Fuck the poor

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Eigentlich habe ich längst genug von der vermeintlichen Authentizität der Armut, der Vernachlässigung der Natur, der Missachtung der unmittelbaren Umwelt, dem gedankenlosen Zumüllen des Nichteigenen mit Plastikdreck. Jedes noch so pittoresk zerlumpte Kind lässt die Chipstüte da fallen, wo es sie leer gefuttert hat. Jedes Flußufer eine Abfallhalde, jede Brache ein stinkend verkokelter Haufen aus Matratzenfetzen, Elektronikschrott, verbrauchtem Hausrats, öligen Motorwracks, Schutt. Da liegen keine Scherben mehr, keine zerbrochenen Erinnerungen oder geplatzten Träume, da eitern Geschwüre aus Gift und Chemie. Zusammengeschmolzen zu oszillierenden Klumpen und blasigen Fladen, die nicht in diesem Leben mehr verrotten. In Bangkok angekommen mit dem Nachtzug kaufe ich sofort eine Fahrkarte erster Klasse für den nächsten Nachtzug.  Den Tag verbringe ich nicht in der schmuddeligen alten Welt, sondern in der glitzernden Stadt der Moderne. Eine Trasse des Skytrains zerteilt den fahlweißen Himmel über der Sukhumvit Road, stilettosteile Hochäuser aller Hiltons und Carltons werfen keinen Schatten, in ihren Granit- und Glasfassaden spiegeln sich die kreischenden Botschaften von Videobillboards, auf  halbem Weg zu den Wolken, die es nicht gibt, wachsen Palmen. Shopping-Malls und Untergrundpassagen sind frostig klimatisiert und todschick begrünt. Wenns dort nur nicht so grauenhaft langweilig wär. Kein Eindringen, keine Eimsichten, überall Fassade hochglanzpoliert, Luis Vutton wirbt mit Mädchen in kolonialem snakewhite und sahnigem afrobraun. Im Park dreht ein schwarz Uniformierter mit Springerstiefeln auf einem Rädchen Runden um den künstlichen See. Ein Kleinkind mit Vater füttert Tauben, der Parkwächter setzt energisch seiner Trillerpfeife ein. Den Sonntagsfrieden stört das nicht. Im Pavillon führen Mädchen geheime Telefonate, in den Bäumen ratschen Streifenhörnchen und springen wie schwerelos durchs Geäst, eine schwarze Katze döst auf dem Podest einer abstrakten Skulptur. Die Risse in der Oberfläche sind doch ganz nah. In den Seitengassen vertreiben Mädchen vor Massagesalons sich rauchend die Zeit, die schon am Nachmittag auf dunkelrot und violett gedimmten Bars dünsten den Alkoholschweiß übler Nächte aus, noch die mobilen Garküchen riechen nach Gosse. 

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6 Antworten zu Fuck the poor

  1. hajoschneider schreibt:

    Ganz, ganz groß!

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  2. Anhora schreibt:

    Fantastisch, diese Schilderungen. 🙂

    Gefällt 1 Person

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