Frankfurter Tor

Es war zur Bärlauchzeit. Vor einigen Wintern ging er auf Strümpfen am Ufer entlang, zerlumpt wie ein Derwisch, ein rotes Handtuch über der Schulter, das von weitem leuchtete. Warum nicht, sagte er, damals, als ich ihm ein Bier anbot. Clubs, Musik, Studio, Verstärker, Drogen. Name, Beruf, Werdegang. Runterkommen. Er braucht nichts, seine Freunde kümmern sich, sagte er. Heute „einen Cappuccino, vielleicht“. Die Pappeln in der Bucht, unter denen er schlief, sind eingezäunt, sie stehen noch, fast als Einzige. Die Stimmen seiner Freunde sind lauter geworden, sie sprechen in zwei Tonlagen. Für Außenstehende hört sich das fast lustig an, als ob er mit sich selbst streiten würde. Sein Lager auf dem Bürgersteig hat keinen Baum, es ist zugemüllt, es stinkt. Sein Name lässt ihn kurz aufhorchen, dann versinkt er wieder in weltabweisendes Starren. Was ist ein Cappucchino? Soll ich umrühren? Warum nicht.

„Pöbel Küche“ über der kleinen Luke im Schaufenster. Dahinter ist niemand zu sehen. M. las damals Pynchon auf Französisch und bettelte dezent für den Unterhalt seines Alkoholismus. Er sitzt immer wieder mal an den entlegensten Stellen in der Nachbarschaft auf dem Bürgersteig, kein Gepäck, Pappbecher vor sich, und liest ein Buch. Meist ist es dort viel zu dunkel dafür. M. wirkt immer heiter überrascht und lacht, manchmal wie ein Huhn. Vorhin saß er mit dem Tagesspiegel statt Buch vor Penny, zwei Tüten mit Pfandflaschen, er selbst zusammengefaltet, zerknittert, aber wie immer entglitten gackernd. „Wegda“ keift er plötzlich hysterisch, „Polenpack“. Er hatte seinen Platz und jetzt sind die da, zornig zeigt er auf das Dutzend junger Roma-Männer, das sich im Schutz der dunklen Mülltonnenecke aufhält. Sie sollen ihm ihre leeren Flaschen nicht bringen. Am nächsten Tag geb ich ihm nichts. Ist das jetzt ideologische Triage?

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