Nicht wartezimmerfähig

 

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Sofas sind schon da

Ich war in einer großen Stadt. Der Vollmond schien, gelbe Züge und Bahnen fuhren die ganze Nacht. An den Umsteigebahnhöfen wird musiziert und es gibt Drogen. Ein schlaksiger Kerl um die Zwanzig singt „Forever Young“. Bedröhnte Alte tanzen beseelt um ihn herum, er sorgt sich ein wenig um seinen Gitarrenkoffer und die filigrane Anlage, auf der er mit dem Fuß die Rhythmusapp bedient. In einer Kirche ein paar Stationen entfernt wird eine Ausstellung mit Obdachlosenportraits eröffnet. Auf einem Podium erzählt die Fotografin Anekdoten, der ehemals Obdachlose berlinert, der Lokalpolitiker menschelt, der Sozialpraktiker differenziert. In Berlin gibt es keine Obdachlosenstatistik, die sind ja auch so schwierig zu zählen, haha, fragen Sie doch uns, sagt der Leiter des Trinkerwohnheims in der Nostizstzraße. Bei 50 Prozent der Leute sei der Krankenversicherungsschutz relativ leicht reaktivierbar, das Problem, neuer Begriff: „nicht wartezimmerfähig“. Was er auf der Straße am meisten vermisst habe, wird der  „Gerettete“ gefragt: „Nüscht!“ Jetzt arrangiere er sich langsam mit einer Wohnung, zwanzig Jahre, legt er nach, habe er super in der Charité gewohnt, den kurzen Dietrich immer dabei, mehr verrate er nicht,“Ehrenkodex der Straße“. Ein Rentner in weißem Freizeitanzug findet, man müsste auch mal was gegen die Roma-Gangster tun. Stellt sich danach jovial zu den bärtigen Rotweingesellen an den Tisch, tolerant sind die. Ein Trio spielt Space-Musik, leg ich mich echt auf den Holzfußboden vor der Orgel lang hin. Bin ich die Einzige, die sich verhält wie ein Penner?

Ausstellung: Kein Raum, Fotografien von Deborah Ruppert, Heilig-Kreuz-Kirche, Zossenerstr. 6 

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Woanders ist es auch ganz schön…

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Wir erinnern uns. Auch dieser Satz wurde anderswo schon gut benutzt. Heute herbstelt es heftigst (hehehe) in Kleinbloggersdorf, vieles passt zusammen. http://finbarsgift.wordpress.de/2019/09/26/herbstbeginn/ Deswegen hier ein paar schöne Zitate mit links – jaa, ich wollt auch endlich mal eine Blogroll einrichten. Kommt Winter.

„Im Zug dahinfahrend, die Stimme des ehemaligen Kommilitonen im Ohr, werde ich einmal mehr erinnert an das wunderbare Logion 42 aus dem apokryphen Thomasevangelium, das mich seit den Tagen meiner Tübinger Studien begleitet, das ich oft zitiert und in den heiligen Wind gesprochen: »Ait Iesus quia: Estote praeterientes / Jesus sprach: Werdet Vorübergehende«; werde ich gleichermaßen erinnert an das nicht weniger oft zitierte Epitaph des William Butler Yeats: »Cast a cold eye / On life, on death / Horseman pass by«. Auf dem First eines Dorfrathauses sitzt eine einzige Dohle.“

So schreibt der Landpfarrer aus meiner Heimatgegend: https://tagebucheineslandpfarrers.wordpress.com

Auch die gute Wildgans von „Lese und Lebensdinge“verweist auf ihn, wobei sie über „das Wenigerwerden aller Dinge“ sinniert. „Zum Beispiel das Befreiende beim Mülleimerdeckelschließen. Sachen versenken, es wird eh alles verbrannt.“ https://wildgans.wordpress.com

Oder gleich ein GedichtFionka von „Schreiben und lesen lassen“ zitiert eins von Theodor Storm, so leicht und lapidar kanns auch gehen:

Kaum zittert durch die Mittagsruh
Ein Schlag der Dorfuhr, der entfernten;
Dem Alten fällt die Wimper zu,
Er träumt von seinen Honigernten.
– Kein Klang der aufgeregten Zeit
Drang noch in diese Einsamkeit.

Theodor Storm: Gedichte
https://fjonka.wordpress.com

Topp, da geht noch was: Hermann Hesse etwa, dessen Gedichte „Die Welle“, das Maren Wulf von „Orte und Menschen“ zu Wellenbildern montiert. https://orteundmenschen.wordpress.com

Und wie ein Lied am heißen Straßenrand
Fremdtönig klingt mit wunderlichem Reim
Und dir das Herz entführt weit über Land –

So weht mein Leben flüchtig durch die Zeit,
Ist bald vertönt und mündet doch geheim
Ins Reich der Sehnsucht und der Ewigkeit

Bevor es jetzt zu klebrig morbid wird, noch was quasi seriöses. Der Sinn des Lebens besteht darin, ein Niemand zu sein:

https://qz.com/987109/the-purpose-of-life-is-to-be-a-nobody/?utm_source=facebook&utm_medium=qz-archive&fbclid=IwAR3wnwkMfrh9_PDmuiOsXUftIFPC1is3JUzsaPnXCuDBQFZsDKxl4ko77aU

Verschwindsucht allerorten, auf jetzt.

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Draußen war Sommer

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Kann man Ausgrenzung schöner ausdrücken als in diesem vollkommen Dreiwortsatz? Er ist vom Schriftsteller  Albrecht Selge, der unter anderem den „Blog Hundert11-Klassikmusikblog hundert11.net betreibt. „Der Landschaft ist ja alles recht“ – noch so ein toller Satz  aus seinem wunderbaren schmalen Roman „Fliegen“. Er handelt vom leisen Verschwinden einer kleinen Frau, die kein mehr Obdach hat, aber eine Bahncard100. (Mehr dazu nebenan auf https://vogelsspaetlese.wordpress.com/. Ich muss dringend wieder mal Zug fahren. Und Bücher lesen voller Sätze zum abschreiben.

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Schöne Bilder

Stadtauswärts. Landsberger Allee, Lichtenberg Richtung Marzahn

Am Freitag war Lange Nacht der Bilder in Lichtenberg. Den Veranstaltungstipp gabs vom Fotoblogger Stadtauge. Dessen unterkühlte Stadtansichten haben mich schon öfters bei Spaziergängen in besonders öden Stadtgegenden inspiriert und manchmal hab ich den Verdacht, dass ich versuche, seine Ästentik zu imitieren. Aber es gibt mehr von uns und Geschichte eh. Das ist schon Stil, das Mülleimerstillleben ein eigenes Genre, Kunst seit der Schönheit von Heizkörperverkleidungen (Kapielski) und dem Ungeschick der Dinge (Rutschky?), wobei man die beiden eigentlich nicht zusammen in einem Satz nennen sollte. Jedenfalls sind – vielleicht aus Rache am Glatten – in den Massenmedien FB und Instagram die Fotos besonders trostloser Ecken, pittoresk verlassener Buden an von allen guten Geistern verlassenen Ausfallstraßen (Christian Y. Schmidt, Autor des Romans „Der letzte Huelsenbeck“ über einen Hobbyornithologen) von städtischen Nischen und zugigen Plätzen gerade in – oder fallen mir sie vermehrt auf. „Das Schöne, Schäbige und Schwankende“ von Brigitte Kronauer handelt auch irgendwie von einem Ornithologen, aber das führt jetzt echt zu weit ab. Seine Serie „Schöne Orte“ will der Autor Björn Kuhligk gerade per Crowdfunding als Fotobuch im „modernen, urbanen Querformat“ bei mikrotext publizieren, ab 40 Euro mit Kunstdruckposter. Genau, ich wollte ja berichten über meinen Ausflug zur Kunst. Freitag Abend also auf nach Marzahn. Eine Dame in Gelbweste führt eine Besuchergruppe durch eine labyrinthische Flucht von Ateliers. Im Tross ist es nicht so schrecklich, die Künstler und ihre zuvor noch nicht allzu öffentlich präsentierten Werke in ihren Räumen zu besichtigen, mal mit Schlaflager, Wasserkocher, ein alter Sessel, Farbpigmente in Instantkaffeegläsern, vor allem kann man sich in der Gruppe wieder verdrücken, ohne was blödes oder verlogenes über die Kunst gesagt zu haben. Nur an die Weintrauben traut sich keiner, von den Künstlern so erwartungfroh in kleinen Schälchen aufgetischt. Die Führerin erledigt die Kunst-Konversation, mit Seitenblick auf ihr Klemmbrett spricht sie gewandt von Raumerfindungen, von Luft und Wasser, Dynamik ja?, die kubanische Malerin lächelt zustimmend, im Studio nebenan tänzelt eine sehnige Frau in schwarzem Kleid und Papiermaske eine Säbelchoreografie, bei einem expressiven Maler aus Madrid gibt es Salzstangen in einem Glas, complicity, seduction, joy, fear und melancholy, perversion, brutality steht auf einem Flyer zu seinem Werk, zur Selbstvergewisserung greift er sich eine Handvoll metallener Spachtel vom farbfleckigen Tisch, seine Pinsel sind sauber auf dem Fenstersims verräumt, eine Chinesin hat ein Tellerchen mit Kartoffenchips inmitten ihres verträumten nachtblauen Universums aus Öl und Tintenzeichen angerichtet, niemand kommt, im Studio eines israelischen Malers mit Caravaggioaugen, keine Trauben hier, verstärkt leise Ambientmusik vom Laptop den Sogeffekt in die Tiefen seiner riesigen Farbfeldmonochromien, ein strubbeliges Paar zeigt gespiegelte Videos von strudelnden Wasserfluten und hält sich aneinander fest, bei einem Bildhauer mit lustigen Werktiteln steht eine mobile Doppelkochplatte, Weingläser, ein Topf Zwiebeln, seine Frau werkelt auch in Objekten, er bietet an, gute Preise zu machen. In der Toilette auf dem langen Flur bittet ein Schild, Farbe nicht ins Waschbecken zu schütten und kein Klopapier zu klauen. Von einem mit Kupferplatten vollverkleideten Raum hallt Technomusik herüber. Violette Discobeleuchtung, zwei alte Sofas, paar Bierflaschen künden vom Willen, hier Party zu feiern. War schon, kommt noch was. Kein Getränkeausschank. Ich habe gesehen, wozu ich kam. Raum, Luft, Geschichte: Die Ateliers befinden sich in einem funktionalen, 1985 errichteten Gebäudeklotz im ehemaligen mitlitärischen Sperrbezirk der Staatssicherheit in Hohenschönhausen. Gegenüber das Stasigefängnis, von den Sowjets 1951 der Geheimpolizei der DDR übergeben, heute Gedenkstätte, mit Wachturm, Stacheldraht und jenem fahlen Licht, in dem es keine Nacht und keinen Tag gibt. Die „Studios ID“, was für Intelligence Department steht, dienten früher der Entwicklung, Produktion und Instandhaltung von Spionagegeräten. Kameras, Wanzen, Überwachungsanlagen, Tarnausrüstungen, gefälschte Pässe, Taschen mit Geheimfächern usw. Bei den Künstler hat der Genius loci des OTS, des Operativ Technischen Sektors, keine für mich ersichtliche Wirkung hinterlassen. Der Kupferraum abhörsicher, mein Knips-Telefon auf Empfang.

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Otto III.

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Ein Spaziergang, durch Wald und an einem Seeufer entlang, an einem Ort ohne die Nähe von Nachbarn, ohne Geschichte und Erinnerungen. Mit der S-Bahn zur Endstation, rumlaufen, von einem anderen Bahnhof wieder zurück. In Strausberg war ich noch nie, sieht nah von „im Grünen“ aus. Der Jakobsweg, das lerne ich dann, führt hier lang. Erst nach der Wende wurde die Lücke des Pilgerwegnetzes auf beiden Seiten der Oder wieder geschlossen. Überregionaler Knotenpunkt war Frankfurt (Oder), die Pilger des Mittelalters benutzten auf dem Weg nach Santiago de Compostela gern gut ausgebaute und stark frequentierte Handels- und Heeresstraßen. Hier lief einer der ältesten Postwege, die Berlin mit Schlesien,  von der slawischen Burg  Köpenick über Lebus nach Posen führte. Ich erfahre das erst auf einem etwas verwitterten Schild am Uferweg. „Schon im Jahre 1000 nutzte Kaiser Otto III. bei seiner Rückkehr von Gnesen nach Magdeburg diesen Weg.“ Daneben sagt ein Piktogramm, Hunde sind anzuleinen. Strausberg Nord war mal als Armeebahnhof gebaut, weiß ich aber da auch noch nicht und so seh ich auch nichts von möglichen ehemaligen Kasernenbauten. Paar Einfamilienhäuser mit Gärten und Garagen, Autohaus, Fahrradweg, Ausfallstraße, eine dicke Frau mit gemusterter Bluse zieht beschwerlich einen Einkaufskoffer hinter sich her, dann ist man schon draußen,  Sonntag im August Landkreis Märkisch-Oderland. zwei Rufro Eintritt für Erwachsene beim Roten Hof, Kinderbauernhof mit Streichezoo, Tipis, Pferden und Bewirtschaftungen. Ein Hahn kräht. Und nochmal. Das hab ich schon lang nicht mehr gehört. Ein lichter Weg geht durch ein Wäldchen, es duftet betörend nach sonnengewärmtem Harz, alle paar hundert Meter stehen Bänke auf kleinen Lichtungen, niemand da, ein weicher Teppich aus Kiefernzapfen federt unter meinen Schritten, Licht blinzelt, ich pinkle mir einen Hosenbeinsaum nass. Sandige Buchten säumen den Straussee, Sonntagsidyllen wie gemalt, Picknicktaschen und aufblasbare Schwimmtiere, Familien auf Fahrrädern. Väter in Badehosen hüpfen von weiß skelettierte Baumstämmen ins hellblaue Wasser, zwei Bikinifrauen treiben auf einem Tretboot zum Ufer, eine macht Fotos, eine guckt auf ihr Smartphone. Ein Frau im Schatten liest ein Buch. Jungmänner mit prallen Oberschenkeln tragen Bierflaschen spazieren. Auf gemusterten Handtüchern sitzen Paare beieinander. Mein Schwein pfeift.

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Zen im Schrebergarten

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Das Gartenlokal hat neue Bewirtschafter, sie machen jetzt Jazzfrühschoppen. Wenn nur der Kaffee besser wär. Elektronisch verzerrter Gesang zieht weit über die Parzellen. Vom Friedhof weht Glockengeläut herüber. Feiner Regen fällt. Die Schnecken machen sich zum Sonntagsausflug auf. Vier rostrote Wegschnecken (Arion Rufus) setzte ich mit den gleichfarbigen Fauläpfeln auf die Miste. Sie mögen das. Der Komposthaufen ist neu, die Bretter zum Zusammenstecken gab es fertig als Set im Obi. Ich muss ihn noch dauernd aufsuchen, die tortenartigen Schichtungen begutachten, neue hinzufügen. Ich gieße ihn auch. Humus ist heilig. Totholz, auch schön. Insektenhotels gibt’s hier natürlich nicht.

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Long time no see

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Pförtnerhäuschen (1936 gebaut) des Central-, Vieh- und Schlachthofes (1881-1990) Berlin

„Die Zeit der vielen Falter ist gekommen.“ Muss ich jetzt schon Hermann Hesse lesen, um einen guten Satz zu finden. Er habe „zu Schmetterlingen und anderen  flüchtigen und vergänglichen Schönheiten immer ein Verhältnis gehabt, während dauerhafte, feste und sogenannte solide Beziehungen mir nie geglückt sind“, schrieb der Fernreisende aus Calw  in einem Brief von 1926 (Insel Taschenbuch). Im Apfelbaum zanken sich lärmend zwei Ringeltauben, sie schlagen mit den Flügeln um sich, zetern panisch, dann hektisches Geraufe und Übereinander herfallen, Vögeln als Vergewaltigung. Junge Kohlmeise spielt Specht und pickt auf dem Fensterladen herum. Der Eichelhäher kommt mit der ganzen Familie zu Besuch, vier Junge plantschen in der zur Vogeltränke umfunktionierten Obstschale aus Keramik. Zwei, dann drei Distelfinken checken die Kornblumengarbe im Gras nach samen aus.  Im Dornengestrüpp der ungebändigt wuchernden Heckenrose ist Spatzenversammlung.  Der Gartenrotschwanz wippt auf den dünnen Zweigen des Pfirsichbaums. In der Dämmerung  pesen zwei Fledermäuse Achter über meinem Kopf. Vogelbeobachtung macht glücklich. Guck an: Aus dieser spektakulären Einsicht heraus installiert der Landesbund für Vogelschutz (LBV) derzeit in über 40 Pflegeeinrichtungen Vogelfutterhäuschen, damit die Dementen und Verlassenen was zum Freuen haben. „Es geht darum, Naturerlebnisse zu schaffen und damit dem Verlust von Lebensqualität entgegenzuwirken“,  sagt LBV- Projektmanagerin Kathrin Lichtenauer. Sie meint das so. Glück ist die triefende Süße eines überreifen, vom Gewitterregen der Nacht heruntergeschüttelten Pfirsichs zum grünen Tee aus dem Asialaden im Wedding.  Ist das ein Zustand der Gelassenheit oder einfach nur das dumpf saturierte Sein? Die ersten Wespen sind da. Der Spätsommer beginnt. Die Brombeeren am Hohlweg entlang der Gleistrasse aber sind alle vertrocknet. Die Nachmittagssonne heizt noch, Eisessende Mädchen und abgeschaffte Ehepaare sitzen auf der Steinplattform um den Springbrunnen am Storkower Bogen, stoisch trotzen sie dem Ensemble urbaner Tristesse ihre Daseinqualität ab. Fusspflege, Orchidnails, Tabakbörse. Sonja Bistro, Bäckereikettencafé. Wimpern verlängern 50 Euro, Wimpern krümmen 40. Das Kreativkaufhaus Edelhoff entpuppt sich als riesiges Näh- und Bastelparadies. Im Glastunnel des „langen Jammers“ hallt das Brüllen eines Kleinkindes. Im Blankensteinpark liegen Fahrradfahrer mit nacktem Oberkörper auf der Wiese. Eine Krähe keckert von einer Birke herunter. Ein Dackel trägt eine Halskette aus Bernstein. Der Himmel ist weit. Ich habe einen Stein im Schuh.

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Nachtrag zu Read on, my dear, read on

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Sie war 31 Jahre alt, promovierte Historikerin, lebte in Dublin und schrieb den Blog Read on, my dear, read on. Im Mai wurde sie in einem Spiegel Artikel der „Fälschung“ überführt – sie hatte ihre jüdische Identität („ich bin der Jude“) samt vielen Familienangehörigen aus  Holocaust-Opfern erfunden und 22 ihrer vermeintlichen Lebensdaten bei Yad Vashem eingereicht. Jetzt wurde sie tot in ihrer Wohnung aufgefunden, Fremdverschulden wird ausgeschlossen. Ich war lange Zeit eine ihrer vielen Followerinnen, mehrere Hunderttausend sollen es gewesen sein, aber bei wordpress gab es meistens nur ein paar Dutzend Likes unter den Beiträgen. Als ihr Freund, der Tierarzt, letztes Jahr starb, war ich traurig. Etwas seltsam fand ich, wie sehr es mich berührt hat, wo ich ihn doch nur aus den Erzählungen in Read Ons Blog kannte. Befremdlich fand ich, wie sehr ich selbst  – neben dem Kälbchen, der Frau des Krämers oder der Mali Tant – schon im virtuellen Leben von Kleinbloggersdorf lebte. Aber so ergeht es mir ja auch oft beim Lesen von Romanen. Erdichtet bedeutet da ja nicht erstunken und erlogen, vielmehr steht es für gute, bzw.“fesselnde“ Literatur, wenn sie Empathie erzeugt und wir durch sie selbstvergessen in fremde Lebenswelten eintauchen können. Fraglos darf man sich in Blogs neue, andere Identitäten erfinden, ein anderes Leben mit anderen Geschichten ausdenken. Man darf unter Pseudonymen schreiben, sich neue Namen und Familien und Vergangenheiten geben, zu einer Person werden, die man im banalen „richtigen Leben“ nicht ist.  Wahrscheinlich, so hieß es bald, gab es auch den Tierarzt in Wirklichkeit ebensowenig wie die jüdische Großmutter von Fräulein Read on, wie sie sich selbst nannte. Aber was ist „in Wirklichkeit“? Der Tod? Der Text? Madame Read on, Marie Sophie Hingst, hat nach der Veröffentlichung der Anschuldigungen gegen sie ihren Blog vom Netz genommen, ihre oft wunderbaren Texte sind somit gelöscht. Das ist schade. Ihr Tod aber ist furchtbar traurig.

(PS: Diesen Song hatte Fräulein Read on kurz vor ihrem Sendeschluss auf ihrem Blog verlinkt, am 15. April 2019 hatte ich den Link dort von ihr übernommen.)

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Fräulein Read On

 

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https://www.irishtimes.com/news/world/europe/the-life-and-tragic-death-of-trinity-graduate-and-writer-sophie-hingst-1.3967259?mode=amp&fbclid=IwAR3iKc_HxcH5QX_9C5SolWT2ZLZTNXMFB0wfG9h33vRRLdJYapXlw9zcAao

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True Airspeed

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Doha, Katar

Verspätung und Umwege kommen mir gerade recht. Statt Heathrow bei Nacht sehe ich Doha am frühen Morgen. Infrastruktur in der Wüste, schnurgerade Straßen, die rechtwinklig im Nichts abbiegen, einfach enden, vom Sand verweht. Verkehrskreisel, Pisten, irgendwo fern von allem sieben gleiche Wohnblocks, vielleicht kommt da mal eine Stadt hin, eine jener auf dem Reissbrett geplanten, in einem Investorentraum visionierten Siedlungen, Olympiadorf, kommt FußballWM, zukünftiges Wasweißich-Zentrum, Modellstadt, Utopie, Las Vegas. Irrsinnn oder nur zu viel Geld. Der Flughafen riesig, mit Bahn zwischen den Terminals, Raucherlounge und Gebetsraum nebeneinander, die teuren Läden, goldene Designskulpturen, keine einzige Topfpflanze. Draußen ein Fleck dauerbewässerter Rasen in unwirklichem grasgrün, ansonsten eine unendliche Leere. Stacheldrahtumzäunte Quadrate um ausgebleichten Schotter, Antennenmaste, von der Sonne gehärtete Betonquader, lauter mögliche Quantanamos. No Entry. Wieso sind Landebahnen überall auf der Welt englisch beschriftet und wieso sind arabische Ziffern nicht arabisch? Die Route geht zunächst übers Meer nach Osten statt nach Süden, Muskat, eine andere Mondlandschaft, kahle zerklüftete Berge, die steil in hellblaues Meer fallen. Adam. ist das Aden? Plötzlich riesige Bergzüge, scharfkantig, in den Täler ganz vereinzelt Siedlungen, Serpentinen aus Sand, in denen einmal Springfluten und Ströme die schwarzen  Steinmassen geformt haben, als die Erde noch flüssig war, sie durch gewaltige Verschiebungen in Falten zusammengepresst und nach oben gedrückt wurde, lange bevor es Menschen gab. Hier ist die Erde noch immer unbewohnbar wie der Mond. Südarabische Halbinsel, Oman, Jemen, Sanaa? (Ein paar Tag später, so les ich, hat die omanische Autorin Jokha Alharti für ihr Buch „Celestial Bodies“ den Man Booker International Preis bekommen, er handelt von Sklaverei, die im Oman  erst 1970 abgeschafft wurde.) Nach einem indischen Frühstück schlafe ich endlich ein. Als ich aufwache, ist immer noch Wüste unter uns, goldgelbe Sandebene nun, Schäfchenwolken werfen Schattenflecken, Sahara, wird zur Steppe mit einem pickelartigen Bewuchs, durch den immer noch die rote Erde durchscheint wie Kopfhaut unter schütteren Haaren. Büsche, Bäume. Keine geschlossene grüne Decke, kein Wasser weit und breit, kein Wadi, wo mal ein Fluss gewesen war. Wo etwas wächst, fangen sofort Menschenspuren an, Straßen und Kreise, Umrandungen, Zäune, Felder. Richtung Mogadischu, einzelne Bewirtschaftungen, es werde rechteckig, dahinter das Meer, keine Palmen, keine Ortschaften, kein Mensch kann von Salzwasser und Fischen leben. Distance to Destination 2327 Miles, True Airspeed 905 kmh, Altitude 10,340 m. Es gibt Chips und Kitkat. Es wid grün, Mombasa, Sansibar, Daressalam, Mozambik. Dort die Flut.

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Nacht

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Puntland, Somalia

Du bebst vor allem, was nicht trifft,
und was du nie verlierst, das mußt du stets beweinen.
Goethe, Faust (1, Nacht)
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Caykovski

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Es riecht nach Orangen und frisch gemahlenem Kaffee. In der Unterführung zum S-Bahnhof steht ein Hauch Ammoniak in der Luft. Und Spargel, Granatäpfel, Erdbeeren, Honigmelonen und Trauben säumen den Bürgersteig. Caykovski ist ein Teehaus, „90 minutes“ ein Wettbüro. Donnerstags von 12-14 Uhr werden in der evangelischen Kirche Rixdorf Lebensmittel („Laib und Seele“) von der Berliner Tafel ausgegeben.  Im Trödel in der Flughafenstraße kostet ein Rollstuhl 25 Euro, Rollatoren 20. Der Senat lädt ein zum Müllsammeln und Baumscheiben bepflanzen. Hinter einem staubigen Schaufenster stapeln sich blasige, „Frische Gözleme“. Fußdeosprays und Fließverdünner für Diesel, 1 Euro, zusammen in Kisten auf dem Boden. Zwei bös aufgedonnerte Kopftuchmädchen mit Nagelstudiokrallen blinzeln schwerst bewimpert von einer Parkbank in die Sonne. In vollem Karacho pest ein Kleinkind auf seinem Plastikfahrrad auf die Straße, stürzt, brüllt, der morgenländische Nachwuchspimp im soft ausgebremsten Angeberauto tadelt die blondgelockte Mutti. Das Kinderbüro und Jugendrechtehaus Lessinghöhe erwacht gerade aus dem Winterschlaf. An der Ecke Morusstraße weist eine Indianerskulptur gleichgültig in alle Richtungen. Amseln im umzäunten Friedhof, Hundescheiße und ein zerfledderter Kühlschrank auf dem Gehweg. Zufall steht auf einer abgerissenen Tür, eine Genossenschaftswohnanlage mit Balkonen und Backsteinbanderolen an den senfgelben Fassaden.  Ein riesiger Wasserturm, Zufall steht als Graffiti auf einer Stacheldraht bewehrten Mauer. Eine Mutter mit schwarzgefärbten Haaren eilt entschlossen rauchend und zeternd vorbei. „Halts Maul Du Arsch“, sagt ein Vierjähriger zu seiner Freundin. An der „Farbtankstelle“ Ecke Hermannstraße gibt es Restposten an Auslegware, Kunstrasen in Rot, Blau oder Schwarz für 5.99 der laufende Meter, in Grün 4,99. Ein Graulanghaariger mit wenigen Zähnen fragt mich nach dem Weg zum Biomarkt und will mir behilflich sein, als er merkt, dass ich hier „fremd“ bin. SPD, Lara Fashion, Lidl. Kik, Euroshop, McGeiz. Blumen Melek (Engel), Juwelier, Mobile World, Lotterie, Tabak. Fünf schmalste Buden, Kiosk, kösk, nebeneinander. Döner, Gemüse Kebab, Pizza Rollberg, Jasmin Asia. Notgeile Jungs, die Eier zum platzen prall mit Testosteron, giggeln und kuscheln öffentlich miteinander. Eine alte Frau steht vor dem Einkaufstempel mit falschem Silberschmuck in einem aufgeklapptem Bauchladen. Schwer muss der sein. Sie friert, ihre Nase ist rot, die Augen müde, was für ein Scheißleben. Die paar Bänke in der Wärme der überdachten Einkaufsmall sind von älteren Frauen mit Kopftüchern besetzt. Ihnen gegenüber sitzen Kopftuchfrauen auf Rollatoren. Sie haben kein Geld fürs Teehaus. Bei Elif kostet das große Glas Tee 1 Euro. Der Sesamkringel ist knusprig. In den Musikvideos, die auf der Flatscreen in dezenter Lautstärke laufen, lutschen blonde Schlägersängerinnen wie zur Shampoowerbung dauernd das Wasser unter  der Dusche. Eine weißhaarige Dame schaut begeistert eine Soapie-Serie in ihrem Telefon. Es werden da viele Sprechchöre intoniert, manchmal schrecken wir anderen Teehausbesucher neben ihr kurz auf. Die zwei türkischen Rentner in wattierten Jacken, leicht müffelnd, einer mit Schiebermütze, palavern ungerührt weiter. Eine Frau trägt Modeschmuck, schwarze Plastikgehänge als Ohrringe, einer spannt das Kleid über den Hüften, einer anderem zipfelt der zu dünne Rock über den Leggings, das geliebte Kind ist übergewichtig. Fett und blöd. Kultursensibler Pflegedienst, heißt es an einem anderen Schaufenster. Back home again.

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Du hustest nicht allein

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Pieta vor der Wache – im Hof stehen Unfallautos

Die Katzen vom Shaman Bookstore in Chiang Mai lagern in laszivem Desinteresse zwischen und auf den Regalen des erlesenen Sortiments an Secondhand-Büchern. (Elephanta Suite von Paul Theroux gefunden.) Odalisque von Ingres fällt mir dazu ein, aber das liegt wahrscheinlich am türkischen Kardamom-Kaffee, den ich gerade auf dem Atatürk Flughafen von Istanbul trinke. Die Raucherterrasse ist ein luftiger, mit Maschendraht umgebener Käfig  und hängt wie ein Vogelhorst an der Fassade. Wie gerne würde ich mich zu den Männern in dunkelblauen Anzügen gesellen, eine Slimkippe schnorren und gedankenverloren auf das Flugfeld blicken, noch so eine Erinnerung. Worst pollution worldwide, titelte die Thaitimes über Chiang Mai. Der Air Quality Index (aqicn.org., neue Lieblingsseite) ist mit über 300 Punkten im violetten Bereich –  vor Dhaka, Ulan Bator, Kabul – danach kommt nur noch braun, bedeutet kurz vor Erstickungstod, jedenfalls wenn man eh schon aus dem letzten Loch pfeift. Waldbrände, abfackelnde Reisstoppelfelder, Smog und eine Hitze, die wie ein dicker staubiger Teppich auf dem  Land lastet, in die Straßen der Städte drückt und über den Bergen liegt, machen nicht nur Alten und Gebrechlichen das Luftholen schwer. Particular Matters, PM10, Messwert für Feinstaub, Bangkok bei 38 Grad 174:  Berlin heute 14. Seit der Besuch in einigen Tempeln von Chiang Mai Eindritt kostet, haben die Selfieo-Orgien abgenommen. Eine Gruppe älterer Frauen in schwarzen Spitzenkleidern und passenden Handtaschen kommt barfüßig herein, andächtig knien sie sich vor dem goldenen Altar auf den Boden. Im Tempel nebenan ist eine Leiche aufgebahrt,  stundenlang singen die Moönche ihren Sermon, es gibt Essen und  süßen Tee für alle, die Trauernden tragen weiß. Ein junges Nüttchen platziert sich vor die vornehmen Damen, freilich nicht zum Gebet, sie schüttelt die Haare zurecht und posiert für ein Foto, mit dem Rücken, oh weh, Tabu, Blasphemie!, mit den nackten Füßen, zum Buddha. Da kramen auch die schwarzen Witwen ihre Handys aus den Handtaschen und fotografiern sich reihum genauso. Im nächsten Tempel gibt eine weißgekleidete Nonne (?) einen dreistündigen Meditationskurs, Schwester Boa meditiert 15 Stunden am Tag und ernährt sich von wässriger Kürbissuppe. Damit heile sie sogar Zahnschmerzen, an der Schläfe hat sie ein talergroßes schwarzes Geschwür, das hat wohl auch seine Richtigkeit. Ich bin aus Versehen da gelandet, bzw nicht mehr rechtzeitig davon gekommen. Zum Einüben bewegen wir eine halbe Stunde die Hände und Unterarme in minimalistischem Ablauf, Hand auf Bauch, Hand aufs Herz. Dann laufen wir eine Stunde hin und her, ganz langsam, Schritt für Schritt, mit der ganzen Sohle den Boden berühren, Gewicht verlagern, ausatmen. Die zwei jungen Amerikanerinnen und eine Alleinreisende aus Prag können das ganz gut, Gehen-Meditation, in sich gehen, sich finden, mich finden vor allem drei Moskitos. Im Wandelgarten des königlichen Haupttempels hängen Kalendersprüche auf verwitterten Holztäfelchen in den Bäumen. Good to forgive, the best to forget. In einer silbrigen Blechschale liegen Briefumschläge für die Spenden bereit. Ein Mönch nimmt die Umschläge auf einem gelben Tuch entgegen, spritzt einem etwas Weihwasser mit einem Besen aufs Haupt, knotet Bändel ums Handgelenk, a glas of wine, a cigarette, and than its time to go…

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Shaman Bookstore in Chiang Mai

 

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An die Grenze gehen

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Der Schlagbaum.

Nachts brennt ein Berghang, niemand kümmerts,  keine Feuerwehr, keine Straße dorthin, kein Bach, ein chinesisches Tomatencurry und ein Bier beim Schnaps trinkenden Mr. Ho und ein paar Stunden später ist das Feuer von selbst ausgegangen, die Luft noch rauchverhangener, die Berge auch tagsüber kaum mehr zu sehen. Im lichten Laubwald ist es schattig und etwas kühler, im Dorf hinterm Tempel, 712 Stufen hoch über dem Oolong-Tee-Dorf Mae Salong, wird Kaffee angebaut. die Bohnen liegen zum Trocknen auf Bambuspodesten im fahlgelben Licht, die altertümlichen Zahnradmaschinen zum Kaffeebohnenwaschen stehen still. In einem Bambuskäfig hüpft ein kleiner Rabe. Noch ein Dorf  höher und weiter windet sich der Weg durch zauberischen Dschungel. Limousinenhafte Pickups transportieren Jutesäcke voller Kaffeebohnen ab, Mopeds mit Schulkindern knattern vorbei. Winzige Vögel zwitschern, als würde jemand mit einem Löffelchen auf ein Heizungstohr klimpern, ein größerer wirft sein Kiwitt in die Runde und bekommt Antworten, ein Sound,  als ob im Nebenhaus das Radio liefe, Grillensirren,  schwarzweißgeszreifte Schmetterlinge,  weiße Weihnachtssternbäume, hier gibt es keine wilden Tiere. Eine rotgestreifte Bambussperre markiert die Grenze. Birma sagen ein paar schwarz Uniformierte, lässig baumeln ihre Gewehre, fotografieren darf ich, weitergehen nicht.

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lokaler Transport

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Durchgangsstationen

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In Tha Ton endet  der Linienbus, mit einem Bötchen könnte man den Mae Kok hinunter nach Chiang Rai fahren,  weiter in die Berge hoch geht es mit Song Thaews, den klapprigen Pritschenwagen,  Aber erst am kommenden Tag.  Durchgangssationen sind oftmlas gute Orte zum Innehalten. Bei Station 4 des Pilgerwegs den Berg hinauf döst nur ein Hund bei den verwaisten Hütten eins Mditationszentrums, die Stupa bei Station 8 muss besonders heilig sein. Man kann in ihr auf einem Wendelgang (Rollstühle stehen bereit) hochsteigen, vorbei an einem Sammelsurium aus gruseligen Wachsmönchen, Buddhas und Shivas aus Gips, Gold, Jade oder Plastik und gespendeten Kitschgefäßen.  Der Besitzer vom Inter View schlummert bei laufendem Fernseher auf der Terrasse seines Gasthauses. Poliertes Tropenholz, Blick über einen Teppich aus Bougainvielleas. Orangen, Tee und Kaffee frei. Ein Gast mit haalblangen grauen Haaren sitzt an seinem Laptop. Ken, ein Schwede, war auch nur kurz gestrandet hier auf der Durchreise mit dem Motorrad, jetzt ist er schon Wochen hier. Er sei auf der Suche nach einem Ort zum Bleiben. Seit ein paar Jahren würde sich etwas ändern, in der Welt, im Bewusstsein, zumndestvon Leuten wie ihm. Genug hätten sie materiellen Dingen, von Anarchie auch und ungezügelter Fteiheit, nun suchten sie nach etwas Stabilem, nach etwas das sich nicht dauernd verändert, darf durchaus etwas konservativ sein.. Er habe auch genug Erinnerungen, er mag keine neuen mehr dazu haben. Man müsse jetztt das Sterben üben. Wir trinken den nächsten Tee, auf seinem Bildschirm ploppt das Angebot auf für ein billiges Häusche in Norschweden, vielleicht, sagt Ken, könnte seine Tochter ihm das kaufen. Am nächsten Tag fährt er mit seinem Motorrad hoch nach Mae Salong, das sei ein Ort der starken Energien. Manchmal würden die Naturgeister zu übermächtig, dann würden die Dörfler die buddhistischen Mönche zu Hilfe holen.

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Ein Schiff in den Bergen

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Der gewundene Pfad auf Stelzen mit lialfarbenem Geländer endet an einer letzten Aussichtsplattform. Die hat die Form eines Schiffes, über dem goldenen Rumpf wölbt sich ein geschwungenem Dach aus rotgoldenen Holzbohlen. Von den eisernen Sitzbänken blättert die rote Farbe. Für 30 Passagiere ist Platz, doch der Kapitän ist nie angekommen, die Mannschaft hat sich über die sieben Hügel  ins Nachbarland abgesetzt. Ein silberner Anker liegt im Bug, das Führerhaus am hinteren Ende ist verlassen. Auf der Veranda des geschlossenen Restaurants neben dem stehenden Buddha ist eine weißschwarze Katze der einzige Gast. Die Tische sind mit weißen Plastiktüchern gedeckt. Die Köchin schläft ein halbes Jahr. Der acht Meter hohe goldene Buddha steht auf einer Bergnase hoch über der Stadt am Fluss, er markiert die letzte der neun Stationen des Pilgerwegs den Berg herauf. Niemand ist heute unterwegs, die 28 Mönchzellen auf halber Höhe im Raschelwald stehen leer. Im Schatten döst ein schwarzer Hund. Eine Eidechse huscht über die Baumwurzeln. In einer  Amulettbude telefoniert eine einsame Verkäuferin. Hinter der nächsten Biegung des Flusses, über den Bergen, beginnt Myanmar, die grüne Grenze, ein halber Tagesmarsch. Ein lauthals singender Mann knattert auf einem Moped um eine steile Kurve. Seine Augen funkeln, wild schielen sie in verschiedene Richtungen, Zähne hat er kaum mehr, er strahlt mich an. Im Städtchen im Tal ist Markt. Halbwüchsige hören Popmusik aus dem auf der Brücke geparkten Auto und trinken Dosenbier.

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Fuck the poor

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Eigentlich habe ich längst genug von der vermeintlichen Authentizität der Armut, der Vernachlässigung der Natur, der Missachtung der unmittelbaren Umwelt, dem gedankenlosen Zumüllen des Nichteigenen mit Plastikdreck. Jedes noch so pittoresk zerlumpte Kind lässt die Chipstüte da fallen, wo es sie leer gefuttert hat. Jedes Flußufer eine Abfallhalde, jede Brache ein stinkend verkokelter Haufen aus Matratzenfetzen, Elektronikschrott, verbrauchtem Hausrats, öligen Motorwracks, Schutt. Da liegen keine Scherben mehr, keine zerbrochenen Erinnerungen oder geplatzten Träume, da eitern Geschwüre aus Gift und Chemie. Zusammengeschmolzen zu oszillierenden Klumpen und blasigen Fladen, die nicht in diesem Leben mehr verrotten. In Bangkok angekommen mit dem Nachtzug kaufe ich sofort eine Fahrkarte erster Klasse für den nächsten Nachtzug.  Den Tag verbringe ich nicht in der schmuddeligen alten Welt, sondern in der glitzernden Stadt der Moderne. Eine Trasse des Skytrains zerteilt den fahlweißen Himmel über der Sukhumvit Road, stilettosteile Hochäuser aller Hiltons und Carltons werfen keinen Schatten, in ihren Granit- und Glasfassaden spiegeln sich die kreischenden Botschaften von Videobillboards, auf  halbem Weg zu den Wolken, die es nicht gibt, wachsen Palmen. Shopping-Malls und Untergrundpassagen sind frostig klimatisiert und todschick begrünt. Wenns dort nur nicht so grauenhaft langweilig wär. Kein Eindringen, keine Eimsichten, überall Fassade hochglanzpoliert, Luis Vutton wirbt mit Mädchen in kolonialem snakewhite und sahnigem afrobraun. Im Park dreht ein schwarz Uniformierter mit Springerstiefeln auf einem Rädchen Runden um den künstlichen See. Ein Kleinkind mit Vater füttert Tauben, der Parkwächter setzt energisch seiner Trillerpfeife ein. Den Sonntagsfrieden stört das nicht. Im Pavillon führen Mädchen geheime Telefonate, in den Bäumen ratschen Streifenhörnchen und springen wie schwerelos durchs Geäst, eine schwarze Katze döst auf dem Podest einer abstrakten Skulptur. Die Risse in der Oberfläche sind doch ganz nah. In den Seitengassen vertreiben Mädchen vor Massagesalons sich rauchend die Zeit, die schon am Nachmittag auf dunkelrot und violett gedimmten Bars dünsten den Alkoholschweiß übler Nächte aus, noch die mobilen Garküchen riechen nach Gosse. 

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Marktgemälde

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Manchmal ists gar nicht so schlecht, wenn Texte verloren gehen. Der sollte mal wieder von den unwiderstehlichen Sensationen eines dörflichen Marktes erzählen. Verschrumpelte Frösche auf Bambusspießchen und Unterhosen im Sechsepack, Fische zappeln in Plastikwannen,  Marktfrauen unter grünen Sonnensegeln wedeln mit einer Tüte an einem stöckchen die Fliegen von Fleisschstücken weg, Koriander, Knoblauch und Basilikum, parfümierte Seifen, getrocknete Chillischoten, Smartphonebuden, der Geruch von Schmalzküchlein und faulendem Abfall, der flirrende Impressionismus, die  übliche Kakophonie aus einander überwältigenden  Sinneseindrücken… Und plötzlich diese würzigen Duftschwaden: die zwei Frauen auf dem Lastwagen rauchten beide einen fingerdicken Joint, fürs Foto verbargen sie ihn diskret.

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Spiegelung geht immer

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Der Seemann ist wieder da, bläulich wie zarte Krampfadern seine Tättowierungem am nackten Oberkörper, immer noch blass vom Vermeiden allen Tageslichts, er freut sich nicht, mich wiederzusehen. Ein übergewichtiges Pärchen aus England schweigt sich an. Zufrieden essen sie große Portionen gebratener Nudeln, meine Schüssel vietnamesischer Nudelsuppe ist auch riesig und schmeckt ziemlich grandios. Zwei junge Laoten bestellen ebenfalls Suppe, sie hören laut Popmusik mit ihrem Smartphone. Eigentlich mögen wir die Einheimische doch lieber arm, still und rückständig. Zurück über die Grenze nach Thailand, die Abendsonne wirft einen silbernen Glanz auf den breiten Fluss. Mekong Ade. Und plötzlich diese „Schwernehmigkeit“, so nannte mein Vater das. Die beissende Schärfe einer Nudelsuppe am Bahnhof von Ubon sollte jeden Anflug von Weltschmerz verscheuchen. Ach hätte ich doch den im Wasserfläschchen getarnten Laolaofusel gekauft. Aber eine ganze Nacht im Wiegen des  Zuges muss ausreichen. Weiße und gelbe Lichter ziehen vor dem Fensterpanprama vorbei, blitzen kurz auf im Schwarz, ein entgegenkommender Zug wird vorbeigelassen, er pfeift, wie alle Züge in allen Träumen der Welt pfeifen, beim Halt im Irgendwo stehen fahle  Gestalten am Bahndamm. Gehen sie nach Hause? Haben sie ein Haus? Schlafen sie unter einem Dach aus Wellblech, einer Plane, aus Stroh, aus Bambuslatten, aus Holz mit verziertem First in Form eines Drachen?

 

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Mehr geht von außen nicht

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Dünne Jungen springen die zehn oder mehr Meter des Wasserfalls hinunter. SIe tragen dabei ihre engen Jeans und manche sogar stolz Kapuzenshirts, nur die Schlappen werfen sie voraus ins tosende Wasser. Unverblümt schauen sie die Touristinnen in den Bikinis an. wir schauen zurück und lassen uns an den schwarzen Fels geklammert minutenlang den Rücken vom donnernden Wasserfall massieren. Mehr von außen geht nicht. Nur ein paar hundert Metee weiter, wo die Bambusstege über die brodelnden Pools enden und die Picknick-, Wasch- und Badezone aufhört, führt der Pfad ins struppige Gebüsch. Ein uralter Mann hackt mit seiner Machete Brennholz, er deutet verschämt auf seinen eingefallenen Brustkorb und in den Himmel, ein bisschen zu großer Geldschein (das Kleingeld haben mir zuvor kleine Mädchen mit gerösteten Bohnenkernen abgeknöpft) verzaubert sein Runzelgesicht zu einem  zahnlosen Lächeln. Sein nahes Dorf hat keine Straße, die mit dem Auto erreichbar wäre. In der Mitte des Dorfplatzes steht ein großes Gemeinschaftshaus. Das ist ein Spirithouse, ein ho kuan der Ngae Ethnie, ein Geisterhaus. Die schwarz bemalten Holzplanken sind mit Zeichen, Schlangenlinien und Kringeln in weißen Pinselstrichen dekoriert. So ähnlich hab ich das bisher nur auf den Trobriand Inseln gsehen. Einmal im Jahr, jetzt im März, werden hier die Geister der Ahnen mit rituellen Umrundungen, zeremoniellen Tänzen  und Getrommel beschworen. Für Fremde wie mich, Frauen wahrscheinlich sowieso, ist das alles Tabu, Knochen und Towrhörner werden dort aufbewahrt, das Schlagen der Ttommel und auch die roh geschnitzen Holzpfosen bloß nicht berühren, warnt eine verblichene Tafel. Ein paar ältere Männer sitzen am Rand des Platzes im Schatten und beobachten mich misstrauisch. Ich mach mich lieber vom Acker. Am Dorfausgang ist eine schmutzwassrige Gänsefurt, danach stellt sich ein ein Mann mit Machete – haben alle immer dabei – in den Weg. Mit einem Stöckchen malt er Kreise und Linien in den Staub, und eine Zahl, so viel Gled will er dafür, dass er mich führen würde, ich steige ihm nach über drei Zäune und durch Gärten, dann ists mir zu blöd und ich geh allein einen zaunlosen  Trampelpfad an abgefackelten Reisstoppelfelder entlang. Die gleissende Sonne  steht hoch, mir ist ein  bisschen gespenstisch zumute. Als ich eine Stunde später das nächste  Dorf und eine Straße sehe, bin ich erleichtert. Auch dort gibt es ein bemaltes Ahnenhaus in der Mitte. Hier sitzen Männer drin und palavern laut. Bier haben sie auch. Frauen lagern ringsum im Schatten unter ihren Häusern, Hühner, Ferkel und große Muttersäue laufen herum. Mädchen grüßen scheu.

 

 

 

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Mobile Nagelstudios

 

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Tadlo hat der Seemann gesagt.  Der Bus von Pakse aus braucht länger. Er fährt auch später los. Mit den Diensten von zwei Frauen mit mobilen Maniküre-Pediküre-Nagelstudios im Plastikkörbchen vertreiben sich Reisende die Wartezeit. Eine Bäurin bietet  Bündel mit weißen Rübchen feil. An einer der vielen bunten Buden braut ein Frau mit roten Wangen und rotem Kopftuch sirupdicken Kaffee, schüttet ihn mit gesüßter Kondensmilch auf und über ein Pfund geschredderte Eiswürfel. Als wir in Tadlo ankommen ist es dunkel, Ich bekomme das letzte freie Zimmer im empfohlenen Gasthaus. Die  Hängematte aus grünem Tuch auf der Holzveranda wiegt mich nah an die Seligkeit. Eine – nur eine und nicht diese Millionen von der Insel – Grille zirpt und macht die samtschwarze Stille hörbar.

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Brückentage, Hohlwege

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Der Hund schläft über Nacht vor meiner offenen Hüttentür, eine Hängematte baumelt vor der Holzveranda, am Morgen schaut der Gockel vorbei. Enten mit einem Dutzend Küken picken sich durchs trockene Gras. Nachts donnern tellergroße dürre Blätter aufs Blechdach. Mein Hirn ist auch schon ausgedörrt. Um den Zustand dieser hohlköpfigen Leere zu erreichen, müsste man zuhause ganz schön lange auf einem Bein stehen.

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Geister und andere Pflanzen

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Die Hitze ist mörderisch, die Zikaden machen einen Höllenlärm. Es ist ein Sirren. als wär man mitten in der Turbine eines kosmischen Elektrizitätsswerkes. Ich wache in der Morgendämmerung davon auf und habe von schrillenden Alarmglocken geträumt.  In den ausgebleichten Stoppeln der Reisfelder grasen gelbe Kühe mit hunderten von Kälbchen. In den offenen Verandabars  stehen die Rucksacktouristen und betrinken sich schon am Vormittag mit eiskaltem Beer Lao. Wer den Hals davon nicht voll kriegt, kann sich eine Pizza  mit magic mushrooms und Mangoshakes  mit Gras reinballern. Eine Gtuppe chinesischer Urlauber setzt sich schnatternd in den winzigen Schattenplatz bei der ehemaligen Eisenbahnbrücke zur Nachbarinsel. Der Mann ist stolz auf seine ansehnliche Kameraausrüstung vor dem Bauch. Er knipst wie irre die kleinen Kinder in ihren putzigen Schuluniformen. Sie hampeln wie Äffchen für ihn herum. Es wirkt obszön. Tiere fotografieren. Topfpflanzen und Geisterhäuschen.  Drei Tempel gibt es auf den zwei Inseln, alle sind vernachlässigt, vermüllt, aus einem dröhnt  Rockmusik. Wir sind in Laos und da ist immer noch Kommunismus, da hat mans nicht so mit der Religion. Wenn man Leute um Foto-Erlaubnis fragt, lassen sie es zu, sie ertragen uns Touristen als Goldesel (cashcow), dann erstarren sie in maskenhafte Posen.

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Schwimmen im Mekong

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Zwei tätowierte Italienerinnen im Bikini sitzen im Mekong. Ein Wasserbüffelkleinfamilie guckt leicht indigniert, die Kuh geht baden. Der Schlamm ist cremeweich, mal lehmig frichtbar, mal sandig und voll silbrig glitzernder Mineralien. Am Rand der Strömung kann man auf der Stelle  schwimmen. Mein Hemd ist zwanzig Minuten später wieder trocken. Nach der Hängebrücke zu einem Wasserfall  und ein paar. Mauerresten aus der französischen Kolonialzeit kommt niemand mehr des Wegs. Eine Brücke auf dem Pfad durch den Dschungelwald ist zusammengebrochen. Ein paar Holzbohlen und ein rostige Schwellen der einst von den Besatzern gebauten Eisenbahnline, die ganze sieben Kilometer über die Insel und noch weitere zwei auf die benachbarte führte, hängen in den zugewachsenen Graben. Die Umgehung führt hinunter zu einem sandigen Uferplatz, Wasserpause Abkühlung. Ich wusste nicht, dass ich im Badeurlaub bin. Jeden Tag werde ich von nun an im Mekong schwimmen. Ich umrunde die Insel, kaufe Wasser am südlichen Ende, wo die Berge schon Kambodscha sind und man mit einem Bötchen aufbrechen kann, um vielleicht die seltenen Süßwasserdelphine zu sehen. Ich gehe durch verdorrtes Gebüsch, an einer Köhlersiedlung vorbei und an einer zerzausten Bananenplantage. An vielen Stellen ist der Wald bis in die Baumkronen verkokelt, ascheschwarz der Boden, verbrannte Erde statt der grüne Wildnis. Grillen sirren.

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Schlafen

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Der Seefahrer kippt einen Schuss Apfelschnaps aus einer Thermoskanne in unsere Kaffeebecher. Wir sitzen am Busbahnhof von Ubon Ratchatani, es ist noch keine acht Uhr Früh, wir warten auf den Anschlussbus über die Grenze nach Pakse in Laos. Der Seefahrer hat das Wappen der Bretagne  an seinem  Hals eintättowiert, da kommt er her und den Schnaps hat sein Großvater gebrannt. Einen Tag zuvor erst bin ich in Bangkok angekommen, die futuristische Metro braust als Skytrain zum Hauptbahnhof, dort bekomme ich sogleich ein Ticket für den Nachtzug nach Ubon. Den Nachmittag bis dahin schlendere, naja schleppe, ich mich durch das nahegelegne Chinatown, trinke haufenweise Instantkaffee in herrlich eisig klimatisierten Supermärkten,  esse aufgeschnittene Mango im Plastikbeutel und Schmalzkringel, kaufe einen rosafarbenen Plastikstrohhut mit blauen Stofftulpen, versorge mich mit  thailändischem Insektengift und chinesischer Kräutermedizin gegen den Husten. In einer schattigen Gasse näht eine Schneiderin aus meiner Vorhangseide einen Schlafsack. Hitze und tiefe Mattigkeit nötigen mich dauernd zum Schattenplätze suchen. Die schönsten Orte der Ruhe und Ventitlatoren und Klos sind die Tempel. Der ersten Halt  mache ich beim Tempel der Prostituierten, die lieber ein Armenkrankenhaus auf Erden eröffnete, als in die ewige Heiligkeit hinüberzutreten. Ganz still ist es mitten im Herzen Chinatowns, einem von allem Stilwillen vergessenen Hinterhof, wo schon 1654 chinesische Flüchtlinge und alsbald Händler ihren ältesten Tempel für das Wohlergehen ihrer Geschäfte errichteten und bis heute zum Räucherstäbchen abfackeln und Schicksalbeschwören herkommen. Wie immer läuft tonlos ein Fernseher drinnen und ein uralter Mann sitzt vor einem Teller Reis dabei. Eine schläfrige Katze jagt in eher symbolischer Geste kurz einer Ratte hinterher, und legt sich wieder hin. Die Ratte flitzt davon unbeeindruckt hin und her. Eine Ecke weiter, zwischen den Rauchfahnen röstender Esskastanien und Buden voll grellfarbenen Törtchen und glitzernden Paraphernalien, liegt fast verborgen der Eingang zu einer ausgedehnten Tempelanlage. Mindestens sieben Meter hohe Wärterfiguren in Smaragdgrün, Rot und Gold fletschen  hinter Glas furchterregend  die Zähne. Orangefarbene Novizen leiern monoton eine Gebetszeremonie herunter, kniende Gläubige in Bermudashorts tupfen ihre Stirn auf den roten Teppichboden. Götterstatuen mit goldenen Schwertern, schwarzen Bärten oder rosa Tüllschleiern werden um Rat befragt und mit füf meter entfert gekauften Mandarinenkörbchen gnädig gestimmt. In einem Raum kann man vorgedruckte Listen mit seinen Wünschen ausfüllen und neben der Düendenbox deponieren. Eine vielarmige Shivagöttin in einem Schrein ist irgendwie das Wahrzeichen des japanischen  Canon-Konzerns, was ein Touristenguide mit einer wikipediaseite auf  seinem smartphone strahlend demonstriert. Auf der brutal umtosten Verkehrsinsel vor dem Hauptbahnhof Huang Lampong legen sich bei Einbruch der Dämmerung die ersten Obdachlosen schlafen. Im Zug werden die Liegen mit weißen Laken bezogen, vornehm summt die Klimanlage, ich ziehe meine Daunenjacke zum Kinn.

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Freibeuter

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Schön wars am Ofen dort. Nun ist Hund und Herrchen weg. Die Kunstobjekte blieben, ob Harry sie je wieder zurückbekommt, ob er je wieder Platz dafür haben wird, wenn sie da nicht längst als Schrott entsorgt wurden. Wo wohnt er? Das Laufen fällt ihm schwer. Vom Roma-Lager gleich neben dem Uferweg ist nichts mehr zu sehen. Tabula rasa. Alle Relikte, Müll, kaputte Fahrräder, Decken, alles weg, die Büsche niedergewalzt, die Erde wie gefegt. Auch die verwilderte Brache dahinter ist sauber niedergemäht. Der Aufbruch von Harry, Hund und einer Handvoll Mitbesetzern war unfreiwillig, und doch was man friedliche Räumung nennt. Jetzt bewachen Männer in gelben Westen von einer Sicherheitsfirma das Schiff. Mitte Oktober hatte die letzte Gruppe den Freibeuter besetzt, dort gelebt, gekünstlert und gekocht. Es gab interne Konflikte, ein Polizeieinsatz. Die einen wollten mit dem Sozialhilfeverein zusammen arbeiten, deren Leute schon das geduldete wilde Zeltlager von obdachlosen Jugendlichen betreuen, die anderen wollten mit niemandem „vom System“ zusammenarbeiten. Der Neubau dahinter wächst, die Stelle mit dem wilden Schnittlauch ist eingezäunt. Letztes Jahr gab es dort noch ein Osterfeuer.

 

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Berlin, Warschauer Brücke, Samstag Nacht, Frühling im Februar.

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Dann halt Minzlikör

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Markus möchte Minzlikör. So blöd sich das anhört. M. ist ein relativer junger, verwahrloster und oder verwirrter Mann mit blonden Locken, er sitzt seit Wochen am Parkplatzrand vor Lidl. Anfangs hing hinter ihm am Schaufenster der geschlossenen Apotheke – es sind inzwischen alle Geschäfte da zu – ein handgeschriebenes Plakat. Darauf stand etwas gegen Vertreibung. Manchmal schläft er, unter einem schmuddeligen Haufen Decken und Schlafsack vergraben, um ihn halbleere Glasflaschen (Minzlikör), Essenreste, Zigarettenschachteln, Müll. Nachts geht er wo anders hin. Ich brauche Tabak. Don’t ask. Um das Nötige mit dem Angenehmen zu verbinden, frage ich ihn, ob er Tabak gebrauchen könnte, er möchte, dass ich ihm eine Flasche Minzlikör kaufe, will mir sogar das Geld dafür geben. Er will keine Hilfe, Notübernachtung schon gar nicht. Der Minzlikör (3,79) ist smaragd- um nicht zu sagen giftgrün, bloß 18 %. Wahrscheinlich gut Zucker, M. mag den und so kriegt er den. Und Tabak. Ich einen neuen Rucksack für die Reise. Und eine dieser superleichten neuen Jacke kauf ich auch noch. (Lustig in Henning Sußebachs feinen Buch über seine Wanderung durchs deutsche Hinterland, wie er für 1000 Euro Funktionskleidung kauft und nach ein paar Tagen höllische Blasen hat, seine Freundin bestellt, die ihm mit dem Auto an eine Wegkreuzung seine alten Botten bringt.) Zuvor  in der Bibliothek den neuen Ondaatje („Kriegslicht“) geliehen, von dem ich bisher alles gelesen hab, und Seethaler, von dem hab ich noch nie was gelesen. Genug für einen Tag. Doch der Himmel ist so leer, es ist fast 10 Grad warm, das Frankfurter Tor blinkt gegen das Februargrau in aller Verkehrsknotenhaftigkeit an, in der U-Bahn sind drei gelb-grau uniformierte BVGler im Wagen, als ich am Alex nach dem richtigen Ausgang Ausschau halte, fragt mich einer von ihnen, ob ich Hilfe bräuchte. Werd ich schon auffällig? Die Langsamkeit schon verdächtig? 

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Buchungen

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Nix gegen Schöner Wohnen im Homeoffice. Fast zwei Wochen ist es her, dass die Nelken ihr offizielles Haltbarkeitsdatum überschritten haben. Unverkäuflich geworden lagen sie mit vielen weiteren Blumensträußen am Westhafen. Die Rosen sind eine Woche „alt“. Der Frost hat auch sie „gestählt“, noch schöner gemacht. Einen Flug hab ich dennoch gebucht. Auf dem Weg zum Flughafen, wo ich hinmusste, um den Flug noch mal umzubuchen, hab ich kurz bei Neruda, unserer Stadtteilbibliothek, Halt gemacht. Da treff ich in letzter Zeit öfter bekannte Gesichter. Navid  Kermanis wunderbares, an Horrorgeschichte übervolles Reisebuch „Entlang der Gräben“ zurückgegeben und „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz ausgeliehen. Der 1939 erschienene Roman erzählt von Otto Silbermann, einem Berliner Kaufmann, der in letzter Sekunde dem Novemberpogrom entkommen mit einer Aktentasche voll Geld durch Deutschland flieht, nirgends mehr sicher, immer in Gefahr betrogen, denunziert, deportiert zu werden, ohne Entkommen, weil Juden kaum noch Visa nirgendwohin mehr bekommen. Ohne Illusionen, wohin die Reise geht, rastlos, unterwegs, „emigriert in Züge der Deutschen Reichsbahn“. „The man who took trains“, so der englische Titel, „The Fugitive“, der amerikanische,  ist „wie im Fieberrausch“ der unmittelbaren Ereignisse vom November 1938 geschrieben, rasend furchterregend, und ja, das liest sich gruselig spannend, ist das obszön?, ein literarischer Thriller mit Obergruselfaktor Zeitzeugenschaft. Deutsch erstmalig jetzt. (Klett-Cotta, hrsg. Peter Graf). Der Autor Boschwitz, selbst deutschstämmiger jüdischer Flüchtling, wurde in England interniert, in ein australisches Lager verbracht, er starb auf der Rückkehr 1942 mit 27 Jahren. Sein Schiff wurde von Deutschen bombardiert und versenkt. Ich hätte den Schnulli, der maulend mein Ticket umbuchte und für den horrenden Aufpreis meine Kreditkarte annahm, herzen können.

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best loss

 

Best loss. Werfel über Armenien, das Vergessen ist schneller als das erinnern. – Wenn das Leben aus einer Anhäufung von Verlusten besteht, geht es auch darum, den best loss zu finden. Dazu später. 6.2., um mal wieder ein Datum zu nennen. Welcher Tag ist überhaupt? Geburtstag von E.. Morgen früh um Acht kommt der Hauswart. Die Nelken halten am besten. Die Pinkfarbenen, viele Knospen an einem Stengel, blühen auf, sie erweisen sich als knallrobust, sehen nicht mehr struppig aus. Haben den einen Nachtfrost gut überstanden. Oder  viel mehr.  Zu Sträußen im Fünferpack gebündelt, in Zellophan gehüllt, in einem Haufen anderer Sträuße mit gleichem Schicksal: Müll. Die weißen, faustgroßen Einzelnen am Stiel, geben auch prächtig was her. Riechen tut keine. Pheromene sind zur Fortpflanzung da. Die ist bei Blumen zum Massenverkauf in Billigdiscountern nicht relevant. Die von M. gekauften Tulpen haben längst schlapp gemacht, die Rosen auch. Nelken also. Blühn wie verrückt. Wo kommen sie her? Ok, sie lagen in einem Haufen, in Kartons, in Plastik, ihr Haltbarkeitsdatum ist abgelaufen, sie sind kurz vorm Exitus oder schon hinüber, ein Himmelreich für einen Komposthaufen, nach Stunden Unter Null am Eingang zu einer Containerhalle sind sie Matsch, sobald sie ins Warme kommen. Die Nelken überstehen das. Und die Fresien, noch so eine als Dekor der Spießigkeit unterschätzte Blume. Von den zwölf Zwiebeln, die ich letztes Jahr in verschiedenen Balkonkübeln versenkt hab, ist eine gekommen, sie blüht seit November, in einem sehr trotzigen Weiß. 

Ich wollte von Leuten erzählen, die alle zu wenig Liebe gekriegt haben oder immer noch da fest stecken und also permanent zu wenig  kriegen. Kindsköpfe, die sich Namen geben, Tiernamen, aus Kinderfilmen, aus gezeichneten, inzwischen „computeranimierten Comics“, aus Walt-Disney-Produktionen, ohne zu wissen, was sie tun. Fantasienamen, aus Zeiten, als sie noch an  Fantasie glauben durften. Fünfzigjährige mit Sicherheitsnadeln in der Lippe. Und dezidiertem Geschmack. In der Kleiderkammer bestehen sie auf schwarzen leggings, die langen Unterhosen, dazu schwarze Socken? Der Klavierkurs in Kreuzberg ist ausgefallen, in der Bibliothek sind bis zum frühen Nachmittag die Computer frei. In der AGB riecht einer auf der Heizung, einer liegt zu breit, ein Alter lädt mich ein, den lilafarbenen Sitzwürfel neben ihm einzunehmen. Als ich mein Blatt habe, ist er besetzt. Wir blinzeln uns aber nochmal zu. Manchmal denk ich, ich bin in einem Science Fiction Film, in dem wir lustige Ameisen spielen. Lacht da überhaupt noch  jemand?

 

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Rosen Tulpen Nelken

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Im Pförtnerhäuschen sitzt niemand, die Schranken sind offen, gelbschwarze Bremsbarrieren sind alles, das uns aufhalten könnte. Containermauern, Containergebäude, Lagerhallen nummeriert, der Parkplatz ist weitläufig, zugig und zu groß für unseren Pkw. Wir stellen 12 leere Plastikkisten auf eine Karre, warten im Eingang zur Halle, rechts und links hinter Schiebefenstern zur Einfahrt Frauen an Büroschreibtischen, wir müssen uns nirgendwo anmelden, wie stehen einfach rum und warten auf B., der ist für uns zuständig und wird uns schon bemerken. Er hat ein Klemmbrett mit einer Liste von Abholern, auf der wir den Erhalt unserer Fuhre unterschreiben müssen. Er ist ein großer Mann, das rote Logo-T-Shirt über seinen Klamotten spannt über seinem breiten Rücken, die meisten anderen Männer hier tragen grüne Logo-Shirts, viele haben lange oder schüttere Haare, manche sind spillerig und gebeugt, lässig schieben und tragen sie Kistenstapel mit oder ohne Lebensmittel hin und her, sie rauchen im launigen Westwind vor den Hallentoren, sie sehen cool oder mitgenommen aus, vom Leben, von der Frischluft, die könnten dir was erzählen. Die meisten hier sind Ehrenamtliche, sagt M., mit dem ich hier bin, wie er und ich auch. B. schiebt uns eine beladene Karre hin mit Paletten voll Griespudding Vanillegeschmack, schwäbische Markenware, Mangojoghurt, 2 Karton Biovollmilch, Kisten mit Frisch-Gemüse, unverpackt, Brot, Tomaten, Mandarinen, Blechkuchen, Brot, geschnitten. Zehn Sixpacks Wasserflaschen. In der Toreinfahrt lagern rechts etwa 500 Pfund Feldsalat in Schalen, links ein Haufen Blumensträuße in Zellophanverpackung mit roten Reduziert-Etiketten, für 4,99 laut Preisschild gingen sie nicht mehr weg. Der Januar riecht nach Schneeregen. Der Himmel reißt auf, ein Blau wie im März, doch Blumenberg und Salathügel sehen fertig aus, sie sind am Ende,  düster und todtraurig dämmern sie dem Kompost zu, bloß die Plastikhüllen müssen noch weg. Fünf Sträuße nehme ich, und schäme mich doch ein wenig für meine Gier. Die rauchenden Männer interessiert das nicht, sie gucken in die Pfützen zu ihren Füßen, in denen sich jagende weiße Wolken spiegeln. Rosen Tulpen Nelken. Wirklich jetzt. Und rote Gerbera. 

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Wohltäter und Opfer

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Die Leute werden durchsichtig. Geselliges Beisammensein sonstwegenwas. Verschon uns mit gemütlichem „Weinchen“. Wohin mit dem Brot? Krieg ich überall, wehrt der Wortkarge ab. Es war ein Sonntag auf dem Kneipensofa. Die zum Pferdeschwanz gebundenen grauen Haare, der Unterschied zwischen Wohltäter und Opfer. Einer, wer, lässt jetzt seine Zähne richten. Glück gibt es in der Stadtbibliothek.

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Hat man schon nichts

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Der Paketshop hat noch offen. Eine Frau will was kopieren, geht dort aber nicht. Sie bricht in Tränen aus. Ihr Hund wurde gestohlen. Er saß angeleint am Eingang des Kaufhauses. Wer macht so was? Sie hat ein Foto von ihm mit Suchmeldung ausgedruckt. Dann war die Tintenpatrone alle. Drei Stunden hat sie ihn überall gesucht, alt ist er, ein Mischlingsrüde. Sie hat zwei Kinder und ihre Mutter ist gekommen. Und nun soll sie ohne Hund nachhause.

Es ist kalt in der Kombüse. Der Kapitän sieht aus, als könnte er Knut heißen. Sein weißer Bart ist zu vier dünnen Zauseln gewirbelt, auf seiner Mütze ist ein Anker angenäht. Er hält einen Vortrag über Gentrifizierung  – das Wort haben Sie vielleicht schon mal gehört? 58 Jahre lang hat man ihn immer wieder vertrieben, jetzt bleibt er. Auf dem Wasser. Mit einem 5-l Motor ist man beweglich,  man braucht weder Führerschein noch Genehmigung.  Nur einen schwimmenden Untersatz. Und schließlich kämen die ganzen Touristen nur nach Berlin wegen ihm und dem was er und die anderen Piraten verkörpern. Die Ansammlung schrottiger Kutter mit demonstrativem Autonomie- und Kulturanspruch seien schließlich das, was Berlin attraktiv mache. Höre ich da einen schwäbischen Akzent?

Best of Grill hat alle Feiertage über geöffnet. In der Ringbahn sitzen vom Familiensein erschöpfte Kleinfamilien. Jungen mit neuen Plastikgewehren machen Nervgeräusche. Eine Frau mit Kind und grauhaarigem Vater redet ununterbrochen, ohne Tonfall und Rhythmus zu ändern. Zwei Obdachlose fahren die ganze Runde mit im Kreis. Einer döst, den kapuzenbedeckten Kopf ans Fenster gesackt. Einmal schreckt er hoch, wendet das Gesicht irritiert um und spricht zu niemandem konkreten. Auch ihn hat am Heiligen Abend jemand beklaut. „Hat man schon nichts!“ Die gelben Ersatz-Turnschuhe sind ihm zu klein, die schnürsenkellosen Laschen hat er aufgeschnitten. Ein winziger Rucksack, ein Schlafsack und eine noch in Plastikfolie verpackte Isomatte lehnen nah an seinem Körper. Bartstoppeln überziehen seine eingefallen Wangen mit fahlem Grau, seine Fingernägel sind lang und schmutzig. Der in seine schmale Hand gedrückte Fünfer schickt eine Welle ungläubigen Lächelns über sein Gesicht. Wie in einem plötzlichen Wolkenloch erhellt sich seine Miene, erinnert sich daran, wie jung er doch ist.

 

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Zu verschenken

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Leute, hört auf mit dem Kaufscheiß! Die Kleiderkammern sind voll. Es gibt keine freien Kleiderbügel mehr im Schenkladen, die Kleiderstangen bei der Kältehilfe biegen sich mit schicken Winterjacken und neuwertigen Wollpullovern. Die Sockenschublade beim Obdachlosenasyl quillt über. Wie soll die Wachstumswende kommen, wie überhaupt was sich ändern,  wenn wir hier alle wie die Irren weiter konsumieren und uns mit völlig überflüssigen Klamotten und Warenscheiß zumüllen? Schenkt Euch doch mal Zeit.

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Wo sie ruhen

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Neben der monströsen Festung des BND werden krumme Weihnachtstannen angeboten. Für die Hälfte  kann man sie auch als Topfbäume mieten. Auf eine Glasfassade bewerben blaue Leuchtbuchstaben ein „Research Gate.“ „Vergangenheit heilen“, verspricht ein Meditationskurs in der „Reinigungspraxis“ gegenüber. Das Klo auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof  ist beheizt. Barrierefrei und geräumig genug, um mehrere Leute beherbergen zu  könnten. Auf einer Infotafel steht der Scancode der web-app „wo-sie-ruhen“. Sie dient als Routenfinder zu Promigräbern auf 45 historischen Friedhöfen, ein Schauspieler verliest dazu Informationen, die auch Zuhause einen „emotional ansprechenden Eindruck“ machen können. Emotional ansprechend finde ich jetzt vor allem die nächste Bäckerei mit Stehcafe. Während ich gesüßten Milchschaum mit einem winzigen Plastikstäbchen in mich hinein löffle, überfällt mich die Erinnerung man meine Mutter, die ich so mit Kaffeeschaumtröpfchen gefüttert habe. Auf dem Gehsteig vor den bodentiefen Fenstern lächelt mir ein Frau mit roten Lippen zu. Eine Apothekenangestellte in weißem Kittel schüttet mir zwei Hände voll Kräuterbonbons und ein Kistchen mit Cremeproben in den Rucksack. (Ich schnorre für Weihnachtspäckchen der Kältehilfe.) Für mich und eine kranke Freundin kaufe ich mehrere Romane im langen Blomqvist. Dort gibt es preisreduzierte Mängelexemplare. Über die Spreebrücke beim Bahnhof Friedrichstraße eilt die isländische Schriftstellerin Steinunn Sigurdadottir auf dem Weg ins Berliner Ensemble. Ihr lila Schal flattert wie ihr offenes Lächeln im Wind. Vor einigen Jahren wollten wir mal zusammen U-Bahnfahren bis zur Endstation und zurück und dabei Bier aus Flaschen trinken. Es wurde nie was draus, heute macht das ja jeder. Ihr neuestes Buch „Heidas Traum“ (Hanser) ist die scheinbar einfach – das ist nie einfach – in Rollenprosa erzählte Geschichte einer isländischen Schäferin, die vom Ex-Model zur Umweltaktivistin wurde. Eine Apothekerin im Wedding, bei der ich weiter um Waren-Pröbchen bettele, fragt nach meinem Ausweis.  Man weiß heut ja nie. (Ich habe eine Visitenkarte des Hilfe-Vereins vorgelegt.)  Als ich meinen Presseausweis zeige, sagt sie spöttisch „ach, so sehn die also heute aus“.  „Bangkok!“ fügt sie kennerisch hinzu. Hä? Bei der Kao san road  könne man sich doch alle Ausweise fälschen lassen. Da kann ich ja bald echt Geld sparen, bedanke ich mich erfreut für den Tipp. Da packt sie doch eine Tüte mit Blasenteebeuteln,  Brausetabletten, Traubenzucker, Duschgels und drei Sonnenschutz-Schirmmützen. Die kriegen wir im Winter ja nicht los. Das sagt sie schon fast entschuldigend.

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Installation

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Innere Leere kennt unser Held aus jenem unvergessenen Spielfilm nicht. Das Parkhaus der Neuköllner Arkaden liefert den Vorspann in engspurigen Spiralen. Suspense. Gibts hier keinen Frauenparkplatz? Wir  kurven durch alle Drehmomente, zu angespannt, um Fotos zu schießen. D. will einen Fernseher für den Freund kaufen. Der kann nur noch sehr beschwerlich seine Wohnung verlassen. Wir kaufen auch ein neues Kabel dazu, weil ein Kunde erzählt, das wär nötig, während er genauso geduldig wie wir in diesem Spiegelkabinett des Warenirrsinn auf die Zuwendung eines Servicemitarbeiters wartet. Beim Freund sitzen wir dann gut eine Stunde wie Kinder vor der Glotze auf dem Resopalfußboden und versuchen, das Ding zum Laufen zu kriegen.  Mit einem Obstmesserchen schrauben wir einen Stehbügel an den Bildschirm, dann installieren wir. Anschließen, Gebrauchsanweisung, Suchdurchlauf. Da ist ein Bild, juhu, da sind ganz viele. Wir schaffen es, die verschlüsselten Kanäle zu löschen, die anderen auf Nummern zu programmieren, die der kranke Freund dann mit Knopfdrücken rauf und runter zappen kann. Allein hätte keiner von uns das hinbekommen. Im Nachmittagsprogramm läuft ein alter Woody Allen Film. Der Freund interessiert sich mehr für die Liveübertragung aus dem Parlament. Teilhabe am Tagesgeschehen statt Konserve. Abspann. Wir stehlen uns davon.

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Tassen sind alle

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Unser Konsumterrorfreitag: In einem Jutebeutel bringt Frau Balkan einen selbst gebackenen Rührkuchen mit Walnüssen auf der Schokoglasur. Sie und ihr Mann schleppen immer haufenweise Zeugs ab. Manche verdächtigen sie, das auf einem Flohmarkt weiter zu verscherbeln. Die Staffel Nagellackfläschchen , die sie gerade eingesackt hat, dürfte die Frau mit dem Kopftuch kaum selbst in Gebrauch nehmen. Aber was wissen wir? Mit kennerischem Lächeln schwenkt Herr Umverteiler zwei lackierte Keramikpfännchen mit eiförmigen Vertiefungen durch die Luft. Unnütze Gegenstände, die fand er auf der Straße. Ordentlich sortiert er sie nun ins Regal mit den Haushaltswaren. (Die Dame mit einem früheren Leben murmelt leise, dass es sich um  Weinbergschneckenservierteller handelt.) Tassen sind alle. In einer im staubigen Dunkel abgestellten Reisetasche finden wir ein gold- samtenes Rundkissen mit Henkel und ein Netz mit faustgroßem Kieselsteinen. Eine grauhaarige Dame mit Mütze sortiert Klamotten aus ihrem vollen Hackenporsche (ich hasse dieses Wort, wie sagt man besser und gleich kurz?) und fragt nach den Handtüchern hinter unserem Tresen. Sie bringt sie die Tage frisch gewaschen zurück.
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Kaputtkitsch

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Puh, das fängt ja schon gut an. Drei mal die Überschrift tippen, bis sie keinen Fehler mehr hat. Grassiert in Kleinbloggersdorf eigentlich gerade der Bloggersblock? Oder kommt mir das nur so vor.  Mich hat er jedenfalls erwischt. Bann tut Not. Ich hätte nur weitere Spaziergänge durch unspektakuläre Randzonen und urbane Industriebrachen  – also bitte: Westhafen! – oder über Friedhöfe zu referieren. Friedrichsfelde Ost, gleich drei dort, der mit dem Rosa-Luxemburg-Denkmal und anderer Helden war der falscheste darunter. Alles Fake! Repräsentation und faule Eingemeindung noch im Grab. Irmtraud Morgener neben Käthe Kollwitz? Ein Typ mit wadenfreien Turnhosen gewährt seinen kläffenden Pitbulls freien Auslauf bis an meine Beine und macht mich noch an, weil ich nicht auf dem Betonweg gehe. Ein Rosa Winkel auf einer Stele für die Opfer des Nationalsozialismus, die hier, bis in die 2000er Jahre (!?)  begraben wurden. Auf einem Friedhof in Neukölln waren damals Zwangsarbeiter interniert, ein Denkmal informiert darüber. Sie mussten ein O für Ostarbeiter tragen, Gartenarbeiten verrichten und  Gräber schaufeln. Dort gibt es heute eine Wiese für die Grabstellen von Aleviten. Pinkfarbene Gartenstühle. Reden wir nicht über Beerdigungen. Gestern einen Apfelkuchen fürs Obdachlosencafe gebacken, heute zwei Bücher gekauft (William T. Vollmann: Arme Leute / Stasiuk: Der Osten), und eine gelbe Cordhose. Geschirrspülen, Klos putzen, Gemüse schneiden mit Gummihandschuhen. Kältehilfe für die Seele.

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Wie die Raben

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Die Praxis liegt in einer Genossenschaftswohnanlage im Wedding. Im  Wartezimmer liegt ein Perserteppich auf dem Parkett, es gibt  drei Ledersessel und Zeitschriften, aber man muss nie lange warten. Mein Zahnarzt kam vor gut 30 Jahren aus Teheran. Er hat Zauberhände und macht nie etwas Unnötiges. Eine Blondine und eine junge Kopftuch-Frau assistieren ihm. Am Leopoldplatz ist Kirmes. Ein Kinderzug schrappt im Kreis herum. An der Bushaltestelle steht eine Frau mit halb entblößtem Hintern. Sie rubbelt hektisch ihre Scham, erschrocken schaue ich weg. Hol mir einen Pappbecher Kaffee an der nahen Bude und sehe zurück. In der Apotheke gegenüber kaufe ich feuchte Desinfektionstücher. Inzwischen hat sie ihre Hose bis auf die Knöchel heruntergelassen. Halbnackt und barfüßig steht sie mitten auf dem Bürgersteig, der spätnachmittägliche Berufsverkehr rauscht um sie herum. Im Unterstand der Bushaltestelle sind alle Sitze besetzt, bis auf den äußersten, neben dem hat sie ihre Sachen auf dem Boden ausgebreitet. Schlafsack, Müll, Tüten, Schuhe, ein Einkaufswagen. Sie guckt panisch, hab Neurodermitis, und Entzug, sagt sie, es juckt sie fürchterlich. Sie hält einen Flachmann in der Hand und reibt sich den Alkohol in die brennende Möse. Das kühle feuchte Tuch hilft, vielleicht auch meine Allergietabletten, die sie einsteckt, sie beruhigt sich schnell, zieht ihre Hose hoch, die ist sauber, neu. Wir setzen uns auf ihr Lager. Sie ist spindeldürr, Krebs auch noch, ja, sie ist in Behandlung, gibt auch eine Unterkunft, aber da sei es nicht gut, keine Privatsphäre, sicher auch striktes Drogenverbot. Entzug, sagt sie wieder, und zeigt entschuldigend auf den Rest Schnaps. An ihren dünnen Armen klimpern Armreifen, ihre blonden Haare sind mit rosa Strähnchen durchsetzt. Unter einem Auge hat sie ein Pflaster, einen etwas schmuddeligen Verband um ihr geschwollenes Fußgelenk. Ob ich ihr Cola besorgen könnte, und Klaren, sie fingert ein paar Euro hervor, sie funkeln wie Spielgeld  im Sonnenlicht. Als ich zum Obstler noch Schokolade, Bio-Bananen und Spekulatius dazu tue, fühle ich mich super. Hat dieser Tag doch noch Sinn gemacht. Ha. Und billiger als eine Yoga-Stunde. Mal kurz den Samariter spielen ist leicht und erzeugt Instant-Glück. Die damit einhergehende wohlige Selbstzufriedenheit macht die Güte und Barmherzigkeit (des Gutmenschen) so suspekt. Aber hieß es nicht: Was Ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr  mir getan? Warum haust sie inmitten der erschöpften, von Chefs, Vätern, Nahverkehr und Hormonen genervten Menschenmassen an einer Bushaltestelle am Leopoldplatz und nicht auf der nächsten Parkbank im Schatten eines alten Baumes? Warum gibt es kein Hospiz mit Kirmes und Schlosspark und frischbezogenen Betten für sie? Sie redet nun wie ein Wasserfall, ich könnte ihre ganze Lebensgeschichte haben, eine Stunde entfernt von Tuzla, Ex-Jugoslawien, von dort komme sie her, sie berlinert, sie spuckt, sie sabbert ihre Kippe voll, die sie nicht ansteckt, ihr ginge es ja gut, nur die Menschen, die sind schlecht. Wie zum Beweis knallt ein Kopftuchmädchen ihren Fingerring an die Scheibe hinter uns. Ob ich mal kurz auf ihr Zeugs aufpassen kann, die klauen hier. Wie die Raben. Klar komme ich wieder. Bis bald. Als Studentin habe ich beim Unisport einen Kurs in Ausdruckstanz besucht, der mir sehr gut gefiel . Nach dem zweiten Semester bedankte sich die Kursleiterin bei uns und verabschiedete sich. Sie hatte ihre Magisterarbeit in Tanztherapie erfolgreich abgeschlossen. Wir waren ihre Probanden gewesen. Ich fühlte mich verraten. 

 

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Spuk in Lichtenberg

 

IMG_0199Es ist mir schon vorher aufgefallen. Ich krieg es jetzt nicht hinformuliert, aber es ist klar was mit Ästhetik. Bloggerfotoästhetik. Hab das Gefühl, es greift um sich, zielgerichtet. Dann das hier. Stadtauge, den finde ich toll, vielleicht imitiere ich ihn, immer unprofessionell, aber dann hab ich ein fast gleiches Foto zur fast gleichen Zeit gemacht. Fast ein wenig gespenstisch jetzt.

https://stadtauge.wordpress.com/2018/09/03/zimmer-frei/#like-9967

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Frischeparadies

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Reste der Hammelauktionshalle im Blankensteinpark

Im Garten von Mias Leuchtturm stehen Strandkörbe und Astern auf den Tischen. Als wäre ich für Jahre auf jener fernen Zeitinsel verschollen gewesen, wundere ich mich über den Preis von 3,20 für einen Cappuccino. Teuer sind bestimmt auch die Wohnungen hier im Rinderstall des ehemaligen Schlachthofs und in den neuen Stadtvillen Reihenhäusern auf den Brachflächen ringsherum. Kinderspielplatz, Show4You, Supermärkte, Frischeparadies.  Wieviele Schritte musst du gehen, bis du in der Gegenwart ankommst? Wieviele Stunden musst du reisen, bis es Tag wird? (Zweieinhalb Stunden, 10 000 Schritte.) Der Wind, der Wind, er bläst den Rauch des Waldbrandes bei Treuenbrietzen aus unserem Himmel. Zu lange keinen Kopfstand mehr gemacht und nicht in Wasser getaucht.  Am S-Bahnhof Landsberger Allee ist Rushhour, ein Händler versucht sein Glück mit einem provisorischer Obststand. Ein Jungher Security-Typ in Schwarz schüttelt sich eine Wespe ab, sie fällt rücklings auf den Boden, er bückt sich und dreht sie auf die Beine. Auf den Serpentinen zum Flakturm im Humboldthain hinauf schlendern drei arabisch aussehende Jugendliche, einer hat eine Lautsprecherbox umgehängt, aus der deutscher Rap dröhnt.  Du schuldest mir Cash, ich will jeden Cent zurück. Oben sind alle Schilder mit Hinweisen zur weiten Aussicht über Berlin abmontiert. Den Rosengarten unten beschallen zwei Nordafrikaner mit ihrer Musik. Ein Zeitungs-Kommentator verklärt die jungmännliche Lärmbelästigung als Mediterranisierung unserer (tot-gentrifizierten) Städte. Er glaubt auch, Bluetooth-Boxen seien demokratisch, weil ja jeder da seine Musik drauf abspielen könnte. Hat’s wohl noch nie probiert. Eine Kopftuchfrau schiebt einen Kinderwagen, eine andere sitzt im Gras, beide stieren auf ihr Telefon. Der Moment der Versöhnung kippt. Der Sommer war zu kurz. Im Büro der Autowerkstatt bekomme ich einen großen Becher ich Kaffee.  

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Abraham und der Storkower Bogen

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Die Dealer im Görlitzer Park haben ihre Sonntagskleider an. Bunt gemusterte Kaftans, wadenlange Hemdkleider in Brokatlila und Braun, aus glänzend gewachstem Stoff, steif gebügelt und mit schillernden Bordüren. Höchster Feiertag der Muslime, erklärt der schöne Ghanaese mit Goldklette, Kopftuch und Holzperlen in den Rastazöpfchen. Heute sollte Ibrahim seinen Sohn opfern und kurz bevor er Isaak die Kehle durchsäbelte schickte Allah ihm das legendäre Opferlamm. Abraham? sag ich, klar, Ladim nickt, war alles mal dasselbe. Früher mal begann mit den Brombeeren der Herbst. Schon im Juli waren sie in diesem Jahr fällig. Ein von Brombeerhecken gesäumter Fußgängerweg führt am Bahndamm entlang zur Storkower Straße. Die ist nicht zum Zu-Fuß-gehen gedacht. Die mehrspurige Verkehrsachse entstand um 1970 aus der Verlängerung und Zusammenlegung kleinerer Straßen als Verbindung zwischen Prenzlauer Berg (Greifswalder), südlichem Pankow und Lichtenberg durch zuvor stadträndige Gewerbegebiete und mehrere neuentstehende Hochaussiedlungen. Parallel zur Storkower kann man nun endlos an geparkten Kleinwagen entlang durch stille Straßen laufen, umhegte Mülleimerareale, verwaiste  Spielplätze, eingezäunte Sportanlagen und betretbare Grünflächen, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Der Storkower Bogen, ist ein kreisförmiges, in „freundlichen“ Primärfarben bemaltes Einkaufscenter. Im gleißenden Licht flimmert eine leere Piazza, ich kaufe ein Gummicroissant und lasse die Füße ins flache Wasser einer einst neumodischen Brunnenkreation hängen. Über eine Brückenröhre, die längste ihrer Zeit, Aufzug defekt, kommt man über die Storkower zur S-Bahn-Station, dahinter sind große Einkaufseinrichtungen in weitläufigen Parkplatzflächen verstreut. Zwischen Landsberger Allee und Kniprodestraße, nach einem weiteren Einkaufsblock (in den USA hat gerade das Mall-Sterben eingesetzt…) und einem fast schon lauschig abgeratzten Burger-Drive-In liegen hier preisgünstige Tankstellen und Autowaschanlagen, Werbeposterwände vor Brachen, Fitnesscenter, Tierfuttergroßmarkt, Möbelabholmarkt, Jobcenter, Finanzamt. Aus einem mit Graffitis zugeschmierten Flachbau kommt live geübte Rockmusik, im 2015 von ihm eingeweihten Rupert-Neudeck-Haus leben seither mehrere Hunderte Geflüchtete in Mehrbettzimmern. Im selben Haus gibt es auch eine Notunterkunft für Obdachlose. Dort wurde bis vor kurzem noch der Straßenfeger produziert, aufgrund der Zeitungskrise ist er temporär eingestellt, ebenso das Café Bankrott. Den besten Café Berlins, so meine Freundin, die das beurteilen kann, gibt es eine Ecke weiter bei der KulturMarktHalle. In einem klug designten und selbstgezimmerten Tiny House wird arabischer Kaffee mit Kardamom in zierliche Orienttässchen mit silbernen Deckelchen serviert. Ein paar deutschsprachige Trivialromane und zwei junge arabische Männer warten auf Kundschaft, die altgewordenen Bewohner aus der Hochhäusern der Nachbarschaft hätten wahrscheinlich gerne ihre alte Kaufhalle wieder gehabt, vielleicht wären sie da mal im „Bake off“ eingekehrt, mit dem „Hackenporsche“ ist der Weg zum nächsten Aldi weit. Zurück im Brombeerhohlweg bedeutet mit ein grauhaariger Herr mit einer großen Plastiktüte, ihm zu folgen. Er ist Fliesenleger, ursprünglich Kaminbauer, aus Griechenland, und zeigt mir seine geheime Brombeerstelle. Dazu müssen wir neben einer Brücke über ein Gartentor klettern und eine wild verwucherte Treppe hinunter steigen. Im Dreieck zwischen zwei Gleistrassen versteckt sich eine eingezäunte Datsche, die Brombeerhecke ist riesig, die Beeren auch, wir hamstern beide mehrere Kilos, ein Baum hängt voller reifer gelber Pflaumen. Der Grieche sagt, seine Frau mache so was wie Ketchup draus, ich mache Brombeer- Sauerkirschen-Chillie-Marmelade, Pflaumen-Kuchen mit karamellisierten Zimt-Mandelsplittern. Bei den Rezepten für Aufläufe stehen Zutaten wie „Kartoffelpüree aus Trockenproduktion“, Margarine, Maismehl, Tortenguss, und dass man die aufgeschlitzte Vanilleschote nach dem Kochen in der Milch herausnehmen soll, als gäbe es das alles noch im Kolonialwarenladen an der Ecke. Und „Pfirsiche“ bedeutet immer aus der Dose. Wer hätte je an Pfirsiche aus Pankow geglaubt, inzwischen sind sie abgeerntet, die Brombeeren vertrocknet, und ich bin mehrere Aufläufe, Kompotte und Kuchenversuche reifer. 

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Sternschnuppenhagel

 

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Der Donner kommt von der einen Seite, die Flugzeuge von der anderen. Windböen jagen wie verspielte Derwische herum, schütteln den Apfelbaum des linken Nachbarn, legen sich in die knarzende Hollywoodschaukel des anderen, verstecken sich im Gebüsch, legen sich ins Gras, schlagen einen Fensterladen zu, fahren hoch. Die Fahne des rechten Nachbarn knattert, zwei lilane Comic-Hühner drauf,  er hat auch noch eine gelbe mit Smiley, wo kriegt man so was, bei Ikea, im Datschenausstattungsbedarf?  Die Metallringe und das Seil zur Profi-Befestigung klappern am Fahnenmast, gaukelt uns ein wenig Hafenatmo vor. Flughafen haben wir eh in der Nähe. Die deutsche Fahne gibts hier fast nur bei sportlichen Ausnahmeereignissen. Im Schaukasten mit den Vereinsmeldungen rät ein ausgeschnittener Zeitungsartikel davon ab, die Christdemokraten oder gar die Liberalen zu wählen. Wieso überhaupt wählen, das hier ist Heimatschutzgebiet Ost, da regiert die Partei und Tegel ist im feindlichen oder doch weitest unerreichbaren Westen. Leider liess sich mit der Wende die Überfremdung der Kolonie durch zuwandernde Wessis (wie mich) nicht aufhalten. Die Einflugschneiße, auch Ausflug, je nach Wind, liegt wie ein Schutzschild über den geduckten Obstbäumen der Kleingartenanlage. Bei der kürzlichen 105-Jahr-Feier verkauften Alteingesessene auf dem Hauptweg selbstgemachten Kaffee und Kuchen, es gab Kinderbespaßung mit Anmalen und in der Gartenwirtschaft moderierte ein Radiosender-Clown die Schlagerparade. Es wurde Heino gespeilt, Mamma, das glaubt mir keiner. Das Gewitter verzog sich. Der Regen blieb aus. Aber wenn mans grad mal gerne so knallklar gehabt hätte, wie all die vergangenen Hitzetage, dann zieht eine hauchzarte Wollendecke auf. Ich sitze da wie im Lichtspieltheater und warte, dass der Vorhang aufgeht. Vielleicht sitz ich schon an der gefakten Bushaltestelle im Demenzgarten und warte, dass was passiert. Nichts geht ab. Wie es aussieht, wird auch dieser alljährliche Perseidenhagel ungesehn an mir vorübergehen. Stattdessen eine Fledermaus, vermutlich drei, klein wie Schwalben, die meistens Mauersegler sind. Eine Weile sind alle landenden Flugzeuge von Easyjet. Mein neuer Wasserkocher leuchtet nicht, wenn er in Betrieb ist. Klart es auf, oder ist das nur ein Wunsch? Und  reicht es nicht zur Wunscherfüllungsbeschwörung, wenn ich mir die Sternschnuppen einfach nur einbilde? Die Augen müssen sich an die Nacht gewöhnen. 

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Verdrängung

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Bis vor wenigen Tagen stand hier ein Flachbau. Er war nicht schön, aber darin war unser Getränke-Stützpunkt, mit dem von Rosenbüschen umheckten Parkplatz davor ein beliebter sozialer Treffpunkt für alte und neue Anwohner, Tagelöhner der Baustellen und viele europäische Touristen aus den nahen Hostels. (Sind diese Jugendlichen etwa die Nutznießer der Interrail-Tickets, die gerade in einer mir unverständlichen Eu-Aktion umsonst verteilt werden?) Ein paar junge Männer, die bestimmt nie ein Interrtail-Ticket haben werden, schmissen den Laden, der brummte, aber Getränke-Hoffmann kann sich die Miete für die Filiale in den Neubauten ringsum nicht leisten. Die Spätis dürft es freuen, leicht habens die auch nicht. Lidl soll auch weg, obwohl der doch im ja wohl denkmalgeschützen Backstein-Fabrikgebäude ist. Das erfährt die Freundin bei der Maniküre im Nagelstudio, das dann bestimmt auch weg muss, wie die Apotheke nebenan, die belgischen Frittenbude und der Haferkater, ein „auf schottischem Porridge spezialisiertes Café in modern-rustikalem Ambiente“. Weg müssen Tische und Stühle, weg muss der Bürgersteig auf dem sie stehen und wir gehen. Gab es da nicht sogar mal ein Reisebüro?

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Senza parole

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Welches Glück. Die Sängerin vom Alex war heute wieder da. Sie singt Arien, auf Italienisch, glaube ich, sie schmettert und tiriliert sehr kunstvoll, keine Verstärkung oder Begleitung, allein ihr Sopran erhebt sich in die zur Kurmuschel umfunktionierten  Kaufhauspassage. Sie versteht nicht nur was von Akustik. Mit ihrer linke Hand hält sie kein Telefon sondern ihr Ohr zu, damit sie ihre Kopfstimme hört. Ich glaube auch, dass sie die Liedtexte beim Singen frei erfindet, Sätze, Sinn, Zitate neu montiert, ihre Interpretationen sind jenseits der Texttreue. Fragen geht natürlich nicht. In der Plastikschale auf der Ablage ihres Rollators sind schon ein paar Euro zusammen.

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Ich kann auch keine Pfirsiche mehr sehn

Südkreuz. Das ist in Berlin kein Romantitel sondern ein recht schicker, zumindest zugiger S-, U- und Stadtautobahn-Verkehrsknotenpunkt mit Möbelhaus-Anschluss. Tempelhof. Das „Feld“ des ehemaligen Flugplatzes ist eine Station entfernt. Man könnte das Konzept der blanken Stadtbrache, die urbane Glatze aus Asphaltbahnen und derzeit versteppter Wiesen,  jetzt gut mit ein wenig Schattenspendern modifizieren, ein Wäldchen, ein See… Im ehemaligen Rückstaubecken des Flughafens, auf der südlichen Seite des Columbia-Damms, haben Architekten und kulturell subventionierte Aktivisten mit Holzstegen und Stahlgerüsten übern Sommer die Floating University City eingerichtet. Ein Wasserrad, Tomaten in hölzernen Blumenkästen, Pilze im feuchten Stroh in Badewannen, Kisten mit heiligem Kompost und Hornissen. In einem luftigen Pavillon mit einzelnen Waben gibt es pinkfarbene Plastikgießkännchen zum Spülen der Ökoklos. Gummistiefel stehen an den Treppen und Podesten bereit, um damit im grünen Wasser herumzuwaten. Es gibt Bewirtschaftung und Programm, an einem vergangenen Sonntag stellt die Gruppe MetroZone ein Buch über Novosibirsk vor, später geben authentisch kostümierte Ethnomusiker aus der Großregion Südsee ein Konzert, ein australischer Surfertyp, der das organisiert hat, zeigt dazu seinen Docfilm. Vollmond auf Meer, eine Frau singt melancholisch melanesisch über längst verstorbene Ahnen. Time to go. Auf dem selbem Flachbildschirm hatten zuvor auch die Novosibirsk-Forscher einen Docfilm gezeigt. Da war es allerdings noch hell und die Schwalben und Mauersegler vollführten interessante Bewegungen. In Novosibirsk gelte das Motto Go West, und das beliebteste Hobby, zumindest unter Videokünstlern, sei Autofahren und dabei filmen. Man sieht eine vielspurige Straße mit Autos, die endlos an einer toten Kreuzung stehen, in der Ferne Hochhäuser, und Technosound. Beim Südstern essen wir eine der ödesten Thai-Suppen ever, beim Kotti überrennt eine Polizei-Einheit einen schmächtigen Dealer, der wirft sich sofort auf den Boden und lässt sich abführen. Am Schlesischen Tor ist wie immer Straßenfest. Alles gut? lockt der Dealer an der Warschauer Brücke. Doch das ist  Ostkreuz. Mein Ausflug ging ja nach Südkreuz: Der Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße hat Montags zu. Das Kopfsteinpflaster brütet Blasen aus. Von einer Autowerkstatt kommen müde Geräusche, der Eingang zum leeren Büro sieht aus wie ein lauschig beschattetes Caféhaus, in dem es selbst gebackenen Kuchen geben könnte. Das ganze Gelände ist still und groß, Autos ohne Nummernschilder,  verschlossene Backsteinhäuser, Brombeerhecken, didaktische Schilder. Im Kasernengebäude der Preußischen Eisenbahnregimenter befand sich 1933 eines der ersten Konzentrationslager der SA., Folterkeller. Nach der Luftbrücke in der Nähe die ehemalige Lagerhalle der Senatsreserven, einer von 700 einst geheimen Orten. Daneben eine Kleingartenanlage. Eine Babyklappe. Wirklich eine Klappe, fast wie beim Altkleidercontainer. Dann das Krankenhaus, im Garten ein Wasserschlauch. In meinem Garten  wird  es Zeit für die Wespen.

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wir werden sehen

 

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Es könnte das Bild zusammmenfallen wie eine Glasscheibe, der Moment, in dem sie trüb wird, sich als Trennscheibe zeigt, materialisiert im Zerfall, hi. Bleibt aber alles stehn. Die gelbe Katze hinkt, die schwarze stinkt. Und zwar scheusslich, zumal sie immer direkt unter mir sitzt und ihre Zecken an meinem Beinen abstreifen will. 

 

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Tarnung

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Vorteile des Verschwindens: 87 Euro kassiert für zwei nicht abgestempelte Fahrkarten. Im Bordrestaurant mehrere Kaffees getrunken und mich unsichtbar gestellt. Klappt   „zusehends“ besser. Ein Bauarbeiter aus Rumänien setzte sich zu mir an den Tisch. Auf Montage in Gera. Der Kellner verlangte Geld von ihm, bevor er das bestellte Bier brachte. Er lieh sich mein Telefon, um seiner Frau in Berlin anzurufen. Ich zog eine Strickjacke an, obwohl mir nicht kalt war. Er hat vier Kinder. Später fuhren wir noch zusammen S-Bahn. Normalerweise fährt er Auto. Deswegen kannte er sich mit dem Nahverkehrsnetz nicht aus. Sein Handschlag war zu weich.

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Wo seid ihr? (Fluchtlinien)

 

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„Grünfläche“ bei der Topografie des Terrors

Als ich vom Hauptbahnhof aus zur Schlusskundgebung der Demo „Seebrücke“ stoße, ist die schon ziemlich am Ende. 12 000 seien da gewesen. jetzt hängen nur  noch ein paar Hundert zur Beschallung von einem LKW in der Sonne ab. Nackige Kleinkinder in den Wasserspielen. Kein Mensch ist illegal, schreit einer ins Mikro, und dass er diese Scheiße von Transitzentren nicht mehr hören will. Ein wenig arabische Folklore oder Wüstenblues hätte der doofen All-white-Rave-Musik vielleicht ganz gut getan. Auf der vertrockneten Wiese vor dem Reichstag üben sich Paare in Earthing. Eine junge Frau rekelt sich auf dem massigen Leib ihres Kerls, der ihr innig den Rücken streichelt. Die Fanmeile blockiert das Brandenburger Tor bis auf einen schmalen Durchgang, müssen wir den deprimierenden Ballermann jetzt spaßig und schützenswert finden, weil die Blöden ihn vorzeitig schließen wollen (zu wenig Volk)? In der Fluchtlinie der Fanmeile (ach, schon das Wort) steht ein Riesenrad. Im Knick des Tors ist der Eingang zum „Ort der Stille“. Dort drinnen ist es echt still. Drei Türen, Schleusen aus Glas, schwerer Vorhang, dichte Rahmen, Broschüren, links liegen zu lassen. Ein kitschiges Gemälde vom Licht am Ende des Feldes, in dunklem Braun, Scheiße, Kompost, Humus, Homo, davor liegt ein Stein, ein „Findling“, er wirkt völlig künstlich und deplatziert, schwarze Stühle stehen im etwas schummrigen Halbrund, ein Mann sitzt da, die Augen geschlossen, mich juckt’s am Fuß, trau mich aber nicht zu kratzen, um keinen Lärm zu machen, die Luft ist abgestanden. Nichts wie raus. In der Akademie der Künste gegenüber hält ein Rentnerpaar im Café die letzte Stellung. „Abfallprodukte der Liebe“, was für ein toller Titel (vom Filmemacher Werner Schroeter), die Zeitung zur Ausstellung gibt es zum mitnehmen. Das Stelenfeld, bemerke ich plötzlich, ist einfach zu klein. Am Zaun der Botschaft Niedersachsens, nein, es ist die Vertretung des Landes Rheinland-Pfalz, egal, direkt am Mahnmal, hängen Bilder einer weiteren Ausstellung: „Weit weg von Brüssel“,  hat der Fotograf Stefan Enders seine Arbeit betitelt. Für die ist er 31 000 Kilometer entlang der europäischen Außengrenze, einmal ringsherum, gereist. Enders porträtierte eine Menge Personen, frontal, alle haben sich in Szene gesetzt, jeder hat das Bild von sich gewählt. Fotos im altmodischen Schwarz Weiß, dafür gibts überhaupt keine Filme mehr. Fake. Aber Namen, Orte, Zitate. Geschichten von Leuten im Wald, von Roma und Samen, wenig Gewinner, ein spanischer Fremdenlegionär, ein französischer Bürgermeister, eine irische Straßenmusikerin. Ich lese alles. Herzergreifend, toll. Guckt das an, schleppt Tanten, Touristen und Euch dorthin. Vor einer Sport- und Shisha-Bar in der Nähe der Berlinischen Galerie wehen Duftschwaden herüber. Junge Männer am Grill, keine Frauen dabei. Im Prinzessinnengarten gibt es einen Revolutionsautomaten. Er ist leer. Ein dicker Türke fragt, ob der Stuhl frei ist und nimmt ihn dann mit. Ein Schwuler spricht amerikanisch, der Tattowierte hat grüne Hochwasser-Hosen an  Ich kann mir die Lippen blau anmalen und Bermuda-Shorts tragen.

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Sandinodröhnung

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Sonntags sind Sportplätze besonders öd. Olympische Leere herrscht geradezu im Lichtenberger Sportforum, weißes Nachmittagslicht, gnadenlos schön. Wieder sucht mich die Vision von einem Eiskaffee mit Sahne heim. Aber im Gartenrestaurant am Orankesee läuft Fernsehen auf mehrere Flachbildschirmen, Fußball, ältere Ehepaare sitzen viel zu weit weg über ihren blassen, wie verdünnt wirkenden Bieren. Die Kleingartenanlage, vorbildlich einsichtig gestutzte Hecken, hat nur einen Ein-und Ausgang, der evangelische Friedhof daneben auch. In der Gegend hat Mies van der Rohe seine letzte Villa gebaut, bevor er 1933 emigrieren musste. In der sehr kurzen Gropiusstraße frage ich Anwohner, die ihren Hund ausführen, nach der Kriegsgräberstätte oder dem russischen Ehrenmal, deren Nähe mein digitaler Stadtplan anzeigt. Sie wissen von nichts. Es ist gleich hinter den Schrebergärten und einer hohen Mauer aus Fertigbauteilen,m sie fasst einen riesigen verwunschenen Märchenwald ein, Efeu umspinnt haushoch die Kiefern, Amseln lärmen. Kilometer später, gegenüber eines vergitterten, verwaisten Wurfplatzes und dem gleißenden Beton einer Eissporthalle, klettere ich schließlich über die Mauer, lande in einem weitläufigen Friedhof, Kapelle, Tor gleich um die Ecke. Urnengräber in Kreisbeeten, Eichhörnchen zwischen den Reihen der Kriegsgräberplatten. Fast unauffindbar, gänzlich versteckt hinter Dickicht und verwildertem Unterholz der Gräberhain von zwei tausend Toten, Russen, Polen, Deutsche, Soldaten, Zwangsarbeiter, Zivilisten, Kinder. Eine Wiese im Wald, so still, wie außerirdisch, mitten in der Stadt. Hohenschönhausen. Wo sind bloß all die Leute? Die Häuser haben 12 oder 20 Stockwerke, Grünflächen, Sandkasten, Schaukeln, der Rasen verdorrt, kein Müll, keine Musik. Lauwarmer Filterkaffee an der Sandinostraße. Immerhin mit Holzbank vor der Tür. Grad als ich den Mangel an Ausländern für die Totheit des öffentlichen Raums hier verantwortlich machen will, flaggt mich die blauweiße Markise des Akropolis an. Die Straßenbahn ist pünktlich.

Kriegsgräber, russischer Ehrenhain

 

 

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Lustige Wissenschaft und zuckersüße Kirschen©

hier auch noch mal: früher hieß es, es gibt kein Privateigentum an Kugelschreibern, Feuerzeugen und Zehnmark-Scheinen – und ganz früher: Wer schreibt ,der zahlt. Meint: der Urheber zahlt für, dass er gelesen werden kann. Allerbeste Grüße,

„Manchmal denk ich, ich bin in einem Science Fiction Film, in dem wir lustige Ameisen spielen. Lacht da überhaupt noch jemand?“
Die beiden Sätze haben mich gestern sehr amüsiert. Ich las sie bei Kollegin Docvogel. Nur weil sie mir gefallen haben, darf ich sie nicht einfach klauen. Die intellektuelle Redlichkeit gebietet, das Zitat durch Anführungszeichen kenntlich zu machen und die Urheberin anzugeben. Natürlich sind die Sätze wie der gesamte Text ihr geistiges Eigentum und durch das Urheberrecht geschützt.

Wir erinnern uns an einen Fall lustiger Wissenschaft: Morgen vor sechs Jahren, am 9. Februar 2013 gab Bundeskanzlerin Angela Merkel bekannt, sie habe das Rücktrittsangebot der Bildungs- und Forschungsministerin Dr. Annette Schavan angenommen. Mash-up von Jules van der Ley für Teppichhaus Trithemius Schavan war unhaltbar geworden, weil sie „auf 94 von 325 Seiten ihrer Dissertation Textstellen ohne Quellenangaben übernommen“ hatte. (Wikipedia) Der Doktortitel wurde ihr später von der Universität Düsseldorf…

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Schönhausen

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„Poetische Stimmung“ hat der rumänische Bildhauer Anton Ratio seine 1987 im Park Am Fennpfuhl aufgestellte Skulptur genannt. Die lebensgroße Männerfigur, halb hinein geschmiegt, halb heraus gehauen aus einem Block Sandstein, könnte auch einen Dahinsiechenden verkörpern. Die im Park verstreuten Steinplastiken aus den 1980er Jahren sind alle DDR-Kunst-konform figurativ, ein abstrakt gedrungener David sieht aus wie zum Pfosten gehauen, notgedrungen. Die Verwitterung steht den Kunstwerken gut, das Alter ist gnädig zu ihnen, moosige Flechten glätten die Falten ihrer Frühvergreisung. Vom Ufer des Fennpfuhls ziehen Rauchfahnen herüber. Männer stehen am Grill. Mütter sitzen auf Decken, dien junge Frauen auf der Bank. Dazwischen rennen Dutzende Kinder mit Bällen und Reifen herum, sie haben rote und schwarzen Judo-Anzüge mit breiten Schärpen an, Kung Fu Viet Nam steht hinten drauf. Bei den Vietnamesen brutzelt marinierter Schweinenacken überm Feuern, nebenan duftet Lammfleisch und Merkez-Bällchen an Spießen, arabisch sprechende Herren trinken Bier aus Plastikbechern, Frauen tragen Kopftuch und schwatzen am anderen Ende des langen steineren Tisches miteinander. Gestern feierte ein kamerunischer Verein, oder mehrere oder Dorfgemeinschaften, naja, man kennt sich halt und unterstützt zusammen kleine Projekte zuhause in Kamerun, jedenfalls, an die 200 Leute trafen sich zur Grillparty im Stadtpark Lichtenberg. Frauen in knallbunten Sommerkleidern zeigten nackte Schultern, kleine Prinzessinnen  herausgeputzt in Tüll und riesigen Haarschleifen, Sonnenstrahlen durch Baumkronen gebündelt, gebratene Hähnchenflügel, Fettpfützen auf Silberplatten,  Reisberge, Bier und Saft kistenweise, Campingstühle, Sitzgruppen in Baumschatten, Groovemusik, dezent und im schläfrigen Herzschlag des Sommernachmittags. Da hinten sind Angolaner, die kommen jedes Jahr, sagt B. der wie ein Aufpasser am Rand steht und mich einlädt, klar, nun komm schon. Wenigstens ein Hühnerbein auf die Hand? B. wohnt in Moabit, dort darf man nirgendwo mehr grillen. Er hatte mal drei Spätis, einen auch in Friedrichshain, Nachbarn beschwerten sich über betrunkene Touristen. Als ob sich Einheimische nie betrinken würden. Hinter dem Park ist die Bahntrasse. Eine Brache, Container, eine Traglufthalle der Stadtmission, eine Wagenburg, ein Garten voller Giftpflanzen. Sportplätze am Sonntag. Das trockene Rascheln der Pappeln. Sollen sich doch andere an deine Kindheit erinnern

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Dann geht ein Bild hinein

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An der Bushaltestelle steht eine Nonne in weißer Tracht und schwarzen Sandalen. Über der schwarzen Haube trägt sie eine weiße SchiebermützeIm Bordbistro trinken drei Chinesen Flaschenbier und schmatzen genüsslich eine Vollkornbrotstulle. Einer hat seine Halbschuhe ausgezogen und die Beine im Schneidersitz übereinander geschlagen. Die Gräfin schickt drei Videoclips mit lachenden Tieren. Blue Eye Sinatra singt dazu Smile when your heart breaks. Wir haben einen Tag lang Familienfotos vernichtet. So viele Bilder  von glücklichen Tagen. Immer schön mitten durch die Gesichter reissen. Die alte Nachbarin weint und pflückt der Schmuddelkatze eine fette Zecke aus dem Fell. 

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Lager Luna

 

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Die Beete des Sowjetischen Ehrenmals in der Schönholzer Heide sind frisch bepflanzt. Hier wurden 13200 gefallene Russen beerdigt. Die Namen von 3000 sind auf den Grabsteinen aufgelistet. Blau ist der Himmel über den „von der Sonne gehärteten Quadern“ der stalinistischen Monumentalarchitektur. Die Einschüchterung funktioniert, kein Besucher, der sich hierher verirrt hätte, bleibt. Das Cafe gegenüber hat Schließtag. Der Wilhelmsruher See ist von Blaualgen verseucht. Enten und Seerosenteppiche stört das nicht. Man hat Garagen und Gärten des Grauens an den Einfamilienhäusern Friesenstraße, Ecke Germanen-, Ecke Walhallastraße. Auf der anderen Seite des Sportplatzes VfB Einheit zu Pankow (Verein für Bewegungsspiele, Jugendabteilung) gibt es eine Genossenschaftstraße – Borsig-Werke? In der Schönholzer Heide nördlich davon wurden ab 1942 ausländische Kriegsgefangene nach Nationalitäten getrennt in Baracken untergebracht, im Schloss das Polenlager, sie mussten 60 Stunden die Woche  Zwangsarbeit leisten in der Waffenproduktion und den Elektrizitätswerken. Weil dort 1936 bis 1940 der Vergnügungspark Traumland lag, mit Riesenrad und Gespensterbahn, hieß das Zwangsarbeiterlager bei der Bevölkerung „Lager Luna“.  Übrig sind Gesteinsbrocken, Fragmente von Säulen aus Betonguss, ein Bunker und ein efeubewachsener Friedhof, der  Ehrenhain für die Opfer von Krieg Gewaltherrschaft.  Und ein Lied:

Auf der Schönholzer Heide, / Da jab’s ’ne Keilerei / Und Bolle, jar nicht feige, /War mittenmang dabei, / Hat’s Messer rausgezogen / Und fünfe massakriert. / Aber dennoch hat sich Bolle / Janz köstlich amüsiert.

 

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Entsorgen kostet

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Am 29.Mai sind die ersten Fledermäuse da. Eine kleine, räudige Meise gockelt im Gras herum. Die Gartenrotschwänzchen machen sich rar. Drei Tage hintereinander war eine  sehr zierliche Brandmaus da, holte Knäckebrot und Käse im Gras unter meinem Stuhl.  Hab ich sie überfüttert und die Katze sie sich geholt? Leider schon lange keine Igel mehr, eigentlich nur einen Sommer gabs Igelbesuch. Das war großes Schrebergartenkino. Sie haben einen unfassbar langen und anstrengenden Paarungstanz, bei dem der Mann laut hechelnd wie ein Irrer im Kreis um die Dame herumrennt. Sie dreht sich auch, aber auf der Stelle, bis ihr so schwurbelig ist, dass ihr der hechelnde Kerl wie ein Igelprinz vorkommt. Am 30. soll Weltuntergang sein. So steht es in einem Gedicht  im Glaskasten der Gartenwirtschaft. Ein Lied, wie ich lerne, vier Strophen, gereimt, geschrieben auf schwarzem Karton. Die Kröte weiß nichts davon. Sie unkt auch nicht, sondern ratscht. Es soll hier bald Plastikverbot geben: für Trinkhalme und Luftballonhalterklemmen. Ist das jetzt Fake-news? In Ruanda, wo Plastiktüten schon ewig verbannt sind, soll bald auch der Import von unseren alten Secondhandklamotten verboten werden. Wer was loswerden will, soll dafür bezahlen. (In Anverwandlung des Högeschen Anarcho-Mottos: Wer schreibt, der zahlt.) „Schenken“, das nur dem Ausmisten des eigenen Überflusses dient, müsste Gebühren kosten, statt auch noch ein gutes Gefühl zu verschaffen. Nicht Anschaffen, Loswerden der Dinge muss vergütet werden. Müll- statt Mehrwert-Steuer. Eine Art Negativzins auf Dinge. Ver-Gütung, Ent-Sorgen. In Neukölln gibts schon gebrauchte Rollatoren im Trödel. Der Vollmond geht auf.

 

 

 

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Himmelfahrt

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Sehn wir uns nicht in dieser Welt… Bei Bitterfeld explodierte mal der Motor meines Autos. Ich fuhr mit einem Ersatzwagen zu den Eltern nach Hause, das alte Auto (vom Vater geerbt) fährt mit dem neuen Motorblock immer noch. War ich auf dieser Fahrt allein? Es war Frühsommer. Ich erinnere mich an Wiesen und das Wetter. Jahre später, bei der Flut, wieder war es Sommer, waren wir zu zweit. Als wir langsam durch das knietief  stehende Wasser fuhren, in der Nähe von Bitterfeld, wurden wir mit Steinen beworfen. Er hat Fotos gemacht, als ich später etwas darüber schrieb, wurde der Satz mit den Steinen gestrichen. Was geschieht eigentlich mit all den verlorenen Bildern, mit den gelöschten Fotos? Wohin gehn all die Pixel und geschrotteten Daten? Und was geschieht mit all den Milliarden Erinnerungen, die keiner mehr braucht? Gibt es ein Krematorium, wo ihre Asche in Urnen abgefüllt, einen Friedhof, wo sie alle verrotten können, zu Kompost neuer Gefühle werden oder wie Mikroplastik zu einer Schicht Firniss verkleben, unter der die Vergangenheit mumifiziert,  Als ob Erinnerungen Körper wären, Materie im Moor.

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Did you ever go clear?

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Nähe der Warschauer Brücke finden Passanten am Montag früh einen Toten unter einem Baum. 40 Jahre, aus dem „Obdachlosenmilieu“. Es regnet. Ich geh zur Post, kaufe für 50 Cent ein Buch von günter kunert: kramen in fächern, alles klein geschrieben auf dem Umschlag, weiß auf schwarz, sieht aus wie ein suhrkamp klassiker, ist aber von aufbau, 1968. Kurze Texte, Impressionen vom Hinterhof, keuchende Bedeutungspausen, ganz schön geschraubtes Zeug. „Die Wasserfäden spulen sich von oben herunter und reißen nicht ab: in den Gärten zusammengeklappte Stühle, deren Eisengestänge schon rostet: Auch sie nehmen Anteil an der allgemeinen Vergängnis.“ Rostige Gartenstühle! Probleme hatten die. Ich nehme die S-Bahn zum Gartencenter am Treptower Park, kaufe ein paar Samentütchen, sammle Bärlauch, laufe im weiten Bogen über die matschige Wiese zurück, steh blöd auf Kieswegen im Nieselregen herum, stiere auf die Tropfenkreisel im grauen Wasser und scanne doch andauernd verstohlen das Ufer gegenüber nach einem pinkfarbenen Handtuch ab. Ich meide die Brücke über die Spree, geh aber dann drunter durch, bis dahin wo es nach Pisse stinkt und die dort immer unsichtbaren Obdachlosen ein Lager haben, eine sauber gefegte Festung mit Spendentopf am gedachten Eingang. Gegenüber hat nur ein Liebespaar kurz das Trockene gefunden. Seine Decke hängt dort, wo er im Gras daneben lag, ausgebreitet über dem Geländer. Sie ist nass, sie riecht nach nichts. Was mache ich hier? Ein Mann mit ausgemergeltem Oberkörper in rotem Unterhemd reckt sich auf der Reling eines am Ufer dümpelnden Lastkahns, bevor ich ihn ansprechen kann, ist er wieder zurückgekrochen in sein Kabuff. An der nächsten Uferbrache auf dem Nachhauseweg sehe ich ihn dann. Sein pinkfarbenes Handtuch leuchtet nicht, er eiert herum. Er hat Schuhe an! Weiße Sandalen. Andere Klamotten auch, war er im Schenkladen, den ich ihm empfahl? Er umkreist im Zickzack eine Baumgruppe, ich hoffe, er sieht mich nicht. Wieso? Wieder hab ich das komische Gefühl, dass er mich wahrgenommenen hat, um mich weiß. Wilder Schnittlauch wächst im Unterholz. Ich kaufe Obst, Wasser, Schokolade im nächsten Supermarkt. Warum? Was will ich? Als ich zurückkehre, wieder gut eine halbe Stunde später, steht er immer noch bei dieser Gruppe aus Bäumen, sein Handtuchlumpen auf einem trocken gebliebenem Unterholzflecken, er steht herum und schaut, blinzelt desorientiert, als ob die Horizontlinie, wie überhaupt alle Richtungen des Himmels und der Erde für ihn keine Geltung haben würden. Er freut sich über das Wasser.  Den Schnittlauch  anfassen kann er gerade nicht, eine Lähmung hält  seine Hände fest. Freunde von früher, sagt er eilfertig mit seinem erleuchtetem Lächeln, habe er wieder getroffen. Wo sind sie? Ich bleibe heute nicht.

Not for Jane or me…

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Diogenes kann einpacken

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Er hat keine Schuhe an. Er taumelt am Ufer entlang, zerzaust und fürchterlich abgerissen. Ich gehe ihm aus dem Weg, er ängstigt, er berührt mich. Ich möchte ihm Geld geben, hab aber nur zwei große Scheine. Ich könnte sie wechseln, auf dem Weg zum nächsten S—Bahnhof blicke ich von der Brücke über die Spree und sehe ihn aus der Ferne, sein pinkfarbenes Frotteehandtuch über den Schultern leuchtet. Er sammelt eine lumpige asphaltgraue Decke ein, ich habe das komische Gefühl, er sieht mich auch. Ich kaufe zwei Bier und gehe zurück. Gut eine halbe Stunde ist vergangen. Vermutlich ist er längst verschwunden. Doch er liegt neben der Uferpromenade unter einem Baum, die schmuddelige Decke verbirgt ihn fast. Warum nicht, sagt er freundlich, als ich ihm ein Bier anbiete, er setzt sich halb auf. Seine Augen sind hellwach. Ich versuche, die Flaschen am Ufergeländer zu öffnen, am Metallpapierkorb gelingt es. Jens, er heißt nicht so, aber er erinnert mich an einen solchen, hat eine leichte, fast gesunde Bräune, seine Haare sind wellig dunkelblond, sein Bart rötlich, seine Augen leuchten hellblau. Er ist kein Trinker. Er ist 41, das war sein erster Winter auf der Straße. Seine Ausdrucksweise ist fein und elaboriert, durchsetzt mit englischen Codewörtern, eruptions und vocations, die er höflich für mich eindeutscht. Er hatte ein Tonstudio, eine Wohnung natürlich, war DJ, Elektro-Musiker. Was hat ihn aus der Kurve geschmissen, was ihn bei Höchstgeschwindigkeit aussteigen lassen? Bipolar? Manisch-depressiver Schub? Drogen? Da sind Stimmen. Freunde aus einem früheren Leben rufen ihn. Sie wollen Kontakt mit ihm aufnehmen, und Kinder sind da, die lärmen. Es ist laut, viel zu laut. Aber man muss sprechen. Er hat zu viel geschwiegen, deshalb die Missverständnisse, die Wunden. Die gebrochenen Rippen, der Riss in den Herzkranzgefäßen, die Beulen, manche auch vom Frost, die Kälte der Nächte, auf der Straße, in Hauseingängen hat er unterschätzt. Er hat schon Gras gegessen. Genug Wasser trinken ist wichtig. Das geben ihm Leute. Wo wäscht man sich als Obdachloser? Wo geht man scheißen, wohin, wenn das Fieber einen schüttelt? Er hat nichts, Diogenes ist ein Angebeer gegen ihn. Ein Koffer, eine Tüte vielleicht steht bei einem Freund. Papiere, Schatzbriefe, Existenzbeweise? Freunde von früher, Stimmen, Zeichen sprechen zu ihm. Jesussyndrom, Realitätsverlust, Verhungern. Seine Schuhe hat er ausgezogen und irgendwo stehen gelassen. Für den Kontakt mit der Erde, der Grund, das Universum. Wir sind alle eins. Bäume, Tiere, Steine. Als würde er zustimmen fältelt der Baumstamm hinter ihm seine Rinde zu schrundigen Grimassen. Selbst Tiere brauchen Behausungen. Eine Höhle, ein Nest. Er wickelt die Decke um seine besockten Füße. Wenn sie einfach so herumständen, würde er vielleicht auch wieder Schuhe anziehen. Seine Hände sind schmal, die Fingernägel lang und schmutzig. Er riecht nicht gut. Loslassen, sagt er, hat mit Erlösung zu tun. Er lächelt wie ein Heiliger.

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Herr Gott

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Herr Gott hat mein Portemonnai gefunden, er hat meine Autoversicherung angerufen, von dort rief mich einer zurück, und Herr Gott hat mir alles wieder gebracht. Heißt er so? Er kam um fast 23 Uhr, er braucht Auslauf, sagte er, er hat in Paris gearbeitet, am Louvre eine goldene Verzierung am Dach angebracht, jetzt hat er es am Bein, Sehnenriss, er sammelt Flaschen. Mein Geldbeutel lag unter einem Auto an der nächsten Straßenecke, im Taxi oder vor der Haustüre verloren. Herr Gott ist jung und zerknittert, er trinkt keinen Alkohol, seine Frau hat ihn verlassen, er freut sich beschämend süss über den Finderlohn. Ich bin nur beschämt.

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Zum Schwanen

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Uferschilf, Queckenkreise. Diagonalverscheibung. Wie verändert sich die Welt, wenn man schielt? Woher die Überheblichkeit, beautiful loser, das warst du nur in den Liedern. Zwei Japanerinnen im Bordbistro teilen sich eine Currywurst. Der blonde Kellner kratzt sich am Handgelenk. Einer erzählt von seinem Knie. Maulwurfshügel auf Wiesen, Rehe im Stoppelfeld, Erde dunkel, Farben wie ausgeblutet, der Horizont weichgezeichnet vom diesigen Licht. Birkengrau, Ascheweiß. Nein, es ist nichts. Eine Tasse zerbricht. Irgendwo stirbt immer jemand. Was hast du? Verschieb die Wolken und lass die Leute in Ruhe ihre Kohlrouladen essen. Die Kartoffeln sehen aus wie poliert. Mach die Sonne weg. Kunststoffhosen und Kälte für alle. Nächster Halt Haßfurt, Ausstieg in Fahrtrichtung rechts. Das Gasthaus zum Schwanen heißt seit zwanzig Jahren Pizzeria Adriatica.

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Kopfbahnhof *

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Der Mann mit Fahrrad und einer schon mehrfach benutzten Alditüte kauft Betel ein, sagt Ladim. Wie zum Beweis hat er eine Nuß in seinen klammen Fingern, an der er herum knabbert. Gambia, fünf Jahre hier, wohnt in der Norweger Straße, nähe Bornholmer, („Skandinavisches Viertel“ heißt der neue Roman von Torsten Schulz) er spricht gut genug deutsch,um mich quer über die Mulde der Ex-Pissrinne anzurufen. Oder kennen die mich hier schon, harmlose Alte, Parkgängerin ohne Auftrag? Weiß ich wie ihr soziales Netz funktioniert, was darin eine Rolle spielt? Bethel Henry Strousberg, Generalunternehmer der Berlin-Görlitzer Bahn, so Johannes Groschupf im Tsp, „ließ 1866 den Kopfbahnhof am damaligen Stadtrand im Stil eines italienischen Palazzo bauen.“ Die Rummelsburger Bucht hat eine dünne Eisschicht. Jogger traben in kurzen Sporthosen über Leggings vorbei, Hunde tragen Pullis, meine Nase läuft. Der Uferweg vorbildlich, renaturierte Zivilisation, öffentlicher Raum mit Naturlehrschildern, Zonen für Totholz, Geschichtsstelen und Bänken bestückt. Beim Paul-und-Paula-Ufer gibt es ein Ökoklo, bisher immer geschlossen. Der Wassergrund ist mit Blei, Cadmium, Kupfer, Zinn oder Quecksilber vergiftet, Schwimmen ist verboten und von längerem „Aufenthalt auf dem Wasser“ wird abgeraten. Nichts mit Hausbootromantik, das Containerschiff Freibeuter mit seinen alternativen Lebensformen für völlig Verlorene scheint unbewohnt. Wegen dem Gift denkt man im Bezirksamt darüber nach, den Schlamm mit „Matratzen“ abzudichten und den Untergrund quasi unter einen Teppich zu stopfen. Im Röhricht-Bioreservat quietscht eine Ente, Haubentaucher treiben auf Eisschollen herum. Mit seinen katholisch wirkenden roten Lämpchen auf den Gräbern hat der Gottesacker bei der Kirche Alt-Stralau in der Dämmerung fast etwas Venezianisches. Weiden, Pappeln, im Backsteingebäude des ehemaligen Palmkernölspeichers wurden bis 1899 Rohstoffe aus den deutschen Kolonien Westafrikas zu Margarine verarbeitet. Die seit über einem Jahr leerstehende Taverne wird für 1,35 Millionen nicht verkauft. Die Möwen stört das alles nicht. Noch schwimmen keine Kadaver hier rum. Ein Paar Schwäne hat es auch hier her verschlagen. Sind die zwei Grauen dort nicht vielleicht Kormorane, Fischreiher? Der Matsch auf dem Trampelpfad ist gefroren, Schuhsohlenfährten. Rotkäppchensektflaschen. Am Ende ein Tor. Der Weg ist vermüllt. Die Mülleimer aus dem System gefallen. Das blaue Zelt im Gebüsch beim Weg zur Großen Liegewiese ist weg. Wo bist du hin?

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Bambara, vielleicht

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Die Dealer spielen Fußball, um sich aufzuwärmen. Manche hocken in Dreier- und Vierergruppen auf Banklehnen. Die Gesichter sind unter Kapuzen, Mützen und zwischen hochgezogenen Schultern vergraben. Meine Blicke werden mit Lächeln erwidert, ich könnte eine Kundin sein. Bambara spricht er, und Englisch und Französisch natürlich. Aus Bamako am Niger, Mali, wo mal die beste Musik Afrikas herkam, Ali Farka Touré, wo die Menschen schön, freundlich und sanftmütig waren, lange das favorisierte Einsatzgebiet für Entwicklungshelfer, da, wo die Bundeswehr jetzt Rekrutierungsvideos produzieren lässt und Musiker von religiösen Fundamentalisten verfolgt werden, ein Jahr sei er jetzt hier. Der Schneegriesel verdichtet sich zu einer grauweißen Wand. Die Farben verschwinden. Horizontaler Wind jagt unsere Atemfetzen davon, eisige Pfeilspitzen stechen ins Gesicht. In der Marienkirche am Alex steht Eucharistie auf einem Poster, der Gottesdienst findet auf Englisch statt. Der junge Pfarrer ist schwarz, er hat ein einziges Dreadlock-Zöpfchen, das wie eine Miniantenne senkrecht in die Höhe steht. Im Dämmerhimmel ziehen Nebelkrähen ihre majestätischen Kurvenformationen, sie sammeln sich unter Geschrei und lassen sich zum schlafen als schwarze Trauben auf den Bäumen ringsum nieder. In der Akademie der Künste bekommt ein Schriftsteller den Jean-Amery-Preis für europäische Essayistik. Karl Markus Gauß ist Österreicher und hat viele wunderbare Reportagen über ethnische Minderheiten an den Rändern Europas verfasst. Inzwischen ist er es ein wenig überdrüssig zu erfahren, wie anders ein jeweiliger Stamm seine Ostereier anmalt. Der Laudator, Feuilletonist aus Hamburg im Dreiteiler mit Einstecktuch, gefällt sich darin, neoliberalie Privatisierungen und Kommerzialisierung zu kritisieren und zugleich „Dritteweltbewegungen und Postkolonialismus“ verächtlich zu machen. Bis auf einen Mann mit Mandelaugen hat niemand im Publikum einen nichteuropäischen Hintergrund. Im Anschluss gibt es Sekt und Brezeln, von der Dachterrasse blickt man über das Brandenburger Tor. „Wir da oben“ denke ich unwillkürlich. Und steige in die Nacht hinunter.

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Blendung

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„29 plus eins“, sagt der Mann auf dem Rollator. Ich geh vom Fahrplanpfosten zu ihm in die Bushaltestelle. Er streift einen Fingerhandschuh ab und daddelt auf seinem Handy rum. Haufenweise Apps, die der BVG findet er nicht gleich, aber da ist er in seinen Erinnerungen schon dort, wo der Bus herkommen soll, Lobeckstraße oder so, da hat er als Kind gewohnt, bis sie ausgebombt wurden. Ja, 85 ist der Kreuzberger jetzt und morgen will er mit dem Zug nach Dresden, da ist eine Ausstellung zu Modelleisenbahnen, die wird er sich angucken. Der 29er kommt und wir wünschen uns noch einen schönen Tag. Im Arsenal am Potsdamer Platz läuft ein Film aus Nigeria. In wundervoll langsamen Bildern von pastoralen Landschaften, Kamelkarawanen durch Sandwüsten und pittoresk kostümierten Turbanmännern erzählt der 1976 gedrehte Film von einem Jungen, der von arabischen Sklavenhändlern entführt wird und später als islamischer Gelehrter in sein Dorf in Nordnigeria zurückkehrt. Und unentwegt, quasi die ganzen 142 Minuten des digital restaurierten Films lang, wird die Größe Allahs gepriesen. Die Geschichte spielt Ende des 19. Jahrhunderts, ist in Hausa und basiert auf einer Novelle des ersten Ministerpräsidenten des postkolonialen Nigerias. Der Politiker Abubakar Tafawa Balewa wurde 1912 im nordnigerianischen Tafawa Balewa geboren und 1966 bei einem Militärputsch ermordet. Er hat sich u.a. gegen die Pläne Frankreichs eingesetzt, in der Sahara Atomversuche durchzuführen. Es ist noch hell, als der Film zu Ende ist.

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Wegen deinem Tee

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Im Adlon kommt Kaffee aus Aluminiumkapseln. Das Kotti Café ist von Männern vollgeraucht, draußen, auf der Terrassenbrücke über die Adalbertstraße, dampft schwarzer Tee. Vor Behagen heult man nicht. Hostel steht in vergessenen Buchstaben am schmutzig gelben Rundbau, die Fassade bröselt. Köfte seit 1993. Wie im Stummfilm schwebt die U-Bahn auf Augenhöhe vorbei. Darunter fliesst Verkehr im Kreis, stockt, geht, steht, wartet auf Grün, auf den Bus, guckt auf Displays, hat Eile, hat Kinderwagen, hat Freundin, hat Zeit. Wenn ich mich auf der linken Straßenseite halte, erreiche ich das Ufer in den letzten Sonnenstrahlen des eisblauen Tages.

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Sesam öffne Dich

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Auf das Auto eines Buchhändlers in Neukölln wurde ein Brandanschlag verübt. Es sei nicht das erste Mal, die Täter werden in der rechten Ecke vermutet. Bei jenem Buchladen Leporello von Heinz Ostermann wurden schon im Winter 2016 einmal die Scheiben eingeworfen und sein Auto abgefackelt. Deswegen gibt es am Samstag eine Kundgebung gegen Nazis am Rathaus Neukölln. Ein Sprecher der Partei der Linken spricht, eine Frau liest einen Aufruf vor zu einer weiteren Kundgebung gegen Rassismus und Sexismus, ein Mann mit rotem Schal trommelt eine Art Tusch, wenn man Beifall klatschen soll, eine Frau mit verhärmter Miene klöppelt dazu stoisch auf einer überraschend klangvollen Plastikrassel. Es ist kalt, die grauhaarigen Köpfe stecken tief in hochgezogenen Schultern und Krägen, manche halten rote DinA-4-Schilder mit einem Piktogramm in den Händen, ein Transparent schlackert wie ein verbrauchter Lappen am Rand, kraft- und freudlos alles. Auch ich bin froh, als die Veranstaltung sich vorzeitig sang- und klanglos verläppert. Das Elit Simit, eine Bäckerei mit Selbstbedienungscafé, ein Stück weiter die Karl-Marx-Allee Richtung Rixdorf, ist so gut besucht, dass es selbstverständlich ist, sich zu fremden Leuten mit an den Tisch zu setzen. Im Fernseher läuft ein türkischer Musikvideo-Sender ohne Ton, androgyne Blondinen fahren Madmax-Motorräder, Machomänner gucken mit Sonnenbrillen auf Wüsten, Schmachtlockenjünglinge werden von wilden Bräuten geküsst und geohrfeigt, ein knittriger Amor sammelt seine Pfeile wieder ein, Sonne geht unter im goldenen Schnitt. Ein beleibter Mann mit Wollpulli und dunkler Hautfarbe macht sich Notizen in seinem Tagebuchkalender, ein Dutzend Jugendliche mit leuchtenden Gesichtern, Studenten?, sitzen dicht gedrängt unter der Spiegelwand und besprechen wichtiges, zwei hübsche Mütter, eine mit, eine ohne Kopftuch, unterhalten sich leise und füttern ihre Schoßkinder mit Torte. Eine Kopftuchmatrone im knöchellangen Mantel wackelt mühsam am Stock zu einem freien Platz, Kuchen und Tee werden ihr gebracht. Der Bäckergeselle befördert ein Blech frisch gebackener Simitkringel schwungvoll vom Ofen in die Tresenauslage. Ein schöner Mann im Rollstuhl genießt seinen Milchkaffee. Bei Italy Depot gegenüber ist immerwährender Indirim, gepolsterte Winterjacken fünf Euro, alles übrige drei. Plötzlich eine Sehnsucht nach Istanbul, konkret und kribbelig in der Nase wie Duft gerösteten Sesams, klebt auf der Haut wie der neblige Samt vom Bosporus im Winter, eine Sehnsucht nach dem Eiswind vom Schwarzen Meer und der wolligfeuchten Wärme im großen Teehaus in Beylerbeyi. Flucht aus Byzanz (Joseph Brodsky) findet Exil in Neukölln.

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Gimme shelter

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Benjamin heißt der Hund, sein Mensch liest ein Buch über Hunde, das hat er gefunden, es lag auf der Straße. Da leben sie sonst, der Mensch seit 12 Jahren, mit Hund sei es schwieriger, da hat man Verantwortung. Im Moment sind sie bei einem Kumpel untergekommen, den haben sie Sylvester kennengelernt, für den Hund war das wie Krieg, er brauchte Schutz, ein Unterschlupf. Es nieselt. Auf das Brücke über den Landwehrkanal steht ein Klavier auf Rollen. Ein junger Typ in Kapuzenmantel spielt eine Sonate, im losen Kreis um ihn herum bleiben Passanten stehen, alle sind schwarz gekleidet, sie wirken beseelt. Im schwarzen Wasser posieren die Schwäne vom Urbanhafen für Gruppenfotos. Am Karpfenteich hinter dem Sowjetischen Ehrenmal übt ein Mann Saxophon, sein Rad ist an die Sitzbank gelehnt, niemand nimmt bei ihm Platz. Im Unterholz des Waldes, wo ich einen versteckten Ort zum Pinkeln suche, hat jemand die sorgsam entblößten Wurzeln eines großen Baumstumpfs zu einer abstrakten Skulptur poliert. Warum sieht das so kitschig aus? Adern, Sehnen, Muskelstränge, Schrankwandkranich. Zwischen Baumgeäst ist eine graue Plane über einen gefallenen Stamm gespannt, unter einem Gebüsch duckt sich ein zerrissenes gelbes Igluzelt. Bald wird Grün die Spuren verdecken.

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Ausverkauf

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Der Blumenfrau sind die Hände gefroren. Auf den Bürgersteigen liegen Tannenbäume herum. Frostzucker hat sie konserviert. Angebot, Angebot ruft ein bemützter Verkäufer, gebeugt über Berge von Ananas, Mango, Kaki, Litschi. Das Straßenpflaster am Paul-Linke-Ufer glänzt schwarz im geschmolzenen Schnee. Auf dem Türkenmarkt sind die Südfrüchte so billig wie in Bangkok. In Chinatown gab es teure Erdbeeren und schwarzrote Herzkirschen, kunstvoll wie Pralinen in Zellophantüten geschichtet. Der Lauch ist fahl, der Blumenkohl sieht aus wie aus Plastik. Die Äpfel schmecken so. Ich erinnere mich: es gab keine Äpfel im letzten Jahr. Ein später Frost hat sich die Blüten geholt. Ich sollte Tannenreisig für den Garten sammeln. Aber ich habe gar keine Rosen mehr. Im Discounter liegt Thermo-Unterwäsche aus flauschigem Polyacryl und ein großes Sortiment an Vogelfutter in den Regalen.

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Chinatown forever

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In der Frühe werden Kerzen angezündet, symbolisches Geld verbrennt in Emaileschüsseln, Räucherstäbchen verbreiten süße Gerüche. Ein melodiöser Saperlot-Sermon vom Band übertönt den Verkehrslärm, über der Straßenkreuzung fließen zwei Hochstraßen ineinander. Mitten im tosenden Berufsverkehr ein chinesischer Schrein, Insel der angehaltenen Zeit. Für einen erfolgreichen Tag richten Geschäftsfrauen den Göttern Obstteller an. Salatöl füttert Flammen in Leuchtampeln, ein Mann mit einem Plastikkorb verteilt goldene Papierschalen, einer betet auf Knien. Mir hat die Fluglinie noch einen Tag hier geschenkt, Felekten bir gün calalim – lass uns dem Schicksal einen Tag stehlen, heißt es im Türkischen. Noch einen Tag durch Katzengassen streunen, Strassenzüge voller Radlager und Motorblöcke, Bäume mit verblassten Bändern und Altären, Gewürze in Leinensäcken, Pfeffer aus Sichuan. Beerdigungen in Tempeln, drei Krokodile im Gehege daneben, Tuktukfahrer trinken Schnaps. Im Universitätspark haben die Pflanzen Namensschilder. Ein sehr alter Mann verkauft mir Spinatknödel. Die Gasthauswirtin gibt mir ein Tetrapack süße Sojamilch mit auf den Weg. Ich verliere meinen Strohhut und finde einen anderen. Die Zeit ist um.

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Be sure to wear some flowers in your hair

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Nachtzug nach Bangkok. Chinesische Urlauber in Funktionskleidung spielen Karten. Deutsche Mädchen mit nackten Schultern schreiben Tagebuch. Der Schaffner bezieht die Liegen selbst in der Holzklasse mit weißen Laken. Seidig hellgrüne Vorhänge machen die Kojen zum Separe. Das Fenster klemmt und bleibt halb offen, Ruß weht herein, scherengitterartige Jalousien rattern blechern, der Rhythmus findet keine Musik, der Traum keinen Schlaf. Die Bilder haben das Regime übernommen. Selbst das Sehen machen andere für mich. Der Körper will essen. Rauchige Reisfladen vom Feuer, frittierte Spinatbällchen, grüne Mangos. Mit der Fähre über den breiten schalmmgrünen Strom ans andere Ufer hinüber, als ich mich endlich in die Ticketschlange für den weißen Tempel einreihe, wird sie geschlossen. Die Prinzessin, so heißt es, würde kommen. Im Schatten eines Hauses, auf einer Stufe sitzend, trinke ich eine Flasche Wasser. Unter einer Brücke haben sich ein paar Verlorene mit Sperrmüll eingerichtet. Eine andere Fähre setzt über, die Slumhütten am Ufer sind durch eine neue, überdachte
Promenade mit Läden ersetzt worden, in denen der immer gleiche Souvenirtrash angeboten wird. Dahinter sind die hohen Hallen des Blumengroßmarktes. Orchideenbündel mit Wasser aus Eimern benetzt, Tausend Rosenblütenköpfe in Plastiksäcken, Glücksbringer im Tagetesrausch. Das Toben der Stadt, die Menschenströme, Verkehrswahn, heiße Abgasschwaden, sogar der Lärm gefällt mir hier.

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Auskehren

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Und wieder, und wieder. Die schöne Metzgerin zerhackt Knochen, hagere Männer ziehen Körbe auf Rädern. Koriander duftet, Fische schillern, Garnelen haben blaue Bärte.

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Im Schöpflöffelwahn

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Am Anfang steht ein Lastwagen. Zwiebelberge. Zitronengrasbesen. Säckeweise Kurkumawurzeln. Eine Flasche fällt um. Die Spur führt ins Große. Die Quelle der Warenströme ist ein Delta. Der Trichter eine Halle mit Oberlicht. Marktfrauen thronen in Kohlköpfen. Schweineköpfe grinsen sich tot. Tomaten sind günstig. Fische zucken in Bottichen. Sternanis, Zimt und Kreuzkümmel. Im Haushaltswarenhimmel funkelt das Aluminiumgeschirr, ein Anfall von Schöpflöffelwahn ergreift mich. Schöpflöffel kann man gar nicht genug haben.

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Die Dörfer hinter mir

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Ein kleines Mädchen in Schuluniform führt einen Jungen mit geschwollenem Auge vom Bolzplatz zum Wasserhahn und wäscht sein kleines Mondgesicht. Eine Frau in Lumpen schenkt mir eine Mandarine.

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Cloud mit Kirschblüte

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Temperatursturz. Die Wolken haben sich wie ein wattiger Lappen auf uns gesenkt, es regnet nicht, die Luft weht in nassen Schwaden durch die Gassen, hängt triefschwer in den Bäumen, schüttelt sich als Duschschauer aus den Blättern, hängt als silberne Tropfen in Spinnweben, weht wie ein Vorhang über den leeren Platz vor dem Museum für die chinesischen Märtyrer (die in den Bergen hier bis 1975 Schlachten schlugen, um die letzten versprengten kommunistischen Kämpfer zu vernichten, von „Annihilation“ und „Pulverisation“ ist auf den Gedenktafeln zu lesen, die thailändische Regierung dankte es ihnen, weil sie die Grenze zu Burma sicherten.) Der feuchtigkeitssatte Wolkenschleier lichtet sich, auf 1395 m Höhe, über den 719 Treppenstufen hoch zum Tempel, noch einmal so viel die kurvige Straße hinauf, kurz zeigen sich, selbst wolkengleich, die ersten rosafarbenen Knospen der Kirschblüte.

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Schöpfung, mach mich fertig

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Bambus knarzt im Wind wie ein Haus voller alter Möbel, Türflügel wehen zu, klemmende Schubladen gehen sich wie von Geisterhand auf. Was dem Feuer widerstand, wurde mit der Machete niedergemacht. Zwischen langen, wie Mikados gefällten Stöcken keimen Maisschößlinge aus der schwarzen Asche. Ich stehe still. Von der gerodeten Hügelkuppe habe ich ein fast vollkommenes 360-Grad-Panorama, die weite Aussicht über Täler zu den am Horizont blauen Bergketten dürfte fast 50 km betragen. Rotbraune Feldwege schlängeln sich über mit Bananen, Teebüschen Kaffeebäumen bebauten Terrassen, Dschungel liegt wie grüner Kraushaarfilz über den Hügeln, in Fernen flirrt Luft über Dörfern, goldene Stupas zittern wie winzige Kompassnadeln im Landschaftsozean. Meine Knie zittern auch, und das kommt nicht nur vom heraufsteigen. Die grenzenlose Weite, ja agen wirs ruhig mal, die Schönheit der Erde, haut mich um, ich muss mich festhalten, ich umarme den nächstbesten Baum, lege meine Gesicht an seinen Stamm, drücke die Stirn in seine schorfige Rinde, sie ist sonnenwarm.

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Kaffeepause

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Manche Wege geht man besser nicht allein. Die Zickzacklinie auf der Karte ist ein glitschiger Pfad, zum Teil schulterhoch zugewachsen, zum Teil eher einem gerölligen Bachbett ähnelnd, das steil ins Tal hinunter stürzt. Zwei junge Franzosen, sie abenteuerlustige Zirkusartistin auf Langzeitreise, er ein schlaksiger IT-Projektmanager, immer hungrig und zum ersten Mal in Asien, holen mich ein, als ich zögernd am Abzweig stehe. Gemeinsam gehts. Ohne auszurutschen oder zu stolpern erreichen wir ein Dorf, ein abgerissener Mann winkt uns freundlich in seinen mit Bierflaschen dekorierten Laden, wo er uns frischen Espresso macht. Auf Bambusebenen,Terrassenflächen und Planen liegen überall erdnussfarbene Kaffeebohnen in der Sonne zum Trocknen, barfüßige Frauen wenden die Ernte mit hölzernen Rechen, Männer bedienen ratternde elektrische Maschinen, in denen die Bohnen über Siebe gerüttelt und gewaschen werden. Kaffeeplantagen säumen den die Abhänge zu beiden Seiten des Weges, nach einem weiteren Dorf noch höher in den Wolken gelangen wir in einen lichten Dschungelwald und stehen plötzlich vor einer rotweißen Barrikade aus leichtem Bambus. Ein Mann in schwarzer Uniform lacht uns an und überkreuzt die Unterarme vor seiner Brust. Das ist die Grenze zu Myanmar? Die Artistin freut sich wie ein Kind, für ein Foto mit dem Grenzschützer dürfen wir kurz hinüber. Auf dem Rückweg hält ein Pickup neben uns, meine Begleiter freuen sich über den Lift und klettern begeistert auf die Ladefläche. Ich freue mich drüber, wieder meine Ruhe zu haben und nichts mehr über die Migration von Whatsup-Daten auf ein neues Endgerät hören zu müssen.

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It´s Teatime

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Eine Nacht in Chiang Mai, fast zwei Tagesreisen und sechs verschiedene Busse später bin ich dort angekommen, wohin es mich zum Ende meiner Thailandreisen immer zieht. Mae Salong liegt ganz im Norden des Goldenen Dreiecks, 1113m über dem Meeresspiegel. An den steilen Hängen bauen die ehemaligen Drogenguerillas der Shan und die aus China über Myanmar geflüchteten Kuonmintang-Chinesen inzwischen Kaffee und meinen Lieblingstee an. Hier kaufe ich für den Rest des Jahres köstlichen Oolong ein, seit heute auch den herbem thailändischen (der chinesische ist süßer) Jiagolan. Ein paar Tage spaziere ich noch durch abgelegene Dörfer, fast jedes von einem anderen Hilltribe bewohnt, hole tief Luft und inhaliere den Himmel.

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Wellness brutal

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Das Angenehme am Backpackerpack ist sein Hang zur Verklumpung. Man muss bloß ein paar Schritte über die Ballungszone hinaus gehen, und sogleich hat man Straße und Landschaft mit Mopeds, Hunden und Hühnern wieder für sich. Gestern hab ich hier pauschal über den Rucksackmob herumgeätz. Das war dumm, wie alles pauschale Urteilen. Zudem gehöre ich ja selbst dazu, mit dem einzigen Unterschied, dass ich doppelt so alt bin. Vermutlich neide ich diesen lockigen Mädchen in Leggings und Jungen mit Buns nur die Zukunft. Dabei ist die Gegenwart der Tage wunderbar. Gestern verlief ich mich auf der Spur zu einer heißen Quelle auf Feldwegen zwischen Heuschobern, Weilern immer höher in den Bergen. Wolken spiegelten sich in den Pfützen der roten Erde, steil fielen terrassierte Felder zu Bachschluchten hinab, unüberwindbar, undurchdringlich das mannshohe Gestrüpp zur laut gps nur noch 200 m Luftline entfernten Quelle im Wald. In der Nacht träumte ich, dass eine Militärinvasion mit Hubschraubern geschieht und ich im letzten Haus am Weg dort oben Zuflucht suchte. Heute wanderte ich zu eine anderen heißen Quelle. Der Weg zum Naturschutzpark war ausgeschildert. Die junge Frau an der Schranke lächelt über meine Grimasse angesichts des steilen Eintrittspreises und gibt mir ein Kinderticket. Ich kaufe ein Körbchen mit sechs Eiern, das ich wie alle anderen,thailandischen Besucher an einer sprudelnden Stelle ins fast kochende Wasser halte. Im WK2 hatten die Japaner hier eine Militärbasis. Diese Geschichte handelt, wie die von Kanchanaburi und der Brücke über den River Kwai (Film von 1957 mit der berühmten Marschmusik) vom Kampf um die nicht ferne Grenze zu Burma. An der Eierkochstelle machen Jaryias aus Bangkok und ich zusammen Selfies, danach suhle ich mich endlos, wie die paar jungen Touristen und die in voller Montur im Wasser plantschenden Hilltribe-Frauen in den dampfenden Bassins, durch die das heiße mineralische Wasser stufenweise auf Badewannentemperatur herunterkühlt. Im Dickicht um ein kühlere Becken hat einer Schlangen gesehen, mein Kopf schaukelt auf einer tief über dem Wasser hängenden Lianenschleife. Herz, was willst du mehr? Nudelsuppe!

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Die Geister haben schlechte Laune

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Ameisen haben den Klebreis im Bambusrohr erobert, das Kartoffelcurry beschert mir eine nächtliche Entschlackungskur, die Minivans zum nächsten Ziel sind ausgebucht. Irgendwie läuft das neue Jahr suboprimal an. Es ist wohl an der Zeit, die Geister zu bestechen. Drei Stunden dauert die 110 km lange Fahrt mit der nun doch wieder gelben Klapperkiste über die Berge. Weil sich 20 Passagiere hineinquetschen müssen, sehe ich nichts von der berühmten “scenic“ Landschaft, wegen der sich Touristen in Chiang Mai Motorräder mieten und den legendären Mae Hong Son Loop mit 1856 Kurven auf 900 noch was km in einer Woche abfahren. Es ist so eng, dass zwei junge Bauersfrauen nicht mal Platz finden, um sich zwischen unseren Füßen auf den Boden zu setzen und deshalb über Stunden völlig verbogen stehen müssen. Der Körper ist die Erfahrung, die Knochen, die Bandscheiben, die halben Hinterteile speichern unsere Erinnerung. Die pinkfarben ausstaffierten Töchter der Frauen, alle Männer sowieso, okkupieren mit größter Selbstverständlichkeit Sitzplätze. Frauen, besonders die aus traditionellen ethnischen Gemeinschaften, sind hier der letzte Dreck. Ein korpulenter Teddybär mit seiner Freundin fläzt sich, unentwegt eklig mit ihr knuddelnd, über eine halbe Sitzbank. Seine Freundin platzt schier aus ihrem knappen Cocktail (!) -Kleidchen, ihr weißes Fick-, sorry Schenkelfleisch ist bis zum Schritt entblößt. Aus ihrem rosafarbenen Handtäschchen mit Straußenfederflaum und Klunkerbesatz fingert sie alle Nase lang mit irren Krallen, ebenfalls mit Glitzersteinwülsten dekoriert, stolz ihr Telefon heraus. Während die Mädchen eine Plastiktüte nach der anderem vollreihern, von den gekrümmt kauernden Müttern geduldig nachgereicht und dann lässig auf die Straße geworfen, füttert die Jungverliebte ihren Fettsack mit Keksen, die nach künstlichem Erdbeeraroma duften. Pai, mein Ziel, ist ein berüchtigter Hotspot für langhaariges, gerne auch dröhnendes Backpackerpack aus allen westlichen Gefilden. Sie kommen aus Frankreich, der Schweiz, Spanien, Israel, der Ukraine usw., um hier die tollste Party zu feiern. Vom Busbahnhof aus reiht sich ein Guesthouse ans nächste, Kneipen, Cafes, Massagesalons, Tattoobuden, free wifi allerorten. Um minimalen Abstand vom alternativen Ballermann-Mob zu bekommen, ist dringend ein upgrade nötig, meine schwächelnden Beine lotsen mich wie von selbst in eine Oase. Im TaiYai, das steht für Shan, stehen verspielt ausstaffierte Holzhäuschen in einem verschwenderischen Blumengarten, Stare zwitschern, Hähne krähen, Regen fällt. Zur ersten Orientierung spaziere ich über den Fluss, keuche dann eine ziemlich endlose Treppe den Hügel hinauf zum gigantischen Weißen Buddha. Auch dort hängt lärmendes Jungvolk der internationalen Billigheimerei herum, ich werfe verstohlen einen Schein in die wie ein Safe aussehende Donationbox. Im Tempel ein Stockwerk am Berg tiefer aber sitzt allein ein dunkelrot eingewickelter Mönch. Er nimmt meine drei Kniefälle, wie sichs gehört mit der Stirn bis auf den Teppichboden, und meine rosafarbene Geldschein- Spende in seine Messingschale schmunzelnd zur Kenntnis, bespritzt mich darauf mit einem Besenwedel unter segnendem Sermon mit doch sicher heiligem Wasser und knotet mir ein blütenweißes Bändchen ums Handgelenk. Good luck, sagt er zum Schluss auf Englisch, damit auch alle guten und nicht so guten Geister die Botschaft verstehen sollten.

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moment of surrender

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Wenn es hell wird morgens um sieben haben die Marktfrauen schon ihre Stände fertig aufgebaut. Der Klebreis dampft, Kürbis und Linsenschoten sind gekocht und portioniert. Darin liegt eines der Grundprinzipien des Marktes: Gemüse, eingelegte Fische, getrocknete Schweinekrusten, Gewürze, Kekse, Suppen werden aus großen Töpfen und Säcken in Millionen winzige Plastiktütchen umgefüllt und in Windeseile mit Gummis verschlossen. Eine Frau trägt einen jungen gelben Hund mit halbem Maul in einer Kiepe und umtuttelt ihn mit einer Strickjacke. Dach und Ladefläche eines Song´taas werden beladen mit verschnürten Kartons und Tüten voller Tüten. Zwischen die Einkäufe quetschen sich am Schluss die Passagiere. Im Dorf der Chinesen, „die Thailand lieben“, so heißt die erst vor ein paar Jahrzehnten gegründete Siedlung ehemaliger Kuonmintang-Flüchtlinge aus Burma, scheint Bedarf an Morning Glory zu herrschen. Ein Mädchen in rosa Plüschhoody mit Bommeln lächelt schüchtern. Die Sonne schafft es über die Berge und sengt sofort. Wozu Leute und Wetter beschreiben, wenn es keiner Narration dient? Wenn es nicht Seelenlandschaft illustriert, nicht Stimmungsmoment ist, das eine Dramaturgie auflädt? Vita contemplativa ist das Gegenteil von Handlung, ich bin kein Akteur, es gibt keine Geschichte, ich ändere nichts, ich hinterlasse keine Spuren. Was sich abspielt, erschliesst sich mir nicht. Ich sehe Oberflächen aus Licht, Farben, Bewegung. Ich betrachte Bilder, durch die Geräusche fluten, Sprache, die ich nicht verstehe. Was erzählen die Gerüche? Ich bin Zuschauer eines Stücks ohne Erkenntnisgewinn, was für ein schreckliches Wort auch. Und dann tut sich doch noch was. Die gelbe Transportkiste füllt sich mit Gepäckstücken und Leuten, die Zeichen für die um Neun angekündigte Abfahrt verdichten sich, um Zwölf gehts los. Dafür macht der Fahrer einen Abstecher zu dem als Schweiz von inländischen Touristen geschätzten Naturparadies, wo man in Zelt-Iglus unter Pinien an einem grünen Stausee campieren kann. Nachmittag ists, als wir das hoch in den Bergen und, klar, direkt an der Grenze klebende Chinesendorf Mae Aw erreichen. Es gibt eine Fake-Burg, einen Stausee, ein paar teure Resorts, ansonsten nur eine verratzte Einkaufsmeile für Souvenirs und massenhaft Tee in kleinen vakuumverschweißten Päckchen, die wer weiß wieviele Jahre da schon rumliegen. Ich kauf ein Päckchen in billigem Zellophan bei einer Mutter mit Kind, die am Straßenende im Dreck sitzen. Nach einer Viertelstunde bin ich durch und will wieder weg. Haufenweise karren Minivans mit getönten Scheiben Besucher heran, kaum ein Wagen aber verlässt den Ort wieder. Mein öffentliches Verkehrsmittel, so viel hab ich inzwischen herausgekriegt, fährt erst am Tag drauf die knapp 45km zurück. Puh. Handlungsbedarf. Zögerlich spreche ich am Parkplatz Touristen nach einem Lift an. Eine Stunde später mach ich mich schon offen zum Affen, indem ich am Dorfausgang zu trampen versuche. Natürlich hält kein Schwein. Peinlichkeit und Demütigung machen mich bald so mürb im Keks, das ich bereit bin, eine Bleibe für das zehn, ach zwanzigfache des Preises zu sichen, den ich im Ort, wo meine Zahnbürste und mein Adapter liegen, schon bezahlt hab. Und zack! The Moment of surrender. Als ich aufgeben will, bremst ein silberner Truck und ich klettere zu den fünf Erwachsenen auf die offene Ladefläche. So komme ich auch noch in den Genuss, die spektakulär steilen Haarnadelkurven zu erleben, mit freiem Blick auf Urwald, Abgrund und Himmel.

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Where are you?

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Der nette Mensch vom Moped-Verleih will kein Geschäft mit mir machen. Kein internationaler Führerschein? Ganz schlecht. Viel Strafe. Polizei besonders scharf, heute neues Jahr, Rückreiseverkehr, Straßensperren. Er tippt in sein Telefon und hält mir das Display vor die Nase: „What is fear?“ Oh. Diese existentialistische Übersetzungs-App wieder. Auf Feldwegen im Nirgendwo konfrontierten mich schon giggelnde Mädchen auf Mopeds (!) mit der Frage „Where are you?“ Der freundliche Mann hier aber zweifelt vermutlich an meinen Fahrkünsten. „Hospital nicht modern!“, lässt er sein Telefon ausrichten. Ok, dann eben nicht. Wer weiß, wozu es gut ist. Vielleicht zu gar nichts? Muss überhaupt alles immer einen Sinn haben? Wie bestellt steht an der nächsten Ecke Polizist und kassiert einen Falschparker ab. Geh ich halt wieder zu Fuß, gefällt mit eh besser. Die in der Karte eingezeichnete Quelle ist ja nur gut fünf km entfernt, blöderweise die ersten drei davon auf der Landstraße, wo der Fernverkehr entlang rollt. Doch halt, eine nur unwesentlich längerer Umweg führt über Weiler und Felder. Endet leider auf halber Strecke an einer Schranke, die ein Soldat bewacht. Wir vergleichen unsere elektronischen Landkarten, nichts zu machen, ich muss zurück zur Hauptstraße. Inzwischen steht die Sonne hoch, schwül ist’s und ich hab nur zwei leere Wasserflaschen dabei, bin ja auf dem Weg zur Trinkwasserquelle. Die gibt es dann nicht. Zwei hagere Mönchlein, die genau da, wo die Quelle sein soll, einen Tempel haben, in dem ihr Buddha einen Heiligenschein hat aus sieben Nagas – das sind doch Wasserschlangen? -, deuten demütig lächelnd, oder spöttisch?, in den blauen Himmel. Hä, kein Regen? Was war das mit der Sintflut letzte Woche? Dazu plätschert und gluckert es von allen Seiten, blaue Leitungsrohre ziehen sich kreuz und quer durchs saftige Unterholz. Ein Junge bietet mir auf meine Frage Wasser sus seinem Elternhaus an, begleitet mich dann imerhin zum Bach runter, sagt netterweise „clean“ dazu, wo ich wie ein Idiot sturköpfig meine zwei Plastikflaschen fülle. Schlepp sie auch den ganzen Weg zurück, ohne was davon zu trinken. Wie gut, dass ich nicht abergläubisch bin. Nach dem europäischen Hexengeraune der 12 Rauhnächte verhieße das für meinen August 2018 zwecklose Durststrecken in Sackgassen, für die ich nicht mal ein Moped leihen kann.

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Besser machen!

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Fledermäuse umschwirren den Pavillon im See. Die Beleuchtung des schon bei Tageslicht in prächtigem Kitschglanz erstrahlenden Tempels hat Konkurrenz bekommen in den bunten Neonröhren rings um das Ufergeländer, goldenen Glühbirnengirlanden und weißen Papierlaternen in den Bäumen und einer Bühne, auf der steif kosrümierte Tänzer steife klassische Tänze vorführen, wechselweise Kindergruppenreigen und Popmusikeinlagen chinesisch anmutende Klönkelmusik mit schlangenbeschwörerischer Armgewedel-Choreografien von zierlichen Frauen, quietschende Gute-Laune-Moderationsduos, alles in Großprojektion, gezoomt und vervielfacht über eine Leinwand flimmernd, was sich wie alles irre Gefunkel und Geleuchte im schwarzen Wasser spiegelt, über das Fledermäuse in Scharen schwirren und manchmal ein Karpfen einen Kreis aufploppen lässt. Mit einem Feuerring aufgeheizte Lampions steigen in den Himmel, natürlich wünscht man sich dabei etwas, nur der Mond ziert sich noch die Idee von einer Nacht bis zur vollen Ründe. Ein Transvestit in Radlerhose und blonder Wuschelkopf-Perücke singt herzergreifend schräge Pop-Schlager. Die Moderatorin trägt zu strassbesetzten Mörder-High-heels einen eimergroßen, mit silbernen Blechmünzen geschmückten Kopfputz des Lisu-Stammes. Die Preise der Tombola – ein elektrischer Mixer, Bettwäsche und Zudecken mit Hello-Kitty-Aufdruck, ein Kochtopf – werden verliehen,.ein Junge in Lahu-Tracht, eine Frau in Sonntagsstaat, goldene Bluse zu gewebtem Wickelrock, holen ihre Gewinne rennend vor Öffentichkeitsscham von der Bühne ab. Ein Ballet von schönen jungen Frauen in den Trachten aller 12 oder so hier in der Provinz lebenden Tribes läuft auf zur Ethno-Modenschau, dann tanzen sie barfuß zusammen eine Polonaise zur Katzenmusik vom Band. Eine Nebelmaschine macht Nebel, die Kinder in uns bekommen heliumgefüllte Luftballons mit Kerzenschiffchen dran, Countdown, vom Tempelberg steigen Raketen in das neue Jahr, scheiße, das war gut!

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vanishing cultures, ach was

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Bananen haben Kerne. Man bekommt sie nur im Bündel, 16 bis 18 Stück, halb so groß wie die bei uns. Am Sonntagsmarkt kauf ich bei einer schönen Frau vom Stamm der Shan ein etwas gammeliges Bananeblattpäckchen, darin sind noch gammeligere Sojabohnen, bestimmt eine Art lokaler Spezialität. Mit soviel Wegzehrung mache ich auf vom Ort nach Süden zu einer Quelle im Wald, biege dann aber doch ab Richtung „Long Neck Village“, das nur noch sieben km entfernt sein soll. Das ist eine der hiesigen Touristenattraktionen, man bucht eine Tour, bezahlt Eintritt, damit fühlt man sich berechtigt, die „Giraffen-Frauen“ mit ihren metallenen Halsringen und gewebten Zotteltrachten zu fotografieren. Zugleich weist ein Schild darauf hin, dass das kein Themeparc ist. Natürlich wollt ich da gar nicht nie hin, dann doch, um das voll erwartbar als ekelhaften Menschenzoo zu geißeln, nicht ohne anzumerken, dass diese ethnische Minderheit ja davon lebe, was übrigens alle darüber schreibenden Besucher tun. Nun, nichts auslassen war ja auch eine Devise. Die Straße windet sich wieder durch einen zauberischen Wald, Bachgemurmel, smaragdgrüne Tümpel, Altäre mit lebensgroßen hölzernen Pferden, verblichenen Papierblumenketten und Plastikflaschen mit granatroter Limonade, saphirblaue Vögel, einsame Rufe, Echos in der Stille. Die sieben Kilometer ziehen sich Richtung zehn, ein Mann auf der Ladefläche eines weinroten Toyota winkt, lässt den Wagen stoppen und mich einsteigen. Nach sieben „wet crossroads“ passieren wir die parkenden Kleinbusse der Pauschaltouristen, kein Eintritt heute für uns. Dafür gleich mal den teuersten, aber echt tollen Espresso aus scheinbar hier angebautem Kaffeebohnen. Die Frauen und Mädchen haben zum Glück gar keine unnatürlich langen Hälse, obzwar schon Metallringe drum, auch an den Knöcheln und Waden, man kann die Schmuckstücke auch gleich kaufen, sie sind hinten offen zum zubinden (selbes Prinzip, Fabrikat? wie bei den Kwa Ndebele). Die Stände, dicht an dicht, bilden eine enge Gasse, es gibt auch genau das gleiche wie überall sonst, Tigerbalm, Fake-Jade-Schmuck, Sesamöl, bestickte Massenware-Klamotten, fast wie eine Shoppingmal, wär da nicht der hubbelig matschige Erdboden und der insgsamt leicht schrottig pittoreske Armutslook und: der Elefant! Fotos gemacht, Souvenir gekauft, lokale Wirtschaft unterstützt, und wiede losgelaufen, zurück, Straße endet hier. Über sieben Brücken,nein siebenmal durchs flache Wasser mit den welthässlichsten und besten Latschen gepatscht, einen Hügel hoch geschnauft, eine sonnenbeschienene Talkurve entlang, dann liest der weinrote Pickup mit der freundlichen Familie mich wieder auf. Wir machen Selfies mit unseren Telefonen und tauschen facebook-Adressen aus, happy new year.

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Der Wandermönch und die Waisenkinder

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Die Wolken hängen zu tief für das Flugzeug, das ansonsten einmal am Tag von hier aus nach Chiang Mai abhebt. Ostwärts hinter der Landebahn führt die Straße noch etwa drei Kilometer sanft ansteigend durch den Wald, an einem kleinen Stausee parken drei Mopeds, drei Männer sitzen am Ufer unter Sonnenschirmen und angeln. Der Fahrer eines Pickups mit drei orangegewandeten Novizen drin bietet mir einen Lift an. Freiwillig zu Fuß gehen macht hier für niemanden einen Sinn, aber Blätter fegen im Wald! In einer magischen Baumkathedrale schwingt ein Mönch den Besen an einer Flußbiegung, gegenüber am Felsen klebt der mit Tüchern,verhüllte Eingang zu einer Höhlenbehausung. An einer flachen Furt grunzen Schweine, danach öffnet sich das Gelände zu einem gepflegten Amwesen, ein Schild mahnt anständige Bekleidung an. Die Dhammagiri Foundation wurde 2010 als Waisenhaus und buddhistisches Zentrum von einem Wandermönch aus Malaysia eröffnet. Ajahn Cagino, mit Preisen ausgezeichneter Fotograf, lebte hier in den Wäldern, schlief in Höhlen, meditierte an Wasserfällen und wurde durch die Großzügigkeit von zwei Aids-Waisenkinder so gerührt, dass er diese Stiftung gründete. Ein S-förmiges, nach vorne hin offenes Langhaus aus Beton schmiegt sich elegant ins Tal, zunächst halte ich es für eine riesige Kleiderkammer, aber es sind die auf Drahtbügel gehängten Besitztümer der rund 60 Kinder und Jugendlichen, die hier auf dicht aneinander gereihten Stockbetten wohnen. Zwischen dem Mädchen-und Jungentrakt liegen die Gemeinschaftsräume, Küche, Bibliothek, ein lichter Versammlungsraum. Im Internetcafe telefoniert ein Mönch, ein freundlicher Mann mit besticktem Ethnohemd bremst mein Herumschnüffeln aus, indem er mich zum Mitessen einlädt, was ich aus misanthropischer Skepsis (bei Stiftungen ist nie was umsonst) dankend ablehne. Er ist aus Singapur und macht dort was mit IT, hier ist er für zehn Tage zum mal rauskommen. Eigentlich hatte er ein tudong, eine neuntägige buddhistische Pilgertour durch die Wälder mit den Mönchen gebucht, das wurde aber wegen Regenfluten und Kälte (Taifun nennen sie es auf ihrer website) abgebrochen. Es sind Schulferien und die meisten „Waisenkinder“ zuhause bei ihren Familien, in den Dörfern – manche, so der Singapurer IT-Experte, kommen aus so ärmlichen Verhältnissen, dass die Eltern sich nicht leisten können. sie zur Schule zu schicken. Hier kriegen sie Unterkunft und Verpflegung, gehen zur staatlichen Schule, lernen buddhistische Werte und Disziplin, werden in Hygiene und Agrikultur eingewiesen. Die terrassierte Reisfelder der Foundation wirken allerdings ziemlich verkrautet, ich kenn mich ja nicht aus, vielleicht liegen sie gerade brach, aber die Äcker der Dörfler sehen anders aus, ein paa Salatbeete wirken eher wie Meditations-Deko, es gibt hübsche Bambuspavillons „zum ruhen“, ein mehrstöckiges Haus für Gäste ist im Bau. Unterhalb von schicken Apartments mit bodentiefen Fenstern – für Sponsoren? – bauen Frauen mit den Händen im Matsch ein Natursteinmäuerchen. Sie wohnen im Dorf auf der gegenüberliegende Seite des Bachlaufs. Eine Frau, so erloschen wie der Stumpen in ihrem zahnlosen Mund, kratzt sich den verlausten Kopf, sie sitzt zusammengefaltet auf einem taschentuchgroßen Stück Erde, geringer als der Hund, der sich im Sonnenfleck auf der Gasse räkelt. Ein vom Alkohol zerrütteter Mann taumelt im Schatten einer Plastikplane. Die Straße endet hier, danach kommt der Urwald. Ein Mann sägt Bauholz, sein Begleiter bringt mir „Danke“ in der Sprache der Karen bei. Sie haben keine Felder zum bestellen.

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Einatmen, ausatmen

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Es geht immer noch langsamer. Der orangefarbene Bus braucht gut fünf Stunden für die etwa 140 km, die Türen bleiben offen, es ist Nacht, als wir ankommen. Auch Mae Hong Son ist abgelegen, in sich ruhend und überschaubar, eine junge Frau am Tresen des „Living Museum“ reicht mir einen schwarz-weiß kopierten Stadtplan, auf dem eine Spaziergangsroute an ein paar markanten Holzhäusern im burmesischen oder Shan-Stil entlang durch die Kleinstadt vorgeschlagen wird, Dauer eine Stunde. Auf dem überdachten Morgenmarkt trinke ich frisch gebrühten Kafffee, neben mir auf den Plastikhockern würzen zwei Polizisten ihre Eier im Glas mit Maggi. Eine lange Treppe mit Schlangengeländer führt im Zickzack einen bewaldeten Hügel hinauf zu einem alten Tempel aus dem Jahr 1870, außer mit ist dort zu Fuß nur das übliche Rudel räudiger Hunde unterwegs. Ein angedeutetes Bücken. als wollte man einen Stein aufheben, mit dem man nach ihnen werfen könnte, macht klar, wer hier Angst vor wem haben muss und die Kläffer ziehen die Schwänze ein und kuschen weg. Mit Autos und Mopeds sind ein paar Thailänder die Serpentinenstraße zum Tempel und seinen blendend weißen Chedis hochgefahren. An Souvenirbuden mit den immer gleichen Ethnosachen starren Verkäuferinnen auf ihre Smartphones, ein wenig besseren Absatz finden die Opfergestecke mit Kerzen, Räucherstäbchen und weißen Astern, die Panorama-Aussicht über das Tal bis zu den umgebenden Bergketten zwingt zu Erinnerungsfotos. In meinem von Hippies empfohlenen Gasthaus ziehe ich um in die Holzklasse, das ist der erste Stock, wo die Zimmer Bambusmattenwände haben und eine langgezogene Veranda aus polierten Teakholzdielen den Blick zum See, naja Dorfteich, mit illuminiertem Tempel gegenüber freigibt. Ringsum das Ufer ist allabendlich Nachtmarkt mit kleinen Ständen, wo ich gleich mal mit einem heißen Nutellacrepe, na gut Reisdonut, die Promenade lang bummeln werde. Ein oder drei Kneipen gäb es noch, sonst ist nichts los. Die Kinder sind am längsten wach.

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Geisterhäuschen

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Das gelbe Sorng-taa-ou, wie diese überdachten Pritschenwagen mit Bänken rechts und links heißen, fährt nicht um 11 wie angekündigt, sondern schon kurz nach 10 ab. Es fährt auch nicht die Straße nach Ban Sam Leap hoch, sondern das Flusstal entlang. Was solls, wer weiß das schon. Der Mais steht Spalier, ein Bauer  mit Strohhut und Tornister versprüht Pestizide über ein Feld mit Schößlingen. Dann beginnt die Straße doch kurvig bergan zu steigen, wird „scenic“ und verschlechtert sich, ein halbes Dutzend Bergrutsche versperren mit Geröll eine Fahrspur oder Springfluten haben eine Kehre halbseitig unterspült und weggerissen. In winzigen Straßendörfern sitzen Frauen mit Kleinkindern direkt am Straßenrand, Hunde dösen mitten auf dem Weg. Und plötzlich tauchen die an den Steilhang gepflanzten Stelzenhäuser von Sam Leap auf. Hier endet die Straße, das Dorf liegt am Salaween Fluss, der hier die Grenze zu Myanmar bildet. Der Salaween kommt aus dem Himalaya, entsteht dort in 5450 m Höhe aus dem Schmelzwasser eines Gletschers, fliesst durch Tibet nach Yunnan in China, wo er wegen seiner Stromschnellen Nu, Wut, heißt, fliesst weiter nach Myanmar und Thailand und kehrt von hier wieder nach Myanmar zurück, wo er nach fast 3000 km in die Andamanensee im indischen Ozean mündet. Das Ufer ist sandig und mit großen anthrazitglänzenden Felsbrocken gesprenkelt, langnasige Holzboote betreiben den kleinen Grenzverkehr, es gibt einen verschlafenen Einreiseposten, barfuß stehe ich in einem der längsten Ströme der Welt, wieso haben wir noch nie was von ihm gehört? (Der taz-Korrespondent berichtete mal mit schamlos viel wikipedia-copy&paste-sätzen über chinesische Staudammprojekte, die bisher wohl nicht realisiert wurden.) Am Ufer stehen Pavillons und gestapelte Plastikstühle, Männer testen die Lautsprecherboxen für eine Festivität (Lärm sehr gut!), der Songtaa-Fahrer hupt dringlich, es geht wieder zurück. Eine Kleinfamile fährt noch mit. Der Junge mit mongolisch aussehendem Vollmondgesicht bettet seinen runden Kopf in die Kniekuhle seines Vaters, nennen wir ihn Joseph Vodafon, der biegt sich geschmeidig zu ihm und gibt ihm einen Kuss. Mutter Maria, Ferrari steht auf ihrem Anorak unter einem flammendroten Drachenpferd, kramt aus ihrem Rucksack eine Plastiktüte und reicht ihrem Mann eine Betelnuss. Auf dem Straßenmarkt bekomme ich klebrig braune Reiskringel und Nudeln mit Chilli, Erdnüssen und Limone in einem Bananenblatt.

Geisterhäuschen dienen dazu, die Geister zu bannen, sie zu domestizieren und so von eigenen Haus oder Feld fernzuhalten. Um sie freundlich zu stimmen, stellt man ihnen täglich frische Schälchen mit Reis und Getränke hin. 

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There is no place to fall

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Und so laut! Den ganzen schönen Tag lang war ich ich quasi allein auf der Welt, die paar Mopedfahrer auf der Straße durch den Laubwald zum Nationalpark grüßen verwundert lächelnd. Am Eingang, wo man Eintritt bezahlen müsste, winken mich die zwei Ranger gelangweilt durch, beim Ausgang später bedanken sie sich, ich bin die einzige Besucherin, auch der „nature trail“, steil bergan und bergab, zum Glück an den wüsten Stellen mit Bambusgeländer, gehört mir allein, nicht stolpern noch straucheln, there is no place to fall. Wo sind all die Touristen, für die dieser Park und sein Campsite mit dem Lotusteich angelegt ist? Es ist Freitag vor Weihnachten, Hochsaison. Die Nacht legt sich wie ein Laken auf das friedliche Tal und die Regler werden aufgedreht. Plötzlich singen in allen Schrottbuden, äh Bars, ringsum Männer mit Haarknoten und Elektrogitarre schnulzige Lieder. Am Dorfausgang zwirbeln Laserstrahler die sternenklare Nacht und die Boxen hier sind die allerbesten. In einer Art Bierzelt ohne Zelt trinken und tanzen Leute. Auf der Bühne musiziert eine Band mit dünnem exaltiertem Sänger, vor allem aber agiern hier vier halbnackte Gogogirls. Heißt das noch so? Sie tragen, nicht nur bei der Kälte, absurde Bikinis oder „Reizwäsche“. gehäkelt in hellblau mit monströsen Pushups, oder mit Riemchen in roter Kunstseide, sie können nicht tanzen aber lassen ihre Höschenpopos kreiseln und spreizen obszön ihre Beine. Geld wird ihnen zugesteckt. Wir, ein junger Schweizer, der mich dankenswerterweise als seine Freundin annonciert, werden an einem Tisch voller Tellern zu Brandy auf Eis eingeladen. Schlotter. Ein Irrer macht Kniefälle vor allen, ein fröhlicher Transvestit zeigt seine tattowierten Schultern, Frauen in Uniform schunkeln. Nach dem dritten Brandy ist es weniger kalt.

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Pforten der Wahrnehmung

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Wie still kann es sein. Kein  Windhauch durchdringt den Dschungel, keine Blätterkrone rauscht, kein Bambus ächzt, kein Laub raschelt. Selbst die Vögel sind still. Ein Specht klopft, er ist mein Herz.

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Schlendrian

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Es muss ein dicker Buddha gewesen sein, einer mit Bauchfalten und glücklichem Grinsen, vielleicht gar einer mit einem Geldsäckel in der Hand, der hier seinen Fußabdruck hinterlassen hat. Neben dem etwas achtlos platzierten Stein mit dem halbmetergroßen Relief seiner Fußsohle plätschert ein Brunnen, unter dem prächtig verzierten Pagodendach einer offenen Säulenhalle reihen sich goldene Buddhastatuen. An einem Ende steht eine säbelbewehrte Figurine in kämpferischer Pose, auf ihrem Sockel sind Plastikpistolen als Opfergaben abgelegt. Eine blendend weiße Stupa gleißt in der Mittagssonne, silberne Windorgeln klimpern und bimmeln eine leise Zufallsmelodie, Vögel zwitschern, ich übe Lotussitz auf einem weiß gekachelten Tischchen und blinzle in die Panoramaaussicht über das von bewaldeten Hügelketten und blauen Bergen eingerahmte Tal. Unten in einem Dorf gibt es eine weitläufige, von Holland gespendete Anlage, Schule, Waisenhaus? jedenfalls verwaist, eine Ecke weiter wird gefeiert, Männer in schwarzen T-Shirts stehen auf der Strasse und trinken Whiskey, eine Frau in Camouflage-Jacke und hitzig glänzenden Wangen bietet mir von ihrem Bier an. Auf den Stoppelfeldern wird die nächste Saat ausgebracht, Männer und Frauen balancieren Schubkarren über einen Brettersteg zwischen Reisanbauterrassen und betonieren einen Bewässerungsgraben. Alles sieht sehr geordnet aus, die Holzhäuser sind groß und gepflegt, in den Gärten blühen Bougainvilleas, die Farmer sind wohlhabend, neue Allradautos in „Carports“ keine Seltenheit. Dunkelhäutige Männer in Röcken, Mädchen in Hidjab fahren Mopeds. Gegenüber dem überdachten Morgenmarkt liegt eine Moschee, die von der Hauptstraße abzweigenden Wege haben  Eingangsportale, von denen pastellfarbene Papierlampions baumeln. Heute früh hatten wir sockenlose 9 Grad, die Dusche kalt. Ich bin ein Gasthaus weiter gezogen, upgrade zu weißbezogenem Deckbett und Veranda über dem trägen braunen Fluss.

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Reisende

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Kalt ist es in der Nacht und auf der Fahrt über die sieben Berge auf dem Pritschenwagen. Wir ziehen die Mützen und Kapuzen ins Gesicht, wickeln die Schals bis zu den verspiegelten Sonnenbrillen, sodass wir aussehen wie eine Himalaya-Expedition. Nur die Füße nackt und bloß in den Sandalen. Dampfsauna im Tempel von Mae Sot, am nächsten Morgen selbstgemachte Starfruit-Marmelade auf Toast und mit dem nächsten Sorng-taa-ou weiter sechs Stunden bergauf und bergab. Auf halber Strecke passieren wir ein Flüchtlingslager, in dem seit Jahren an die 20 000 Karen aus Myanmar, nunmehr Staatenlose, leben. Keine Zelte, es ist eine Stadt mit niedrigen, schindel- und blättergedeckten Holzhäusern, Hühnern und ein paar Beeten, Bambuslatten und Stacheldrahtzäune kilometerweit entlang der Straße, uniformiert Bewacher an den Gattern, Shelter steht daran. Wovor schützen sie? Wieso gibt man diesen Menschen nicht Papiere und lässt sie ziehen und arbeiten, was sie können? (Kotzbedürfnis beim Gedanken an die Nachrichten aus Europa. Der rechtsnationale Fuzzi in Österreich will allen Flüchtlingen alles Geld abnehmen lassen und die Handys konfiszieren,wenn sie die dann mal zurück bekommen, können sie keine Telefontarife mehr bezahlen.) In der beschaulichen Kleinstadt Mae Sariang bekomme ich ein Zimmer im River View, der chinesisch aussehende Gasthausbetreiber bringt eine zusätzliche Wolldecke. Auf dem Straßenmarkt gibt es mal wieder handgewebte Ethnobeutel, wie es heißt von Karen-Frauen, ich kaufe einen garantiert individuell auf der Nähmaschine aus Flicken zusammengeschusterten Beutel bei einem bemützten Mann mit Betelnusszahnstümpfen, eine Schneiderin flickt ruckzuck mein lakengroßes Allzweckseidentuch aus Indien,1994. Sie weist empört mein Geld zurück. Beim Tempel läuft dröhnende Rockmusik, die Novizen kicken geflochtene Plastikbälle.

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Pastorale

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Kleine Schritte, kein Plan. Wege enden in fremden Gärten. Limonen, Bananen, Ananas, Papayas. Es gibt keine Sackgassen. Pfade verlieren sich im Gebüsch. Führen zu Holzhäusern, zum Flussufer, auf Felder. Schlange, grau mit gelbgrünem Zackenmusterstreifen, kreuzt. Sonnige Felsen im Flüsschen, damit ich innehalten und seinem Gluckern zuhören kann. Hennen flüchten mit ihren Küken ins hohen Gras. Plastiklatschen an der Uferböschung, Jungen fischen mit Plastiktüten. Köter kläffen um ihre Reviere, samtige Welpen tölpeln zwischen meinen Beinen herum. Bananenstauden, Kaffeeplantage, Kohlschösslinge in Reihen, Bäche flüstern aus dunklem Unterholz. Bambus knackt. Safrangelbe Katzen, ein Tempel bei einem Hohlweg, die Müllabfuhr leert eine grüne Tonne und wendet. Ein junger Mönch mit flächendeckender Tätowierung fegt Blätter vom Weg. Stoppelfelder. Heuernte. Wann habe ich das zum letzten Mal gesehen? Ein Alter mit Wanderstock und betelroten Zahnstummeln lächelt breit. Er ist der einzige Fußgänger, der mir begegnet. Ein Bauer im Hawaiihemd wässert sein Feld mit einem Gartenschlauch. Ein Hirte döst im Schatten in einer Hängematte, auf seinem Moped steht ein großes Kofferradio, aus dem Musik dödelt. Die schwarzgrauen Büffel springen schreckhaft aus dem Wasser und stehen auf dem Weg. Blüten, Schmetterlinge, ein Moped wirbelt Staub auf. Es gibt kein Ziel. Oh doch: die Ananasverkäuferin beim Tempel. Sie ist nicht mehr da. Dafür probiere ich ein köstlich scharfes Schmalzgebäck aus Grünzeug, für das ich nicht bezahlen darf.
Der Scheiterhaufen hat sich inzwischen mit Lamettagirlanden und bunt blinkenden elektrischen Lichterketten in einen weihnachtsbaumlichen Thron verwandelt. Frauen haben den ganzen Tag über das tortenartige Podest mit weißen Orchideen und Schleierkrautwedeln geschmückt. Ein hölzerner Sarg steht nun hoch unter dem Baldachin, ein gerahmtes Foto zeigt das Porträt des verstorbenen Mönchs. Meine Gastwirtin hat weiße Trauerkleidung angezogen. Zum Anbruch der Nacht findet sich die gesamte Bevölkerung von Umphang beim Tempel ein. Die Frauen sitzen auf gelben Bastmatten in der offenen Säulenhalle. Ein paar Mädchen holen sich zwanglos eine Plastikschale Reis und Sauce von einem Tisch mit Essen gegenüber des Altars. Der ist von vier Elefantenstoßzähnen flankiert, Erinnerung an die noch nicht lange vergangene Zeit des Wilderei-Reichtums. Die männlichen Honorationen nehmen auf weiß eingepackten Plastikstühlen auf dem Vorplatz unter Zeltdächern Platz. Orangefarben gewandete Novizen bilden paarweise ein Spalier. Hinten, am Rand der neonbeleuchteten Bereiche, sitzen ein paar Arme und Alte, Wollmützen tief in den Hutzelgesichtern. Da setze auch ich mich hin, strategisch blöd, wie ich später merke, weil ich da nicht ungesehen wegkomme. Ein Animateur spricht und scherzt über Mikrofon und bittet wahrscheinlich um großzügige Donationen in die Holzbox mit Sichtscheibe. Dann beginnt der gefühlt endlose Sermon des Priesters über Lautsprecher. Eine Schar Kinder in einem Pavillon zappelt unruhig herum. Die ersten Mütter schleichen sich davon. Der Vorbeter lobt ausführlich das Buddha-gefällige Leben des Mönchs und stimmt wieder seinen monoton meditativen Rampampam-Singsang an. Hände gefaltet, andächtiges Stillsitzen. Das wird hier nichts mit Feuer. Dann ertönt plötzlich heitere Musik, die Novizen treten ab und Mädchen verteilen kunstvoll gefaltete Bananenblattschälchen mit süßem, gallertartigem Reispudding. Ommm.

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Scheiterhaufen

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Im Wald liegt ein burmesischer Tempel. Er ist ganz aus Holz. Gut dreißig verschieden gefiederte Hähne spazieren herum. Ein Mönch bearbeitet mit einer Spritzpistole ein geschnitztes Relief, das wohl zur Dekoration an die große Glocke soll. Sie ist eingerüstet, zwei andere Möche werkeln darauf herum. Breite Treppen führen zum Flussufer, an dem drei Jungen baden. Wo ein Bach in den Fluss mündet, steht eine Bank aus Bambus für mich. Kühe grasen im Stroh abgeernteter Reisfelder. Am Abend ist die Dorfstraße für den ohnehin spärlichen Verkehr gesperrt. Fressbuden reihen sich aneinander, auf dem Holzkohlegrill rösten köstliche Kokosplätzchen und braune Fladen aus Perillasamen, sollen omega gesund sein, sie werden in einem zum Schälchen zusammengetackerten Bananenblatt mit Sirup gereicht. Zwei Bands machen schaurigschöne Popmusik. Ein Mann mit Haarknoten und Sumoringerfigur spielt E-Gitarre und singt so unwiderstehlich inbrünstig mit einer gebrochenen Stimme wie einst Anthony. Die Spenden für die Musiker gehen an ein Projekt für Flüchtlingswaisen. Das scheinbar so traditionelle Karen-Dorf Pa la tha liegt 30 km hinter drei Bergen und dem „glatzköpfigen Felsen“ entfernt, aber die im Lonely planet versprochenen Elefanten gibt es dort nicht mehr, man hat Trecker und die grüne Einheitsmülltonne (wer hat dafür eigentlich das Patent?). Danach beginnt wieder das von Menschen bereinigte Unesco-Naturschutzgebiet, die Straße geht in einen zerfurchten Schotterweg über, auf dem das Rollerfahren, zumindest für mich, voll bescheuert ist. Nach ein paar Stunden und weiteren hübschen Serpentinen ist die Tankfüllung fast alle und ich liefere das Gefährt wieder ab. Im Dorftempel ist aufgetafelt, alte Weiblein wollen mich zum essen nötigen, das muss gut für die Seele eines Verstorbenen sein. Zu seiner Einäscherung errichten Männer daneben einen riesigen, mit bunten Papiergirlanden drapierten Scheiterhaufen. Der lachende Mann aus dem Bus ist auch wieder da und zeigt sein strahlendes Pferdegebiss.

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Dschungelfieber

 

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Zuerst laden wir drei 100 kg Säcke Reis, einen Karton Klempnermaterialien und einen Sack voll hellblaue Rohrknie, dann noch zwei Säcke Mandarinen und etwa 100 Melonen. Die kommen aufs Dach, zusammen mit zwei Soldaten, ihren Rucksäcken und weiteren Gepäckstücken. Gut eine Stunde später verlassen wir die Stadt Mae Sot und pesen Richtung Süden. Unterwegs steigen noch weitere Passagiere zu, sodass wir zu Spitzenzeiten 28 Personen in diesem Gefährt sind, darunter freilich drei kleine Kinder und zwei Jungen, von denen einer abwechselnd mit einer Schwangeren hinten raus kotzt, sobald der Pickup die Serpentinen bergauf in Angriff nimmt. Wegen der 1219 Kurven wird die vor 30 Jahren gebaute Straße Death Highway genannt, sie führt ins entlegene Umphang, wegen seiner Unzugänglichkeit zuvor ein Rückzugsgebiet für Kommunisten und Drogenschmuggler. Noch früher, bevor es die (durch wen gezogene?) Grenze zu Burma überhaupt gab, war die bergige und von vielen Flüssen durchzogene Dschungelregion die Heimat der Karen. Inzwischen sind viele von ihnen zu Flüchtlingen geworden, aus Myanmar aus.politischen Gründen vertrieben auf der Thaiseite wurden ihre Dörfer vernichtet, um Naturschutzparks, auch für uns Touristen, einzurichten. Im Wildlife Sanctuary stören die Eingeborenen, die Siedlungen der Einheimischen wurden von den verschiedenen Militärs niedergebrannt.
Als ich ankomme wirken die Guesthouses, Campsites und Resorts verwaist, das Büro der Touristeninfo eine staubige Baustelle, Restaurants und Kneipen geschlossen. Im „Garden Hut“, einem, idyllischen Plätzchen mit Holzbungalows direkt am Fluss, bin ich der einzige Gast, was mir die Zuwendung (Kaffee, Schmalzgebäck, Bananen, Wasser) der älteren Dame mit pinkfarbenem Hütchen sichert, die den Gasthof mit einer Handvoll junger Frauen und ein paar angestellten Männern betreibt. Beim Dorftempel gibt es mehr Katzen als Mönchlein. Man kann als Tourist hier Wildwasserpaddeln, Dschungel-Trekking und den größten Wasserfall Thailands besuchen. Alles, was ich tunlichst unterlassen werde, schon weil man dazu eine geführte Tour buchen muss, was zudem um die 100 Dollar kostet. Felder mit Tabak, Mais, Reis, Bananenstauden und Mangobäumen ziehen sich durchs Tal den Fluss entlang, Kühe, Wasserbüffel und ihre Kälbchen tragen Glocken, sodass mit den sanften Hügeln und bewaldeten Bergketten ringsum fast Almfeeling aufkommt. Alle paar Kilometer gibt es kleine Dörfer mit Läden für kaltes Trinkwasser. Am Abend zirpen Grillen, von irgendwo weht Musik herüber, die Luft kühlt ab. Die heiße Quelle sei gut 30 km weit entfernt, er könnte mich hinbringen, sagt der  Hausgärtner und zeigt mir Kinderfotos auf seinem Telefon. Während ich nur halb hingucke, bei der Sonne eh sinnlos, und nebenher in maps-me auf dem pad herumstreiche, ploppt  dort das Zeichen für „Hot Springs“ auf. Nur 3,8 km (Luftlinie…) entfernt, zuerst an der „Shalom Kirche“ vorbei die Asphaltstarße entlang, dann einen Waldweg hinein. Es geht so steil bergan, dass ich über eine Stunde brauche, um allein die gewundene Straße hinaufzukeuchen und weil schon zwei Uhr ist beschließe, das ganze zu vertagen. Doch die ganze Ochserei des Anstiegs nochmal? Der Waldweg geht flott auf dem Bergkamm entlang, ein Stunde geb ich mir, um Fünf versinkt die Sonne hinter den Bergen. Den Blick immer wieder auf die Uhr und das GPS, ich fürchte mich ein wenig, kein Mensch weit und breit, Leoparden solls hier geben, Schlangen (sah gestern eine überfahrene) oder Giftspinnen reichen auch, nicht stehenbleiben, sonst Moskitosirren, Aufmerksamkeit auf den Boden, Wurzeln, knackende Blätter, Rinnsale, Matsch, Schmetterlinge, direkt neben dem immer schmaleren Trampelpfad fallen irre steile Böschungen in gigantische Täler, Felsformationen, Monsterbäume, registriert nur aus den Augenwinkeln, plötzlich geht es rasant hinunter, schon fast drei Uhr, darf gar nicht dran denken, das alles wieder hoch und zurück zu müssen, laut gps zu nah dran zum umkehren. Und dann eine Lichtung! Wie selten passend dieses Wort, und Menschen, zwei Ranger und ein Weiblein, die mit Macheten Bambus in Becherform zurechthauen. Der eine zeigt mir den „Pool“. Es ist unfassbar himmlisch. Ich war noch nie in einer heißen Quelle baden, ich liege im Wasser, über mir das hellgrün lichtdurchblitzte, hohe Kathedralendach. Als ich wieder angezogen und zurück bin, schaut der Ranger auf die Uhr und macht Motomoto-Gesten, die Frau schnürt sich den Korb auf den Rücken und bedeutet mir zu folgen, aufwärts, zurück. Nach den ersten hunderten Metern rutschigem Kletteraufstieg kommen echt die Ranger mit ihren Mopeds hinterher, fahrend und dabei seitwärts mitlaufend. Und dann nehmen sie uns hintendrauf mit. Bei den haarsträubendstend Stellen muss ich die Augen zumachen, halte den Mann vor mir fest umarmt, atme tief und dankbar seinen Schweißgeruch ein, öffne die Augen wieder und blinzle berauscht vor Glück in das von Sonnensplittern durchbrochene Dschungeldach.

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Kleiner Grenzverkehr

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Trinkwasser im Niemandsland

Den Bus, den ich suche, finde ich nicht. Niemand spricht Englisch. Nehm ich halt den Pritschenwagen zur Grenze. Weil ich dort nur die üblichen Edelstein-, Elektronik- und Asiasouvenirschrottläden vermute, wollte ich da eigentlich gar nicht hin, aber wie das Suchen könnte ich auch das mit den Erwartungen langsam mal sein lassen. Den äußersten Westzipfel Thailands markiert ein pompöses Monument aus poliertem schwarzem Stein mit Goldschrift, vor dem sich chinesische Touristen in Selfiepose fotografieren. Ein weiteres Schild weist darauf hin, dass der unlizensierte Kauf von Zigaretten und Alkohol strafbar ist. Direkt dahinter säumen Buden mit Zigarettenstangen und Whiskey aus Myanmar einen halben Kilometer weit die Uferpromenade. Der Grenzfluss selbst sieht auch nicht aus wie eine ernst zu nehmende Angelegenheit. Alte Holzboote bringen Waren und Leute über die paar Meter träges schlammgelbes Wasser hin und her, auch ich werde eingeladen, unkompliziert illegal die Grenze zu übertreten. Wo die müllige Uferpromenade ins Gebüsch übergeht, sitzt ein Junge und spielt mit einem Messer rum. Ich soll mich zu ihm in den Schatten setzen. Bo heißt er, komme von drüben, hier sei es besser, er lebt mit seiner Familie hier in einer der Behausungen im Gestrüpp hinter uns, Thaiboxen mag er, keine Freundin, kein Job, er ist 22, money no money, egal happy. Dann zündet er sich eine Filterzigarette an und ich geh wieder zurück. Am Ufer sind eine ganze Menge Hütten aus Planen, Blech, Latten und Bambus. Es gibt eingezäunte Gärtchen und Trampelpfade. Eine Hütte ist höher und weniger schrottig als die anderen, ein Gemeindehaus im Slum? Zwischen zwei Buden, an denen Trockenfisch und lebende Krebse aus siffenden Styroporkisten verkauft werden, steige ich die glitschige Böschung hinunter. Das ist ein richtiges Dorf! Auf einem überdachten Holzgerüst stehen drei Gefäße mit öffentlichem Trinkwasser, manche Hütten sind Läden. Unter dem herausragenden Dach glimmert ein buddhistischer Altar, Männer streichen ein Wandbrett hellblau. Am Ufer, wo aus einem Boot Kartons mit Dosenbier entladen werden, treibt ein Generator eine Wasserpumpe an, ein Stromkabel schlängelt sich über den Lehmweg, hangelt sich über eine Leine… da hält mich ein Typ an, sagt, hier habe ich nichts verloren, für Ausländer verboten. Viel zu gefährlich auch, keine Polizei würd sich hier rein trauen. Niemandsland! Mir kommts eher vor wie eine Art Christiania für Arme, eine ordentlich strukturierte „informelle Siedlung“ von ganz offen ihrer Tätigkeit nachgehenden Schmugglern und eher harmlosen Kleinganoven, an deren obrigkeitlicher Duldung sicher jemand gut profitieren wird. Drink? schaltet der Blockwart um und schwupp sitzen wir auf rosanen Plastikhockern unterm zerfetzten Planenvordach eines Shacks, in dem gut ein Dutzend Frauen, Mädchen, Kinder herumhängen, essen, kommen und gehen, wohnen, leben. An einem Kühlschrank endet das Stromkabel, ich kauf uns zwei Bier.