Caykovski

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Es riecht nach Orangen und frisch gemahlenem Kaffee. In der Unterführung zum S-Bahnhof steht ein Hauch Ammoniak in der Luft. Und Spargel, Granatäpfel, Erdbeeren, Honigmelonen und Trauben säumen den Bürgersteig. Caykovski ist ein Teehaus, „90 minutes“ ein Wettbüro. Donnerstags von 12-14 Uhr werden in der evangelischen Kirche Rixdorf Lebensmittel („Laib und Seele“) von der Berliner Tafel ausgegeben.  Im Trödel in der Flughafenstraße kostet ein Rollstuhl 25 Euro, Rollatoren 20. Der Senat lädt ein zum Müllsammeln und Baumscheiben bepflanzen. Hinter einem staubigen Schaufenster stapeln sich blasige, „Frische Gözleme“. Fußdeosprays und Fließverdünner für Diesel, 1 Euro, zusammen in Kisten auf dem Boden. Zwei bös aufgedonnerte Kopftuchmädchen mit Nagelstudiokrallen blinzeln schwerst bewimpert von einer Parkbank in die Sonne. In vollem Karacho pest ein Kleinkind auf seinem Plastikfahrrad auf die Straße, stürzt, brüllt, der morgenländische Nachwuchspimp im soft ausgebremsten Angeberauto tadelt die blondgelockte Mutti. Das Kinderbüro und Jugendrechtehaus Lessinghöhe erwacht gerade aus dem Winterschlaf. An der Ecke Morusstraße weist eine Indianerskulptur gleichgültig in alle Richtungen. Amseln im umzäunten Friedhof, Hundescheiße und ein zerfledderter Kühlschrank auf dem Gehweg. Zufall steht auf einer abgerissenen Tür, eine Genossenschaftswohnanlage mit Balkonen und Backsteinbanderolen an den senfgelben Fassaden.  Ein riesiger Wasserturm, Zufall steht als Graffiti auf einer Stacheldraht bewehrten Mauer. Eine Mutter mit schwarzgefärbten Haaren eilt entschlossen rauchend und zeternd vorbei. „Halts Maul Du Arsch“, sagt ein Vierjähriger zu seiner Freundin. An der „Farbtankstelle“ Ecke Hermannstraße gibt es Restposten an Auslegware, Kunstrasen in Rot, Blau oder Schwarz für 5.99 der laufende Meter, in Grün 4,99. Ein Graulanghaariger mit wenigen Zähnen fragt mich nach dem Weg zum Biomarkt und will mir behilflich sein, als er merkt, dass ich hier „fremd“ bin. SPD, Lara Fashion, Lidl. Kik, Euroshop, McGeiz. Blumen Melek (Engel), Juwelier, Mobile World, Lotterie, Tabak. Fünf schmalste Buden, Kiosk, kösk, nebeneinander. Döner, Gemüse Kebab, Pizza Rollberg, Jasmin Asia. Notgeile Jungs, die Eier zum platzen prall mit Testosteron, giggeln und kuscheln öffentlich miteinander. Eine alte Frau steht vor dem Einkaufstempel mit falschem Silberschmuck in einem aufgeklapptem Bauchladen. Schwer muss der sein. Sie friert, ihre Nase ist rot, die Augen müde, was für ein Scheißleben. Die paar Bänke in der Wärme der überdachten Einkaufsmall sind von älteren Frauen mit Kopftüchern besetzt. Ihnen gegenüber sitzen Kopftuchfrauen auf Rollatoren. Sie haben kein Geld fürs Teehaus. Bei Elif kostet das große Glas Tee 1 Euro. Der Sesamkringel ist knusprig. In den Musikvideos, die auf der Flatscreen in dezenter Lautstärke laufen, lutschen blonde Schlägersängerinnen wie zur Shampoowerbung dauernd das Wasser unter  der Dusche. Eine weißhaarige Dame schaut begeistert eine Soapie-Serie in ihrem Telefon. Es werden da viele Sprechchöre intoniert, manchmal schrecken wir anderen Teehausbesucher neben ihr kurz auf. Die zwei türkischen Rentner in wattierten Jacken, leicht müffelnd, einer mit Schiebermütze, palavern ungerührt weiter. Eine Frau trägt Modeschmuck, schwarze Plastikgehänge als Ohrringe, einer spannt das Kleid über den Hüften, einer anderem zipfelt der zu dünne Rock über den Leggings, das geliebte Kind ist übergewichtig. Fett und blöd. Kultursensibler Pflegedienst, heißt es an einem anderen Schaufenster. Back home again.

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9 Antworten zu Caykovski

  1. wildgans schreibt:

    Der Sesamkringel ist knusprig.
    Genau.
    Gutes Wiedereingewöhnen!

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  2. Und die Schönwetteroutdoorhastenichtgesehenbekleidungsversuche kommen erst noch.

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  3. docvogel schreibt:

    ach nö, hier in Neukölln kommn die nich…oder die kostn auch nur eineuro oder sehn so aus,.,,

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  4. dagehtwas schreibt:

    Wiedermal wunderbar beobachtet und treffend formuliert! 🙂 großartig! Ich war richtig vor Ort. Und je länger ich las, umso mehr dacht eich mir, was du in deinem letzten Satz dann schreibst: Back home!

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  5. eimaeckel schreibt:

    Franz Bieberkopf auf der Karl Marx Alle.

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  6. Jules van der Ley schreibt:

    Die Impressionen ergeben das verwirrende Bild einer Großstadt. Ich dachte beim Lesen: Zuviele Einfdrücke für mich. Man muss daran gewöhnt sein.

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  7. docvogel schreibt:

    wie schön, das wollte ich mitteilen, das herrlich flirrende und verwirrende Bild einer sehr bunten und belebten Berliner Straße…Danke!

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