Nachtgestalten

Zeitgeist Frankfurter Allee

Hinter der Eisenbahnbrücke an der Ecke von Zu Inge hat jemand einen Unterschlupf aus Perser-Teppichen, Plastikplanen und Ästen gebaut. Gerümpel, Einkaufswagen und kunstvoll verbundene bunte Gegenstände dekorieren das Shack. Zwei Passanten bleiben stehen und bestaunen das elaborierte Ensemble. Lachen sie? Nein, der eine bietet mir eine Zigarette an, der andere fragt, ob ich ein Bier mittrinke. Ist das nicht völlig illegal? Weil alles zu hat, verbringen die beiden Kumpel – sie kennen sich seit 41 Jahren – ihren traditionellem Kneipenabend mit Stadtspaziergängen. Da könne man interessante Leute kennenlernen. Vor zwei Wochen trafen sie ein Pärchen, das zuvor gegen das Klima demonstriert habe, Klima! so was lustiges aber auch. Aber dass die Regierung die Obdachlosen so verkommen lasse, sei schon eine Sauerei, dass es die in unserem reichen Land überhaupt gibt! Während unsere Leute im Dreck dahin vegetieren, kriegt jeder Asylant umsonst eine Wohnung! Hoppela. Da wir nun schon auf einer Parkbank sitzen und uns zusammen strafbar machen, palavern wir ein wenig rum. Der aus Brandenburg hergefahrene sagt gar nichts. Heuchlerisch einigen wir uns darauf, dass Asylanten auch Menschen sind. Wie gut die kalte Luft beim Gang durch die ausgestorbenen Straßen doch tun kann. Neonlicht fällt aus einem geschlossenen Späti auf den Weg. Am Tisch davor sitzt ein Mann in wattierter Jacke. Ein Segeltuch-Koffer mit Rädern steht neben ihm, vor ihm eine halbvolle Flasche Rosé. Sein Gesicht wird von einem Heiligenschein aus rotblonden Locken eingerahmt. Ein Engel? Er bietet mir von seinem Wein an. Mit klammen Fingern zwuselt er eine dicke Tüte. Seine Hände sind dreckig. Vom Lagerfeuer, sagt er entschuldigend. Da hätten sie ihn vorhin weggescheucht, hinten am Containerbahnhof, gab Stress. Die Halle Luja dort, ein silberglänzes Ufo mit 120 Betten, musste wegen zu vieler infizierter Gäste schliessen. Die Sozialsenatorin (Die Linke) teilt auf ihrer FB-Seite mit, dass in der Köpenicker dafür jetzt ein a&o Hostel angemietet wurde, als Wohnheim für OfWs (ohne festen Wohnsitz). Es ist nach Mitternacht. Ob die Stadtmission am Lehrer Bahnhof ihn noch reinlässt? Er fummelt einen kopierten Zettel mit Anlaufstellen aus seiner Geldbörse. Einen Schlafsack hat er nicht. Geht schon, sagt er mit einem umwerfend gelassenen Lächeln. Ingmar kommt aus Heilbronn, grummelt was von Therapie in seinen Rauschebart. Seit Februar in Berlin, er kennt sich aus auf den Straßen, Einzelgänger, rumlaufen will er notfalls auch in dieser menschenleeren eiskalten Vollmondnacht.. Ein junger Spunt kommt vorbei, fragt nach einem Blättchen, setzt sich zu uns. Bevor er wieder nach Hause geht, zu seiner Mutter, schenkt er Ingmar seine Handschuhe, die der gar nicht will. Geld auch nicht, es anzunehmen ist ihm peinlich. Schreinern könne er demnächst vielleicht, ein 400 Eurojob, dabei knetet er versonnen seine weichen Pranken. Blöd, dass er gerade Ausweis und Krankenkassenkarte verloren hat. Muss noch mal suchen gehen dort oben. Am Montag gehe er zum Amt. Geht schon. Dabei lächelt der große Mann wieder so warmherzig, arglos und gütig, als bitte er nur darum, ihm seine mangelnde Tauglichkeit für zu dieses Leben nachzusehen. Herrje, es ist Zeit für diese Schnulze:

https://m.youtube.com/watch?v=mc_QQIPQ2e8

What if God is one of us, Joan Osborne

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7 Antworten zu Nachtgestalten

  1. wildgans schreibt:

    Nirgendwo anders lese ich dergleichen. Das reale, feuchte, nicht bürgerliche Leben…Davon will ich auch lesen, obwohl dabei ein merkwürdiges Gefühl entsteht. Besonders aufgerührt hat mich der vorletzte Satz mit der mangelnden Tauglichkeit für dieses Leben (ich kenne einige, auf die das zutrifft und das macht nicht nur Haare raufen…)!

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  2. docvogel schreibt:

    ach liebe Sonja, wie freundlich von Dir. Bei all den aus dieser Gesellschaft herausgefallenen oder für ihre „Verwertung“ „Untauglichen“ erfahre und erkenne ich oft so vieles…

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  3. hajoschneider schreibt:

    Diesmal hatte ich das Wasser in den Augen …

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    • docvogel schreibt:

      ja, obdachlosigkeit ist scheisshart. und oft trifft sie die Verletzbarsten. Gerade scheint mir die Sonne ins Gesicht und ich frag mich, wie Ingmar (er heisst nicht so) wohl diesen kristallschönen Morgen erlebt. Das war die letzte Nacht des alten Jahres…

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  4. kormoranflug schreibt:

    Alles Gute für die nächste Nacht. Es soll ja ruhiger werden.- Heute Mittag am Kotti war es noch ziemlich laut – Böller unter die Brücken werfen bringt ja auch einen schönen Knall-Hall. So habe ich mal wieder etwas Kreuzberger Luft eingeatmet, geht ja nicht ohne. Grüsse tom

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  5. docvogel schreibt:

    hier – Boxigegend- gabs sehr hübsches Raketengeknalle, ich steh da ja drauf und riech den verrauchten Feinstaub auch sehr gern, alle Gute!!!

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  6. eimaeckel schreibt:

    Sehr einfühlsam geschrieben. Danke.

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