste in der schleswig-holsteinischen Freiheit lebende Vogel, die meisten, über 70 Prozent, erreichen ihr viertes Lebensjahr nicht. Auf der kleinen Spreeinsel Kratzbruch sind sie und ihr Jungvolk vor Waschbär und Fuchs geschützt, die Krähen sitzen auf den Bäumen der Liebesinsel nebenan.Abgesehen von ein paar pensionierten Hobbyanglern, denen es mehr um ihr gemeinsames Abhängen als um einen Fang geht, wird im Schwermetall belasteten Wasser der Bucht schon lange nicht mehr gefischt, auch Biber und Fischotter stehen inzwischen unter wohlwollender Beobachtung des Naturschutzes. Neben einer Uferbank wächst wilder Schnittlauch, eine Ratte klettert den metallenen Abfalleimer hoch und lässt sich hinein plumpsen. Eisiger Wind peitscht das Wasser zu silbergrauen Wellen auf. Wir sehen uns am Meer, um acht vor zwölf.

ehemaliger Vergnügungspark Plänterwald
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Frankfurter Tor

Es war zur Bärlauchzeit. Vor einigen Wintern ging er auf Strümpfen am Ufer entlang, zerlumpt wie ein Derwisch, ein rotes Handtuch über der Schulter, das von weitem leuchtete. Warum nicht, sagte er, damals, als ich ihm ein Bier anbot. Clubs, Musik, Studio, Verstärker, Drogen. Name, Beruf, Werdegang. Runterkommen. Er braucht nichts, seine Freunde kümmern sich, sagte er. Heute „einen Cappuccino, vielleicht“. Die Pappeln in der Bucht, unter denen er schlief, sind eingezäunt, sie stehen noch, fast als Einzige. Die Stimmen seiner Freunde sind lauter geworden, sie sprechen in zwei Tonlagen. Für Außenstehende hört sich das fast lustig an, als ob er mit sich selbst streiten würde. Sein Lager auf dem Bürgersteig hat keinen Baum, es ist zugemüllt, es stinkt. Sein Name lässt ihn kurz aufhorchen, dann versinkt er wieder in weltabweisendes Starren. Was ist ein Cappucchino? Soll ich umrühren? Warum nicht.

„Pöbel Küche“ über der kleinen Luke im Schaufenster. Dahinter ist niemand zu sehen. M. las damals Pynchon auf Französisch und bettelte dezent für den Unterhalt seines Alkoholismus. Er sitzt immer wieder mal an den entlegensten Stellen in der Nachbarschaft auf dem Bürgersteig, kein Gepäck, Pappbecher vor sich, und liest ein Buch. Meist ist es dort viel zu dunkel dafür. M. wirkt immer heiter überrascht und lacht, manchmal wie ein Huhn. Vorhin saß er mit dem Tagesspiegel statt Buch vor Penny, zwei Tüten mit Pfandflaschen, er selbst zusammengefaltet, zerknittert, aber wie immer entglitten gackernd. „Wegda“ keift er plötzlich hysterisch, „Polenpack“. Er hatte seinen Platz und jetzt sind die da, zornig zeigt er auf das Dutzend junger Roma-Männer, das sich im Schutz der dunklen Mülltonnenecke aufhält. Sie sollen ihm ihre leeren Flaschen nicht bringen. Am nächsten Tag geb ich ihm nichts. Ist das jetzt ideologische Triage?

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Wir haben Tabak und Rum

Der Frühjahrsputz geht weiter

Unter der Bahnbrücke haben sich ein paar Straßenjugendliche ihr Lager schön gemacht. Ein Teller mit Äpfeln steht auf einem Hocker, drei junge Hunde liegen auf einer Decke aufgereiht. Schlafsäcke, Plüschtiere und Kissen, Kisten und Tüten sind gemütlich arrangiert. Sauber muss es sein, sagt der Chef-Irokese, die rosige Blondierte im Nest auf dem Bürgersteig nickt zustimmend. Vor einer der Imbissbuden, die den Gang zum S-Bahneingang flankieren, singt ein Alter mit gebrochener Stimme in ein Mikrophon, Hare Hare, Hare Krishna. Er hat eine orangefarbene Mütze auf, der Sound scheppert aus einer altmodischen Box auf einem Rollgestell, ein Gummiband hält ein Bild mit türkisgrüner Landschaft. Ein Inder mit hellbauer Lieferbox und passender Logojacke wartet neben seinem Fahrrad auf das Blinzeln der Welt. Ein Mädchen spielt Gitarre mit Verstärker und säuselt mit Kate-Busch-Stimme eine verwechselbare Ballade. Die Bäckerei-Verkäuferin an der Ecke macht Kaffee an einer richtigen Espresso-Maschine. Ich steuere eine freie Bank am Platz an, da stoppt mich ein junger Kerl und schüttet einen Schwall Rum in meinen Becher, Slowake sei er, seine zwei Freunde aus Polen, rauchen auch? Schon sitze ich auf der Bank neben ihnen. Sie sind angeheitert, die Gegenwart gehört ihnen. Piotr erläutert seine Ideen von einer technischen Intelligenz, nicht Roboter, Porta, ein Portal, das sich öffnet, Beam me up Scottie, I listen, sag ich und verstehe nichts. Manchmal verliert er den Faden, lacht kurz in den Dämmerhimmel, trinkt einen Schluck, eine Pforte, ein Scheunentor, wenn sein Englisch für die komplexen Gedanken nicht ausreicht, wechselt er ins Deutsche. Als ich geh, umarmt er mich plötzlich, Schreck, das tut gut. Ein paar Meter weiter kommt er nach und umarmt mich noch einmal. Wir halten uns fest, Herzschlag pulst wie ein Urstrom durch Schichten wattierter Jacken hindurch. Energy transfered, mission completed.

Frankfurter Allee, Tor zur Untergrundbahn
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Müssen weg

S-Bahnhof Schönefeld

Und zügig weiter mit dem Verschwinden. Jogger und Radfahrer pesen den Uferweg entlang, einer zieht Fetzen von Musik hinter sich her. Würd ich nicht vermissen. Stell dir vor, er wäre ein Eisverkäufer in Vientiane. Oder der Pickup mit der eiernden Werbeschleife für Gaskartuschen in Bezvalley. Bis Mitternacht wummern dann Partyboote mit Karaoke auf dem Mekong. Je lauter desto besser. Blesshühner schreien übers schwarze Wasser. Die letzten Eisschollen tauen, schlierig vom Dreck. Das soll sich ändern. Am Geländer zum Kai hängen Plastiktafeln mit einer Bekanntmachung des Senats. Ab Mitte des Jahres wird hier „ökologisch saniert“, alles, alle Boote müssen weg, das schwimmende Dorf, mit verschlungenen Seilen vernetzt, der vielbevölkerte Uferweg wahrscheinlich ewig Baustelle und gesperrt, verschwunden auch die Bank, auf der ich im Moment sitze und einem Bootsbewohner dabei zugucke, wie er Nudeln mit Tomatensauce auf einem gelben Campingkocher aufwärmt. Voyeur in der Serie Vanishing Cultures. Alles hier wird neu werden, glatt und sauber, durchgehend videoüberwacht, vielleicht mit einer abgezäunten und beschrifteten Öko-Nische für die bedrohte Fauna und Flora, aber keinem Platz für Unübersichtlichkeit, für Zwielichtig und lichtscheues Gesindel, kein schattiges Eck für heimliche Küsse, kein Versteck für Suff, Sünde und Verbrechen. Das Camp der in Nacht und Nebel geräumten Bewohner, wer war obdachlos, ist innerhalb von 14 Tagen ratzfatz spurlos verschwunden, Tabula rasa, Hütten und Habseligkeiten zermalmt, als Müll mit Baggern in Container geschaufelt, vom Erdboden getilgt. Entsorgt. Die ersten Bäume gefällt, Gestrüpp, ordentlich zerstückelt, der Geruch von Sägemehl und aufgerissener Erde. Halbmond. Dystopiekitsch, Gentrifizierungs-Blues. Eine junge Frau hat sich einen Klotz der Baumstämme als Hocker geholt und setzt sich zu ihren Freundinnen an die Promenade. Sie isst einen in Stanniolpapier gewickelten Döner. Die Pappeln stehen noch, schrundig gefurchte Rinden, wachsen schnell, werden 100 bis 200 Jahre alt. Aus ihrem Holz macht man Essstäbchen, Streichhölzer, Furniere, Gitarren, den Kern von Skateboards. Mona Lisa ist auf Pappelholz gemalt. Ein Baum kann bis zu 25 Millionen Samen pro Jahr losschicken, das sind die flauschigen Schneewehen im Frühjahr, Pappeln bilden auch Klonkolonien und können so uralt werden. Die hier werden den Sommer kaum überleben. Ein Krähe pickt an einer kleinen toten Ratte herum. Was dem Fortschritt im Weg steht, kommt weg. Sein Motor ist die Habgier, sagt der safrangelb gewandete Prophet des Untergangs, der wie ein Irrwisch durch Amitav Ghoshs Romane tanzt. In der Trilogie über den Opiumkrieg freut er sich über den Sieg des Bösen, in diesem Fall das Recht des Freihandels, für die Briten, sie kriegen Hongkong, wo sie einen Freihafen einrichten. Kolonialismus, Kapitalismus, Globalisierung, Hybridisierung, Religionen-, Ländern, Kasten- und Klassen-Überschreitungen. Sodom und Gomorrha. Und wenn sie nichts gestorben sind, so leben sie. noch heute. Nach hinduistischer Kosmologie befinden wir uns eh im Kaliyug oder Kali-Yuga, dem Zeitalter der Apokalypse. Das hat gerade erst angefangen. Wo sind die Opiumhändler? (Amitav Ghosh: Das mohnrote Meer, 656 S., Der rauchgraue Fluss, 719 S., Die Flut des Feuers, 858 S.)

Rummelsburger Bucht
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Wir erinnern uns nicht

Gates Closed: SXF Flughafen Schönefeld

Last Boarding Call. SXF, Flughafen Schönefeld ist seit Montag geschlossen. Funktionalismus, schnörkellos, antikonsumistisch, der perfekte Unort. Kein Raum für Sentimentalität. Wir erinnern uns nicht. Wieso trauert eigentlich niemand SXF nach? Nur von hier kam man direkt nach Havanna, der beste Sex des Sozialismus. An einem Gartentisch der Sturmhaube, einer bierzeltgroßen Almhütte neben dem leeren Parkplatz, wartet ein älterer Herr in der Abendsonne auf seinen Flug nach Kroatien. Ist er der letzte Passagier? Er weiß nichts von schliessenden Flughäfen und Tests. Sein Flug geht in 4 Stunden. Die Abfertigungshalle für Handgepäck-only-Passagiere gegenüber ist zum Impfzentrum umfunktioniert. Da ist auch nichts los, ein Securitymann raucht vor der Glastür, alle drei Impfstoffe gäb’s hier, ja, zum auswählen, an guten Tagen um die 200 Leute, nein, wenn was übrig ist, kriegen das die Polizisten hier. Sowieso, was wär mit der zweiten Dosis. Im Radio der Sturmhaube läuft Lilli Marleen, ein Fernster zum Tresen ist offen, ein Schwarzer zapft mir ein Bier. Polizisten patroullieren hin und her.

Selfie

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Noch lange nicht genug

Am Nachmittag ist die Uferpromenade am Mekong knallvoll. Und das ist toll. Der kleine goldene Buddha auf der Bootsinsel ist eingeschneit. Am Geländer muss man anstehen, um ein Drei-Meter-Stück mit Frontalblick in die Sonne zu bekommen. Zwei blonde Polizistinnen bewachen halbherzig eine neue rotweiße Flatterleine zum Ufer-Gras, das hält zum Glück niemanden davon ab, aufs Eis zu gehen. Auf den Terrassenplanken vom Kanuverleih steht einer Thermoskanne. Am Kai vom Paul und Paula warten die Uniformierten resigniert auf ihren Schichtwechsel, danach sollen sie weiter zum Orankesee, der sei zwar noch sicherer zugefroren, aber es gehe eh mehr ums Versammlungsverbot. Ach so. Eistänzerinnen mit den heuer obligatorischen Pelzersatz-Bommelmützen ziehen grazile Schleifen, steife Herren probieren steife Langlaufskis aus, Fahrradartisten führen Tricks vor, Angeber fegen mit meterlangen Hockeyschlägern das Eis, eine Schöne in bauchfreiem Glitzertop zu Leggings posiert vor Kerl hinter Kamerastativ, dann drückt der einen vietnamesischen Popsong an, hechtet zu ihr und beide wiegen sich in leidenschaftlichen Rhythmen geschmeidig um einander herum. Einen Lehrerin packt bunte Eisklötze mit darin eingefrorenen Blättern aus einem Beutel und stapelt sie wie Glasbausteine in der Sonne. Der Schönling mit Hut ist nirgends zu sehen, Luis Trenker mit dem Zwillingskinderwagen auch nicht. Dafür entsteigt eine Göttin in weißem Schneeanzug dem glitzernden Gegenlicht, einen altrosa Kaschmirschal zum Schador geschlungen, silberne Schuhe, silberner Haaransatz, dazu professionell dezenter Catwalk-Gang. Hammer. Eine junge Frau in weißem Faschings-Tütü über Wollstrumpfhose schlenkert ihre Schlittschuhstiefel. „Fällt jetzt eigentlich auch die Fastenzeit aus?“ (Gehörter Witz) Im Ernst hätte ich nichts gegen ein wenig Gebrannte Mandeln, rotglasierte Äpfel, Budenzauber, schlechte Musik, Zuckerguss, Glühwein! Beim Betondrachen vor dem China-Restaurant verräumt ein Mann Mandarinen und andere Lebensmittel in seine verschiedenen Einkaufsbeutel. Siebzig sei er, ruft er mir fröhlich zu, und wenn er mir mal was sagen dürfe, also ich müsse Brokkoli essen, Corona sei wie ein Schuss durchs Hirn, durchlöchert, zack, alles Kalzium weg, deshalb viel Brokkoli, und täglich Fisch, oder eben Linsensuppe, das Wasser trinken, überhaupt die Wasser, vor allem aber das Linsensuppenwasser.

Nichts bleibt wie es ist

Das ist ein Neubau. Gestern stand dort die Feuertonne, in der ein junge Mann in Sicherheitsweste ein Feuer schürte. Die Tonne bekam einen Kamin und wurde zum Ofen, Wände drum herum, Dachplane drauf, fertig ist das 1A-Shack. Über Nacht, fast ein „Gecekondu“. Wieso können die Seurity-Typen das eigentlich so gut? Hatten sie Helfer? Sub-Unternehmer? (Sag nie mehr Schwarzarbeit.)

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Jahr der Kuh

Pünktlich zum chinesischen Neujahrsfest gelang heute die Überquerung des Mekong trockenen Fußes. Faisal schürt ein Feuer zur Feier des Jahres der Kuh, oder des Büffels, Stiers, Ochsen, Hauptsache es wärmt. In einer Stunde hat er selber Feierabend.

Die Feuerschale und das Garrtenmobiliar ist von B. gespendet, der bis vor kurzem im Bungalow dahinter wohnte. Jetzt ist das Gelände geräumt und gesperrt, Faisal bewacht es, sein berlinernder Kumpel macht das Gatter auf, damit ich besser knipsen kann. Ob ich gesehen hätte, was die dort für teure Fahrräder gabt hätten?

Auf dem Eis gehen ist wie schweben. Das eigene Gewicht scheint schwerelos. Ein Schlittschuhläufer hat antike lederne Schnürstiefel mit Metall-Kufen an, die käsigen Waden trägt er nackt bis an die filzgrauen Knickerbockerhosen, ein gelbschwarz gestreifter Schal malerisch über die Schulter drapiert, auf dem Kopf eine Schiebermütze. Als er sich dann auf den Balken in meiner Nähe hinhockt, holt er eine Bierflasche aus dem Stoffrucksack, die hat einen Bügelverschluss. Dann stopft er eine gebogene Pfeife und pafft aus seinem Schauzbärtchen. Ein großer graublauer Mützen-Anoraktyp lauft auf ratschenden Plastikkufen immer hin und her. Eine mutige Spätzünderin mit rosa Pudelmütze übt wacklig Kurvenbremsen. Ein Schönling hält sein markantes Gesicht in die Sonne, den schwarzen Hut leicht nach hinten geschoben, Augen halbe geschlossen, check, die Flügel über die halbe Banklehne ausgebreitet. Ist das hier eine Casting show? Palindromdatum 21.2. 21 (Natürlich – Dank an Jvd -war’s der 12.2.21, ob ich das nochmal lerne mit den Zahlen?)

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Ah-honk

mehr kann man derzeit nicht erwarten

Eigentlich fängt man so keinen Satz an. Meine derzeitig favorisierte Kleine Runde führt gleich zu Beginn über eine große Brücke. Beim ersten Anhalten tankt der Blick schon mal viel Weite über gut ein Dutzend Bahngeleise, die wie die Kabel einer aufgeschlitzten Elektroleitung den Horizont befingern. Das Ende der Brücke kann man in langem Auslauf enlang der Autos oder auf einer geknickten Treppe erreichen. Dann ist man fast schon an der Bucht. Wasser und Himmel kommen dazu. Wind. Boote, Vögel. Enten paarweise, Blesshühner durcheinander. Möwen. Was brauchst man Meer, wenn sich schreiende Möwen in einer Reihe auf das Ufergeländer setzen. Das Metall ist kalt. In der Nixenbucht hat das Gartenbauamt alte Baumstämme vom Ufer ins Wasser drapiert, auf einem sitzen tatsächlich gern drei Kormorane! Dort habe ich letzt einen Eisvogel vorbeiflitzen sehen, schwöre! Die Kormorane, bestimmt 80, versammeln sich jetzt alle in den Baumkronen der kleinen Insel Kratzbruch, auf die Menschen nicht dürfen. Da mündet die Bucht in die Spree. Auf dem Fluß treiben Eisschollen langsam am hoffentlich wieder eröffnenden Doof-Biergarten gegenüber vorbei. Im hier eisfreien Wasser paddeln Enten herum, zwei Mandarinenten machen in ihren exotischen Kostümen schwer was her. Die Schwäne haben Halbstarke in bräunlicher Jugendtracht im Schlepptau. Und wie eine richtige Rentnerin habe ich Vogelfutter in einer Plastiktüte mit Zippverschluss dabei. Sechs Riesengänse hupfen im Nu die Bordstein-, äh Uferkante hoch und pöbeln um meine Beine herum. Atlantische Kanadagänse seien es, sagt ein junger Australier, der fröhlich knipst, wie die fast metergroßen Vögel sich mir aufdrängen, ihre langen schwarzen Schnäbel schnattern wichtigtuerisch quakquack, quiik wok wie der Engländer sagt, im Flug heißts dann „ah-honk“. Ah Honk!

Graureiher
eindeutig

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Heute

sinking

Die Hütten des Obdachslosen-Camps wurden nicht weiter demontiert. Bis zun 12,.2., so ein Plakat am Zaun, sollen die Bewohner ihre Sachen rausholen können. Einer kommt mit einer Plastikbox auf der Schulter raus. Der Zugang wird bewacht von Männern in orangenen Westen, sie machen Feuer in Tonnen, sie sprechen fremde Sprachen. Sie verstehen.

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Betreute Räumung

Amaretto

Ich habe den Hubschrauber gehört in der Nacht, Sirenen keine. Tags drauf ist die Bucht geräumt. Die Bewohner sind schon vertrieben, teils „umgesiedelt“, ihre Zelte und Hütten zerstört. Ein gelber Bagger zermalmt hinten schon die ersten Behausungen zu Müll, ein Sofa zerbröselt wie Knäckebrot. Eine Kette fescher Polizisten bewacht die Zugänge zum eingezäunten Camp, gepolsterte schwarze Uniformen, schwarze oder weiße Masken, wie wir, die Demonstranten und Passanten, wir sehen alle gleich aus, müde Krieger im festem Schuhwerk. Die Räumung des Camps sei ein geordneter Abzug gewesen, begleitet von THW und einer stadtbekannten NGO. Rollkommando mit Sozialbetreuung. Wieso bei Nacht und Nebel? Woher plötzlich die Sorge um das leibliche Wohl der ca. 100 Zelt- und Hüttenbewohner, welche die Lokal-Politiker jetzt zum Handeln bewegt, 8 Grad minus? Die Hälfte, 47 der Bewohner, berichtet der auskunftswillige Polizist, sei freiwillig in die Traglufthalle umgezogen sein, die nächsten kämen in das Hostel in der Boxhagener, oder die aus der Halle ziehen dorthin. Widersprüchliche Infos, Gerüchte, Geheimagenten verhandeln noch, Vollverpflegung bis April. Vor den bodentiefen Scheiben der noch geschlossenen Rezeption des Hostels sammelt sich seit Stunden eine Schlange von Männern, da gäbs Unterkunft heute Nacht, haben sie gehört, 100 Plätze.

Bis zum späten Vormittag, dann bis kommenden Freitag hätten die Geräumten Zeit, ihr Zeugs rauszuholen. Am Nachmittag geschäftiges Ein- und Ausgehen, Kisten, Koffer, überladene Einkaufswagen werden durch den vereisten Matsch bugsiert. Ein Rastafari bringt ein abgenutztes Skateboard aus Holz und einen Musikkoffer in Sicherheit. Wer hat das geträumt? Einer der Polizisten mit weißer Maske fragt, ob ich auch noch mal rein und was holen wolle. Vor Schreck verpatze ich meine Chance. An den Zäunen und Sträuchern zur Uferpromenade hin hängen 1000 Origami-Kraniche. Knirsch, krächz macht der Bagger.

Kamine, Fenster, Türen. Töpfe.

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Nachtgestalten

Zeitgeist Frankfurter Allee

Hinter der Eisenbahnbrücke an der Ecke von Zu Inge hat jemand einen Unterschlupf aus Perser-Teppichen, Plastikplanen und Ästen gebaut. Gerümpel, Einkaufswagen und kunstvoll verbundene bunte Gegenstände dekorieren das Shack. Zwei Passanten bleiben stehen und bestaunen das elaborierte Ensemble. Lachen sie? Nein, der eine bietet mir eine Zigarette an, der andere fragt, ob ich ein Bier mittrinke. Ist das nicht völlig illegal? Weil alles zu hat, verbringen die beiden Kumpel – sie kennen sich seit 41 Jahren – ihren traditionellem Kneipenabend mit Stadtspaziergängen. Da könne man interessante Leute kennenlernen. Vor zwei Wochen trafen sie ein Pärchen, das zuvor gegen das Klima demonstriert habe, Klima! so was lustiges aber auch. Aber dass die Regierung die Obdachlosen so verkommen lasse, sei schon eine Sauerei, dass es die in unserem reichen Land überhaupt gibt! Während unsere Leute im Dreck dahin vegetieren, kriegt jeder Asylant umsonst eine Wohnung! Hoppela. Da wir nun schon auf einer Parkbank sitzen und uns zusammen strafbar machen, palavern wir ein wenig rum. Der aus Brandenburg hergefahrene sagt gar nichts. Heuchlerisch einigen wir uns darauf, dass Asylanten auch Menschen sind. Wie gut die kalte Luft beim Gang durch die ausgestorbenen Straßen doch tun kann. Neonlicht fällt aus einem geschlossenen Späti auf den Weg. Am Tisch davor sitzt ein Mann in wattierter Jacke. Ein Segeltuch-Koffer mit Rädern steht neben ihm, vor ihm eine halbvolle Flasche Rosé. Sein Gesicht wird von einem Heiligenschein aus rotblonden Locken eingerahmt. Ein Engel? Er bietet mir von seinem Wein an. Mit klammen Fingern zwuselt er eine dicke Tüte. Seine Hände sind dreckig. Vom Lagerfeuer, sagt er entschuldigend. Da hätten sie ihn vorhin weggescheucht, hinten am Containerbahnhof, gab Stress. Die Halle Luja dort, ein silberglänzes Ufo mit 120 Betten, musste wegen zu vieler infizierter Gäste schliessen. Die Sozialsenatorin (Die Linke) teilt auf ihrer FB-Seite mit, dass in der Köpenicker dafür jetzt ein a&o Hostel angemietet wurde, als Wohnheim für OfWs (ohne festen Wohnsitz). Es ist nach Mitternacht. Ob die Stadtmission am Lehrer Bahnhof ihn noch reinlässt? Er fummelt einen kopierten Zettel mit Anlaufstellen aus seiner Geldbörse. Einen Schlafsack hat er nicht. Geht schon, sagt er mit einem umwerfend gelassenen Lächeln. Ingmar kommt aus Heilbronn, grummelt was von Therapie in seinen Rauschebart. Seit Februar in Berlin, er kennt sich aus auf den Straßen, Einzelgänger, rumlaufen will er notfalls auch in dieser menschenleeren eiskalten Vollmondnacht.. Ein junger Spunt kommt vorbei, fragt nach einem Blättchen, setzt sich zu uns. Bevor er wieder nach Hause geht, zu seiner Mutter, schenkt er Ingmar seine Handschuhe, die der gar nicht will. Geld auch nicht, es anzunehmen ist ihm peinlich. Schreinern könne er demnächst vielleicht, ein 400 Eurojob, dabei knetet er versonnen seine weichen Pranken. Blöd, dass er gerade Ausweis und Krankenkassenkarte verloren hat. Muss noch mal suchen gehen dort oben. Am Montag gehe er zum Amt. Geht schon. Dabei lächelt der große Mann wieder so warmherzig, arglos und gütig, als bitte er nur darum, ihm seine mangelnde Tauglichkeit für zu dieses Leben nachzusehen. Herrje, es ist Zeit für diese Schnulze:

https://m.youtube.com/watch?v=mc_QQIPQ2e8

What if God is one of us, Joan Osborne

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Männer auf Bergen, im Trainingsanzug

Warschauer Brücke

Ein Bad, eine frische Jogginghose, eine Kanne vom guten Pu-erh. Yunnan Chitsu PinhgCha, ein Teekuchen wie ein gepresster Kuhfladen, mitgebracht aus den Bergen des Goldenen Dreiecks, denk nicht mal dran. Mein Fenster zur Welt sendet mir jetzt Werbung für Freizeitkleidung. Sie kennen mich dort. Wanderschuhe out, abgelöst durch Kombis aus Schlabberhose mit oversize Pulli, Farben, die auch schlaftrunkenen Augen nicht weh tun. Gefällt mir. Zuviel schlafen fördert depressive Verstimmung, heißt es. Mit deren Zunahme nimmt die Motivation ab, dagegen oder sonst irgendetwas zu unternehmen. Der Vorteil kürzerer Tage sind weniger Stunden schlechter Laune, wobei das Trübsal sich Wochen oder Jahre verlängert. Der Alte im Rollstuhl, der immer wieder laut „Lotte!“ ruft, sie hört ihn nicht, findet der seinen Trainingsanzug eigentlich gemütlich, egal oder peinlich? Die marineblaue Uniform mit weißen Längsstreifen und Strickbündchen ist aus der Mode aber noch fast wie neu, nie wurde er für sportliche Selbstoptimierung missbraucht. Die Frauen an den Tischen um ihn herum sind besser gekleidet, sie achten noch auf ihr Aussehen, selbst wenn sie sich nicht mehr erkennen, sie beteiligen sie sich am Gesellschaftsspiel, solange sie sich noch wehren können gegen die Nachlässigkeit. Wir werden alle in schicken bequemen Billig-Hausanzügen herumschlurfen. Die Zusammensetzung des seidig fallenden zugleich kuscheligen Materials oder ihr Produktionsort sind in der Reklame nicht angegeben, weder Myanmar noch Millionen Jahre garantiert unverottbares Mikroplastik.

Apropos, schon das zweite Tibetbuch im Dezember gelesen. Beides Männerexpeditionen mit Todesfall, Kartographen beim Versuch, den letzten weißen Fleck des Unbekannten zu tilgen, zu bezeichnen, nur Männer, Draufgänger, Touristen, machen so was Bescheuertes wie dermaßen menschenfeindliche Eiswüsten und Berggipfel hochzuklettern, auf denen sie nichts verloren haben. Egal, ich steh auf Abenteuerromane. Entdecker, Eroberer, Stürmer, an der Erleuchtung scheiternde Westler, die bestenfalls verloren gehen. Immer wieder gut dagegen: Nan Shepherds kurzes Buch „Der lebende Berg“. Nun also Christoph Ransmayrs „Der fliegende Berg“, in fünf Nächten damit durch, 350 Seiten – Flattersatz! Berserkergesänge, Eispickelprosa, Schneekristalle, Schönheit, Sturm. Zwei Brüder, der Vater, Irland, Tibet, Kampf, Krieg, Überwältigung. Wetter, Naturgewalt, Liebe in der Jurte, Yaks, Metis, Tod, drunter geht hier nichts. Der Dichter aber kommt zurück, muss ja ein Buch schreiben. Seiner Geliebten vom Nomadenclan bringt er Lesen und Schreiben bei, damit sie seinen Namen buchstabieren kann. Die Pilger meißeln ihre Gebete in Steine oder bedrucken das Wasser eines Baches mit geschnitzten Holzstempeln, damit die Worte wie in den unentwegten Gebetsmühlen ewig murmeln, nie verhallen. Loaden, I presume. Glimpflicher, wenngleich mit ebenfalls existentialistischer Intention begonnen, ergeht es Matthias Politiycki auf seiner Bergbesteigung im gefährlichen Afrika. Auf dem Kilimandscharo ist es nur eine Nacht im Krater saukalt, ansonsten sind die einheimischen Träger auch hier zuverlässig und nett. Weniger der Berg ist dem Hamburger Brillenträgerwürschtel eine Herausforderung als der Tscharli. Der spillerige Maulheld aus Bayern ist nämlich schon da und macht jeden Anflug von Erhabenheit zunichte. Ois easy! Er nervt überhaupt aufs lustigste mit sexistisch rassistischen Kalauern, angeberischem Gaga-Suaheli und natürlich hat der angeknackste Bauingenieur das Herz auf dem rechten Fleck. Wakala! Eine Männerfreundschaft fürs Leben, aber ach, zerbrechlich ist’s auch hier. Noch heiterer, dabei auch um nichts weniger als um die vorletzte Weisheit, geht es beim süffisanten Macho Helge Timmerberg zu. Sein Ausflug führt den Langstreckenreisenden nach Kathmandu, wo er einen Yogi wiederfinden will, der ihm sein Mantra gegen die Angst entziffern soll. Er steigt ein paar Treppen des Tempels hinauf und hinab, bis seine Mission erledigt, der Zauber durchschaut und neu übersetzt ist. Ansonsten steht er viel mit dem Taxi im Smog und fragt sich, wie er sein Billigticket umgebucht kriegt. Shiva ist der Gott der Zerstörung und kommt aus jedem Auspuff. Das Mantra des glückliche Reisens findet er wie immer nebenbei: „Da sein und auf die Straße schauen“. 

Frankfurter Alle

Christoph Ransmayr: Der fliegende Berg, S. Fischer 2006

Matthias Politycki: Das kann uns keiner nehmen. Hoffmann und Campe 2020

Helge Timmerberg: Das Mantra gegen die Angst oder Ready for Everything. Piper Malik, 2019

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Still halten

Verbale Kommunikation wird überschätzt. (Weil mein Eintrag davor so viele Worte hatte,) hier zum nur zuhören: Mario Batkovic spielt mit seinem Akkordeon das Solo-Stück Quatere, zu dt. etwa ‚schwingen, erschüttern, zerschmettern, auch jagen, treiben, hetzen, oder aufrütteln, aufwiegeln.

Weiter, weiter, nun auch ohne Bilder:

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Spreeblick

Wie aber soll die Finsternis erleuchtet werden, wenn wir nicht brennen? Hava korsun gibi agir, die Luft ist schwer wie Blei. Nazim Hikmet, 1961 in Berlin, aufgewachsen in Diyarbakir und Aleppo, gestorben 1963 in Moskau.

Buswendestelle Stralauer Insel

Das Wasser an der Bucht ist ein silberner Spiegel. Ein wogendes Tischtuch wie bei Lukas der Lokomotivführer, von Wolken gebügeltes Metall, gehämmerte Seide, stumpfes Zinn, doch zum Einbruch der Dunkelheit schillert das Wasser in allen Schattierungen von Blau bis Schwarz, fährt alles auf zum Schauspiel der nordeuropäischen Dämmerstunde. An Adventssonntagen der Erinnerungen saßen wir mit den entsprechend wenigen Kerzen am Esstisch, keiner machte das Licht an, bis es draußen ganz dunkel war, keiner verließ den Tisch, man versuchte diese Stunde in die Länge zu ziehen, auszutricksen, indem man nicht an ihr Ende denken durfte. Danach spielten wir Karten, war fast noch schöner. Im Seniorenzentrum an der Spree sind am Ende des Gebäuderiegels auf allen Etagen große Gemeinschaftsräume mit Wintergartenartig riesigen Fensterfronten. Stehlampen, Sitzecken, Sessel, Grüppchen (ich wünsche mir kartenspielender) Silberhaariger. Pflegezustände drinnen, laut Kommentatoren, schlimm. Das moderne Gebäude (Ende 1990er) mit Balkonen ringsherum auf der Stralauer Halbinsel liegt beim alten Speicher (Backsteinhistorismus, 1881, heute Lofts, davor ein schwarzer Sportwagen, siehe Kormoranflug, https://kormoranflug.wordpress.com/2020/11/24/homeoffice/#like-4390). Dort wurde einst aus Palmkernen aus den westafrikanischen Kolonie Öl, besonders für Margarine gemacht. Auf der anderen Seite der Stralauer Halbinsel erinnert ein Steindenkmal an Karl Marx, der sich während der 1837/38 in Berlin grassierenden Choleraepidemie als Student dort hin verzog und in einem Gartenlokal für den Kommunismus missionierte. Der Streik der dortigen Buddemaker (Arbeiter der Glasfabrik) von 1901 war laut der anderen Steinplatte von 1964 von seinen Ideen inspiriert. Davon, einem Gartenlokal oder irgendwelchen anderen Einkehrmöglichkeiten, let alone a Späti, gibt es keine Spur in der ganzen riesigen modernen Wohnanlage. Im schönen Neubau des Altersheims wurden am vergangen Wochenende ein Viertel der Bewohner (55) positiv getestet, plus 13 Pfleger, vier im Wachkoma ins Krankenhaus. Einmal war ich drin, die Pförtnerloge stand leer, schwarzes Brett unergiebig, einen Flyer eingesteckt, dann im Sog einer wild zeternden Dame im Rollstuhl vor die Tür geflüchtet. Sie erzählte Geschichten, spuckte sie fast aus, nicht alles verstand ich, dann kehrte sie erschöpft wieder zurück. Wahrscheinlich rauchten wir vorher noch eine zusammen. Ich sollte mal wieder vorbei gehen und fragen, ob ich eine Bewohnerin zum Spazierenschieben ausleihen kann. Wär auch einer Art Rollator für mich. Besser nach Ostern. Oder Pfingsten? Ja, ich kenne auch Leute, für die Weihnachten allein echt Scheiße ist und ich finde es auch scheiße, nicht früher das Enkelmachen bedacht zu haben. Positiv getestet. Nachhaltig shoppen. Würdevoll sterben. Sterbehilfe wird legal. In Österreich! Witz (von einer Comiczeichnung): Was kann uns 2020 schon noch schlimmes passieren? Dazu rennt einer der Heilgen 3 Könige aus dem Stall und schreit: It’s a Girl!

Dank an Aushilfshausmeister HH

In der Nacht zu heute wurde Tommy an von der Bucht tot gefunden. 57, bärtig, Cappy, heißt es in der Zeitungsmeldung, seit zehn Jahren ohne Wohnung, saß oft auf der weißen Gartenbank auf seinem Boot und trank Kaffee. Er schlief in seiner Kabine, sein Fernseher lief mit Autobatterie, er malte Bilder, die er manchmal verkaufte, sammelte Flaschen. Die BZ brachte im August ein Porträt über ihn. Er war nicht obdachlos! stellt einer auf Fb klar. Sein Boot war eines der meist fahruntüchtig wirkenden Kähne, die gegenüber des geschossenen Clubgartens am Ufer ankern. An Spätsommernachmittagen kehrte ich gerne dort ein. Der Türsteher und Platzanweiser wusste schon beim zweiten Besuch, wo ich sitzen möchte, der verpeilte Ober was ich trinken will. Seeblick, Hafenpromenade, Feierabend, Urlaub, Alltag forever. Die Boote liegen dort schon so lange, dass sie zusammen ein organisches Ufergewächs bilden, ein dümpelnder Cluster aus Materialien und Zeit, ein atmendes, murmelndes Biotop, an dem gewerkelt wird. Licht brennt, Wasser riecht, Leute und Hunde gehen hin und her. Ein Schandfleck, sagen manche, fast so schlimm wie die informelle Siedlung nebenan, der Slum aus Hütten, Planen und Zelten mit Zäunen aus Einkaufswägen. Bis zum Frühjahr war dort ein Sozialprojekt für Straßenkinder zu Gange, es gab Beratung, Kaffee, Klos. Die Roma nebenan sind weg, ihre von den Frauen sauber gefegten Behausungen plattgemacht, manche leben ein Stück weiter, Autos stehen da, in denen einige ihre Wertsachen aufbewahren. Die Zäune eines zukünftigen Water-World-Komplexes kreisen den verbliebenen Zufluchtsort immer weiter ein. Wo die Wagenburg des Protestcamps stand, werden schon riesige Heizungsrohre verlegt, eine Securityfirma und Kameras bewachen die Baustelle. Kerzen und Blumen am Zaun erinnern an die ermordete Fünfzehnjährige, die im Sommer im Gebüsch dort gefunden wurde. Der Müllcontainer wird schon lange nicht mehr geleert. Auf ihm steht Sisyphos.

Der ehemalige Speicher (Bildmitte), rechts davon das Seniorenzentrum Haus am See

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Müßiggänge

BER, Flugfeld Ende Oktober

Graureiher, Silbermöwen, Blesshühner. Enten, Kraniche und Schwäne. Und Bänke, um in die tiefstehende Sonne und den gespiegelten Himmel zu schauen. Die Uferpromenaden sind voll. Jogger keuchen vorbei. Familien blockieren den Weg mit Kinderwägen, Gehende sprechen laut in unsichtbare Telefone. Was immer schon gestört hat, nervt jetzt. Mein Versuch vom neuen Flughafen BER zum Terminal 5, dem alten in Schönefeld zu laufen, erfüllt alle Wünsche nach sozialer Distanz, scheitert aber ansonsten kläglich. Luftlinie nur wenige Kilometer, grenzenloser Himmel über der Service-Zone, eingekreist von unüberwindlichen Autobahnschleifen.

Der Ausflug ins Wuhletal nach Hellersdorf beginnt spektakulär. Wie eine Fatamorgana liegt direkt am U-und S-Bahnhof ein Dorf am Wiesenrand. In der Schlaufe um den Kienberg verliere ich die Richtung und gehe in die falsche bis es dunkel wird. Entlang der Ausfallstraße Blumenberger Damm leuchtet der Berufsverkehr. Der Weg zwischen Parkplatzrabatten vor Plattenbauten mit Hair-Express, Eco-Express Waschsalon, Tierarzt und Parkhotel Marzahn ist weit und menschenleer. Kein Späti, keine Kettenbäckerei, keine Straßenbahnhaltestelle.

Beim Spaziergang um die Bucht kann ich kaum etwas falsch machen. Jedes Schild zu Geschichte und Botanik des Ufers hab ich mindestens ein Dutzend Mal gelesen, ich kenne jedes öffentliche Klo, jede Sitzgelegenheit, jeden Ausguck und jeden Mülleimer. Und heute: Schock Starre Not. Die beiden Trauerweiden sind gefällt. Riesige alte Bäume am Spreeufer, ihre Kronen und Äste über die Kaimauer und dümpelnden Schiffe und die Grünfläche vor der Boulderhalle. Früher gabs dort guten Cappuccino, den man auf einer Bank bei den Weiden und Spreeblick trank. Die Schönen Weiden hatten Pilzbefall, mit dem sie noch lange hätten leben können. Doch er macht die Alten gebrechlich und herunterkrachende Äste sind im öffentlichen Raum eine Gefahr, die beseitigt werden muss. Be aware of Gebrechlichkeit. Die Kletterhalle ist im Schuppen eines rudimentären Backsteinensembles. Die Fabrik wurde 1867 durch den Chemiker Paul Felix Abraham Mendelssohn Bartholdy, Sohn des Komponisten gegründet und gebaut, seit 1873 Aktiengemeinschaft für Anilinfabrikation, AGFA. Der Unternehmer Paul wurde 39. Weiden wachsen rasant, sie werden selten älter als 50 Jahre, höchstens 100.

Sonntag an den Müggelsee ist auch eine blöde Idee. Parkplätze voll, geballte Heiterkeit beim Strandbad Rübezahl mit Fassbier Pommes Stieleis. Ein langer Holzsteg mit abblätternder Farbe führt durch Binsen in Wind und See hinaus. Die Einsamen grüßen einander. Das Hotel Müggelseeperle wirkt verwaist, die Terrasse demontiert, sieht nicht aus, als ob es erst seit einem Jahr dicht wäre. Wieder dunkel, Parkplatz leer, 15 Euro Knöllchen. Der Ordnungsdienst muss halt auch mal ins Grüne.

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Zerstreuungsverbot

„Symbolbild“ aus einem Reiseprospekt

Ich möchte keinen Urlaub in Deutschland machen.

„Es zählt jeder Tag“, sagt die Kanzlerin.

Der Kilimandscharo brennt.

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Hundstage

Rummels Bucht

In unserem Hinterhof steht eine Linde. Sie verschattet und kühlt die Wohnungen. Eine Taube sitzt drin und laust sich. Die Tauben sind standorttreu, sie hocken auch ganz selbstverständlich in den Blumenkästen unserer Balkone. Nur weil es geht, kehre ich im Biergarten an der Rummelsburger Bucht ein, es fühlt sich verkehrt an, an diesem als Bretterverschlag hingezimmerten „Club“ ein Formular mit meiner Adresse auszufüllen. Der kellnernde Dreadlockdutt-und zerrissene Klamotten tragende Systemkritiker kennt keine Eile, dafür beim nächsten Besuch schon mich und meinen Getränkewunsch. Noch haben wir Ausgang, die Spatzen sind verstummt. Die Zeit hält die Luft an, selbst die Mücken suchen Schutz im Schatten. Ein Flaschensammler mit Wollmütze schiebt einen vollen Kinderwagen, das Leergut scheppert wie der Auftakt eines Hobby-Westerns auf Youtube. Huhu, Spiel mir das Lied vom Tod am Strand Algeriens. „Es war sehr warm“. Marcello Mastronianni im Unterhemd am Hotelfenster. Visconti, 1967, Anna Karinas grässlich affektiertes Lachen. Meursault raucht blaue Gauloises. Er hat keinen Ehrgeiz, alles ist egal, die Sache langweilt ihn. Frauen gackern, Männer klatschen ihnen auf den Hintern. Da ist überhaupt nichts grundlos. Der Junge spielt Panflöte. Es gibt „fünf kurze Schläge an das Tor des Unheils.“ Dann dauert „der Prozess“ aber doch recht lang. Die Araber („Killing an Arab“, The Cure, 79) kommen nie zu Wort. In „der Leere des Herzens“ fühlt der cool killer endlich“die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt.“ Dreht sich weiter und wir sind nichts. Existentialisten braucht heut auch niemand mehr. Es ist noch immer zu heiß, um raus zu gehen.

In Scheiße treten

Nach einer arabischen Legende sind die Hundstage, wenn der Sirius als hellster Stern des Großen Hundes erscheint, jene glühend heißen Tage, in denen die Fata Morganen aus dem flirrenden leeren Himmel tropfen.

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Griechischer Wein

Bier ist unterm Tisch

In Pankow ist Musik. Eine laue Samstag Nacht, die Gartenwirtschaft offen, am Himmel ein Komet. Die Tage werden wieder kürzer. Der Ballermann will trinken, feiern, saufen, tanzen, grölen, grillen, lachen, die Frau auch, wer will es ihnen verübeln? Einer darf den DJ machen. Die Playlist ist vorgegeben. Ich kann die Sehnsucht nach „Griechischer Wein“ voll nachvollziehen. Udo Jürgens Mega-Schnulze von 1974 handelt – Liedtext Michael Kunze – von Einsamkeit und Heimweh griechischer Gastarbeiter im Ruhrgebiet. Zu „Simply the best“ nicke ich rhythmisch mit dem Kopf. „Geh nicht vorbei, als wär nichts gesehen, es ist zu spät, um zu lügen…“ Christian Anders, 1969: „Willst Du mit mir gehen und die Welt wird schön.“ Bei „I can’t get no…“ nehm ich Ritalin. Später, zuhause im wlan, lade ich Landkarten hoch (down), aktualisiere die mapp-mich-app mit Detailkarten aus Italien. To start with. Tessin, Kärnten, Slowenien, Kroatien. Bis auf Bosnien-Herzegowina so, wie meine Eltern in den Wirtschaftswunderjahren den Radius ihrer Urlaubsziele erweiterten. Zunächst hing es am Fortbewegungsmittel, mit dem Opel über den Brenner?, den Rahmen stecken die eigenen Verhältnisse. Krönung des Luxus hieß „Freie Getränkewahl“, d.h. jedes Kind durfte seine eigene Limo bestellen. Wir stiegen auf ins weiße Hotel am Gardasee. Die letzte Familienreise schon mit dem Flugzeug nach Mallorca, Spaziergangsfotos mit Eseln und Sombrero aus Cala Ratjada. Mit mutterlosem All-inclusive auf Djerba überschritten wir die Grenzen von Europa. Wahrscheinlich waren wir damit die ersten unseres Clans. Wer von den Großeltern hat je das Meer gesehen? Ein Onkel machte den Segelflugschein. Der Adler kaufte einen VW-Campingbus. Mit dem fuhren dann wir nach Griechenland. Jetzt bleiben wir hier.

Berlin und die Welt wird schön

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Synthetische Musik

Der Mohn ist aufgegangen

Überall Party und Picknick. Eine pummelige junge Frau unterhält ihre Freunde, sie steht barfüßig auf der ausgelegten Decke, gestikuliert ausholend und erzählt voller Verve etwas, was versteh ich nicht. Dazu ist die Musik zu laut. Sie wummert dumpf und öd aus einer Boombox. Hört man so einen Scheiß in diesen Clubs, in denen die alle arbeiten und jetzt im Dauerurlaub sind? Eine andere, schlecht tätowierte junge Frau hatte einen Job an der Garderobe des Clubs, in dem die ersten Fälle aufgetreten sind. Sie war auch krank, hohes Fieber, die obligatorischen Symptome, fies sei es gewesen, sie habe übers Sterben nachgedacht. Sie musste in Heimquarantäne bleiben, getestet wurde sie nie. Jetzt bezieht sie Hartz 4, zum Glück, sagt sie, derzeit kein Problem weil das zuständige Amt völlig überlastet sei und alle Anträge durchwinke. Die Partygäste auf dem Spielplatz sind still geworden, die monotone stampfende, synthetische Musik läuft weiter. So viele Leute haben winzige Hunde. Mehrere sehe ich wiederholt, weil sie wirklich mit dem Tier um den Block gehen. Die Hunde wedeln mit den Schwänzen.

(Das war jetzt ein Übungsblock zum ausprobieren des neuen Editors)

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Ein guter Ort zum weinen

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Die besten  Spaziergänge werden die, bei denen ich mich ziellos voran treiben lasse. Wovon? Mein Plan reicht nur bis zur nächsten Ecke, wo ich die Richtung ändern kann, einen Bogen schlage oder einfach weiter geradeaus gehe. Stehen bleibe, gucke. Bei einem Wohnblock für Betreute gleich hinter der Frankfurter Allee scharren vier Hühner in einem Gehege, im angrenzenden Hof einer Backsteinkirche schreit ein Jugendlicher.

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Hier unten war ich noch nie. Drinnen schon, das Schwimmbad mit seinen olympischen 50-Meter-Bahnen ist mit der Straßenbahn vom Alex aus gut erreichbar, von meiner jetzigen Wohnung ist der „Europasportpark“ nur drei S-Bahnstationen entfernt. Im Juni hätte Massive Attack unter der kreisrunden Stahldachkonstruktion des Velodroms gespielt. Die Radrennbahn soll aus sibirischer Fichte sein. Jetzt knattern eine Handvoll Jugendliche mit ihren Rollbrettern die Betonpisten entlang. Früher, bis zum Abriss 1992 und Neubau für die 1993 abgeschmetterte Olympiabewerbung Berlins, stand hier die 1950 eröffnete Werner-Seelenbinder-Halle, ein auf dem ehemaligen Schlachthofgelände errichteter Konzertsaal für 10 000 Besucher und SED-Tagungsgebäude. Auf dem begrünten Wall um die zwei in die Erde versenkten riesigen Hallen wurden Apfelbäume gepflanzt. Sie kämpfen an gegen den vielspurigen Verkehr auf der Landsberger Allee, vielleicht gegen den Wind aus Sibirien.

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Unten sitzt ein Mädchen und weint, ein junger Mann ist bei ihr. Ihre Rucksäcke liegen 100 Meter weiter in der Kurve aus Glas. Mich tröstet heute nichts. Auf dem Mittelstreifen der Ausfallstraße nach Marzahn blüht Löwenzahn, am Bahndamm Flieder.

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Zwei Sängerinnen auf dem Balkon

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Gänsedistel (Sonchus oleraceus), wäre natürlich essbar

Am Comeniusplatz gibt es eine Menschenansammlung. 50 oder 100 Leute stehen verstreut auf dem Bürgersteig und zwischen geparkten Autos herum, sie schauen alle in eine Richtung. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wärmt die tiefhängende Sonne eine blassgelbe Hausfassade, vom Balkon im ersten Stock kommt Musik. Ein Trompeter – oder ist es Posaune- spielt zu eingespielter Orchesterbegleitung vom Band, das er mit dem Telefon bedient. Der Musiker bläst inbrünstig, sein Lied fliegt weit über uns und verwandelt uns. Puccini und Dvorak stehen auf dem Programmzettel, ein DinA4 Ausdruck ist an die Hauswand geklebt. Abwechselnd singen zwei amerikanische Sopranistinnen, die eine eher schmal, die andere füllig und gelockt, ja sind wir hier im Heftle?, sobald sie die ersten Töne anstimmten, sind beide so dermaßen sofort Sirenengleich da, nicht die mit Blaulicht, sondern jene die Odysseus verführen wollten, sie tirilierten und schmettern, dass keine Amsel dagegen eine Chance gehabt hätte, herzschmelzende Arien zerschneiden die Stille. Alle halten die Luft an, lächeln. Vor dem Späti an der benachbarten Ecke ist eine dezente Schlange, Kaffee gibts keinen. Die blonde Sängerin tritt ab. Wir sind beseelt und treiben davon.

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Yaam Club

Sechs Obdachlose, schlafend, jeder für sich in einer Nische, Nester aus Schlafsack und Decken, niedere Unterschlupfecken, entfernt von allem. Die Gegend ums Berghain ist eine der letzten großen Brachlandschaften im Zentrums. Es ist noch hell, früher Abend, 19 Uhr vielleicht. Sind sie dann spät in der Nacht wach? Einer hat sein Lager neben dem geschlossenen Eingangstor zu Berlins umworbenstem Club aufgeschlagen. Eine Art Bushaltestelle, an der „Wetterseite“ der Behausung sind Pappkartonagen, sorgfältig verflochten, um den Nachtwind abzuhalten. Unter der Andreasbrücke  beim Ostbahnhof zieht es wie Sau. Trotzdem leben einige hier. Ein Müllhaufen aus Matratzen und Deckeln am Ende. Ein Automat, wie ein Relikt aus Urzeiten: 5 Kanülen, ein alkoholisierter Tupfer, 50 Cent. Geht der noch? Manni und Milan sind munter. Wir kennen uns doch? Heiratest Du mich? Ich trink ja nich zum Glück, außer Bier, Milan grinst und zeigt ruinöse Zahnstummel. Hab kalte Hände, sagt Manni. Sie verräumt eine Schnapsflasche aus ihrem Schoß, halb eingemummelt sitzt sie da im lila-grünen Schlafsack, da drin ist es warm, nur morgens, wenn man raus muss, puh, Essen kriegen sie, der Kältebus der Stadtmission kommt vorbei, in die Unterkünfte gehen sie nie, dort sind Asoziale, die stehlen, was? Manni zeigt ihr dickes Buch, ein Fantasythriller, vorne sind Bilder drin.

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Raw

Auch die Partyzone am RAW Gelände ist ausgestorben. Ein Besucher macht Fotos im Schwarz-weiß-Automaten. Ein grauhaariger Pferdeschwanzträger, unterm Kinn eine Maske aus Plüsch mit Elefantenrüsselapplikation, hoho, spricht mich an. Ich würd wohl auch spazierengehen? Er hat einen süddeutschen Akzent, wahrscheinlich völlig vereinsamt der Mann. Mir ist nicht mehr nach Konversation. Der alte Boden aus Schienen, Platten, Pflastersteinen, abgeplatztem Aspahlt, verschorftem Belag, erzählt Geschichten von früher.

 

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TXL

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Das wird jetzt echt hardcore. Bei Flughäfen sind wir in Berlin sehr sentimental. Ich sag nur Tempelhofer Feld, Volksentscheid, Lerchenwiese, Rosinenbomber, Zen, so.  Jetzt ist der nächste dran. Im Mai noch soll der Flughafen Tegel schließen, vorübergehend, sagen sie, aber es sieht überhaupt nicht so aus, als ob er jemals  wieder aufmachen würde. Der einmal für 2011 angekündigte BER, da hieß er noch Willy Brandt Flughafen, wie verschwand dieser Name eigentlich?, der sei jetzt quasi fertig und könnte ab Herbst den Betrieb aufnehmen. In der Zwischenzeit, für die verbliebenen knapp Dutzend Flüge am Tag mit 1% der früheren Fluggäste, geht, wie eigentlich immer, Schönefeld. Dort fährt sogar die S-Bahn hin.

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Demontage vonTXL

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Auf dem Rückweg spazier ich um den Plötzensee. Am Bootsverleih verscheucht mich die kurzärmelige Betreiberin, aufs Geländer stützen nicht erlaubt, Kaffee gibts auch keinen. An der Schleuse sitzt ein Mann mit gefärbten Locken, neben ihm hängt eine Angel in den Kanal, ein angebrochener Beutel Toastbrot, eine goldene Lautsprecherbox, die Flasche Wodka dreiviertel leer. Er macht Platz für mich auf der Bank, bietet mir einen Schluck an, zeigt Fotos von sich auf seinem Telefon. Mit Sonnenbrille und Manta, Mafia, sagt er und lacht beschädigt. Mehr Fotos. Sohn erwachsen, eine Freundin, mit Laube, Marzahn. .

Gellendes Kindergeschrei. Die Quelle ist ein zorniges schwarzhaariges Mädchen, das sich  halbherzig angeschnallt  im Buggy windet. Der junge Vater gibt dem Schreikind sein Telefon, auf dem hat er einen Kindercomic  eingestellt, die Mutter fast voll verschleiert, scheint bloß froh zu sein, dass sie hier in der Weite des Volkspark sind. Für Lili ist es überhaupt erst der zweite Regen. Sie ist sechs Wochen alt, ihr faustgroßes Gesichtchen rosig verschrumpelt, sie liegt in einem Tuch eng um den Oberkörper ihrer Mutter geschmiegt. Die sitzt breitbeinig und abgesehen von zwei Umschlagtüchern in Unterhose auf dem Boden am Seeufer, zwei verklemmte Migrantenjungs in Kapuzenjacken lümmeln zu nah um sie herum. Nein, sie braucht keine Hilfe, sie friere nicht, sie schwimme hier. Auf dem See rudert eine Geburtstagsgesellschaft vorüber. Opa singt.

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Der Sprit ist billig wie vor 20 Jahren, im Volkspark Rehberge wächst wie überall gerade die Koblauchsrauke, neben der Gedenkstätte für die „zentrale Hinrichtungsstätte für den Vollstreckungsbezirk IV“ (durch Hängen, wikipedia hat Details) poliere ich die von Taubendreck zugeschissene Motorhaube meines Autos. Wahrscheinlich werd ich jetzt verrückt. So weit ok.

 

 

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In Mitte ists doch auch ganz schön

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Mittwoch vormittag am Alexanderplatz

Vor dem rosafarbenen Bunker von Alexa, der ästhetisch gewagtesten Berliner „Shoppingmall“ am Alexanderplatz, sind weinrote Abstandshalter-Marken auf den Gehweg geklebt. Breitschultrige Türsteher stehen wie vergessene Wellenbrecher vor der gläsernen Pforte herum, die erhofften Konsumentenorgien bleiben aus. Die Mall am Frankfurter Tor war bereits  Wochen vor der „Krise“ halb entmietet und schloss abends schon um Acht. Auch am Alex ist die Schlange nicht vor der Mall mit den immer gleichen Kettenläden, sondern, ganz zivilisiert und fast unscheinbar, vor einem Geschäft für Stoffe und Nähbedarf in den U-Bahnbögen. Nirgendwo, in keiner der gerade erst wieder eröffneten Sportklamotten-Designer-Vintage-Fake-Boutiquen-Schaufenstern zwischen Friedrichstraße, Hackeschen Markt und Alex sehe ich Masken. Es trägt auch so gut wie niemand eine, die Verkäuferin im Asia Shop hat ihren schwarzen Mundschutz selbst genäht, nach YouTube, die Bändel sind alte Schnürsenkeln.

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Im Garten der Parochialkirche steht ein Zürgelbaum, er ist 90 Jahre alt, der Celtics occidentalis L., meist in den Tropen vorkommend, sei winterhart und „sehr widerstandsfähig gegen alle Krankheiten“, steht auf einem Schild an seinem Stamm. Ist die Vorstellung eines jungen schönen Todesengels, der einen sanft ins Jenseits begleitet, nicht eigentlich heidnisch? Efeu liegt wie dicke Kissen auf fast 200 Jahre alten Gräbern. High Noon, das von einem Mäzen restaurierte Glockenspiel bimmelt, in der „Letzten Instanz“ nebenan waren wir mal Eisbein essen. Die Ruine der Klosterkirche strahlt wie frisch poliert im hellgrünen Himmel, im eingezäunten Innenraum blinken neonfarbene Wortfolgen auf einem Laufband, stotternd archaischer Teletext, wird Kunst sein, Dichtung. Die dadaistisch kryptischen Sätze  – das muss man anderswo nachlesen –  sind  „Werbe Texte“ für den Alchemisten Leonhard Thurneysser, der hier, ganz früher bei den Franziskanern, eine Druckerei und eine Wunderkammer betrieb und seine Erkenntnisse gerne in Rätselreimen verschlüsselte. Verstehe das der Vogelkundler. Die „Besseren Alchemisten“ dieser „Unfinished Histories“  sind Monika Rinck und der Dichter Haytham El-Wardany, „How to Disappear“, noch mehr schöne Worthülsen. Grad lese ich, dass eine Pflanzenerkennungsapp derzeit der Downloadrenner ist. Versteh ich besser.

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An der Mühendammschleuse liegen Schiffe vor Anker, unter der S-Bahnüberführung  Jannowitzbrücke Schlafsäcke, ein Rollstuhl. In der Spree treiben gelbe Blütenblätter, unter dem klaren Wasser bemooste Steine, schlammgrüner Pelz, sachte bewegt, oben schwimmen aller Seelenruhe fünf Karpfen, oder Zander?, groß wie 2 l-Colaflaschen. Der neue Arzt zweifelt angesichts meiner unterirdischen Luftwerte am Messgerät oder an meiner vorgeblichen Fitness. Zwei Stockwerke, sagen Sie? Er heißt fast genau wie ein irakisch-kurdischer Schriftsteller, aus dem Wedding beide, er kam aus Treuenbrietzen  und verschreibt mit was bissl stärkeres. Darauf geb ich dem stoppelbärtigen Raucher auf der Bank in der Sonne neben mir gleich einen doppelten aus. Und steige Treppen hinunter und hinauf. Aus dem menschenleeren U-Bahnhof Klosterstraße hallt das Lied eines Straßenmusikers. Seit 1913 leuchten auf den Wandkacheln die babylonische Palmen aus König Nebukadnezars Palastgarten. Ich erinnere mich an eine Kunstaktion (1994), bei der hier zehn unterschiedlich gehende Bahnhofsuhren an Pendeln schwangen. Die Aktion musste abgebrochen werden, weil die Bahnmitarbeiter davon ganz rapplig wurden.

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Klosterstraße

 

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Im Luftraum, 20. April 2020

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Halle Luja, Notübernachtung am Containerbahnhof

Ja, saudoofes Datum. Ein Montag. Grünanlagen, Uferwege, Stadtparks, alles voll, Jogger, Radfahrer, Spaziergänger, mit Kindern, in Buggys, Gepäckträgern, Anhängern, auf Kinderrädern, die Wiesen belagert von Gruppen, Jugendliche im Dutzend auf Decken, Picknick, Biertrinker auf Bänken, niemand schert sich um Abstand, einer von 800 könnte es der offiziellen Statistik nach haben, da wird durchseucht was geht, niemand mit Maske, fast keine Solo-Alten unterwegs, ein Flaschensammler. Eine Sprühflasche Desinfektionsmittel am Schaufenstertresen der Pizzeria, immerhin. 

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An der Hauptstraße, Rummelsburg

Ein blaues, ein rosanes und ein backsteinernes Haus zwischen Ausfallstraße und Bahndamm, Zäunen hegen Gärten mit kleinen Beeten ein, auf den Klingelschildern alles vietnamesische Namen. Hinter Gleisen die Eisenskelett-Ruine eines Gasometers. Oder Lokschuppens.

 

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Saganer Straße

Auf einer abgesperrten Brache ein halbherzig im Gestrüpp verstecktes Zeltlager, Männer, Musik. Haben alle Männer jetzt Freizeit? Stehen am Grill rum. Und wo, abgesehen von den joggenden Muttis an der Uferpromenade, die einen Buggy schieben und dabei am Telefon Termine besprechen, wo sind die Frauen? Arbeiten die alle? Zuhause, in Supermärkten, östlichen Dörfern?

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Seit die Luft so klar, der Himnel so blau und die Kirschbäume so irre blühen (im gegenwärtigen Dystopie-Jargon es ist schon die Rede von „Angstblüte“, weil die Bäume gestresst seien), seitdem es im Luftraum so still geworden ist, stören uns die Nachbarn. . Was auf der Einflugschneise nach Tegel an Lärm wegfällt, kompensieren die Mitbewohner im Stockwerk drüber mit Musikgedröhn, dünn sind die Wände und dumpf bis zur Beleidigung das Programm. Auch am Stadtrand ist der Frieden vorbei. An Rasenmähmaschinen und martialischen Kreissägen kämpfen die Männer der Nachbarschaft alle im Baumarkt wahrgewordenen Heim- und Gartenwerkerträume aus. In meinem paradiesischen Schrebergarten bin ich nach ein paar Stunden juchzendem Kindergeschrei hinter der Hecke kurz vorm Amoklauf. Gibt es jetzt etwa auch weniger Singvögel?

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Viele Amseln hat es seit 2011 erwischt. Das Usutu-Virus kam aus dem Süden hier an, Stechmücken übertragen es. Jetzt verbreitet sich unter Blaumeisen eine neue Killer-Infektion, ganz wichtig sei, die Vogeltränke täglich mit Essigwasser zu desinfizieren. Und Einweghandschuhe. Das mit dem Plastikmüll ist gerade nicht mehr so wichtig.

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Köpenicker Chaussee

 

 

 

 

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Immer noch Sonntag

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Risikogruppe, Stralauer Halbinsel.

Zum „Sonntag der Tränen“ ernennt Papst Franziskus den heutigen. Man soll jetzt Tagebuch schreiben, sonst könne man im Nachhinein nicht mehr glauben, was in so rasendem Tempo bei gleichzeitigem Stillstand des öffentlichen Lebens passiert. Friedhöfe haben wieder stundenweise geöffnet. Auf dem in Stralau hantieren zwei Männer in weißen Seuchenoveralls an Kisten hinter einem Schuppen. Leichen dürfen derzeit nicht gewaschen und angezogen werden, erzählt ein Bestatter im Radio. Die weißen Männer sind nur Stadtimker. Ramazzotti macht jetzt Handdesinfektionsmittel mit Orangenroma. Russland schließt Parks und die Außengrenzen. Südafrika verbietet Bottlestores, dabei weiß jeder, dass der Virus von Weißen eingeschleppt wurde. Der Bürgermeister einer nordfranzösischen Stadt lässt alle Bänke abmontieren, Lufthansa meldet Kurzarbeit für 31.000 Beschäftigte bis 31. August. Auguhust! Als Online-Junkie freue ich mich täglich über all die schönen kleinen, die verzagten, besinnlichen, banalen, traurigen, trotzigen, ratlosen, wütenden usw. Alltagsgeschichten vieler Bloggerinnen und Blogger. (Die links zu den von mir gelesenen Blogs, der blogroll „Andere besuchen“ hier am Rand, ist leider bislang nur automatisch erstellt.) Im Garten übernachtet, saukalt, unerlaubtes Feuer auf dem verrotteten Grill, mit Bettflasche himmlisch geschlafen, zum Glück blühen Pfirsich-, Kirsch-, Zwetschgen-, Apfelbäume noch nicht. „Der Emil“ aus Halle notiert täglich drei Sachen, die positiv waren: 13 Stunden Schlaf, steht da heute. Gewaschen, gebügelt, geflickt. Der österreichische Residenz-Verlag lässt seine Autoren jetzt auch Tagebuch bloggen. Nicht ganz so gut wie hier in Kleinbloggersdorf. Reisen durch mein Zimmer sind das neue Feuilletongenre (Deutschlandfunk). Zeitungen  laden Schriftsteller ein, den Blick aus dem Fenster zu beschreiben oder den Spaziergang um den Block zu literarisieren, Flaneur goes Gassi. Das geht umso schiefer, je bedeutsamer sich die Autoren empfinden, wird schon mal peinlich (Richard Ford in der faz-Reihe „Mein Fenster zur Welt“) oder gleich pathetischer Kitsch („Journal in Zeit der Pandemie“ in der Süddeutschen, uarrgh). Beliebt ist auch das Regal der ungelesenen Bücher als Bühne für narzisstische Angeber, ja klar, Bücher empfehlen, nehm ich mir auch dauernd vor. Lapidare Alltagsethnologie ist halt nix für Großmäuler. Man könnte auch gute Nachrichten sammeln: Portugal verleiht allen Migranten, Asylsuchenden und illegalen Einwanderen temporär Aufenthaltsgenehmigung und  Rechte auf Sozialleistungen , Obdachlose ziehen in Hotels in Mainz oder Frankfurt oder Paris, in Berlin bietet ein Hostelbesitzer an der Warschauer 400 leeren Betten an. Weil ihm der Easyjet-Mob abhanden gekommen ist, unterstellt man ihm Geschäftemacherei, so what? Während bei uns Adidas und Konsortien mit gutem Beispiel für alle kleinen Läden vorausgehen und ihre Mietzahlungen einstellen (der Steuerzahlerstaat wird’s richten), vernetzt ein nigerianisches Buchungsportal jetzt Hotels als mögliche Quarantäneorte, ein Startupunternehmen macht ein Register von Kliniken und deren Ausstattung – und listet 100 Beatmungsgeräte in ganz Nigeria auf, in Indien werden stillstehende Züge zu Quarantäne-Abteilen umgewandelt, der chinesische Internetriese Alibaba sponsert medizinisches Material für Afrika,  eine Firma, die zuvor iPhone zusammenschraubte, produziert jetzt Gesichtsmasken, afrikanische Straßenhändler in Spanien nähen welche, die deutsche Unterwäschenfirma Trigema und Chanel auch. Kreative Arbeitsbeschaffung oder nur gute PR? Kapitalismusbashing wirkt grad auch irgendwie schal. Klaus Wowereits Ehemann,Neurologe, 54, ist an C. gestorben.

Autoren im Residenzverlag

Carolin Emcke in der SZ

tex Rubinowitz im Standard

Richard Ford in der faz

Katarina Poladjan im Deutschlandfunk

Marlene Streeruwitz

Corona Tagebücher Literaturhaus Graz

Rotbuchblog

 

 

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Bügeln übermorgen

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Harper Lee: Wer die Nachtigall stört

Wir sind ja privilegiert. Heimarbeit, Kontaktminimalismus, splendid isolation, social distancing, ist hier schon lange. Einkaufen eh nur das Nötigste und das wird immer weniger. Obwohl. Was wär, wenn ich jetzt mal jeden Abend mehrere Flaschen Bier und Wein, Sherry, Rum oder, warum nicht, Whisky, Gin und Tonic brauche? Könnte ich dafür meine Nachbarn im Haus oder Freiwillige von nebenan.de einspannen, vermummt zum Späti schleichen oder besser einen anonymen Lieferdienst, der auch noch fair zu seinen Sklaven ist? Wie lange kommt der? Gabs da nicht grad die ersten Lieferandolo-Fake-Betrüger? Die Berliner Sozialsenatorin sucht nach Häusern, um Obdachlose zur Quarantäne unterzubringen, Nachschub für Suchtkranke zur „kontrollierten Drogenabgabe“ sollen dort erfahrene Sozialarbeiter besorgen. Meine Verlotterung schreitet rasend voran. Verwahrlosung, sehenden Auges wahrgenommen, lass ich mich gehen, mit ausgebreiteten Armen fallen, runter sacken. Da muss man ganz unten durch. Dieser Sonntag ist nicht der erste in dieser Woche, den ich ungewaschen im Schlafanzug verbringe. (Getting dressed for the livingroom.) Es gibt Linsencurry mit Brennnesseln, Basmati und Wildkräutersalat. Bei den Spaziergängen der letzten Tage habe ich so viel gesammelt, Scharbockskraut von der Wiese neben dem Friedhof auf der Stralauer Insel, auf dem D. liegt, dessen Witwe … die Stadtverwaltung schliesst 46 Friedhöfe, wegen Versammlungsverbot -, Wunderlauch aus dem Plänterwald, Brennnessel, Schnittlauch, Knoblauchsranke, Vogelmiere… dann alles im herrlichen neuen Mixer püriert und portionsweise  eingefroren, Pesto-Basis bis Herbst. Gestaubsaugt, Tiefkühlfächer geputzt. Die tauenden Klötze an Sauerkirschen vom letzten Frühjahr heb ich bis morgen auf mit einmachen. Bügeln vielleicht übermorgen, haushalten mit dem Haushalten. Zeitvertreib einteilen, Heimarbeit aufsparen. Haushalt, Haus halten, Hausarrest, unterhalten. Fängt es so an im Oberstübchen? Schon kursieren Wohnungsgrundrisse als Wanderkarten, Gänge zwischen Tisch und Fenster werden vermessen, Bett, Bad und Wasserkocher die Knotenpunkte eines Verkehrsnetzes. Romantipps zu berühmten Reisen im Zimmer (Xavier de Maistre, Reise durch mein Zimmer von 1794, Karl Markus Gauß, Abenteuerliche Reise durch mein Zimmer, 2019). Zwei Schritte zum Kühlschrank. Wohnungen als Forschungsinseln, Erinnerungsschubladen, Milchkännchengeschichten , Desert Island Discs, Durst-Express.

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Stalinallee am Samstag

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„Gabenzaun“: Nachbarschaftshilfe für Obdachlose oder wie man das alte Winterzeug los wird und dabei noch Karmapunkte sammelt

 

Am Samstag war die Stalinallee voll. Wenige Autos auf der in jede Fahrtrichtung vierspurigen Magistrale, dafür so viele Spaziergänger wie selten zuvor. Die für menschliches Maß völlig überdimensioniert breiten Bürgersteige erlauben das Flanieren, Joggen, Radfahren, Kinderwagenschieben im jetzt verordnetem Abstand. Auch für Tische, Stühle und Strandkörbe der Restaurants und Cafés ist genügend Platz, aber die waren bis auf wenige geschlossen. Auf jeder Bank reckte eine einzelne Person   ihr Gesicht in die gletscherklare Sonne. Kleinfamilien und Pärchen verliefen sich. Am Strausberger Platz blühten Osterglocken. Eine Amsel sang angeberisch. Im Grünstreifen wuchs wilder Schnittlauch. Ein Kind kickte einen Stein.

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Stalinallee (gebaut 1961/62), Karl-Marx-Allee, Frankfurter Allee

 

 

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Gassi gehen?

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Der Bankberater spricht. Alle hören zu. Außer mir. Friedrichshain, Tage vor der Ausgangssperre.

Die Straßen sind voll, die Supermärkte eh, viele Leute sitzen zu nah beeinander in den immer noch offenen Cafés. Auch ich hab Lust, ein Bier vor dem Späti von Cemal zu trinken, im Penny gegenüber sei das inzwischen ausverkauft, sagt der Alevit mit seinem immer so lieb verschmitzten Lächeln. Der anbrandende Frühling, die drängend wärmenden Sonnenstrahlen werden es schwer machen, zuhause zu bleiben. Wie wird das mit dem Spazieren gehen werden, dem Hund, so da, ausführen? Blumenerde scheint noch nicht ausverkauft. Wer jetzt keinen Balkon hat, wird lange leiden. Und vielleicht wieder mehr Blogs schreiben. Immerhin scheint die mit großer Sicherheit kommende Ausgangssperre das zusehends einschlafende Bloggersdorf wieder etwas zu reaktivieren. Viele beginnen nun ein Coronatagebuch, um sich einmal an das zu erinnern, was eine Woche zuvor noch undenkbar war. Viele schreiben, dass wir spannende Zeiten erleben. Teilnehmen können wir daran aber demnächst wohl nur noch medial. Hoffen wir, dass das sicher bald völlig überlastete Internet und Telefonsystem nicht zusammen bricht.

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Spazieren gehn geht noch

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man sollte ja jetzt wieder mehr über Bücher schreiben, oder zuerst welche horten, solange die Bibliotheken und Buchhandlungen noch offen sind. Seit einigen Abenden freue ich mich an Laurie Lee, dessen Buch ich allein wegen seinem schönen Titel bewahrt habe. „An einem hellen Morgen ging ich fort“, ein Reisetagebuch seiner Wanderung als 21 jähriger Mann durch Spanien in der Vorkriegszeit 1935/36, publiziert 1969, wiederveröffentlicht 2016 im Wiener Milena Verlag. Mit einem Nachwort des immer inspirierenden Robert Macfarlane. Der junge Engländer wandert, wie sein Landsmann Patrick Leigh Fermor kurz zuvor, ab 1933 durch ganz Europa, als Vagabund mit leichtem Gepäck durch ein sonnenverbranntes, sturzarmes Spanien der Arbeitslosen und Hoffnungslosen, verdient sich manchmal ein paar Groschen mit seiner Geige als Straßenmusikant, schläft auf Feldern und in Billigpenssionen, gesellt sich zu Landstreichern, am liebsten aber streunt er allein durch die herben Landschaften der Sierras, der Weizenfelder bis zum Horizont, steigt über Gebirge und sieht zum ersten Mal das Meer. Ein träumerisches Buch, voll melancholischer Leichtigkeit, aus einer Zeit, in der europäische Grenzen noch kaum ein Thema schienen. Bis auf Gibraltar, da bekam der Brite sicherheitshalber eine Pritsche in einer Gefängniszelle zugewiesen, mit Speck- und Spiegeleifrühstück. Tagsüber hatte er freien Auslauf in der merkwürdig nebelverhangenen Enklave.

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Hallo, wie gehts’n so?

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Metropolis

Vorhin sah ich Michael in einer Ausstellung auf einem Foto. Daneben hingen Fotos, die er  gemacht hat. Er ist einer der Obdachlosen, die von einem Projekt der Projekt:Kirche mit einer von 42 Einwegkameras ausgestattet worden war, damit er seinen eigenen Blick auf seine Welt zeigen möge. Zur Eröffnung  gibt es Bionade und Salzstangen. In eine durchsichtige Box soll man spenden für die Kältehilfe der Stadtmission am Containerbahnhof. (Die kriegen Staatsknete.) Die Scheine knüllen sich in der Kiste wie bei einer thailändischen Mönchsbeerdigung. Michael ist nicht da. Wusste keiner, wo man ihn erreichen kann? Ist er erreichbar? Wo ist er? Nicht viele der Straßenfotografen  waren da. Sibylle ist verstorben. Der „Engel mit einem gebrochenen Flügel“ war da, gebeugt, immer noch elegant im Mantel und  Jackett. Dann sprachen total sympathische Leute auf einem Podium, Eine las ihre Dankesansprache vom Telefon ab, ihre kleinen Kinder gaben derweil keine Ruhe, die andere hatte eine Klappmappe für ihre Notizen, die sie auf einem Manuskriptständer befestigte und war auch ziemlich aufgeregt, ein bisschen wie aufm Land, in der Scheune eines von jungen Architekten für den Eigenbedarf gentrifizierte Hinterhof-Ensembles aus rohem Backstein. Die coole Anwältin und Grünen-Politikerin mit Migrationshintergrund sagte kluges  Lokalpolitikerzeugs, die Moderatorin brabbelte unbeholfen von Würde zurückgeben (?) und „Arbeit am Menschen“, der noch rechtzeitig gerettete junge Obdachlose begann zu erzählen und wollte nicht aufhören, die rosige Obdachlosen-Fotografin zupfte an ihren zu engen Bekleidungsstücken und betonte, wie total toll es sei, wenn wir alle mal mit einem Obdachlosen reden würden. Hallo, wie gehts’n so? Scheiß kalt heute, nich?  Und wenn der Obdachlose davon genervt ist, dass jetzt lauter erleuchtete, vegane Hipster ihn in einen kumpelhaften Schwatz verstricken wollen? Wenn er keinen Bock auf „kreativen Flow“ und Smalltalk hat und hier hockt und bettelt, weil er keine Beziehung eingehen kann oder will? Sobald es ins Kulturelle kippt, wird das ganze Gutmenschensein unerträglich. Ein dermassen krass woker Sozialarbeiter, blonder Dünn-Dutt, Hoodie, Asientrip-Armbändchen, so was von spitznasig vegan translucent und Yoga macht er sicher auch, lächelte heilig und redete aufrichtiges Gutmenschen-Blech. Am Schluss sollten wir unsere Sitznachbarin nach ihrem  Namen fragen und über eine vorgegebene Frage kommunizieren … nee, das ging echt zu weit.  Zum Glück passen die Fotos des zuvor erlebten  Kitschwolkenspaziergangs mit S-Bahnfahren nicht zum Text.

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Ah Berlin! Ostbahnhof Richtung Warschauer Straße

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Schmetterlinge aus Asche

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Halt in Laingsburgh in der Karoo, die Lok hat schlapp gemacht, wir können zum Laden und kaltes Wasser, Kekse und Biltong nachkaufen, nach ein paar Stunden gehts weiter.

Die weißen Schmetterlinge sind zurück. Es heißt, sie fliegen nach Madagaskar. Dort sterben sie dann. Wie Blütenblätter lassen sie sich auf den Dornbüschen der Karoo nieder, sie sitzen auf den Drähten, mit denen die Farmer ihr dürres Land eingezäunt haben, sie wehen bis nach Johannesburg in die von Migranten ohne Arbeitserlaubnis bewässerten Gärten der Weißen, sie wirbeln wie Flocken seiner Asche durch das Flirren der Hitze, tänzeln schwerelos über der staubig roten Erde. Warum wurde er nicht in ihr begraben? Das silberne Rad einer Windmühle ragt aus einer grünen Busch-Oase in den transparenten Himmel. Eine Postkarte der Verlassenheit. Alles Land ist eingezäunt. 1913 machten die Weißen ein Gesetz, den Landact, der sie berechtigte, alles Land für sich zu reklamieren. Die entschädigungslose Enteignung der Einheimischen wurde legitim. Könnte man dieses Gesetz und den durch es legitimierten Diebstahl heute nicht einfach wieder zu Unrecht erklären?

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Zäune bis zum Horizont, alles Land ist in Privatbesitz, für die paar Schafe oder Rinder der Farmer, es könnten ja irgendwann Diamanten oder Gold gefunden werden.,

Elfenbeinweiße Röschen  neben dem Schotter der Bahntrasse. Shrub. Gestrüpp, niedrige Büschen, wie hingeworfen über der harten Erde, Monate, Jahre können sie der Trockenheit trotzen, doch einmal dann blühten sie plötzlich, nach einem Regenguss, in dem wir in einem plötzlichen Fluss stecken blieben, da färbten sie die Karoo rosa, blasslila und sternleuchtend gelb mit ihrem Meer an winzigen Büten. Wieso Meer? Potfontain, Hopetown, De Aar, Wildebeest. Sind die bis zum Horizont und darüber hinaus reichenden Zäune gegen wilde Tiere? Sollen sie die Handvoll Schafe oder Rinder vor dem Ausbrechen ins Nichts hindern? Ausgebleichte Knochen liegen manchmal am Rand. Wieviele Landarbeiter braucht es, um diese endlosen Maschendrahtzäune, oft elektrisch geladen mit einer Solarzelle, so ordentlich Instand zu halten? Wohnen die dann in den knastartigen Hütten, wo es außer der erbarmungslosen Sonne nichts gibt? Haben sie Strom? Reicht ihr Sklavengehalt, um den zu kaufen? Haben sie einen Kühlschrank? Im Durchgang zu den Waggons der Sitters, der Sitz- Klasse, in der man keine Liege zum schlafen hat wie wir in der ausschließlich von uns Weißen gebuchten Touristen-Klasse, stehen fünf Farbige, dünne junge Kerls, die mich auf Afrikaans und halbstark grinsend um ein Bier anhauen. Alkohol war in den Townships geduldet, das macht die Birne matschig, Betrunkene begehren nicht auf. Dazu gab es Shebeens, informelle und illegale Kneipen in den Shacks, in denen zunächst selbstgebrautes Maisbier ausgeschenkt wurde, später das des staatlichen Brauerteimonopols, und Schnaps.

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Three Sisters. Wie haben die hier in dieser Mondlandschaft überlebt? Je näher wir unserem Ziel, Kapstadt, kommen, desto unwirtlicher wird  das Land, die Karoo ist Steppe, Halbwüste, flaches Land, steinige Berge erheben sich daraus, schwarzer Granit, schillernder Basalt, scharfkantiges Geröll, unbewohnbare Mondlandschaften. Diese zarten Schmetterlinge zwischen plötzlich grünen Bäumen an ausgetrockneten Flussbetten, gelbe Steinhaufen, silbergrau die kaum den Boden bedeckenden Dornenbüsche. Ein angetrunkener Bure, so ausgemergelt wie das Land, das ihn nicht reich gemacht hat, zetert im Zugrestaurant herum, weil der Zug Verspätung hat -, sechs Stunden nun?- und er nicht mit Karte bezahlen kann. Schrunden, wo nach Bodenschätzen gegraben wurde, aufgegebene Hoffnungen vernarben hier nicht in ein paar Menschengenerationen, Löcher, aufgerissene Haut der Erde, Ruinen verlassener Ansiedlungsversuche bleichen wie die Knochen verendeter Tiere in der Sonne. Und dann am Ende des Kontinents der Atlantik, unbarmherzig das Licht, brutal der Wind, ein Teppich aus glitzernden Muschelschalen, Sonne, die alles verbrennt.

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Melkbosstrand, nördlich von Kapstadt, im Hintergrund der Tafelberg mit Tischtuchwolke.

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Ausgeträumt

 

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Exit

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Keine Worte gerade. Das ist die Karoo. Exit steht auf der Tür des Zuges, der uns in zwei Tagen und Nächten von Johannesburg nach Kapstadt fährt.

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„An den Tod gewöhnen wir uns nie“. Chantal (rechts) hat ihren kleinen Sohn verloren. Sie möchte einen Flachmann Gordons, ihre Freundin Latiche nimmt ein Lager Light. So langsam der Shosholoza Zug durch die heiße Landschaft zuckelt, so schnell sind wir beim Existentiellen. Und keine zwei Minuten nach den Getränken gesellen sich zwei weitere durstige Frauen dazu. Die eine ältere Matrone hat kupferrot gefärbte Haare und schüttet sich erst Mal das übrige gebliebene Tütchen Zucker in die Hand.

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Der Wind blies weißen Sand von den Abraumhalden der Goldminen auf die Township. So nannten die Bewohner ihren Ort White City.

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An der Bucht

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Die Roma sind weg. Nur eine ältere Frau in vielen Röcken und Jacken eingepackt hockt an einem Feuerchen. Ihr Mann mit Ohrenklappenmütze schiebt einen beladenen Einkaufskarren durch den Dreck, vielleicht sind noch ein paar Verwandte unterwegs bei der Bettelarbeit. Die notdürftigen Behausungen sind verlassen, durch die Türverschläge aus Brettern, Latten und Planen sind Matratzen und gammelige Decken zu sehen. Vor manchen Eingängen liegen Teppichreste, die während der Besiedlung von den Frauen wie Vorgärten sauber gefegt wurden. Auch die Hoodies aus Trebegängern und jungen Obdachlosen im Lager daneben hocken auf Kisten und Planken um zwei, drei kokelnde Feuerstellen herum, sie trinken Sternburg, einer füllt Rotwein, recht guten gar, so weit ich es erkenne, in eine Plastikflasche um. Viele gepflegte Hunde streunen herum, auf einem Podest steht ein Eimer voll Schrippen, mit Käse oder Salami belegt, einzeln in Folie gewickelt. Die hat J. von der Wärmestube vom Kneipenkollektiv in der Rigaer soeben vorbeigebracht, er arbeitet bei Karuna, einer Hilfsorganisation für Straßenkinder. Bis letztes Frühjahr betreuten sie die Leute hier an der Rummelsburger Bucht mit einem Zelt, Klocontainern, Rat und Angeboten zur Sozialhilfe. Jetzt gibt es weder Wasser – die Bucht ist mit Schwermetall verseucht –  geschweige denn Rudimente von sanitären Anlagen, Müllentsorgung oder gar Strom. Wie lädt man sein Handy hier auf, wo scheißt man hin, wie putzt man Zähne oder wäscht sich auch nur die Hände?

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Anfang kommendes Jahr will der Bezirk Lichtenberg eine ehemalige Flüchtlingsunterkunft in Karlshorst hergerichtet haben und den Leuten des Camps hier zur Verfügung stellen. Niedrigschwellig, ohne Personalienerfassung, bis April zumindest. Ein Schlaks mit halbrasiertem Kopf winkt mich heran, ein Ledertyp bietet mir von den Brötchen an. Fast gemütlich ists ums Feuer. Ob wer aus der Gruppe in die temporäre Unterkunft umziehen werde? Das wisse hier keiner vom anderen. Sie lachen und kümmern sich nicht weiter um mich, eine blonde Frau mit Dreads und Nietenjacke spricht Englisch, es ist ein bißchen wie beim Ferienlager der Versprengten, die nach der letzten Band die Abreise vom Festival verpasst haben.

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Zelte und wild zusammengehauene Hütten lehnen aneinander, verbunden durch schräg verzurrte Vordächer aus Planen und Werbebannern, darunter zertretene Wiese, nackter Boden, aufgetaute Matschpfützen, Schmuddeldecken, Schlafsäcke, Ersatzzäune, ein Dorf, ein beinahe heimeliger Kreis um die Feuerstelle. Dazwischen aufquellende Säcke mit Altklamotten, Fahrräder, aus lindgrünen Plastiksäcken quellen alte Laugenstangen und Brezeln. Ein Ensemble aus Einkaufswagen ist kunstvoll zu einer filigranen Barrikade aufgetürmt. Beißender Rauch zieht in niedrigen Schwaden über der Müllszenerie. Ein Radfahrer mit einem Anhänger bringt noch mehr Tüten voll Brot vorbei.

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Über der Bucht zieht eine Möwenschar eine letzte Runde vor dem pathetischen Sonnenuntergang. Auf Hausbootclustern gehen die ersten Lampen an. Qualm schwelt über dem Gelände, mit der blauen Stunde kommt die Kälte.

 

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Wachdienst

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Sind die alle beim Friseur? Die Stadt ist wie ausgestorben, die Straßen leer. Selbst die zwei leichtbekleideten Damen vom Massagesalon sind in der Skybar nebenan. Milimeterscharf getrimmter Gesichtsbewuchs, epilierte Nasenhaare und ein kantig rasierter Schädel scheint bei den Kerlen hier im Kiez zur rite de passage zu gehören. Sauber schnittig möchte der Jungmann über diese vage Zwischenzeit kommen. Oder gehen die einfach zum Barbier, weils dort so jungsgesellig ist? Der Einzelgänger hingegen schiebt zur Dämmerung seinen großem Rollkoffer in den Münzswaschsalon. Im nüchtern ausgeleuchteten Schutzraum aus anonymen Kachelwänden schleudern Trommelmonster den Muff aus Klamotten und die Milben aus der Bettwäsche. Die Hüllen der Körper werden gereinigt, der alte Dreck muss weg, porentief clean solls nun ins Neue gehen. Zu blöd, dass all die krachenden Blitz- und Donnerschläge zur Vertreibung der alten Geister bald verpönt sind. Grauhaarige Frauen mit Knollennasen versorgen sich im Café Tasso mit letzten Vorräten an gebrauchten Büchern. Mir sagt keines zu, noch das Backbuch und der Thriller, den sich andere ausgesucht haben, wirken interessanter als die nett kategorisierten Reste („von Piraten und Abenteurern“) in den Regalen. Der Kaffee ist dünne Plörre und lauwarm. Vor dem Biomarkt kauert Michael, unter der Kapuze des Parkas schaut fast nur sein Nikolausbart hervor, die Mütze tief ins zerfurchte Gesicht gezogen, sein Rucksack mit Isomatte lehnt am Fahrradständer, der Wassernapf für Hunde spiegelblank. Auf dem eiskalten Boden liegt ein kleines Ringbuch und ein Bic-Kugelschreiber. Mit Großbuchstaben notiert er darin Stichworte für sein Drehbuch. Ein Berliner Road-movie, sagt er, der auf der Straße lebt und schnurrt ein raues Lachen dazu. Im Park sei es jetzt zu kalt zum übernachten, aber er kennt offene Haustüren. Er ist Profi-Penner, Gejammer kann er nicht leiden. „Das hab ich mir so ausgesucht“. Freiheit, schon, ja, seit vielen Jahren. Und nein, er bereut es nicht. Irgendwann hatte er mal eine Wohnung hier um die Ecke, vierter Stock, morgens runter, nachts wieder rauf, da war er auch den ganzen Tag draußen. Noch früher gab es eine Frau, wegen der er überhaupt aus Süddeutschland. nach Berlin gekommen war. Zu Weihnachten war er bei Bekannten, die haben sich dann gestritten. Knödel, Blaukraut und Gänsekeule, die kann er jetzt eine Weile nicht mehr sehen. Jemand hat ihm einen warmen Militärschlafsack besorgt, der hat Ärmel, für „Nächte im Wachdienst“. Seine Fingernägel sind lang, rillig, gelb und wie deformierte Krallen nach oben gebogen. Die alten Stiefel stinken. Wir hocken mit Filterkaffee aus Porzellantassen auf dem Bürgersteig. Niemand hat ihm seine Füße gewaschen. Gibt auch keinen Neuanfang. Vor Penny liegt Michael, alle heißen heute Michael, er kommt aus Sachsen und ist halb so alt wie der zauselbärtige Drehbuchdichter, auch er geht nicht in eine Notunterkunft, aus einem betreuten Wohnen flog er raus wegen Alkohol, er wird nicht damit aufhören, sagt er fast stolz, auch er ist schon nicht mehr gut zu Fuß. Sein Hab und Gut türmt sich in einem Einkaufswagen. Er wünschte sich ein Radio, jetzt sind die Batterien leer.

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Schnäppchenprinz

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Reset. Bei Dubai Gold herrscht Hochbetrieb. Auf dem vom Gerüst verengten Bürgersteig stauen sich Kinderwagen. Stiefel mit Kunstpelzfutter kosten 24 Euro, lachsfarbenene Killer-Pumps mit Paillettenbesatz im Ausverkauf 10. Vor Euro Gida stapeln sich Granatäpfel, Mandarinen und Ananas, zwei für 2 Euro, das Kilo 79 Cent. Auf den schmutziggelben Bodenfliesen im S-Bahnhof kauert eine klapprige Romafrau, den zerquetschten Pappbecher als Hindernis in den Weg der Passanten geschoben. Um die Ecke von ihr trinken fröhliche Männer mit Rollstühlen und Reisetaschen Bier. Bei Döner 44 stehen die Leute Schlange. Paare umarmen sich. Wie süß der Milchschaum auf dem großen Glas Kaffee schmeckt. Fast hätte ich ein Foto meines späten Frühstücks aus Sesamkringel und dem Schälchen mit gemischten Oliven gemacht. Ein riesiger Spiegel mit Goldrahmen reflektiert den hochhängenden Flachbildschirm, im Musikvideo erzählen blonde Glitzerbräute ein Märchen ohne Ton, das niemanden interessiert. Gemurmel erfüllt das Simit Elif mit Nestwärme, keine trägt Kopftuch, kaum einer schaut auf ein Telefon. Ein Graugelockter am Laptop verbrüht sich am Minztee. Auf der Straßenseite gegenüber wirbt der mit Billigklamotten vollgestopfte Laden wie eh für den totalen Indirim. Was für ein Glück, wieder am Leben teilnehmen zu können. Feiner Regen poliert den Abendasphalt, bunte Lichter tänzeln durch Auspuffwölkchen wie die Sufi-Derwische auf der Istiklal. Beirut 124 Euro, Varna 49, Gaziantep 79. Morgen, vielleicht, hol ich mir den Schnäppchenprinz und geh mit ihm ins Cafe Carisma.

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Suspended animation

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Es riecht nach geröstetem Kaffee am Ufer des Britzer Verbindungskanals. Hier wurde im Februar 1989 der zwanzigjährige Chris Gueffroy beim Versuch der Republikflucht erschossen. 

Auf dem Balkon der Nachbarn flappt ein weißer Sonnenschirm wie ein greiser Albatros mit den Flügeln. Die Albatrosse sind aus der Südsee, sie folgen einem Dampfschiff auf dem Weg nach Samoa. Dort sucht der Tagebuchschreiber Genesung, doch eine Lungenentzündung bringt ihn fast um. Die Samoanerinnen gefallen ihm nicht, das Essen ist eintönig, überall Fliegenschwärme, das Paradies ein Fiasko. Ich füttere die Spatzen und gieße Tee auf. Die Elster holt sich ihre Walnuss. Im Radio läuft Beethoven, das geht jetzt ein ganzes Jahr lang. Verarmt reist der Schriftsteller zurück nach Europa. In Sidney muss er Kaution für die Einreise seines chinesischen Dieners hinterlegen. Stevensons Grab hat er nicht besucht. Aber das Meer leuchtete wie geschmolzener Saphir.

(Marcel Schwob: Manapouri, Reise nach Samoa 1901/1902. Elfenbein Verlag)

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Besser werden

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Hat leider nicht funktioniert. Ich dachte, ich wäre durch die Lektüre von Katja Oskamps herzerwärmenden „Geschichten einer Fußpflegerin“ in „Marzahn mon amour“ ein besserer Mensch geworden. Deshalb nahm ich die M6 nach Marzahn und hoffte, wie sie dort solch liebenswürdig schrulligen Leuten zu begegnen. Aber ich liebe die Menschen einfach nicht genug, jedenfalls nicht die zwei munter in einer osteuropäischen Sprache quasselnden jungen Mütter mit ihren angeklebten Fingernägeln und ihren rosafarbig gerüschten Blagen, deren Geplärre sie mit Tüten voll Junkfood stopfen, nicht die topmodisch ausstaffierte Kurzhaarige, die ihre Querelen mit dem Jobcenter für alle Mitfahrer unüberhörbar am Telefon verhandelt, nicht die übergewichtigen Mädchen mit ihren engen falschen Markenjogginghosen, nicht die nach abgestandenem Rauch riechenden Männer, und den Mief von alten Schuhen und Käsefüßen, von Müdigkeit, Armut und ungewaschener Hoffnungslosigkeit, der einzelne verdreckte Handschuh, das fallengelassene Kekspapier, den Kaffeebecher in einer braunen Pfütze auf dem Waggonboden, das alles mag ich auch nicht. Besser die Welt durch Bücher gernhaben: „Nebel hängt wie Rauch ins Haus / drängt die Welt nach Innen / Ohne Not geht niemand aus / Alles fällt in Sinnen. …“ (Novembertag, Christian Morgenstern)

Die Lobhudelei zu Katja Oskamps wunderbaren Buch „Marzahn mon amour“ ist auf    Spätlese 

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Wir sind Du

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Meine Lieblings-Wärmstube mit Kaffee und allen erdenklichen Zeitungen, die AGB, hat zu. Vor der Heilig-Kreuz Kirche nebenan stehen Leute, drinnen findet die Nationale Armutskonferenz statt. Unangemeldet – ich wollt nur aufs Klo – bin auch ich willkommen, bekomme Kugelschreiber, Block und Infomappe, es gibt Orangensaft und belegte Brötchen. Die Vertreter der Hilfsorganisationen sehen nicht aus wie Funktionäre, ihre Ansprachen sind kurz, schnörkellos freundlich, „Wir sind Du“, unter den Teilnehmern schöne Rauschebärte mit langen silbernen Haaren in Schlabberpullovern, Krücken, ein Rollstuhlfahrer, aufrechte Kämpferinnen, vom Leben gezeichnete Gesichter. „Der Würde eine Stimme geben“ heißt ein Programmpunkt. „Die Bedrohung geht von den Mächtigen aus, nicht den Machtlosen“, sagt „Ich bin der“-Erich. Und „existentielle Unterversorgung bedeutet radikaler Ausschluss von Teilhabe“. Für die Workshops gehen wir um die Ecke ins Gebäude der Arbeiterwohlfahrt. Konferenzräume mit Resopaltischen und hellen Holzstühlen, Kaffee und gute Tees. Professor Antonio, schwarzer Dutt, berichtet von einer an seinem Institut durchgeführten Studie zur subjektiven Dimension von Armut. Wir gruppieren uns zu vier Themen, Schuldenfalle, Alleinerziehend, ich nehm das mit psychischen Krankheiten. Dann dürfen wir Punkte sammeln, Antonio malt Stichworte mit grünem Marker auf ein plakatgroßes Blatt und verbindet sie schwungvoll mit Pfeilen. „Was wollen Sie uns eigentlich sagen“, platzt es aus einem aufgewühlten Mann in kurzärmeligem Shirt und zwei Handvoll Stiften in der Brusttasche. Er ist Mathematiker und will nur kurz sein grafisches Modell einer Steuerprogression vorstellen. Damit könnte der Unterschied zwischen Arm und Reich quasi abgeschafft werden! Er ist ungehalten, seit zwanzig Jahren hört ihm keiner zu. Hier auch nicht. Ein zarter, ganz filigran aussehender Zausel flüstert in seinen Wichtelbart etwas vom System, von böswilligen Öffnungszeiten der Sozialämter, so leise dass ihn kaum einer versehen kann. Das System, brüstet sich ein dritter Profibetroffener nun verächtlich schnaubend, das habe er seit zwanzig Jahren erfolgreich unterwandert. Eine vornehme Wienerin erzählt, dass Depression stigmatisiert und einen weiter ausgrenzt, es droht beim Jobcenter das „ausgesteuert werden in Erwerbsminderung“, weshalb Verheimlichen von (armutsbedingtem) Psychostress besser sei. Zurück in der Kirche gibt es Kaffee und buttrigen Blechkuchen, danach stellen sich ein paar Projekte und Initiativen auf der „Plattform für Vernetzung“ vor. Ein Vereinsvorsitzender bietet Modelleisenbahnbauen als Therapie zur sozialen Reintegration an, ein junger Typ mit einem dicken Stapel Papieren empfiehlt drei Bücher: „Wohnen ist ein Menschenrecht, lest mal den Hans Jochen Vogel.“  Im September 2020 soll ein Euromarsch von Berlin über Brüssel nach Paris stattfinden, „wir leben aus dem Rucksack, einfach eben, aber wir spüren uns!“ heißt es im Flugblatt des Organisationskomites. Zum Schluss bekommt auch Martin noch das Podium. Seine auf einem Stick gespeicherte Computergrafik des progressiven Steuermodells erscheint auf die Leinwand hinter ihm, er artikuliert seine seit langem einstudierten Sätze perfekt, mit beiden Händen ausholend wie ein Dirigent unterstreicht er seine Worte, ein Marx-Zitat, er kommt in Fahrt, doch da unterbricht ihn schon die geblümte Moderatorin von der Kölner Caritas. Sozialpädagogisch charmant lädt sie ihn und alle jetzt zum privaten Austausch bei einem Glas Sekt ein. Es gilt 25 JKahre BBI, Bundes Betroffenen Iniative, zu feiern. Ein Tischgenosse verrät mir, wie man an die Sparpreise bei der Bahn kommt, sein Kumpel fuhr mit dem Schwerbehinderten-Nahverkehrsticket gratis, 18 Stunden in Regionalzügen, eine sportive Rentnerin aus Freiburg stößt mit mir an, derweil ihr Begleiter in blasslilanem Sommeranzug ihr unverdrossen weiter die letzten 280 Fotos im Display seines Fotoapparats zeigt. Als ich hinaustrete ist es Nacht geworden, Blätter schwimmen im schwarzen Landwehr-Kanal, die Straße glänzt.

Immer noch hängt in der Heilig-Kreuz-Kirche die Ausstellung mit Portraits von Obdachlosen. Auf FB postet die Fotografin Debora Rupert heute, dass Omar, der ein Pappschild mit „Weldfrieden“ vor sich hält, vor kurzem, in einer der ersten Frostnächte am Arnimplatz, mitten im reichen Prenzlauer Berg,  gestorben ist. 

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Im Spatzenbad

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An der Spree eskortiert mich eine Schwanenfamilie. Wenn ich zu lange stehen bleibe, warten sie, kehren sogar um und drehen bei, bis ich weitergehe am Ufer neben ihnen, sie schwimmen genauso schnell  wie ich langsam bin. Vater, Mutter, Sohn (?) noch in graubraun, daher käme der Spruch vom hässlichen Entlein, sagt eine Mutter, die hinzugetreten ist. Ihr Kind im roten Anorak ist das Signal für ein Dutzend Enten, die im Tiefflug angedüst kommen und Gischt pflügend abbremsen. Nein, wir füttern nicht. Auf der Brücke zur Insel der Jugend posiert eine Blondine in hochhackigen Stiefeln für zwei knipsende Begleiter. Der Wald irrlichtert in gelbem Leuchten, Kindergebrüll hallt durch die Tunnel aus Moos. Ein übergewichtiger Junge stapft mit Nervmusik aus umgehängter Bluetoothbox des Pfades, seine Freundin schaut stolz zu ihm auf. Die Baumschaukel am Abenteuerspielplatz ist weg. Am Ufer stehen Bänke, das Wasser glasklar, man kann jedes Blatt am Grund erkennen. Über den Himmel ziehen hellgraue Wolken, kreisen da Bussarde?, kann man sich mal hinlegen?, der Beton ist kalt. Es wird dunkel. Im Supermarkt gibt es Chalwa mit Vanillegeschmack aus Polen. Das Ketten-Kino im Sonycenter am Potsdamer Platz kann die Miete nicht mehr bezahlen und schliesst.

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Sieben Mal wirst Du die Asche sein

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…aber einmal auch der helle Schein“. Muss mir dieser blöde Schlager jetzt durchs Hirn ballern, nur weil sein Dichter, Helmut Richter, er war Traktorist, Landarbeiter, Maschinenschlosser, Physiker, später Direktor des Johannes-R.-Becher-Instituts, gestorben ist und wir in unserer freundlichen Stimmung das Lied von Karat nachgehört haben? Ausstellungseröffnung einer sehr lange schon ehemaligen Freundin, Wendefotos in tristem Schwarz-weiß, über 25 Jahre ist es her, dass wir nachts auf der Warschauer Brücke den Gleisen nachsahen, in Istanbul ein Fest machten oder in einem hellblau gekachelten Imbiss im Bahnhof Friedrichstraße saßen. Ihr Mann fragt mich in wenigen Sätzen alles ab, Arbeit, verheiratet, rauchst du noch. Seine Augen schön wie früher, sein Geruch alt. Sie aber lässt mich stehen, sobald der nächste Bekannte reinkommt. Steh ich da. Wie ein blöder Clown. „Von der Welt durch Gelächter getrennt“. Aber es lacht keiner und die Welt ist auch nicht da. Besser ich geh auch. Unter der U-Bahnbrücke am Kotti werfen Männer in leuchtenden Warnwesten Müll in einen Container, sie hantieren ungeschickt mit einer Schubkarre herum, von ihrem roten Einsatzwagen wird irgendwas verteilt. Die Nacht glänzt, ich setze mich bei Crunchy Pizza auf die Gasse und trinke ein Bier. Danke Oma, sagt der junge Mann, als er mir das Wechselgeld gibt. Geh ich jetzt öfter hin, vielleicht. Viel leicht.

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Nicht wartezimmerfähig

 

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Sofas sind schon da

Ich war in einer großen Stadt. Der Vollmond schien, gelbe Züge und Bahnen fuhren die ganze Nacht. An den Umsteigebahnhöfen wird musiziert und es gibt Drogen. Ein schlaksiger Kerl um die Zwanzig singt „Forever Young“. Bedröhnte Alte tanzen beseelt um ihn herum, er sorgt sich ein wenig um seinen Gitarrenkoffer und die filigrane Anlage, auf der er mit dem Fuß die Rhythmusapp bedient. In einer Kirche ein paar Stationen entfernt wird eine Ausstellung mit Obdachlosenportraits eröffnet. Auf einem Podium erzählt die Fotografin Anekdoten, der ehemals Obdachlose berlinert, der Lokalpolitiker menschelt, der Sozialpraktiker differenziert. In Berlin gibt es keine Obdachlosenstatistik, die sind ja auch so schwierig zu zählen, haha, fragen Sie doch uns, sagt der Leiter des Trinkerwohnheims in der Nostizstzraße. Bei 50 Prozent der Leute sei der Krankenversicherungsschutz relativ leicht reaktivierbar, das Problem, neuer Begriff: „nicht wartezimmerfähig“. Was er auf der Straße am meisten vermisst habe, wird der  „Gerettete“ gefragt: „Nüscht!“ Jetzt arrangiere er sich langsam mit einer Wohnung, zwanzig Jahre, legt er nach, habe er super in der Charité gewohnt, den kurzen Dietrich immer dabei, mehr verrate er nicht,“Ehrenkodex der Straße“. Ein Rentner in weißem Freizeitanzug findet, man müsste auch mal was gegen die Roma-Gangster tun. Stellt sich danach jovial zu den bärtigen Rotweingesellen an den Tisch, tolerant sind die. Ein Trio spielt Space-Musik, leg ich mich echt auf den Holzfußboden vor der Orgel lang hin. Bin ich die Einzige, die sich verhält wie ein Penner?

Ausstellung: Kein Raum, Fotografien von Deborah Ruppert, Heilig-Kreuz-Kirche, Zossenerstr. 6 

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Woanders ist es auch ganz schön…

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Wir erinnern uns. Auch dieser Satz wurde anderswo schon gut benutzt. Heute herbstelt es heftigst (hehehe) in Kleinbloggersdorf, vieles passt zusammen. http://finbarsgift.wordpress.de/2019/09/26/herbstbeginn/ Deswegen hier ein paar schöne Zitate mit links – jaa, ich wollt auch endlich mal eine Blogroll einrichten. Kommt Winter.

„Im Zug dahinfahrend, die Stimme des ehemaligen Kommilitonen im Ohr, werde ich einmal mehr erinnert an das wunderbare Logion 42 aus dem apokryphen Thomasevangelium, das mich seit den Tagen meiner Tübinger Studien begleitet, das ich oft zitiert und in den heiligen Wind gesprochen: »Ait Iesus quia: Estote praeterientes / Jesus sprach: Werdet Vorübergehende«; werde ich gleichermaßen erinnert an das nicht weniger oft zitierte Epitaph des William Butler Yeats: »Cast a cold eye / On life, on death / Horseman pass by«. Auf dem First eines Dorfrathauses sitzt eine einzige Dohle.“

So schreibt der Landpfarrer aus meiner Heimatgegend: https://tagebucheineslandpfarrers.wordpress.com

Auch die gute Wildgans von „Lese und Lebensdinge“verweist auf ihn, wobei sie über „das Wenigerwerden aller Dinge“ sinniert. „Zum Beispiel das Befreiende beim Mülleimerdeckelschließen. Sachen versenken, es wird eh alles verbrannt.“ https://wildgans.wordpress.com

Oder gleich ein GedichtFionka von „Schreiben und lesen lassen“ zitiert eins von Theodor Storm, so leicht und lapidar kanns auch gehen:

Kaum zittert durch die Mittagsruh
Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten;
Dem Alten fällt die Wimper zu,
Er träumt von seinen Honigernten.
– Kein Klang der aufgeregten Zeit
Drang noch in diese Einsamkeit.

Theodor Storm: Gedichte
https://fjonka.wordpress.com

Topp, da geht noch was: Hermann Hesse etwa, dessen Gedichte „Die Welle“, das Maren Wulf von „Orte und Menschen“ zu Wellenbildern montiert. https://orteundmenschen.wordpress.com

Und wie ein Lied am heißen Straßenrand
Fremdtönig klingt mit wunderlichem Reim
Und dir das Herz entführt weit über Land –

So weht mein Leben flüchtig durch die Zeit,
Ist bald vertönt und mündet doch geheim
Ins Reich der Sehnsucht und der Ewigkeit

Bevor es jetzt zu klebrig morbid wird, noch was quasi seriöses. Der Sinn des Lebens besteht darin, ein Niemand zu sein:

https://qz.com/987109/the-purpose-of-life-is-to-be-a-nobody/?utm_source=facebook&utm_medium=qz-archive&fbclid=IwAR3wnwkMfrh9_PDmuiOsXUftIFPC1is3JUzsaPnXCuDBQFZsDKxl4ko77aU

Verschwindsucht allerorten, auf jetzt.

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Draußen war Sommer

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Kann man Ausgrenzung schöner ausdrücken als in diesem vollkommenen Dreiwortsatz? Er ist vom Schriftsteller  Albrecht Selge, der unter anderem den „Blog Hundert11-Klassikmusikblog hundert11.net betreibt. „Der Landschaft ist ja alles recht“ – noch so ein toller Satz  aus seinem wunderbaren schmalen Roman „Fliegen“. Er handelt vom leisen Verschwinden einer kleinen Frau, die kein mehr Obdach hat, aber eine Bahncard100. (Mehr dazu nebenan auf https://vogelsspaetlese.wordpress.com/. Ich muss dringend wieder mal Zug fahren. Und Bücher lesen voller Sätze zum abschreiben.

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Schöne Bilder

Stadtauswärts. Landsberger Allee, Lichtenberg Richtung Marzahn

Am Freitag war Lange Nacht der Bilder in Lichtenberg. Den Veranstaltungstipp gabs vom Fotoblogger Stadtauge. Dessen unterkühlte Stadtansichten haben mich schon öfters bei Spaziergängen in besonders öden Stadtgegenden inspiriert und manchmal hab ich den Verdacht, dass ich versuche, seine Ästentik zu imitieren. Aber es gibt mehr von uns und Geschichte eh. Das ist schon Stil, das Mülleimerstillleben ein eigenes Genre, Kunst seit der Schönheit von Heizkörperverkleidungen (Kapielski) und dem Ungeschick der Dinge (Rutschky?), wobei man die beiden eigentlich nicht zusammen in einem Satz nennen sollte. Jedenfalls sind – vielleicht aus Rache am Glatten – in den Massenmedien FB und Instagram die Fotos besonders trostloser Ecken, pittoresk verlassener Buden an von allen guten Geistern verlassenen Ausfallstraßen (Christian Y. Schmidt, Autor des Romans „Der letzte Huelsenbeck“ über einen Hobbyornithologen) von städtischen Nischen und zugigen Plätzen gerade in – oder fallen mir sie vermehrt auf. „Das Schöne, Schäbige und Schwankende“ von Brigitte Kronauer handelt auch irgendwie von einem Ornithologen, aber das führt jetzt echt zu weit ab. Seine Serie „Schöne Orte“ will der Autor Björn Kuhligk gerade per Crowdfunding als Fotobuch im „modernen, urbanen Querformat“ bei mikrotext publizieren, ab 40 Euro mit Kunstdruckposter. Genau, ich wollte ja berichten über meinen Ausflug zur Kunst. Freitag Abend also auf nach Marzahn. Eine Dame in Gelbweste führt eine Besuchergruppe durch eine labyrinthische Flucht von Ateliers. Im Tross ist es nicht so schrecklich, die Künstler und ihre zuvor noch nicht allzu öffentlich präsentierten Werke in ihren Räumen zu besichtigen, mal mit Schlaflager, Wasserkocher, ein alter Sessel, Farbpigmente in Instantkaffeegläsern, vor allem kann man sich in der Gruppe wieder verdrücken, ohne was blödes oder verlogenes über die Kunst gesagt zu haben. Nur an die Weintrauben traut sich keiner, von den Künstlern so erwartungfroh in kleinen Schälchen aufgetischt. Die Führerin erledigt die Kunst-Konversation, mit Seitenblick auf ihr Klemmbrett spricht sie gewandt von Raumerfindungen, von Luft und Wasser, Dynamik ja?, die kubanische Malerin lächelt zustimmend, im Studio nebenan tänzelt eine sehnige Frau in schwarzem Kleid und Papiermaske eine Säbelchoreografie, bei einem expressiven Maler aus Madrid gibt es Salzstangen in einem Glas, complicity, seduction, joy, fear und melancholy, perversion, brutality steht auf einem Flyer zu seinem Werk, zur Selbstvergewisserung greift er sich eine Handvoll metallener Spachtel vom farbfleckigen Tisch, seine Pinsel sind sauber auf dem Fenstersims verräumt, eine Chinesin hat ein Tellerchen mit Kartoffenchips inmitten ihres verträumten nachtblauen Universums aus Öl und Tintenzeichen angerichtet, niemand kommt, im Studio eines israelischen Malers mit Caravaggioaugen, keine Trauben hier, verstärkt leise Ambientmusik vom Laptop den Sogeffekt in die Tiefen seiner riesigen Farbfeldmonochromien, ein strubbeliges Paar zeigt gespiegelte Videos von strudelnden Wasserfluten und hält sich aneinander fest, bei einem Bildhauer mit lustigen Werktiteln steht eine mobile Doppelkochplatte, Weingläser, ein Topf Zwiebeln, seine Frau werkelt auch in Objekten, er bietet an, gute Preise zu machen. In der Toilette auf dem langen Flur bittet ein Schild, Farbe nicht ins Waschbecken zu schütten und kein Klopapier zu klauen. Von einem mit Kupferplatten vollverkleideten Raum hallt Technomusik herüber. Violette Discobeleuchtung, zwei alte Sofas, paar Bierflaschen künden vom Willen, hier Party zu feiern. War schon, kommt noch was. Kein Getränkeausschank. Ich habe gesehen, wozu ich kam. Raum, Luft, Geschichte: Die Ateliers befinden sich in einem funktionalen, 1985 errichteten Gebäudeklotz im ehemaligen mitlitärischen Sperrbezirk der Staatssicherheit in Hohenschönhausen. Gegenüber das Stasigefängnis, von den Sowjets 1951 der Geheimpolizei der DDR übergeben, heute Gedenkstätte, mit Wachturm, Stacheldraht und jenem fahlen Licht, in dem es keine Nacht und keinen Tag gibt. Die „Studios ID“, was für Intelligence Department steht, dienten früher der Entwicklung, Produktion und Instandhaltung von Spionagegeräten. Kameras, Wanzen, Überwachungsanlagen, Tarnausrüstungen, gefälschte Pässe, Taschen mit Geheimfächern usw. Bei den Künstler hat der Genius loci des OTS, des Operativ Technischen Sektors, keine für mich ersichtliche Wirkung hinterlassen. Der Kupferraum abhörsicher, mein Knips-Telefon auf Empfang.

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Otto III.

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Ein Spaziergang, durch Wald und an einem Seeufer entlang, an einem Ort ohne die Nähe von Nachbarn, ohne Geschichte und Erinnerungen. Mit der S-Bahn zur Endstation, rumlaufen, von einem anderen Bahnhof wieder zurück. In Strausberg war ich noch nie, sieht nah von „im Grünen“ aus. Der Jakobsweg, das lerne ich dann, führt hier lang. Erst nach der Wende wurde die Lücke des Pilgerwegnetzes auf beiden Seiten der Oder wieder geschlossen. Überregionaler Knotenpunkt war Frankfurt (Oder), die Pilger des Mittelalters benutzten auf dem Weg nach Santiago de Compostela gern gut ausgebaute und stark frequentierte Handels- und Heeresstraßen. Hier lief einer der ältesten Postwege, die Berlin mit Schlesien,  von der slawischen Burg  Köpenick über Lebus nach Posen führte. Ich erfahre das erst auf einem etwas verwitterten Schild am Uferweg. „Schon im Jahre 1000 nutzte Kaiser Otto III. bei seiner Rückkehr von Gnesen nach Magdeburg diesen Weg.“ Daneben sagt ein Piktogramm, Hunde sind anzuleinen. Strausberg Nord war mal als Armeebahnhof gebaut, weiß ich aber da auch noch nicht und so seh ich auch nichts von möglichen ehemaligen Kasernenbauten. Paar Einfamilienhäuser mit Gärten und Garagen, Autohaus, Fahrradweg, Ausfallstraße, eine dicke Frau mit gemusterter Bluse zieht beschwerlich einen Einkaufskoffer hinter sich her, dann ist man schon draußen,  Sonntag im August Landkreis Märkisch-Oderland. zwei Rufro Eintritt für Erwachsene beim Roten Hof, Kinderbauernhof mit Streichezoo, Tipis, Pferden und Bewirtschaftungen. Ein Hahn kräht. Und nochmal. Das hab ich schon lang nicht mehr gehört. Ein lichter Weg geht durch ein Wäldchen, es duftet betörend nach sonnengewärmtem Harz, alle paar hundert Meter stehen Bänke auf kleinen Lichtungen, niemand da, ein weicher Teppich aus Kiefernzapfen federt unter meinen Schritten, Licht blinzelt, ich pinkle mir einen Hosenbeinsaum nass. Sandige Buchten säumen den Straussee, Sonntagsidyllen wie gemalt, Picknicktaschen und aufblasbare Schwimmtiere, Familien auf Fahrrädern. Väter in Badehosen hüpfen von weiß skelettierte Baumstämmen ins hellblaue Wasser, zwei Bikinifrauen treiben auf einem Tretboot zum Ufer, eine macht Fotos, eine guckt auf ihr Smartphone. Ein Frau im Schatten liest ein Buch. Jungmänner mit prallen Oberschenkeln tragen Bierflaschen spazieren. Auf gemusterten Handtüchern sitzen Paare beieinander. Mein Schwein pfeift.

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Zen im Schrebergarten

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Das Gartenlokal hat neue Bewirtschafter, sie machen jetzt Jazzfrühschoppen. Wenn nur der Kaffee besser wär. Elektronisch verzerrter Gesang zieht weit über die Parzellen. Vom Friedhof weht Glockengeläut herüber. Feiner Regen fällt. Die Schnecken machen sich zum Sonntagsausflug auf. Vier rostrote Wegschnecken (Arion Rufus) setzte ich mit den gleichfarbigen Fauläpfeln auf die Miste. Sie mögen das. Der Komposthaufen ist neu, die Bretter zum Zusammenstecken gab es fertig als Set im Obi. Ich muss ihn noch dauernd aufsuchen, die tortenartigen Schichtungen begutachten, neue hinzufügen. Ich gieße ihn auch. Humus ist heilig. Totholz, auch schön. Insektenhotels gibt’s hier natürlich nicht.

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Long time no see

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Pförtnerhäuschen (1936 gebaut) des Central-, Vieh- und Schlachthofes (1881-1990) Berlin

„Die Zeit der vielen Falter ist gekommen.“ Muss ich jetzt schon Hermann Hesse lesen, um einen guten Satz zu finden. Er habe „zu Schmetterlingen und anderen  flüchtigen und vergänglichen Schönheiten immer ein Verhältnis gehabt, während dauerhafte, feste und sogenannte solide Beziehungen mir nie geglückt sind“, schrieb der Fernreisende aus Calw  in einem Brief von 1926 (Insel Taschenbuch). Im Apfelbaum zanken sich lärmend zwei Ringeltauben, sie schlagen mit den Flügeln um sich, zetern panisch, dann hektisches Geraufe und Übereinander herfallen, Vögeln als Vergewaltigung. Junge Kohlmeise spielt Specht und pickt auf dem Fensterladen herum. Der Eichelhäher kommt mit der ganzen Familie zu Besuch, vier Junge plantschen in der zur Vogeltränke umfunktionierten Obstschale aus Keramik. Zwei, dann drei Distelfinken checken die Kornblumengarbe im Gras nach samen aus.  Im Dornengestrüpp der ungebändigt wuchernden Heckenrose ist Spatzenversammlung.  Der Gartenrotschwanz wippt auf den dünnen Zweigen des Pfirsichbaums. In der Dämmerung  pesen zwei Fledermäuse Achter über meinem Kopf. Vogelbeobachtung macht glücklich. Guck an: Aus dieser spektakulären Einsicht heraus installiert der Landesbund für Vogelschutz (LBV) derzeit in über 40 Pflegeeinrichtungen Vogelfutterhäuschen, damit die Dementen und Verlassenen was zum Freuen haben. „Es geht darum, Naturerlebnisse zu schaffen und damit dem Verlust von Lebensqualität entgegenzuwirken“,  sagt LBV- Projektmanagerin Kathrin Lichtenauer. Sie meint das so. Glück ist die triefende Süße eines überreifen, vom Gewitterregen der Nacht heruntergeschüttelten Pfirsichs zum grünen Tee aus dem Asialaden im Wedding.  Ist das ein Zustand der Gelassenheit oder einfach nur das dumpf saturierte Sein? Die ersten Wespen sind da. Der Spätsommer beginnt. Die Brombeeren am Hohlweg entlang der Gleistrasse aber sind alle vertrocknet. Die Nachmittagssonne heizt noch, Eisessende Mädchen und abgeschaffte Ehepaare sitzen auf der Steinplattform um den Springbrunnen am Storkower Bogen, stoisch trotzen sie dem Ensemble urbaner Tristesse ihre Daseinqualität ab. Fusspflege, Orchidnails, Tabakbörse. Sonja Bistro, Bäckereikettencafé. Wimpern verlängern 50 Euro, Wimpern krümmen 40. Das Kreativkaufhaus Edelhoff entpuppt sich als riesiges Näh- und Bastelparadies. Im Glastunnel des „langen Jammers“ hallt das Brüllen eines Kleinkindes. Im Blankensteinpark liegen Fahrradfahrer mit nacktem Oberkörper auf der Wiese. Eine Krähe keckert von einer Birke herunter. Ein Dackel trägt eine Halskette aus Bernstein. Der Himmel ist weit. Ich habe einen Stein im Schuh.

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Nachtrag zu Read on, my dear, read on

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Sie war 31 Jahre alt, promovierte Historikerin, lebte in Dublin und schrieb den Blog Read on, my dear, read on. Im Mai wurde sie in einem Spiegel Artikel der „Fälschung“ überführt – sie hatte ihre jüdische Identität („ich bin der Jude“) samt vielen Familienangehörigen aus  Holocaust-Opfern erfunden und 22 ihrer vermeintlichen Lebensdaten bei Yad Vashem eingereicht. Jetzt wurde sie tot in ihrer Wohnung aufgefunden, Fremdverschulden wird ausgeschlossen. Ich war lange Zeit eine ihrer vielen Followerinnen, mehrere Hunderttausend sollen es gewesen sein, aber bei wordpress gab es meistens nur ein paar Dutzend Likes unter den Beiträgen. Als ihr Freund, der Tierarzt, letztes Jahr starb, war ich traurig. Etwas seltsam fand ich, wie sehr es mich berührt hat, wo ich ihn doch nur aus den Erzählungen in Read Ons Blog kannte. Befremdlich fand ich, wie sehr ich selbst  – neben dem Kälbchen, der Frau des Krämers oder der Mali Tant – schon im virtuellen Leben von Kleinbloggersdorf lebte. Aber so ergeht es mir ja auch oft beim Lesen von Romanen. Erdichtet bedeutet da ja nicht erstunken und erlogen, vielmehr steht es für gute, bzw.“fesselnde“ Literatur, wenn sie Empathie erzeugt und wir durch sie selbstvergessen in fremde Lebenswelten eintauchen können. Fraglos darf man sich in Blogs neue, andere Identitäten erfinden, ein anderes Leben mit anderen Geschichten ausdenken. Man darf unter Pseudonymen schreiben, sich neue Namen und Familien und Vergangenheiten geben, zu einer Person werden, die man im banalen „richtigen Leben“ nicht ist.  Wahrscheinlich, so hieß es bald, gab es auch den Tierarzt in Wirklichkeit ebensowenig wie die jüdische Großmutter von Fräulein Read on, wie sie sich selbst nannte. Aber was ist „in Wirklichkeit“? Der Tod? Der Text? Madame Read on, Marie Sophie Hingst, hat nach der Veröffentlichung der Anschuldigungen gegen sie ihren Blog vom Netz genommen, ihre oft wunderbaren Texte sind somit gelöscht. Das ist schade. Ihr Tod aber ist furchtbar traurig.

(PS: Diesen Song hatte Fräulein Read on kurz vor ihrem Sendeschluss auf ihrem Blog verlinkt, am 15. April 2019 hatte ich den Link dort von ihr übernommen.)

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Fräulein Read On

 

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https://www.irishtimes.com/news/world/europe/the-life-and-tragic-death-of-trinity-graduate-and-writer-sophie-hingst-1.3967259?mode=amp&fbclid=IwAR3iKc_HxcH5QX_9C5SolWT2ZLZTNXMFB0wfG9h33vRRLdJYapXlw9zcAao

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True Airspeed

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Doha, Katar

Verspätung und Umwege kommen mir gerade recht. Statt Heathrow bei Nacht sehe ich Doha am frühen Morgen. Infrastruktur in der Wüste, schnurgerade Straßen, die rechtwinklig im Nichts abbiegen, einfach enden, vom Sand verweht. Verkehrskreisel, Pisten, irgendwo fern von allem sieben gleiche Wohnblocks, vielleicht kommt da mal eine Stadt hin, eine jener auf dem Reissbrett geplanten, in einem Investorentraum visionierten Siedlungen, Olympiadorf, kommt FußballWM, zukünftiges Wasweißich-Zentrum, Modellstadt, Utopie, Las Vegas. Irrsinnn oder nur zu viel Geld. Der Flughafen riesig, mit Bahn zwischen den Terminals, Raucherlounge und Gebetsraum nebeneinander, die teuren Läden, goldene Designskulpturen, keine einzige Topfpflanze. Draußen ein Fleck dauerbewässerter Rasen in unwirklichem grasgrün, ansonsten eine unendliche Leere. Stacheldrahtumzäunte Quadrate um ausgebleichten Schotter, Antennenmaste, von der Sonne gehärtete Betonquader, lauter mögliche Quantanamos. No Entry. Wieso sind Landebahnen überall auf der Welt englisch beschriftet und wieso sind arabische Ziffern nicht arabisch? Die Route geht zunächst übers Meer nach Osten statt nach Süden, Muskat, eine andere Mondlandschaft, kahle zerklüftete Berge, die steil in hellblaues Meer fallen. Adam. ist das Aden? Plötzlich riesige Bergzüge, scharfkantig, in den Täler ganz vereinzelt Siedlungen, Serpentinen aus Sand, in denen einmal Springfluten und Ströme die schwarzen  Steinmassen geformt haben, als die Erde noch flüssig war, sie durch gewaltige Verschiebungen in Falten zusammengepresst und nach oben gedrückt wurde, lange bevor es Menschen gab. Hier ist die Erde noch immer unbewohnbar wie der Mond. Südarabische Halbinsel, Oman, Jemen, Sanaa? (Ein paar Tag später, so les ich, hat die omanische Autorin Jokha Alharti für ihr Buch „Celestial Bodies“ den Man Booker International Preis bekommen, er handelt von Sklaverei, die im Oman  erst 1970 abgeschafft wurde.) Nach einem indischen Frühstück schlafe ich endlich ein. Als ich aufwache, ist immer noch Wüste unter uns, goldgelbe Sandebene nun, Schäfchenwolken werfen Schattenflecken, Sahara, wird zur Steppe mit einem pickelartigen Bewuchs, durch den immer noch die rote Erde durchscheint wie Kopfhaut unter schütteren Haaren. Büsche, Bäume. Keine geschlossene grüne Decke, kein Wasser weit und breit, kein Wadi, wo mal ein Fluss gewesen war. Wo etwas wächst, fangen sofort Menschenspuren an, Straßen und Kreise, Umrandungen, Zäune, Felder. Richtung Mogadischu, einzelne Bewirtschaftungen, es werde rechteckig, dahinter das Meer, keine Palmen, keine Ortschaften, kein Mensch kann von Salzwasser und Fischen leben. Distance to Destination 2327 Miles, True Airspeed 905 kmh, Altitude 10,340 m. Es gibt Chips und Kitkat. Es wid grün, Mombasa, Sansibar, Daressalam, Mozambik. Dort die Flut.

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Nacht

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Puntland, Somalia

Du bebst vor allem, was nicht trifft,
und was du nie verlierst, das mußt du stets beweinen.
Goethe, Faust (1, Nacht)
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Caykovski

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Es riecht nach Orangen und frisch gemahlenem Kaffee. In der Unterführung zum S-Bahnhof steht ein Hauch Ammoniak in der Luft. Und Spargel, Granatäpfel, Erdbeeren, Honigmelonen und Trauben säumen den Bürgersteig. Caykovski ist ein Teehaus, „90 minutes“ ein Wettbüro. Donnerstags von 12-14 Uhr werden in der evangelischen Kirche Rixdorf Lebensmittel („Laib und Seele“) von der Berliner Tafel ausgegeben.  Im Trödel in der Flughafenstraße kostet ein Rollstuhl 25 Euro, Rollatoren 20. Der Senat lädt ein zum Müllsammeln und Baumscheiben bepflanzen. Hinter einem staubigen Schaufenster stapeln sich blasige, „Frische Gözleme“. Fußdeosprays und Fließverdünner für Diesel, 1 Euro, zusammen in Kisten auf dem Boden. Zwei bös aufgedonnerte Kopftuchmädchen mit Nagelstudiokrallen blinzeln schwerst bewimpert von einer Parkbank in die Sonne. In vollem Karacho pest ein Kleinkind auf seinem Plastikfahrrad auf die Straße, stürzt, brüllt, der morgenländische Nachwuchspimp im soft ausgebremsten Angeberauto tadelt die blondgelockte Mutti. Das Kinderbüro und Jugendrechtehaus Lessinghöhe erwacht gerade aus dem Winterschlaf. An der Ecke Morusstraße weist eine Indianerskulptur gleichgültig in alle Richtungen. Amseln im umzäunten Friedhof, Hundescheiße und ein zerfledderter Kühlschrank auf dem Gehweg. Zufall steht auf einer abgerissenen Tür, eine Genossenschaftswohnanlage mit Balkonen und Backsteinbanderolen an den senfgelben Fassaden.  Ein riesiger Wasserturm, Zufall steht als Graffiti auf einer Stacheldraht bewehrten Mauer. Eine Mutter mit schwarzgefärbten Haaren eilt entschlossen rauchend und zeternd vorbei. „Halts Maul Du Arsch“, sagt ein Vierjähriger zu seiner Freundin. An der „Farbtankstelle“ Ecke Hermannstraße gibt es Restposten an Auslegware, Kunstrasen in Rot, Blau oder Schwarz für 5.99 der laufende Meter, in Grün 4,99. Ein Graulanghaariger mit wenigen Zähnen fragt mich nach dem Weg zum Biomarkt und will mir behilflich sein, als er merkt, dass ich hier „fremd“ bin. SPD, Lara Fashion, Lidl. Kik, Euroshop, McGeiz. Blumen Melek (Engel), Juwelier, Mobile World, Lotterie, Tabak. Fünf schmalste Buden, Kiosk, kösk, nebeneinander. Döner, Gemüse Kebab, Pizza Rollberg, Jasmin Asia. Notgeile Jungs, die Eier zum platzen prall mit Testosteron, giggeln und kuscheln öffentlich miteinander. Eine alte Frau steht vor dem Einkaufstempel mit falschem Silberschmuck in einem aufgeklapptem Bauchladen. Schwer muss der sein. Sie friert, ihre Nase ist rot, die Augen müde, was für ein Scheißleben. Die paar Bänke in der Wärme der überdachten Einkaufsmall sind von älteren Frauen mit Kopftüchern besetzt. Ihnen gegenüber sitzen Kopftuchfrauen auf Rollatoren. Sie haben kein Geld fürs Teehaus. Bei Elif kostet das große Glas Tee 1 Euro. Der Sesamkringel ist knusprig. In den Musikvideos, die auf der Flatscreen in dezenter Lautstärke laufen, lutschen blonde Schlägersängerinnen wie zur Shampoowerbung dauernd das Wasser unter  der Dusche. Eine weißhaarige Dame schaut begeistert eine Soapie-Serie in ihrem Telefon. Es werden da viele Sprechchöre intoniert, manchmal schrecken wir anderen Teehausbesucher neben ihr kurz auf. Die zwei türkischen Rentner in wattierten Jacken, leicht müffelnd, einer mit Schiebermütze, palavern ungerührt weiter. Eine Frau trägt Modeschmuck, schwarze Plastikgehänge als Ohrringe, einer spannt das Kleid über den Hüften, einer anderem zipfelt der zu dünne Rock über den Leggings, das geliebte Kind ist übergewichtig. Fett und blöd. Kultursensibler Pflegedienst, heißt es an einem anderen Schaufenster. Back home again.

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Du hustest nicht allein

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Pieta vor der Wache – im Hof stehen Unfallautos

Die Katzen vom Shaman Bookstore in Chiang Mai lagern in laszivem Desinteresse zwischen und auf den Regalen des erlesenen Sortiments an Secondhand-Büchern. (Elephanta Suite von Paul Theroux gefunden.) Odalisque von Ingres fällt mir dazu ein, aber das liegt wahrscheinlich am türkischen Kardamom-Kaffee, den ich gerade auf dem Atatürk Flughafen von Istanbul trinke. Die Raucherterrasse ist ein luftiger, mit Maschendraht umgebener Käfig  und hängt wie ein Vogelhorst an der Fassade. Wie gerne würde ich mich zu den Männern in dunkelblauen Anzügen gesellen, eine Slimkippe schnorren und gedankenverloren auf das Flugfeld blicken, noch so eine Erinnerung. Worst pollution worldwide, titelte die Thaitimes über Chiang Mai. Der Air Quality Index (aqicn.org., neue Lieblingsseite) ist mit über 300 Punkten im violetten Bereich –  vor Dhaka, Ulan Bator, Kabul – danach kommt nur noch braun, bedeutet kurz vor Erstickungstod, jedenfalls wenn man eh schon aus dem letzten Loch pfeift. Waldbrände, abfackelnde Reisstoppelfelder, Smog und eine Hitze, die wie ein dicker staubiger Teppich auf dem  Land lastet, in die Straßen der Städte drückt und über den Bergen liegt, machen nicht nur Alten und Gebrechlichen das Luftholen schwer. Particular Matters, PM10, Messwert für Feinstaub, Bangkok bei 38 Grad 174:  Berlin heute 14. Seit der Besuch in einigen Tempeln von Chiang Mai Eindritt kostet, haben die Selfieo-Orgien abgenommen. Eine Gruppe älterer Frauen in schwarzen Spitzenkleidern und passenden Handtaschen kommt barfüßig herein, andächtig knien sie sich vor dem goldenen Altar auf den Boden. Im Tempel nebenan ist eine Leiche aufgebahrt,  stundenlang singen die Moönche ihren Sermon, es gibt Essen und  süßen Tee für alle, die Trauernden tragen weiß. Ein junges Nüttchen platziert sich vor die vornehmen Damen, freilich nicht zum Gebet, sie schüttelt die Haare zurecht und posiert für ein Foto, mit dem Rücken, oh weh, Tabu, Blasphemie!, mit den nackten Füßen, zum Buddha. Da kramen auch die schwarzen Witwen ihre Handys aus den Handtaschen und fotografiern sich reihum genauso. Im nächsten Tempel gibt eine weißgekleidete Nonne (?) einen dreistündigen Meditationskurs, Schwester Boa meditiert 15 Stunden am Tag und ernährt sich von wässriger Kürbissuppe. Damit heile sie sogar Zahnschmerzen, an der Schläfe hat sie ein talergroßes schwarzes Geschwür, das hat wohl auch seine Richtigkeit. Ich bin aus Versehen da gelandet, bzw nicht mehr rechtzeitig davon gekommen. Zum Einüben bewegen wir eine halbe Stunde die Hände und Unterarme in minimalistischem Ablauf, Hand auf Bauch, Hand aufs Herz. Dann laufen wir eine Stunde hin und her, ganz langsam, Schritt für Schritt, mit der ganzen Sohle den Boden berühren, Gewicht verlagern, ausatmen. Die zwei jungen Amerikanerinnen und eine Alleinreisende aus Prag können das ganz gut, Gehen-Meditation, in sich gehen, sich finden, mich finden vor allem drei Moskitos. Im Wandelgarten des königlichen Haupttempels hängen Kalendersprüche auf verwitterten Holztäfelchen in den Bäumen. Good to forgive, the best to forget. In einer silbrigen Blechschale liegen Briefumschläge für die Spenden bereit. Ein Mönch nimmt die Umschläge auf einem gelben Tuch entgegen, spritzt einem etwas Weihwasser mit einem Besen aufs Haupt, knotet Bändel ums Handgelenk, a glas of wine, a cigarette, and than its time to go…

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Shaman Bookstore in Chiang Mai

 

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An die Grenze gehen

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Der Schlagbaum.

Nachts brennt ein Berghang, niemand kümmerts,  keine Feuerwehr, keine Straße dorthin, kein Bach, ein chinesisches Tomatencurry und ein Bier beim Schnaps trinkenden Mr. Ho und ein paar Stunden später ist das Feuer von selbst ausgegangen, die Luft noch rauchverhangener, die Berge auch tagsüber kaum mehr zu sehen. Im lichten Laubwald ist es schattig und etwas kühler, im Dorf hinterm Tempel, 712 Stufen hoch über dem Oolong-Tee-Dorf Mae Salong, wird Kaffee angebaut. die Bohnen liegen zum Trocknen auf Bambuspodesten im fahlgelben Licht, die altertümlichen Zahnradmaschinen zum Kaffeebohnenwaschen stehen still. In einem Bambuskäfig hüpft ein kleiner Rabe. Noch ein Dorf  höher und weiter windet sich der Weg durch zauberischen Dschungel. Limousinenhafte Pickups transportieren Jutesäcke voller Kaffeebohnen ab, Mopeds mit Schulkindern knattern vorbei. Winzige Vögel zwitschern, als würde jemand mit einem Löffelchen auf ein Heizungstohr klimpern, ein größerer wirft sein Kiwitt in die Runde und bekommt Antworten, ein Sound,  als ob im Nebenhaus das Radio liefe, Grillensirren,  schwarzweißgeszreifte Schmetterlinge,  weiße Weihnachtssternbäume, hier gibt es keine wilden Tiere. Eine rotgestreifte Bambussperre markiert die Grenze. Birma sagen ein paar schwarz Uniformierte, lässig baumeln ihre Gewehre, fotografieren darf ich, weitergehen nicht.

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Durchgangsstationen

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In Tha Ton endet  der Linienbus, mit einem Bötchen könnte man den Mae Kok hinunter nach Chiang Rai fahren,  weiter in die Berge hoch geht es mit Song Thaews, den klapprigen Pritschenwagen,  Aber erst am kommenden Tag.  Durchgangssationen sind oftmlas gute Orte zum Innehalten. Bei Station 4 des Pilgerwegs den Berg hinauf döst nur ein Hund bei den verwaisten Hütten eins Mditationszentrums, die Stupa bei Station 8 muss besonders heilig sein. Man kann in ihr auf einem Wendelgang (Rollstühle stehen bereit) hochsteigen, vorbei an einem Sammelsurium aus gruseligen Wachsmönchen, Buddhas und Shivas aus Gips, Gold, Jade oder Plastik und gespendeten Kitschgefäßen.  Der Besitzer vom Inter View schlummert bei laufendem Fernseher auf der Terrasse seines Gasthauses. Poliertes Tropenholz, Blick über einen Teppich aus Bougainvielleas. Orangen, Tee und Kaffee frei. Ein Gast mit haalblangen grauen Haaren sitzt an seinem Laptop. Ken, ein Schwede, war auch nur kurz gestrandet hier auf der Durchreise mit dem Motorrad, jetzt ist er schon Wochen hier. Er sei auf der Suche nach einem Ort zum Bleiben. Seit ein paar Jahren würde sich etwas ändern, in der Welt, im Bewusstsein, zumndestvon Leuten wie ihm. Genug hätten sie materiellen Dingen, von Anarchie auch und ungezügelter Fteiheit, nun suchten sie nach etwas Stabilem, nach etwas das sich nicht dauernd verändert, darf durchaus etwas konservativ sein.. Er habe auch genug Erinnerungen, er mag keine neuen mehr dazu haben. Man müsse jetztt das Sterben üben. Wir trinken den nächsten Tee, auf seinem Bildschirm ploppt das Angebot auf für ein billiges Häusche in Norschweden, vielleicht, sagt Ken, könnte seine Tochter ihm das kaufen. Am nächsten Tag fährt er mit seinem Motorrad hoch nach Mae Salong, das sei ein Ort der starken Energien. Manchmal würden die Naturgeister zu übermächtig, dann würden die Dörfler die buddhistischen Mönche zu Hilfe holen.

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Ein Schiff in den Bergen

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Der gewundene Pfad auf Stelzen mit lialfarbenem Geländer endet an einer letzten Aussichtsplattform. Die hat die Form eines Schiffes, über dem goldenen Rumpf wölbt sich ein geschwungenem Dach aus rotgoldenen Holzbohlen. Von den eisernen Sitzbänken blättert die rote Farbe. Für 30 Passagiere ist Platz, doch der Kapitän ist nie angekommen, die Mannschaft hat sich über die sieben Hügel  ins Nachbarland abgesetzt. Ein silberner Anker liegt im Bug, das Führerhaus am hinteren Ende ist verlassen. Auf der Veranda des geschlossenen Restaurants neben dem stehenden Buddha ist eine weißschwarze Katze der einzige Gast. Die Tische sind mit weißen Plastiktüchern gedeckt. Die Köchin schläft ein halbes Jahr. Der acht Meter hohe goldene Buddha steht auf einer Bergnase hoch über der Stadt am Fluss, er markiert die letzte der neun Stationen des Pilgerwegs den Berg herauf. Niemand ist heute unterwegs, die 28 Mönchzellen auf halber Höhe im Raschelwald stehen leer. Im Schatten döst ein schwarzer Hund. Eine Eidechse huscht über die Baumwurzeln. In einer  Amulettbude telefoniert eine einsame Verkäuferin. Hinter der nächsten Biegung des Flusses, über den Bergen, beginnt Myanmar, die grüne Grenze, ein halber Tagesmarsch. Ein lauthals singender Mann knattert auf einem Moped um eine steile Kurve. Seine Augen funkeln, wild schielen sie in verschiedene Richtungen, Zähne hat er kaum mehr, er strahlt mich an. Im Städtchen im Tal ist Markt. Halbwüchsige hören Popmusik aus dem auf der Brücke geparkten Auto und trinken Dosenbier.

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Fuck the poor

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Eigentlich habe ich längst genug von der vermeintlichen Authentizität der Armut, der Vernachlässigung der Natur, der Missachtung der unmittelbaren Umwelt, dem gedankenlosen Zumüllen des Nichteigenen mit Plastikdreck. Jedes noch so pittoresk zerlumpte Kind lässt die Chipstüte da fallen, wo es sie leer gefuttert hat. Jedes Flußufer eine Abfallhalde, jede Brache ein stinkend verkokelter Haufen aus Matratzenfetzen, Elektronikschrott, verbrauchtem Hausrats, öligen Motorwracks, Schutt. Da liegen keine Scherben mehr, keine zerbrochenen Erinnerungen oder geplatzten Träume, da eitern Geschwüre aus Gift und Chemie. Zusammengeschmolzen zu oszillierenden Klumpen und blasigen Fladen, die nicht in diesem Leben mehr verrotten. In Bangkok angekommen mit dem Nachtzug kaufe ich sofort eine Fahrkarte erster Klasse für den nächsten Nachtzug.  Den Tag verbringe ich nicht in der schmuddeligen alten Welt, sondern in der glitzernden Stadt der Moderne. Eine Trasse des Skytrains zerteilt den fahlweißen Himmel über der Sukhumvit Road, stilettosteile Hochäuser aller Hiltons und Carltons werfen keinen Schatten, in ihren Granit- und Glasfassaden spiegeln sich die kreischenden Botschaften von Videobillboards, auf  halbem Weg zu den Wolken, die es nicht gibt, wachsen Palmen. Shopping-Malls und Untergrundpassagen sind frostig klimatisiert und todschick begrünt. Wenns dort nur nicht so grauenhaft langweilig wär. Kein Eindringen, keine Eimsichten, überall Fassade hochglanzpoliert, Luis Vutton wirbt mit Mädchen in kolonialem snakewhite und sahnigem afrobraun. Im Park dreht ein schwarz Uniformierter mit Springerstiefeln auf einem Rädchen Runden um den künstlichen See. Ein Kleinkind mit Vater füttert Tauben, der Parkwächter setzt energisch seiner Trillerpfeife ein. Den Sonntagsfrieden stört das nicht. Im Pavillon führen Mädchen geheime Telefonate, in den Bäumen ratschen Streifenhörnchen und springen wie schwerelos durchs Geäst, eine schwarze Katze döst auf dem Podest einer abstrakten Skulptur. Die Risse in der Oberfläche sind doch ganz nah. In den Seitengassen vertreiben Mädchen vor Massagesalons sich rauchend die Zeit, die schon am Nachmittag auf dunkelrot und violett gedimmten Bars dünsten den Alkoholschweiß übler Nächte aus, noch die mobilen Garküchen riechen nach Gosse. 

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Marktgemälde

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Manchmal ists gar nicht so schlecht, wenn Texte verloren gehen. Der sollte mal wieder von den unwiderstehlichen Sensationen eines dörflichen Marktes erzählen. Verschrumpelte Frösche auf Bambusspießchen und Unterhosen im Sechsepack, Fische zappeln in Plastikwannen,  Marktfrauen unter grünen Sonnensegeln wedeln mit einer Tüte an einem stöckchen die Fliegen von Fleisschstücken weg, Koriander, Knoblauch und Basilikum, parfümierte Seifen, getrocknete Chillischoten, Smartphonebuden, der Geruch von Schmalzküchlein und faulendem Abfall, der flirrende Impressionismus, die  übliche Kakophonie aus einander überwältigenden  Sinneseindrücken… Und plötzlich diese würzigen Duftschwaden: die zwei Frauen auf dem Lastwagen rauchten beide einen fingerdicken Joint, fürs Foto verbargen sie ihn diskret.

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Spiegelung geht immer

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Der Seemann ist wieder da, bläulich wie zarte Krampfadern seine Tättowierungem am nackten Oberkörper, immer noch blass vom Vermeiden allen Tageslichts, er freut sich nicht, mich wiederzusehen. Ein übergewichtiges Pärchen aus England schweigt sich an. Zufrieden essen sie große Portionen gebratener Nudeln, meine Schüssel vietnamesischer Nudelsuppe ist auch riesig und schmeckt ziemlich grandios. Zwei junge Laoten bestellen ebenfalls Suppe, sie hören laut Popmusik mit ihrem Smartphone. Eigentlich mögen wir die Einheimische doch lieber arm, still und rückständig. Zurück über die Grenze nach Thailand, die Abendsonne wirft einen silbernen Glanz auf den breiten Fluss. Mekong Ade. Und plötzlich diese „Schwernehmigkeit“, so nannte mein Vater das. Die beissende Schärfe einer Nudelsuppe am Bahnhof von Ubon sollte jeden Anflug von Weltschmerz verscheuchen. Ach hätte ich doch den im Wasserfläschchen getarnten Laolaofusel gekauft. Aber eine ganze Nacht im Wiegen des  Zuges muss ausreichen. Weiße und gelbe Lichter ziehen vor dem Fensterpanprama vorbei, blitzen kurz auf im Schwarz, ein entgegenkommender Zug wird vorbeigelassen, er pfeift, wie alle Züge in allen Träumen der Welt pfeifen, beim Halt im Irgendwo stehen fahle  Gestalten am Bahndamm. Gehen sie nach Hause? Haben sie ein Haus? Schlafen sie unter einem Dach aus Wellblech, einer Plane, aus Stroh, aus Bambuslatten, aus Holz mit verziertem First in Form eines Drachen?

 

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Mehr geht von außen nicht

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Dünne Jungen springen die zehn oder mehr Meter des Wasserfalls hinunter. SIe tragen dabei ihre engen Jeans und manche sogar stolz Kapuzenshirts, nur die Schlappen werfen sie voraus ins tosende Wasser. Unverblümt schauen sie die Touristinnen in den Bikinis an. wir schauen zurück und lassen uns an den schwarzen Fels geklammert minutenlang den Rücken vom donnernden Wasserfall massieren. Mehr von außen geht nicht. Nur ein paar hundert Metee weiter, wo die Bambusstege über die brodelnden Pools enden und die Picknick-, Wasch- und Badezone aufhört, führt der Pfad ins struppige Gebüsch. Ein uralter Mann hackt mit seiner Machete Brennholz, er deutet verschämt auf seinen eingefallenen Brustkorb und in den Himmel, ein bisschen zu großer Geldschein (das Kleingeld haben mir zuvor kleine Mädchen mit gerösteten Bohnenkernen abgeknöpft) verzaubert sein Runzelgesicht zu einem  zahnlosen Lächeln. Sein nahes Dorf hat keine Straße, die mit dem Auto erreichbar wäre. In der Mitte des Dorfplatzes steht ein großes Gemeinschaftshaus. Das ist ein Spirithouse, ein ho kuan der Ngae Ethnie, ein Geisterhaus. Die schwarz bemalten Holzplanken sind mit Zeichen, Schlangenlinien und Kringeln in weißen Pinselstrichen dekoriert. So ähnlich hab ich das bisher nur auf den Trobriand Inseln gsehen. Einmal im Jahr, jetzt im März, werden hier die Geister der Ahnen mit rituellen Umrundungen, zeremoniellen Tänzen  und Getrommel beschworen. Für Fremde wie mich, Frauen wahrscheinlich sowieso, ist das alles Tabu, Knochen und Towrhörner werden dort aufbewahrt, das Schlagen der Ttommel und auch die roh geschnitzen Holzpfosen bloß nicht berühren, warnt eine verblichene Tafel. Ein paar ältere Männer sitzen am Rand des Platzes im Schatten und beobachten mich misstrauisch. Ich mach mich lieber vom Acker. Am Dorfausgang ist eine schmutzwassrige Gänsefurt, danach stellt sich ein ein Mann mit Machete – haben alle immer dabei – in den Weg. Mit einem Stöckchen malt er Kreise und Linien in den Staub, und eine Zahl, so viel Gled will er dafür, dass er mich führen würde, ich steige ihm nach über drei Zäune und durch Gärten, dann ists mir zu blöd und ich geh allein einen zaunlosen  Trampelpfad an abgefackelten Reisstoppelfelder entlang. Die gleissende Sonne  steht hoch, mir ist ein  bisschen gespenstisch zumute. Als ich eine Stunde später das nächste  Dorf und eine Straße sehe, bin ich erleichtert. Auch dort gibt es ein bemaltes Ahnenhaus in der Mitte. Hier sitzen Männer drin und palavern laut. Bier haben sie auch. Frauen lagern ringsum im Schatten unter ihren Häusern, Hühner, Ferkel und große Muttersäue laufen herum. Mädchen grüßen scheu.

 

 

 

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Mobile Nagelstudios

 

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Tadlo hat der Seemann gesagt.  Der Bus von Pakse aus braucht länger. Er fährt auch später los. Mit den Diensten von zwei Frauen mit mobilen Maniküre-Pediküre-Nagelstudios im Plastikkörbchen vertreiben sich Reisende die Wartezeit. Eine Bäurin bietet  Bündel mit weißen Rübchen feil. An einer der vielen bunten Buden braut ein Frau mit roten Wangen und rotem Kopftuch sirupdicken Kaffee, schüttet ihn mit gesüßter Kondensmilch auf und über ein Pfund geschredderte Eiswürfel. Als wir in Tadlo ankommen ist es dunkel, Ich bekomme das letzte freie Zimmer im empfohlenen Gasthaus. Die  Hängematte aus grünem Tuch auf der Holzveranda wiegt mich nah an die Seligkeit. Eine – nur eine und nicht diese Millionen von der Insel – Grille zirpt und macht die samtschwarze Stille hörbar.

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Brückentage, Hohlwege

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Der Hund schläft über Nacht vor meiner offenen Hüttentür, eine Hängematte baumelt vor der Holzveranda, am Morgen schaut der Gockel vorbei. Enten mit einem Dutzend Küken picken sich durchs trockene Gras. Nachts donnern tellergroße dürre Blätter aufs Blechdach. Mein Hirn ist auch schon ausgedörrt. Um den Zustand dieser hohlköpfigen Leere zu erreichen, müsste man zuhause ganz schön lange auf einem Bein stehen.

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Geister und andere Pflanzen

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Die Hitze ist mörderisch, die Zikaden machen einen Höllenlärm. Es ist ein Sirren. als wär man mitten in der Turbine eines kosmischen Elektrizitätsswerkes. Ich wache in der Morgendämmerung davon auf und habe von schrillenden Alarmglocken geträumt.  In den ausgebleichten Stoppeln der Reisfelder grasen gelbe Kühe mit hunderten von Kälbchen. In den offenen Verandabars  stehen die Rucksacktouristen und betrinken sich schon am Vormittag mit eiskaltem Beer Lao. Wer den Hals davon nicht voll kriegt, kann sich eine Pizza  mit magic mushrooms und Mangoshakes  mit Gras reinballern. Eine Gtuppe chinesischer Urlauber setzt sich schnatternd in den winzigen Schattenplatz bei der ehemaligen Eisenbahnbrücke zur Nachbarinsel. Der Mann ist stolz auf seine ansehnliche Kameraausrüstung vor dem Bauch. Er knipst wie irre die kleinen Kinder in ihren putzigen Schuluniformen. Sie hampeln wie Äffchen für ihn herum. Es wirkt obszön. Tiere fotografieren. Topfpflanzen und Geisterhäuschen.  Drei Tempel gibt es auf den zwei Inseln, alle sind vernachlässigt, vermüllt, aus einem dröhnt  Rockmusik. Wir sind in Laos und da ist immer noch Kommunismus, da hat mans nicht so mit der Religion. Wenn man Leute um Foto-Erlaubnis fragt, lassen sie es zu, sie ertragen uns Touristen als Goldesel (cashcow), dann erstarren sie in maskenhafte Posen.

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Schwimmen im Mekong

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Zwei tätowierte Italienerinnen im Bikini sitzen im Mekong. Ein Wasserbüffelkleinfamilie guckt leicht indigniert, die Kuh geht baden. Der Schlamm ist cremeweich, mal lehmig frichtbar, mal sandig und voll silbrig glitzernder Mineralien. Am Rand der Strömung kann man auf der Stelle  schwimmen. Mein Hemd ist zwanzig Minuten später wieder trocken. Nach der Hängebrücke zu einem Wasserfall  und ein paar. Mauerresten aus der französischen Kolonialzeit kommt niemand mehr des Wegs. Eine Brücke auf dem Pfad durch den Dschungelwald ist zusammengebrochen. Ein paar Holzbohlen und ein rostige Schwellen der einst von den Besatzern gebauten Eisenbahnline, die ganze sieben Kilometer über die Insel und noch weitere zwei auf die benachbarte führte, hängen in den zugewachsenen Graben. Die Umgehung führt hinunter zu einem sandigen Uferplatz, Wasserpause Abkühlung. Ich wusste nicht, dass ich im Badeurlaub bin. Jeden Tag werde ich von nun an im Mekong schwimmen. Ich umrunde die Insel, kaufe Wasser am südlichen Ende, wo die Berge schon Kambodscha sind und man mit einem Bötchen aufbrechen kann, um vielleicht die seltenen Süßwasserdelphine zu sehen. Ich gehe durch verdorrtes Gebüsch, an einer Köhlersiedlung vorbei und an einer zerzausten Bananenplantage. An vielen Stellen ist der Wald bis in die Baumkronen verkokelt, ascheschwarz der Boden, verbrannte Erde statt der grüne Wildnis. Grillen sirren.

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Schlafen

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Der Seefahrer kippt einen Schuss Apfelschnaps aus einer Thermoskanne in unsere Kaffeebecher. Wir sitzen am Busbahnhof von Ubon Ratchatani, es ist noch keine acht Uhr Früh, wir warten auf den Anschlussbus über die Grenze nach Pakse in Laos. Der Seefahrer hat das Wappen der Bretagne  an seinem  Hals eintättowiert, da kommt er her und den Schnaps hat sein Großvater gebrannt. Einen Tag zuvor erst bin ich in Bangkok angekommen, die futuristische Metro braust als Skytrain zum Hauptbahnhof, dort bekomme ich sogleich ein Ticket für den Nachtzug nach Ubon. Den Nachmittag bis dahin schlendere, naja schleppe, ich mich durch das nahegelegne Chinatown, trinke haufenweise Instantkaffee in herrlich eisig klimatisierten Supermärkten,  esse aufgeschnittene Mango im Plastikbeutel und Schmalzkringel, kaufe einen rosafarbenen Plastikstrohhut mit blauen Stofftulpen, versorge mich mit  thailändischem Insektengift und chinesischer Kräutermedizin gegen den Husten. In einer schattigen Gasse näht eine Schneiderin aus meiner Vorhangseide einen Schlafsack. Hitze und tiefe Mattigkeit nötigen mich dauernd zum Schattenplätze suchen. Die schönsten Orte der Ruhe und Ventitlatoren und Klos sind die Tempel. Der ersten Halt  mache ich beim Tempel der Prostituierten, die lieber ein Armenkrankenhaus auf Erden eröffnete, als in die ewige Heiligkeit hinüberzutreten. Ganz still ist es mitten im Herzen Chinatowns, einem von allem Stilwillen vergessenen Hinterhof, wo schon 1654 chinesische Flüchtlinge und alsbald Händler ihren ältesten Tempel für das Wohlergehen ihrer Geschäfte errichteten und bis heute zum Räucherstäbchen abfackeln und Schicksalbeschwören herkommen. Wie immer läuft tonlos ein Fernseher drinnen und ein uralter Mann sitzt vor einem Teller Reis dabei. Eine schläfrige Katze jagt in eher symbolischer Geste kurz einer Ratte hinterher, und legt sich wieder hin. Die Ratte flitzt davon unbeeindruckt hin und her. Eine Ecke weiter, zwischen den Rauchfahnen röstender Esskastanien und Buden voll grellfarbenen Törtchen und glitzernden Paraphernalien, liegt fast verborgen der Eingang zu einer ausgedehnten Tempelanlage. Mindestens sieben Meter hohe Wärterfiguren in Smaragdgrün, Rot und Gold fletschen  hinter Glas furchterregend  die Zähne. Orangefarbene Novizen leiern monoton eine Gebetszeremonie herunter, kniende Gläubige in Bermudashorts tupfen ihre Stirn auf den roten Teppichboden. Götterstatuen mit goldenen Schwertern, schwarzen Bärten oder rosa Tüllschleiern werden um Rat befragt und mit füf meter entfert gekauften Mandarinenkörbchen gnädig gestimmt. In einem Raum kann man vorgedruckte Listen mit seinen Wünschen ausfüllen und neben der Düendenbox deponieren. Eine vielarmige Shivagöttin in einem Schrein ist irgendwie das Wahrzeichen des japanischen  Canon-Konzerns, was ein Touristenguide mit einer wikipediaseite auf  seinem smartphone strahlend demonstriert. Auf der brutal umtosten Verkehrsinsel vor dem Hauptbahnhof Huang Lampong legen sich bei Einbruch der Dämmerung die ersten Obdachlosen schlafen. Im Zug werden die Liegen mit weißen Laken bezogen, vornehm summt die Klimanlage, ich ziehe meine Daunenjacke zum Kinn.

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Freibeuter

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Schön wars am Ofen dort. Nun ist Hund und Herrchen weg. Die Kunstobjekte blieben, ob Harry sie je wieder zurückbekommt, ob er je wieder Platz dafür haben wird, wenn sie da nicht längst als Schrott entsorgt wurden. Wo wohnt er? Das Laufen fällt ihm schwer. Vom Roma-Lager gleich neben dem Uferweg ist nichts mehr zu sehen. Tabula rasa. Alle Relikte, Müll, kaputte Fahrräder, Decken, alles weg, die Büsche niedergewalzt, die Erde wie gefegt. Auch die verwilderte Brache dahinter ist sauber niedergemäht. Der Aufbruch von Harry, Hund und einer Handvoll Mitbesetzern war unfreiwillig, und doch was man friedliche Räumung nennt. Jetzt bewachen Männer in gelben Westen von einer Sicherheitsfirma das Schiff. Mitte Oktober hatte die letzte Gruppe den Freibeuter besetzt, dort gelebt, gekünstlert und gekocht. Es gab interne Konflikte, ein Polizeieinsatz. Die einen wollten mit dem Sozialhilfeverein zusammen arbeiten, deren Leute schon das geduldete wilde Zeltlager von obdachlosen Jugendlichen betreuen, die anderen wollten mit niemandem „vom System“ zusammenarbeiten. Der Neubau dahinter wächst, die Stelle mit dem wilden Schnittlauch ist eingezäunt. Letztes Jahr gab es dort noch ein Osterfeuer.

 

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on kötü aksamimis boyle olsun

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Berlin, Warschauer Brücke, Samstag Nacht, Frühling im Februar.

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Dann halt Minzlikör

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Markus möchte Minzlikör. So blöd sich das anhört. M. ist ein relativer junger, verwahrloster und oder verwirrter Mann mit blonden Locken, er sitzt seit Wochen am Parkplatzrand vor Lidl. Anfangs hing hinter ihm am Schaufenster der geschlossenen Apotheke – es sind inzwischen alle Geschäfte da zu – ein handgeschriebenes Plakat. Darauf stand etwas gegen Vertreibung. Manchmal schläft er, unter einem schmuddeligen Haufen Decken und Schlafsack vergraben, um ihn halbleere Glasflaschen (Minzlikör), Essenreste, Zigarettenschachteln, Müll. Nachts geht er wo anders hin. Ich brauche Tabak. Don’t ask. Um das Nötige mit dem Angenehmen zu verbinden, frage ich ihn, ob er Tabak gebrauchen könnte, er möchte, dass ich ihm eine Flasche Minzlikör kaufe, will mir sogar das Geld dafür geben. Er will keine Hilfe, Notübernachtung schon gar nicht. Der Minzlikör (3,79) ist smaragd- um nicht zu sagen giftgrün, bloß 18 %. Wahrscheinlich gut Zucker, M. mag den und so kriegt er den. Und Tabak. Ich einen neuen Rucksack für die Reise. Und eine dieser superleichten neuen Jacke kauf ich auch noch. (Lustig in Henning Sußebachs feinen Buch über seine Wanderung durchs deutsche Hinterland, wie er für 1000 Euro Funktionskleidung kauft und nach ein paar Tagen höllische Blasen hat, seine Freundin bestellt, die ihm mit dem Auto an eine Wegkreuzung seine alten Botten bringt.) Zuvor  in der Bibliothek den neuen Ondaatje („Kriegslicht“) geliehen, von dem ich bisher alles gelesen hab, und Seethaler, von dem hab ich noch nie was gelesen. Genug für einen Tag. Doch der Himmel ist so leer, es ist fast 10 Grad warm, das Frankfurter Tor blinkt gegen das Februargrau in aller Verkehrsknotenhaftigkeit an, in der U-Bahn sind drei gelb-grau uniformierte BVGler im Wagen, als ich am Alex nach dem richtigen Ausgang Ausschau halte, fragt mich einer von ihnen, ob ich Hilfe bräuchte. Werd ich schon auffällig? Die Langsamkeit schon verdächtig? 

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Buchungen

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Nix gegen Schöner Wohnen im Homeoffice. Fast zwei Wochen ist es her, dass die Nelken ihr offizielles Haltbarkeitsdatum überschritten haben. Unverkäuflich geworden lagen sie mit vielen weiteren Blumensträußen am Westhafen. Die Rosen sind eine Woche „alt“. Der Frost hat auch sie „gestählt“, noch schöner gemacht. Einen Flug hab ich dennoch gebucht. Auf dem Weg zum Flughafen, wo ich hinmusste, um den Flug noch mal umzubuchen, hab ich kurz bei Neruda, unserer Stadtteilbibliothek, Halt gemacht. Da treff ich in letzter Zeit öfter bekannte Gesichter. Navid  Kermanis wunderbares, an Horrorgeschichte übervolles Reisebuch „Entlang der Gräben“ zurückgegeben und „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz ausgeliehen. Der 1939 erschienene Roman erzählt von Otto Silbermann, einem Berliner Kaufmann, der in letzter Sekunde dem Novemberpogrom entkommen mit einer Aktentasche voll Geld durch Deutschland flieht, nirgends mehr sicher, immer in Gefahr betrogen, denunziert, deportiert zu werden, ohne Entkommen, weil Juden kaum noch Visa nirgendwohin mehr bekommen. Ohne Illusionen, wohin die Reise geht, rastlos, unterwegs, „emigriert in Züge der Deutschen Reichsbahn“. „The man who took trains“, so der englische Titel, „The Fugitive“, der amerikanische,  ist „wie im Fieberrausch“ der unmittelbaren Ereignisse vom November 1938 geschrieben, rasend furchterregend, und ja, das liest sich gruselig spannend, ist das obszön?, ein literarischer Thriller mit Obergruselfaktor Zeitzeugenschaft. Deutsch erstmalig jetzt. (Klett-Cotta, hrsg. Peter Graf). Der Autor Boschwitz, selbst deutschstämmiger jüdischer Flüchtling, wurde in England interniert, in ein australisches Lager verbracht, er starb auf der Rückkehr 1942 mit 27 Jahren. Sein Schiff wurde von Deutschen bombardiert und versenkt. Ich hätte den Schnulli, der maulend mein Ticket umbuchte und für den horrenden Aufpreis meine Kreditkarte annahm, herzen können.

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Lustige Wissenschaft und zuckersüße Kirschen©

hier auch noch mal: früher hieß es, es gibt kein Privateigentum an Kugelschreibern, Feuerzeugen und Zehnmark-Scheinen – und ganz früher: Wer schreibt ,der zahlt. Meint: der Urheber zahlt für, dass er gelesen werden kann. Allerbeste Grüße,

„Manchmal denk ich, ich bin in einem Science Fiction Film, in dem wir lustige Ameisen spielen. Lacht da überhaupt noch jemand?“
Die beiden Sätze haben mich gestern sehr amüsiert. Ich las sie bei Kollegin Docvogel. Nur weil sie mir gefallen haben, darf ich sie nicht einfach klauen. Die intellektuelle Redlichkeit gebietet, das Zitat durch Anführungszeichen kenntlich zu machen und die Urheberin anzugeben. Natürlich sind die Sätze wie der gesamte Text ihr geistiges Eigentum und durch das Urheberrecht geschützt.

Wir erinnern uns an einen Fall lustiger Wissenschaft: Morgen vor sechs Jahren, am 9. Februar 2013 gab Bundeskanzlerin Angela Merkel bekannt, sie habe das Rücktrittsangebot der Bildungs- und Forschungsministerin Dr. Annette Schavan angenommen. Mash-up von Jules van der Ley für Teppichhaus Trithemius Schavan war unhaltbar geworden, weil sie „auf 94 von 325 Seiten ihrer Dissertation Textstellen ohne Quellenangaben übernommen“ hatte. (Wikipedia) Der Doktortitel wurde ihr später von der Universität Düsseldorf…

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best loss

 

Best loss. Werfel über Armenien, das Vergessen ist schneller als das erinnern. – Wenn das Leben aus einer Anhäufung von Verlusten besteht, geht es auch darum, den best loss zu finden. Dazu später. 6.2., um mal wieder ein Datum zu nennen. Welcher Tag ist überhaupt? Geburtstag von E.. Morgen früh um Acht kommt der Hauswart. Die Nelken halten am besten. Die Pinkfarbenen, viele Knospen an einem Stengel, blühen auf, sie erweisen sich als knallrobust, sehen nicht mehr struppig aus. Haben den einen Nachtfrost gut überstanden. Oder  viel mehr.  Zu Sträußen im Fünferpack gebündelt, in Zellophan gehüllt, in einem Haufen anderer Sträuße mit gleichem Schicksal: Müll. Die weißen, faustgroßen Einzelnen am Stiel, geben auch prächtig was her. Riechen tut keine. Pheromene sind zur Fortpflanzung da. Die ist bei Blumen zum Massenverkauf in Billigdiscountern nicht relevant. Die von M. gekauften Tulpen haben längst schlapp gemacht, die Rosen auch. Nelken also. Blühn wie verrückt. Wo kommen sie her? Ok, sie lagen in einem Haufen, in Kartons, in Plastik, ihr Haltbarkeitsdatum ist abgelaufen, sie sind kurz vorm Exitus oder schon hinüber, ein Himmelreich für einen Komposthaufen, nach Stunden Unter Null am Eingang zu einer Containerhalle sind sie Matsch, sobald sie ins Warme kommen. Die Nelken überstehen das. Und die Fresien, noch so eine als Dekor der Spießigkeit unterschätzte Blume. Von den zwölf Zwiebeln, die ich letztes Jahr in verschiedenen Balkonkübeln versenkt hab, ist eine gekommen, sie blüht seit November, in einem sehr trotzigen Weiß. 

Ich wollte von Leuten erzählen, die alle zu wenig Liebe gekriegt haben oder immer noch da fest stecken und also permanent zu wenig  kriegen. Kindsköpfe, die sich Namen geben, Tiernamen, aus Kinderfilmen, aus gezeichneten, inzwischen „computeranimierten Comics“, aus Walt-Disney-Produktionen, ohne zu wissen, was sie tun. Fantasienamen, aus Zeiten, als sie noch an  Fantasie glauben durften. Fünfzigjährige mit Sicherheitsnadeln in der Lippe. Und dezidiertem Geschmack. In der Kleiderkammer bestehen sie auf schwarzen leggings, die langen Unterhosen, dazu schwarze Socken? Der Klavierkurs in Kreuzberg ist ausgefallen, in der Bibliothek sind bis zum frühen Nachmittag die Computer frei. In der AGB riecht einer auf der Heizung, einer liegt zu breit, ein Alter lädt mich ein, den lilafarbenen Sitzwürfel neben ihm einzunehmen. Als ich mein Blatt habe, ist er besetzt. Wir blinzeln uns aber nochmal zu. Manchmal denk ich, ich bin in einem Science Fiction Film, in dem wir lustige Ameisen spielen. Lacht da überhaupt noch  jemand?

 

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Rosen Tulpen Nelken

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Im Pförtnerhäuschen sitzt niemand, die Schranken sind offen, gelbschwarze Bremsbarrieren sind alles, das uns aufhalten könnte. Containermauern, Containergebäude, Lagerhallen nummeriert, der Parkplatz ist weitläufig, zugig und zu groß für unseren Pkw. Wir stellen 12 leere Plastikkisten auf eine Karre, warten im Eingang zur Halle, rechts und links hinter Schiebefenstern zur Einfahrt Frauen an Büroschreibtischen, wir müssen uns nirgendwo anmelden, wie stehen einfach rum und warten auf B., der ist für uns zuständig und wird uns schon bemerken. Er hat ein Klemmbrett mit einer Liste von Abholern, auf der wir den Erhalt unserer Fuhre unterschreiben müssen. Er ist ein großer Mann, das rote Logo-T-Shirt über seinen Klamotten spannt über seinem breiten Rücken, die meisten anderen Männer hier tragen grüne Logo-Shirts, viele haben lange oder schüttere Haare, manche sind spillerig und gebeugt, lässig schieben und tragen sie Kistenstapel mit oder ohne Lebensmittel hin und her, sie rauchen im launigen Westwind vor den Hallentoren, sie sehen cool oder mitgenommen aus, vom Leben, von der Frischluft, die könnten dir was erzählen. Die meisten hier sind Ehrenamtliche, sagt M., mit dem ich hier bin, wie er und ich auch. B. schiebt uns eine beladene Karre hin mit Paletten voll Griespudding Vanillegeschmack, schwäbische Markenware, Mangojoghurt, 2 Karton Biovollmilch, Kisten mit Frisch-Gemüse, unverpackt, Brot, Tomaten, Mandarinen, Blechkuchen, Brot, geschnitten. Zehn Sixpacks Wasserflaschen. In der Toreinfahrt lagern rechts etwa 500 Pfund Feldsalat in Schalen, links ein Haufen Blumensträuße in Zellophanverpackung mit roten Reduziert-Etiketten, für 4,99 laut Preisschild gingen sie nicht mehr weg. Der Januar riecht nach Schneeregen. Der Himmel reißt auf, ein Blau wie im März, doch Blumenberg und Salathügel sehen fertig aus, sie sind am Ende,  düster und todtraurig dämmern sie dem Kompost zu, bloß die Plastikhüllen müssen noch weg. Fünf Sträuße nehme ich, und schäme mich doch ein wenig für meine Gier. Die rauchenden Männer interessiert das nicht, sie gucken in die Pfützen zu ihren Füßen, in denen sich jagende weiße Wolken spiegeln. Rosen Tulpen Nelken. Wirklich jetzt. Und rote Gerbera. 

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Wohltäter und Opfer

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Die Leute werden durchsichtig. Geselliges Beisammensein sonstwegenwas. Verschon uns mit gemütlichem „Weinchen“. Wohin mit dem Brot? Krieg ich überall, wehrt der Wortkarge ab. Es war ein Sonntag auf dem Kneipensofa. Die zum Pferdeschwanz gebundenen grauen Haare, der Unterschied zwischen Wohltäter und Opfer. Einer, wer, lässt jetzt seine Zähne richten. Glück gibt es in der Stadtbibliothek.

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Hat man schon nichts

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Der Paketshop hat noch offen. Eine Frau will was kopieren, geht dort aber nicht. Sie bricht in Tränen aus. Ihr Hund wurde gestohlen. Er saß angeleint am Eingang des Kaufhauses. Wer macht so was? Sie hat ein Foto von ihm mit Suchmeldung ausgedruckt. Dann war die Tintenpatrone alle. Drei Stunden hat sie ihn überall gesucht, alt ist er, ein Mischlingsrüde. Sie hat zwei Kinder und ihre Mutter ist gekommen. Und nun soll sie ohne Hund nachhause.

Es ist kalt in der Kombüse. Der Kapitän sieht aus, als könnte er Knut heißen. Sein weißer Bart ist zu vier dünnen Zauseln gewirbelt, auf seiner Mütze ist ein Anker angenäht. Er hält einen Vortrag über Gentrifizierung  – das Wort haben Sie vielleicht schon mal gehört? 58 Jahre lang hat man ihn immer wieder vertrieben, jetzt bleibt er. Auf dem Wasser. Mit einem 5-l Motor ist man beweglich,  man braucht weder Führerschein noch Genehmigung.  Nur einen schwimmenden Untersatz. Und schließlich kämen die ganzen Touristen nur nach Berlin wegen ihm und dem was er und die anderen Piraten verkörpern. Die Ansammlung schrottiger Kutter mit demonstrativem Autonomie- und Kulturanspruch seien schließlich das, was Berlin attraktiv mache. Höre ich da einen schwäbischen Akzent?

Best of Grill hat alle Feiertage über geöffnet. In der Ringbahn sitzen vom Familiensein erschöpfte Kleinfamilien. Jungen mit neuen Plastikgewehren machen Nervgeräusche. Eine Frau mit Kind und grauhaarigem Vater redet ununterbrochen, ohne Tonfall und Rhythmus zu ändern. Zwei Obdachlose fahren die ganze Runde mit im Kreis. Einer döst, den kapuzenbedeckten Kopf ans Fenster gesackt. Einmal schreckt er hoch, wendet das Gesicht irritiert um und spricht zu niemandem konkreten. Auch ihn hat am Heiligen Abend jemand beklaut. „Hat man schon nichts!“ Die gelben Ersatz-Turnschuhe sind ihm zu klein, die schnürsenkellosen Laschen hat er aufgeschnitten. Ein winziger Rucksack, ein Schlafsack und eine noch in Plastikfolie verpackte Isomatte lehnen nah an seinem Körper. Bartstoppeln überziehen seine eingefallen Wangen mit fahlem Grau, seine Fingernägel sind lang und schmutzig. Der in seine schmale Hand gedrückte Fünfer schickt eine Welle ungläubigen Lächelns über sein Gesicht. Wie in einem plötzlichen Wolkenloch erhellt sich seine Miene, erinnert sich daran, wie jung er doch ist.

 

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Zu verschenken

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Leute, hört auf mit dem Kaufscheiß! Die Kleiderkammern sind voll. Es gibt keine freien Kleiderbügel mehr im Schenkladen, die Kleiderstangen bei der Kältehilfe biegen sich mit schicken Winterjacken und neuwertigen Wollpullovern. Die Sockenschublade beim Obdachlosenasyl quillt über. Wie soll die Wachstumswende kommen, wie überhaupt was sich ändern,  wenn wir hier alle wie die Irren weiter konsumieren und uns mit völlig überflüssigen Klamotten und Warenscheiß zumüllen? Schenkt Euch doch mal Zeit.

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Wo sie ruhen

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Neben der monströsen Festung des BND werden krumme Weihnachtstannen angeboten. Für die Hälfte  kann man sie auch als Topfbäume mieten. Auf eine Glasfassade bewerben blaue Leuchtbuchstaben ein „Research Gate.“ „Vergangenheit heilen“, verspricht ein Meditationskurs in der „Reinigungspraxis“ gegenüber. Das Klo auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof  ist beheizt. Barrierefrei und geräumig genug, um mehrere Leute beherbergen zu  könnten. Auf einer Infotafel steht der Scancode der web-app „wo-sie-ruhen“. Sie dient als Routenfinder zu Promigräbern auf 45 historischen Friedhöfen, ein Schauspieler verliest dazu Informationen, die auch Zuhause einen „emotional ansprechenden Eindruck“ machen können. Emotional ansprechend finde ich jetzt vor allem die nächste Bäckerei mit Stehcafe. Während ich gesüßten Milchschaum mit einem winzigen Plastikstäbchen in mich hinein löffle, überfällt mich die Erinnerung man meine Mutter, die ich so mit Kaffeeschaumtröpfchen gefüttert habe. Auf dem Gehsteig vor den bodentiefen Fenstern lächelt mir ein Frau mit roten Lippen zu. Eine Apothekenangestellte in weißem Kittel schüttet mir zwei Hände voll Kräuterbonbons und ein Kistchen mit Cremeproben in den Rucksack. (Ich schnorre für Weihnachtspäckchen der Kältehilfe.) Für mich und eine kranke Freundin kaufe ich mehrere Romane im langen Blomqvist. Dort gibt es preisreduzierte Mängelexemplare. Über die Spreebrücke beim Bahnhof Friedrichstraße eilt die isländische Schriftstellerin Steinunn Sigurdadottir auf dem Weg ins Berliner Ensemble. Ihr lila Schal flattert wie ihr offenes Lächeln im Wind. Vor einigen Jahren wollten wir mal zusammen U-Bahnfahren bis zur Endstation und zurück und dabei Bier aus Flaschen trinken. Es wurde nie was draus, heute macht das ja jeder. Ihr neuestes Buch „Heidas Traum“ (Hanser) ist die scheinbar einfach – das ist nie einfach – in Rollenprosa erzählte Geschichte einer isländischen Schäferin, die vom Ex-Model zur Umweltaktivistin wurde. Eine Apothekerin im Wedding, bei der ich weiter um Waren-Pröbchen bettele, fragt nach meinem Ausweis.  Man weiß heut ja nie. (Ich habe eine Visitenkarte des Hilfe-Vereins vorgelegt.)  Als ich meinen Presseausweis zeige, sagt sie spöttisch „ach, so sehn die also heute aus“.  „Bangkok!“ fügt sie kennerisch hinzu. Hä? Bei der Kao san road  könne man sich doch alle Ausweise fälschen lassen. Da kann ich ja bald echt Geld sparen, bedanke ich mich erfreut für den Tipp. Da packt sie doch eine Tüte mit Blasenteebeuteln,  Brausetabletten, Traubenzucker, Duschgels und drei Sonnenschutz-Schirmmützen. Die kriegen wir im Winter ja nicht los. Das sagt sie schon fast entschuldigend.

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Installation

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Innere Leere kennt unser Held aus jenem unvergessenen Spielfilm nicht. Das Parkhaus der Neuköllner Arkaden liefert den Vorspann in engspurigen Spiralen. Suspense. Gibts hier keinen Frauenparkplatz? Wir  kurven durch alle Drehmomente, zu angespannt, um Fotos zu schießen. D. will einen Fernseher für den Freund kaufen. Der kann nur noch sehr beschwerlich seine Wohnung verlassen. Wir kaufen auch ein neues Kabel dazu, weil ein Kunde erzählt, das wär nötig, während er genauso geduldig wie wir in diesem Spiegelkabinett des Warenirrsinn auf die Zuwendung eines Servicemitarbeiters wartet. Beim Freund sitzen wir dann gut eine Stunde wie Kinder vor der Glotze auf dem Resopalfußboden und versuchen, das Ding zum Laufen zu kriegen.  Mit einem Obstmesserchen schrauben wir einen Stehbügel an den Bildschirm, dann installieren wir. Anschließen, Gebrauchsanweisung, Suchdurchlauf. Da ist ein Bild, juhu, da sind ganz viele. Wir schaffen es, die verschlüsselten Kanäle zu löschen, die anderen auf Nummern zu programmieren, die der kranke Freund dann mit Knopfdrücken rauf und runter zappen kann. Allein hätte keiner von uns das hinbekommen. Im Nachmittagsprogramm läuft ein alter Woody Allen Film. Der Freund interessiert sich mehr für die Liveübertragung aus dem Parlament. Teilhabe am Tagesgeschehen statt Konserve. Abspann. Wir stehlen uns davon.

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Tassen sind alle

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Unser Konsumterrorfreitag: In einem Jutebeutel bringt Frau Balkan einen selbst gebackenen Rührkuchen mit Walnüssen auf der Schokoglasur. Sie und ihr Mann schleppen immer haufenweise Zeugs ab. Manche verdächtigen sie, das auf einem Flohmarkt weiter zu verscherbeln. Die Staffel Nagellackfläschchen , die sie gerade eingesackt hat, dürfte die Frau mit dem Kopftuch kaum selbst in Gebrauch nehmen. Aber was wissen wir? Mit kennerischem Lächeln schwenkt Herr Umverteiler zwei lackierte Keramikpfännchen mit eiförmigen Vertiefungen durch die Luft. Unnütze Gegenstände, die fand er auf der Straße. Ordentlich sortiert er sie nun ins Regal mit den Haushaltswaren. (Die Dame mit einem früheren Leben murmelt leise, dass es sich um  Weinbergschneckenservierteller handelt.) Tassen sind alle. In einer im staubigen Dunkel abgestellten Reisetasche finden wir ein gold- samtenes Rundkissen mit Henkel und ein Netz mit faustgroßem Kieselsteinen. Eine grauhaarige Dame mit Mütze sortiert Klamotten aus ihrem vollen Hackenporsche (ich hasse dieses Wort, wie sagt man besser und gleich kurz?) und fragt nach den Handtüchern hinter unserem Tresen. Sie bringt sie die Tage frisch gewaschen zurück.
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Kaputtkitsch

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Puh, das fängt ja schon gut an. Drei mal die Überschrift tippen, bis sie keinen Fehler mehr hat. Grassiert in Kleinbloggersdorf eigentlich gerade der Bloggersblock? Oder kommt mir das nur so vor.  Mich hat er jedenfalls erwischt. Bann tut Not. Ich hätte nur weitere Spaziergänge durch unspektakuläre Randzonen und urbane Industriebrachen  – also bitte: Westhafen! – oder über Friedhöfe zu referieren. Friedrichsfelde Ost, gleich drei dort, der mit dem Rosa-Luxemburg-Denkmal und anderer Helden war der falscheste darunter. Alles Fake! Repräsentation und faule Eingemeindung noch im Grab. Irmtraud Morgener neben Käthe Kollwitz? Ein Typ mit wadenfreien Turnhosen gewährt seinen kläffenden Pitbulls freien Auslauf bis an meine Beine und macht mich noch an, weil ich nicht auf dem Betonweg gehe. Ein Rosa Winkel auf einer Stele für die Opfer des Nationalsozialismus, die hier, bis in die 2000er Jahre (!?)  begraben wurden. Auf einem Friedhof in Neukölln waren damals Zwangsarbeiter interniert, ein Denkmal informiert darüber. Sie mussten ein O für Ostarbeiter tragen, Gartenarbeiten verrichten und  Gräber schaufeln. Dort gibt es heute eine Wiese für die Grabstellen von Aleviten. Pinkfarbene Gartenstühle. Reden wir nicht über Beerdigungen. Gestern einen Apfelkuchen fürs Obdachlosencafe gebacken, heute zwei Bücher gekauft (William T. Vollmann: Arme Leute / Stasiuk: Der Osten), und eine gelbe Cordhose. Geschirrspülen, Klos putzen, Gemüse schneiden mit Gummihandschuhen. Kältehilfe für die Seele.

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Wie die Raben

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Die Praxis liegt in einer Genossenschaftswohnanlage im Wedding. Im  Wartezimmer liegt ein Perserteppich auf dem Parkett, es gibt  drei Ledersessel und Zeitschriften, aber man muss nie lange warten. Mein Zahnarzt kam vor gut 30 Jahren aus Teheran. Er hat Zauberhände und macht nie etwas Unnötiges. Eine Blondine und eine junge Kopftuch-Frau assistieren ihm. Am Leopoldplatz ist Kirmes. Ein Kinderzug schrappt im Kreis herum. An der Bushaltestelle steht eine Frau mit halb entblößtem Hintern. Sie rubbelt hektisch ihre Scham, erschrocken schaue ich weg. Hol mir einen Pappbecher Kaffee an der nahen Bude und sehe zurück. In der Apotheke gegenüber kaufe ich feuchte Desinfektionstücher. Inzwischen hat sie ihre Hose bis auf die Knöchel heruntergelassen. Halbnackt und barfüßig steht sie mitten auf dem Bürgersteig, der spätnachmittägliche Berufsverkehr rauscht um sie herum. Im Unterstand der Bushaltestelle sind alle Sitze besetzt, bis auf den äußersten, neben dem hat sie ihre Sachen auf dem Boden ausgebreitet. Schlafsack, Müll, Tüten, Schuhe, ein Einkaufswagen. Sie guckt panisch, hab Neurodermitis, und Entzug, sagt sie, es juckt sie fürchterlich. Sie hält einen Flachmann in der Hand und reibt sich den Alkohol in die brennende Möse. Das kühle feuchte Tuch hilft, vielleicht auch meine Allergietabletten, die sie einsteckt, sie beruhigt sich schnell, zieht ihre Hose hoch, die ist sauber, neu. Wir setzen uns auf ihr Lager. Sie ist spindeldürr, Krebs auch noch, ja, sie ist in Behandlung, gibt auch eine Unterkunft, aber da sei es nicht gut, keine Privatsphäre, sicher auch striktes Drogenverbot. Entzug, sagt sie wieder, und zeigt entschuldigend auf den Rest Schnaps. An ihren dünnen Armen klimpern Armreifen, ihre blonden Haare sind mit rosa Strähnchen durchsetzt. Unter einem Auge hat sie ein Pflaster, einen etwas schmuddeligen Verband um ihr geschwollenes Fußgelenk. Ob ich ihr Cola besorgen könnte, und Klaren, sie fingert ein paar Euro hervor, sie funkeln wie Spielgeld  im Sonnenlicht. Als ich zum Obstler noch Schokolade, Bio-Bananen und Spekulatius dazu tue, fühle ich mich super. Hat dieser Tag doch noch Sinn gemacht. Ha. Und billiger als eine Yoga-Stunde. Mal kurz den Samariter spielen ist leicht und erzeugt Instant-Glück. Die damit einhergehende wohlige Selbstzufriedenheit macht die Güte und Barmherzigkeit (des Gutmenschen) so suspekt. Aber hieß es nicht: Was Ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr  mir getan? Warum haust sie inmitten der erschöpften, von Chefs, Vätern, Nahverkehr und Hormonen genervten Menschenmassen an einer Bushaltestelle am Leopoldplatz und nicht auf der nächsten Parkbank im Schatten eines alten Baumes? Warum gibt es kein Hospiz mit Kirmes und Schlosspark und frischbezogenen Betten für sie? Sie redet nun wie ein Wasserfall, ich könnte ihre ganze Lebensgeschichte haben, eine Stunde entfernt von Tuzla, Ex-Jugoslawien, von dort komme sie her, sie berlinert, sie spuckt, sie sabbert ihre Kippe voll, die sie nicht ansteckt, ihr ginge es ja gut, nur die Menschen, die sind schlecht. Wie zum Beweis knallt ein Kopftuchmädchen ihren Fingerring an die Scheibe hinter uns. Ob ich mal kurz auf ihr Zeugs aufpassen kann, die klauen hier. Wie die Raben. Klar komme ich wieder. Bis bald. Als Studentin habe ich beim Unisport einen Kurs in Ausdruckstanz besucht, der mir sehr gut gefiel . Nach dem zweiten Semester bedankte sich die Kursleiterin bei uns und verabschiedete sich. Sie hatte ihre Magisterarbeit in Tanztherapie erfolgreich abgeschlossen. Wir waren ihre Probanden gewesen. Ich fühlte mich verraten. 

 

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Spuk in Lichtenberg

 

IMG_0199Es ist mir schon vorher aufgefallen. Ich krieg es jetzt nicht hinformuliert, aber es ist klar was mit Ästhetik. Bloggerfotoästhetik. Hab das Gefühl, es greift um sich, zielgerichtet. Dann das hier. Stadtauge, den finde ich toll, vielleicht imitiere ich ihn, immer unprofessionell, aber dann hab ich ein fast gleiches Foto zur fast gleichen Zeit gemacht. Fast ein wenig gespenstisch jetzt.

https://stadtauge.wordpress.com/2018/09/03/zimmer-frei/#like-9967

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Frischeparadies

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Reste der Hammelauktionshalle im Blankensteinpark

Im Garten von Mias Leuchtturm stehen Strandkörbe und Astern auf den Tischen. Als wäre ich für Jahre auf jener fernen Zeitinsel verschollen gewesen, wundere ich mich über den Preis von 3,20 für einen Cappuccino. Teuer sind bestimmt auch die Wohnungen hier im Rinderstall des ehemaligen Schlachthofs und in den neuen Stadtvillen Reihenhäusern auf den Brachflächen ringsherum. Kinderspielplatz, Show4You, Supermärkte, Frischeparadies.  Wieviele Schritte musst du gehen, bis du in der Gegenwart ankommst? Wieviele Stunden musst du reisen, bis es Tag wird? (Zweieinhalb Stunden, 10 000 Schritte.) Der Wind, der Wind, er bläst den Rauch des Waldbrandes bei Treuenbrietzen aus unserem Himmel. Zu lange keinen Kopfstand mehr gemacht und nicht in Wasser getaucht.  Am S-Bahnhof Landsberger Allee ist Rushhour, ein Händler versucht sein Glück mit einem provisorischer Obststand. Ein Jungher Security-Typ in Schwarz schüttelt sich eine Wespe ab, sie fällt rücklings auf den Boden, er bückt sich und dreht sie auf die Beine. Auf den Serpentinen zum Flakturm im Humboldthain hinauf schlendern drei arabisch aussehende Jugendliche, einer hat eine Lautsprecherbox umgehängt, aus der deutscher Rap dröhnt.  Du schuldest mir Cash, ich will jeden Cent zurück. Oben sind alle Schilder mit Hinweisen zur weiten Aussicht über Berlin abmontiert. Den Rosengarten unten beschallen zwei Nordafrikaner mit ihrer Musik. Ein Zeitungs-Kommentator verklärt die jungmännliche Lärmbelästigung als Mediterranisierung unserer (tot-gentrifizierten) Städte. Er glaubt auch, Bluetooth-Boxen seien demokratisch, weil ja jeder da seine Musik drauf abspielen könnte. Hat’s wohl noch nie probiert. Eine Kopftuchfrau schiebt einen Kinderwagen, eine andere sitzt im Gras, beide stieren auf ihr Telefon. Der Moment der Versöhnung kippt. Der Sommer war zu kurz. Im Büro der Autowerkstatt bekomme ich einen großen Becher ich Kaffee.  

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Abraham und der Storkower Bogen

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Die Dealer im Görlitzer Park haben ihre Sonntagskleider an. Bunt gemusterte Kaftans, wadenlange Hemdkleider in Brokatlila und Braun, aus glänzend gewachstem Stoff, steif gebügelt und mit schillernden Bordüren. Höchster Feiertag der Muslime, erklärt der schöne Ghanaese mit Goldklette, Kopftuch und Holzperlen in den Rastazöpfchen. Heute sollte Ibrahim seinen Sohn opfern und kurz bevor er Isaak die Kehle durchsäbelte schickte Allah ihm das legendäre Opferlamm. Abraham? sag ich, klar, Ladim nickt, war alles mal dasselbe. Früher mal begann mit den Brombeeren der Herbst. Schon im Juli waren sie in diesem Jahr fällig. Ein von Brombeerhecken gesäumter Fußgängerweg führt am Bahndamm entlang zur Storkower Straße. Die ist nicht zum Zu-Fuß-gehen gedacht. Die mehrspurige Verkehrsachse entstand um 1970 aus der Verlängerung und Zusammenlegung kleinerer Straßen als Verbindung zwischen Prenzlauer Berg (Greifswalder), südlichem Pankow und Lichtenberg durch zuvor stadträndige Gewerbegebiete und mehrere neuentstehende Hochaussiedlungen. Parallel zur Storkower kann man nun endlos an geparkten Kleinwagen entlang durch stille Straßen laufen, umhegte Mülleimerareale, verwaiste  Spielplätze, eingezäunte Sportanlagen und betretbare Grünflächen, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Der Storkower Bogen, ist ein kreisförmiges, in „freundlichen“ Primärfarben bemaltes Einkaufscenter. Im gleißenden Licht flimmert eine leere Piazza, ich kaufe ein Gummicroissant und lasse die Füße ins flache Wasser einer einst neumodischen Brunnenkreation hängen. Über eine Brückenröhre, die längste ihrer Zeit, Aufzug defekt, kommt man über die Storkower zur S-Bahn-Station, dahinter sind große Einkaufseinrichtungen in weitläufigen Parkplatzflächen verstreut. Zwischen Landsberger Allee und Kniprodestraße, nach einem weiteren Einkaufsblock (in den USA hat gerade das Mall-Sterben eingesetzt…) und einem fast schon lauschig abgeratzten Burger-Drive-In liegen hier preisgünstige Tankstellen und Autowaschanlagen, Werbeposterwände vor Brachen, Fitnesscenter, Tierfuttergroßmarkt, Möbelabholmarkt, Jobcenter, Finanzamt. Aus einem mit Graffitis zugeschmierten Flachbau kommt live geübte Rockmusik, im 2015 von ihm eingeweihten Rupert-Neudeck-Haus leben seither mehrere Hunderte Geflüchtete in Mehrbettzimmern. Im selben Haus gibt es auch eine Notunterkunft für Obdachlose. Dort wurde bis vor kurzem noch der Straßenfeger produziert, aufgrund der Zeitungskrise ist er temporär eingestellt, ebenso das Café Bankrott. Den besten Café Berlins, so meine Freundin, die das beurteilen kann, gibt es eine Ecke weiter bei der KulturMarktHalle. In einem klug designten und selbstgezimmerten Tiny House wird arabischer Kaffee mit Kardamom in zierliche Orienttässchen mit silbernen Deckelchen serviert. Ein paar deutschsprachige Trivialromane und zwei junge arabische Männer warten auf Kundschaft, die altgewordenen Bewohner aus der Hochhäusern der Nachbarschaft hätten wahrscheinlich gerne ihre alte Kaufhalle wieder gehabt, vielleicht wären sie da mal im „Bake off“ eingekehrt, mit dem „Hackenporsche“ ist der Weg zum nächsten Aldi weit. Zurück im Brombeerhohlweg bedeutet mit ein grauhaariger Herr mit einer großen Plastiktüte, ihm zu folgen. Er ist Fliesenleger, ursprünglich Kaminbauer, aus Griechenland, und zeigt mir seine geheime Brombeerstelle. Dazu müssen wir neben einer Brücke über ein Gartentor klettern und eine wild verwucherte Treppe hinunter steigen. Im Dreieck zwischen zwei Gleistrassen versteckt sich eine eingezäunte Datsche, die Brombeerhecke ist riesig, die Beeren auch, wir hamstern beide mehrere Kilos, ein Baum hängt voller reifer gelber Pflaumen. Der Grieche sagt, seine Frau mache so was wie Ketchup draus, ich mache Brombeer- Sauerkirschen-Chillie-Marmelade, Pflaumen-Kuchen mit karamellisierten Zimt-Mandelsplittern. Bei den Rezepten für Aufläufe stehen Zutaten wie „Kartoffelpüree aus Trockenproduktion“, Margarine, Maismehl, Tortenguss, und dass man die aufgeschlitzte Vanilleschote nach dem Kochen in der Milch herausnehmen soll, als gäbe es das alles noch im Kolonialwarenladen an der Ecke. Und „Pfirsiche“ bedeutet immer aus der Dose. Wer hätte je an Pfirsiche aus Pankow geglaubt, inzwischen sind sie abgeerntet, die Brombeeren vertrocknet, und ich bin mehrere Aufläufe, Kompotte und Kuchenversuche reifer. 

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Sternschnuppenhagel

 

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Der Donner kommt von der einen Seite, die Flugzeuge von der anderen. Windböen jagen wie verspielte Derwische herum, schütteln den Apfelbaum des linken Nachbarn, legen sich in die knarzende Hollywoodschaukel des anderen, verstecken sich im Gebüsch, legen sich ins Gras, schlagen einen Fensterladen zu, fahren hoch. Die Fahne des rechten Nachbarn knattert, zwei lilane Comic-Hühner drauf,  er hat auch noch eine gelbe mit Smiley, wo kriegt man so was, bei Ikea, im Datschenausstattungsbedarf?  Die Metallringe und das Seil zur Profi-Befestigung klappern am Fahnenmast, gaukelt uns ein wenig Hafenatmo vor. Flughafen haben wir eh in der Nähe. Die deutsche Fahne gibts hier fast nur bei sportlichen Ausnahmeereignissen. Im Schaukasten mit den Vereinsmeldungen rät ein ausgeschnittener Zeitungsartikel davon ab, die Christdemokraten oder gar die Liberalen zu wählen. Wieso überhaupt wählen, das hier ist Heimatschutzgebiet Ost, da regiert die Partei und Tegel ist im feindlichen oder doch weitest unerreichbaren Westen. Leider liess sich mit der Wende die Überfremdung der Kolonie durch zuwandernde Wessis (wie mich) nicht aufhalten. Die Einflugschneiße, auch Ausflug, je nach Wind, liegt wie ein Schutzschild über den geduckten Obstbäumen der Kleingartenanlage. Bei der kürzlichen 105-Jahr-Feier verkauften Alteingesessene auf dem Hauptweg selbstgemachten Kaffee und Kuchen, es gab Kinderbespaßung mit Anmalen und in der Gartenwirtschaft moderierte ein Radiosender-Clown die Schlagerparade. Es wurde Heino gespeilt, Mamma, das glaubt mir keiner. Das Gewitter verzog sich. Der Regen blieb aus. Aber wenn mans grad mal gerne so knallklar gehabt hätte, wie all die vergangenen Hitzetage, dann zieht eine hauchzarte Wollendecke auf. Ich sitze da wie im Lichtspieltheater und warte, dass der Vorhang aufgeht. Vielleicht sitz ich schon an der gefakten Bushaltestelle im Demenzgarten und warte, dass was passiert. Nichts geht ab. Wie es aussieht, wird auch dieser alljährliche Perseidenhagel ungesehn an mir vorübergehen. Stattdessen eine Fledermaus, vermutlich drei, klein wie Schwalben, die meistens Mauersegler sind. Eine Weile sind alle landenden Flugzeuge von Easyjet. Mein neuer Wasserkocher leuchtet nicht, wenn er in Betrieb ist. Klart es auf, oder ist das nur ein Wunsch? Und  reicht es nicht zur Wunscherfüllungsbeschwörung, wenn ich mir die Sternschnuppen einfach nur einbilde? Die Augen müssen sich an die Nacht gewöhnen. 

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Verdrängung

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Bis vor wenigen Tagen stand hier ein Flachbau. Er war nicht schön, aber darin war unser Getränke-Stützpunkt, mit dem von Rosenbüschen umheckten Parkplatz davor ein beliebter sozialer Treffpunkt für alte und neue Anwohner, Tagelöhner der Baustellen und viele europäische Touristen aus den nahen Hostels. (Sind diese Jugendlichen etwa die Nutznießer der Interrail-Tickets, die gerade in einer mir unverständlichen Eu-Aktion umsonst verteilt werden?) Ein paar junge Männer, die bestimmt nie ein Interrtail-Ticket haben werden, schmissen den Laden, der brummte, aber Getränke-Hoffmann kann sich die Miete für die Filiale in den Neubauten ringsum nicht leisten. Die Spätis dürft es freuen, leicht habens die auch nicht. Lidl soll auch weg, obwohl der doch im ja wohl denkmalgeschützen Backstein-Fabrikgebäude ist. Das erfährt die Freundin bei der Maniküre im Nagelstudio, das dann bestimmt auch weg muss, wie die Apotheke nebenan, die belgischen Frittenbude und der Haferkater, ein „auf schottischem Porridge spezialisiertes Café in modern-rustikalem Ambiente“. Weg müssen Tische und Stühle, weg muss der Bürgersteig auf dem sie stehen und wir gehen. Gab es da nicht sogar mal ein Reisebüro?

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Senza parole

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Welches Glück. Die Sängerin vom Alex war heute wieder da. Sie singt Arien, auf Italienisch, glaube ich, sie schmettert und tiriliert sehr kunstvoll, keine Verstärkung oder Begleitung, allein ihr Sopran erhebt sich in die zur Kurmuschel umfunktionierten  Kaufhauspassage. Sie versteht nicht nur was von Akustik. Mit ihrer linke Hand hält sie kein Telefon sondern ihr Ohr zu, damit sie ihre Kopfstimme hört. Ich glaube auch, dass sie die Liedtexte beim Singen frei erfindet, Sätze, Sinn, Zitate neu montiert, ihre Interpretationen sind jenseits der Texttreue. Fragen geht natürlich nicht. In der Plastikschale auf der Ablage ihres Rollators sind schon ein paar Euro zusammen.

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Ich kann auch keine Pfirsiche mehr sehn

Südkreuz. Das ist in Berlin kein Romantitel sondern ein recht schicker, zumindest zugiger S-, U- und Stadtautobahn-Verkehrsknotenpunkt mit Möbelhaus-Anschluss. Tempelhof. Das „Feld“ des ehemaligen Flugplatzes ist eine Station entfernt. Man könnte das Konzept der blanken Stadtbrache, die urbane Glatze aus Asphaltbahnen und derzeit versteppter Wiesen,  jetzt gut mit ein wenig Schattenspendern modifizieren, ein Wäldchen, ein See… Im ehemaligen Rückstaubecken des Flughafens, auf der südlichen Seite des Columbia-Damms, haben Architekten und kulturell subventionierte Aktivisten mit Holzstegen und Stahlgerüsten übern Sommer die Floating University City eingerichtet. Ein Wasserrad, Tomaten in hölzernen Blumenkästen, Pilze im feuchten Stroh in Badewannen, Kisten mit heiligem Kompost und Hornissen. In einem luftigen Pavillon mit einzelnen Waben gibt es pinkfarbene Plastikgießkännchen zum Spülen der Ökoklos. Gummistiefel stehen an den Treppen und Podesten bereit, um damit im grünen Wasser herumzuwaten. Es gibt Bewirtschaftung und Programm, an einem vergangenen Sonntag stellt die Gruppe MetroZone ein Buch über Novosibirsk vor, später geben authentisch kostümierte Ethnomusiker aus der Großregion Südsee ein Konzert, ein australischer Surfertyp, der das organisiert hat, zeigt dazu seinen Docfilm. Vollmond auf Meer, eine Frau singt melancholisch melanesisch über längst verstorbene Ahnen. Time to go. Auf dem selbem Flachbildschirm hatten zuvor auch die Novosibirsk-Forscher einen Docfilm gezeigt. Da war es allerdings noch hell und die Schwalben und Mauersegler vollführten interessante Bewegungen. In Novosibirsk gelte das Motto Go West, und das beliebteste Hobby, zumindest unter Videokünstlern, sei Autofahren und dabei filmen. Man sieht eine vielspurige Straße mit Autos, die endlos an einer toten Kreuzung stehen, in der Ferne Hochhäuser, und Technosound. Beim Südstern essen wir eine der ödesten Thai-Suppen ever, beim Kotti überrennt eine Polizei-Einheit einen schmächtigen Dealer, der wirft sich sofort auf den Boden und lässt sich abführen. Am Schlesischen Tor ist wie immer Straßenfest. Alles gut? lockt der Dealer an der Warschauer Brücke. Doch das ist  Ostkreuz. Mein Ausflug ging ja nach Südkreuz: Der Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße hat Montags zu. Das Kopfsteinpflaster brütet Blasen aus. Von einer Autowerkstatt kommen müde Geräusche, der Eingang zum leeren Büro sieht aus wie ein lauschig beschattetes Caféhaus, in dem es selbst gebackenen Kuchen geben könnte. Das ganze Gelände ist still und groß, Autos ohne Nummernschilder,  verschlossene Backsteinhäuser, Brombeerhecken, didaktische Schilder. Im Kasernengebäude der Preußischen Eisenbahnregimenter befand sich 1933 eines der ersten Konzentrationslager der SA., Folterkeller. Nach der Luftbrücke in der Nähe die ehemalige Lagerhalle der Senatsreserven, einer von 700 einst geheimen Orten. Daneben eine Kleingartenanlage. Eine Babyklappe. Wirklich eine Klappe, fast wie beim Altkleidercontainer. Dann das Krankenhaus, im Garten ein Wasserschlauch. In meinem Garten  wird  es Zeit für die Wespen.