Schlafen

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Der Seefahrer kippt einen Schuss Apfelschnaps aus einer Thermoskanne in unsere Kaffeebecher. Wir sitzen am Busbahnhof von Ubon Ratchatani, es ist noch keine acht Uhr Früh, wir warten auf den Anschlussbus über die Grenze nach Pakse in Laos. Der Seefahrer hat das Wappen der Bretagne  an seinem  Hals eintättowiert, da kommt er her und den Schnaps hat sein Großvater gebrannt. Einen Tag zuvor erst bin ich in Bangkok angekommen, die futuristische Metro braust als Skytrain zum Hauptbahnhof, dort bekomme ich sogleich ein Ticket für den Nachtzug nach Ubon. Den Nachmittag bis dahin schlendere, naja schleppe, ich mich durch das nahegelegne Chinatown, trinke haufenweise Instantkaffee in herrlich eisig klimatisierten Supermärkten,  esse aufgeschnittene Mango im Plastikbeutel und Schmalzkringel, kaufe einen rosafarbenen Plastikstrohhut mit blauen Stofftulpen, versorge mich mit  thailändischem Insektengift und chinesischer Kräutermedizin gegen den Husten. In einer schattigen Gasse näht eine Schneiderin aus meiner Vorhangseide einen Schlafsack. Hitze und tiefe Mattigkeit nötigen mich dauernd zum Schattenplätze suchen. Die schönsten Orte der Ruhe und Ventitlatoren und Klos sind die Tempel. Der ersten Halt  mache ich beim Tempel der Prostituierten, die lieber ein Armenkrankenhaus auf Erden eröffnete, als in die ewige Heiligkeit hinüberzutreten. Ganz still ist es mitten im Herzen Chinatowns, einem von allem Stilwillen vergessenen Hinterhof, wo schon 1654 chinesische Flüchtlinge und alsbald Händler ihren ältesten Tempel für das Wohlergehen ihrer Geschäfte errichteten und bis heute zum Räucherstäbchen abfackeln und Schicksalbeschwören herkommen. Wie immer läuft tonlos ein Fernseher drinnen und ein uralter Mann sitzt vor einem Teller Reis dabei. Eine schläfrige Katze jagt in eher symbolischer Geste kurz einer Ratte hinterher, und legt sich wieder hin. Die Ratte flitzt davon unbeeindruckt hin und her. Eine Ecke weiter, zwischen den Rauchfahnen röstender Esskastanien und Buden voll grellfarbenen Törtchen und glitzernden Paraphernalien, liegt fast verborgen der Eingang zu einer ausgedehnten Tempelanlage. Mindestens sieben Meter hohe Wärterfiguren in Smaragdgrün, Rot und Gold fletschen  hinter Glas furchterregend  die Zähne. Orangefarbene Novizen leiern monoton eine Gebetszeremonie herunter, kniende Gläubige in Bermudashorts tupfen ihre Stirn auf den roten Teppichboden. Götterstatuen mit goldenen Schwertern, schwarzen Bärten oder rosa Tüllschleiern werden um Rat befragt und mit füf meter entfert gekauften Mandarinenkörbchen gnädig gestimmt. In einem Raum kann man vorgedruckte Listen mit seinen Wünschen ausfüllen und neben der Düendenbox deponieren. Eine vielarmige Shivagöttin in einem Schrein ist irgendwie das Wahrzeichen des japanischen  Canon-Konzerns, was ein Touristenguide mit einer wikipediaseite auf  seinem smartphone strahlend demonstriert. Auf der brutal umtosten Verkehrsinsel vor dem Hauptbahnhof Huang Lampong legen sich bei Einbruch der Dämmerung die ersten Obdachlosen schlafen. Im Zug werden die Liegen mit weißen Laken bezogen, vornehm summt die Klimanlage, ich ziehe meine Daunenjacke zum Kinn.

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