Stadt im Wind

In die von Öl- und Gasgewinnung nachhaltig versaute Landschaft könnt man auch endlos viele Windräder hinstellen und Sonnenstunden für Solarenergie gäbe es auch ein paar Tausend im Jahr.

Ja, ich war verreist, fünf Tage lang, vom BER Direktflug nach Baku, Aserbaidschan, sehr früh morgens, 5 Euro der Kaffee an der einzig offenen Bude, mein erster Flug seit dem letzten zur „Totenfeier“, damals von Tegel ab und vor Corona, Check-in und Security Ansteherei ganz normal, „Dienstreise“, wahrscheinlich meine letze, embedded all incl., mit Zeit für ein paar Spaziergänge. Die Boulevards riesig, stalinistische Hochhäuser mit 8, 12, 20 Stockwerken, mit verschnörkelten Balkonen und Historismus-Fassaden, große Hotels und teure Modelables, pinkfarbene Fotostudios, in den Souterrains Restaurants, dazwischen Magistralen mit ununterbrochenen Verkehrsströmen auf sechs, acht Fahrspuren, über die man als Fußgänger nicht käme, gäbe es nicht Ampeln und elegante Unterführungen, verkleidet mit Marmor und poliertem Granit. Überall gibt es Bänke, und Springbrunnen, Piktogramme weisen den Weg zu öffentlichen Klos, die Bürgersteige der Fußgängerzone wurden vor 20 Jahren mit schwarz-weißen Mosaikkacheln gepflastert, „Perser-Teppiche“ liegen unter den Cafehaustischen unter Arkaden, alles wirkt überdimensioniert, alles ist blitzsauber und nährt die Illusion, dass die Stadt dem Volk gehört, das sich hier hinsetzen will, Liebespaarfreundlich, antikonsumistisch, volksnah, und eben dermaßen aufgeräumt wie es so meist nur in vollautoritären System vorgeführt wird, vor allem wenn Geld da ist, hier ist viel Geld, Öl und Gas, im Juli hat die EU-Leyen wieder betont, wie gern wir mehr Gas aus Aserbaidschan über die Trans-Adria-Pipeline über Istanbul haben wollen, haufenweise Geld ist auch da für neue Museen und Stadthallen, den Kristallpalast nur für den Eurovisioncontest von 2012, fließender Stahlbeton und Spiegelglas, für futuristische Bauten von Zaha Hadid und anderen Angebernamen, überall schiebt sich der Dubaieffekt in das Panorama mit den Postkartenansichten der verwinkelten Altstadt mit mittelalterlichen Kuppeln und Jungfrauentürmen, die drei gezwirbelten Hochhäuser In Flammenform dominieren das Bild der Moderne, davor diese weiten, offenen, kontrollierbaren, öffentlichen Räume mit standardisierten Kaffeebuden in Form einer roten Coladose – scheinbar die einzige Außenwerbung im Stadtbild – und ab und zu einem alten Kinderkarussell mit Einhörnern, Hubschraubern und Tigern, der Cappuccino drei Euro, niemand kauft einen, die Uferpromenade leer und breit wie eine Landebahn, Bronzestatuen von jugendlichen Skatern, in der Innenstadt gar die eines jungen Mädchens auf Plateausandalen mit Handy am Ohr. Auf dem Kaspischen Meer, das eigentlich ein See ist, spiegelt sich der bleiblaue Himmel in den Regenbogenfarben eines feinen Ölfilms, keine Möwen, keine Fische, keine Angler, städtische Gartenpfleger sammeln Papierfetzen in hellgrüne Plastikschaufeln, Strassenkehrerinnen mit Masken, grünem Overall und Kopftuch fegen eine Pfütze Regenwasser ins Meer, gemähter Rasen, verwaiste Rollerverleihe, eine Zone mit Fitnessgeräten, die Dattelpalmen und krüppeligen Zypressen in den zahlreichen Parks werden gewässert, exotische Bäume haben Namensschilder, in Bahnhofsnähe bieten Frauen auf dem Boden Walnüsse, Granatäpfel, Mandeln und Feigen feil. An den Eingängen eklektizistischer Stadthäuser erinnern Relieftafeln an einst dort wohnende Persönlichkeiten, auf Simsen und poliertem Bordsteinkanten sonnen sich Katzen. Sie sind überall, wie einmal in Istanbul. Die Karawanserei bei der mittelalterlichen Altstadt in mandelfarbenem Sandstein wurde zum Literaturmuseum umfunktioniert und erinnert an die lange Geschichte der persischen Dichter, Nizami forever. Wir aber sind hier hier wegen Essad Bey. Jüdischer Ölmillionärssohn, Flüchtling vor den Bolschewiken, in Berlin zum Islam konvertiert, Meister der Identitätswechsler, Kaffeehausliterat, Schriftsteller, Selbsterfinder. Davon später mal.

Development Area, Baku
Hier wird nichts entwickelt, den Müll sammelt auch niemand ein. Besiedlung um Baku herum

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8 Antworten zu Stadt im Wind

  1. Myriade schreibt:

    Vor dreißig Jahren sah dort alles eher aus wie das zweite Foto- Mit Ausnahme der Moscheen, die waren erstaunlicherweise renoviert und gepflegt

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  2. Lydia Haustein schreibt:

    Hier sieht es so aus, wie es bald auf der ganzen Welt aussehen wird. Dort, die da oben, hier die da unten

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  3. wildgans schreibt:

    mir ist fast schwindlig geworden bei diesen wilden Beschreibungen…woanders ist es anders, hier: sehr!

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  4. Jules van der Ley schreibt:

    So viele Impressionen. Da hätte es der Fotos kaum bedurft. Derlei komprimierte Reiseberichte liebe ich.

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  5. kormoranflug schreibt:

    Mein Ziel wäre und ist es nicht Baku, Aserbaidschan. Wie kommst Du darauf solch eine wirtlich Gegend zu besuchen – was kann man da Arbeiten – ausser Gasgeschäfte oder Ölgeschäfte abschließen und die Augen verschließen…. Trotz allem schön von Dir zu lesen. tom

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    • docvogel schreibt:

      ich war bei einem Kulturinstitut zum Besuch zweier Ausstellungen eingeladen… obgleich ich es überraschend schön dort fand, gibt es – außer wahrscheinlich für dubiose Geschäfte – touristisch wirklich nicht soo viele Gründe, nach Baku zu reisen.

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