Schmetterlinge aus Asche

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Halt in Laingsburgh in der Karoo, die Lok hat schlapp gemacht, wir können zum Laden und kaltes Wasser, Kekse und Biltong nachkaufen, nach ein paar Stunden gehts weiter.

Die weißen Schmetterlinge sind zurück. Es heißt, sie fliegen nach Madagaskar. Dort sterben sie dann. Wie Blütenblätter lassen sie sich auf den Dornbüschen der Karoo nieder, sie sitzen auf den Drähten, mit denen die Farmer ihr dürres Land eingezäunt haben, sie wehen bis nach Johannesburg in die von Migranten ohne Arbeitserlaubnis bewässerten Gärten der Weißen, sie wirbeln wie Flocken seiner Asche durch das Flirren der Hitze, tänzeln schwerelos über der staubig roten Erde. Warum wurde er nicht in ihr begraben? Das silberne Rad einer Windmühle ragt aus einer grünen Busch-Oase in den transparenten Himmel. Eine Postkarte der Verlassenheit. Alles Land ist eingezäunt. 1913 machten die Weißen ein Gesetz, den Landact, der sie berechtigte, alles Land für sich zu reklamieren. Die entschädigungslose Enteignung der Einheimischen wurde legitim. Könnte man dieses Gesetz und den durch es legitimierten Diebstahl heute nicht einfach wieder zu Unrecht erklären?

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Zäune bis zum Horizont, alles Land ist in Privatbesitz, für die paar Schafe oder Rinder der Farmer, es könnten ja irgendwann Diamanten oder Gold gefunden werden.,

Elfenbeinweiße Röschen  neben dem Schotter der Bahntrasse. Shrub. Gestrüpp, niedrige Büschen, wie hingeworfen über der harten Erde, Monate, Jahre können sie der Trockenheit trotzen, doch einmal dann blühten sie plötzlich, nach einem Regenguss, in dem wir in einem plötzlichen Fluss stecken blieben, da färbten sie die Karoo rosa, blasslila und sternleuchtend gelb mit ihrem Meer an winzigen Büten. Wieso Meer? Potfontain, Hopetown, De Aar, Wildebeest. Sind die bis zum Horizont und darüber hinaus reichenden Zäune gegen wilde Tiere? Sollen sie die Handvoll Schafe oder Rinder vor dem Ausbrechen ins Nichts hindern? Ausgebleichte Knochen liegen manchmal am Rand. Wieviele Landarbeiter braucht es, um diese endlosen Maschendrahtzäune, oft elektrisch geladen mit einer Solarzelle, so ordentlich Instand zu halten? Wohnen die dann in den knastartigen Hütten, wo es außer der erbarmungslosen Sonne nichts gibt? Haben sie Strom? Reicht ihr Sklavengehalt, um den zu kaufen? Haben sie einen Kühlschrank? Im Durchgang zu den Waggons der Sitters, der Sitz- Klasse, in der man keine Liege zum schlafen hat wie wir in der ausschließlich von uns Weißen gebuchten Touristen-Klasse, stehen fünf Farbige, dünne junge Kerls, die mich auf Afrikaans und halbstark grinsend um ein Bier anhauen. Alkohol war in den Townships geduldet, das macht die Birne matschig, Betrunkene begehren nicht auf. Dazu gab es Shebeens, informelle und illegale Kneipen in den Shacks, in denen zunächst selbstgebrautes Maisbier ausgeschenkt wurde, später das des staatlichen Brauerteimonopols, und Schnaps.

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Three Sisters. Wie haben die hier in dieser Mondlandschaft überlebt? Je näher wir unserem Ziel, Kapstadt, kommen, desto unwirtlicher wird  das Land, die Karoo ist Steppe, Halbwüste, flaches Land, steinige Berge erheben sich daraus, schwarzer Granit, schillernder Basalt, scharfkantiges Geröll, unbewohnbare Mondlandschaften. Diese zarten Schmetterlinge zwischen plötzlich grünen Bäumen an ausgetrockneten Flussbetten, gelbe Steinhaufen, silbergrau die kaum den Boden bedeckenden Dornenbüsche. Ein angetrunkener Bure, so ausgemergelt wie das Land, das ihn nicht reich gemacht hat, zetert im Zugrestaurant herum, weil der Zug Verspätung hat -, sechs Stunden nun?- und er nicht mit Karte bezahlen kann. Schrunden, wo nach Bodenschätzen gegraben wurde, aufgegebene Hoffnungen vernarben hier nicht in ein paar Menschengenerationen, Löcher, aufgerissene Haut der Erde, Ruinen verlassener Ansiedlungsversuche bleichen wie die Knochen verendeter Tiere in der Sonne. Und dann am Ende des Kontinents der Atlantik, unbarmherzig das Licht, brutal der Wind, ein Teppich aus glitzernden Muschelschalen, Sonne, die alles verbrennt.

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Melkbosstrand, nördlich von Kapstadt, im Hintergrund der Tafelberg mit Tischtuchwolke.

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4 Antworten zu Schmetterlinge aus Asche

  1. Irit Storch schreibt:

    Immer wieder erweiterst Du mit anderen zusaetzlichen facetten meine eigenen Imagen.
    Thanks a lot!

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  2. eimaeckel schreibt:

    Eine Todesfuge auf das südliche Afrika. Ich habe mich da auch nicht wohl gefühlt.

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  3. docvogel schreibt:

    nee ist kein Ort für uns…und das obwohl ich fast 20 Jahre lang dauernd dorthin fuhr und Wochen, monatelang dort lebte.

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  4. eimaeckel schreibt:

    Oha! Aber die richtige Perspektive hast du gefunden, das sieht man auch an den tollen Tafelbergbild.

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