Zwei Sängerinnen auf dem Balkon

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Gänsedistel (Sonchus oleraceus), wäre natürlich essbar

Am Comeniusplatz gibt es eine Menschenansammlung. 50 oder 100 Leute stehen verstreut auf dem Bürgersteig und zwischen geparkten Autos herum, sie schauen alle in eine Richtung. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wärmt die tiefhängende Sonne eine blassgelbe Hausfassade, vom Balkon im ersten Stock kommt Musik. Ein Trompeter – oder ist es Posaune- spielt zu eingespielter Orchesterbegleitung vom Band, das er mit dem Telefon bedient. Der Musiker bläst inbrünstig, sein Lied fliegt weit über uns und verwandelt uns. Puccini und Dvorak stehen auf dem Programmzettel, ein DinA4 Ausdruck ist an die Hauswand geklebt. Abwechselnd singen zwei amerikanische Sopranistinnen, die eine eher schmal, die andere füllig und gelockt, ja sind wir hier im Heftle?, sobald sie die ersten Töne anstimmten, sind beide so dermaßen sofort Sirenengleich da, nicht die mit Blaulicht, sondern jene die Odysseus verführen wollten, sie tirilierten und schmettern, dass keine Amsel dagegen eine Chance gehabt hätte, herzschmelzende Arien zerschneiden die Stille. Alle halten die Luft an, lächeln. Vor dem Späti an der benachbarten Ecke ist eine dezente Schlange, Kaffee gibts keinen. Die blonde Sängerin tritt ab. Wir sind beseelt und treiben davon.

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Yaam Club

Sechs Obdachlose, schlafend, jeder für sich in einer Nische, Nester aus Schlafsack und Decken, niedere Unterschlupfecken, entfernt von allem. Die Gegend ums Berghain ist eine der letzten großen Brachlandschaften im Zentrums. Es ist noch hell, früher Abend, 19 Uhr vielleicht. Sind sie dann spät in der Nacht wach? Einer hat sein Lager neben dem geschlossenen Eingangstor zu Berlins umworbenstem Club aufgeschlagen. Eine Art Bushaltestelle, an der „Wetterseite“ der Behausung sind Pappkartonagen, sorgfältig verflochten, um den Nachtwind abzuhalten. Unter der Andreasbrücke  beim Ostbahnhof zieht es wie Sau. Trotzdem leben einige hier. Ein Müllhaufen aus Matratzen und Deckeln am Ende. Ein Automat, wie ein Relikt aus Urzeiten: 5 Kanülen, ein alkoholisierter Tupfer, 50 Cent. Geht der noch? Manni und Milan sind munter. Wir kennen uns doch? Heiratest Du mich? Ich trink ja nich zum Glück, außer Bier, Milan grinst und zeigt ruinöse Zahnstummel. Hab kalte Hände, sagt Manni. Sie verräumt eine Schnapsflasche aus ihrem Schoß, halb eingemummelt sitzt sie da im lila-grünen Schlafsack, da drin ist es warm, nur morgens, wenn man raus muss, puh, Essen kriegen sie, der Kältebus der Stadtmission kommt vorbei, in die Unterkünfte gehen sie nie, dort sind Asoziale, die stehlen, was? Manni zeigt ihr dickes Buch, ein Fantasythriller, vorne sind Bilder drin.

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Raw

Auch die Partyzone am RAW Gelände ist ausgestorben. Ein Besucher macht Fotos im Schwarz-weiß-Automaten. Ein grauhaariger Pferdeschwanzträger, unterm Kinn eine Maske aus Plüsch mit Elefantenrüsselapplikation, hoho, spricht mich an. Ich würd wohl auch spazierengehen? Er hat einen süddeutschen Akzent, wahrscheinlich völlig vereinsamt der Mann. Mir ist nicht mehr nach Konversation. Der alte Boden aus Schienen, Platten, Pflastersteinen, abgeplatztem Aspahlt, verschorftem Belag, erzählt Geschichten von früher.

 

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8 Antworten zu Zwei Sängerinnen auf dem Balkon

  1. kormoranflug schreibt:

    Das mit den Opernsängerinnen wäre ja nichts für mich. Obwohl ich an die 10 Jahre mit zwei Opernsängern Squash gespielt habe war die Musik nichts für meine Ohren, bereits am Eingang tönte der Tenor: KOOOOOOORRRRRRRRMOOOOOOORAnnnnnnnnnnn wir kooooommmmennnn.
    P.S. der grauhaarige Pferdeschwanzträger hätte ich sein können – aber auf meinen Masken sind nur Fisch- und Vogelmotive…. Grüsse tom

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  2. pflanzwas schreibt:

    Tolle Fotos zum Text und wie immer gut geschrieben.

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  3. genova68 schreibt:

    Angenehme Texte hier. Mir fällt in Blogs immer wieder auf, dass die Großspurigen, die Welterklärer, die Superhirne, praktisch ausschließlich Männer sind, während die genauen Texte, die sich um Details kümmern, die beschreiben, die aufmerksam sind, die zuhören, fast immer von Fauen verfasst werden.

    Diese Rollenteilung in Blogs, stärker als im real life, ist bemerkenswert. Finde ich.

    Gefällt 1 Person

    • docvogel schreibt:

      ah, sehr interessante Beobachtung! ich scheine zum Glück nicht vielen dieser Welterklärer zu folgen. Bin aber eine Vereherin der von Michael Rutschky so benannten Alltagsethnologie, er hat sich immer dezidiert gegen das Leitartikeln, das „Bemeinen“ ausgesprochen…

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