Wir sind Du

IMG_1746

Meine Lieblings-Wärmstube mit Kaffee und allen erdenklichen Zeitungen, die AGB, hat zu. Vor der Heilig-Kreuz Kirche nebenan stehen Leute, drinnen findet die Nationale Armutskonferenz statt. Unangemeldet – ich wollt nur aufs Klo – bin auch ich willkommen, bekomme Kugelschreiber, Block und Infomappe, es gibt Orangensaft und belegte Brötchen. Die Vertreter der Hilfsorganisationen sehen nicht aus wie Funktionäre, ihre Ansprachen sind kurz, schnörkellos freundlich, „Wir sind Du“, unter den Teilnehmern schöne Rauschebärte mit langen silbernen Haaren in Schlabberpullovern, Krücken, ein Rollstuhlfahrer, aufrechte Kämpferinnen, vom Leben gezeichnete Gesichter. „Der Würde eine Stimme geben“ heißt ein Programmpunkt. „Die Bedrohung geht von den Mächtigen aus, nicht den Machtlosen“, sagt „Ich bin der“-Erich. Und „existentielle Unterversorgung bedeutet radikaler Ausschluss von Teilhabe“. Für die Workshops gehen wir um die Ecke ins Gebäude der Arbeiterwohlfahrt. Konferenzräume mit Resopaltischen und hellen Holzstühlen, Kaffee und gute Tees. Professor Antonio, schwarzer Dutt, berichtet von einer an seinem Institut durchgeführten Studie zur subjektiven Dimension von Armut. Wir gruppieren uns zu vier Themen, Schuldenfalle, Alleinerziehend, ich nehm das mit psychischen Krankheiten. Dann dürfen wir Punkte sammeln, Antonio malt Stichworte mit grünem Marker auf ein plakatgroßes Blatt und verbindet sie schwungvoll mit Pfeilen. „Was wollen Sie uns eigentlich sagen“, platzt es aus einem aufgewühlten Mann in kurzärmeligem Shirt und zwei Handvoll Stiften in der Brusttasche. Er ist Mathematiker und will nur kurz sein grafisches Modell einer Steuerprogression vorstellen. Damit könnte der Unterschied zwischen Arm und Reich quasi abgeschafft werden! Er ist ungehalten, seit zwanzig Jahren hört ihm keiner zu. Hier auch nicht. Ein zarter, ganz filigran aussehender Zausel flüstert in seinen Wichtelbart etwas vom System, von böswilligen Öffnungszeiten der Sozialämter, so leise dass ihn kaum einer versehen kann. Das System, brüstet sich ein dritter Profibetroffener nun verächtlich schnaubend, das habe er seit zwanzig Jahren erfolgreich unterwandert. Eine vornehme Wienerin erzählt, dass Depression stigmatisiert und einen weiter ausgrenzt, es droht beim Jobcenter das „ausgesteuert werden in Erwerbsminderung“, weshalb Verheimlichen von (armutsbedingtem) Psychostress besser sei. Zurück in der Kirche gibt es Kaffee und buttrigen Blechkuchen, danach stellen sich ein paar Projekte und Initiativen auf der „Plattform für Vernetzung“ vor. Ein Vereinsvorsitzender bietet Modelleisenbahnbauen als Therapie zur sozialen Reintegration an, ein junger Typ mit einem dicken Stapel Papieren empfiehlt drei Bücher: „Wohnen ist ein Menschenrecht, lest mal den Hans Jochen Vogel.“  Im September 2020 soll ein Euromarsch von Berlin über Brüssel nach Paris stattfinden, „wir leben aus dem Rucksack, einfach eben, aber wir spüren uns!“ heißt es im Flugblatt des Organisationskomites. Zum Schluss bekommt auch Martin noch das Podium. Seine auf einem Stick gespeicherte Computergrafik des progressiven Steuermodells erscheint auf die Leinwand hinter ihm, er artikuliert seine seit langem einstudierten Sätze perfekt, mit beiden Händen ausholend wie ein Dirigent unterstreicht er seine Worte, ein Marx-Zitat, er kommt in Fahrt, doch da unterbricht ihn schon die geblümte Moderatorin von der Kölner Caritas. Sozialpädagogisch charmant lädt sie ihn und alle jetzt zum privaten Austausch bei einem Glas Sekt ein. Es gilt 25 JKahre BBI, Bundes Betroffenen Iniative, zu feiern. Ein Tischgenosse verrät mir, wie man an die Sparpreise bei der Bahn kommt, sein Kumpel fuhr mit dem Schwerbehinderten-Nahverkehrsticket gratis, 18 Stunden in Regionalzügen, eine sportive Rentnerin aus Freiburg stößt mit mir an, derweil ihr Begleiter in blasslilanem Sommeranzug ihr unverdrossen weiter die letzten 280 Fotos im Display seines Fotoapparats zeigt. Als ich hinaustrete ist es Nacht geworden, Blätter schwimmen im schwarzen Landwehr-Kanal, die Straße glänzt.

Immer noch hängt in der Heilig-Kreuz-Kirche die Ausstellung mit Portraits von Obdachlosen. Auf FB postet die Fotografin Debora Rupert heute, dass Omar, der ein Pappschild mit „Weldfrieden“ vor sich hält, vor kurzem, in einer der ersten Frostnächte am Arnimplatz, mitten im reichen Prenzlauer Berg,  gestorben ist. 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Allgemeines, Arbeit, Armut, Berlin, Food, Kirchen, Mission, Obdachlos, stadt abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

13 Antworten zu Wir sind Du

  1. wildgans schreibt:

    War wohl `ne wilde gute Atmosphäre! Möglich in der großen Stadt…

    Gefällt 1 Person

  2. Modelleisenbahnbauen als Therapie…. hat Seehofer auch versucht. Und?

    Gefällt 1 Person

  3. eimaeckel schreibt:

    Die Mischung aus Rollis, Pullis und Profis kenn ich von den Inklusionstagen. Sehr sympathisch rübergebracht.

    Gefällt 1 Person

  4. docvogel schreibt:

    das Lob für die quasi inkludierte Alliteration von Rollis, Pullis und Profis gebührt Dir!

    Gefällt 1 Person

  5. Jules van der Ley schreibt:

    Martin hat spontan mein Mitgefühl. Zu wissen, wie alles besser zu machen wäre und zu sehen, dass selbst die Mitmenschen nur schnöde mit den Achseln zucken, und dabei ist er nicht mal zu Entscheidungsträgern vorgedrungen, das muss schrecklich sein. Ich hatte mal ein Kollegen mit ähnlicher Persönlichkeit. Den nannte ich bei mir „den Geißler der Zinsknechtschaft“, weil er außer Josefspfennig und so kein anderes Thema hatte. Später hat er gut geerbt und war plötzlich mit der Welt im Einklang.

    Gefällt 1 Person

  6. juergen61 schreibt:

    Sehr schön geschrieben Sabine,
    und wenn Modelleisenbahnbauen als Therapie sozial macht bin ich seit meiner Jugend der sozialste Mensch der Welt…aber frag mal die kleinen 1:45 Menschen meiner Modellbahn was sie davon halten 🙂 Lieber Gruss, Jürgen

    Gefällt 1 Person

  7. docvogel schreibt:

    Danke! Ja, wenn ich’s mir recht überlege, hat er vielleicht eher was mit „still-und-geduldig-vor-sich-hinwerkeln“ im Sinn gehabt.. schönen Samstag! s

    Gefällt 1 Person

  8. juergen61 schreibt:

    Dann hat er doch recht, sieht man mal von nicht zitiere fähigen Flüchen ab wenn der heisse Lötkolben statt zu löten die Hand verbrannt hat 🙂

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s