Müßiggänge

BER, Flugfeld Ende Oktober

Graureiher, Silbermöwen, Blesshühner. Enten, Kraniche und Schwäne. Und Bänke, um in die tiefstehende Sonne und den gespiegelten Himmel zu schauen. Die Uferpromenaden sind voll. Jogger keuchen vorbei. Familien blockieren den Weg mit Kinderwägen, Gehende sprechen laut in unsichtbare Telefone. Was immer schon gestört hat, nervt jetzt. Mein Versuch vom neuen Flughafen BER zum Terminal 5, dem alten in Schönefeld zu laufen, erfüllt alle Wünsche nach sozialer Distanz, scheitert aber ansonsten kläglich. Luftlinie nur wenige Kilometer, grenzenloser Himmel über der Service-Zone, eingekreist von unüberwindlichen Autobahnschleifen.

Der Ausflug ins Wuhletal nach Hellersdorf beginnt spektakulär. Wie eine Fatamorgana liegt direkt am U-und S-Bahnhof ein Dorf am Wiesenrand. In der Schlaufe um den Kienberg verliere ich die Richtung und gehe in die falsche bis es dunkel wird. Entlang der Ausfallstraße Blumenberger Damm leuchtet der Berufsverkehr. Der Weg zwischen Parkplatzrabatten vor Plattenbauten mit Hair-Express, Eco-Express Waschsalon, Tierarzt und Parkhotel Marzahn ist weit und menschenleer. Kein Späti, keine Kettenbäckerei, keine Straßenbahnhaltestelle.

Beim Spaziergang um die Bucht kann ich kaum etwas falsch machen. Jedes Schild zu Geschichte und Botanik des Ufers hab ich mindestens ein Dutzend Mal gelesen, ich kenne jedes öffentliche Klo, jede Sitzgelegenheit, jeden Ausguck und jeden Mülleimer. Und heute: Schock Starre Not. Die beiden Trauerweiden sind gefällt. Riesige alte Bäume am Spreeufer, ihre Kronen und Äste über die Kaimauer und dümpelnden Schiffe und die Grünfläche vor der Boulderhalle. Früher gabs dort guten Cappuccino, den man auf einer Bank bei den Weiden und Spreeblick trank. Die Schönen Weiden hatten Pilzbefall, mit dem sie noch lange hätten leben können. Doch er macht die Alten gebrechlich und herunterkrachende Äste sind im öffentlichen Raum eine Gefahr, die beseitigt werden muss. Be aware of Gebrechlichkeit. Die Kletterhalle ist im Schuppen eines rudimentären Backsteinensembles. Die Fabrik wurde 1867 durch den Chemiker Paul Felix Abraham Mendelssohn Bartholdy, Sohn des Komponisten gegründet und gebaut, seit 1873 Aktiengemeinschaft für Anilinfabrikation, AGFA. Der Unternehmer Paul wurde 39. Weiden wachsen rasant, sie werden selten älter als 50 Jahre, höchstens 100.

Sonntag an den Müggelsee ist auch eine blöde Idee. Parkplätze voll, geballte Heiterkeit beim Strandbad Rübezahl mit Fassbier Pommes Stieleis. Ein langer Holzsteg mit abblätternder Farbe führt durch Binsen in Wind und See hinaus. Die Einsamen grüßen einander. Das Hotel Müggelseeperle wirkt verwaist, die Terrasse demontiert, sieht nicht aus, als ob es erst seit einem Jahr dicht wäre. Wieder dunkel, Parkplatz leer, 15 Euro Knöllchen. Der Ordnungsdienst muss halt auch mal ins Grüne.

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10 Antworten zu Müßiggänge

  1. Irit Storch schreibt:

    Grossartig Deine Schilderung, die Stimmung kommt gut rüber. Schade auch um die alten Weiden, waren beeindruckend….

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  2. hajoschneider schreibt:

    Mal wieder ganz großartig von der Meisterin der Lakonie.

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  3. eimaeckel schreibt:

    Die Lust am Herumirren, die dem zielgerichteten Gang ins Nichts folgt, kenn ich gut.

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  4. tikerscherk schreibt:

    Das Dorf am U-und S-Bahnhof Wuhletal ist ein ehemaliges Krankenhaus. Ein Teil der Gebäude gehört heute immer noch zum UKB, ein anderer Teil wurde zu Eigenheimen.
    Ich mag Deine kleinen Reisen sehr.

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