Ein guter Ort zum weinen

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Die besten  Spaziergänge werden die, bei denen ich mich ziellos voran treiben lasse. Wovon? Mein Plan reicht nur bis zur nächsten Ecke, wo ich die Richtung ändern kann, einen Bogen schlage oder einfach weiter geradeaus gehe. Stehen bleibe, gucke. Bei einem Wohnblock für Betreute gleich hinter der Frankfurter Allee scharren vier Hühner in einem Gehege, im angrenzenden Hof einer Backsteinkirche schreit ein Jugendlicher.

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Hier unten war ich noch nie. Drinnen schon, das Schwimmbad mit seinen olympischen 50-Meter-Bahnen ist mit der Straßenbahn vom Alex aus gut erreichbar, von meiner jetzigen Wohnung ist der „Europasportpark“ nur drei S-Bahnstationen entfernt. Im Juni hätte Massive Attack unter der kreisrunden Stahldachkonstruktion des Velodroms gespielt. Die Radrennbahn soll aus sibirischer Fichte sein. Jetzt knattern eine Handvoll Jugendliche mit ihren Rollbrettern die Betonpisten entlang. Früher, bis zum Abriss 1992 und Neubau für die 1993 abgeschmetterte Olympiabewerbung Berlins, stand hier die 1950 eröffnete Werner-Seelenbinder-Halle, ein auf dem ehemaligen Schlachthofgelände errichteter Konzertsaal für 10 000 Besucher und SED-Tagungsgebäude. Auf dem begrünten Wall um die zwei in die Erde versenkten riesigen Hallen wurden Apfelbäume gepflanzt. Sie kämpfen an gegen den vielspurigen Verkehr auf der Landsberger Allee, vielleicht gegen den Wind aus Sibirien.

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Unten sitzt ein Mädchen und weint, ein junger Mann ist bei ihr. Ihre Rucksäcke liegen 100 Meter weiter in der Kurve aus Glas. Mich tröstet heute nichts. Auf dem Mittelstreifen der Ausfallstraße nach Marzahn blüht Löwenzahn, am Bahndamm Flieder.

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10 Antworten zu Ein guter Ort zum weinen

  1. L Haustein schreibt:

    Reiner Existentialismus – kann man nicht erfinden

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  2. wildgans schreibt:

    Bisschen mehr Müll hätte der Trostlosigkeit nicht geschadet….

    Gefällt 1 Person

  3. docugraphy schreibt:

    Bonjour tristesse… Eine eindrucksvolle Serie!

    Gefällt 1 Person

    • docvogel schreibt:

      Danke! ja, was man so alles in der näheren Umgebung findet, wenn man nicht mehr in den überfüllten Parks spazieren gehen kann…

      Gefällt 1 Person

      • docugraphy schreibt:

        Kenn ich! Ist hier dasselbe. Wenn ich mitbekomme, wie beispielsweise Museen jetzt schon händeringend nach „Objekten“ suchen, anhand derer sie dereinst auf die Corona-Krise zurückblicken können, denke ich mir immer, dass allein die Bilder aller Fotografen und Fotografie-Begeisterten aus dieser Zeit unter dem Oberbegriff „Lockdown-Fotografie“ schon eine perfekte Dokumentation abgeben werden.

        Liken

  4. docvogel schreibt:

    immerhin gibts ja unsere „Parallel-Öffentlichkeit“, ich finde die oft viel besser und anregender als die. Bilder, die vielleicht einmal museal werden. Deshalb kann ich seit langem zB. kein Fernsehen mehr gucken.

    Gefällt 3 Personen

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