Der Neue

 

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Berlin wird auch immer neuer

Teuer war er. Mit dem Neuen im weißen Beutel mit dem Logo des Ladens am Kudamm drauf steig ich am Zoo in die S-Bahn, eine junge Frau setzt sich mir gegenüber. Sie isst hingebungsvoll Fruchtgummis aus einer Tüte, ich seh sie wohl zu gierig an, sie bietet mir welche an. Ich lehne dankend ab, sie fragt, ob ich in der Bahnhofsmission essen war. Hm, ob die dort nett sind, frag ich zurück. Sie sagt, sie mag das ganze Elend nicht. Und die vielen Leute in der Stadt auch nicht, deshalb will sie in den Tiergarten, ins Grüne. Sie steigt jedoch nicht aus. Aber, Sie haben schon eine Wohnung, hakt sie vorsichtig nach. Haben Obdachlose inzwischen Macs?

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Verbinden

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das ist jetzt ein wenig billig als Illu, aber ich sag dafür jetzt nicht extra, wie begeistert ich von diesem Gilchristverband bin, also dieser ziemlich nach rottendem Fleisch müffelnden Latex-Strumpf-Schlinge, in der ich meinen fragilen Arm immer noch verbindlichst gebeugt herumtrage.  Gestern las ich irgendwo die offenbar berühmteste Gedichtzeile von Dylan Thomas:

Do not go gentle into that good night,
Old age should burn and rave at close of day;
Rage, rage against the dying of the light.

Er schrieb das, als sein Vater sich zum Sterben anschickte. Und das hatte nichts mit  „Go to your Happy Place“ zu tun. Wo und in welchem Kontext ich das las, fällt mir beim besten Willen nicht mehr ein. Aber es hat mich fast so was wie fröhlich, gemacht, weil das ja heißt, dass wütend bleiben ok ist und auch ich gar nicht altersmilde werden muss. Und gleich fühlte ich mich besser, quasi nahezu altersmild. Aber dann hat heute ein „hanswurst90“ ein Foto von mir auf Instagram gelikt und siehe da, statt was zu seiner Identität standen da wieder diese Dylanzeilen. Die einzige Verbindung zwischen uns wiederum ist der Hashtag „Baumschulenweg“.  Wie hat der Alogarithmus das bloß zusammen gekriegt?

ich habe jedenfalls immer noch nicht richtig den Buchblog hingekriegt, aber wenigstens schon mal im Ansatz, sodass er jetzt bespielbar wird. Er heißt schön, aber nicht gerade legasthenikerfreundlich:

http://vogelsspaetlese.wordpress.com.

Dort könnte ich jetzt erzählen, dass ich gerade Robert Louis Stevensons Erzählung „Der Strand von Falesa“ (Jung und Jung,Verlag) gelesen hab, sowie die etwas arg zusammenfantasierte Romanbio über Stevenson und dessen vielleicht echte Schatzinsel vom immer unterhaltsam plaudernden Alex Capus (Reisen im Licht der Sterne, Hanser Verlag). Das macht aber erst dann Sinn im Verbund damit, dass Dylan Thomas am Ende seines kurzen Lebens an einem Stück schrieb, das „The Beach  of Falesa“ hieß.

Das Gedicht von Dylan Thomas geht jedenfalls so weiter:

Though wise men at their end know dark is right,
Because their words had forked no lightning they
Do not go gentle into that good night.

Good men, the last wave by, crying how bright
Their frail deeds might have danced in a green bay,
Rage, rage against the dying of the light.

Wild men who caught and sang the sun in flight,
And learn, too late, they grieved it on its way,
Do not go gentle into that good night.

Grave men, near death, who see with blinding sight
Blind eyes could blaze like meteors and be gay,
Rage, rage against the dying of the light.

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Gefälligkeit

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Gnädig eingeblödet durch massenhafte Painkiller hab ich zum ersten Mal in meinem Leben einen TV-Tatort gesehen. Glotze gucken überhaupt das erste Mal seit Jahren wieder. Im Tatort, der mich Anfänger in mehreren Hinsichten – Machart, Frauenbilder – zum Staunen brachte, lief immer wieder dieses irre schöne Lied „Dans le Silence“ von Martha Wainwright. https://m.youtube.com/watch?v=KAy9AZq1BV0   Nachdem ich es bei youtube gefunden hatte, hab ich den ganzen Nachmittag lang weitere Lieblingskitschsongs gehört. Muss sagen, auch der Logarithmus der playlist war erstaunlich treffsicher. Bin begeistert. Vielleicht macht die Matschköpfigkeit oder die körperliche Versehrtheit mich im Moment so begeisterungswillig? Gerade habe ich gebadet, und oh welch Genuss, welch Luxus, sich in klares, heißes Wasser sinken zu lassen. Bin zB. auch wieder mal begeistert über unser Sozial-und Gesundheitssystem. Im Krankenhaus Friedrichshain organisiete eine Schwester, dass mich nun alle paar Tage eine Haushaltshilfe besucht. Jetzt bräuchte ich nur noch eine Therapie, damit ich solche Hilfen auch annehmen kann, ohne mich innerlich zu winden. Ich weiß, das wird entgolten, das ist ein Job, über den meine Helferin wahrscheinlich froh ist, und meiner ist es eben gerade, hilfsbedürftig zu sein. Wie krank ist das eigentlich, wenn Gefälligkeiten von Freunden anzunehmen oder gar zu erbitten einen schon zum Psycho machen?

Ps: bin total gerührt über Eure Anteilnahme, Danke!!!!

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Gefallen

wer bung

Neulich bei den Mülltonnen…
e“Ich hab eine Nummer,ich bin jetzt ein Fall!“ Die 78jährige Dame im Bett neben mir seufzt belustigt, während sie auf der Fotokopie des Speiseplans im Klemmbrett Schmelzkäse und Kleingebäck ankreuzt. Sie hat eine Platte in ihren Fuß operieren lassen, in zwei Tagen will sie wieder hier raus sein. Ich? Gute Frage. Der Oberarm besteht nur aus einem Knochen. Der ist gebrochend. Glatt durch, kann so bleiben, wird auch wieder zusammenwachsen, Kalauer for free. Aus Schmerzen lernt man nichts.

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Pflanzen, Tiere, Sensationen

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Der Garten sei der Spiegel der Welt, lese ich in einem preisgekrönten Büchlein. Das Paradies, das eingehegte Wilde, die gestaltete Natur. So wie ich mich in ihm und zu ihm verhalte, so bin ich zur Welt. Zwanghaft, pingelig, dominant oder demütig, geduldig, stoisch oder irgendwas dazwischen. Kooperation (mit der Natur) zahlt sich aus, das hat Erfahrung und Evulotion gezeigt. Unter dem etwas großmäuligen Titel „Philosophie des Gärtnerns“ versammelt das Buch des mairisch Verlags – dieser wunderbafe Name entammt dem hessischen Wort für Vogelmiere – dann doch eher bodenständige Aufsätze zu Theorie und Praxis des modernen Hobby-Gärtnerns. Überschriften wie „Learning by Digging“, „Gardening is commoning“ und, ja, „Let it grow“, lassen schlimmes befürchten. Vielleicht dienen die anglizistischen „Skills“ auch nur dazu, die Erdverbundenheit des Handwerks zu entnationalisieren. Man wird jedenfalls in keiner Hinsicht enttäuscht, es geht nicht ans Eingemachte, dafür von japanischen Moosgärten bis zu antikonsumistischen Heilsversprechen der „Selbstversorgung“. Da retten Gelbe Rüben, die auf dem Mittelstreifem der Stadtautobahn gezogen werden, die Menschheit, mit der Angst vor dem Chaos überwinden wir die vor dem Tod und mit Unkraut lernt man,“das Fremde“ zu tolerieren. Super. Auf unseren süddeutschen Latifundien musste ich leider dem Kahlfraßmassaker des Buchsbaumzünzlers mit einem Kahlschnittmassaker des Buchsbaums kontern. Wer Krieg säht…Der Zünsler ist ein unscheinbarer. nachtaktiver Schmetterling, sagen wir ruhig Motte dazu, beziehungsweise seine sehr hungrigen, sich sieben mal verpuppenden Raupen. Er kommt aus Ostasien, wurde 2006 zum ersten Mal in Rheinnähe, Containerhafen?, gesichtet, hat keine Feinde hier und ernährt sich von Buchs. Der ist giftig und der Amsel wird schlecht, wenn sie die gelbgrüne Raupe frisst. Ganze Alleen mit altem Buchbaum- und Heckenbestand in württembergischen Barockgärten sollen ihm schon zum Opfer gefallen sein. Verbrennen soll man den Pflanzenabschnitt! Oder auf Sonderdeponien entsorgen, die nur Mittwochs und Freitags kurz geöffnet sind. Das schaff ich nicht, aber in Plastiksäcke und zuknoten, muss sein. Eingehen sollen sie. Zum Genozid am Zünsler bereit, bin ich auch brutal fremdenfeindlich. Gartennazi, wie das mal in einem deutschen Schlager hieß. Ist doch echr Mist.

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Soziale Plastik (1)

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Früher, ja früher, da rannten keine Horden von alten Leuten in Trainingsanzügen durch die städtischen Parks. Die Alten saßen krumm und entspannt auf den Bänken, genossen den Ruhestand und unterhielten sich. Miteinander, aneinander vorbei, mit sich selbst. Man hielt das Gesicht in die Sonne, vergiftete die Tauben oder machte ein Nickerchen. Heute haben auch wir einen Schrittzähler und platzieren die Pfandflaschen, sofern wir sie nicht schon sammeln. Heute haben auch jene schillernde Funktionskleider aus Astronautenplastik an, die ihre zähen Sehnen und Muskeln weniger bedeckt als betont. Als ob ihnen schon die Haut abgezogen wär. Die jüngeren sehen nur unwesentlich besser aus. Sie haben ihr Smartphone am Oberarm umgeschnallt, dem Rhythmus ihrer schweren Schritte nach hören sie Marschmusik. Jedem das Seine. Ach je, sie kriegen das um uns tosende Oratorium aus Amsel, Drossel, Fink und Star überhaupt nicht mit! Kurz vor Dämmerung ist der Sound so laut, dass ich still im Parkwäldchen stehen bleibe. Symphony for the Angels oder Probe im Orchestergraben. Und der nächste Jogger trabt vorüber. Dieser ist als Wespe verkleidet, er propellort und trägt alamierendes Orange. Warnt er vor sich selbst? Wie kann man bloß so rumlaufen? Sie sind auf dem Laufband, und wir – Baum, Weg, Passant- sind nichts. Wusch, wie ein Feen-Hauch rauscht eine freihändige Radfahrerin vorbei. Jogger im öffentlichen Stadtraum gehören verboten. Dafür gabs früher Sportplätze. Rechts im Bild stehen übrigens Zelte, da wohnen Leute. Links ist die Spree.

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Befreit das Meer

 

imageIst ja nicht so, dass es derzeit keine Gründe zum Protest gäbe. Am 3. Mai fand am Brandenburger Tor eine Soliveranstaltung für den nun schon seit mehrenen Wochen in Istanbul inhaftierte Welt-Korrespondenten Deniz Y. statt. Es spielten junge Deutschrapper aus Berlin und Politrock-Veteranen aus Hamburg auf, aber das historisch wirklich Bemerknswerte war, dass die Aktion zum Tag der Pressefreiehit von taz und Springer zusammen ausgerichtet wurde.

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Von der Fensterbank

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Ach, so ein 1. Mai in Kreuzberg ist schon schön. Von ihrer elaboriert gepolsterten Fensterbank winkt diese Frau den Passanten freundlich zu. Es wird zu selten zurückgewunken. Gewinkt? Huldvoll erteilt sie mir die Erlaubnis, sie zu fotografieren. Ich habe gelesen, dass viele hier alt gewordene „Gastarbeiter“ keine Ahnung davon haben, welche Sozialfürsorgeleistungen ihnen zustehen. In der Bar, wo ich dann dem Gruppenzwang folgend schon am hellichten Nachmittag ein alkoholisches Kaltgetränk kaufe, siezt mich die auch nicht mehr ganz jugendliche Tresenkraft und fragt, was mich offenbar zu Alte hierher verschlagen habe. Später erzählt sie jemandem anderen, dass wer dauernd umfällt. Jeden Tag, und dass sie ihn nicht mehr lange ohne Hilfe wieder hinstellen, aufrichten könne.

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Tresen (2)

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Eben.

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Tresen (1)

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wieso Panik?

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Schon wieder Tag der Arbeit

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Die schönsten Frauen sind am Mariannenplatz beim Feuerwehrdenkmal. Da spielt die kurdische Musik, da säuseln schrankförmige Männer in Muskelshirts live und zart ihre sentimentalen Sehnsuchtsmelodien ins Mikro, dazwischen wummern merkwürdig gruftige Rhythmen vom Band. Die jungen Frauen und Mädchen haben untenrum alle sehr enge Stretchjeans oder halt Leggings an zu Turnschuhen. Oben stecken sie in prallen Lederjäckchen oder schick gebundenen Kopftüchern, alle sind zu stark geschminkt, tragen falsche Wimpern, gefärbte Haare, die vollen Lippen mit violetten Stiften konturiert. Manche machen Freundinnen-Selfies mit goldfarbenen Handys. Nur ihre Handtaschen mit den schillernden Kettengliedgriffen verraten sie.

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hier lang

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Ich seh hier Pfeile: Pelargonium citrosum, die Zitronengeranie, soll durch ihren Citronelladuft Mücken abschrecken. Hier hat sie aber eindeutige Wegweiser aufgetragen, um Bestäubertierchen zu dirigieren.

Während  ich die unverwüstliche Topfpflanze auf meinem Fenstersims bewundere, sehe ich die Ratte. Draußen, drunten im Hof. Sie huscht zwischen Mülltonnen und Buchsbaumhecke herum und kriecht zurück unter die Dielen des Erdgeschossbalkons. Dort wohnt sie, Seit kurzem stehen dort drei Plastikboxen mit Rattengiftködern. Ich glaube, das interessiert die Ratte nicht. Aber seitdem wird sie von uns Hausbewohnern öfters gesehen. Wir begrüßen uns jetzt schon mit einem freundlichen „Sie ist noch nicht gestorben“. Bald hoffen wir das auch.

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Vertilgung

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Es ist ja nicht so, dass ich keine Freude an der kulinarischen Unkrautvertilgung hätte. Was im Garten gnadenlos vernichtet wird, macht mich an Stadtbrachen zur Futterklauberin. Plastiktüten immer in der Handtasche vorrätig. Ein älteres türkisches Ehepaar lässt sich animieren, die Frau probiert ein Stück, das ich ihr reiche, dann pflückt sie selber, ihr Mann mit dem Sprung in der Schüssel grast die Böschung ab und fühlt sich nützlich. In etwas Salzwasser kurz gedämpft haben die Hopfenspitzen einen leicht nussigen Geschmack und erinnern ferne an grünen Spargel, wenn er kratzig wär. Als Deko dienen hier die frischen Blätter des Knoblauchhedderichs, der das aktuelle Wildkraut der Stunde ist und das immer noch wuchernde Scharbockskraut um eine scharfe Note ergänzt. Als nächstes kommt der Sauerampfer. Im Gartengroßmarkt an der Kurve Treptower Park  hab ich Gynostemma Pflänzchen gefunden, das Unsterblichkeitskraut, das ich aus Bangkok importiert als Tee trinke. Muss aber nochmal rein, Nachtfrost ist angekündigt. Drinnen läuft die Heizung,  mir ist sowieso kalt.

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Der Buchleser (2)

S-Bahnhof Savigny-Platz. „Good night, white pride“ steht auf seinem Sweatshirt. Oki hat noch mehr Bücher in seinem Rucksack. Als er sie mir zeigen will, fällt seine Bierflasche um.

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Der Buchleser (1)

Kantstraße, unter der Bahnbrücke am Zoo. Alex liest einen historischen Roman, ein Thriller vielleicht, etwas mit Ägypten. Er hat neben dem Bettelbecher eine Kerze vor sich stehen.

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April

 

imageDieser April macht seinem TS Eliot alle Ehre. Es blüht wie verrückt und dazu schneits. Im Sauerland hatten sie vorgstern 10 cm geschlossene Schneedecke. Das lässt uns Frostbeulen dankbar die lange Unterhose anziehn, gebietet dem nackten Treiben in der Natur aber keinen Einhalt. Aus dem Garten unserer leicht verwahrlosten Latifundien im Süddeutschen sammelte ich Anfang April mindestens zwei grüne Mülltonnen voll vor Fruchtbarkeit strotzender Ahronsamen und entsorgte knapp eine Million seiner lebensgierigen Miniaturschösslinge auf dem Komposthaufen, die am Folgetag durch eine aus der Reserve rekrutierte Invasionsarmee ersetzt schien. Danach verbrachte ich in Pankow ein meditativ gebeugtes Wochenende auf Knien, um den zierlichen Giersch mitsamt seinem bleichen Wurzelrhizom am und unterm Maschendrahtzaun zur Nachbarin ellbogentief zu entfernen. Jedes Fitzelchen der Pflanze hat alle Erbinfos und den nötigen Schub, ihrer Gattung das Überleben zu sichern.  Den unwirtlichen Samstag drauf verbrachte ich gut geschützt am Grund der mit lachsroten Blüten und Dornen gespickten Zierquittenhecke bei dem Versuch, die spargelzarten Triebspitzen des Hopfens mit Stumpf und Stil herauszureißen, dabei seinen eimergroßen Wurzelknollenknoten zu zerhacken, zu zerstückeln, seine meterlangen gummiartigen Tentakeln im Untergrund zu zerfasern, zu zerfleddern, durchzubeißen, wie Sehnen aus einem  monströsen, gesamtuntererdigen Körper zu ziehen. Dem schien das Massaker nicht das geringste auszumachen. Rekelte aich und schickte vielleicht eine Flotte Buchjecken los. Und Ahorn gibts auch hier. Cruel. Sag ich doch.

PS: The waste land, von,T.S.Eliot, 1922, beginnt so:
April is the cruellest month, breeding
Lilacs out of the dead land, mixing
Memory and desire, stirring
Dull roots with spring rain.

übersetzt von Norbert Hummelt (Suhrkamp 2008):

April ist der übelste Monat von allen, treibt / Flieder aus der roten Erde, mischt / Erinnerung mit Lust, schreckt / Spröde Wurzeln auf mit Frühlingsregen

und hier die wilde Übersetzung von Eva Hesse:

April, der ärgste Monat, heckt
Flieder mit der toten Flur, verquickt
Erinnern und Verlangen, langt
Taube Wurzeln an mit Frühlingsregen.

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Mähen ohne zu muhen

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Das erste Mal ist immer  zu früh.  Dabei fällt dem elektrischen Rasenmäher schon dauernd eins seiner Plastikrädchen ab, weil das Gras an manchen Stellen so fett ist. Die Scilla haben sich noch nicht zurückgezogen, Wiesenschaumkraut gabs gar nicht, um die Vergissmeinnichthorste kurve ich herum. Danach sieht der Garten kurz unglaublich ordentlich aus.

 

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Brennnesseln

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Nee, das wird jetzt kein Foodblog. Andrerseits: Zwei rote Zwiebeln und ein Schnitz Sellerieknolle kleingeschnipfelt in Kübriskernöl angeschmelzt, dazu einen fußballgroßen Beutel Brennnesselspitzen, möglichst frisch geerntet, ein paar Minuten gedämpft, bis die faserigen Stängel weich sind, Salz und Pfeffer dran und fertig. Als Deko drübergestreut etwas Scharbockskraut und wilder Schnittlauch. Eigentlich aber wollte ich einen Buchblog starten. Weil man ja im Kleinen das große Ganze finden kann, schien mir das hübsche neue Büchlein über Brennnesseln das richtige für mein unausgegorenes Vorhaben. Geschrieben hat es der gelehrte Kräutergärtner Ludwig Fischer, die Schriftstellerin Judith Schalanski hat es gewohnt bibliophil mit gezeichneten Abbildungen und farbigem Kopfschnitt gestaltet – die Naturkundenreihe des feinen Matthes &Seitz Verlags, so sagen Neider und Bewunderer, soll ein Erfolg sein. Weil Naturkunde im besten Fall immer Kulturgeschichte ist, kriegen wir in dem handlichen Bändchen über die wehrhaften Utricaceae ein adrettes und fadengeheftetes Sträußchen aus germanischen Legenden und römischen Mythen, Bauernregeln und Sprichwörtern, Ethymolgien, Bibelstellen, Gedichten und Poesiealbenprosa einschließlich literaturgeschichtlicher Irrtümer. Selbst Heiner Müller verwechselte das gar nicht so kratzige Nesselhemd mit dem verfluchten Nessushemd. Weil sie stickstoffhaltige Böden mag, da wo Misthaufen rotten, Männer hinpinkeln und Leichen verfaulen, sucht die wilde Brennnessel seit 30 000 Jahren die Nähe des Menschen, das nennt sich dann Kulturfolger. Die Frau wob feines Tuch aus ihr und wusste schon früh um so „mancherlei Heilkräfte“ des brennenden Krauts. Die fiesen Brennhärchen heizen arthritischen Gelenken ein, Hippokrates empfahl sie als Tee zur Blutreinigung, die Samen knuspere man gegen Lungenleiden, Hildegard von Bingen riet zu Schläfenabreibungen gegen die Vergesslichkeit, und in Frankreich wurde sogar 2002 bis 2011 der private Ansatz und Gebrauch des gärtnerischen Wundermittels Brennnesseljauche verboten. Leider fragt der Autor nicht warum. Der etwas gemütliche Märchenonkelstil sei dem emeritierten Literaturprofessor verziehen, seine Skepsis gegenüber den spannenden neuen Erkenntnissen und Forschungen zur Kommunikationsfähigkeit von Pflanzen (über Botenstoffe, Lichtimpulse, elektromagnetische Felder…) und ihre über traditionellen Aberglauben und Hexenwissen hinausgehenden medizinischen Wirkungen und mindesens mineralischen Kräfte, ist etwas schade. Und dass der 78-jährige Kräuterhobbyologe sich so neumodische Brennnessel-Smoothies mixt, das glauben wir jetzt echt nicht. Trotzdem, ein sehr lobenswerter Einstieg für Neubotaniker.

Ludwig Fischer: Brennnesseln. Ein Portrait. Naturkunden No. 32, Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2017. 167 S., 18 Euro

 

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Monsterfriedhof

Aukrug Monsterfriedhof

German Vodoo: Bastelstunde nennen einige Patienten, äh Klienten, verächtlich oder gleich hasserfüllt die psychologisch betreute Beschäftigungstherapie. Dort wurden sie motiviert, ihre Gespenster, Ängste, Süchte, Peiniger, Verfolger, Traumas in Ton zu kneten. Abbilden, bannen, ausdrücken, wie einen Pickel. Danach wurden die Gebilde auf dem „Monsterfriedhof“ beigesetzt, damit sie dort vom „Zahn der Zeit“ zermalmt, zersetzt, zu Staub zerfallen und unschädlich werden können.
Es muss noch andere Geister hier auf dem Gelände der Reha-Klinik im Tönsheider Wald geben, die den Gästen den Schlaf rauben. Ein Bunker, in dem „gefährliche Substanzen“ lagern, wurde zugemauert. Fledermäuse nutzen den unteridischen Höhleneingang. 1931 wurde die Backsteinanlage im Naturschutzgebiet als Tuberkulose-Sanatorium errichtet. Was geschah danach? Von 1934 bis 1966 war Joachim Hein dort Oberarzt, er hat die Thorakoplastik erfunden, eine Methode mit der man das Kollabieren eines an TB erkrankten Lungenflügels und so dessen Ruhigstellung bewirken konnte. Im Internet finde ich sonst nur den knappen Hinweis darauf, dass das Haus während des Krieges als Reservelazarett genutzt wurde. Und dass es dorteine „Russenbaracke“ für 55 Kriegsgefangene gab, die zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden. Im Wald versteckt gibt es noch einen kleinen Friedhof mit Gräbern von russischen Soldaten, die 1917 fielen, und polnische Arbeiter, Arbeiterinnen und ein Kind in den Jahren 1945 und 46. Das Rätsel unserer schlaflosen Nächte bleibt ungeklärt. Sollte etwa das hier auch betrieben Schlaflabor unsere Nachtruhe rauben?

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Perspektivwechsel

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Kieler Förde

Einfach mal Licht anmachen. Oha, es wurde hell. Auf der Rückfahrt in der Regionalbahn saß mir ein junger, naja im Vergleich zu mir junger Mann gegenüber. Ich sah zwei Rehe übers Feld springen und zeigte aus dem Fenster: Rehe! Der junge Mann, der mich zuvor schon recht unverstohlen angeguckt hatte, beugte sich kurz zum Fenster, verzog sein Gesicht zu einem breiten Lächeln und und sagte, das wusste ich, dass sie das sagen würden Ich guckte verdutzt zurück, dann musste ich aussteigen und verabschiedete mich. Hat er da „schade“ gesagt?

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Totholz

Tönsheide


„Hier dürfen Bäume wieder alt werden und natürlich sterben“. Steht auf einer der zahlreichen, selbst schon etwas verwitterten Schautafeln in meinem derzeitigen Spaziergangswald. Ein morbid verwunschener Zauberwald, der zum Urwald renaturiert wird. Umgefallene Bäume heißen Totholz und bilden Lebensgrundlage für haufenweise andere Organismen. Bechsteinfledermäuse, vier Paare Schwarzstörche, Rotmilane und den Ubu soll es hier geben, Spechte klopfen, Rehe springen herum, Eichhörnchen und Hasen sehe ich und unwegsamen Wege sind von entwurzelten Giganten verbarrikadiert oder von Wildschweinen durchpflügt. In schwarzwassrigen Tümpeln und mit Entengrütze bedeckten Teichen, Matschpfützen und gluckernden Bächen sollen Adonislibellen (rot) und Hufeisen-Azurjungfern und eine Vielzahl an Lurchen und Molchen leben. „Go to your happy place“, so wieder Mathias Enard in seinem dermaßen wunderbaren Orient-Roman „Kompass“ (voriger Blogeintrag), sagt man in irgendeiner amerikanischen TV-Serie, wenn man jemanden in den ewigen Schlaf, in den Tod entlässt. Ist der Himmel ein Wald?

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Watt

 

Büsum

Büsum

„Was man lange Zeit Wahn, Melancholie, Depression genannt hat, war oft das Ergebnis einer Reibung, eines Selbstverlusts in der Schöpfung, im Kontakt mit der Andersheit…“

Aus Mathias Enard: Kompass. Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller. Hanser Berlin 2016. 427 S., 25 €.

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/kompass/978-3-446-25315-5/

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Das ist kein Urlaub

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Morgens um halb zehn auf dem Alex. Niemand stört die Schlafenden. Sind das nun Penner?

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Gemeinsames Vorlesen

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Heute war ich bei einem Shared Reading. Das ist der letzte Schrei, um die Leute zum Lesen und Bücherkonsum zu bringen, kommt aus Manchester oder doch eher Liverpool?, therapeutisch wertvoll, im Knast getestet, und schadet niemand. Wahre Freunde hatten Facilitater eingeladen, das sind Leute, die haben einen Kurs besucht und dürfen jetzt selber Shared Readings  leiten. Es wurde eine Kurzgeschichte von Strittmatter vorgelesen, abwechselnd und mit Unterbrechungen, in denen jeder sagen konnte, was ihm dazu einfiel.  Die Gruppenleiterin, die den Text ausgesucht, fotokopiert und sich darauf vorbereitet hatte, moderierte sehr behutsam. Sie trug genauso viel Lila und Blusenmuster wie ich. Die Lektüreauswahl gefiel uns nicht, der Hausherr, ein renommierter Kleinverleger und Übersetzer, monierte mit diabolischem Understatement u.a. die  falschen Ausdrücke und Metaphern im Text. Die anderen diskutierten angeregt über die Figur des rechthaberischen Alten in der Geschichte. Es gab Kaffee und Tee, Kekse und Kuchen.

 

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Riders on the Storm

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Sie singt eine Arie, Mezzosopran? Ich kann sie nicht fragen, sie hat gerade erst angefangen, die eine Hand am Ohr für den inneren Soundcheck, in der anderen eine Kladde mit Liedern. Ihre kristallklare Stimme hat in der Unterführung am Alex einen perfekten Hallraum, sie kennt sich aus mit Akustik.Die Passanten sind überrascht, überwältigt. Im Nu füllt sich der Pappteller in ihrem Rollator mit Münzen.

Trotzki erlebte es in seinem Exil in Kasachstan als „große Freude, sich vorübergehend  in einen Barbaren zu verwandeln: in freier Luft zu schlafen, unter offenem Himmel Hammelfleisch zu essen, das in einem Eimer zubereitet wurde, sich nicht zu waschen, nicht auszuziehen, also auch nicht anzuziehen, vom Pferd in den Fluss zu fallen.“

Zitat aus Patrick Devilles wundervollem Roman „Viva“, erscheint am 20. März im Züricher Bilger Verlag. Das Buch ist eine fiktionalisierte  Doppelbiografie von Leon Trotzki und Malcolm Lowry, die B. Traven und Frida Kahlo, Arthur Cravan und Tina Modotti und vielen anderenim Riesenrad der Geschichte trafen oder verpassten. Das Leben als Abenteuerrroman. Eine obsessive Recherche des weitreisenden Franzosen, der den Irrsinn der Fakten und Querverbindungen über Chronologien und Kontinente hinweg liebt und die Lücken mit dem Ich des längst darin verlorenen Autors füllt. 100 Sterne.

http://www.bilgerverlag.ch
https://www.facebook.com/pages/Bilgerverlag/693452114027039?ref=bookmarks

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Isch over

Die Überschrift dichtete Tom, das Foto ist von Hans Edinger. Nach 18 Jahren im Betrieb sei er zum ersten Mal für ein  selbstgemachtes Foto gelobt worden: Wenn das nicht heroisch, romantisch, dramatisch ist. Es kippt sogar.

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Ersatzverkehr

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Relativitätspraxis: Im Verhältnis zur Geschwindigkeit der Veränderungen bin ich doch eher langsam. Bescheidet ein Aufhebungsvertrag die Aufhebung oder die verragliche Bescheidung? Könnt man a Unterhösle draus schneidern, hieß es bei meiner Großmutter, die mir noch oberpeinliche Unterhosen aus Baumwollgarn strickte, wenn der Himmel einen Fleck Blau zeigte.Ja: ich habe noch handgestrickte Unterhosen getragen. Nach dem Waschen waren sie bretthart und kratzten. Das waren keine Slips, der Zackenlitzengummi klemmte weit oberhalb  der Taille.

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37 Herzen

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foodblog‘

Manche Leute kaufen das für ihre Katze. Aber wie fast alle Rezepte der Armenküche sind gebratene Hähnchenherzen köstlich. Man erstehe also ein Päckchen für ca 1,29 Euro, die abgepackten 400 Gramm enthalten heute 37, was auf ebenso viele wahrscheinlich fies, nein, daran denken wir jetzt mal nicht. Jedes der daumengroßen und auch ein wenig wie ein abgeschnittener Daumen aussehenden Herzen besteht aus feinstem Muskelgewebe, der Schlagaderschnirpsel gibt dem Biss etwas gummiartiges, die daran hängenden Fettpölsterchen lässt man in der Pfanne oder Wok gemächlich  abschmelzen, bis alle Knubbel  rundum knusprig, von mir aus gar und gerne auch fast  etwas zäh sind. Zwei rote Zwiebeln, eine Möhre, eine Scheibe Knollensellerie und zwei Handvoll Spitzkohl oder was gemäß einer weiteren Regel der gehobenen Soweto-Küche sonst halt rumliegt und weg muss. Darunter grobes Salz, schwarzer Pfeffer, Knoblauch schadet nie, muss aber nicht sein, ebenso Kreuzkümmel, Senfkörner, Majoran usw. Nur Chili muss sein, fertig.

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Verstandverleih

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Wie viel wir nicht wissen!  Wie Sandino in einer Hafenbar von Tampico auf B.Traven traf – aber das wollen wir auch nur wissen, wenn jemand wie der begnadete Patrick Deville so darüber erzählt, dass es sich halt wie ein Abenteuerroman liest, den er dann gar nicht schreibt. Ja, ich lese immer noch am liebsten Abenteuerromane. „Viva“ heißt Devilles neuer über Trotzky, Lowry u.a. im Mexiko der Revolution, „Der letzte beste Ort“ von Callan Wink  winkt vom Nachtisch rüber (Suhrkamp, mal wieder, nicht der Nachttisch) mit seinem Wüstencover, bleiches Sand mit Ätherblau. Was für ein dämlicher Gegensatz. Wörter: Verstandverleih (Verleser), Verschwindsucht, Endgerät, Ruhestandsregelung. Transfergesellschaft. Kann ich da überhaupt ohne ein Dünndruckexemplar von Eckhard Henscheids „Trilogie des Laufenden Schwachsinns“ hin? Und ist das nicht alles ein Abenteuerroman, je abgedroschener desto besser“

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Imagine …

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Stell dir vor, du bist dieser Hund. Promenadenmischung, weiß mit Flecken. Es ist dunkel, knapp über Null, Matschwetter, es nieselt. Du bist vor der Automatiktür vom Lidl in der Boxhagener angebunden. Eine ältere Frau streichelt dich. Sie hat zuvor für 78 Cent eingekauft, eine um  30% heruntergesetzte Brotauflage und noch so etwas. Sie braucht beides nicht. Aber den Hund. Der windet sich.

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Im Reich der schadhaften Zeichen

 

imagewährend ich in am Küchentisch Bilder aus dem bunten Detailwahn zusammen stelle, ist draußen der Schnee liegengeblieben. Er hat sich auf die kahlen Äste der Hinterhoflinde gepappt und wie eine Katze über den feuchten Dreck gelegt. Die Nacht ist weiß und hält die Luft an, für mich, mein erster Schnee! Ich fange an, dafür einen Koffer zu packen.

 

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Ostkreuz

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Bis in den November hat sie ihren Platz im Schutz eines Busches gehabt. Sie hockte in mehreren Röcken auf einer Pappe und band Feldblumensträusschen, die sie für 3 Euro verkaufte. Das darf man sich auch nicht ausdenken. Ende Oktober wunderte ich mich kurz mal über den steten Nachschub an scheinbar frisch auf dem Feld neben dem Stadtautobahnzubringer gepflückten Kornblumen. Polizei sagt sie, als ich nach den Blumen frage. In ihrem Pappbecher steckt ein Madonnenbildchen. Kein Haus und Romani sagt sie noch, dann ist Sense mit Kommunikation. Sie setzt ihr Bettelgesicht auf, ich bleche. Wir danken und werfen uns Küsschen zu.

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Schön und gut

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Berlin, Ostkreuz ( so heißt der S-Bahnhof, was für ein Name, dürfte man sich nicht ausdenken): Das Bild verstehe ich nicht.

In der Fremde ist es schön und gut, wenn man die Sprache nicht versteht. Die Schrift nicht lesen, die Zeichen nicht deuten kann. Auch hier um die Ecke lässt es sich also befremden.

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Autoreverse

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Wie hier alles funktioniert! Einen Adapter für den Stecker meines koreanischen Billig-Telefons? Ein junger Angestellter des Elektroniksupermarkts an der Ecke führt mich zum Regal mit „Verbindungen“ und zeigt mir drei passende Modelle. Ein neues Telefon? Ein anderer junger Angstellter führt mich zu einem anderen Regal und empfiehlt mir das mit der ultramegapixelgeilsten Kamera. Hieße Ausstieg aus der cloud, die alle meine Daten gespeichert hat. Verbindung kappen, Stecker ziehn, adaptieren.

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Medienmarkt

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Die New York Times schreibt in einem 2020 Report, wie sie sich für die digitale Zukunft fit machen will: Inhalte sollen visueller aufbereitet werden. Leser sollen mehr Ratgeber-Inhalte bekommen und stärker Teil der Geschichten werden.

Ja, möchten wir da nicht gleich ein wenig kotzen? Im Schwäbischen gibts dafür den schönen Ausdruck „Bröckele lache“. Willlkomen zuhause.

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Liegewagen-Meditation

 

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Die Leere im Kopf hat laut Freundin Iris durchaus was Buddhistisches, auch wenn sie nicht durch Meditation sondern durch Benutzung des Liegewagens entsteht. Der brachte mich sehr komfortabel von Chiang Mai nach Bangkok, dort bezog ich ein Zimmer in enem Gasthaus in der Gasse voller nur noch von Katzen bewohnter Abrissblocks beim Bahnhof. Es gibt mehrere verwinkelte Terrassen, die oberste,  die ich mit einem netten jungen Mann aus Bautzen teile, hat eine Dusche unter freiem Himmel. Wegen der täglich gegossenen Topfpflanzen hat es auch Moskitos. Aber wir wollen jetzt mal nicht kleinloch sein, dagegen gibts ja Gift aus der Dose. Im Liegewagen jedenfalls entstand diese Besinnungübung:  wie viele getrocknete Fische, wie viele Seidenschals,  wieviele plüschige Kinderschlafanzüge mit Hellokitty-Aufdrucken, wievieleFlipflops, wieviele Pumps, (umd warum nicht golden wenn schnon?) wieviele Turnschuhe, wieviele Nylonrucksäcke mit wievielen Reißverschlüssen, die kaputt sind, bevor sie zu, ersten Mal geschlossen wurden, wie oft im Glitzern der Goldketten erblinden, wie lange in der Überschwemmung des Billigzeugs ertrinken… ich habe nichts zu sagen, das dem Überfluss der Dinge eine Bedeutung verleihen könnte, nichts zu bemerken, das der unmittelbaren Sehnsuchtsstillung ein Gefühl hinzufügen würde, ich bin hier und es ist ohne jeden Sinn, ich habe keine Absichten und kein Ziel, bin bestenfalls ein Hinderniss, um den der Strom höflich herumfliesst, eine Plastiktüte, die eine Weile oben treibt, sich verhakelt und dann untergeht, ein aufgewirbeltes Staubkorn,  das in einem Lichtstrahl tanzt, ein Holzspießchen, an dem Ananassaft klebt, ein letzter Lichtreflex, bevor die Dämmerung mich verschluckt, ein Wunsch, der in der Gosse landet. ein Stuckschnörkel, der abgeblättert ist, ein Balken, der verwittert ist, ein Haus ohne Leute. Ein Tupfer in einem Aquarell, ein Pixel in einer Momentaufnahme, ein Sonnenfleck, der gleich ein Schatten ist, substanzleicht, von keiner Dauer, in einem Strudel aus buntem Plastik, das nicht zerfällt, während wir längst zu Kompost vergangen sind, vergammelte Bananenschalen, verfaultes Papajafleisch, Rattenhumus aus matschigen Knochen, die Oberfläche tanzt. Jaja, dann doch besser noch mal in Chinatown verirren.

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Digital Native

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In Chiang Mai, wo der Merve-Verleger Peter Gente mit seiner  unterirdisch minimalen Rente gute letzte Sieben Jahre seines Lebens verbracht hat, laufen einige grauhaarige Zausel in kurzen Hosen am Stock  herum. Will man auch nicht dazugehören. Neuerdings kosten ein paar der Tempel Eintritt für Ausländer, ich wäre für zusätzlichen Aufschlag bei Selfiaticks. Das chinesische Rettich-Omlett  beim universalen Schnäppchenmarkt an der Seidenstraße war super. Ach und einen Wecker, mit dem man auch telefonieren kann, hab ich wegen saublödem Verlust des iphones auch gekauft.

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Hilltribes

 

imageNichts gegen Regen, aber wenn dazu noch das Haus eingerissen und die hölzernen Nachbarsstuben neugezimmert werden, ists schwierig mit der Besinnlichkeit. Zumal mein Sinnproduzent derzeit auf Nirwana gestellt scheint. Auch das Lesen von anderer Leute Geschichten scheint mir merkwürdig sinnlos. Kilos Oolongtee gekauft, der junge Schwede, der trotz seines Überbisses (sorry) chinesisch kann und in einem Hmong-Ethno-Homestay (über booking.com!) übernachtet, meint zwar, die würden hier nur Alltagsware anbauen, ja will ich denn bloß am Sonntah prima Tee trinken?, aber der Superchecker hat auch bloß ein angemessen überteuertes Beutelchen auf dem Tourimarkt erstanden. Dabei sind die Produzentenkooperativdn mit den Frauen, die den Tee zum trocknen wie Heu auf dem Boden hin- und herrechen, nur drei Ecken weiter. Auf gehts mit dem einzigen Transportmittel zurück ins Tal und in die Unterhaltungswelten der Zivilisation.

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Wütender Regen

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Die ganze Nacht hat der Regen wütend auf das Wellblechdach getrommelt. Früh um sechs stehen die Bauarbeiter schon um ein Feuerchen herum. Die Duschen sind kalt.

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In the Cloud

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So nah hätt’s nun nicht sein müssen. Inzwischen ist der Rest an Hintergund in Nebel verschwunden. Der Himmel ist herunter gekommen, die Ortschaft in einer Wolke versunken, man weiß nicht, ob das noch Regen ist, Nieseln oder einfach eine alles einhüllende Feuchtigkeitsmaske. Der trinkende Wirt ist wieder da, er hat den Schnaps gegen ein neues Hobby eingetauscht, er studiert jetzt alte Münzen und sein Smartphone. Der Bauboom im Ort hat einige bessere Gästehäuser,  hübsche Cafes und Verandarestaurants hervorgebracht, alle sind fast leer. Und ich muss aufhören, mir dauernd besserwisserische businesspläne auszudenken. Vor allen ökologisch nachhaltigen und gesellschaftlich nützlichen  Fortschritten soll gefälligst jeder seinen Enkeln mehr blödes Plastikspielzeug, gefälschte Markenturnschuhe, ein eigene abgaspestendes Moped und ein Haus mit Innenklo aus Beton statt aus Lehm und Binsen kaufen können. Wo verdient die Tochter das Gald dafür?

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Näher am Himmel

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Das sind Weihnachtssterne im Vordergrund.

Nach 24 Stunden in acht verschiedenen Verkehrsmitteln bin ich von der laotischen Hauptstadt Vientiane über den Mekong nach Thailand und dort in den Nrden bis fast an die Grenze zu Myanmar gefahren. Die Nacht im sog. Super Vip Bus war eine Tortour, bis ich mich einfach auf dem Boden  langgestreckt habe. Von Chiang Mai aus gings in Ellenbogenfühlung mit den Locals weiter, im Pritschenwagen die letzte Strecke in die Berge kotzten kleine Kinder, die einfach raus über die Straße  gehalten wurden. Mae Salong liegt über 1000 Meter hoch, hier wird Kaffee und vor allem Oolong-Tee angebaut, wegen dem bin ich hier, hab auch schon reichlich Tässchen verköstigt und kiloweise eingekauft.Mein uraltes Gasthaus, von 1970, benannt nach den notorischen Shan (die früher ? mit dem Opiumhandel ihre Unabhängogkeitskämpfe finanzierten, ist schließlich das berühmte Goldene Dreieck hier) kriegt gerade den Modernisierungsschub verpasst, die gemütlich schrottige, zugige Gasthausterrasse ist bereits einem Backsteinwürfel mit Glaswänden gewichen, in dem weder Leute noch Atmo verweilen wollen. Aber die sanfte Berglandschaft mit wahnsinnig weiten Ausblicken und die chinesischen Teeläden an der steilen Serpentinenstraße voller KIsten und Säcken und alten Damen, die dort bei Tee ihren familiären Schwatz halten, ist einfach zu wunderschön.Der alte Wirt oder Besitzer, der immer in der Kneipe saß und rauchte und trank, ist weg und Mopeds haben sie auch keine mehr zu ausleihn, jetzt wo ich auf den Geschmack gekommen wär. Aber nach der Odysse hier herauf, muss ich schon ein wenig bleiben und rumlaufen.

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Nachmittagsmarkt

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überall so viel zu gucken, auch zu riechen und zu schmecken..

 

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Saysouly 1

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So heißt mein Gasthaus. Der junge Mann von der Rezeption bringt mir ein Glas heißes Wasser, indas ich zwei Portionen Instant Kaffee „3 in 1“ schütte; Coffein und Zucker, bester Brennstoff. Mr. Sabaidee, der Franzose von der Insel Dondet, wohnt auch hier. Er wartet auf ein Visum für Indien. Jeden Abend wird die Uferstraße zur Füßgängerzone mit einer kilometerlangen Schlange einheitlicher Buden, die auch alle dasselbe verkaufen. CK-Tshirts, Handyzubehör, Turnschuhe, Lederbörsen, das ganze Grauen idiotischer Konsumartikel aus garantiert schmutziger Billig-Produktion. Globale Massenware, handgewebt. An zwei Plätzen tobt irre laute, monotone Elektro-Musik. Auf einem Podest strampelt sich eine biegsame Eintänzerin ab, übers Headsetmikro gibt sie einpeitschende Kieckser von sich, gut 100 junge Frauen hopsen synchron mit. Das ist kollektive Abendgymnastik. Weiter hinten wird die Uferpromenade von Freiluftrestaurants gesäumt, manche sehr schick und mit Live-Musik durch einen Sänger mit Gitarre. Ich habe die 25 Tage in Laos kein mal westliche Musik gehört.

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Reiselogistik

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Herrn Wang gefallen meine Fotos seines Mopeds in der Landschaft so gut, dass er sie gerne auf seine webseite stellen würde. Aber unsere digitalen Geräte verstehen sich nicht, und email ist völlig abwegig. Zum lesen, schreiben oder auch telefonieren benutzt man die Dinger hier nicht. Im Bus nach Vientiane sitzt eine ceylonesische Kinderärztin aus Genf neben mir, wir sind die einzigen Touristen im Bus. Sie will von Pakxan aus nach Phonsavan zur Ebene der Tonkrüge. Ein paar der sieben Stunden Fahrtzeit bin ich versucht, auch dorthin zu fahren. Aber die Vorstellung von weiteren acht,  wahrscheinlich zehn Stunden für ca 220 km durch Berglandschaften schreckt mich ab und so fahr ich bis in die Hauptstadt durch. Die ganze Strecke über ist der Straßenrand mit Plastikmüll gesäumt. Wenn ich Diktator wäre, würde ich Plastiktüten verbieten und kollektive Zwangsarbeit zum Müllsammeln anordnen. In Ruanda geht das doch auch. Oder man müsste die Sammler für den recycelbaren Rohstoff bezahlen. Wie früher für das Altpapier und das Alteisen. Ja, das hab ich noch erlebt, so alt bin ich schon. Während mir solcher Mist durch den Kopf geht, werd ich immer niedergeschlagener. In Vientiane schleppen mich zwei nette Damen aus Serbien zu ihrem Hostel, wo man mir eine fensterlose Zelle mir Stockbetten für den Preis meines kolonialen Palastzimmers in Thakhet anbietet. Nach weiterem müdem Rumsuchen finde ich eine Absteige, die immerhin gleich zwei Dachterrassen hat. Nach einem Reisküchlein am Stiel vom Holzkohlengrill gehts wieder besser. Und dann sehe ich die erste Buchhandlung in Laos. Mit schönen und teuren Büchern in Englisch und Französisch, also für uns Touristen. Und an jeder Ecke Buden, die Bustickets überallhin verkaufen. Aber ich muss erstmal einfach nur bleiben. Klamotten waschen, den Markt finden, die Uferpromenade entlang spazieren, komisches Zeugs zum essen probieren, noch viel langsamer sein.

 

 

 

 

 

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On the road

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Mangels freier Marktwirtschaft wirbt die sozialistische Volksrepublik halt für sich selbst. Für 10000 Kip -so der auf dem Billboard abgebildete Geldschein -kriegt man zB. ein großes Beerlao oder einen privaten Segensspruch mit Glücksbändchen vom Tempelhüter.

Serpentinen, Schotterpisten, Schlaglochslaloms, Schmalspurbretter-Brücklein. Am Schluss, nach gut 550 km sicherer Fahrt, ein Besuch im Buddha Cave. Wahrscheinlich ist er seiner kessen Ziege hinterhergeklettert: Erst vor ein paar Jahren fand ein Bauer den engen, nur gebückt zu begehenden Eingang der Höhle an der Felswand in  15 m Höhe, in der über 200 Buddhastatuen geborgen sind. Inzwischen führt ein Treppchen hinauf und beim Eintrittskartenhäuschen achtet ein Weiblein darauf, dass auch ich einen Rock über die verstaubten Hosen wickle. Ich bedanke mich für die glückliche Reise, der Tempelhüter dreht mir den Ventilator zu, holt tief Atem für mich und wickelt mir unter einer sehr langen Segenslitanei Bändchen ums Handgelenk. Womit ich bändchenmäßig auch die Peinlichkeitsgrenze überschritten habe. Draußen haue ich aus lauter Freude sieben Mal auf den großen Gong, auf dass die Gibbonwälder und die gezackten Mützenberge und die stinkenden Lkws und die trägem Hunde mitten auf der Straße mitschwingen mögen.

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Horizontverschwimmung

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Mit dem Boot in die Konglor Höhle, ein kathedralengroßer Tunnel von 7,5 km Länge durch den Berg hindurch. Sehr schwarz und unheimlich, ich versuch das „Imbauchdererde-Gefühl“, aber so spirituell fühlt sich wohl auch jeder Bergwerksarbeiter. Dann Stalagtitten und Stalagmitten, hübsch illuminiert dank einer Föderung des neuseeländischen Außenministeriums.Die haben hier auch eine Eco-Lodge gebaut, die ungebraucht vor sich hin verrottet. Die Privatwrtschaft floriert hingegen aufs netteste. Am Ende der Höhle gibts Buden, an denen Frauen an museumsrifen Webstühlen gemusterte Ethnoschals (man trägt sie als Wickelrock) produzieren und sich alle freuen, fotografiert zu werden. Warum?  Steigert das ihre Bedeutung, in abstrakten clouds von Touristen abgebildet zu sein? Oder ist das völlig egal und sie spielen mit, weil sie uns eine Freude machen wollen?

 

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Beer lao

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einen Vordergrund brauchts halt bei der Natiraufnahme:  die allgegenwärtigen gelbem Kästen des beliebten Nationalgetränks auf der Terrasse meines Gasthaues in Konglor Village vor dem Hntergrund der sehr ansehnlichen Kartsberge und der abgeernteen Reisfldern. Außerdem bauen sie dort Grünzeugs an, das sich als Tabak herausstellt.

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Naturerfahrung

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gibt ja nicht viel öderes als Landschaftsbeschreibungen. In Romanen oder Filmen dient der Naturschwenk der Atmo, um die Handlung stimmungsmäßig einzubetten, oder eben als retardierndes Moment. Bei mir  grad wenig Handlung, wenn man das Weiterfahren mit dem Moped nicht als solche bezeichnet, nur Atmo, die dafür sehr retardiert.

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Was auf die Ohren

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Was ist das geil! Die Honda 110er schnurrt über die fast schlaglochfreie Asphaltstraße, nach etwa 50 km zweigt die Hauptstraße samt den paar Lkws Richtung Vietnam ab, nur etwa 100km bis zur Grenze – und dem Ho Chi Minh Pfad. Gemächlich windet sich die Straße undurchdringlich bewaldete Berge rauf und runter, ein großer Stausee hat ein gutes Dutzend Dörfer in sich begraben, bleiche Baumskelette ragen aus dem Wasser, nach knapp drei Stunden erreiche ich eine Brücke, wo man unbedingt im supernetten Gasthaus Sabaidee übernachten soll. Es gibt tatsächlich noch eine letzte spartanische Hütte für mich, thailändische Schlagermusik dröhnt, alle sind schon oder noch betrunken und wild entschlossen, weiter zu feiern. Nebenan im Uferrestaurant johlen erwachsene Frauen zu Karaoke. Von einer Brache neben der Straße schallt Technomüll aus monströsen Boxen, ein paar blaue Plastikstühle stehn und liegen herum,  Freiluftdisco ohne Leute, Musikfolter oder Härtetest für Laustsprecher?  Ich tausche die Geselligkeit glasig glotzender Glatzköpfe aus der ersten Welt und glücklich sabbernder und dazu die Lautstärkeregler aufdrehender Laotinnen gegen eine etwas edlere Bude mit Froschoratorium. Das ist auch irre laut, aber irgendwie besser.

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Neustart

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naja, hört sich etwas zu pathetisch an, mein ja bloß, dass ich ketzt echt mit dem Moped losfahre zum drei oder viertägigen „loop“ durch die Landschaft mit Kartsbergen und Höhlen und Wasserfällen. bisschen schisss…aber die buddhistische Sylvesterparty beim Tempel und die ganze Götzendienerei wird schon Glück bringen.

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ich klein, pengpengpeng

Foyer des ehemaligen Kolonialhotels

Foyer des ehemaligen Kolonialhotels

Als hätte ichs geahnt, dass heute ein besondrer Tag wird, bin ich erst mal umgezogen, Das wahrscheinlich billigste Zimmer von Thaket (Khamouna International Guesthouse) war schon ok, riesige Terrasse ganz für mich, Wasserkocher, kalte Dusche, Fenster zu Dorfjugend und Mopeds, aber mir stand der Sinn plötzlich nach was Besserem. „Francais, ich klein, pengpeng“, sagt der ältere Mann an der Rezeption des ehemaligen Kolonialhotels an der Uferpromenade. Ah, Indochine, seufze ich verlogen und komm mir vor wie in einem Roman von Marguerite Duras. Fünf Meter hohe Decken mit blinden Spiegeln, Fensterläden bis auf den, logo, marmorgefliesten Boden, Teakholzsessel, die nur zum repräsentieren taugen. Das große, spartanische Bad könnte ein wenig Moderne vertragen. Gegen Mittag fühle ich mich langsam auch der angekündigten Mopedsache gewachsen. Zum üben mach ich der paar km entfernten Stupa meine Aufwartung. Auch die ist wieder mal die zweitheiligste Anbetungsstätte des Landes gleich nach Champasack, und da war ich schließlich schon. Frau darf nicht in Hosen rein, also Rock drüber gewickelt, brav Eintritt gezahlt und nach eingehendem Studium der einheimischen Gebräuche auf Knien an den Mönch rangerobbt. Obulus in Geldacheinform in die schon reichlich volle Messigschald getan, offenbar genug für ein doppelt geflochtenes Bändchen, das Mönchlein mir sodann mit hoffentlich segensreichem Gemurmel ums Handgelenk knotet. Und weil ich grad so nett im Raushaumodus bin und es dort, wo ich hinfahren will – mit dem Moped!- Berge hat und kalt sein soll, kauf ich gleich noch eine dicke Jacke auf dem Markt und markier auch bei allen Bettlern den Spendablen. Beim Tempel neben dem Hotel sind über  500 Leute versammelt, die meisten Frauen und Mädchen, alle in Weiß gekleidet, von einer Bühne rapt ein Mönchlein in Orange mit Mikro wie ein Animateur, dankt für Spenden, leiert Gebetsverse, lacht irre. Die Menge hat sich mit Matten, Kissen, Kerzen, Messinggefäßen. Blumengestecken in Bananenblattpyramiden und Zeugs in prallen rotblaugestreiften Plastiktaschen wie zu einem Picknick oder Open-Air Sit-In versammelt. Ein Gespinst aus weißem Garn verbindet sie alle, von der Bühne in die Äste der Bäumen bis zu den geparkten Mopeds hin, einzelne Fäden führen wie Blitzableiter zu den kleinen mobilen Altären der Sitzenden. Gegen dieses monströse und sozial umfassende Netz aus Fäden ist mein Doppelreiher von der Tempelstupa läppische Bändelei. Das bisschen himmlische Nieselei, das nun einsetzt, kann niemanden vom Bleiben abhalten. Nach etwas undurchsichtigem Gewusel sind die Mattenverbände umgruppiert in Gebetssälen, unter Arkaden und Zeltplanen. Schirme, Sonnenschirme, Regenschirme, wo kommen die nun alle her? Als ich schon überlege, mir wenigsten einen weißen Pulli zu kaufen, reicht mir ein Mädchen einen Pappbecher mit heißem süßen Kakao. Und als ob das nicht alles schon längst zu viel des Guten gewesen wäre, treffe ich den alten Schweden wieder. Vor einem Jahr bin ich mal einen Tag in verschiedenen Transportmitteln von Nong Khan nach Loei mit ihm gefahren. Niels ist ein ehemaliger Seemann, jetzt, mit fast 74, geht er am Stock, hat einen Bauernhof in Schweden und reist jeden Winter gut drei Monate hier herum. Thailand, Kambodscha, Laos, Myanmar, Südchina, er kennt die Grenzregionen wie Häfen, schon wegen dem eigenen allmonatlichen „Visarun“, und er mag die Orte des kleinen Grenzverkehrs, an denen man „alles kaufen kann“, wie der alte Freibeuter mit einem weisen, zahnlückigen Lächeln sagt. Ach so, und Happy New Year.

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Noch jemand Fleisch?

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Essen ist auch eine Methode der Dezimierung. Abgesehen von diesem einladenden Stilleben am Busbahnhof von Thaket ist das hier ein überraschend  bezauberndes Kaff. Keine Kirchen, nur ein Tempel bislang gesichtet. Die echt geile maps.me-app dirigiert mich zum nächsten Guesthouse, das verschiedene Zimmer zur Auswahl hat (vergiss booking.com, alles Humbug).Das Mekongufer nahezu müllfrei und eine idyllisch begrünte Kneipe an der andern. Die Nudelsuppe auf dem Markt wird nach vietnamesischer Art mit einem riesigen Teller voll Basilikum, Koriander, Salat und anderem Grünzeugs serviert. Und weil das mit dem Radfahren nix war, hab ich gerade bei Mr Wang für morgen ein Moped gebucht. Jeez!

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Absteigen!

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Halbierte Plastikflaschen als Planzentöpfe im Vertikalbeet

Das Nervige am Reisen ist das Reisen. Also die Bewegung. Endlose Busfahrten über Schlaglochstraßen mit musikalischer Unterhaltung aus knarzigen Lautsprechern, oder: stundenlanges Warten an staubigen Busbahnhöfen an Stadträndern. Wenn  das eigentliche Ziel der ultimative Ort zum Bleiben ist, die Suche nach dem idealen Ort, ist Fortbewegung ohnehin kontraproduktiv. Langsames herumspazieren, flanieren geht gerade noch. Und dann: Fahrradtour! Wegen fiesem Gegenwind will ich schon nach dem ersten Kilometer wieder umkehren. Dann sind es schon zwei und dann nur noch drei zum See. Ausflugsrestaurants auf Stelzen am Ufer, Lotosblüten. kaum Müll. Reisfelder. Die ersten schon wieder neongrün. Nach weiterem Gestrampel und viel Geschiebe auf Staubpiste in gleißender Mittagshitze erreiche ich die 500 Jahre Stupa, wo Buddha mal sein müdes Haupt im Schatten eines Baumes gebettet haben soll – kann ich voll nachempfinden. Die superheilige Stupa ist mir schnuppa, zu meinem Glück gibts in der Touribude eiskaltes M-150, das thai Red Bull.  Die letzten 12 km zurück gehen über die Landstraße, wo die Busse und Lkws langbrettern. Immerhin, Fahrrad/Mopedspur. Ich hab jetzt auch so einen Atemschutz. In lila. Fühl mich,gleich viel integrierter. Weil ich der Blödsinnsinfo aufgesssen bin, es gäbe an der „Freundschaftsbrücke“ nach Thailand einen Markt mit lokalem Ethnozeugs, fahr ich diese Ecke dann auch noch ab. Ich verstehe jetzt wieder sehr gut, dass  sich für die Einheimischen zum Gespött macht, wer freiwilllig Rad fährt, wo es doch Mopeds und Tuktuks gibt.

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Savannakhet

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Fahrpläne. Kann man machen, aber meist machen sie was mit einem. Als wir nach gut elf Stunden, statt sieben, in Savannakhet ankommen, sind wir schon froh, dass überhaupt noch ein Gasthaus offen hat. Fertigplattenbau, aber Zimmer riesig, Holzmöbel, weiße Bodenfließen und weiße Bettwäsche! Balkon, Teekocher, Fahrräder. Die ganze Stadt ist sehr praktisch. Handyreparaturen, Schneider, an einer.Kreuzung unter Zeltplanen eine Kühlschrankausstellung. An der völlig zugemüllten Uferpromenade des Mekong gibt es zum Sonnenuntergang Garküchen mit Plastikmöbeln. Auf der anderen Seite ist Thailand. Savannakhet, Stadt der Ankunft, Provinzhauptstadt, hat eine verfallende Altstadt  im französischen Kolonialstil. Eine klotzige Kirche im Zentrum. Illuminiert und mit bollywoodeskem Krippenbild dekoriert, leer. Vietnamesische und chinesische Tempel. Nach der ersten guten Nudelsuppe mit frischen Kräutern hab ich alle religiösen Sanitäranlagen im weiteren Umkreis durchgetestet. Mus ich jetzt noch zu der urollen Stupa rausgurken? Am Rand, hinter der Bushaltestelle  ein riesiger Markt. Plastikwannen voll grauem Matsch, in dem runzlige müde Augen blinzeln: ein lebendiger Teig übereinanderliegender Ochsenfrösche.

 

 

 

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Der Mann häkelt das Netz

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Mr. Bounhome, mein Herbergswirt, knüpt sich ein neues Fischernetz. Hinter ihm sein Tresen vor dem Regal mit zurückgelassenen Büchern,  u.a. Mo Yan  auf Niederländisch und Kazuo Ishiguro auf Englisch, im Küchendurchgang zu seinen Kräuterhuchbeeten sein Sohn, beim Getränkeausschank darf man sich selbst behelfen, davor ist die Lümmelveranda mit keilförmigen Anlehnkissen und Mekongblick. Mr. Bounhome wünscht mir Glück und gute Reise und knotet mir ein orangenes, dreifach geflochtenes Bändchen ums Handgelenk und winkt zum Abschied. Puh, zwölf Tage war ich dort. Links mein Bungalow.

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Lazy sunday afternoon

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Diese Männer schauen nicht das Äffchen an.

(Titelsong von The small faces, 1968)
natürlich gab es gestern auch Partys mit Buffets, Barbecue, Schokoplätzchen, Laolao-cocktails und Happy Mushrooms. Dröhnen mit blonden Rasta-Kids? Nix mehr für mich, nähere mich mit jedem Tag länger hier eher der Verschratung an. Mr. Bounhome verkauft auch Tickets. Es ist Sonntag, der 25. 12. Ich schwöre, dass die Luft schwer voll Maiglöckchenduft war, als ich mich zum rituellen Spaziermarsch aufmache. Die Existenzfrage geht heute für die kleine Runde aus. Die Ladenbesitzerin hat kein Wechselgeld, der Wasser-Refill ein Geschenk. Mitten in der brütenden Reisstrohsavanne (33 Grad, 80 % Luftfeuchtigkeit ) lärmt eine Horde asiatischer Jugendlicher. Wir fotografieren uns gegenseitig, dann bietet mir einer ein Glas mit Beerlao auf Eiswürfeln an. Ein kleines Kind ruft im Vorbeigehen eine Blume für mich ab, das nächste tänzelt kokett, worauf es von einer missmutigen Lumpenhexe, seine Oma?, zusammen gestaucht wird. Die favorisierten Eiscafeveranden haben Sonntags zu, am Weg bäckt ein Mädchen köstlich süße Bananenkrapfen. Männer häkeln Fischernetze, Jungen spielen Volleyball, ich knipse Blumentöpfe und Geisterhäuschen. Zur Dämmerung liege ich in der Hängematte und schau der Rushhour auf der großen Wasserstaße zu. ein wenig Genatter, dann übernehmen wieder die Frösche. Die Luft ist schwer von Düften. Kannste jeden Vanillekipferl und Zimtstern für vergesssen,

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Du bist nicht allein

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Leute fotografieren ist ja so ne Sache. Das Bild hat eine der Frauen selber gemacht,  ich hab ein bisschen dran rumgespielt. Das lustige Maiskolbenzusammenschmeißen fand an der Südspitze von Don Khone statt, wo man ein Bötchen charten kann. um die seltenen Süßwasserdelphine zu sehen. Mir langt es, um die Insel nahezu jeden Tag einmal herumzuspazieren. Außer mir macht das fast niemand, ein paar Urlauber strampeln den verwunschenen Trampelpfad an Mekongwasserfällchen entlang und durch tropischen Blätterwald mit Fahrrädern ab. Gestern dampfte ein zweiter Fußgänger, Typ Studienrat mit Profikamera vor dem Wanst, schwitzend wie ein Ferkel, den Pfad entlang. Ein echtes dickes Schwein, das sich von seinem Seil losgerissen hatte, suhlte sich fotogen in einem Schlammloch. Dann kam Luis Trenker des. Wegs. Von Kopf bis Fuß in Outdoor-Funktionsklamotten, mit denen er auch im novemberlichen Schwarzwald trekken könnte, quälte et sich mit einem für seine krumme Größe zu kleinen Fahrradbock über Stock und Stein. Auf dem Gepäckträger ein schwarzer Plastiksack, leicht aber voll. Mit Plastiklatschen? Leeren Wasserflaschen? Sammelt er die etwa  ein?  Ein Schrat mit Mission?

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Heiliger Bimbam

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Die Prinzessin ist weg. Vor zwei Tagen brach sie mit einem Rollkoffer nach Vientiane auf, dezent gekleidet in der laotischen Uniform (weiße Bluse, blaue Polyester-Trainingsjacke mit Emblem einer westliche Sportmannschaft), der Koffer war leicht, wahrscheinlich wird sie damit voller Shoppingzeugs zurückkommen. Sie ist auf der Hochzeit eines Neffen und bleibt eine ganze Woche fort. Der Vater bringt wie jeden Abend den in der Hängematte eingeschlafenen kleinen Sohn ins Bett. Die Magd brät mit Ingwergemüse, danach schrubbt sie die Küche, dödelt eine Weile in der nun freien Hängematte auf dem Smartphone rum, bis sie einschläft. Würde sie nie machen, wenn die Hausherrin da wäre. Die nordeuropäische Radfahrerin mit dem knochigen Lederkörper einer Marathon-Rentnerin hat aus ihren Satteltaschen eine weitere schicke weiße Spitzenbluse gezaubert, jetzt hat sie sich bereits zur Nachtruhe verabschiedet. Frösche quaken, Geckos keckern, Mekong rauscht. Es ist gerade mal neun Uhr Heilig Abend.

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Engel Adam

 

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Der Gedanke, dass mein Mini den Geist aufgeben,  oder es  verloren gehen könnte , kam mir zum ersten mal  in einem Festnetz-Telefonat mit Anna fünf Tage vor der Abreise. Panisch machte ich  updates für die cloud und drei echte Fotokopien. Heute früh tut sich immer noch nichts, nicht mal Strom kommt an, der rest schmilzt vor sich hin. ich alles auf handy und lao simcard her. Hier auf der Insel! Internetbudenbetreiber Adam schnitt sie mit der Schere passend. Er ist Brite, seit 7 Jahren hier, hat noch eine Bar namens Adam und spricht  Laotisch. Ich forografier danach den ganzen Tag wie blöd mit dem Telephon. Am Abend guckt magic Adam das Tab einmal kurz an und, oh Wunder!, alles funktioniert wieder.Statt medialer Abstinenz bin ich jetzt e-mäßig noch besser ausgestattet. Kann die map.me-app finden und später weiter in den Terranautem von TC Boyle lesen, die als pdf da drauf siind. (Oder Terzani, Theroux, Kim oder Gosh.) Auf dem Telephon ist das echt zu hart. Deshalb zur Feier der Entzugsvermeidung Mut zum Kitsch: Pastorale

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mist!

das ipad streikt. kaputt? keine ebooks, keine busfahrpläne, keine karten, kein gar nix mehr?

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Arte povera

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James Turrell, Lao style (unvollendet)

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Gardenroute

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ist das wlan vielleicht so lahm, damit ich diese fotomacke mal lasse? Mich vom Netz abnable, mediales detox, informationsabstinenz? Zum Telefonieren benutzt hier übrigens niemand sein smartphone. Wird wie mit dem Lesen (auf Papier) auch diese Kulturtechnik übersprungen? Am Abend sitzt meine Herbergsfamilie mit Brüdern  oder Cousins zusammen, dann palavern sie. Die Frau, seit drei Tagen rothaarig, was leicht nuttig aussieht, spricht am meisten, in quäkend nasalem Befehs- oder Beschwerdeton. ich glaube, sie hält sich für eine Prinzessin. Das in der Hängematte eingeschlafene Kind bringt ihr Mann zu Bett. Der pflegt auch seinen Krätergarten. Fischen oder Grillen sammeln tut er nicht mehr.Bei den Laoten ist es Tradition, das Essen zu teilen. Was macht das, wenn es zur profitablen  Existenzgrundlage wird, uns Touristen Essen zu verkaufen?

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Morning glory

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Nur kein Neid jetzt. Es gibt Schlangen, Skorpione und paar Taranteln, Auch Moskitos und wer das Unheil  besonders herausfordert, kann sich  Billharziose im Mekongwasser holen, mit dem ich mir die Zähne putze. Kleine Viper oder so gesichtet. Die Vorstellung fieser Tiere begleitet mich auf den Trampelpfaden durch Bananengärten, Bambushaine und Märchendschungelwäldchen. Aber schon arg schön. gell? Hängematte (links) habe ich noch zwei auf der Veranda, von der die Aussicht am frühen Morgen stammt. Noch etwas weiter links ist die Badestelle der Wasserbüffelfamilien, sooo süß!  Nachts machen die Frösche ein  Heidengeschnarre und frühmorgends krakeelen die Hähne direkt unter meiner Hütte, bevor sie die Hennen bespringen.

(bei instagram: docbotsch)

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Medien

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Die Inseln haben seit etwa sieben Jahen Elektrizität. Bücher  gibt es bei den Gasthäusern – zm tauschen. Es sind zerfledderten Exemplare in English oder anderen westlichen Sprachen , welche die Touristen da gelassen haben. Riesige Antennen bezeugen den ersten Wohlstand an Geld. Sonntags schauen die Männer Fernsehen. Inzwischen ist das Smartphone allgegenwärtig. Damit scheint eine Stufe der Alphabetisierung, des Lesens, übersprungen zu sein. Wenn sie nicht gerade döst oder sich im Spiegel hübsch macht, guckt die Herbergsmutter endlos, wahrscheinlich Serien. Ihr kleiner Sohn dödelt auch schon penetrant, leider mit lautgestelltem Monotoniegeschrappe. Die ganze Arbeit von früh bis spät macht eine junge Frau mit Hinkebein. Sie hat kein Spielzeug. Und natürlich sitzen alle Touristen, einschliesslich mir, immer die Augen auf das wlan-Gerät in den schönen Verandakneipen, den Blick auf die  malerischen Ansichten nur hebend, um ein Foto zu machen. Die Romantiker versammeln sich zum Sonnenuntergang auf der französischen Brücke von 1910. Sie verbindet die Inseln.Don Det und Khone und ist die Verlängerung der Eisenbahntrasse von 1883, mit der die Franzosen ein paar zerlegbare Schiffe transportierten, um die Wasserfälle zu Kambodscha zu umgehen. Und so auf dem Mekong von Saigon aus nach China zu kommen. Lang her, die Züge fuhren nur bisin die 1930er, die Schwellen wurden verbaut. Heute ist am. Ende der Brücke eine Mautstation. Eintritt inklusive Wasserfall-Naturpark, nur für Ausländer, er kostet so viel wie meine Übernachtung. Aber niemand kassiert oder kontrolliert ernstlich, das Geld geht an die Regierung, wen schert es.

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Animation

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(wlan sehr  lahm, bilder schwierig, deshalb ein paar auf instagram unter docbotsch)

Hellblaue Wasserrohre führen vom Mekong zu den Häusern. Damit werden die kleinen Gärten und Hochbeete für Kräuter bewässert, damit dusche ich auch. Das olivgrüne Wasser ist weich und macht die Haare weich. Die Abwässer gehen direkt zurück in den großen Strom, der hier bis zu 14 km breit ist. Ein Huhn mit Küken pickt aus dem Trog eines dösenden Ferkels. In einem verkohltem Loch in einem Baumstamm ist Duftöl. Hat es sich dort gesammelt, hat es jemand hineingeschüttet, ist das ein Altar? Plötzlich sehe ich auch ein paar Geisterhäuschen. Sie sind viel bescheidener als die goldlackierten Fertig- Tempelchen, die man sich in Thailand vor das Haus stellt, um die Geister außen vor zu halten. Sie sind unauffälliger, selbstgebaut, improvisiert, schäbiger, wirken vernachlässigt. Manche sehen aus wie Briefkästen an Campingplätzen. In einem stehen zwei Mokkarassen. Geister sind Hedonisten. An der südlichsten Spitze der Insel liegen Fahrräder im Reisstroh und drei große junge Touristen stehen rum. Ein falscher Portugiese raucht. Danach sieht die Welt bedeutsamer aus. In einem Baum hängt ein Netz mit leeren Getränkedosen. Kinder knüpfen Plastiktüten an ein Bambusrohr, um damit zu fliegen. Auf Zaunpfosten stecken bepflanzte Blumentöpfe aus Plastimüll. Die „Sensationen des Gewohnlichen „, an die Povl mich erinnert hat, beginnen zu leuchten. Der Blickzauber beseelt die Dinge. Ich gebe dem Portugiesen einen Eiskaffee aus. Er ist auf Weltreise und nimmt lieber einen Karottenshake.

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Infantilisierung

 

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je näher man dem Paradies kommt, desto kindischer wird man.Heißt Glück Verblödung? Wäre eine Idee, der Demenz was positives, Sinn abzugewinnen.

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Ameisenstrasse

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Auf dem weißen Plastikspitzentischtuch hat sich sogleich eine Ameisenstraße zum Zuckertütchen bei meinem Kaffee gebildet. Ein Song Ta U, so ähnlich heißen die motorisierten Blechbüchsen mit Bänken auf der Ladefläche eines Minilkws, hat mich morgens um sieben zum Busbahnhof gebracht, von dort ein Vip-Bus nach Pakse über die Grenze nach Laos. In schüttendem Regen fand sich ein größerer Lkw, auf dessen Ladefläche wir auf Holzbänken zwischen Reissäcken und Großküchengeräten kauerten. Und da war es, das Gefühlt, dass alles gut und schön ist. Stunden später erreichten wir Nakason, ein verratztes Straßennest mit einer Bank und Läden für den täglichen Metallbedarf. Ein Boot brachte uns in zehn Minuten Fahrt auf die Insel Don Deth. Eine zierliche Chinesin schloss sich mir an auf dem matschigen Trampelpfad und wir bekamen die letzten zwei freien „Bungalows“ bei Mr. Bounhom, wo ich schon zwei Weihnachten verbracht hab. Es gibt sieben Holzhütten auf Stelzen, unsere ohne Nasszelle kosten drei Dollar pro Nacht, alle mit rosafarbenem Moskitonetz, Ventilator und Hängematte auf der eigenen Veranda. Weil Lee fast kein Englisch kann, tippt sie in ihr smartphone und  zeigt mir dann die übersetzten Worte. Dazu lächelt sie ganz entzückend. Sie ist Pensionärin aus Shanghai und hat im Sommer schon den Anapurna Trek in Nepal gemacht. Ach ja, der Mekong gurgelt gelbbraun direkt vor unseren Hütten vorbei  und der Vollmond kam auch pünktlich zum Abendessen aus den Wolken.

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Relativ

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Irgendwer hat wo geschrieben,  Ubon Ratchathani sei touristisch unterschätzt. Nirgendwo könne man  besser ziellos in der Gegend herumlaufen. Stimmt. Egal, wo man rumläuft, es sieht alles irgendwie gleich aus. Riesige Werbetafeln an zwei- bis dreistöckigem Häusern, hinter denen sich kein großer architektonischer Gestaltungswille verbirgt, irre lärmiger Verkehr mit  irre lärmigen Kreuzungen, merhspurige Ausfallstraßen irgendwohin, golden gepinselte Tempel. die meist zu sind, ebenso wie das Nationalmuseum oder die öffentliche Bibliothek. Ein Park voller kreischender Kinder, in der Mitte ein goldenes Monstermounment, umgeben von einem Wassergrabenquadrat, indem, jaha, neben Plastiktüten auch Lotosblüten schwimmen. Ich würde Ubon sofort zur lärmigsten Stadt Ostthailands küren. Andrerseits ist es im Verhälrnis dazu bei den Tempelanladen relativ still. Und die irre kächzenden Vögel, die sich bei Dämmerung in den paar Bäumen um den Park sammeln, übertönen fast den Verkehrslärm. Und zwischen 2 und 4 Uhr früh kehrt sogar am Markt Ruhe ein, bevor die Mopedhorden wieder anknattern und von den gerne mit quietschigen Thaischlagern bschallten Lkws Fleischberge entladen werden. die dann mit Äxten auf den Holzklötzen und steineren Tischen zerhackt werden. Außerdem muss man ja nicht ziellos rumlaufen. Nieselt eh. Man kann sich ein paar Bier kaufen und von der  Terrasse auf den leicht stinknden Fluss stieren. Ach so, kein Bier heute. Wär nur relativ hilfreich gewesen.

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Hostel 28

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Es ist gar nicht so leicht, das zu tun, was man sich immer schon gewünscht hat. Im Gasthaus (links oben mein Zimmer)  in Ubon Ratchathani haust auch ein junger Mann aus dem Emsland, der in Australien Gold suchen geht. Beim letzten Mal fand er mehr als eine Unze. Man kann für 20 Dollar eine temporäre Goldschürflizenz kaufen. Von der Terrasse hat.man Blick auf den Moonriver. Daneben ist eine Markthalle, bei der in aller Herrgottsfrühe Fleisch in Stücke gehackt wird.

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Kloake und Koriander

Füsse ist ja ein Topic. Das ist übrigens die so bequeme wie hässliche Latsche von Renee an meinem auch nicht gerade schönen Fuß. Den neugierigen Leguan traf ich im Lumpini Park, wo der Thailländer mit Familie am Sonntag gerne rumrennt und sich an Geräten stählt. Raben gabs und Eichhörnchen auch. Und weil ich so ordentliche Freizeitorte immer öd finde und glaube, man würde eine Stadt am bestem zu Fuß erkunden, bin ich die zuvor mit der Metro gefahrene  Strecke zurückgegangen. Blöde Idee. Entweder an verkehrumtosten Achsen entlang oder durch verwinkelte Müllstraßen, die in Sackgassen enden. Kloaken-Kanäle mit dreisten Ratten, neben denen arme Frauen ihrer Suppenküchen aufbauen, die Koriandedüfte verströmen. Ich mach mal Obsttag. Und verlasse Bangkok mit dem Nachtug nach Ubon Ratchathani.

 

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Your beauty restored

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Das ehemalige Gefängnis würde zum öffentlichen Park mit Trimmdich-Geräten umgewandelt. Männer heben rostige Gewichte. Ein älteres Paar läuft barfuß im Kreis auf einem Muster aus senkrecht eingemauerten Kieselsteinen. Das dient der Fußzonenreflexmassage.  Es tut weh, ich schaff nur eine Runde. Im königlichen Tempel wischt ein Mann die Fussohlen eines schwarz lackierten Betonmönchs ab und drückt dann seine.Stirn in den Frotteelappen. Das dient der inneren Selbstreinigung  sagt er.  In einem,noch königlicheren Tempel kostet der Besuch für Touristen 50 Pfennig Eintritt, aber es gibt niemanden, der kontrolliert. Weil ich betrogen habe, bleibe ich die geschlagene Stunde auf meinen Knien sitzen, die der Mönch ins Mirofon predigt. Dienen eingeschlafene Füsse der Andacht?

 

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Eine Frau kauft einen Besen

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Eine Frau wohnt hier. Eine andere verlegt ein Elektrokabel am Abrisshaus, sie trägt Jeans und ein schwarzes Tshador-Kopftuch, sie raucht lässig Filterzigarette. Im ältesten chinesischen Tempel (von 1658) trinken drei alte Männer Tee und schauen Poolbillard im Fernsehen. Eine Ratte streift meinen Fuß, fast wäre ich drauf getreten. Ein Backpacker verkleidet sich mit Hut, Anzug und Gitarre als Musiker. Ein Mann füttert die Katzen vor meinem Gaushaus. Es sind acht.

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Bangkok Katze

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Ein wenig Cats Content, hat sich Anna gewünscht. Und so bin ich fast direkt mit dem Skytrain vom Flughafen zum Bahnhof Hua Lampong gefahren, wo ich das Gasthaus zuerst gar nicht mehr wiederfand. Die Sackgasse jenseits des Trubels in der Nähe von Chinatown sieht verwahrlost, fast verwüstet aus. Ein Häuserblock, in dem letztes Jahr noch ein freundlich und belebt wirkendes Hotel war, ist abrissfertig, schwarz gähnende Löcher statt Fenstern, Müll. Nur am Ende der Gasse blinken die Lichterketten  zweier Gasthäuser, beide sind offenbar fast leer, nur der obligatorisch nervende Fernseher simuliert Action. Ich suche mir das Zimmer aus, das ich im vorigen Jahr bewohnte, tausche aber eine neuere Matratze aus einem anderen Zimmer. Liegt es daran, dass jemand in seinem Blog schrieb, es gäbe Bettwanzen hier? Wäre ja ein  fieser Trick, sich immer ein freies Zimmer zu sichern. Ich  habe nichts von Ungeziefer gemerkt. Das Haus ist freilich alt und aus Holz, die Trepp nstuf n knarzen, die Kacheln in den Duschen haben Sprünge. Es gibt wlan, eine offene Küche zum benutzen, ich kann endlos Teewasser kochen, und viele zerlesene Bücher sind am meist unbesetzten Tresen aufgereiht. Und es gibt diese vielen Katzen auf der tropisch begrünten Gassenterrasse. Sie liegen auf den Kissen zusammenbrechender Rattansessel herum, in den Blumentöpfen, und auf dem Altar am Ende der Gasse,  die nur für mich hier zuende ist. Hinter einem Gatter aus Wellblech und Maschendraht ist eine weitere Welt. Mir reicht erst mal die davor.

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Tür auf, Tür zu

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Die Ösis haben den Grünen statt dem Rechten gewählt und in Dakota, wo ist das überhaupt, wird die Pipeline nicht durch den Friedhof der Indianer gebaut. Kann man doch auch mal so sehen. Ich mach erst mal die Tür zu.

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Mantis religiosa

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Die Gottesanbeterin ist Tier des Jahres. Des nächsten, glaube ich. Die meist grasgrüne Fangschrecke hat große rumde Facettenaugen, mit denen sie ihr Opfer -Insekt, Heuschrecke, Wespe – anstarrt, bevor sie es auffrisst. Sie kann ihren Kopf um 180 Grad drehen, also nach hinten gucken. Wegen Klima kommt das zierliche Tier  aus Afrika nun auch zu ins. In der Zeit gibt es folgende Aufklärung: „In Europa findet man bis zu 7,5 Zentimeter große Weibchen – die kleineren Männchen werden um die sechs Zentimeter lang. Letztere haben während oder nach der Paarung oft das Nachsehen: Hat das Weibchen Hunger, köpft und verspeist es seinen Sexualpartner. Ist das nicht ein Evolutionsnachteil? Nein, sagt Biologe Schmitt: „Die Kopulation kann auch kopflos erfolgreich zu Ende geführt werden.“

Bei mir auf dem Balkon blühen auch noch Löwenmäulchen. Und die Nebelkrähe hat dort die verpackten Meisenknödel gefleddert und vier mitgehen lassen. Manno, wieso ist das heute alles so lahm, immer noch der Router oder mein Dingens?

Die Gottesanbeterin, praying mantis, ist laut dem südafrikanischen Schriftsteller Laurens van der Post auch ein heiliges Tier bei den Buschmännern.

 

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Kein Anschluss unter dieser Nummer

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Licht geht. Heizung läuft. Teewasser kocht. Ich sitze am Küchentisch zwischen Zetteln, Zeitungen und Büchern. Kurz mal die Mails checken und die Impressis vom Sonntagsspaziergang in den Blog stellen. Passwort! Wieso Passwort? Kennt mein Tablet doch. Sogar das vom Server der Nachbarn ist für immer gespeichert. Egal, tipp ich es halt noch mal ein. Ist doch diese endlose Ziffernfolge, die hinten auf dem Router steht. Nicht? Wieso nicht? Das grüne Pünktchen für WLAN leuchtet doch. Nur das drunter für Telefonie nicht. Ich nehme den Hörer ab – oh ja, ich hab noch so einen antiken Festnetzapparat mit ergonomisch geformtem Hörerknochen und Ringelkabel zur Wandbuchse. Ich höre: ein leise schnarrendes Besetztzeichen. Ich rufe mich selber an: Nummer derzeit nicht erreichbar! Erste Anflüge von Panik. Wie soll ich denn jetzt bei der Telekom anrufen? Mit dem Handy für teuer Geld in der Warteschleife hängen? Und wo ist überhaupt die Nummer? Und wenn die auch nicht mehr ginge? Wenn man gar nicht mehr durchkäme? Wenn da niemand mehr antwortete am anderen Ende? Ich ziehe den Stecker raus. Während ich auf dem Boden zusammengesunken eine endlose Minute warte und dabei das Gerät anstiere, zieht sich die Panikwelle wie um Anlauf zu nehmen für einen Tsunami für einen kurzen Moment der Klarsicht zurück: Vor mir liegt der schlammig vermüllte Meeresboden meiner Ängste: Kein Telefon, kein Internet, keine Kommunikationen! Ich gehe runter zu den Nachbarn, die sitzen vor dem toten Fernseher. Ich ziehe auch dort den Stecker raus, dann spielen wir Karten.

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Zeichen

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Eidechse auf Berliner Pflaster im November. Ist ja wohl klar, was das heißt. Bei den Dogon, so erklärte mir mal ein schöner Mann, steht die Eidechse für den Menschen. Oder seinen Kosmos? Der Mann nahm ein heißes Bad und wir tauschten Jacketts. Meines war aus billiger saphirgrüner Fliegerseide, auf seinem waren safaribraune Eidechsen gedruckt. Es war mir viel zu groß, sodass ich es nie getragen habe.

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Japan

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Das ist kein  Tsunami-Foto. Aber ich lese gerade zu viel darüber.Laurent Mauvignier zum Beispiel. Der Titel seines Buches  heißt „Mit leichtem Gepäck“ (dva) und führt zusammen mit dem Cover aus hellblauen Wellen völlig in die Irre. Oder geht es darum und die Schaumkronen sind eisblau? Lauter Paare treffen sich auf einer Reise und alle verlieren etwas. Sich, das Leben, einander, Wahrheiten. Die Geschichten gehen fließend ineinander über, ein Zurück zu den jeweiligen Protagonisten gibt es nicht. Verstörend nennt man das wohl. Und packend, noch so ein Auf-keinen-Fall-Wort. Amerikanisch, so weit das halt auf Französisch geht. Mauvignier, Jg. 1967, schrieb zuvor „Die Wunde“ über das Trauma des Algerienkriegs.

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Hineni, hineni

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i want to travel blind

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Indien?

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Der Himmel über meiner Schrebergartenhütte in Pankow ist auch Einflugschneise zum Flughafen Tegel. Ich bin mehr für Ausflugschneise, wenn das Blattgold vermodert, ist’s Zeit. Der Reiseblues trommelt,  so zb.:

https://kalabmusic.bandcamp.com/album/ank

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Madonna

 

Berlin Friedrichstraße

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Sie wollte nicht, dass ich sie fotografiere. Auf ihrem Schild stand Operation Krebs, sie ist aus Polen und wohnt hier in Berlin bei ihrer Tochter. Vor sich auf einer Decke hatte sie bonbonbunte Plastikhaargummis, eine Taschenlampe und ein Radio, das dödelte. Ich warf zwei Euro in ihr Schälchen, weil ich  mich gerade gegenüber bei Dussmann in der Friedrichstraße bei einem Buffett österreichischer Indie-Verlage umsonst vollgefressen hatte, sie bedankte sich mit zwei Kärtchen, auf denen einmal der Papst, auf dem anderen die Schwarze Madonna von Tschenstochau abgebildet ist. Am Ostkreuz sitzt seit Monaten immer mal wieder ein alte Frau, die ich aufgrund ihrer bunten Röcke als Roma einordnen würde. Sie hockt auf einer Pappe im Dreck bei einem Gebüsch und bindet Sträusschen aus Kornblumen und wildwachsenden Blumen, kleine gelbe Disteln, die sie von den Böschungen und Randstreifen  der S-Bahntrasse geflückt haben könnte. Ich hab ihr im Mai mal ein Sträusschen abgekauft. Sie bindet immer noch Kornblumensträusschen. Die können nicht mehr aus einer auch nur entfernteren Umgebung stammen. Wo bekommt sie die her? Wer besorgt sie ihr? Ist das hier organisierte Bettelindustrie?

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Potlatsch

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Die Indianer Nordamerikas kannten es, die Eskimos und die Südseebewohner wie die Trobriander und ihre Nachbarn auf den Inseln in den türkisen Weiten des Pazifiks auch. Wo wieder mal die Idee einer evolutionären Verbindung über die Beringsee Sinn machen würde. Potlatsch, umgangssprachlich für sinnlose Verschwendung, das angeberische Raushauen aller Vorräte in einem großen besoffenen Fest, war mal irgendwie dazu da, den sozialen Status (wir hams doch) zu demonstrieren. Mit Schenken hatte das nur oberflächlich zu tun, wie schenken ja immer die Dankbarkeit als Gegengabe erpresst und den Beschenkten verpflichtet. Ja, nehmen ist schon seliger als geben. Die zur Vernichtung der Werte an Futter und Getränken eingeladenen Gäste waren die Statisten eines Rituals der stammeshierarchischen Selbstvergewisserung. Was hat das mit mir zu tun? Im Sommer 2017 wird die Volksbühne Berlin nach 25 Jahrem Castorf abgewickelt, Chris Dercon, ein smarter Ausstellungs-und Eventman, übernimmt die Intendanz, etwa zeitgleich wird Luftlinie etwa 200 Meter weiter auch in der Redaktion der Berliner Zeitung (und des Berliner Kuriers) das Licht ausgemacht. Eine neugegründte „newsroom gmbh“ übernimmt an neuem Standort die Produktion der Titel. In schlichter Kürze heißt das: Betriebsschliessung, Massenentlassung. Ja und was mach ich im Angesicht der drohenden Altersarmut? Ich kauf mir eine sauteure Bluetooth Bose Lautsprecherbox. Zum Trübsal blasen braucht man guten Sound. Yeah.

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Geht doch

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Mehr vom künstlerischen Leider

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Blöde Gans

Frankfurt: Schon am ersten Tag musste ich rauchen. Am zweiten auch. Mit Susanne, mit Melle. Oder wie die Dichterin Iris bemerkte: „Wenn einem so viel Scheiße wiederfährt, ist das schon einen Absturz wert.“ Wieder, sic. Mit dem holländischen Schriftsteller Gerbrand Bakker hatte ich ein unterhaltsames Gespräch  über Psychopharmaka. Ihm ist vor zweieinhalb Jahren sein Hund Jasper gestorben. Darüber geht unter anderem sein letztes Buch, ich habs noch nicht gelesen. Lesen soll man unbedingt dieses Buch: Hier sein, weg sein. 15 von den beteiligten 19 Schriftstellern aus Syrien sind da. Man erkennt sie an den Kopfhörern. Zu allen  Grenzen, die sie überwinden mussten, kommt die Sprachbarriere. Ein Übersetzer jongliert slapstickhaft mit zwei Mikrophonen. In das eine flüstert er, was auf Deutsch gesagt wird, in das andere übersetzt er die arabischen Statements von zwei der Autoren auf dem Podum simultan für uns ins Deutsche. Verstehen kann man da eigentlich vor allem, dass zwei Sprachen gleichzeitig nicht zu verstehen sind. Heinrich Riethmüller, der Vorsteher des Börsenverins, begrüßt die Gäste und fragt rethorisch, „Wie fühlt es sich an, ohne Wurzeln zu sei?“ Boing, da klingelt ein uralter Refrain (Wiederholung) des Nobelpreisträgers hinein: „How does it feel, To be without a home, Like a complete unknown, Like a rolling stone?“ Die inzwischen in Berlin lebende Rasha Abbas ist eine der wenigen Schriftstellerinnen, von der es schon was auf Deutsch gibt. „Die Erfindung der deutschen Grammatik“, bei mirkotext. Was die meisten der übrigen Autoren in ihrer Muttersprache publiziert haben und wie sie schreiben, davon lässt das Buch „Hier sein. weg sein“ Band eine Ahnung aufkommen. „Texte aus Deutschland“ lautet der Untertitel. Das in Windeseile, seit der Idee im Frühjahr dieses Jahres, entstandene Buch versammelt Gedichte und Erzählungen von 19 Schriftstellern, die nach Deutschland geflüchetet sind. Sie sind jung, sie sind alt, sie sind renommiert und berühmt in ihrer Heimat oder sie stehen am Anfang ihrer dichterischen Laufbahn. Bis auf eine Iranerin und einen Jemeniten kommen alle aus Syrien. Der Fotograf Mathias Bothor hat alle wunderschön porträtiert. Und wie immer im kleinen Secessions Verlag ist das Buch wunderbar gestaltet, es duftet nach Druckerschwärze und gutem Papier. Es wirkt kostbar – weil auf jeder Seite Zeilen zu lesen sind, die einen vernichten können. Das habe ich nicht geschrieben. Nur ergreifen. Berühren, schütteln, erschüttern. Gedichte, die einem Gänsehaut machen, Erzählungen vom Krieg, Leid, Flucht. Von Gefängnissen, von Scheiße, von Liebe. Es gibt Humor und Zartheit in den Texten, Zynismus und Realismus, und so unfassbar viel Schrecken. Man möchte zu heulen beginnen beim Lesen. Vielleicht sollte man mehr heulen. How does it feel?

Hier sein, weg sein. Anthologie syrischer Autorinnen und Autoren, Secession Verlag, Zürich/Berlin 2016., 256S., 24 Euro.

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Mehr Meer

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Was kann schöner sein, als ein Buch zu lesen? Sich verlieben zum Beispiel. Und zu glauben, dass man die Einzige für den Anderen ist. So wie die junge Dichterin Charlotte Van den Broeck das in einem flüchtigen Bühnenmoment für Arnon Grünberg war. Die bezaubernde Flämin und der Niederländer eröffneten am vergangenen Dienstag Abend die Frankfurter Buchmesse mit einem Dialoggedicht. Darin ging es um das Paradies, in dem die Menschen einst nackt waren ohne Scham, aber eigentlich um das Paradies, das Europa ist. Und dieses Europa der humanistischen Werte wurde selten so innig und staatstragend beschworen in all den Reden vor echtem König und Königin. Ein echt sympathischer Martin Schulz outete sich als Kind einfacher Leute, dem die Welt der Bücher einst das Leben gerettet habe – er ist gelernter Buchhändler – und rief dann dazu auf, den „Aufstand der Anständigen“ anzuzetteln.Ja, ist schon schön, wenn Politiker und Funktionäre solch feine Reden halten. Und es danach belgischr Freibier satt gibt. Noch schöner kann es sein, sich in einen Liegestuhl zu fläzen und aufs Meer zu schauen. Auch dafür war gesort. Im schmeichelnd schummerlichitgen Gastlandpavillon  lief Auf drei Seiten und über 72 Meter eine Videoprojektion der Nordesseküste. Ebbe und Flut, im Zeiraffer. „Every swimmer swims a sleeper further, jedes Dahintreiben, jeder Kraultag…“ Ehrenamtliche Poesieflüsterer trieben sich dort noch herum. „Ich wolle verwirrt sein“, sagt der künstlerische Leider des Gastlandauftritts Bart Moeyaert, „dass nachdenken muss“.

 

 

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Einmachgläser

Es gibt ja nicht bloß wurmstichige und faulpilzige Äpfel bei mir im Garten. Außerdem heißt es Erntedank- und nicht Erntejammerfest. Gelobt sein soll der unermüdlich dicke Früchte tragende Boskopbaum. Besungen und bekniet die Geschenke des Himmels, der Natur oder eines Gottes. Aber wohin jetzt mit dem ganzen Segen? Die Saison für besuchswillige Freundinnen mit geräumigem Fahrradgepäckträger und Hang zum schorfigen Bioapfel ist vorbei. Die Begeisterung der Hilfskindergärtnerin neben der Stadtwohnung ist nach dem fünften vollen Jutebeutel merklich gedämpft. Wird man ja derzeit mit zugeschüttet, sagt eine andere Bekannte und lehnt die Gabe schnöde ab. Den verwöhnten Bürokollegen ist der Apfel eh nur noch in Kuchenform unterzujubeln. Fluten, Schwemme, Überfluss. Egal, ob Flüchtlinge, Informationen oder Fallobst, das Zuviel wird mit Wörtern aus dem Gewässerbereich bedacht. Insofern ist die Anschaffung einer Saftpresse das Naheliegendste. Der Nachbar hat sich ein mechanisches Exemplar besorgt, das aussieht, als stamme es aus dem Museum der ausgestorbenen Hausfrauenquälereien. Mit stolzer Muskelkraft schraubt er die Pressscheibe am lustig rot lackierten Drehhebel in einen hölzernen Eimer, der an ein Fässchen erinnern soll. Unten tröpfelt ein naturtrübes Rinnsal heraus. Man könnte auch in die Mosterei fahren. Aber wir urbanen Hobbygärtner haben es ja lieber authentisch anstrengend. Ich will nur ein paar Zierquitten einmachen. So mühsam ist das Zerkleinern der knallharten Knubbel gar nicht, und wenn man das Kerngehäuse vorher entfernt hat, geht die Quittenmatsche auch gut durch die Flotte Lotte. Die Gurkengläser mit Schraubverschluss sind allerdings schon alle befüllt. Einmachgläser neu zu kaufen, mindestens 65 Cent das Stück, widerspricht der Spar-Ökonomie des Einmachens. Billiger sind volle. Bloß wer soll die eklig eingelegten Rote Beete essen? Es gibt kein richtiges Einmachen im,Falschen…image

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Erwin!

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Wieso Erwin? Das Bakterium, das den fiesen Feuerbrand an Kernobstbäumen verursacht, heißt Erwinia amylovora. Im Apfelanbaugebiet von Südtirol herrscht rigide und weiträumige Rodungspflicht, wenn ein Befall gesichetet wird. Misteln, ein Zwischenwirt oder so, darf man dort überhaupt nicht mehr anpflanzen.Meldepflichtig ist die Krankheit acuh hier. Es gibt nichts dagegen, wär doch was für Bayer/Monsanto. Zuerst die Pflanzen so modifizieren, dass sie dafür anfällig werden, zugöeich.das Medikament dagegen entwickeln und dann als Monopolist teuer verscherbeln.

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Fallobst

 

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Schon wieder Herbstzeitlose…
Wir haben ein Problem. Ja, wir. Betrifft nämlich auch die allerordentlichsten Gartennachbarn. Zunehmend breiten sich Seuchen aus, da hilft nicht Zaun noch Hecke, schon gar nicht die penibelst gestutzte. Der Feuerbrand ist eine bakterielle Krankheit, 1957 erstmals in Europa gesichtet, meldepflichtig!, seit 10 Jahren vernichtet sie die Obstbäume bei uns. Die gemeine Fruchtfäule Monilia ist dagegen ein fast harmloset Pilz, der Kernobst vor der Zeit noch am Ast faulen und schimmeln und schwarz verknubbeln lässt. Der Faulpilz dringt über winzige Verletzungen ein, wächst kreisförmig um Wurmlöcher und Wespenbisse und überzieht sie mit weißgrauen Schimmelpolsterketten. Das sind die Sporenlager für das gnadenlose Überleben. Gesunde Bäume tragen gesundes Obst? Klar, Herr Nachbar. Meine Bäume sind alt und gebrechlich, sie jetut noch mot einem Schnitt auf jung zu trimmen. wäre das grobe Ende, sie haben den Rost in den Knochen, den Schwamm im Holz. Kriegt man nicht mehr weg. Wie Nagelpilz bei alten Leuten. Früher hat man Fungizide gespritzt, Kupfersulfate, inzwischen verboten. Jetzt soll man die befallenen Teile „entsorgen“. Auf den Kompost sollen die fauligen Äpfel und die am Baum verschrumpelten Fruchtmumien nicht, weil der Pilz drin überwintert. Verbrennen wär gut, auch verboten. Restmülltonne, zu weit weg. In unserer ordentlichen kontrollierten Kolonie sowieso nur noch zu ausgesucht ungünstigen Stunden zugänglich. Ich könnte BSR-Plastiksäcke kaufen für 3 Euro das Stück und die dann zum Straßenrand schleppen, aber dafür Sonntagvormittag in die Vereins-Sprechstunde dackeln? Da heb ich lieber eine tiefe Grube für die Moderknubbel aus und hopse dann den Grabhügel platt.

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Frauenfüße

 

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Sechs Tage Tourist im Zwischenreich. Blaue Flecken an den Armen. Alte Frauen mit offenen Beinen stöhnen im Schlaf. Eine hat Plastiktüten an den Füßen und raucht im Hof, eine weint im Flur. Sie sorgt sich um ihren Mann, mit dem sie seit 1950 zusammen ist. Am Hauptbahnhof wird Schokolade ausgegeben.

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Charity

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„Ihr, die ihr hier eintretet, lasst alle Hoffnung fahren“. Ganz so pathetisch wie Dantes Hölle, die ja schlussendlich eine Komödie ist, ist es nun auch wieder nicht. Aber schon irre, wie schnell das Krankenhaussystem einen auf die Größe eines Fliegenschisses zurechtfaltet. Krank? Sie warten schon vier Stunden? Die Ärzte hier haben wichtigeres zu tun. Feierabend, Mittagspause, Visite  – die dauert dann bei mir,  -wir haben jetzt gut 24 Stunden später, ich hab in einem frisch bezogenen Bettchen geschlafen – etwa 20 Sekunden. Wie gehts Ihren Schmerzen? fragt der Obermufti mit einem Gefolge aus einem Dutzend Studenten.  Dazu zückt er eine aufklappbare Lupe aus der Weißkitteltasche und glotzt mir auf die „Stelle“ im Gesicht. Welche Schmerzen? Ach dann ist ja gut  tschüss. Hä? Dafür gibt es ein herrliches Frühstückstablett mit jenem köstlichen Dreieck Schmelzkäse, das es nur noch in ganz speziellen Pensionen der Erinnerung gibt. Wie, Sie sind gar nicht Frau Krausnick? Vielleicht könnte man von meinen Abertausend Märkern, die ich als treuer Kassenpatient jahrzehntelang eingezahlt hab, dem renommiertesten Universitätskrankenhaus der Hauptstadt mal ein Computersystem spendieren? Müssten sie einem auch nicht mehrfach die selben Fragen stellen – trinken Sie Alkohol? – oder Blut abzapfen, wobei der Famulant (schönes Wort, hübsches Kerlchen auch!) das Venenzerstechen geradezu liebevoll zaudernd praktiziert und die blauen Flecken beim dritten erfolglosen Versuch des Nadellegens echt ganz winzig bleiben. Ja bei irgendwem muss er das ja mal üben dürfen!

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Sie haben Post

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„Nutzen sie diese eigenartige Gelegenheit, unsere Generika Potenzmittel Testpackung auszuprobieren.“ Ich finde es nett von diesem Al Logo, dass er mir das zutraut. Vorgestern fashionblogger, heute Potenzmitteltester. Könnt ich nicht mal Kurklinikkritiker werden?

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Sonnenallee 13o

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Der heutige Preis für die schönste location gebührt Jörg Sundermeier. Für seine Buchvorstellung hat er den Späti 130 auf der Sonnenallee 130 ausgewählt. Dreierlei Tapeten, Kaffeesahne, Resopaltische. Der Verleger des Verbrecher Verlags hat ein Buch im be.bra Verlag veröffentlicht. Es heißt Sonnenalle und geht über die gleichnamige, aus Literatur, Film und Fernsehen berühmte Sraße in Neukölln.Täglich erfahren hat der Autor sie mit dem 41er, nach seiner Lesung überredet er – ganz „Wir sind hier in Neukölln“ Kiezhistoriker  mit Konnections – im Ernst Alek dazu, sein Fahrrrad mit in den Bus zu nehmen. Den Slapstick hab ich mir leider nicht angeguckt. Ebensowenig die nächste Buchvorstellung am Kotti, „Votzenfenderschweine“ aus Jörgs Verlag, das Buch der Musikerin Almut Klotz, das diese kurz vor ihrem krankheitsbedingten Tod vor drei Jahren in einem Rausch, Rutsch, runtergeschrieben hat.

 

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Mode und Verzweiflung

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Ich als Fashionbloggerin, stand in der Einladungsmail,und allein deshalb ging ich hin. Und ein wenig auch, weil ein Besuch im Hotel Adlon am Brandenburgertor schon auch schick ist.  Zog dann aber doch die schon etwas angeschmuddelte Jeans, Hemd und eine kurze Lederjacke an, die ich von einer Freundin geerbt hab, die sie wiederum von einer befreundeten Künstlerin geerbt hat. Und bingo, zuerst gabs einen Run von Lagerfeldklamotten, und die sahen genau so aus, wie das was ich anhatte. Das Publikum, zumeist sehr vornehm gekleidete Chinesinnen, wussten anfangs nicht, ob sie lachen sollten. als da männliche Models mit Dutt in Jeans, man trägt weiterhin enge Röhren, dunkelblauem Pulli und Turnschuhen über den Laufsteg schlenderten. Paar Frauenkostüme in asphalt oder gedecktem moderlilabraun gabs auch, und auch hier beruhigend: weiterhin flache Schuhe. Die  Chinamodels führten dannallesamt lange Abendroben in Kolonialstyle vor, papageinbunt schillernde Seide, zu kostbar,  um sie nur als Nachthemden zu tragen. Die, bzw zwei davon wurden versteigert, der Erlös ging an ein bestimmt nettes eherenamtliches Projekt zur Flüchtlingshilfe in Westend. Die Initiatoren waren da und erzählten sympathisch engagiert von ihren nachbarschaftlichem Plänen, Cafe, Bibliothek, Begegnungsstätte, Handwerkswerkstätten usw. Die Initiatoren der Veranstaltung hatten sich das am Vortag angeguckt, also die Bambuspforte Gesellschaft für Deutsch-Chinesischen Kulturaustausch, mit der bezaubernden Liu  -wir haben auch Migrationshintergrund – und selbst die Modeschöpferin. Yang Minming, die ein silber glitzernd besticktes kanariengelbes Gewand,trug, das 30000 Dollar kosten würde. Am Schluss erbarmten sich zum Glück zwei chinesische Damen je ein Kleid für etwa 750 Euro zu ersteigern. Dann bekamen wir alle einen scheusslichen Schlüsselanhänger von Swarovski und ein Freigetränk. Sekt oder O-Saft. Puh, ich glaub, ich will doch keine Fashionbloggerin werden.

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Goethes Gartenhaus

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Gärtner brauchen ja keinen Urlaub. Schon gar nicht im Sommer. Ich jedenfalls vermisse jedes einzelne Wochenende, das ich nicht in meinem Schrebergärtchen sein kann. Meine Nachbarn hingegen müssen die Schulferien ausnutzen, um mit ihren Kleinfamilien wegzufahren. Mein Glück, da ist mal für drei Wochen Ruh mit dem Kindergekreisch und dem Grillmeistergemacker. Das irre aber ist, dass ihre Beete ganz ohne Betreuung wie im Bilderbuch daherwuchern. Schulterhohe Tomatenstöcke voller dicker Dinger, Bohnen ranken ins Himmelblaue und knallpralle Erbsenschoten lugen bis über den Gartenzaun zu mir. In Nachbars Garten auf der anderen Seite sind die Kohlköpfe zu exaltiertem Gewölk erwachsen, das jeden Ikebanastecker blassaussehen liesse, Kürbisse wie Medizinbälle. Die Kartoffeln will man lieber gar nie sehen. Bei mir haben die Schnecken sogar das im Fachhandel vorgezogene Sixpack Selleriepflänzchen auf Stumpf und Stiel aufgefressen. Roten Bete und Mangold haben es nicht mal in meine ferne Erinnerung geschafft. Tomatenanbau hab ich schon lange aufgegeben. Ich mag auch keine Tomaten. Anfang August hab ich mich immerhin noch mal durchgerungen, den struppigen Teppich aus bitteren Rauken, wilden Möhren und zierlichem Fenchelgegakel aus einem Beet zu rupfen, verirrte Akeleien gleich mit. Dann vorschriftsgemäß Spinat und Feldsalat ins frisch planierte „Herbstbeet“ gesät, Samen in Rillen gedrückt, und Eimerweise schummriges Wasser aus der Regentonne apportiert, um die fiederigen Triebspitzen, ja sie guckten kurz raus, zu gießen. Und nun? Nix mehr da. Ein Wochenendtrip nach Weimar hat gereicht, auf einer Holzbank dem Rauschen uralten Parkbäumen gelauscht, Goethes Phloxrabatten und sein rosenberanktes Gartenhaus besucht. Rosen, ach je, gehen bei mir auch nicht. „Weit und schön ist die Welt, doch o wie dank ich dem Himmel, dass ein Gärtchen beschränkt, zierlich, mein eigen gehört. Bringet mich wieder nach Hause! Was hat ein Gärtner zu reisen? Ehre bringt’s ihm und Glück, wenn er sein Gärtchen versorgt.“ Sagte Goethe – bevor er nach Italien reiste.

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Goethe

 

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Weimar wieder. Im Park spielen sie Federball, das blonde nackte Kind, eine Flasche  Prosecco an den Bauch gedrückt, rennt über die Wiese. Ich lümmel auf einer Holzbank im Schatten. In meinem Buch geht es um Heimweh nach einer Zukunft, die längst verpasst ist. Auf dem Marktplatz ist Weinfest. Alle Tische und Tresen sind voll. Auf dem Mäuerchen ist kein Platz mehr. Bänke und Hocker sind im Boden verschraubt. Vor den Mülltonnen, Weimar ist sauberer als Singapur, ist einer frei. Eine Frau setzt sich zu mir, rücklings, wir ruckeln, sodass wir beide Platz haben, ohne uns zu berühren. Nachdem ich mir ein neues Bier geholt habe, setzen wir uns parallel nebeneinander. Angelika war Kindergärtnerin, ist Rentnerin und mit dem Fahrrad da. Sie trinkt Wasser aus ihrer Flasche und raucht Discounter-Zigarrillos. Ihr Telefon klingelt, ja, sie sitze jetzt noch auf dem Weinfest. Wartet jemand auf sie.Sie ist ein Nachtmensch, schon immer gewesen. Ein Typ drängelt sich an unsere Rücken auf den Hocker. Mädels, sagt er, gibts hier auch einen Puff. Wir sind zu sprachlos, um ihn zu bewchimpfen. Erfurt, sagt Angelika, da sei es auch schön. Rauchen wir noch eine zusammen?

 

 

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Vollzeit

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Halb elf am Morgen. Als ich nach der Arbeit wieder am Ostkreuz vorbeikomme, ist er gerade aufgewacht: ein hübscher Junge, er blinzelt in die schräge Sonne und wundert sich darüber, dass er im Schlaf sogar Geld verdient hat.

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Ausgang

 

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Psychodelisch pinkeln in Friedrichshain. (Foto und Ausgehanimation  Povl)

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Das Tier am Bier

 

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und hier noch die angekündigten Witzsätze aus Selim Özdogans  Roman „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“:

Egal wie jung du bist, Judas war Jünger.Egal wie dicht du bist, Goethe war Dichter.
Egal wie gut du fährst, Züge fahren Güter.Egal wie viel Curry du isst, Freddy ist Mercury. Egal wieviel Hering du fischst, Helene ist Fischer.

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Neben der Spur

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Auch in Berlin lässt sichs gut obdachlos sein. Alte Jakobstraße, gute Adresse. Krankenkasse und Discounter nebenan. Hier, im Text, also nicht dort, wo jede Pizza-to-go-Bude den Standort geradezu zum gesellschaftlichen  Hotspot aufwerten würde, müssten mal ein paar Witze her,  solche wie im Buch von Selim Özdemir mit dem schon mal ziemlich witzigen Titel „Wieso Heimat, ich wohn zur Miete“. Buch ist leider grad im Büro

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Auf der Zeil

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Silvio ist Romani. Die Passanten in der Fußgängerzone finden seinen Sandhund süß und wollen ein Foto machen. Gerne mit dem Enkelkind drauf. Dafür lassen sie dann ein paar Münzen springen. Ich auch. Die Eiscafes und Fressbuden der Frankfurter Zeil sind gut besucht, in den Kaufhäusern ist schon Sommerschlussverkauf. Ein Flaschensammler steckt bis zum Schulterblatt in einer Mülltonne. Einer trägt einen grauen Schlafsack offen wie eine Braut ihren Schleier. Wie zusammengefaltete Monoliten kauern dunkel verhüllte Kopftuchfrauen einzeln auf dem Boden. Ein Mann sitzt in einem Rollstuhl, wo seine Beine nicht sind, steht ein kleiner Lautsprecher, braunkarierte Hosenbeine sind um seine Stümpfe gesteckt. Er hat graublonde Haare und Bartstoppeln in einem zerfurchten schmalen Gesicht. Auf einer Laute zupft er eine orientalische Mollmelodie. Dann singt er, auf kurdisch oder arabisch, was auch immer, es ist ein Klagelied, er hat die Liebe oder die Welt verloren. Ich bleibe in der Nähe stehen, trau mich aber nicht, ihn anzusprechen. Eine zu stark geschminkte junge Frau in zu engen Klamotten und zu hochhackigen Schuhen eilt in ein Billigmodekettengeschäft, macht an der Tür kehrt, kramt in ihrem Handtäschchen, kommt zurück und wirft dem Mann einen Silberling in den Lautenkoffer. Als ich nach einer Weile weitergehe, hört er auf zu singen.

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Bücherflucht

 

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Eigentlich sind ja Bücher gut dafür, sich aus der Wirklichkeit zu stehlen. Bei mir sind es gerade zu viele, weshalb mir die Wirklichkeit schon fast abhanden kommt. Man könnte auch sagen, ich  erlebe nix mehr, weil ich nur noch Bücher lese. Ab morgen sollte sich das wieder etwas ändern. Da fahr ich nach Frankfurt, auf der Fahrt dorthin werd ich im Bordbistro haufenweise Kaffee trinken und im Tolino, so heißt dieses schicke Lesegerät, ja, lesen halt. Vielleicht guck ich auf dem Rückweg nur noch aus dem Fenster. Oder ich belausche Gespräche Fremder, oder, noch wahrscheinlicher, bin genervt von solchen und stöpsel mich wieder in ein Buch ein.

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Sommer

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Das ist ein Gruß nach Tel Aviv. Der Baum voller Sauerkirschen steht in meinem Schrebergarten in Pankow. Ich warte auf die Brombeeren, um die Kirschen wieder mit Chili einzumachen. Aber wenn die Brombeeren reifen, beginnt der Herbst. Dann ist schon wieder ein Jahr rum. Wie dumm.

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Schrebergarten

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Was Nachbarn angeht hab ich echt ein Sauglück. Die einen haben zwei kleine Kinder. Die kriegen ab und zu Zähne.Braucht der Mensch. Auch Wasser, im Sommer besonders in aufblasbaren Plastikpools, erzeugt es bei kleinen Menschen zwingende Kreischgeräusche. Dagegen hat Misanthropie  keine Chance. Nachbarnhass? Da gibts ganz andere. Die,die keine Geräusche machen. Sie sind noch nicht.tot, sie bewirtschaften ja immer noch ihren Garten, seit vierzig Jahren bestimmt, oder siebzig, Geschichte, vergiss es, jedenfalls vorbildlichst, machen nie Lärm oder Rauch, bloß an den Zaun, an die Mauer stellen, das täten sie  uns jederzeit.

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blöde Kunst

 

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Oberbaumbrücke, East Side Gallery, Spreeufer. Leicht bekleidete Eingeborene. Für junge Berlinbesucher ein Muss, mit Sefie vor den Grafitti auf denMauerresten. Jetzt sind 340m der über 1,300 laufender Graffitobildmeter überklebt mit Fotos vom Krieg. Kobane in Schutt und Asche zerschossen, versehrte Menschen. Kinder ohne Beine, Männer mit verschobenen Gesichtern, Mädchen mit Handprothesen. Kein Blut, kein schreiender Schmerz, Wunden sind vernarbt, die Stümpfe versorgt. Der Fotograf Kai Wiedenhöfer hat mal in Damaskus arabisch studiert, auch die letzten Jahre war er mehrmals länger dort. Seine Fotos sind brutal, die von ihm fotografierten Opfer des Krieges setzen sich frontal in Szene, ein kurzer sachlicher Text berichtet,  wer sie sind, wo und wie sie verletzt wurden und wie sie jetzt leben. DieBilder sind krass und agitativ, sie nötigen einen zur Stellungnahme. Dazwischen.9 m lange Landachaftspanoramen, Ruinen in blendend weissem Sonnenlicht. Irgendwo darin wie vergessene Statisten in einem Filmset ein paar herumstreunende Jungs oder Männer um ein Müllfeuer herum. Zur Eröffnung der temporären Fotoausstellung über Syrien hatten einige Künstler der East Side Gallery (jener unsäglichen, aber als Citybranding und bei Touristen ungeheuer beliebten Mauergraffitis) die Fotos aus dem Bürgerkrieg bereits abgerissen, um ihre (kurzfristig überdeckte)  „Kumst“ wieder frei zu legen. Wie blöd können Künstler eigentlich noch sein?

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Ich sehe rot

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Feuerwanzen an der Hermann Hesse Ecke Tucholskistraße. Das kann man nicht erfinden, ist so. Gegenüber steht ein Umspannhäuschen, was ist das überhaupt, in mannshohem Unkraut und sehr lila mit einer Szene aus Tschaikowskis Ballett Schwanensee bemalt.

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Amsel im Spechtloch

 

imageDieser gutgelaunte Musiker im U-Bahnhof Moritzplatz kommt aus Benin.

Der Apfelbaum hängt wieder voller knopfgroßer Früchtchen. Im letzten Jahr hatte eine Windböe die Hälfte des alten, vom Rostpilz geschwächten Baumes abgeknickt. Vor Schmerz hatte der versehrte Riese daraufhin die frugale Fortpflanzung eingestellt. Zum Glück ist er nicht nachtragend, dieser Herbst verspricht wieder eine fette Boskop-Ernte. Zunächst aber dient der knorrige Greis einem Amselpärchen zur Fortpflanzung. Der Buntspecht hat schon mal ein paar getränkedosengroße Löcher in den Stamm gehackt, eines davon hat sich das Amselweibchen als Nest ausgeguckt. Praktisch, denkt sich das dumme Gör und apportiert emsig Blättchen zum Auspolstern des Fertigbauheims. Oh weh, oh weh, das ist zu klein, zwitschere ich warnend. Aber natürlich versteht mich das Tier nicht. Erinnert es denn keine seiner Artgenossinnen daran, dass im vorigen Jahr die winzigen Küken eins nach dem anderen aus dem Spechtloch plumpsten und auf dem Erdreich jämmerlich ihr Lebenslichtlein aushauchten? Wie groß war das Geschrei der Eltern damals! Bis in den Herbst hinein jammerte das Pärchen gar gotterbärmlich und krächzte sein Leid – mit Lied hatte das nichts mehr zu tun – stundenlang vom Apfelbaum aus in den Abendhimmel. Nichts vom möglichen Unheil ahnend plustert sich der Amselerich jetzt dort auf dem höchsten Ast auf und trötet den Stolz auf seine fleißige Braut und den geplanten Nachwuchs in den höchsten Tönen in die Schrebergartenwelt hinaus. Er zetert und kollert und keckert und trillert, er schnattert und quasselt, dass es nur so seine testosterongeschwellte Bewandtnis hat. Führt er Selbstgespräche, flirtet er noch, oder nervt er die Eroberte schon mit besserwisserischen Ratschlägen zum Innendesign der Nestgestaltung? Protzt er bereits mit dem Gymnasium, auf das die Kinder sollen, oder schwingt er nur Angeberreden, um das Revier zu behaupten? Für den großen Überblick propellert er eine kurze Runde in die Höhe, dann thront und trällert er wieder.

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Heimspiel

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Die Klassiker für den Anfänger: Zwei Sixpack mit Petunien aus dem Baumarkt zum Sonderpreis. Alle knallbonbonrosa, haben die vier laufenden Meter Balkonkasten optimal ausgenutzt. Invasiv, könnte man das schon nennen. Die Geranie hält mit massenhaften Blütenstraußen in Puffrot dagegen. Die ausgesähten Tagetes dazwischen haben es schwer, den widrigen Umständen zum Trotz fahren sie zähe knopfgroße Blüten in Dottergelb auf. Einer von vier aus dem Supermarkt  geretteten Petunienkrüppel blüht jetzt samtig lila und fügt sich, der Schlampenerotik seiner wie Sommerröcke wehender Trichterblüten bewusst, kommentarlos in die vulgäre Farborgie ein. Sogar die blassblaue Glockenblume hat einen Hau ins Kitschige gekriegt. Und ja, der Fleck dahinten ist der zunehmende Mond.

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