Sonnenallee 13o

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Der heutige Preis für die schönste location gebührt Jörg Sundermeier. Für seine Buchvorstellung hat er den Späti 130 auf der Sonnenallee 130 ausgewählt. Dreierlei Tapeten, Kaffeesahne, Resopaltische. Der Verleger des Verbrecher Verlags hat ein Buch im be.bra Verlag veröffentlicht. Es heißt Sonnenalle und geht über die gleichnamige, aus Literatur, Film und Fernsehen berühmte Sraße in Neukölln.Täglich erfahren hat der Autor sie mit dem 41er, nach seiner Lesung überredet er – ganz „Wir sind hier in Neukölln“ Kiezhistoriker  mit Konnections – im Ernst Alek dazu, sein Fahrrrad mit in den Bus zu nehmen. Den Slapstick hab ich mir leider nicht angeguckt. Ebensowenig die nächste Buchvorstellung am Kotti, „Votzenfenderschweine“ aus Jörgs Verlag, das Buch der Musikerin Almut Klotz, das diese kurz vor ihrem krankheitsbedingten Tod vor drei Jahren in einem Rausch, Rutsch, runtergeschrieben hat.

 

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Mode und Verzweiflung

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Ich als Fashionbloggerin, stand in der Einladungsmail,und allein deshalb ging ich hin. Und ein wenig auch, weil ein Besuch im Hotel Adlon am Brandenburgertor schon auch schick ist.  Zog dann aber doch die schon etwas angeschmuddelte Jeans, Hemd und eine kurze Lederjacke an, die ich von einer Freundin geerbt hab, die sie wiederum von einer befreundeten Künstlerin geerbt hat. Und bingo, zuerst gabs einen Run von Lagerfeldklamotten, und die sahen genau so aus, wie das was ich anhatte. Das Publikum, zumeist sehr vornehm gekleidete Chinesinnen, wussten anfangs nicht, ob sie lachen sollten. als da männliche Models mit Dutt in Jeans, man trägt weiterhin enge Röhren, dunkelblauem Pulli und Turnschuhen über den Laufsteg schlenderten. Paar Frauenkostüme in asphalt oder gedecktem moderlilabraun gabs auch, und auch hier beruhigend: weiterhin flache Schuhe. Die  Chinamodels führten dannallesamt lange Abendroben in Kolonialstyle vor, papageinbunt schillernde Seide, zu kostbar,  um sie nur als Nachthemden zu tragen. Die, bzw zwei davon wurden versteigert, der Erlös ging an ein bestimmt nettes eherenamtliches Projekt zur Flüchtlingshilfe in Westend. Die Initiatoren waren da und erzählten sympathisch engagiert von ihren nachbarschaftlichem Plänen, Cafe, Bibliothek, Begegnungsstätte, Handwerkswerkstätten usw. Die Initiatoren der Veranstaltung hatten sich das am Vortag angeguckt, also die Bambuspforte Gesellschaft für Deutsch-Chinesischen Kulturaustausch, mit der bezaubernden Liu  -wir haben auch Migrationshintergrund – und selbst die Modeschöpferin. Yang Minming, die ein silber glitzernd besticktes kanariengelbes Gewand,trug, das 30000 Dollar kosten würde. Am Schluss erbarmten sich zum Glück zwei chinesische Damen je ein Kleid für etwa 750 Euro zu ersteigern. Dann bekamen wir alle einen scheusslichen Schlüsselanhänger von Swarovski und ein Freigetränk. Sekt oder O-Saft. Puh, ich glaub, ich will doch keine Fashionbloggerin werden.

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Goethes Gartenhaus

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Gärtner brauchen ja keinen Urlaub. Schon gar nicht im Sommer. Ich jedenfalls vermisse jedes einzelne Wochenende, das ich nicht in meinem Schrebergärtchen sein kann. Meine Nachbarn hingegen müssen die Schulferien ausnutzen, um mit ihren Kleinfamilien wegzufahren. Mein Glück, da ist mal für drei Wochen Ruh mit dem Kindergekreisch und dem Grillmeistergemacker. Das irre aber ist, dass ihre Beete ganz ohne Betreuung wie im Bilderbuch daherwuchern. Schulterhohe Tomatenstöcke voller dicker Dinger, Bohnen ranken ins Himmelblaue und knallpralle Erbsenschoten lugen bis über den Gartenzaun zu mir. In Nachbars Garten auf der anderen Seite sind die Kohlköpfe zu exaltiertem Gewölk erwachsen, das jeden Ikebanastecker blassaussehen liesse, Kürbisse wie Medizinbälle. Die Kartoffeln will man lieber gar nie sehen. Bei mir haben die Schnecken sogar das im Fachhandel vorgezogene Sixpack Selleriepflänzchen auf Stumpf und Stiel aufgefressen. Roten Bete und Mangold haben es nicht mal in meine ferne Erinnerung geschafft. Tomatenanbau hab ich schon lange aufgegeben. Ich mag auch keine Tomaten. Anfang August hab ich mich immerhin noch mal durchgerungen, den struppigen Teppich aus bitteren Rauken, wilden Möhren und zierlichem Fenchelgegakel aus einem Beet zu rupfen, verirrte Akeleien gleich mit. Dann vorschriftsgemäß Spinat und Feldsalat ins frisch planierte „Herbstbeet“ gesät, Samen in Rillen gedrückt, und Eimerweise schummriges Wasser aus der Regentonne apportiert, um die fiederigen Triebspitzen, ja sie guckten kurz raus, zu gießen. Und nun? Nix mehr da. Ein Wochenendtrip nach Weimar hat gereicht, auf einer Holzbank dem Rauschen uralten Parkbäumen gelauscht, Goethes Phloxrabatten und sein rosenberanktes Gartenhaus besucht. Rosen, ach je, gehen bei mir auch nicht. „Weit und schön ist die Welt, doch o wie dank ich dem Himmel, dass ein Gärtchen beschränkt, zierlich, mein eigen gehört. Bringet mich wieder nach Hause! Was hat ein Gärtner zu reisen? Ehre bringt’s ihm und Glück, wenn er sein Gärtchen versorgt.“ Sagte Goethe – bevor er nach Italien reiste.

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Goethe

 

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Weimar wieder. Im Park spielen sie Federball, das blonde nackte Kind, eine Flasche  Prosecco an den Bauch gedrückt, rennt über die Wiese. Ich lümmel auf einer Holzbank im Schatten. In meinem Buch geht es um Heimweh nach einer Zukunft, die längst verpasst ist. Auf dem Marktplatz ist Weinfest. Alle Tische und Tresen sind voll. Auf dem Mäuerchen ist kein Platz mehr. Bänke und Hocker sind im Boden verschraubt. Vor den Mülltonnen, Weimar ist sauberer als Singapur, ist einer frei. Eine Frau setzt sich zu mir, rücklings, wir ruckeln, sodass wir beide Platz haben, ohne uns zu berühren. Nachdem ich mir ein neues Bier geholt habe, setzen wir uns parallel nebeneinander. Angelika war Kindergärtnerin, ist Rentnerin und mit dem Fahrrad da. Sie trinkt Wasser aus ihrer Flasche und raucht Discounter-Zigarrillos. Ihr Telefon klingelt, ja, sie sitze jetzt noch auf dem Weinfest. Wartet jemand auf sie.Sie ist ein Nachtmensch, schon immer gewesen. Ein Typ drängelt sich an unsere Rücken auf den Hocker. Mädels, sagt er, gibts hier auch einen Puff. Wir sind zu sprachlos, um ihn zu bewchimpfen. Erfurt, sagt Angelika, da sei es auch schön. Rauchen wir noch eine zusammen?

 

 

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Vollzeit

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Halb elf am Morgen. Als ich nach der Arbeit wieder am Ostkreuz vorbeikomme, ist er gerade aufgewacht: ein hübscher Junge, er blinzelt in die schräge Sonne und wundert sich darüber, dass er im Schlaf sogar Geld verdient hat.

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Ausgang

 

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Psychodelisch pinkeln in Friedrichshain. (Foto und Ausgehanimation  Povl)

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Das Tier am Bier

 

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und hier noch die angekündigten Witzsätze aus Selim Özdogans  Roman „Wieso Heimat, ich wohne zur Miete“:

Egal wie jung du bist, Judas war Jünger.Egal wie dicht du bist, Goethe war Dichter.
Egal wie gut du fährst, Züge fahren Güter.Egal wie viel Curry du isst, Freddy ist Mercury. Egal wieviel Hering du fischst, Helene ist Fischer.

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Neben der Spur

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Auch in Berlin lässt sichs gut obdachlos sein. Alte Jakobstraße, gute Adresse. Krankenkasse und Discounter nebenan. Hier, im Text, also nicht dort, wo jede Pizza-to-go-Bude den Standort geradezu zum gesellschaftlichen  Hotspot aufwerten würde, müssten mal ein paar Witze her,  solche wie im Buch von Selim Özdemir mit dem schon mal ziemlich witzigen Titel „Wieso Heimat, ich wohn zur Miete“. Buch ist leider grad im Büro

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Auf der Zeil

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Silvio ist Romani. Die Passanten in der Fußgängerzone finden seinen Sandhund süß und wollen ein Foto machen. Gerne mit dem Enkelkind drauf. Dafür lassen sie dann ein paar Münzen springen. Ich auch. Die Eiscafes und Fressbuden der Frankfurter Zeil sind gut besucht, in den Kaufhäusern ist schon Sommerschlussverkauf. Ein Flaschensammler steckt bis zum Schulterblatt in einer Mülltonne. Einer trägt einen grauen Schlafsack offen wie eine Braut ihren Schleier. Wie zusammengefaltete Monoliten kauern dunkel verhüllte Kopftuchfrauen einzeln auf dem Boden. Ein Mann sitzt in einem Rollstuhl, wo seine Beine nicht sind, steht ein kleiner Lautsprecher, braunkarierte Hosenbeine sind um seine Stümpfe gesteckt. Er hat graublonde Haare und Bartstoppeln in einem zerfurchten schmalen Gesicht. Auf einer Laute zupft er eine orientalische Mollmelodie. Dann singt er, auf kurdisch oder arabisch, was auch immer, es ist ein Klagelied, er hat die Liebe oder die Welt verloren. Ich bleibe in der Nähe stehen, trau mich aber nicht, ihn anzusprechen. Eine zu stark geschminkte junge Frau in zu engen Klamotten und zu hochhackigen Schuhen eilt in ein Billigmodekettengeschäft, macht an der Tür kehrt, kramt in ihrem Handtäschchen, kommt zurück und wirft dem Mann einen Silberling in den Lautenkoffer. Als ich nach einer Weile weitergehe, hört er auf zu singen.

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Bücherflucht

 

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Eigentlich sind ja Bücher gut dafür, sich aus der Wirklichkeit zu stehlen. Bei mir sind es gerade zu viele, weshalb mir die Wirklichkeit schon fast abhanden kommt. Man könnte auch sagen, ich  erlebe nix mehr, weil ich nur noch Bücher lese. Ab morgen sollte sich das wieder etwas ändern. Da fahr ich nach Frankfurt, auf der Fahrt dorthin werd ich im Bordbistro haufenweise Kaffee trinken und im Tolino, so heißt dieses schicke Lesegerät, ja, lesen halt. Vielleicht guck ich auf dem Rückweg nur noch aus dem Fenster. Oder ich belausche Gespräche Fremder, oder, noch wahrscheinlicher, bin genervt von solchen und stöpsel mich wieder in ein Buch ein.

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Sommer

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Das ist ein Gruß nach Tel Aviv. Der Baum voller Sauerkirschen steht in meinem Schrebergarten in Pankow. Ich warte auf die Brombeeren, um die Kirschen wieder mit Chili einzumachen. Aber wenn die Brombeeren reifen, beginnt der Herbst. Dann ist schon wieder ein Jahr rum. Wie dumm.

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Schrebergarten

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Was Nachbarn angeht hab ich echt ein Sauglück. Die einen haben zwei kleine Kinder. Die kriegen ab und zu Zähne.Braucht der Mensch. Auch Wasser, im Sommer besonders in aufblasbaren Plastikpools, erzeugt es bei kleinen Menschen zwingende Kreischgeräusche. Dagegen hat Misanthropie  keine Chance. Nachbarnhass? Da gibts ganz andere. Die,die keine Geräusche machen. Sie sind noch nicht.tot, sie bewirtschaften ja immer noch ihren Garten, seit vierzig Jahren bestimmt, oder siebzig, Geschichte, vergiss es, jedenfalls vorbildlichst, machen nie Lärm oder Rauch, bloß an den Zaun, an die Mauer stellen, das täten sie  uns jederzeit.

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blöde Kunst

 

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Oberbaumbrücke, East Side Gallery, Spreeufer. Leicht bekleidete Eingeborene. Für junge Berlinbesucher ein Muss, mit Sefie vor den Grafitti auf denMauerresten. Jetzt sind 340m der über 1,300 laufender Graffitobildmeter überklebt mit Fotos vom Krieg. Kobane in Schutt und Asche zerschossen, versehrte Menschen. Kinder ohne Beine, Männer mit verschobenen Gesichtern, Mädchen mit Handprothesen. Kein Blut, kein schreiender Schmerz, Wunden sind vernarbt, die Stümpfe versorgt. Der Fotograf Kai Wiedenhöfer hat mal in Damaskus arabisch studiert, auch die letzten Jahre war er mehrmals länger dort. Seine Fotos sind brutal, die von ihm fotografierten Opfer des Krieges setzen sich frontal in Szene, ein kurzer sachlicher Text berichtet,  wer sie sind, wo und wie sie verletzt wurden und wie sie jetzt leben. DieBilder sind krass und agitativ, sie nötigen einen zur Stellungnahme. Dazwischen.9 m lange Landachaftspanoramen, Ruinen in blendend weissem Sonnenlicht. Irgendwo darin wie vergessene Statisten in einem Filmset ein paar herumstreunende Jungs oder Männer um ein Müllfeuer herum. Zur Eröffnung der temporären Fotoausstellung über Syrien hatten einige Künstler der East Side Gallery (jener unsäglichen, aber als Citybranding und bei Touristen ungeheuer beliebten Mauergraffitis) die Fotos aus dem Bürgerkrieg bereits abgerissen, um ihre (kurzfristig überdeckte)  „Kumst“ wieder frei zu legen. Wie blöd können Künstler eigentlich noch sein?

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Ich sehe rot

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Feuerwanzen an der Hermann Hesse Ecke Tucholskistraße. Das kann man nicht erfinden, ist so. Gegenüber steht ein Umspannhäuschen, was ist das überhaupt, in mannshohem Unkraut und sehr lila mit einer Szene aus Tschaikowskis Ballett Schwanensee bemalt.

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Amsel im Spechtloch

 

imageDieser gutgelaunte Musiker im U-Bahnhof Moritzplatz kommt aus Benin.

Der Apfelbaum hängt wieder voller knopfgroßer Früchtchen. Im letzten Jahr hatte eine Windböe die Hälfte des alten, vom Rostpilz geschwächten Baumes abgeknickt. Vor Schmerz hatte der versehrte Riese daraufhin die frugale Fortpflanzung eingestellt. Zum Glück ist er nicht nachtragend, dieser Herbst verspricht wieder eine fette Boskop-Ernte. Zunächst aber dient der knorrige Greis einem Amselpärchen zur Fortpflanzung. Der Buntspecht hat schon mal ein paar getränkedosengroße Löcher in den Stamm gehackt, eines davon hat sich das Amselweibchen als Nest ausgeguckt. Praktisch, denkt sich das dumme Gör und apportiert emsig Blättchen zum Auspolstern des Fertigbauheims. Oh weh, oh weh, das ist zu klein, zwitschere ich warnend. Aber natürlich versteht mich das Tier nicht. Erinnert es denn keine seiner Artgenossinnen daran, dass im vorigen Jahr die winzigen Küken eins nach dem anderen aus dem Spechtloch plumpsten und auf dem Erdreich jämmerlich ihr Lebenslichtlein aushauchten? Wie groß war das Geschrei der Eltern damals! Bis in den Herbst hinein jammerte das Pärchen gar gotterbärmlich und krächzte sein Leid – mit Lied hatte das nichts mehr zu tun – stundenlang vom Apfelbaum aus in den Abendhimmel. Nichts vom möglichen Unheil ahnend plustert sich der Amselerich jetzt dort auf dem höchsten Ast auf und trötet den Stolz auf seine fleißige Braut und den geplanten Nachwuchs in den höchsten Tönen in die Schrebergartenwelt hinaus. Er zetert und kollert und keckert und trillert, er schnattert und quasselt, dass es nur so seine testosterongeschwellte Bewandtnis hat. Führt er Selbstgespräche, flirtet er noch, oder nervt er die Eroberte schon mit besserwisserischen Ratschlägen zum Innendesign der Nestgestaltung? Protzt er bereits mit dem Gymnasium, auf das die Kinder sollen, oder schwingt er nur Angeberreden, um das Revier zu behaupten? Für den großen Überblick propellert er eine kurze Runde in die Höhe, dann thront und trällert er wieder.

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Heimspiel

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Die Klassiker für den Anfänger: Zwei Sixpack mit Petunien aus dem Baumarkt zum Sonderpreis. Alle knallbonbonrosa, haben die vier laufenden Meter Balkonkasten optimal ausgenutzt. Invasiv, könnte man das schon nennen. Die Geranie hält mit massenhaften Blütenstraußen in Puffrot dagegen. Die ausgesähten Tagetes dazwischen haben es schwer, den widrigen Umständen zum Trotz fahren sie zähe knopfgroße Blüten in Dottergelb auf. Einer von vier aus dem Supermarkt  geretteten Petunienkrüppel blüht jetzt samtig lila und fügt sich, der Schlampenerotik seiner wie Sommerröcke wehender Trichterblüten bewusst, kommentarlos in die vulgäre Farborgie ein. Sogar die blassblaue Glockenblume hat einen Hau ins Kitschige gekriegt. Und ja, der Fleck dahinten ist der zunehmende Mond.

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Künzelsau

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Am oberen Bach wurden ein paar Dinge gerettet.

 

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Sharing economy

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Dieser Baum steht im Goethe Park von Weimar. Schlechtes Wetter, Regen, grauer Himmel, hat  seine guten Seiten. Vernebelung, obfuscation. Ich kenne einen Fotografen, dessen beste Bilder bei Nebel, im Rauch, im Regen oder nachts entstanden. Sonne never. Tageslicht trüb. Südafrika eben. In Weimar hat es auch geregnet. Das Goethe Institut hielt dort ein Kultursymposium ab. Thema teilen und Tauschen.  Sie zahlten mein Hotel, das war super und lag hinter dem Baum im Park.

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Späti crawl

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ist da ne Demo? Fußball? Aufruhr, Party? Freitag Nacht um halb Zwölf ist unsere historisch belanglose Seitenstraße plötzlich voller Leute. Sie stehen herum, sie reden, sie lachen, sie vermengen sich in ungeordneten Gruppen. Alle haben eine Pfandflasche in der Hand. Nach einer viertel Stunde ist der Spuk vorbei, der Pulk zieht weiter. Waren alles Ausländer, sagt der türkische Spätiinhaber. Türkischer Späti, mahnt mich Bloggerin Daggi Dinkelschnitte ab, sei selbst rassistisch, weil Späti in Türkisch ja wohl Kiosk heißt. Das interessiert den türkischen Kioskbetreiber wenig. Mehr als ein halbes Dutzend Biere hat er nicht verkauft, die meisten hatten ihr Wegbier schon, aber man freut sich ja auch über wenig, sagt er.. Früher hat er mal ein Casino gehabt, aber das wär jetzt eine andere Geschichte. Was wir gerade gesehn haben, ist ein „Späti Crawl“. Der muntere Mob kommunikationsfreudiger junger Menschen mit nichtdeutschem Hintergrund, man nennt sie auch Touristen, ist ein modernes urbanes Phänomen. Man verbredet sich im Internet, hier war es die Plattform von couchsurfing, zu einem feierabendlichen Stadtspazierung, gerade ist Friedrichshain „hip to the hop“. Knapp vier km lang war die Route vom Freitagabend, los gings am U-Bahnhof Frankfurter Allee,Treffpunkt Südausgang, im Zickzack durch die Straßen – die Ecken sind das entscheidende – zügig über die Modersohnbrück, die  Oberbaumbrücke bis zum Endpunkt Skalitzerstraße. Die Zusammenrottung von Dutzenden einander zunächst fremder Leute zum geführten Ausgehen ist quasi social media analog. Getrunken wird dabei gemäß dem Motto: Ein Bier in der Hand ist so viel wert wie zwei in der Kneipe. Denn das betreute Trinken findet nicht in Clubs oder Bars statt, sondern auf den supersexy Straßen von Berlin. Das ist lustiger und billiger. Eingekehrt wird bei dem international als kultig geltenden Berliner Späti. Sterni für 60 Cent. Bei sechs Spätis, sagt einer der Mitläufer, hätten sie schon angedockt. Er kommt aus London, war ne anstrengende Woche, er ist müde, er bleibt am Holztisch von unserem Kiosk sitzen, seine neue Bekanntschaft aus Australien, oder war’s Bulgarien, auch. Sie hat glitzernde Augen und Haare und sieht überhaupt nicht müde aus. Couchsurfing sag ich da nur. Die JuLis, das sind die,Jugendlichen der FDP,.hatten übrigens am Sonnabend zum Späti Crawl in Mitte aufgerufen. Als Demo zum Schutz der Spätis.

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Genscherismus

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Die sagenhaften und die furchtbaren Geschichten aus der georgischen Vergangenheit füllen Romane, Bibliotheken und Archive. Das nationale Zentrum für Manuskripte liegt ziemlich versteckt in einem Wohngebiet – zumindest für den Fahrer unseres Kleinbusses. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so, denn hinter den Eisentüren und zugebauten Fenstern bergen die Räume unfassbare museale Schätze. In langen Holzregalen und ein paar Vitrinen lagern armenische, griechische, türkische, georgische Handschriften, Korane, persische Miniaturen, orthodoxe Bibeln in allen Größen, Codices auf Pergamentrollen und kostbar verzierte Ausgaben des georgischen Nationalepos vom Recken im Tigerfell. Auch das Kühlsystem sieht ziemlich museumsreif aus, aber die Hüterinnen des Wissens – die Archivarinnen und Professorinnen wieder allesamt weiblich – hoffen auf einen baldigen Umzug ihres Instituts.
Auf einer Baustelle – ganz Tiflis scheint sich im permanenten Prozess aus Verfall und Restauration zu befinden – empfängt uns danach der Künstler Vato Tsereteli. Weil die hiesige Kunstakademie ausnahmsweise noch nicht der Erneuerung durch lauter junge Frauen in Führungspositionen unterzogen wurde, hat der in Antwerpen ausgebildete Künstler eine alternative Kunstschule gegründet. Statt klassischem Kunstunterricht gibt es dort Schulungen in Projektentwicklung, Sponsoring und Marketing, ein Videoarchiv wird aufgebaut, eine Buchreihe zur georgischen Kunstgeschichte aufgelegt, in einem „Archive of Transition“ wird die Stadtgeschichte als persönliche künstlerische Erzählung aufbereitet, ein nachbarschaftliches Urban-Gardening-Projekt erforscht den Kräutergarten Medeas. Drei Jahre lang hat das deutsche Auswärtige Amt und das bei zivilgesellschaftlichen Kunstprojekten immer hilfreiche Goethe Institut die Aktivitäten unterstützt, nun ist auch hier Zeit, auf eigenen Füßen zu stehen. Was unsere Dienstreisendelegation dazu ermuntert, endlich auch mal ein paar Meter auf Füßen durch die Stadt zu gehen.
Unsere Gastgeber haben unser Besuchsprogramm so perfekt durchorganisiert, dass wir langsam leichte Anfälle von Genscherismus verspüren: Immer wartet schon der Bus, um uns zum nächsten Termin zu chauffieren. Keine Chance für Souvenirshopping oder individuelles Herumstreunen. Zum Glück gibt es in Tiflis kein ernstzunehmendes Ladenschlussgesetz, so dass wenigstens der Erwerb von grüner Pflaumensoße und des weltberühmten Cognacs drin sind.

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Die Nahrungsaufnahme in edlen Restaurants wird immer damit verbunden, dass wir zwischen Walnussaubergine und Grillfleisch einen oder mehrere echten Schriftsteller kennenlernen. Genau, all die …schwilis und …dzes. Die Endung …schwili/shvili bedeutet Kind von dem oder jenem Vater, …dze steht für Sohn von. Die Krimis von Abo Lahagashvili, der im Brotberuf Bergführer ist, werden im Berliner Verlag FotoTapeta erscheinen. Ein Roman von Nana Ekvtimishvili, die 2013 als Regisseurin auf der Berlinale mit ihrem Film „Die langen hellen Nächte“ Furore machte, wird bei Insel erscheinen. Im verwunschenen Gartencafé des Schriftstellerhauses erzählt die in in Babelsberg studierte Autorin, dass entgegen all unserer Wahrnehmungen die georgischen Frauen immer noch in streng patriarchalischen Familienverhältnissen leben. Die kettenrauchende Ana Kordzaia-Samadashvili widerspricht dem ein wenig, sie scheint aber auch die einzige, die nicht ungebrochen für ihre Regierung und nicht voller Aufbruchsenthusiasmus ist. Die Zeiten des Chaos in den 1990ern bis 2004, in denen es so gut wie keinen funktionierenden Staat und oft nicht mal Strom gab, sind der sarkastischen Autorin, Jelinek-Übersetzerin, als Sommer der Anarchie in Erinnerung. Damals war die uralte georgische Kulturtradition des Kiffens noch nicht verpönt, raunt sie und bietet mir eine ihrer Superslim Zigaretten an. Dass die Georgier, insbesondere die georgischen Kulturschaffenden viel Wein trinken, können wir nicht bestätigen, dementieren aber auch nicht. Zuhause beim  historisch doppelt vertriebenen Schriftsteller Giwi Margvelashvili stehen die Champagnerflaschen wie vergessene Trophäen im Buchregal.  Der fast 90 Jährige philosophiert über Heidegger, wir mümmeln dazu Erdbeeren.

 

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Das goldene Fleece

 

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Um neun Uhr früh holt uns Salome ab und bringt uns zu Medea. Also echt. In einem Land, in dem die Frauen solche Namen haben, muss man doch vergangenheitsirre werden. Dass die Hellenistin Medea auch noch aussieht wie eine griechische Göttin auf Highheels, und eine tolle Armada höchst qualifizierter, junger Amazonen in ihrem Organisationsteam hat, macht die sachliche Berichterstattung nicht gerade leichter. Medeas Tochter heißt übrigens Helena.
Der Grund für diesen georgischen Hang zur Mythologie ist einfach die Geschichte mit dem Goldenen Vlies. Das ist nichts mythologisch verschwurbeltes, sondern was ganz simpls un das kommt von dort. Auf der Suche nach dem sagenhaften Teil schipperte der Argonautenführer Jason nach einigen Umwegen übers Schwarze Meer und landete, wo sonst, in Georgien, das sich an dieser Ecke damals Kolchis nannte. Dort, das wusste schon der Grieche, gab es unermessliche Goldschätze. Die wurden nicht nur aus Minen in der Erde geborgen, sondern auch mit Schaffellen aus den Bergbächen gesiebt. Die Methode hört sich selbst schon ziemlich paradiesisch an. Man hängte die Felle über Nacht in die fließenden Gewässer, trocknete sie am kommenden Tag auf der Wiese und bürstete die Goldpartikel heraus.
„The Golden Fleece“, wie es auf den englischen Schautafeln im Nationalmuseum heißt, meint also schlicht so ein filziges Fell, in dem sich der Goldstaub verfangen hat. Vitrinen voll filigran gearbeiteter, kostbarer Geschmeide aus homerischen Zeiten sind im Nationalmuseum ausgestellt. Durch das führt uns am Nachmittag eine (natürlich weibliche) Archäologin, die so ansteckend begeistert ist von ihrer Sammlung, dass sie ab und zu verzückt die Augen schließt.
Ach ja, und im großzügig umgebauten Foyer des Museums grinst ein zottiges Pärchen von der Wand. In Georgien wurden auch noch die Knochen der ersten aufrechten Hominiden auf unserem Kontinent gefunden, 1,8 Millionen Jahre alt, nur wenig jünger als die äthiopische Lucy. Weil ein Schädel einen zahnlosen Unterkiefer hat, der „abgekaut“ ist, mutmaßt man, dass es sich hierbei um einen der ersten Beweise für Altenpflege handelt. Ein Mann versucht, uns einen Strauß Margariten zu verkaufen.
Doch zurück zu Medea, nicht jener seinerzeit in Jason verliebten Königstochter, sondern der gegenwärtigen, wegen der, beziehungsweise deren Aktivitäten wir schließlich in Georgien sind. Medea Metreveli ist die Leiterin des Nationalen Buch Centers, das dem Kultusministerium untersteht. Sie verantwortet das Projekt, Georgien im Jahr 2018 auf der Frankfurter Buchmesse als „Gastland“ zu präsentieren. Mit einer Energie, der wir trotz zugeflößtem Instantkaffee kaum folgen können, rattert sie Fakten, Zahlen, Namen, Erfolgsmeldungen, Ziele und Pläne herunter, springt auf, holt neue Bücher aus neuen Regalen, wedelt mit Broschüren und Flyern, in denen wir alles zu Autoren, Büchern, Übersetzungen, Symposien, und sonstigen Aktivitäten nachlesen können. (https://book.gov.ge)
Georgien hat 200 Verlage, sie produzieren 4000 Buchtitel pro Jahr, mit einer verkauften Auflage von 5000 hat man einen Bestseller, das Land gibt 18 Millionen Laris jährlich für Kultur aus, etwa zwei Prozent des Staatshaushalts. Die georgische Literatur speise sich aus „viel Verrücktheit, Wein und Talent“, nur ein bisschen ironischer, so Medea, dürfe sie noch werden.
„Wir sind Enthusiasten und uns fehlt immer Geld“ , legt Tako Tashvili nach. Dass die Direktorin des staatlichen Filmcenters ebenfalls jung, charmant, eloquent, schnell im Kopf und nebenbei unverschämt gut aussehend ist, versteht sich wohl von selbst.
Umgehauen von dermaßen viel Frauenpower, ist es fast eine Erholung, als wir danach in einem viel zu großen holzgetäfelten Versammlungsraum, der an ein muffiges Klassenzimmer erinnert, einer Riege überwiegend männlich zerknitterter Verleger gegenübersitzen. Bei einem, von unserer Seite etwas matten, Frage- und Antwortspiel bekommen wir immerhin eine Ahnung davon, dass „unabhängig“ in unterschiedlichem Kontext Unterschiedliches bedeuten kann.
Weil wir arg schwächeln, erlaubt uns Salome eine kurze Espressopause im Garten des Schriftstellerhauses. Eine Jugendstilvilla, in der sich einst, im Terrorjahr 1937 ein berühmter Dichter sich das Leben… die Geschichte lässt eien nicht los hier.

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Zwischen Stalin und Steinmeier

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Prométheus? Ja, der auch noch. Der sagenhafte Feuerbringer soll hier im Kaukasus angeschmiedet gewesen sein. Am Horizont gleißen schneebedeckte Gipfel des Gebirges, das Georgien von Russland trennt. Im Park vor dem Stalinmuseum von Gori sitzen ein paar Veteranen auf Bänken, einer hat all seine Orden an die abgetragene Anzugjacke geheftet. Auf den Treppen der Säulenhalle des neoklassizistischen Kastens bietet ein Rentner in einem Pappkarton Streichholzschachteln feil, die mit fotokopierten Stalinbildchen beklebt sind. Frauen mit beschädigtem Lächeln klettern die Stiegen des gepanzerten Eisenbahnwaggons hinauf, in dessen Einbaumöbeln aus Zarenzeit der flugängstliche Stalin herumreiste.
Eine Museumsmitarbeiterin auf gefährlich hohen Absätzen schließt für einen kurzen Einblick die Tür des Geburtshauses des Schustersohnes auf. Das ganze baufällige Lehmhäuschen wird von einer pavillonartigen Ummantelung geschützt. Um die zentrale Stellung des Wallfahrtsorts auch topografisch zu markieren, wurde die halbe Stadt um die armselige Behausung herumgruppiert.
Ein Supermarkt wirbt mit einem riesigen bunten Stalin-Poster, daneben eine Sexbar, es ist, als befänden wir uns in einer Filmkulisse. Aber alles ist ernst gemeint. Im Museumsshop gibt es Stalinbüsten in vergoldetem Gips, die freundlichen Museumsdirektorin schenkt jedem von unser deutschen Journalistendelegation einen Stalinwimpel aus Fabrikbrokat und ein Heftchen mit Gedichten des berühmtesten Sohns dieser Stadt. Was für uns ein schräges Souvenir darstellt, ist von ihr ganz ohne Ironie gemeint.

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Und der Terror? Die Millionen Toten, die auf Stalins Kosten gehen? Die Opfer der stalinistischen Säuberungen von 1937 an, auch gerade unter den Georgiern, die bis heute die Wiederkehr der Russen fürchten müssen? Der uns begleitende Historiker Lasha Bakradze, Direktor des Literaturmuseums in Tiflis, arbeitet seit Jahren an einem Konzept nach dem Vorbild der Berliner „Topografie des Terrors“. Er ist schon dafür, das seit dem 100. Geburtstag Stalins (der war am 21. 12. 1879, Danke lieber Leser!) unveränderte, also selbst historisch gewordene „Museum eines Museums“ zu erhalten. Aber dass es bisher noch nicht einmal eine historische Kommentierung des ungebrochenen Personenkultes gibt, das ist schier unglaublich.
Auf dem Rückweg nach Tiflis weist Lasha uns auf Flüchtlingslager in den grünen Ebenen hin: bescheidene Neubau-Siedlungen für Tausende nun landlos vor sich hin darbende georgische Bauern aus Abchasien und Südossetien, wo die russischen Besatzer die Grenzen schleichend, oftmals über Nacht, verschieben. Das ist nicht Geschichte, das ist die Gegenwart.
Die Probleme der georgischen Kinderbuchillustratoren kommen uns nach dem Ausflug in die georgische Psychopathologie zwischen Stalinismus und drohendem Putinismus vergleichsweise läppisch vor. Ja, bei einer Bevölkerung von etwa 3,7 Millionen Einwohnern (mindestens eine Million sind in den vergangenen 25 Jahren ausgewandert) mit einer eigenen Sprache und einem eigenen Alphabet, dürfte ein lokaler „Kinderbuchmarkt“ illusorisch sein. Deshalb soll es die ganze Welt sein. „Number One“ international könnten die georgischen Buchillustratoren werden, das wünscht sich der väterliche Otar Karalashvili. Dazu hat der Deutsch sprechende Bartträger ein gutes Dutzend schweigsamer, aber äußerst aparter Künstlerinnen und Designerinnen mit blauen Haaren um sich geschart. Als mutmaßliche Einmann-NGO hat er sie ausgebildet und mit ihnen und einer deftigen Förderung des Goethe Instituts, zunächst 100 000, dann 200 000 Euro, eine kleine Buchmesse ins Leben gerufen. Unglücklicherweise ist in diesem Jahr die Unterstützung aus Deutschland ausgeblieben. Warum? Geht die nun eher in die Ukraine? Oder ist das ein politisches Anzeichen für etwas, das wir noch nicht wissen? In Tiflis begrüße gerade blaue EU-Fahnen den Wegfall der Visapflicht.

 

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Stalin forever

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Das ist die Gräzistin Maja mit den berühmte Brühe-Täschchen.

Von der Frühstücksterrasse blicken wir über einen sanften Hügelteppich verschachtelter, silbergrauer Dächer. Vom Talgrund aus sticht ein verspiegelter Monolith mit Knick in den Himmel. Alle Tifliser, die wir darauf ansprechen, sind empört über das Monster, niemand weiß, wer es gebaut hat oder was einmal darin beherbergt werden soll. Aber in unserer frischgebackenen Verliebtheit in die Stadt finden wir sogar den Wolkenkratzer toll, der besser nach Dubai passen würde: Tradition und Moderne! Nostalgie und Neubauten! Futurismus und Verfall, hier ist alles bei- und übereinander.
Doch bevor wir weiter in oberflächliche Urbanismus-Beschaulichkeiten abdriften können, geht’s in die viel ältere Geschichte Georgiens. Wir, die deutsche Journalistendelegation, sollen schließlich den ganzen kulturellen Reichtum dieses kleinen Landes kennenlernen, das 2018 bei der Buchmesse in Frankfurt das Gastland sein wird und uns deshalb zu einem viertägigen Besuch eingeladen hat. Eine zierliche junge Frau, die sich in bestem Deutsch als Gräzistin Maja vorstellt, verfrachtet uns in einen Minivan, mit dem wir zu kulturell wertvollen Ruinen kutschiert werden.
Der quadratschädelige Steuermann Timur düst mit robustem Durchsetzungsvermögen durch die engen Gassen, führt haarsträubende Überholmanöver auf der Schnellstraße vor, verpasst den Abzweig zur Zielkirche, kurvt eine erneute Runde in der Landschaft herum, bis wir bei der ältesten orthodoxen Klosterkirche auf einem lieblichen grünen Hügel ankommen. Auf dem Parkplatz sind Andenkenartikel auf Autokühlerhauben drapiert, es gibt coole Lederarmbänder mit orthodoxen Kreuzen und moppartige Schaffellmützen, die ich  leider nicht kaufen kann,  weil ich noch kein einheimisches Bargeld habe. Im Tal liegt die Stadt Mtskheta mit einer steinalten Kathedrale samt putziger Fußgängerzone im Dreieck zweier Flüsse. Von hier wurden laut einer Legende zwei Juden nach Jerusalem geschickt, um Jesus mit zu verurteilen. Als sie dort ankamen, war der schon gekreuzigt, weshalb die georgischen Juden an seinem Tod unschuldig seien und es deshalb hier so gut wie keine Judenverfolgung gegeben habe.
Das alles erzählt uns der Historiker Lasha Bakradze. Dann korrigiert er die Mär, dass das georgische Alphabet von ein und demselben Mönch im 3. Jahrhundert, kurz nach dem kyrillischen, erfunden worden sei. Ansonsten aber gibt er uns vor allem zutiefst antikommunistische Einführungen in die uns bisher ziemlich fremde, um nicht zu sagen gleichgültig gewesene jüngere Vergangenheit unseres von den Russen gequälten Gastgeberlandes. Drei Jahre Unabhängigkeit (von 1918 bis 1921) hat das Land genossen, noch 2008 bombardierten die Russen die Hauptstadt und bekräftigten die Okkupation Südossetiens. 2003 gab es eine Rosenrevolution, die zu Schewardnadzes Rücktritt führte, und seither, so jedenfalls unser Eindruck, sind alle Positionen in kulturellen Einrichtungen mit hoch qualifizierten und extrem gut aussehenden jungen Frauen besetzt.

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Die hat die Schlüssel vom Stalinmuseum.
Der rosenbestandene Park eines Cognac-Barons ist ein Restaurant geworen. Tkemali, eine Sauce aus grünen Pflaumen, eher Mirabellen, Knoblach und Koriander, muss definitiv auf die Liste schützenswerter Kulturgüter. Aber wenn ich jetzt genauer auf die  luftigen Käsefladenbrote, die mit Walnusspaste gefüllten Auberginen, die Tomaten-Gurken-Petersielie-Salate einge würde, würde keiner mehr glauben, dass ich auf einer anstrengenden Dienstreise bin. Trotz des schon in der lauen Mittagssonnr kredenzten Weines – Kelterkunst nachweislich seit 8 000 Jahre – , bestet unsere Gruppe darauf, das Stalin-Museum in Stalins Geburtsstadt Gori zu sehen.Das steht nicht auf unserem dicht getakteten Programm, auf diesen Teil der Geschichte hätten die Georgier gerne verzichtet. Seit 1979,Stalins 100. Geburtstag, ist das Museum unverändert geblieben: ein Museum des Personenkults. Die Pfeifen des Diktators. Die ganze Stadt wurde brachial axial auf Stalins Geburtshaus umgelegt. Im Hintergrund leuchten die Schneegipfel des Kaukasus. Prometheus?!

 

 

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literaturexpress nach tiflis

 

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Atatürk hatte acht Adoptivkinder. Eines davon, Sabiha Gökçen, wurde die erste türkische Pilotin und weltweit die erste Kampfpilotin überhaupt. Wahrscheinlich, so der 2007 in Istanbul auf der Straße erschossene armenische Journalist Hrant Dink, war sie armenischer Abstammung und 1915 beim Völkermord an den Armeniern Waise geworden; 1937/38 beteiligte sie sich als Bomberpilotin im Dienst des türkischen Militärs am Massaker an den Kurden. Nach Sabiha Gökçen jedenfalls ist der zweite, kleinere Flughafen Istanbuls benannt. Er liegt ziemlich abseits im asiatischen Teil, in  einer Landschaft gesichtsloser Hochhaussiedlungen. Wie der Atatürk-Flughafen hat er eine tolle Raucherterrasse, die wie ein vergitterter Käfig an der Außenfassade des Betonklotzes hängt.
Aber erstens rauchen wir so gut wie nicht, und zweitens hat das alles gar nichts mit unserer Dienstreise nach Georgien zu tun. Wir sitzen dort nur ein paar Stündchen Verspätung aus und lesen dabei im sehr lustigen Roman „Literaturexpress“ von Lasha Bugadze. Den hat uns die Frankfurter Verlagsanstalt dankenswerterweise zur Reisevorbereitung geschickt. Übersetzt hat diese Satire über 100 dienstreisende Schriftsteller aus Georgien, Armenien, Russland, Lettland usw., die einzige georgische Schriftstellerin, die wir kennen. Allerdings lebt Nino Haratischwili schon lange in Hamburg und schreibt auf Deutsch, weshalb sie gar nicht als georgische Schriftstellerin zählt.
Wir, fünf Medienfuzzzis aus Deutschland, sind eingeladen vom National Book Center Georgiens. Das Goethe-Institut in Tiflis, geleitet vom schwäbischen Schriftsteller Stephan Wackwitz, zahlt auch was. Der bleibt dor.

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Als wir vom Flughafen in Tbilissi abgeholt werden, ist es weit nach Mitternacht. Im Scheinwerferlicht sehen wir rissige Fassaden, alte Straßenbäume, neonleuchtende Digitalanzeigen von Wechselstuben, gelbliche Späti-Buden, kurvige Gassen, postsowjetische Hülsenarchitekturen, steile Wolkenkratzer, futuristische Glasröhrenbauten, am Hügel eine angestrahlten Ritterfestung. Wir sind auf der Stelle verliebt. Eigentlich bräuchte es gar kein ausgefuchstes Bestechungsprogramm mehr, damit wir das Lob auf unsere Gastgeber singen. 2018 wird Georgien guest of honour der Frankfurter Buchmesse sein. Das bietet die Chance, sich auf der Landkarte der internationalen Aufmerksamkeit zu positionieren,  nicht nur seine Autoren, Bücher und Verlage, ein bisschen Kunst, Küche, sonstige Exportartikel und touristische Attraktionen bekannt zu machen, sondern sich überhaupt ins Gespräch und politische Bewusstsein zu bringen. Das ist bei diesem bayernkleinen Land zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus, vor allem aber zwischen Russland, Türkei, Armenien und Aserbaidschan ziemlich existenziell. Um den Frankfurter Auftritt optimal auszunutzen, stellen besonders die kleineren Länder ihren Kulturministerien meist einen sehr üppigen Werbeetat zur Verfügung. In den vergangenen Jahren ließen Island und Finnland legendäre Pressereisen springen, an die wir uns sehr gerne erinnern. 2018 ist zwar noch ein wenig hin, aber wir sind nicht die ersten deutschen Gäste auf Rechnung der georgischen Regierung. (Wer regiert da eigentlich gerade?) Vor uns war gerade eine 15- köpfige Delegation aus Museumsleuten da, im letzten Jahr ein Haufen Verleger. Die müssen rechtzeitig davon überzeugt werden, dass ihnen bis dahin völlig unbekannte Autoren mit völlig unaussprechlichen Namen (Island, Finnland!) super interessant sind, und es sich lohnt, deren Bücher 2018 herauszubringen. Weil die Übersetzungen ins Deutsche vom Gastland übernommen werden und die Schriftsteller dann auf Kosten Georgiens zur Buchmesse antanzen dürfen, ist das wiederum besonders für arme kleine Verlage ziemlich attraktiv. Doch bevor wir Dienstreisenschnorrer die ersten echten Schriftsteller treffen, gibt es erst mal einen Ausflug in die Geschichte Georgiens. Und die ist sehr sehr lang.

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Stalin

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Personenkult? Ja, wenns gut gemacht ist. Gori, die Geburtsstadt von Stalin, hat ein herrliches Museum, das im originalen Zustand von 1979 belassen wurde. Stalins Nerzmantel, Stalins Pfeifen, Stalins Stiefel, Stalin auf Gobelins,in Holzintarsien, in Öl.Die ganze Stadt, ursprünglich um eine Burg angelegt, wurde achsial auf Stalins Geburtshaus ausgerichtet. Ein paar ordenbehängte Veteranensitzen auf Bänken herum. Sie sind arm. Ein alter Mann verkauft Streichholzschachteln,die mit kopierten Stalinbildchen beklebt sind. Die Museumsdirektorin schenkt uns Heftchen mit Stalins Gedichten. 9.Mai, das Ende des 2. Weltkriegs, wurde heute hier mit einer kleinen prorussischen Demonstration begangen. Wir erinnern uns nicht.

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Ausflug

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Die Raucherterrasse am neuen Flugafen Istanbuls, auf der asiatischen Seite, umgeben von uniformen Hochhausgebieten, ist ein Freiluftkäfig mit einem dünnmaschigen Zaun und Blick auf die Landebahnen. Die Damen im Vordergrund saßen Stunden dort und rauchten Kette, wollten das aber nicht fotografiert haben. Mit fünf Kollegen bin ich für eine Dienstreise auf dem Weg nach Georgien, das 2018 Gastland der Buchmesse in Frankfurt sein wird. Wir kommen nach einem Reisetag und zwei Studen Verspätung nach Mitternacht in Tbilissi an.Zwei freche Zigeunermädchen (?) zupfen an den  Afrodreads des männlichen Kollegen herum, bis er ihnen irgendwelche Münzen gibt. Bucklige Häuser mit Rissen, kurvige Gassen, Geldwechselverschläge mit roten Digitalanzeigen, prächtig angestrahlte  Burgen und zweibeltürmige Märchenkirchen, Hülsenarchitekturen aus Betonguss, neonerleuchtete Modernismen am Fluß, ich finde die Stadt schon jetzt zum verlieben schön. Die Minibar im Hotel, jaa, so was gibts hier noch, also dieser kleine Kühlschrank unterm Flachbildferseher, hat eine gläserne Tür. Drin gibts Löwenbräu in der Dose. Muss das sein?

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Vatertag

 

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Ostkreuz. Fünf langhaarige Männer stehn vor einem Kiosk an der Ecke Kinzinger. Ellbogen, Bierflaschen und Teller ? auf einem Umspannhäuschen abgestellt. Am Bordstein zur Scharnweber schmurgeln marinierte Nackensteaks auf dem Grill. Als ich anhalte, weil ich das Topmotiv  knipsen will, hauts mich vom Fahrrad. Nicht metaphorisch, sondern blöd. Im Stehen! Die Eckengriller stürzen mir sofort zuhilfe, stellen Fahrrad und mich wieder hin, tupfen mir den Staub von der Jacke, den Rotz von der Backe, gucken nochmal besorgt und geben mir Tipps, wie ich ihren Grill am besten fotografiere. Auf dem Spielplatz eine Ecke weiter kiffen sechs übergewichtige Jugendliche mit Kapuzen und Migrationshintergrund, den sie lautstark artikulieren. Beim türkischen Späti nebenan schüttelt ein kaukasischer Vater das brüllende Baby im Gehänge vor seiner Brust. Der Vater geht auf und ab und wiegt das schlafende Kind.image

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Neue Heimat

 

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Lass mich bloß mit Nomadismus in Ruhe. Umziehen ist Flüchten auf hohem Niveau. Die Schlepper sind viel preigünstiger, netter sowieso, weil Opfer ohne Mindestlohn. Die Zieladresse ist aufnahmebereit, die Reduktion des Gepäcks fällt unter Psycho-Katharsis.Ballast abwerfen ohne Not. Down sizing. Hat nichts mit ersaufen zu tun. New Minimalism, ist gerade schick. Gibt schon Coaches fürs Wegschmeissen. Könnt ich jetzt auch gut ratgebern. Bestimmt wird das Archiv bald wieder das neue Ding.

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Umsonst

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Neulich saß ich im mal wieder im Restaurant dieser schwedischen Möbelhauskette. Das meiste der furchtbar schwierig zusammenbaubaren Möbel kommt aus China, wie eigentlich alles. Mein Favorit unter den vier Berliner Filialen ist die in Lichtenberg. Die erreicht man von Mitte aus am schnellsten. Auch bezaubert die Landsberger Allee mit unstaubarer Vielspurigkeit und einer horizontalen Perspektive in die quasi sibirische Weite des Ostens. Auch das Publikum verkörpert eine Ahnung dieser, von Stasiuk unübertroffen besungenen, optimistischen Aufbruchsstimmung. Neben Marzahner Pegida-Volk frequentieren viele junge Elternpaare das Restaurant, vor allem toll aufgebrezelte Russinnen mit fein aufgemalten Augenbrauen, die ihre Babys nonchalant vor sich auf den Tischen absetzen. Ich konsumiere dort in der Regel – ja, ich bin jetzt öfters dort – weder die berühmten Köttbullar, noch die vegetarische Alternative Grönsaksbullar. Ich konsumierte gar nichts, sofern man Konsum mit Geldausgeben in Verbindung bringt. Aber ich trinke Filterkaffee. Mehrere Tassen. Vier hintereinander, um ehrlich zu sein. Denn ich bin im Besitz der Family-Card und damit gibt es den Kaffee umsonst. Neulich also wie gesagt, ich sitze an dem langen, kess geschwungenen  Tresen, nimmt ein älterer Herr mir gegenüber Platz. Mit einem jovialen „Soll ich Ihnen verraten, wie Sie Kaffee umsonst bekommen?“ beginnt er das Gespräch. Ich winke lässig mit meiner Family Card. Er ist sichtlich angetan davon, in mir eine seelenverwandte Rentnerin gefunden zu haben. Bei Höffi, fährt er nun eilfertig fort, gibt es zum Gratiskaffee noch eine Zeitung dazu. Den Kurier, er nähme den aber gerne wegen dem Kreuzworträtsel mit. „Fragen Sie mich mal, wo ich gerade her komme“. Und? Vom Friseur! Fragen Sie mich mal, was das gekostet hat. Ja, und? Nichts! Hat im Internet gestanden. Testperson für Azubis im zweiten Lehrjahr gesucht. Sieht gut aus, nicht? Wie hat er das gefunden? Wonach sucht man da? Schnäppchen für Menschen mit viel Freizeit? Umsonst.de? Er gehe nicht oft ins Internet, nur heute mal. Er ist 73 und mit dem Fahrrad hier. War im öffentlichen Dienst, bis 63, die Rente langt. „Wie, Sie gehen noch arbeiten?“ platzt es da uncharmant aus ihm heraus. Geld ist nicht alles! Damit verabschiedet er sich, will noch Bärlauch sammeln, er kennt da eine Stelle, nicht weit

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Lüften

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Man könnte sich einfach mal wieder in ein Straßencafe setzen und Leute beobachten. Wenig ist unterhaltsamer, als den Berlinern bei ihrem explosiven Exhibitionismus zuzugucken. Sonne raus, Hosen runter, Haut muss an die Luft. „Die Schachtel lüften“ nannte Sevgi Emine Özdamar einmal in einem Roman das Spazierengehen von Freundinnen. Auf der Frankfurter Allee, ehemals Stalin, dann Karl Marx Allee, hat man als Fußgänger die breiten Bürgersteige für sich allein. Im eingezäunten Rosengarten harken Azubis herum, im Biergarten werden Holzmöbel aufgestellt, Cafes gibts hier fast keine. Dafür ist der Luftraum frei und leer wie ein unbeschriebenes Blatt.

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Bordbistro

 

 

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Da sind wir wie alle Touristen: Bordbistrobesucher begrüßen es, wenn sie die einzigen  im Bordbistro sind.  Theoretisch. Praktisch macht die res publica des öffentlichen Raumes aus, dass dort Leute verkehren. Manno, was für Vorlagen!  Menschen mögen kommen und wieder gehen. Wir schauen gerne zu. Heute war es deluxe. Das ist ein Wort aus dem Roman von Thomas von Steinaecker, mit ae, den ich auf der Fahrt nach Frankfurt, 6,04 ab Berlin Hbf., las. Sein Erzähler, Heinz der Honk, (geht da nicht grad schon wieder was durcheinander, Honka Strunk?) hats viel mit so foxy  „Altwörtern“. Hallo Schriftführer! Auf der Rückfahrt tranken im Bordbistro fünf Leute Bier und alle lasen Bücher. In Papier.Nur ich tapperte orientierungslos auf dem neuen e-reader rum, auf dem ich jetzt dank einer netten Mitreisenden vorgespeicherte  Zeichentrick-Filme kann. Bloß wie krieg ich die wieder weg?

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Ostermontagsdemo

 

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Wie? Fugen begrünen? Im Gartenfreund, unserer Verbandszeitschrift für das Kleingartenwesen, heißt es in der Märzausgabe: „Unkraut jäten, ade! Begrünte Fugen sind pflegeleicht und attraktiv“. Soll man darin den längst überfälligen Paradigmenwechsel im Kleingartengewese ausmachen, oder was jetzt. Bei mir hat der Garten das Denken übernommen. Und der sagt: Unkraut jäten, ole. Die zierlichen Schösslinge, die man herausreisst, sind nur leicht verwurzelt, der Boden krümelig, da krallt noch nichts. Die Grasbüschel im Beet sind wehrlos, jetzt kriegt man sogar die überwachsenen Beetränder kurz freigelegt, zur Erinnerung, dass es da Ränder gibt. Noch bevor ich den Rucksack an der Hütte abgelegt habe, häng ich schon gebückt überm Beet. Auf einen Schlag hat die Saison der Vernichtung wieder eingesetzt. Ab sofort bin ich die Sklavin dieses Wucherers, dazu verdammt, den Wildwuchs immerzu einzudämmen. Ich sage nur Rasenmähen. Hecken hacken, abschneiden, rausrupfen, mit Stumpf und Stiel ausmärzen. Löwenzahn, Ampfer, Vogelmiere, Pfennigkraut, Schuttkresse, Vergissmeinnicht nicht zu vergessen. Fast alle essbar. Da wären die blaugrünen Blättchen der Brennesseln, die an unterirdischen Tentakeln hervorspitzen. Ungezähmt wachsen die sich später zu einem meterhohen Horst aus. Und natürlich der Giersch. Man nehme die noch gefältelten Blatttriebe, wie alle jetzt sprießenden Grünpflanzen als würzige Salatbeigabe, gehäckselt zu Kräuterquark, in Pesto, als Spinat oder igitt, in pürierten Mixgetränken. Man verhindere aber auch mit allen anderen Mitteln jegliches Ausbreiten dieser würgenden Wurzelthiszoms. Eine anständige Portion frischer Gierschspitzen holt man sich eh besser in Parks und lichten Wäldern, wo er hellgrüne Teppiche bildet. An Gebüschrändern und an der Pankeaue wächst auch das winzige Scharbockskraut in rauhen Mengen. Meist direkt daneben steht eine Art Bärlauch und die blauen Szillas. All das junge Grünzeug ist voller Mineralien und Vitamine, die säuerlichen Note steht für C wie Zitrone, der knoblauchige Duft für keimhemmende Wirkung, bitter für giftig. Alles super gegen Arthritis, Arthrose, Prostatakrebs, Gicht, Rheuma, bloß bei Rücken hilft nichts.

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Osterspaziergang

 

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Kein Selfie, Foto von mir in meinem echt scharfen Auto,  geschossen, wie man ja heut eher ungern sagt, von der großen nomadischen Velocity-Künstlerin R.R. aus ihrer Atelierwohnung im Wedding. Erster Stock, Panoramaview auf die Kreuzung, Brunnen Ecke Luisenbad. Das ist Getto. Hier tragen alle Frauen  Kutte,  die Kerle kratzen sich am Sack. Nein, die sind nicht nett. Außer wir handeln mit ihnen, also zahlen. Der Wedding ist das einzige, das sie von Berlin nicht vermissen wird, sagt R. Am Donnerstag muss sie alles geräumt haben. Entmietung. Sechs Tage Zeit. Ostersonntag. Wir holen Kartons aus einem Lager, das liegt im vierten Untergeschoss eines Hotels an der Landsberger Allee, danach kommt Ikea in Lichtenberg. Mit der Family Card gibt es dort Kaffee gratis. In der spooky Tiefgarage des Hotellagers sind wir leider zu verängstigt, um Fotos zu machen.

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Chasing shadows 1

 

 

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On a wing and a prayer. Ostern 1996 fing diese Geschichte an. Das sind Möwen über Robben Island, nur damit das klar ist. Könnten ja auch welche über den Rieselfelden bei Frohnau sein. Robben Island, bytheway, ist die Insel vor Kapstadt, auf der Nelson Mandela 27 Jahre im Gefängnis saß, davor war es eine Leprakolonie. Jetzt gibt es dort Elche. Hat jemand aus Leichsinn mal dort ausgesetzt, hatten keine Feinde.Sehr groß, aber scheu. Sonst wohnten auf der blanken Insel nur Museumswärter und ein paar Historikerinnen, die Chris Ledochowski kannte, über die wir einen Bungalow mieten konnten. Und das Inselauto. Gibt es Rieselfelder überhaupt noch? Dort hat man früher die Stadtgülle hinge- rieselt? Geflutet? Das Ufogewölk auf dem Bild ist die Spiegelung meiner  Lampe an der Zimmerdecke.  Das Glas über dem Foto ging kaputt. Wie? Warum?

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Angst

 

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Berlin Pankow. Wer  Angst hat, macht sich zum Opfer. Der Tiger riecht deinen Angstschweiss, mach Dir einfach noch in die Hosen.

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buchblogs

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so stands am Donnerstag in der FR
[http://www.fr-online.de/literatur/mit-innerem-mummpitzometer,1472266,33957960.html]

und so in der Berliner Zeitung:

Mit innerem Mumpitzometer

Zu wenig Buchrezensionen? Zu wenig Literaturkritik? Ein Blick in die weite Welt der Literaturblogs

Nein, das wird hier keine kulturpessimistische Litanei über den Niedergang der Literaturkritik im Zeitalter der digitalen Transformation. Im Gegenteil: Um festzustellen, dass die klassische Literaturrezension weder qualitativ noch quantitativ am Verkümmern ist, genügt ein Blick ins Netz. Die Millionen Auftragsrezensionen bei Amazon lassen wir getrost beiseite, obwohl selbst da nicht nur Gefälligkeitsmist drin steht. In der Wildernis des World Wide Web haben sich inzwischen individuelle Formate entwickelt, auf denen der guten alten Buchrezension gehuldigt wird.

1 108 Buchblogs hat der Buchblogger und „Softwaregeek“ Tobias Zeising derzeit auf seiner Seite „Lesestunden.de“ gelistet, auf „bloggerei.de“ sind es 400, die Literaturagentin „SteglitzMind“ stellt unzählige bibliophile Blogs in Kurzinterviews vor, der „Kaffeehaussitzer“ empfiehlt ein paar Dutzend Lieblingsblogs von „aus.gelesen“ über „Buchguerilla“ und „Flatter Satz“ bis „Zeilensprünge“, und bei fast jedem Blog gelangt man über eine Leiste zu anderen Buchbloggern. Vernetzung und Austausch gehört zum Selbstverständnis.
Professionell im Sinn eines Berufs- und Erwerbsbegriffs ist fast keines der Blogs. Im Gegenteil, die Literaturblogs insistieren auf ihre kommerzielle Unabhängigkeit, auf der radikalen Subjektivität ihrer Buchauswahl und auf ihrem Recht zu Geschmacksurteilen. Die großen Verlage haben das Werbepotenzial der Literaturblogger erkannt, das zeigt ein Portal von Random House, auf dem sich Buchblogger anmelden können, um Rezensionsexemplare zu bestellen. Der Carlsen Verlag umwirbt Blogger als Multiplikatoren, besonders im Fantasy-Genre, und kürt den Blogger des Monats. Eine Ehrung besonderer Art erhielt Mr. Rail, der Betreiber von „AstroLibrium“: Der „Berufsoffizier im Sanitätsdienst“ wurde letztes Jahr zur Mitarbeit beim Blog der Leipziger Buchmesse eingeladen.
Worum geht’s, wie finde ich’s?
Was die Blogger auszeichnet, ist ihre Leidenschaft fürs Bücherlesen und ein ebenso passionierter Mitteilungsdrang. Ulrike Sokul etwa hat den Grünen Gürtel in Jiu Jutsu und den grünen Daumen beim Gärtnern, lebt in Solingen und möchte in ihrem Blog „vor allem Bücher loben und bejubeln“. Für Verrisse ist ihr und den meisten Freizeitrezensenten die Zeit zu schade. Und auf vergleichende Literaturwissenschaft hat auch keiner Lust. Formale Analysen von Stil und Aufbau oder Kanoneinordnungen gehören nicht zu den vorrangigen Kategorien. Worum geht’s, wie finde ich’s? Inhaltsangabe und der Freundinnenton genügen meist als Entscheidungshilfe für oder gegen ein Buch.
Eines der ganz wenigen Blogs, das sich finanziell trägt, ist Brain Pickings Weekly der 32-jährigen Maria Popova aus New York. Aus einer 2006 gestarteten wöchentlichen Mail an Freunde entwickelte sich der Einfrauenbetrieb – Kennzeichen fast aller Blogs – zu einem sonntäglichen Newsletter. Optisch erinnert er ein wenig an das Magazin des New Yorkers. Eine ausführliche, mit langen Zitaten durchsetzte Hauptrezension zu aktuellen oder alten Titeln und lebensweltlichen Themen (Liebe, Tod, Schlaflosigkeit, Kinder) wird ergänzt durch Randkolumnen und ein Archiv von A bis Z. Ein lustiges Gadget ist die literarische Jukebox mit swingenden Literaturzitaten. Seit 2012 ist Brain Pickings auf den Webseiten der Congress Library integriert.
Hausfrauenfeuilleton
Das Blog ist anzeigenfrei, um der über allem stehenden Unabhängigkeit willen. Allerdings läuft jede vom Blog aus getätigte Buchbestellung über Amazon, und von dort fällt dann ein Groschen an die Blogbetreiberin zurück.
Die Macherin selbst stellt sich mit einem gezeichneten Porträt vor. Überhaupt ist bei den Literaturbloggerinnen eine überproportionale Selfie-Foto-Verweigerung auszumachen: Karikaturen, Kinderfotos, Kopfausschnitte, was Abstraktes oder gleich gar kein Bild. Bei den männlichen Buchbloggern ist das anders. Die zeigen sich gerne als Eierkopf mit Brille, Bart auch.
Im Gegensatz zum Erfolgsmodell aus den USA kommen deutsche Literaturblogs optisch bescheidener daher. Sehr beliebt als „Header“, das fotografische Motto des Blogs, sind Fotos von ledergebundenen Buchrücken. Wie in einem gut sortierten Buchladen stehen etwa in Ulrike Sokuls Blog „Leselebenszeichen“ darunter die Knöpfe für Autoren A-Z und Titel A-Z. Im Seitenstreifen kann man durch Kategorien von „Abschweifung“ bis „Zwischen den Jahren“ scrollen. Im entspannten Leserrhythmus von ein bis zwei Wochen blogpostet sie kenntnisreich geschriebene Rezensionen zu Neuerscheinungen der Saison.
Dass sich das manchmal etwas buchhändlerisch liest, liegt daran, dass sie eine ist: „Sie wissen schon: Diese akut vom Aussterben bedrohte altmodische Berufsgattung, die mit großem Idealismus für kleines Geld arbeitet.“ Ihren „Leseeinladungen“ folgen derzeit 435 Personen, mit denen sie ein munteres Kommentarpingpong unterhält.
In der Rubrik „Buchbestechung“ dankt sie Verlagen für Besprechungsexemplare – mit Links zu ihrem Programm. Fischer, Rowohlt, Suhrkamp fehlen, was nicht heißt, dass von denen keine Bücher auftauchen. Die leiht sie sich in ihrer Lieblingsbuchhandlung (Link). Ganz unten erklärt sie , woher sie ihren Strom bezieht (Link). Im Dunkeln liest sich’s schlecht.
Buchhändlerin ist auch Petra Wiermann, die sich für ihren Sachbuchblog „elementares lesen“ seit Jahren durch neue Bücher und Themen von „Mikrokosmos bis Universum“ und „Urknall bis Universum“ pflügt. Bei ihr passiert es schon mal, dass ein Werk als „etwas oberflächlich“ abgekanzelt wird.
Aber wie gesagt, Kritik und akademische Analyse sind nicht das Hauptanliegen von Literaturblogs. Ihre Qualität ist Empathie und Authentizität. „Alles selbst gelesen“, schreibt Jarg und hat dafür in fünf Jahren 1 000 Follower eingesammelt. Unter Massenhaftigkeit („am Anfang mehrere am Tag“) leiden allerdings auch die Rezensionen des „Berufsverleihers“.
Freier, anarchischer und mit individuellem Sound spielt „Drittgedanke“ mit der klassischen Buchrezension. Bloggerin Sonja Grebe aus Hannover mischt ihre Buchbesprechungen mit Filmschnipseln, Fotos und besonders ans Herz gelegten Musikclips. Dazwischen stehen schräge Berichte über ihre Selbstversuche mit therapeutischen Youtube-Videos. Ihr Genremix ist neben dem klassischen Buchregal von A bis Z nach assoziativen Oberthemen und Roten Fäden sortiert. In denen stellen sich überraschende Kreuzungen aus Sinn, Bezügen und Verbindungen her.
Jede Menge Freiheit
„Drittgedankes“ inneres Mumpitzometer garantiert Skepsis, Urteilsschärfe und witzige Formulierungen. Und eine Runde Captain Beefheart hat noch keinem geschadet. Sporadisches WLAN dem Blogger dagegen schon. So steht da plötzlich ein Aufruf „an all jene, die gerade anderweitig nichts Dringenderes zu tun haben: Fallen euch spontan Titel ein, die ihr mir vorschlagen könntet? Nicht dass ihr nicht ohnehin jeden Tag Empfehlungen veröffentlichen würdet …“ Sogleich treffen tolle Buchtipps ein, und die Tippgeber tauschen sich untereinander über ihre Lieblingsbücher aus. Interaktion und Partizipation ist ja geradezu der Grund zum Bloggen. Nicht selten ist die lange Liste der Kommentardialoge am interessantesten.
Was das für Buchrezensionen bedeuten könnte, bringt die Autorin so auf den Punkt: „Das Blog-Wesen mag mitunter als ,Hausfrauenfeuilleton‘ beäugt werden, doch als Spielwiese für unprofessionalisiertes Schreiben bietet es eine Menge Freiheiten, um sich auf seine eigene Art mit dem, was einen beschäftigt hat, auseinanderzusetzen. Gerade wegen dieser Freiheiten hat es mit dem Feuilleton nicht sonderlich viel gemein – und das hat durchaus seine schönen Seiten. Vor allem beantwortet sich, indem Blogger ab und an auch etwas über sich und ihre Art zu lesen, ihre Hintergründe, ihre Bücherlisten mitteilen, ein Stück weit eine ganz interessante Frage, die in Großmedien meist nur als Randerscheinung auftaucht: Wer sind eigentlich die, die all jene schönen Bücher kaufen? Und lesen? Bei wem also kommen die Bücher an, und wie kommen sie an?“

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Vertikale

 

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Im Deutschlandradioläuft die zweite Folge einer analogen Meditation. Eine getragene weibliche Stimme gibt Anweisungen dazu, ein Spiegelei zu braten. Ich fasse es nicht.

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Eingenordet

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I love Berlin

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Die Teekanne

…im Bauch der Kanne ist eine Garage. Allerdings sieht das Auto drin nicht mehr fahrtüchtig aus. Sitzen ist eh besser als fahren.

 

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Augen zu

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Es gibt keine Bilder zur Zeit. Sogar der Garten sieht aus wie ein schlechtes Schwarz-Weiß-Foto. Keine Kontraste, keine Komposition, keine Regung. Die Nuancen im Grau spült der Nieselregen zu Moder, klamme Unbewohnheit kommt aus den aufgeräumten Nachbarsgärten. Wir bleiben auch nicht lange. Kein Licht. Wir hätten die Augen zu machen sollen. Wie gut, dass man den  Speicher im Kopf nie entrümpeln muss.

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Saltational!

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Mit dem chinesischen Neuhjahrsfest hat das Jahr des Affen angefangen. Weil es im Zeichen des Feuers steht, was nicht alle Jahre vorkommt, verspricht es ein besonders hitziges und sprunghaftes zu werden. Unberechenbar. Skittish, saltatory oder saltational heißen tolle Wörter im Englischlexikon dafür. Höchste Zeit zum Anlauf nehmen, wir wollen viele Sprünge und Saltos machen. Geschirr zerdeppern ist auch eine Lösung.

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Der Pullover

 

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Da kannst Du Dir jetzt selber was dazu denken.

 

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Die Küchenzeile

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Während Tage überschritten an der Küche entstand Senke für Funktionen auf Kosten der sieht aber die neuesten Waschbecken Designs einen langen Weg, seit damals zurückgelegt haben und die neuesten Designs können sehr künstlerisch sowie die Beibehaltung der funktionalen Qualitäten, die ihre wichtigsten waschen Aufgaben erforderlich sind. Die Verwendung von Kunststoff statt Keramik oder Edelstahl als Basis Rohstoff für die Herstellung der Senke wird immer beliebter. Die jüngsten Entwicklungen in Materialien konnten die fertige Senke, die eine sehr glatte Oberfläche haben, hat eine starke Oberfläche, die im allgemeinen kratzt nicht und behält seine ursprüngliche Darstellung im Laufe vieler … Tage, Wochen, Jahre? Hier bricht das Prosastück über eine Küchenspüle leider ab. Aber welch literarische, kreative, ja inspirative Tiefen so eine profane Senke haben kann – maßstabsetztend!

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Der Unsterblichkeitstee

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Es gibt ihn wirklich. Er heißt  Gynostemma pentaphyllum, ist eine Wucherpflanze aus der Kürbisfamilie und soll Wunder bewirken. Steht bei wikipedia. Als man vor einigen Jahrzehnten danach forschte, warum so viele Leute in Regionen Südchinas und drumherum über 100 Jahre alt werden, fand man heraus, dass die alle diesen Kräutertee trinken. Er schmeckt etwas süßlich und ein wenig bitter. Gewöhnungsbedürftig. Ich habe schon vor einem Jahr ein Pfund aus Thailand mitgebracht, wusste aber nicht was es für ein Kraut war und mochte das Gebräu nicht besonders. Jetzt fand ich den Tee auf dem Markt in Chinatown und verstand, dass es der sagenumwobene Unsterblichkeitstee ist. Seither weiß ich ihn zu schätzen. Wertschätzung hat mit Wissen zu tun. Und de Umgangssprache enthält dieses Wissen. Die Katzen, sagte ich, haben die Sessel belegt. Bei den Katzen in Bangkok stimmte das, weil von denen keine saß. Und einen Stuhl besetzten oder besitzen, ist was anderes, als sich draufsetzen. Das kommt davon, wenn man wochenlang mit niemandem richtig spricht. Selbstgespräche sind nicht gleich Denken, wo hab ich das jetzt bloß aufgelesen?

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Upcycling

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Berlin hat Fön. Der Winter ist ein Vorfrühling, die Wohnung kalt. Jetzt mal die Erinnerungen warmhalten und die Augen offen. Das Leben ist ein Hamsterrad. Das Bierdosen-CDscheiben-Wasserrad befindet sich in den Teebergen von Mae Salong im Norden Thailands. War ich dort wirklich vor einer Woche noch?

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Ich ist ein anderer

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Wenn man von Rimbauds Satz den männlichen Universalismus herausnähme, also „Ich ist eine andere“ oder, noch besser, „Ich ist was anderes“ sagen würde, dann verliert er gleich sein Pathos. Rimbaud verbrachte die letzten Jahre seines kurzen Lebens als Händler für Kaffee, Waffen, Sklaven in Harar im südöstlichen Äthiopien. Ein schönes kleines Museum erinnert an den Dichter, der dort keiner mehr war, man muss einfach nach „Rambo“ fragen.  In das seinerzeit abgeschottete, unabhängge Emirat Harar hatte es als einziger Reisender aus Europa zuvor der „Weltensammler“ ( Ilija Trojanow) Richard Francis Burton geschafft, verkleidet als ein anderer. Ich zieh jetzt die Thrombosesocken an und fahr zurück in mein „anderes“ Leben.

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Where do they all belong

so geht das Beatleslied von „all the lonely people“ auch weiter. Wie man in die Welt hinausguckt, so guckt sie zurück. Man könnte also alles zum Spiegel seiner eigenen Stimmungen machen. Damit wäre mal wieder das Dokumentarische, die Wahrhaftigkeit der Wahrnehmung, des Zeigens zumindest, ausgehebelt. Ja, wenn das Milchkännchen berichten könnte..

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Himmelslöcher

ist wirklich nicht so, dass ich kunst machen will. ist das „feature“ des blogs, das unter „gekacheltes mosaik“ solche zufallskombis erstellt. Der Rest ist Bangkok, Chinatown as usual, das einen zu  dauernden staunen anhält. Und manchmal bleibe ich wirklich einfach nur stehen, um zu spüren, wie es mich umtost. Und Schwapp bin ich mitten in einem Tempel, ach was einer wuselige Kleinstadt. Familien strömen rein und raus, kaufen rotgoldene Girlanden und Papierschachteln, die Luft ist verräuchert, in riesigen Schalen werden Räucherstäbchen abgefackelt, ältere Frauen ruhen unter einem Dach auf stoffbezogenen Stühlen aus, links in einem Saal wird gekniet, gebetet, ein Mönch sermoniert, ein Video überträgt die Litanei samt Gebimmel,, Blumengebinde säumen eine Fotogalerie, in der immer derselbe Mönch großformatig bei allerlei Tun zu sehen ist. Ist er tot? Rechts in einer Halle stehen die Leute in Schlangen und beschreiben rosafarbene Zettel, die in nummeriertem Kästchen stecken und umsortiert werden. Wetten, Wünsche, Horoskope? Hinter riesigen Glasfronten stehen zu jeder Seite eines rotbeschwelltem Durchgangs monströse Wärterfiguren mit goldenen, jadegrünen und teuflich braunen Fratzen. Im zentralen Tempel, ist das eine Pagode?, Geschnitze und Golddekor, noch mehr Rampampam-Gesinge von noch mehr orange gekleideten Mönchen und kahlgeschorenen Buddhistlein-auf-Zeit, manche der Jungs etwas zappelig bei der Stillhalteperformance, aber alles in allem vor den neonbunt illuminierten Goldbuddhas ein knallender Sound-und Farbenrausch, gleich dahinter und im Säulengang daneben wieder umtriebiges Zettelbeschreiben und bündelweise goldenes Papiergeld kaufen. Lässige  Jungmönche lassen das dann feierlich ins Feuer einer Blechtonne segeln. Mädchen posieren für Selfies. Essen gibts auch. Kirmes, Beerdigungszeremonie -Sterben ist Anlass für ein Fest, es geht ja schließlich in ein besseres Leben, noch besser ist nur das Nirwana – oder Vorbote des baldigen chinesischen Neujahrsfestes? Schwupp, Zeit für ein Schälchen Hongkong-Nudelsuppe.

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Die Katzen von Bangkok

 

Die geschätzt 17 Katzen haben alle Sessel, Tische und Blumentöpfe des kleinen Vorgartens meines Guesthouses belegt. Es liegt direkt am Hauptbahnhof Hua Lampong in einer stillen Sackgasse. Ich habe das schönste Zimmer mit Fenster zur Gasse bekommen. Sogar ein Balkon ist davor. Ein Wäscheleinenriegel mit leeren Flaschen. In der Nacht gingen mehrere schöne Frauen in eleganten Seidenkleidern vorüber und verschwanden hinter einer Gittertür in Wellblechgehäusen. Im Gasthaus gegenüber übt ein junger Mann in nachtblauem Kimonoanzug Schwertfechten. Ein Fernseher quieckt, danach läuft eine Kompilation  von „Music, I never wished to hear again“, wie das Bill Bryson in seinem Reisebuch über „Down under“ schrieb. Das zerfleddete Exemplar dieses lustigen Buchs hab ich im Guesthouse in Chiang Rai mitgehen lassen und werde es wohl in die ansehnliche Bibliothek hier einspeisen. Wie gut, dass es heute regnet in Bangkok.

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All the lonely people

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Man kann jede Stimmung eines Filmes völlig verändern, indem man einen anderen Soundtrack darüber legt. Das hat der Berliner Elektromusiker Frieder Butzmann mal in einem wie immer bei ihm köstlichen Performance-Vortrag gezeigt. Die Liedzeile „… where do they all come from?“ stammt aus dem Beatlessong „Eleanor Rigby“, das sie 1966 auf dem Album „Revolver“  veröffentlichten. Manchmal reicht eine Nacht in einem eisgekühlten Überlandbus, in dem der ersehnte Schlaf sich in verbogenen Gliedern und Wehwehchen verflüchtigt. Die eigene Verwundbarkeit reisst die Wahrnehmung für das Leid der anderen auf. Am Morgen sieht die ganze Welt müde aus, die Leute abgearbeitet und endlos traurig. Als wäre all ihr Mühsal in ihren Gesichtern und Körpern zu Tage gekommen, im Schatten zwischen dem Glitzern des Marktes scheint der Kampf um die schiere Existenz auf, jedes Lächeln entblößt Zahnlücken, Versehrungen der Armut. Und dann saugt es einen doch wieder ein, nimm mich mit, nimm mich auf in den Fluss des Lebens. Und über den schmutzstarrenden Knäueln der Stromleitungen und Reklameplanen geht ein blasser Vollmond auf. All das ist wahr und geschieht genau so.

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Marktlücken

 

 

Des Lebens ganze Gülle, oh Fülle natürlich. Ich kann mich nicht satt sehen. Und essen will ich auch alles, Fettküchlein, panierte Hühnerbeine, Schwarzer Klebreis in Bananenblättern, Ananas,  Nudelsuppe mit eingelegtem Kraut, komische Früchte, die wie Äpfel schmecken, Leber am Spieß, warme grüne Sojamilch, geröstete Erdnüsse mit Limettenblättern und Chilii, geringelte Schweineschwarten, gehackte Insekten in Koriander, Bananenchips…

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Erleuchtungen

 

kann man das Glück des Reisens bewahren, in dem man es in tausenden Momentaufnahmen festhält? Nach drei Fahrten mit den zu Bussen umgebauten Pritschenwagen lande ich in Chiang Rai. Dort, in enem Wäldchen am Fluss, hat ein König mal seinen entlaufenen Elefanten gesucht und statt dessen einen Ort gefunden, den er so schön fand, dass er ihn zum Nabel der Welt erklärte und Muang Chiang Rai nannte. Heute erinnert eine Plattform mit Lotosblüten aus Beton daran, dort verschüttet man Wasser, um selber ein wenig Teil des Nabels der Schönheit zu sein. Ein Schild bittet darum, an diesem heiligen Platz nichts zu rauchen, keinen Alkohol zu trinken und nicht zu fixen. Mein familiäres Guesthouse wird von monströs buschigen gelben Katzen und einem monströs verspielten Mops im Wams dominiert.

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Im Tee

Wenn die Eindrücke überhand nehmen, wird der Kopf still.

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Der Weg

 

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…ist das Ziel. Klar, aber ich habe einen Weg gesehen, auf der anderen Seite des Tals, der einem Traumbild entsprungen ist. Er windet sich in weiten Kurven steil bergauf,   zwei Bäume stehen wie Wächter eine Pforte, fast an einem Ziel, an dem der Weg sich irgendwohin verliert. Aber es gelingt es mir am ersten Tag nicht, den Weg zu erreichen, er ist von fast überall auf meiner Wanderung in der Ferne zu sehen, ich überquere Bäche, aus denen ich trinke, Brücken aus Bambus, steige Hängr hinauf, werde von unternehmungslustigen, alten Frauen zum shoppen in ihre hühnerstallgroßen Stelzenhütten eingeladen. Die meistem Dörfler sind damit beschäftigt, aus dem feinen Gras der Schilfes Besen zu binden, andere arbeiten in den terassierten Teeplantagen. Vier kleine wilde Pferde grasen am Bachufer, ein wilder Bauer liegt bei ihnen im Gras. Pfade verschlingrn sich, enden unversehens, undurchdringliches Schilfgestrüpp zwingt mich zum umkehren, ich wate den Bach ein Stück entlang, finde Furten, klettere durch abgeerntete Maisfelder bergan und da ist mein Weg. Natürlich war er aus der Ferne schöner, wie das Unerreichbare immer das Naheliegende übertrifft. Aber ich bin dennoch glücklich, zwischen den beiden Wächterbäumen an der Pforte zum Nirgendwo für eine Weile auszuruhen.

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Ahnung von Kälte

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Mae Salong liegt hoch in den Bergen, nah an der Grenze zu Myanmar. Das Dorf ist chinesisch geprägt, geflüchtete Kuomintang haben es gegründet. Mein Gasthaus ist wieder das Shinsane, es gibt zwei dicke Bettdecken für die Kälte der Nacht.

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Tee kaufen?

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Oder spazieren gehen? Berg rauf und runter? komische Frauen knipsen, die einem handgemachte Beutel aufschwatzen wollen?

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was mache ich hier?

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Alter Schwede

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Reisegefährten.  Was heißt hier Gefährten? Nach all den gestrigen Verallgemeinerungen dürfte heut mal wieder etwas Genauigkeit angesagt sein. Ich nehme also um 11 den green bus (clean bus), zuvor haben mich im Guesthose abernoch zwei Gäste vom eigentlich angepeiltem Ziel abgebracht. Was nicht schlimm ist, denn der Bus fährt heute eh anders. Der indisch-thailändische Fotograf, der tagelang kaum aus seinem Zimmer kommt, wo er Fotos downlädt und an Agenturen verschickt, und ein Holländer, der nach Udon muss, weil er dort „die boys“ treffen will, was er oft genug wiederholt, damit auch ich kapiere, dass er schwul ist, jedenfalls sind die.beiden sich einig, dass ich nach Loei soll, wovon selbst das thai tourism boatd sagt, es hätte rein gar nichts zu bieten. um den Touristen zum bleiben zu bewegen. Im Bus nach Loei sitzt ein alter Schwede, sorry, ich weiß seinen Namen nicht und er ist 73. Er geht am Stock, ich trag seinen Rucksack  beim Umsteigen auf einen Pritschenwagenbus, in Loei am Busterminal teilen wir ein Taxi ins Zentrum, als zwei alte Falangi werden wir eh als Paar wahrgenommen. ich nehm ein Zimmer in seinem sturzbilligen Hotel, Suppe am Nachtmarkt essen wir auch gemeinsam. Er war Seefahrer, seit er mit 60 in Pension ist, reist er jedes Jahr drei Monate hier herum, zuhause hat er einen Bauernhof, auf dem die Kühe des Nachbarn weiden. Endlich mal wieder ein gelungenes Leben. Gut, dass man es nicht in echt teilen muss..

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Müßiggang

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Ich bin etwas leergeschrieben, weil ich die letzten fünf Tage auf der Verande das alten Holzhauses den Papua-Text fertig gesamplet habe. Nachdem er heut früh versendet ist, radle ich 30 ode 40 kilometer, immer schön gemächlich den Mekong emtlang. Jede Sackgasse trägt zur Verlangsamung bei, jedes dead end öffnet Blicke in Höfe, Gärten, auf Reisfelder und dümpelnde Fischzuchtbecken. Die Dörfer sind sehr hübsch. Überall Blumen, in Töpfen, Autoreifen, Mauerritzen. Alle Thais tragen schlabberige T-Shirts und Gummilatschen. Alle Hängematten sind mit schläfrigen Menschen belegt. Selbst die kleinen Tempel dösen vor sich hin. Trockene Blätter wehen in ihnen herum. Die Fahrräder haben keine Schlösser. Man bezahlt sein Zimmer, wann man gerade Lust hat, Quittungen braucht niemand. Morgen nehm ich vielleicht den „clean bus“, meint den „green bus“, das asiatische Ding mit dem „r“.  Fahrkarten  wird es auch irgendwo geben. Die Luft ist wie Seide, das Leben ebenso leicht. Nicht nur mich als Touristin, die sich jederzeit jede Schale köstlicher Suppe leisten kann, niemand wirkt auf den ersten Blick des Passanten elend und verzweifelt. Auf der Uferpromenade flanieren Hunderudel, die Leute gehen spazieren und schwenken dazu parallel ihre Arme vor und zurück, das ist gerade die angesagte Gymnastik. Selbst wenig zu haben, es ist genug. Wer nichts hat, bettelt nicht vergeblich. Lächeln ist umsonst.

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Der Stoff der Träume

 

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Dis-Orient-ation

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Der Mekong ist hier nicht romantisch. Was für eine blöde Erwartung auch an einen Fluss. Er ist eine Wasserstraße, die hier hauptsächlich als Resource für Sand dient, der von klotzigen  Baggerschiffen hochgepumt wird. Sand soll ja einer der nächsten Rohstoffe sein, die bald knapp werden. Was ich für die Busstation halte, ist ein großes Tempelgelände.  Busse halten hier auch, ansonsten bieten Buden Naturmedizinwurzeln feil, Tigerbalm in fünf Farbvariationen und Tiegelgrößen, industriell gewebte Ethnostoffe für Wickelröcke, T-Shirts mit glitzernden Eulenapplikationen. Die Nase führt mich zur echten Busstation, die neben dem Morgenmarkt liegt. Der Duft von Koriander und von Fischen, deren beginnende Verrottung mit Wasserschläuchen in den Gulli gespritzt wird, gerade an der Grenze zwischen verführerisch und abstoßend. Eine Plastikschale voll köstlichem Green Curry mit Brocken geronnenem Blutes drin zum Frühstück. Danach übernimmt das Fahrrad dem Tag. Es fährt mich am Ufer entlang, unter der von Australien gebauten Friendship-Bridge nach Laos hindurch, über die Touristen, Kommerzramsch und Aids ins bis dahin sozialistisch abgeschottete Land kamen. Bei einer Anwältin, die mal zu einem Seminar über Menschenhandel in München war, und nun einen Laden im gedeckten Markt betreibt, kaufe ich ein kitschiges Seidenhemd, das ich nie anziehen werde. Sie verkauft auch handgenähte Beutel mit Eulenmustern drauf, um die Bergvölker im Goldenen Dreieck von Laos, Thailand und Myanmar zu unterstützen, damit die ihre Mädchen nicht mehr an die Sexindustrie verkaufen.

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Honigkuchenpferdmodus

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Das vielfach empfohlene Mut Mee Garden Guesthouse am Mekong ist voll. Mein Glück. An der Rezeption arbeitet eine nette Berlinerin mit ungesunder Haut. Die Zimmer liegen in einem wundervoll schattig zugewachsenem Garten. Viele Gäste sind  Langzeitpatienten, Winterflüchtlinge wie ich. Im luftig offenen Restaurantpavillon an der Uferpromenade wird deutsch gesprochen, oder sächsisch? Ergraute Langhaarige mit Plautze und ihrer ekligen Selbstgerechtigkeit genehmigen sich schon am Vormittag  ein Bier zum Müsli. Fast alle Gästehäuser am Pier sind ausgebucht. Manche bieten fensterlose Rattenlöcher im Keller – I mean it- zu Preisen an, für die man am Nachtmarkt drei Armbanduhren kriegt. Wo ist die Busstation? Am Ende der Uferpromenade frage ich bei einem unscheinbaren Flachbau aus gelbem Beton an. Und Bingo. Zimmer im Holzhaus dahinter mit allem. Heißwasserdusche, Wasserkocher und Veranda,  von der man sogar den Mekong sieht. Und Fahrrad. Zehn Kilometer weiter den Strom hinunter kaufe ich einen wagenradgroßen Hut, weil er aus echtem Stroh und handgemacht ist,  mach mich zur Vollheidi und ernte dafür noch breitere Lächeln, esse auf dem Feuer gesottenen Klebreis in duftenden Bananenblättern, finde Schatten in abgelegenen Tempelchen. Honigkuchenpferdmodus, yeah.

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Reisefreiheit

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Nachtzug Bangkok-Nong Khia

Mehr individuelle Freiheit, mehr Müll. Diktatoren mögen keine Slums, sie sind Brutstätten unkontrollierbarer Ideen und Bewegungen. Nur wie verbietet oder verhindert man illegale Besiedlungen? Authoritären Regimes mit konstitutioneller Monarchie scheint es zu gelingen. The benevolent dictator. Ohne (Bewegungs-) Freiheit keine informellen Siedlungen. Und ohne Privateigentum keine Müllhaufen. Man schmeißt nichts hinter die Hecke, wenn das Land dahinter der Familie, allen und so auch einem selbst gehört. Man entsorgt seinen Mist nicht beim Nachbarn,wenn der zur Familie gehört. In Sinaket auf den Trobriand Inseln war der Sand bis hin zur Meereskante gefegt:Das ist unser Zuhause, sagte die Frau des Fischers.

 

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Menü im Niemandsland

Kaum hat der Zug Butterworth verlassen, end of the line, wo die Schienen am Kai zur Fähre enden, fallen fast alle Reisenden unverzüglich in Dämmerschlaf. Das Rattern der Schwellen lullt alle ein, den Rest erledigt die Nachmittagssonne. Schlafende zu knipsen ist ungehörig. Sie sind schutzlos dem Blickdiebstahl ausgesetzt. Man spürt, dass man ihnen zu nahe tritt und fürchtet, sie würden plötzlich die Augen aufschlagen. Es wäre, wie beim stehlen ertappt. Liegt denn die Seele im Schlaf wirklich bloß? Ist das Bewusstsein die Wehr? Der Grenzübertritt dauert nur wenige Minuten, Stempel, 30 Tage Visum, aber nur für Passinhaber der G7-Staaten, ander kriegen bei „overland“-Einreise nur 15 Tage. Und das kann sich alle Tage ändern. Eine Bude tauscht die letzten malayischen Ringgit in zollfreies Bier und Zigaretten. Der Zug, nur zwei Waggons bisher, wartet auf drei, die angekoppelt werden. Derweil gibt es Abendessen. Menü im Niemandsland. Es schmeckt zum hinknien. Ein uniformierter Fahrscheinkontrolleur mit Klemmbrett hakt die Kojen ab und verteilt Geld. Ich bekomme 40 Baht.Thailand, Sawasdee!

Fast direkt hinterm Hauptbahnhof von Bangkok beginnt Chinatown. Ewige Jugend durch pulverisierte Hirschhörner, Schmalzkuchen aus schwarzen Bohnen, feinster Tee in Säcken, Seegurken aus Südafrika, getrocknete Kakifladen, pinkfarbene Knödelkuchen, frischgepresster Granatapfelsaft, ein Buddha aus masssivem Gold, bei der Tempelanlage ein Schulfest mit Wettänzen. Eine handvoll schwarz gekleideter Mädchen mit lilafarbenen Schärpen umarmen sich an den Schultern und stecken die mit Goldglimmer geschminktem Gesichter zusammen. Ein paar verstohlene Tränen. Die schönen Mädchen sind Jungs.

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Take me to the magic

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Nikita aus Almaty und Cassia aus Paris streichen das Gatter zu unserer Hippieherberge in Chinatown von Georgetown. Sie sind Monate unterwegs und machen sich nützlich. Tedj, 33,  aus Indien hat Kuchen eingekauft für alle, er ist jetzt nach Langkawi weitergereist, um seine verheiratete Schwester zu treffen, von der er sich erhofft, dass sie seinen Wunsch auf ein Jahr Vaterspronsoring  unterstützt. Früher trug er hautenge schwarze Lederhosen, weil er ein Fan der Scorpions war. Take me to the magic of the moment, singt er leise für mich, weil die doch deutsch waren. Winds of Change kann er auswendig. Der Freund einer Spanierin, die in Manchester Kinderschwester ist, liegt mit Dengue im Hospital. Ein anderer ist gerade von einer Art Masern genesen. Ein holländisches Pärchen macht sich Müsli zum Frühstück. Sie  reisen vier Monate herum, bevor sie mit dem Studium beginnen. Das Mädchen malt und singt in scheusslich piepsiger Mädchenstimme. Eine  Latino, die meist halbnackt in Bikinioberteil in unserem lauschig bewucherten Vorhof sitzt, hat eine Gitarre dabei und übt inbrünstig den Beatlessong „Yesterday“. Ein Pärchen aus St. Petersburg lebt  vom Feuertanz, den sie abends vor Touristenzentren praktizieren. Er erzählt illuminiert von der Totenstadt Benares am Ganges in Indien, wo 10000 Jahre Vergangenheit und Zukunft nebeneinander existierten. Da schwimmen Menschenköpfe im Wasser, das musst du schon gut finden. Die Russen und die ebenholzfarbene Gazelle aus Paris rauchen aus abgeknickten Bierdosen und laden mich dazu ein. Aus dem ipod säuseln russische Lieder. Zeit zu gehen.

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Mind the gap

between head and feet.

 


Um nicht zu stolpern über Stock und Stein, muss man auf den Weg gucken. Die katzenkleinen grauen Affen springen in den Ästen hoch drüber herum. Dazwischen, so die Pilgerer zum Heiligen Land (a la saint terre, daher das französische saunter), die Dichter des Spazierengehens, findet sich das Selbst. Bei mir ist da nichts. Es hat sich selbst vergessen.

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Alle Vögel sind schon da

Heute lieber vegetarisch? Obwohl, frisch sind die Vögel und die dunkelbraune Suppe mit den glibberigen weißen Nudeln, dem Gänseklein und Eingeweidegeschnoddel war schon sehr lecker. Sie heißt Shi Gua Th’ng.

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Einsamkeitsvortäuscher

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man hätte ja auch ein Boot nehmen können

Sie haben alle gerne die Aura des lonesome cowboys um sich herum verbreitet. Denn nur wer sich mutterseelen allein der Fremde aussetze, sei verletzlich, offen und könne schließlich was authentisches erfahren Alles Lügner. Oder gute Literaten. (*) Auf seinen monatelangen Recherchereisen ins „Land der Finsternis“ (Indien) war Naipaul ständig in Begleitung seiner Ehefrau, über deren Anwesenheit er nie ein Wort verlor. Graham Green hatte immer Freunde um sich, nahm das Reisen mit seiner Tante sogar mal in den Titel. Winfried Thesiger hatte meist Geliebte bei sich und zusätzlich einen Trupp ortkundier Einhemischer. Auch Somerset Maugham reiste mit seinem Geliebten, der, da er selber stotterte, auch einen Großteil der Konversation übernahm. Andre Gide war auf seiner Reise durch den Kongo 1925 ebenso mit seinem Geliebten unterwegs. Rudyard Kipling, der mit großer Equippage reiste, war immer in Gesellschaft seiner Gattin. Ebenso T.E.Lawrense mit seiner Frau Frieda von Richthofen. Bruce Chatwin, notorisch gesellig, war immer mit einem seiner zahlreichen Geliebten, seiner Ehefrau und Führern (und Trägern, denn er war beileibe kein Rucksackreisender) unterwegs. Und Henry Thoreau legendäre einsame Hütte im Wald lag knapp zwei Kilometer entfernt von seinem Haus in Concord, wo seine Mutter für ihn wusch und Kuchen buk und er eh fast jeden Abend zum Übernachten hinging. (Quelle Paul Theroux, der meist allein unterwegs war:“Tao des Reisens“)
* Das lässt leider den Umkehrschluss nicht zu, wie man an den vielen Volltrotteln sieht, die allein rumreisen.

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Number 19

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Der Linienbus 101 fährt der Küste am Guerney Drive mit weißen Hotelanlagen und bis zu 50-stöckigen Wolkenkratzern mit Apartments (kaum Ausländer hoer) entlang. Malaysia ist kein arzmes Land. Ich habe keine Slums gesehen, nur in Kuala Lumpur ein paar Obdachlose, die nachts die Zeitungen lasen, auf die sie sich dann in Bankeingängen betteten. Die einizegen herunter gekommenen Gegenden sind die Chinatowns, wo die Guesthouses für Billigheimer wie unsereinen sind. Aber die ersten schick renovierten alten Holzhäuser dort mit Bars und Restaurants sind ein Zeichen daür, dass in den historschen Altstadtzentren der Kahlschlag der Modernisierungen langsam ausgebremst ist. Nach einer Stunde Busfahrt endet die Straße in Teluk Bahang am Nationalpark. Man muss sich am Eingang in ein Registerbuch eintragen (ich bin Number 19),sagen wohin man laufen will und bekommt einen kopierten Zettel mit den Pfaden, Eintritt kostet es nicht. Kerachut Beach sage ich leichtfertig, läppische drei oder vier km, an der Westküste, noch bin ich an der Nordküste. Dass dazwischen ein hoher Berg ist, habe ich in meinem Übermut übersehen. Gleich den ersten Kilometer geht es heftig bergauf, zuerst noch in hohen Treppenstufen, dann zusehends in einem steilen, ausgetrocknetem Gerbirgsbachbett, das aber der Track der Büffel war, mit denen die Einheimischen die Teakholzstämme aus dem Wald herunterschleppten. Spaziergang kann man die schweißtreibende Kletterei bald nicht mehr nennen, beim immer wieder nötigen Verschnaufen verdichten sich die wie elektronisch sirrenden Geräusche und Vogelschreie zu einem Orchester, die grüne Wildnis wird zur Kathedrale. Ein Menschlein steht im Walde, ganz still und stumm.  None to accompany me -so hieß ein Roman von Nadine Gordimer. Wieder einmal bin ich froh, dass niemand mit mir geht, dem es zu anstrengend und zu sinnlos ist, zu warm und zu schwül (90% Luftfeuchtigkeit, 32 Grad), und der nach zwei Stunden Wanderung enttäuscht ist, dass der angepeilte Süsswassersee ein ausgetrockneter Sumpf und Strand dort einfach nur heißer Sand und lauwarmes Wasser ist, in dem man nicht schwimmen soll, und es außerdem keine Bude mit kaltem Bier gibt. Und auch für die grünen Schildkröten dort ist grad keine Saison. Aber nach einem einsamen, düster zugewucherten, glitschig über Stolperwurzeln bergab führenden Stück des Weges – wenn du da den Knöchel brichst und liegen bleibst, giftige Spinnen und Schlangen?, findet dich keiner und du bist in drei Tagen Kompostiert – dann bin ich auch wieder froh, Menschenlachen zu hören.

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Voices from the Past, das Eastern Oriental Hotel

 

 

Once upon a time. Als der britische Kapitän Francis Lancester 1592 mit der Edvard Bonaventura die „Perle des malaysischen Archipels“ erblickte, kam die Kokospalmen gesäumte Küste ihm und seiner an Skorbut erkrankten Mannschaft wie das Paradies vor. Knapp 200 Jahre später, 1786,  gründete die Ostindienkompanie in Penang den ersten Handelsstützpunkt. Der Sultan von Kedah sollte von den Briten dafür 30000 spanische Silberdollar jährliche Miete bekommen, etwa 1,8 Millionen USDollar, bekam sie aber nie. Das Eastern Oriental Hotel wurde 1885 von den armenischen Brüdern Sarkis gegründet, genau das sind die Verwandten der heutigen steinreichen Gebrüder Sarkis mit der Kunstsammlung. Das weißleuchtende Luxushotel mit der Rückfassade zur Amdamanen See  See zog Anfan des 20. Jahrhunderts haufenweise illustre Gäste an. Rudyard Kipling, Joseph Conrad, Orson Welles, der amerikanische Multimilionär  William Holden, Hollywoodstars wie Rita Hayworth, Douglas Fairbanks und seine Gattin  Mary Pickford hingen hier ab.Hermann Hesse ließ sich 1812 hier mit einer Sänfte den Penang Hill hochmanövrieren, der notorische Tresengeschichtenlauscher Somerset Maugham  sammelte an der Hotelbar viele seiner „voices of the past“. Sogar der große Reisegeschichtenmogler Karl May soll, glaubt man dem Foto in der Hotelvitrine, hier gewesen sein. Ich trinke einen Kaffee in der pompösen Bar, lasse von der Rezeption einen Hotelkugelschreiber mitgehen, und ziehe in ein nur unwesentlich weniger altes Holzhaus in malayischem Stil. Alles ist offen, riesige Ventilatoren bewegen träge die Tropenluft, Fensterläden, die Wände, das Treppenhaus aus geschnitzten Gittern mit Durchblick zum Himmel im Hausinnern,  ein mit großen Topfpflanzen bestandener Vorhof zur Gasse. Katzen, Holztische und  ein Teekessel mit heißem Wasser, Herz, was willst Du mehr?

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Wo die Liebe hinfällt

 

Man soll sein Herz ja nicht im Hunger der Nacht wegwerfen. Aber bei Georgetown bin ich schwach geworden, sobald ich das Fenster meines spartanischen Zimmers im Crystal Guesthouses zur Straße hin öffnete. Die Bürgersteige sind gekachelt und überdacht. Kabelgewirr, Klimaanlagenkästen, rote Lampions mit goldenen Bommeln, Neonröhren, schwarze Ventilatoren an den Decken der Arkaden. Teure alte Hotel wie Puppenstuben aus Teakholz mit Intarsien und antiken Kronleuchtern neben billigen Absteigen hinter stockfleckigen Stuckfassaden. Keine Stände mit Plastikramsch, dafür eine Garküche neben der anderen. Und Teehäuser, Dumplingrestaurants, mobile Pfannkuchenbäckereien,  Kräuterteekarren, Stinkfrucht (Durian) von Auto-Ladeflächen, bonbonfarbene Fruchtsäfte in Pappbechern auf Eis. Gute Wahl, stimmt ein schlürfender Malaye meiner Gänsesuppe mit Eingeweiden, dunkelbraunem Ei und selbstgemachten weißen Nudelfetzen zu. Ein klapperdünner Chinese in Flipflops setzt sich auf den zerfleddernden Korbstuhl unter die Balustraden neben mich und mümmelt zahnlos ein Crepe. Der Verkehr strömt und knattert unentwegt zwischen den beleuchteten und dampfenden Essbuden hindurch, es ist halb Elf Freitga Abend. Indische Großfamilien essen Nachtisch, Touristinnen in Shorts kratzen sich am Knie. Alle Busse fahren zum Jetty. Penang, „pinäng“, ist eine Insel vor der Andamanen See, die mit dem Festland über Fähre und eine 13 km lange Brücke verbunden ist.

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Puppenträume

imageimageimageWieso ist Little India in Kuala Lumpur ein Basar der muslimischen Kopftücher statt Saris?

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Und er singt dazu

 

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No comment, so hieß mal ein Fernsehprogramm auf einem Privatsender mit Video-Schnipseln, die keine nachrichtliche Relevanz. hatten.

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mehr nostalgie

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Selfie vor dem Hotel und Kaffeehaus, in dem Somerset Maugham  verkehrte.

Mein neubezogenes Hotel hat ene Dachterrasse. Es ist ein altes Kolonialgebäude mit verblichenen Fotografien und riesigen Spiegeln, Lederimitatsofas und Ebenholzkonsolen im Treppenaus. Es liegt an, fast in einem anderen Markt, der zum massenhaften Ramsch der globalen Seidentraße duftende, dampfende und von offenen Herdfeuern rauchige Fressbuden hat. An der  Strassenfassade gibt es Verandas, auf denen sich ein paar englischsprechende Backpacker schon mal mit Gin und Brandy in O-Saft aus sem Tetrapaxk zum Sylvester warmtrinken. Auf der Dachterrasse stehen wachstuchbezogene Bänke und Tische, Wäscheständer und  leider auch ein Fernseher. Der kann nichts dafür, aber wieso müssen erwachsene Männer sich am frühen Abend Zeichentrickfilme angucken? Der Mann ist Inder, heißt Rangin und sitzt sechs Stunden später immer noch zwischen den Wäscheständern (es hat geregnet) und glotzt TV. Er ist hier auf biziness, er organisisert  indische Gatarbeiter hierher und wundert sich, dass ich keine Familie dabei habe und keine Zeichentrickfilme mag.

 

 

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Schlaflos in Kuala Lumpur

 

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Eine Katze maunzt. Das Fenster mit Butzenscheiben geht zum überdachten Central Markt hinaus. Es gibt Calvin-Klein-Unterhosen,  T-Shirts mit amerikanischen Rugbymannschaftsnummern, Glitzerschmuck, gefakte Marken-Ledertaschen und Turnschuhe, billige Armbanduhren, indische Pluderhosen, Batikhemden, und jeder Menge Socken. Wer kauft in diesem dauerschwülen Klima jemals Socken? Sind die ein Statussymbol?  Ein paar Krähen drohen dem Katzengejammer. Das Piepen von Fahrzeugen im Rückwärtsgang kündet von der Ankunft der immer gleichen Waren. Noch ist es nicht hell. Ein Muezzin weckt die Gläubigen und Ungläufigen. Er hört überhaupt nicht mehr auf mit seinem Sermon, es ist Freitag und der letzte Tag des Jahres 2015.An den  Marktständen werden Rolläden scheppernd hochgelassen. Ich mache das Fenster zu, die Klimaanlage an und treibe ruhelos durch Traumfetzen.

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Ein Rezept der Chitty People von Malakka

 

 

Ming Zing ist 24. Sie lebt seit 21 Jahren im buddhistischen Kloster in Malakka. Es wird nur von Frauen bewohnt, als ich da war, hatten alle gwrade eine Dose Bier in der Hand.

Daneben steht der älteste chinesische Tempel und ein Stück die Gasse runter eine auch mindestens 500 Jahre alte Moschee mit dorischen Säulen.

Peranakan dish

(the secerest of their cuisine were only passed on to the daughters)
Nasi Kembuli
was once served to brides three days after the wedding and as an offeriing during prayers.

4 cups rice, washed and drained
2 stick cinnamon bark
10 shallots, pounded
2 cloves garlic, pounded

5 tbsp ghee
1 tbsp cashewnuts
1 tbsp raisins
4 tbsp coiander
2 tbsp cumin

Boil cumin and coriander in 5 cups of water. Strain the water and pour it into the rice cooker. Fry cashewnuts amd raisins together in ghee and put aside. Use the same ghee and fry connamon bark and shallot until fragrant. Add garlic. Pour in rice grains. Mix thoroughly. Add in cashewnuts and raisin. Pour mixture in coriander and cumin water and leave it to cook.

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Rückkehr zur Arschkanone

 

Versiffte Klos (nur) an der Grenze mit Arschkanonen (bumbguns, oder Mösenduschen), Einreise per Stempel ohne Formularausfüllen (90 Tage Visum!), halbierte Colapreise, Männer mir Röcken, Selamat Datang, Malaysia! In Malakka kostet der Bus ins Zentrum knapp 30 Cent, dafür fahren wir erst mal zur Tankstelle. Melakka ist ein pittoreskes Touristenkaff mit quietschbunt glitzernden Fahrradrikschas und Gebimmel und dödelnden Lautsprechern. Die Stadt auf halber Strecke zwischen China und Indien, mit leichtem Zugang zu den Gewürzinseln Indonesiens (die Fähre nach Sumatra dauert nur 2 1/2 Stunden) war schon seit Hunderten von Jahren ein wichtiger Handelsplatz und Hafen. Die einwandernden Chinesen heirateten in malayische Familien ein, aus dieser Mischung entstand der architektonische Peranaka Stil. Seit 1414 ist die Stadt vorwiegend islamisch, Anfang 1509 kamen die Portugiesen und übernahmen nach kurzem Rückschlag die Herrschaft, sie vertrieben den Sultan, der ein Stück weiter im Süden, in Johor sein neues Königreich aufmachte. Aber auch die arabischen Händler zogen andere Handelsplätze vor  um 1641 kamen die Holländer, die den Freihafenboom versemmelten, indem sie absurd hohe Steuern erhoben, 150 Jahre später wurde sie von den Franzosen verscheucht, 1824 tauschten die Briten Melakka gegen einen Hafen in Sumatra. Was für ein Geschachere der  Kolonialmächte. Und alle haben ihre Spuren ginterlassen. Ich wohne in einer simplen Absteige mit Familienanschluss. Am Küchentisch bei Kabel-TV, – es läuft ein Zeichentrickfilm über smarte Kakerlaken – erzählt mir der Hausherr bei einem Kaffee, ein ehemaliger Lehrer, dass sie zu den Chitty People gehören, das sind indisch-chinesische Einwanderer und noch immer hinduistisch. Ich schlafe wie ein Murmeltier bei Karaokemusik einer Bar gegenüber, habe einen kleine Betonkiste als Balkon und nutze die Wäscheleine. Der Regen verzieht sich, ein dringender nature-call lotst mich in ein White Coffee House und guck an, hier  gibts Wifi.

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Abraham und das Vermächnis des Kula-Rings

 

 

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Auch nach vier Stunden kein Flugzeug in Sicht. Der Lodgefahrer Abraham Kila und noch ein Haufen Männer wartet mit mir, ob überhaupt eines kommt. Es gibt gerade keine Telefonverbindung zum Festland, liegt wahrscheinlich am heiligen Gewitter gestern Nacht. Die grauhhaarige Flughafenmanagerin ist auch schon beim Betelkaufen. Wird das heute wohl noch was? Lange bevor ich was höre, stürmen die Kinder an den Maschendrahtzaun: ein Flugzeug taucht im Himmel auf. Wir sind nur vier Passagiere, einer ist barfuß. Fehlalarm, das war die Maschine zu den Solomonen Inseln. Während wir warten, gibt Iglesias eine Runde Kaffelikör aus dem Flachmann aus, kann nichts passieren, einer der Mittrinker ist Polizist. Meine Donation wird unverzüglich in ein Sixpack umgesetzt. Ich fotografier derweil wieder ein kostbar dekoriertes Yamshaus und darf dafür einen Obolus an den „alten Mann“ des Dorfes entrichten. Noch an der Bude wird das lauwarme Dosenbier unter uns aufgeteilt. Vielleicht das deutlichste Zeichen für die lebendige soziale Tradition des Kula-Rings: Was man geschenkt bekommt, darf man nicht für sich behalten. Es muss sogleich gemeinschaftlich vernichtet werden.

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okeboma

Gauguin oder Nolde hätte es hier auch gefallen…image

Das ist der Stand des Ortes, wo die Mulkwausi hausen. Das sind fliegende Hexen. Sie bringen Krankheiten und Tod und führen böse Flüche aus. Das erfahre ich aber erst später bei Malinowski.

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okopukopu

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Bei meinem Weihnachtsspaziergang nach Okupukopu gehe ich fast im Busch verloren. Das Dorf ist nur über einen Trampelpfad zu erreichen, der zwischen ausgedehnten, mit Maniok gesäumten Yamsfeldern und auf schlammigen, fast zugewucherten Wegen am Mangrovensumpf entlang mäandert. Okupoku finde ich nicht. Irgendwann komme ich wieder auf die Schotterstraße und von dort nach Okeboma. Auch hier gibt es eine Grundschulbaracke, die Hütten sind auf Stelzen aus Bastmatten und haben geflochtene Palmblattdächer. Ein Architekt, der das Dorfleben der Stadt vorgezogen hat, erzählt, dass früher, vor den Hygienemaßnahmen der Missionare, die Dächer bis auf den Boden gingen und man direkt auf der Erde lebte. Da wo direkt im blitzsauber gefegten Garten auch die toten Ahnen begraben sind. Die notorische Kindermeute folgt mir bis zum Strand, plötzlich bin ich somit an der Ostküste. Weißer Sand, leichte Brandung, hinein mit allen Klamotten am Leib, wie es sich gehört. Ein paar Boote, Fischer, Postkartenidylle. Zurück in der Lodge ist niemand. Ein starkes Gewitter erleichtert den Pfaffen ihre Weihnachtspredigt. Weit nach Mitternacht zieht ein Gruppe durchnässter Kinder Gottes Gospel singend durch die Dörfer.

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Markt und Händler

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Der Markt, ein paar Worte zum Geld

 

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Tankstelle am Hafenpier

Der Kapitalismus ist ein System vom Mond. Die Geldwirtschaft hier so bizarr wie unvernünftig. Alles was man für den  unmittelbaren Lebensunterhalt braucht -und selbst erzeugt – kostet quasi nichts. Für zehn Kina, ca. 3-4 Euro, gibt es eine Dose Bier, einen etwa fünfpfündigem Thunfisch, 100 Süßbananen, 50 Betelnüsse, 50 in Zeitungspapier gerollte Spears, also Zigaretten, einen Tabakszopf, 50 Kokosnüsse, zwei Kilo Reis, zwei Liter Benzin. Mit dem, was die Leute hier selbst erzeugen, kann man kein Geld verdienen, die Schnitzereien sind spottbilig. Das einzige, das sie zu verkaufen haben sind Bilder – Fotos von Yamshütten oder auch kitschigen Mdonnenstatuen kosten mich immer einen Obolus. Dafür hab ich jetzt immer einen Tabakszopf dabei, der jeden Dorfältesten strahlen lässt. Mit Tourismus wird das hier nichts. Der Flug von Singapur mit Air Niugini (ein schönes Beispiel für tok pisin = talk pidgin) kostet ca 1500 Euro, die Lodge pro Nacht 100, aber das ist ja irgendwie auch ein guter Schutz. Das Hotel im Dorf Gusaweta, wo die Katholen aus Padua eine Mission haben, brannte in den 70ern lichterloh ab. Warum weiß keiner.

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Yamsökonomie

 

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Das Yamshaus des Chiefs in Tokwaukwa

Die Yamsernte ist unmittelbar  mit dem Kula-Tausch verbunden. Obgleich es hier knapp südlich des Äquators keine Jahreszeiten gibt, findet die Ernte und die damit zusammenhängenden Feste, Wettkämpfe, darunter auch das Cricktspiel, die Orgien und Rituale nur im Mais, Juni, Juli statt. Nur Kula-Eingeweihte dürfen  die traditionellem Bemalunegn und Schnitzereien des Yamshauses des Chiefs ausführen. Vergleichbare Muster gab es auf den Kanus, mit denen zum Zweck des Tausches der Kula-Muscheln, Schweine, Yamswurzeln usw.  von Insel zu Insel gerudert wurde… to be continued.

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White mans burden

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Hibiskusblüten sind offenbar das Nationalsymbol PNGs. Alle tragen zum Fest damit bedruckte Tücher um die Hüften, was bei den Männern ein wenig schwuchtelig aussieht. Aus solchen Tüchern und Tischdecken haben die Einwohner von Kavataria einen Weihnachtsbaum gemacht (er ist in Wirklichkeit ein Baum für eine Sagali, einer Beerdigung). Das Riesending verbindet über Hunderte aneinandergenüpfter Laken die Hütten wie ein die Rippen eines Zirkuszeltes oder wie Spinnennetz. In diesem an Kindern überreich bevölkerten Dorf, die mir wie überall unter juchzenden „Dimdim“-Rufen hinterherlaufen, auf der anderen Seite der Mole, am Ende der befahrbaren Straße, erinnert ein Gedenkstein an das Auftauchen des ersten Missionars 1894. Er brachte viel Krankheiten, so ein alter Mann, und den Frieden. Mein White Mans Burden des Weihnachtsfestes ist eineformschön geschnitzte Salatschüssel mit Perlmuttintarsien. Sehr gerne hätte ich sie Agent Maille zukommen lassen, allein der Post nach Lemusa ist nicht zu trauen…

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kochkultur

 

Bisher gab es jeden Tag salzlos gedämpfte Knollen, Yams und Süßkartoffeln, Reis, Kürbis und Kochbananen. Dazu ein blasses Stück gekochtes Huhn für mich, das nicht jünger wurde. Kulinarischer Höhepunkt waren ein paar kaufeste Blätter Wildspinat oder ein Maiskölbchen. Ok, für die anderen gab es gedünsteten Fisch und knallorangene Riesenkrabben, für mich Allergiker leider tabu. Das die Grundnahrung der Bevölkerung, es wächst im Garten und schwimmt im Meer, es hat alles nötige und reicht zum Sattwerden. Kochkultur ist was anderes. Aber Kultur hat was mit der Idee von Verbesserung, Verfeinerung zu tun, dafür fehlt in diesem Paradies der Lethargie einfach die Energie. Wieso hochklettern, wenn die Kokosnüsse auch von selber runterfallen? Neugierde, die expansive Gier nach Neuem, ist eine europäische Eigenschaft. Zusammen mit der christlichen Überheblichkeit wird sie zum besitzergreifenden Imperialismus. Dem sind die sanften Insulaner völlig wehrlos ausgesetzt. Ebenso wie der damit einhergehenden Geld-Ökonomie, das macht sie vielleicht so absurd. Vielleicht ist der Kualring sogar dar vwrantwortlich, dass sie der Kapitalzirkulation gegenüber verwundbar sind.
Aber heute findet ein Kochwettbewerb statt. Zwei Gruppen von Frauen schnibbeln den ganzen Tag auf zwei überdachten Podesten im Garten, gekocht wird heute ausschließlich über Feuern im Freien, ein großes halbes Schwein wird von Männer auf Wellbelchplatten in der Sonne zerlegt. Fleisch ist Männersache, sagt einer. Es gibt Bohnen, Tomaten und sogar Knoblauch. „Gecko“ raspelt Kokosnüsse aus, die er zuvor geerntet hat. Er ist einer der wenigen, die das noch können, mit einem Tuch zwischen den Füßen die bestimmt 30 m hohen Palmen hochklettern. Am Abend bei der leicht vorgezogenen Weihnachtsparty wird Gecko sich in lilanem Muskelshirt und.langer Hose auch als super aussehender und irre geschmeidiger Tänzer outen, der von der ganz in Rot herausgeputzten Alice mit Hinternwackeln vergeblich umgarnt wird. Sie scheint die einzige Frau zu sein, die moderne Emanzipation (sie lebte auf dem Festland und kennt die West, sie war ja Stewardess) mit den Resten des traditionellen weiblichen Selbstbewusstseins zusammenbringt. Sie trinkt Bier und lässt.sich nicht widerspruchslos vom Angeber herumbossen. Es gibt ein Buffet mit über 50 liebevoll angerichteten Tellern und Schüsseln. Yams in Kokos, Tapiolka in Kokos, über dem Feuer geröstetes Taro in Kokos, frittierte Bananen, mit Kokos gefüllte Bananen, gebratener Reis mit Soja, gebratener Reis ohne Soja, Reis mit Kokos, Wildspinat mit Fisch. Ein Gericht sticht geschmacklich heraus: Es sind Bohnen – mit Corned Beef. Die Platten sind mit knallbunten Blumen dekoriert. Die nach ihrem „Entdecker“ benannte insel Bougainevilla ist ein paar Tagesreisen durch den Pazifik entfernt, der Franzose fand nicht weniger als das Paradies vor. Die duftenden Frangipani gehört zum traditionellem Schmuck, um sich für das Milamala, das Kula-Fest vorzubereiten (sie steht für das Sinnesorgan der Nase). Die Bwetia oder Frangipani ist eine der fünf Monikini, die Jutta Malnic in ihrem Buch erläutert. Jutta, eine inzwischen 91 jährige Deutsch–Australierin nahm als wohl einzige Frau an einer Kula-Mission teil. Das war Anfang der 1990er, die Kreuzfahrtschiffsfotografin wurde eingeladen anstelle von Ulli Beier, dem deutschen Anthropologen, der in Bayreuth das Afrika-Institut gegründet und zuvor lange in Nigeria geforscht hat, wo seiner Frau Susanne Wenger zur Schamanin wurde und einen Schrein baute. Eine Art Ringtausch, eine stete Weiterreichung der Vertrauensbeziehungen, scheint auch hier zu funktionieren…

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sinaket

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mal nachlesen, was Malinowski darüber geschrieben hat.. folgt.

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An den Rändern der Geheimnisse

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Die Mwalis von Sinaketa

Die als kurz angekündigte Fahrt in den Süden von Kiriwina kommt mir gefährlich und stundenlang vor. Mitten im diesem riesigen Ozean, der ein Drittel der Erdoberfläche bedeckt, hört der Motor auf zu knattern, wir tuckern nur noch in Zeitlupe. Seegras wiegt sich unter uns, der Sandboden ist nur hüfthoch tiefer. Sinaketa, was soll ich sagen. Eine ordentlich um einen sauberen Rasenplatz gruppierte Ansammlung von Pfahlhäuser aus Holz, Bastwänden und Palmdächern. Theroux hätte es bessere Hühnerställe genannt, aber die Hühner laufern frei herum und die Schweine grunzen unter den Stelzenböden. Schon am ersten überdachten Podest, auf dem der Pfarrer konzentriert die Bibel studiert, ein Haufen großäugiger Kleinkinder auf Mütterschößen lümmelt, spricht mich ein Mann an. Er heißt Mark,  wie der Bootsbesitzer auch. Heute ist Mark-Tag. Mark Mwburikommt sofort zur Sache: Sinaket ist eine der Hauptstationen des Kula-Rings. Er zeichnet mir eine Karte auf, einen Kreis, in dem die Mwali und die Soulava-Muschelstücke von einer Insel zur anderen in entgegengesetzter Richtung rotieren. Selbstverständlich ist auch Mark ein hohes Kula-Mitglied, er erzählt von der Macht, de nach wie vor intakten Magie, dem Vertrauen zwischen den Tauschpartnern – für die Kamera will er das aber lieber nicht erzählen. Was ist, wenn ein Partner nach Ausstralien geht, frage ich, und dort die Muschel verkauft? Dann ist der Ring gebrochen, und wenn er die Macht zumTöten hätte, würde er den Verräter umbringen, sagt Mark sanfttig. Über seine Schulter lächelt ein Junge noch charmanter, er ist ein Mongo und der erste Behinderte überhaupt, den ich hier sehe. Fast alle Männer des Dorfes seien im Kula-Ring engagiert, und es würden neben den wertvollen Muscheln auch immer noch Schweine, Yams usw alles getauscht, nur heutzutage mit dem Motorboot und nicht mehr mit dem geruderten Kanu und die Frauen würden auch immer noch ihre traditionelle Rolle dabei spielen. Freie Liebe, nackte Brüste, Baströckchen? Ja doch, die Kirche habe da ein wenig dran gedreht, aber nie grundsätzlich den Kula-Ring in Frage gestellt. Die Kula-Mission, also die Reise um die Inseln dauere ein Jahr, oder findet sie eher einmal im Jahr statt? Auf der kleinen, nahezu unbewohnten Insel Muwa oder Duwa nebenan würden die Objekte aufbewahrt, sein Dorf Sinaket sei ein Rastplatz für die männlich Mwali. Als ich ein wenig herumstromere, sehe ich zwei kostbare geschmückte Mwalis unter einem Dachvorsprung an einer staubigem Wellblechwand hängen, einfach so. Daneben ist ein Ladenverschlag mit Konservendosen und Kekspackungen. Zurück an der Mole ziehen dramatische Gewitterwolken auf, ich will zwei Bananen kaufen, aber das Kind nimmt all mein Kleingeld und gibt mir neune, ich weiß noch nicht, wen die zrösten werden. Bei der Lodge versuche ich vergeblich ein wenig Yoga zu machen, aber man ist hier nie allein. Philipp, ein dürrer kleiner Junge, er sagt er sei vielleicht 11, weicht nicht von mir. Es wird stockdunkel, er will nicht nach Hause. Sein Vater hat Bier getrunken – es ist Weihnachtszeit, wo die erwachsenen Kinder mit Geld nach Hause kommen – jetzt streitet er mit Philipps Mutter und hat ein Buschmesser. Wieder ein Tag im Paradies.

 

xx

 

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Es gibt kein Bier auf Hawaii

imagekeine Bananen, kein Frühstück. Das Essen wird jeden Tag öder, gegarte Wurzelknollen, kein Salz, keine Gewürze. Es ist unfair zu klagen, aber jetzt wäre der Tag zum abreisen. Kein Flugzeug, haha. Also wieder auf zu Fuß zur pittoresken Hafenmole, ein paar Stunden rumhängen. vielleicht findet sich ein Boot. Ein rostiger Kutter fährt ab nach Alotau und nimmt mehrere Dutzend Passagiere samt ihren verschnürten Kartons mot. Eine Plastiknusschale mit Außenborder spuckt über 20 wild aussehende Passagiere und rund 30 Thunfische aus. 10 Kina für einen silbernen Fünfpfünder. Das sind keine vier Euro. Ich kauere auf der Mole zwischen Betelnussschalen und gucke dem Treiben zu, inzwischen beachten sie mich fast nicht mehr. Kein angedröhnter Zahnloser spielt mehr den Macker und verlangt Geld dafür, dass ich fotografiere. Zum Entladen von Säcken mit Reis, Kartons mit Konserven und Brühwürfeln, bilden die muskulösen Männer eine Schlange. Wenn sie mich bei Knipsen wahrnehmen, springen sie in Posen. Tomtom, der Rasta ist nicht da, aber einer der für mich die Kokosnussverkäufer im bis auf den letzten Fitzel besetzten Baumschatten nach ihm fragt, hat auch ein Dingi. Für 150 Kina Spritgeld würde er mich irgendwohin fahren. Ich hocke einfach weiter in der Gluthitze auf spitzen Korallensteinen. Als das Dingi losmacht, winkt mich der verschrumpelte Besitzer hinzu, er will nur den normalen Fahrpreis von 7 Kina und ich bin im Boot! Der wahre Preis ist allerdings ein Herz-Jesu-Amulett aus Ebenholz und Perlmutt sowie ein scheussliches, geschnitzes Salatbesteck, das ich einem klapprigen Hungerleider abkaufen musste.

 

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Finstermänner

 

 

imageIn der Nacht sind plötzlich fremde Männer in der Lodge. Wo kommen die her? Sie sind fett, plattfüßig und massig. Sie kommen also vom Festland. Der sonst allgegenwärtige „Manager“ ist verschwunden. Sie debattieren am Maschendrahtzaun laut mit anderen draußen in der stockfinsteren Nacht, sie gehen in zuvor verschlossenen Zimmern ein und aus, klopfen leise, flüstern konspirativ, bringen jemand zierliches mit unter einem Handtuch verborgenen Kopf, ein Mädchen. Das Licht im Zimmer geht aus. Ein Ahnung steigt auf, dass diese wunderschönen wilden Piratenmänner, die Sonnenbebrillten Schwarzen ihre langen Buschmesser und Macheten einem unversehens auch zwischen die Rippen stoßen könnten, wenn man grad im Weg steht. Wer nicht zur Familie gehört, ist Freiwild. Ein Dimdim, ein Nicht-Mensch.  War aber schon wieder nur eine romantische Projektion, dieses mal von mir. Die feisten Festländer sind bloß kleine Bürokraten, die sich zuviel Junkfood leisten können.

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Die Schnitzer der Geschichten

 

John Kasaipwalowa (links) schreibt nicht mehr. Seitdem 1972 in post-68-er Studentenunruhezeiten sein australisches Visum nicht mehr erneuert wurde, ist er Gärtner geworden. Seine Hongkong-chinesische Zweitfrau Maria arbeitet im Yamsgarten und schaut nur unwillig auf. Gerade an diesem Tag hat John mit seiner Schule für Meisterschnitzer begonnen. Eine Handvoll der 22 Schüler, allesamt sehnig dünne Männer und bereits langjährige Schnitzhandwerker, kauern im Kreis vor John und dem Meisterschnitzer  Valaois (rechtes Foto) Der muss uralt sein, seine Augen sind fast blind verschleiert, die dunkle Haut schlottert echsenhaft an seinen Rippen herunter, er lacht ein breites, verschmitztes, Lachen und entblößt dabei seinen fast zahnlosen Mund, was bei der ewigen Betelkauerei aber nichts heißt. Für mich wird der einzige Plastikstuhl herangeschafft, mein Tabakszopf ist hoch willkommen. Ein Indianer, der nicht raucht, wird wahnsinnig, sagteeinst der bayrische Schrifststeller Herbert Achternbuach. Wer kreativ sein will, muss rauchen, sagt John. Hinter uns steht eine nagelneue Hütte, das Zentrum der Schule. Das Klassenzimmer – die Werkstatt ist  unter freiem Himmel, bzw. dem hohen Blätterdach des Waldes. In die Hütte zieht erstmal John Hill ein. Der Agroingenieur aus England ist ein Abenteurer mit einem riesigem rotem Zinken im Gesicht, der schon zum dritten mal bei John lebt und ihm Tipps zum effektiveren Gartenbau gibt. Die Bevölkerung wächst rapide, die Johns sprechen von einem Anstieg von 8 auf 40 000 seit der Jahrtausendwende.Rebecca von der Lodgesagt 50000. Zum Ernährungsengpass kommt hinzu, dass die Kinder jetzt zur Schule müssen statt auf den Feldern mithelfen zu können. Immerhin hat die Regierung das Schulgeld abgeschafft. Johns Meisterklasse der Schnitzer soll der Erhaltung der Tradition, der Weiterentwicklung und dem Empowerment der Handwerker dienen. Als erstes hauen sich die 22 Schüler ein Stück Baumstamm zurecht und schnitzen dann ein Stück zu einem Thema einer Volkslegende. John will sie dazu bringen, die immer repetierten Touristenmotive zu überwinden. Am Postkartenstrand von Kaibola legen jeden Jahr 43 Kreuzschiffe an und spucken über 2000 Tagestouristen aus, fast 100 000 pro Jahr, im Grunde (bis auf mich) die einzige Möglichkeit, Schnitzereien zu verkaufen und überhaupt etwas Geld zu verdienen. Die universelle Cash-Ökonomie hat längst auch das aus Männerträumen verklärte Paradies der freien Liebe und der kollektiven Tauschwirtschaft eingeholt. Der Kula-Ring mit seinen rituellen Muscheltauschzyklen und der sozialen Verbindung der Tauschpartner existiert zwar noch und wird offenbar auch noch praktiziert. Wenngleich heute mit Motorbooten statt mit elaboriert geschnitzten und verzierten Kanus und Dingis um die Wette zwischen den Inseln hin und weg gebügelt wird. Aber die resiliente Tradition scheint ihre Bedeutung mehr in symbolischer denn in ökomomischer Hinsicht bewahrt zu haben. Darüber wird denn verständlicherweise auch nicht gerne gesprochen, zumindest nicht zu Touristen. Der früher damit einhergehende Tausch von Waren, wie Fische, Yams, Betelnüsse wird heute gegen Geld auf dem Marktplatz oder in einem der zwei zugegeben arg mickrigen Lädchen abgewickelt. Doch da kommt John mit seiner neu gegründeten Schnitzerschule wieder ins Spiel. Geht es ihm dabei doch genau darum, die Weisheiten der Alten zu bewahren und weiter zugeben. Unnötig zu erwähnen, dass John einer der höheren Kulaner ist. An der neuen Hütte baumeln zwei unscheinbare Holzwimpelchen vom geflochtenen Palmblattdachfirst. Sie sind leicht wie Laubsägearbeiten und haben in etwa die Form einer stilisierten Feder. Es sind magische Objekte, die sowohl dem Empfang wie dem Senden, dem Reflektieren oder Weiterleiten von Botschaften dienen können. Ein ferner Kulapartner kann sich zB. dadurch ankündigen oder auf etwas aufmerksam machen. Nur der Eingeweihte, oder sollten wir sagen, nur der Aufmerksame kann die Botschaft wahrnehmen und deuten. Es ist wie mit der Antenne als Zeichen für den unentwegt tastenden Fühler der Heuschrecke, die sich manche in Form einer Feder oder eines Blütenstiels zur verschärften Wahrnehmung ins Haar stecken. Oder wie die Spiegelscherben in Fetischen, die den bösen Blick zurückweisen. Und direkt sind wir beim Kirchenbashing; Die Missionare, so John, sind inzwischen noch aggressiver, brutaler und effektiver auf ihrem Kreuzzug gegen die traditionelle Kultur, weil sie inzwischen keine Fremden mehr sind, sondern betelkauende Einheimische, Mitglieder des Clans und der Familie. Und natürlich werden sie von außen finanziert. Den  einfachen.,ja unachuldigen Menschen, das muss eimgeräumt werden, gefällt es. Es gibt gemeinsame Lieder, gemeinschaftliches Essen, schöne Gemeinschaftsgefühle bei den Gottesdiensten. Und eine höhere Macht, die verantwortlich ist, ein Gott, ein Glaubenssystem, dem man sich unterordnen kann. Den Missionaren der verschiedensten hier frei herumwildernden Kirchen und Pfaffen, den Methodisten, Adventisten, Revivalisten, ist es gelungen, die Sünde einzuführen und die freie Sexualität zu kriminalisieren. Schon an der Frittenbude am Flughafen liegen indoktrinäre Pamphlete aus Hanover, USA aus, in denen das sündige Treiben und Denken verdammt wird. Die Missionare haben ihnen die Scham vor dem nackten Körper gebracht, der nun mit lumpigen T-Shirts aus den Sweatshops der Welt bedeckt werden muss. Was versprechen die Christlichen Kirchen dafür? Erlösung, von der Sünde, die sie vorher eingeführt haben. Das Paradies der Bedürfnislosigkeit – noch immer leben die Leute hier zu 80 Prozent in Selbstversorgung – wird durch die Armut der westlichen Überflussökonomie ersetzt.  Noch gibt es kein Fernsehen, so gut wie keine Werbung, es sei denn auf vereinzelten zum Hausbau verwendeten Planen, fast keinen Müll, die Aludosen der geliebten Konserven (die Amis haben sie im zweiten Weltkrieg eingeführt) werden als Topfaufsatz bei Kochfeuern weiterbenutzt oder als Kinderspielzeug. Es gibt ein paar Transistorradios, ein paar Mobiltelefone, die hauptsächlich zum Musikhören benutzt werden, und nichts gegen Solarbetriebene Lampen und Paracetamol. Goodenough? So nannten dieSeefahrer aus Europa eine der Nachbarinseln.

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Das Feste wird flüssig. Die Dinge lösen sich auf

 

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Es regnet jetzt jeden Tag. Das Trommeln auf das Wellblechdach weckt mich am frühen Morgen. Das wütende Beginnen geht in ein gleichmäßiges Rauschen über. Die Palmen wedeln wasserschwer in der Brise, der Stille Ozean liegt bleigrau da. Es lösen sich nicht gleich die Dinge an sich auf, aber ihre Klebverbindungen. Die Lasche des Uhrenarmbandes liegt wie ein schwarzer Wurm in den Falten des Bettlakens. Der Saum der nahtlosen Unterhose schlabbert weg. Wie lange werden die verschiedenen Kunststoff-Materialien der Nike-Sandalen zusammenhalten? Niet- und nagelfest bekommt seine Bedeutung zurück, genäht, geflochten, verschnürt und verknotet muss es sein, damit es den permanenten Zersetzungsangriffen der Feuchtigkeit standhält. Vier junge Frauen in der aktuellen Inseluniform, bunt bedruckte, wadenlange Röcke und T-Shirts, verteilen träge die das Regenwasser auf den Verandadielen. Sie feudeln stundenlang, bis das Wasser getrocknet ist. Der Koch sprüht hingebungsvoll das Geländer mit Insektengift ein, um die roten Ameisen zu vertreiben. Alice erzählt von einer Chinesin in der Nähe, die mit einem Schriftsteller, John Kasaipwalowa, verheiratet ist. Nervensäge übernimmt sogleich das Kommando und teilt mir den Plan mit: ich soll mit den Polizisten zum Flughafen fahren, von dort mit ihm zu John. Der Himmel klart auf, sofort steigt dampfende Schwüle auf. Seit einer halbem Stunde sind zwei Mädchen damit beschäftigt, meine Matratze neu zu beziehen, frische Gardinen gibts auch, die hölzeren Stange fällt dabei andauernd runter. Bloß nicht zu schnell bewegen. Prankengroße schwarze Schmetterlinge flattern auf. Alles zergeht in Zeitlupe.

 

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Furzfrühstück

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Machen die das absichtlich? Bevor ich zur Sonntagsmesse in Onesimus Dorf aufbreche, gibt es Furzfrühstück: zwei harte Eier und dicke Bohen in Tomatenschleim aus der Dose. Als ich gegen neun in Tokwaukwa ankomme, wartet das nächste Frühstück, Schüsseln voller Yams- und sonstiger Knollensorten,bissfester Wiödspinat und geräucherte Fischköpfe, Weißbrotstullen mit Spam, dh. Corned Beef. Dazu Tee, der aus einer Spur Nescafe mit Weißpulver besteht.  Onisemus nimmt das dicke neue Notizbuch freudig von mir entgegen und fragt, ob ich den Kugelschreiber nicht auch übrig hätte. Hab ich. Er war 35 Jahre der Dorflehrer, ist um die Sechzig, seine schlau guckenden vier Kinder von sechs an aufwärts, die Gattin ist gerade für zwei Wochen bei Verwandten. Stunden später beginnt die Kirche. Männer links, Frauen rechts. Kinder werden der Größe nach in Reihen platziert. Vorne spielt ein Chor mit Gitarren auf, eine Gruppe Mädchen schwingt die Tambourins. Man singt sich in Stimmung, bis der Spirit of the Lord aus den Seelen klingt. Dann tritt der fette Priester Ignatius, eingereist aus Alotau vom Festland, in Begleitung von zwei auch recht stämmigen Frauen und einem Assistenten auf, alle in weißen Kutten mit grünen Schärpen. Auch die alten Hutzelweibchen tragen bestickte weiße Kittelkleider mit Puffärmeln. Manche haben ein Gesangbuch und eine stockfleckige Bibel dabei. Wahrscheinlich die einzigen Bücher weit und breit. Der Pfaffe brüllt etwas von der tresenartigen Kanzel und fordert zum gottgefälligen Leben auf. Zu meinem Schrecken dankt er den Deutschen umd speziell mir und ich muss von meinem Plastikstuhl auf dem Alte-Männer-Podest huldvoll zurück danken. Weitere inbrünstige Lieder werden gesungen, dann dirigiert Onesimus mich zum Ausgang, wo ich mich nach den Pfaffen und drei Dorfhonorationen aufstellen  muss und allen Kirchgängern die Hand schütteln muss. Wenn das Dorf etwa 1250 Einwohner hat, wie der Pfaffe bei seiner Predigt sagte – danach richtet sich die finanzielle Förderung durch die Regierung – dann habe ich gut und gerne 600 Hände gedrückt, und sowohl Männer, Frauen wie die boshaft grinsenden Kinder drücken sehr fest zu. Meine Plastikflasche wird mit frischem Regenwasser gefüllt, das ich gierig trinke. Danach gongt es erneut und die Frauen tafeln auf einem langen überdachten Holzgestell das Sonntagsmahl auf. Spinat, Fische, Yams, Taro, Süßkartoffeln usw.. Ich nehme ein Stück Brotfrucht, das sämig weiche, hellgelbe Fleisch ist faserig, die daumengroßen Kerne schmeckten nussig. Die Musiker singen weiter ihre wehmütig wiegenden Lieder, ich mache Video. Ich nehme ihre Bilder, ich nehme ihr Essen, ja und was gebe ich? 50 Kina, hoffe sie sind bei Onesimus in den richtigen Händen. Dann wird mir bedeutet, dass es Zeit zu gehen ist. Ein Trampelpfad führt kilometerweit durch die Yamsfelder des Dorfes. Also  davon gibt es genug. Am Ende geht der Weg an Magrovensümpfen entlang. Vögel schreien, wilde Tiere gibt es hier nicht, außer Pythons. aber das weiß ich da zum Glück noch nicht. Vier junge Frauen kommen mir giggelnd entgegen, sie wollen im Dorf Betel kaufen, ist ja schließlich Sonntag, sie meinen, ich sollte besser mit ihnen zurück gehen. Bei der Lodge lasse ich mich wie die Kinder angezogen ins Meer fallen. Das Wasset trägt und hat mindestens  35 Grad.image

 

 

 

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Heiz schon mal die Krippe vor

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Der betelkauende Angeber aus der Lodge hört nicht auf zu nerven. Ob ich nicht ein Homestay machen wil?  Bei seiner Verwandtschaft naürlich, wie ich später erfahre. Aber warum sollte ich?  Wild genug ist es mir hier durchaus und die streichholzlangen Kakerlaken in der Nasszelle meines Zimmer kenn ich immerhin schon. Er nölt erneut um die Geschenke für den Chief. Der Einheimische, der sagte, nach dem Besuch sei das eh Blödsinn, hat laut Großmaul natürlich unrecht. Er will einfach nur Geld. 20 Kina,  knapp 8 Euro sind nicht genug. Aber noch nerviger ist, dass er die Frauen hier anmault, er sei ihr Boss. Alice wirft mir einen wissenden Blick zu und mobbt stoisch weiter die Tropenholzdielen blank. Ihr Alter, sagt sie,  hat sie vergessen.  Wir tippen auf Grund ihres Ältesten auf 45. Sie hat auch nur fünf Kinder und ist Großmutter – für die Zahl der Kinder gäbe es hier kein Limit nach oben, je mehr desto besser für den Fall, dass es mal kriegerische Auseinandersetzungen gibt. Wegen der freizügigen Naturmoral wusste man lange Zeit nicht, dass Männer bei der Zeigung überhaupt eine Rolle spielen. Frauen wurden schwanger, wenn der Geist eines verstorbenen Vorfahren in sie gefahren war. Einleuchtender Grund genug für Matrilinearität. Alice hat früher angeblich mal als Stewardess gearbeitet. Das rotgolden schimmernde Tuch, das ich ihr für das extra für uns zubreitete Gericht aus Taro in Kokosmilch gegeben habe, würde sie jetzt gern tauschen gegen das türkisfarbene, das sie in meinem Zimmer entdeckt hat. Kurz darauf hat sie ihre Meinung wieder geändert. Wie die Meinung ist auch die Wahrheit ist ewigem Fluss. Alice kriegt am Ende natürlich beide Tücher. Sie interessiert sich gerade für Sternzeichen und die Bedeutung von Farben. Sie ist streng katholisch. Den Bedarf nach übersinnlichen Erklärungen und Orientierungen kann die Kirche nicht decken.Haha, Resilienz!

 

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Allein ist hier niemand

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Also zurück in die Wildnis. So sieht das Empfangskommitee am Flughafen Losuia aus. Aber jetzt, letzte Woche irgendwann also, fliegt wrst mal Agent Maille ab. Drei, mit Glück vier Mal die Woche landet hier ein Flugzeug, Computer gibt es keine, die Bordkarte ist ein handgeschriebener Zettel. Pappkartons und mit Folie fest eingewickelte Pakete werden aus dem Bauch der plumpen Dash-8 Maschine entladen und in einem Handkarren vor das hölzerene Flughafengebäude in der Größe einer Dorfkapelle.gebracht. Eine Stimme fordert die Leute per Megaphon auf, ihr Gepäck nicht selbst abzuladen. Die Security ist ein netter junger Mann mit Basballmütze auf einem Plastikstuhl am Maschendrahtzaun. Do you have Explosives? Nein. Dann ist gut. Ein Dutzend junger Männer in grünen T-Shirts und nagelneuen weißen Sportschuhen steigt aus, ein lokales Fußballteam, sie haben verloren, sagt einer entschuldigend lächelnd.

Jetzt bin ich „allein“. Besser gesagt, der einzige Dimdim zum verspotten, nachäffen, angaffen, angrabschen  hinterherzulaufen, anzubetteln, abzuzocken, oder einfach bloß anzustarren. Die einzige Touristin auf den Inseln. In der Lodge gibt es noch zwei Gäste, sie sind Polizisten und müssen „einen Fall“ hier regeln. Um die Nervensäge von der Lodge, den  hilfsbereiten Guide, abzischütteln, laufe ich einfach los. Die Schotterstraße verläuft parallel zum Ozeanufer durch die tropische Vegetation. Mangrovenbäume verschatten dunkle Pfuhle, als ich mich nähere, schreck ich zwei nackte Männer beim waschen oder plantschen auf. Ein kleiner Mann schließt zu mir auf, er ist auf dem Heimweg zum übernächsten Dorf. Wir kommen an einer katholischen Mission vorbei, einer unbelebten Volksschule und einem unbenutzt wirkenden Frauenhaus. Die schäbige Baracke mit verrammelten Fensterläden sei dafür, dass die Frauen zusammen kochen und Bastmatten und Körbe für den Touristenmarkt flechten könnten. Offenkundig eine dieser idiotischen Geschenke einer wohlmeinenden Hilfsorganisation, die ihre Werte hier implementieren will. Niemand braucht eine Frauenhütte hier. Onesimus, mein Weggefährte, zeigt mir sein Dorf. Es ist groß, so dicht besiedelt, dass zwischen den Hütten aus Bastmattennden auf Pfählen manchmal nur ein Meter breiter Durchgang ist. Der gestampfte Erdboden ist vom Regen aufgeweicht. Schweine wühlen in den schlammigen Ecken. Im Zentrum steht das gut fünf Meter hohe Yamshaus des Chiefs. Onesimus Vater Ketobwau hat die Dekorationen geschnitzt und mit den traditionellen Mustern bemalt. Er gehörte also zu den Eingeweihten des Kula-Rings und auch sein Sohn, der Schullehrer Onesimus. Der hat beim Kula-Tausch auf einer Nachbarinsel seine Frau kennengelernt. Am nächstem Tag erzählt er allerdings was anderes. Das Grab des Kula-Malers aus blaugrauen Kacheln ist direkt neben dem Haus. Wenn ein Mann seine Zauberkräfte bei seinem Tod noch nicht ganz an den Nachfolger weiter gereichthat, schläft dieser ein paar Nächte neben dem Grab, bis das magische Erbe angekommen ist. Frische Gräber sind mit bunten Tüchern bedeckt, auf denen Bierflaschen mit Hibiskusblüten oder Plastikblumen stehen. Die riesige Kirche der Vereinigten in Onesimus Dorf Tukwaukwa hat zwei getrennte Eingänge für Männer und Frauen. Auch für die hier verstorbenen Pfaffen gibt es ein Grabmal direkt in der Wiese.

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Blöde Maschinen und effektive Systeme

 

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wieder mal ist mir ein Beitrag abgesoffen und spurlos  im Orbit verschwunden. Bin ja eigentlich immer noch am nachbloggen der Zeit auf den Inseln. Nun bin ich aber grad so wütend über den Teytverlust, dass ich in die Skybar meines Singapurer Luxushotels hochgefahren bin und mir ein sauteures Bier bestellt habe. Der Ausblick über den Hafen ist umwerfend, wie überhaupt mal gesagt werden muss, dass die Zivilisation hier ganz schön formidabel ist. Ja, Singapur ist super sauber und ordentlich, alle paar Meter steht wirklich eine Müllronne.Und ja, man kann nicht schwarz fahren. dafür kauft man einen Chip und von dem wird dann abgebucht je nach Fahrt von 70 Cent bis etwa 2,50 Euro umgerechnet, damit kommt man dann aber auch bis zum Flughafen. Ja, für Irre und gesellschaftliche Außenseiter gibt es wahrsxheinlich kaum eine Existenzmöglichkeit und illegale Drogen gibts wahrscheinlich gar keine in diesem „Nannystate“ mit seiner zugegeben sehr infantilen Unterhaltungskultur und seinen künstlichen Themenparks, aber man kann zugleich  auch in Foodstall ab 2 Euro aufwärts hervorragend essen, was die chinesische und südostasiatische Küche hergibt. Foodstalls sind So was wie Markthallen mit uralten Ventilatoren an der Decke und an die 100 Fressbuden, und dort sieht es sogar auch schon mal ziemlich nett schlampig aus. Ansonsten, ja ist alles irre funktional und effektiv. Aber was ist achlecht daran, dass man das Wasser aus dem Hahn zrinken kann und an alten Bäumen Schildchen stehen, die über ihre Herkunft und Geschichte Auskunft geben? Und man mass ja auch wirklich nicht jeden Abend für 18 Singapurdollar ein Zapfboer mit gogantischer Aussicht trinken…

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Aufwartung beim Häuptling

 

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Zu den staubgrauen Füßen des Paramount Chiefs lässt sich auch jene von mir leider unbetuchte erste Gattin nieder. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt und einen dunkelblauen Rock und eine sehr schöne bunte Seiltasche aus dem Hochland, das auf Papua Neuguinea ist, wo die Deutschen während ihrer Kolonialherrschaft den Kaffee einführten. Die erste Cheffrau hat nur fünf Kinder, der älteste Sohn ist in Port Moresby bei der Armee als Hubschrauberpilot. Der kann dann Hilfsgüter abwerfen, wenn die Magie des Chiefs als oberster Wettermacher doch nicht mehr ausreicht, um gegen die Trockenheit durch El Nino genug Regen zu schicken. (Aber nach unserem Besuch schüttet es jeden Tag für Stunden.) Und wie nebenbei hängt an einem alten Holzbalken vor der groben grünen Plastikgaze eine tellergroße Soulava und eine Mwaly. Die üppig mit kleinen Kauris, Perlen und bunten Schnüren dekorierten Muscheln an dicken Seilen sind die wertvollsten Tauschgegenstände des Kula-Rings. Der Armreif wandert gegen den Uhrzeigersinn, das Halsgehänge andersherum. Jedes Objekt wird verehrt wie ein Heiligtum, es ist ein Archiv seiner Geschichte, jeder der Tauschpartner kennt alle seine vorherigen Besitzer und ist so mit ihnen in einem festen Sozialgefüge verbunden. Das System des Ringtausches von ökonomisch eigentlich wertlosen Muschelschmuckstücken zwischen auserwählten Personen in einem geschlossenen Kreislauf wurde vor gut 100 Jahren durch den polnischen Anthropologen Bronislaw Malinowski erforscht. Und der wohnte genau hier bei dem Vor-Vorläufer des jetzigen Chiefs im Dorf Omarakana. Eine Steinplatte im Boden erinnert an den „Tolibwoga“, den Herrn der Geschichte, den Historiker  Malinowski. Malinowski war 1913 hierangekommen und kam wegen dem Ersten Weltkrieg erst mal nicht wieder weg. Aber was könntees besseres geben, zumal für einen Polen, als hier im Paradies zu stranden und den grauenhaften Krieg zuhause auszusitzen. Malinowski blieb drei Jahre, studierte die Bräuche der Eingeborenen, die in einer matrilinearen Gesellschaft leben uns so den Frauen die Macht über die Kinder und auch die Yamsgärten gibt.  Seine Bücher über die „Argonauten des westlichen Pazifiks“, die freie Sexualität der Trobriander und das auf den Kula-Tausch aufgebaute, Geld-freie Sozialsystem der Insulaner verliehen dem romantischen Südseemythos quasi wissenschaftliche Grundlagen. Unser Lodge-Bully parkt direkt neben dem Gedenkstein, im Nu finden sich ein Dutzend junge Männer und zahllose Kinder ein, um ihre geschnitzten Salatschüsseln mit Perlmutt-Intarsien feilzubieten. Der australische Künstler Newell kauft spottbillig ein Holzbrett von einem Yamshaus, das mit traditionellen Bemalungen verziert ist. Erhat ein schlechtes Gewissen, weil es sich schließlich um ein kultisch aufgeladenes, quasi heiliges Brett handelt. Die kleinsten Kinder streicheln über das Autoblech, besonders die roten Rücklichter haben es ihnen angetan.

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Paradise Service

 

Die Stadt Losuia wird nir „Station“ genannt. Sie besteht aus einem Pier, an dem die Boote von den Nachbarinseln oder Buchten anlegen und eine Handvoll Laster anfährt, um Ladung zu löschen, einem Laden für alles, einer Gundschule, einer Polizeistation, zwei Krchen, einem Bolzplatz, und ein paar großen Bäumen. In ihrem Schatten findet der Markt statt. Frauen und Männer mit Kleinkindern auf dem Schoß kauern auf der Erde und bieten auf einem Lappen oder einem Fetzen Pappkarton ihre Waren feil. Süßkartoffeln, Yams, Brotfrucht, Kürbisse, Wassermelonen, eine Hand voll grünlicher Tomaten. Männer verkaufen Tabak, zu Zöpfen geflochten, in Häufchen und in Zeitingspapier zu Zigareten gerollt. Die Hauptwaren aber sind Betelnüsse und die als Wirkungsverstärker dazugehörigen Stengel mit Mastix. Sie machen die Zähne rot, solange noch welche da sind, färben  die abgefaulten Stummel und das Zahnfleisch. Fast alle hoer kauen Betel, Männer, Frauen, auch Kinder schon, denen die Miöchzähne wegfaulen. Stat aufzuputschen, scheint das Betel die Leute in eine zeitlose Apathie zu schicken. Sie sind gelassen bis zur Teilnahmslosigkeit, hinüber im dumpfen Nirgendwo.
Auch der Häuptling interessiert sich nicht besonders für unseren Besuch. Der Paramount Chief, also der alleroberste Häuptling Daniel Pulayasi sitzt auf einem Stuhl und hat seine dünnen nackten Beine untergeschlagen. Hier ist gar niemand mehr fettleibig. Für uns wird eine Bastmatte auf den Bodengeworgen, auf der wir uns zu seinen Füßen niederlassen dürfen. Dummerweise haben wir keine Gastgeschenke zu offerieren, dabei habe ich doch extra seidig glänzende Tücher für die erste oberste Chefgattin aus hundertprozentigem Polyacril in Bangkok erstanden. Aber noch am selben Abend, bevor wir noch den schlappen Hunderter (Euro!j) für den halben Tag Auto mit Fahrer abgedrückt  haben, wird unser Führer das einfordern, sonst drohe ihm schließlich ein magischer Fluch des Chefs. Um das faktisch zu untermauern, apportiert er den Lonely Planet, dort stünde das doch schon drin mit den obligatorischen Gastgeschenken.

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Let’s go wild

imageStrand  von Kaibola auf Kiriwina, Trobriand Islands

Wo wollen Sie hin? Nach Utopia? Der Zollbeamte am Flughafen von Port Moresby, der Hauptstadt von Papua Neuguinea, krächzt ein heisernes Lachen heraus, klebt ein Viusm für 60 Tage in unsere Pässe und fällt wieder in seinen Sekundenschlaf. Schon um sechs Uhr in der Früh stopfen sich dampfnudelförmige Matronen und ihre feisten Kinder im Flughafenbistro mit doppelstöckigen Majonaise-Sandwiches und  Knabberzeugs aus Tüten voll. Die Männer haben flossengroße Füße in Flipflops, Pranken, auf denen ich sitzen könnte und mehrere dicke Fettwülste im Stiernacken. „Fettland“ hat Paul Theroux das genannt, als er 1991, während des ersten Golfkriegs (Kuwait) hier im südlichen Pazifik auf der Suche nach den „Glücklichen Inseln Ozeaniens“ mit einem Falboot herumreiste. Wir, das sind der schweizer Agent Maillet aus Lemusa und ich, als embedded journalists für das Goethe-Institit auf Recherche nach dem Kula-Ring unterwegs, fürchten uns ein wenig vor den dunkelbraunen Fleischbergen. Hat man nicht von höchster Kriminalitätsrate und brutaler Gewalt unter den Einheimischen gelesen? Aber im Flugzeug, einer Dash-8, nach den Trobriand-Inseln, erweisen sich die schweißduftenden Kerle als riesige Teddybären voll charmantester Sanftmut. Das Boardmagazin heißt schlicht „Paradies“.

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singhabeer to singapore

Ein frisches Laken, das Fenster kostet extra, das Passwort lautet singhabeer. Bis halb drei Uhr früh dröhnt der Technosound von den Bars gegenüber, dann überbimmt das UI eines einzelnen Vogels im Baum vor den zerbrochenen Scheiben die Stille. um vier gesellt sich ein Hahn im Tempel nebenan dazu. Zeit zum Aufbruch. Das Bett in Singapur ist so groß wie die schlaflose Nacht in Bangkok. von dort fliegen wir weiter bis ans Ende der online Welt.

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Radeln für Papa

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Der Ordinary (Holzklasse) braucht knapp zwei Stunden zurück nach Bangkok und kostet 35 Cent. Kurz vor dem Zielbahnhof hält er an. Alle müssen aussteigen. Weiter mit Bussen. Wo und welche? Ich folge einer Kleinfamilie, die mir gegenüber saß. Sie tragen gelbe T-Shirts mit dem Aufdruck „Bike for Dad“. Schon auf dem Bahnsteig verliere ich sie. Plötzlich haben ganz viele diese T-Shirts an. Bus Nummer 52 kommt mir vertraut vor, biegt aber in die falsche Richtung. Ich soll Bus 8 gegenüber nehmen. Der ist aber auch nicht der richtige. Viele Menschen empfehlen viele Busse. Das Taxi ist auch keine rechte Hilfe, aber schön kühl. Der Fahrer schickt mich eine Stunde später zu Fuß weiter. Die ganze Stadt ist inzwischen voller Fahrradfahrer in gelben T-Shirts. Und für Autos und Busse großräumig gesperrt. Die sechsspurige Dauerstauschneise eine Fußgängerzone. Stille fast. Lang lebe der König, steht auf einem anderen T-Shirt.  Ja wenn es seiner Gesundheit dient, dann will auch ich gerne in der brüllenden Mittagshitze mein Säckel über eine sehr lange Brücke tragen. Im Park füttert ein Mann Eichhörnchen. Sie fressen ihm aus der Hand.

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Get lost

Der Anglerladen ist verschwunden. Die Kaffebudenfrau mit den Pubertätspickeln nicht an ihrem Fleck. Die Fährfrau hat heute an der linken Hand rosafarbene Nägel. Auch der Tempel heißt anders als auf meiner Karte. Das bedeutet nichts. Auf kleinen Inseln kann man ja eigentlich nicht verloren gehen. Ein lehmgraues Schwein trottet über die Straße. Der gelbhaaarige Mann ohne Zähne sagt, nach  11 Kilometern endet die Straße und ich soll nach rechts abbiegen. Am Tempel, der ein anderer ist, stehen zwei Mönche mit Iphones. Wir machen Fotos voneinander. Reverend Jotika Thera kommt aus Myanmar/Birma und lädt mich in sein Kloster ein. Er erklärt nicht unstolz, dass die Burmesen 1767 den Tempel der Siamkaiser hier gestürmt und zerstört haben. Wie  es dort jetzt politisch so sei, in Myanmar. Wie hier, bisschen  kühler vielleicht, denn der Yan Kin Hill in Mandalay liege etwas höher. Bei dem, was ich für ein Restaurant halte, feiern zwei Dutzemd Menschen etwas. Ein Frau schnibbelt Grünzeugs in einen Müllsack und schenkt mir eine Flasche Trinkwasser.  Ein Mann fegt seelenruhig die Blätter in der Wiese um die riesige Chediruine zusammen. Morgen beginnt er von neuem.Unser Sisyphoskonzept ist falsch. Morgen ist ein neuer Tag und es muss erneut Wasser getrunken werden und den Fluss hinab strömen. Aber morgends fließt er in eine andere Richtung als abends. Da bin ich mir sicher.

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Handarbeit

 

 

Die ältere Frau, die den Kutter steuert, mit dem man den Fluss zur Innenstadt überquert, hat lange silberne Fingernägel. Ein Mädchen mit einer Rollbude macht den besten Kaffee. Beim Markt säumt eine Näherein meine abgeschnittene Gartenhose. Im Fischerzubwhörladen wollen die zwei Frauen mir keine Angelschnur verkaufen und vertehen nichts von Haken für große Fische. Der blinde Masseur trägt eine Sonnenbrille. Er drückt so fest und lange auf die Stellen an meinem Rücken und den Beinen, bis der Schmerz nachlässt. Er kennt alle Triggerpunkte entlang des Nervenstrangs, der von der Bandscheibe eingeklemmt war. Wie lang eine Stunde sein kann, dann ist sie plötzlich vorbei. Zurück auf der Straße brennt die Sonne immer noch so grell, dass ich den Schatten entlang schleiche. Neben dem verlassenen Ruinentempel ist eine große Kaffeebar: Imagine all the people, nothing to kill and to die for, and no religion too.

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Holzklasse

 

Bin ich wirklich erst einen Tag hier? Zum Frühstück eine Nudelsuppe. Schatten bei Tempelruinen. Zur Dämmerung schwitzen bei einer Freiluft-Muckibude.

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and relax

 

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kick off your shoes and relax, hätte es heißen müssen, um den song von Carmen McRae korrekt zu zitieren, der bestimmt nicht mal von ihr selber war, aber internet ist hier zu labil, um sowas zu prüfen. Irre, wie effektiv dieses Land funktioniert, wo alle so entspannt wirken. Das Flugzeug landete um zehn Uhr früh und um 12 Uhr hatte ich schon eine Fahrkarte am Hauptbahnhof von Bangkok erstanden und der Zug  ging eine halbe Stunde später. Slums und Müll, was eben so an Bahngeleisen einer asiatischen Metropole zu erwarten ist,  Störche und Reiher in Reisfelden, dann  saß ich schon in einem alten chinesichen Holzhaus in Ayuttaha. Und wusste nicht, wo ich bin.

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Take off your shoes

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Mein Auto ist in guten Händen, die Topfpflanzen sind gegossen, mein Rucksack ist gepackt, fünf Kilo, yippie,  Moskitonetz und Cortison, dazu ein Beutel Handegpäck mit Technik und drei antiquarischen Büchern. So weit abgeschieden ist das Ziel, dass es nur alte Berichte darüber gibt. Aber morgen früh geht es erst mal „nur“ über Istanbul  nach Bangkok. Ich kann es dennoch kaum glauben, jetzt hier aus dem schön grauen Novemberberlin zu entfliegen.

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