Nachtrag zu Read on, my dear, read on

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Sie war 31 Jahre alt, promovierte Historikerin, lebte in Dublin und schrieb den Blog Read on, my dear, read on. Im Mai wurde sie in einem Spiegel Artikel der „Fälschung“ überführt – sie hatte ihre jüdische Identität („ich bin der Jude“) samt vielen Familienangehörigen aus  Holocaust-Opfern erfunden und 22 ihrer vermeintlichen Lebensdaten bei Yad Vashem eingereicht. Jetzt wurde sie tot in ihrer Wohnung aufgefunden, Fremdverschulden wird ausgeschlossen. Ich war lange Zeit eine ihrer vielen Followerinnen, mehrere Hunderttausend sollen es gewesen sein, aber bei wordpress gab es meistens nur ein paar Dutzend Likes unter den Beiträgen. Als ihr Freund, der Tierarzt, letztes Jahr starb, war ich traurig. Etwas seltsam fand ich, wie sehr es mich berührt hat, wo ich ihn doch nur aus den Erzählungen in Read Ons Blog kannte. Befremdlich fand ich, wie sehr ich selbst  – neben dem Kälbchen, der Frau des Krämers oder der Mali Tant – schon im virtuellen Leben von Kleinbloggersdorf lebte. Aber so ergeht es mir ja auch oft beim Lesen von Romanen. Erdichtet bedeutet da ja nicht erstunken und erlogen, vielmehr steht es für gute, bzw.“fesselnde“ Literatur, wenn sie Empathie erzeugt und wir durch sie selbstvergessen in fremde Lebenswelten eintauchen können. Fraglos darf man sich in Blogs neue, andere Identitäten erfinden, ein anderes Leben mit anderen Geschichten ausdenken. Man darf unter Pseudonymen schreiben, sich neue Namen und Familien und Vergangenheiten geben, zu einer Person werden, die man im banalen „richtigen Leben“ nicht ist.  Wahrscheinlich, so hieß es bald, gab es auch den Tierarzt in Wirklichkeit ebensowenig wie die jüdische Großmutter von Fräulein Read on, wie sie sich selbst nannte. Aber was ist „in Wirklichkeit“? Der Tod? Der Text? Madame Read on, Marie Sophie Hingst, hat nach der Veröffentlichung der Anschuldigungen gegen sie ihren Blog vom Netz genommen, ihre oft wunderbaren Texte sind somit gelöscht. Das ist schade. Ihr Tod aber ist furchtbar traurig.

(PS: Diesen Song hatte Fräulein Read on kurz vor ihrem Sendeschluss auf ihrem Blog verlinkt, am 15. April 2019 hatte ich den Link dort von ihr übernommen.)

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5 Antworten zu Nachtrag zu Read on, my dear, read on

  1. wildgans schreibt:

    Traurig, JA!

    Gefällt 1 Person

  2. Irit storch schreibt:

    Traurig

    Gefällt 1 Person

  3. dame.von.welt schreibt:

    … ihre oft wunderbaren Texte sind somit gelöscht.

    Nicht ganz.

    Gefällt 3 Personen

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