Wachdienst

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Sind die alle beim Friseur? Die Stadt ist wie ausgestorben, die Straßen leer. Selbst die zwei leichtbekleideten Damen vom Massagesalon sind in der Skybar nebenan. Milimeterscharf getrimmter Gesichtsbewuchs, epilierte Nasenhaare und ein kantig rasierter Schädel scheint bei den Kerlen hier im Kiez zur rite de passage zu gehören. Sauber schnittig möchte der Jungmann über diese vage Zwischenzeit kommen. Oder gehen die einfach zum Barbier, weils dort so jungsgesellig ist? Der Einzelgänger hingegen schiebt zur Dämmerung seinen großem Rollkoffer in den Münzswaschsalon. Im nüchtern ausgeleuchteten Schutzraum aus anonymen Kachelwänden schleudern Trommelmonster den Muff aus Klamotten und die Milben aus der Bettwäsche. Die Hüllen der Körper werden gereinigt, der alte Dreck muss weg, porentief clean solls nun ins Neue gehen. Zu blöd, dass all die krachenden Blitz- und Donnerschläge zur Vertreibung der alten Geister bald verpönt sind. Grauhaarige Frauen mit Knollennasen versorgen sich im Café Tasso mit letzten Vorräten an gebrauchten Büchern. Mir sagt keines zu, noch das Backbuch und der Thriller, den sich andere ausgesucht haben, wirken interessanter als die nett kategorisierten Reste („von Piraten und Abenteurern“) in den Regalen. Der Kaffee ist dünne Plörre und lauwarm. Vor dem Biomarkt kauert Michael, unter der Kapuze des Parkas schaut fast nur sein Nikolausbart hervor, die Mütze tief ins zerfurchte Gesicht gezogen, sein Rucksack mit Isomatte lehnt am Fahrradständer, der Wassernapf für Hunde spiegelblank. Auf dem eiskalten Boden liegt ein kleines Ringbuch und ein Bic-Kugelschreiber. Mit Großbuchstaben notiert er darin Stichworte für sein Drehbuch. Ein Berliner Road-movie, sagt er, der auf der Straße lebt und schnurrt ein raues Lachen dazu. Im Park sei es jetzt zu kalt zum übernachten, aber er kennt offene Haustüren. Er ist Profi-Penner, Gejammer kann er nicht leiden. „Das hab ich mir so ausgesucht“. Freiheit, schon, ja, seit vielen Jahren. Und nein, er bereut es nicht. Irgendwann hatte er mal eine Wohnung hier um die Ecke, vierter Stock, morgens runter, nachts wieder rauf, da war er auch den ganzen Tag draußen. Noch früher gab es eine Frau, wegen der er überhaupt aus Süddeutschland. nach Berlin gekommen war. Zu Weihnachten war er bei Bekannten, die haben sich dann gestritten. Knödel, Blaukraut und Gänsekeule, die kann er jetzt eine Weile nicht mehr sehen. Jemand hat ihm einen warmen Militärschlafsack besorgt, der hat Ärmel, für „Nächte im Wachdienst“. Seine Fingernägel sind lang, rillig, gelb und wie deformierte Krallen nach oben gebogen. Die alten Stiefel stinken. Wir hocken mit Filterkaffee aus Porzellantassen auf dem Bürgersteig. Niemand hat ihm seine Füße gewaschen. Gibt auch keinen Neuanfang. Vor Penny liegt Michael, alle heißen heute Michael, er kommt aus Sachsen und ist halb so alt wie der zauselbärtige Drehbuchdichter, auch er geht nicht in eine Notunterkunft, aus einem betreuten Wohnen flog er raus wegen Alkohol, er wird nicht damit aufhören, sagt er fast stolz, auch er ist schon nicht mehr gut zu Fuß. Sein Hab und Gut türmt sich in einem Einkaufswagen. Er wünschte sich ein Radio, jetzt sind die Batterien leer.

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4 Antworten zu Wachdienst

  1. wildgans schreibt:

    So eine saukalte Freiheit. Immerhin!

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  2. Café Tasso- Hunde müssen draußen bleiben. wuff. Ja, Hasso auch.

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  3. Jules van der Ley schreibt:

    Ein reicher Bilderbogen mal wieder mit Sätzen, die an Peter K.Wehrli erinnern.

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