Erzähl mir nichts

Wo sind die Dealer? Ich bin da, sagt der, den ich frage. Wir haben uns alle nichts zu erzählen, weil niemand mehr was erlebt, sagt der Arzt. Wozu das ganze noch kommunizieren? Der Blick in den Mikrokosmos, die Reisen durch mein Zimmer, der Ausflug in die nahe Umgebung, das Studium der Schnecke im Blumentopf, der Tauben auf dem Balkon, die Sensationen des Gewöhnlichen, sie verbrauchen sich wie alles. Die Verabredung zum Spaziergang gilt schon wieder als spießig. Um die Ecke ist kein Abenteuer, bloß die nächste öde Straße wie gestern schon. Heute in mich gegangen. War auch nichts los. Soll Karl Valentin gesagt haben. In den roten Buchvitrinen vor dem Cafe Tasso (Buch 2 Euro, 3 für 5) finde ich Marco Polos Reisebericht Von Venedig nach China aus dem 13. Jh., Abenteuer in Tibet von Sven Hedin (1919), und Kenan Cusanits Babel über die Ausgrabung Babylons der Deutschen Orient-Gesellschaft 1913. Der Kaffee ist lausig, die Verkäuferin unleidig. Auf dem zugigen Mercedes Benz Platz vor der geschlossenen Mehrzweckhalle packt ein Filmteam sein Zeugs ein, auf riesigen Billboards flimmert eine Ankündigung für vergangenen Ostermontag. Könnte ebenso letztes Jahr gemeint sein. Vielleicht sind dies schon die Ruinen unserer Vergangenheit? Die Jungen sitzen paarweise am Spreeufer mit Flaschen und langstieligen Weingläsern. Der Obdachlose vor Rossmann ist wieder da, berichtet von Quarantäne, Polizei und Medikamenten, die man ihm spritzen wollte. Hab niemandem etwas getan. Er ist Rockmusiker, aus Holland, Komponist. Er mag kein Blau, Obst auch nicht. Die Halbschuhe hat er mit Plastikstreifen geschnürt, die neuen Stiefel hatten blaue Ösen. Er hat die Mütze abgesetzt und blinzelt ins Sonnenlicht, schüttere graue Locken fallen ihm kitzelnd ins Gesicht, seine Augenbrauen aber sind blau tätowierte Bögen. Schon irgendwie Frühling. Hinter Aldi geht die Sonne unter.

Ahornschössling an Bordsteinkante Frankfurter Allee

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7 Antworten zu Erzähl mir nichts

  1. Haustein schreibt:

    So geht es mir auch

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  2. hajoschneider schreibt:

    Ach, Du sprichst mir aus der Seele. Aber dieser Verlust des Erzählbaren, der Vergangenheit, der Geschichte hat schon lange angefangen. Ich kenne so viele Leute, deren Leben schon vor Corona nur noch aus dem Fernsehen bestand. Ich erinnere mich noch an meine Kindheit in unserer Kneipe. Dort saßen alte Männer und erzählten vom Krieg. Dreißig Jahre später saßen andere alte Menschen beisammen und erzählten von dem, was sie am Vorabend im Fernsehen gesehen hatten.

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    • Olpo Olponator schreibt:

      Ich finde auch, daß vom selbst erlebten Krieg erzählt zu bekommen, weit interessanter ist. Wir hätten da zB noch immer Vietnam, Irak, Afghanistan.
      Fernsehen kann jeder.
      Aber vielleicht wird’s bald wieder besser und Blackwater kann auch jeder, wenn er nur will.

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  3. docvogel schreibt:

    „Wir haben ja nichts, gab nicht mal Krieg“ – las ich letzt als Karikatur (von uns?)

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    • Olpo Olponator schreibt:

      Tja. Wenn man Krieg nur vom Fernsehen kennt, kommt es schon mal vor, daß man die Tragweite für jene, die ihn hautnah erleben, obwohl sie lieber Nahrung anbauen würden auf den Feldern, welche vermint werden ‚mußten‘, nicht erkennt.
      Obwohl: wir sind die Guten, schon klar.

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  4. docvogel schreibt:

    hör ich da leichten Zynismus? Das ist, was von Romantikern kommt, bei der Erkenntnis der eigenen Unfähigkeit was zu ändern, sie herzlich gegrüßt !

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