Long time no see

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Pförtnerhäuschen (1936 gebaut) des Central-, Vieh- und Schlachthofes (1881-1990) Berlin

„Die Zeit der vielen Falter ist gekommen.“ Muss ich jetzt schon Hermann Hesse lesen, um einen guten Satz zu finden. Er habe „zu Schmetterlingen und anderen  flüchtigen und vergänglichen Schönheiten immer ein Verhältnis gehabt, während dauerhafte, feste und sogenannte solide Beziehungen mir nie geglückt sind“, schrieb der Fernreisende aus Calw  in einem Brief von 1926 (Insel Taschenbuch). Im Apfelbaum zanken sich lärmend zwei Ringeltauben, sie schlagen mit den Flügeln um sich, zetern panisch, dann hektisches Geraufe und Übereinander herfallen, Vögeln als Vergewaltigung. Junge Kohlmeise spielt Specht und pickt auf dem Fensterladen herum. Der Eichelhäher kommt mit der ganzen Familie zu Besuch, vier Junge plantschen in der zur Vogeltränke umfunktionierten Obstschale aus Keramik. Zwei, dann drei Distelfinken checken die Kornblumengarbe im Gras nach samen aus.  Im Dornengestrüpp der ungebändigt wuchernden Heckenrose ist Spatzenversammlung.  Der Gartenrotschwanz wippt auf den dünnen Zweigen des Pfirsichbaums. In der Dämmerung  pesen zwei Fledermäuse Achter über meinem Kopf. Vogelbeobachtung macht glücklich. Guck an: Aus dieser spektakulären Einsicht heraus installiert der Landesbund für Vogelschutz (LBV) derzeit in über 40 Pflegeeinrichtungen Vogelfutterhäuschen, damit die Dementen und Verlassenen was zum Freuen haben. „Es geht darum, Naturerlebnisse zu schaffen und damit dem Verlust von Lebensqualität entgegenzuwirken“,  sagt LBV- Projektmanagerin Kathrin Lichtenauer. Sie meint das so. Glück ist die triefende Süße eines überreifen, vom Gewitterregen der Nacht heruntergeschüttelten Pfirsichs zum grünen Tee aus dem Asialaden im Wedding.  Ist das ein Zustand der Gelassenheit oder einfach nur das dumpf saturierte Sein? Die ersten Wespen sind da. Der Spätsommer beginnt. Die Brombeeren am Hohlweg entlang der Gleistrasse aber sind alle vertrocknet. Die Nachmittagssonne heizt noch, Eisessende Mädchen und abgeschaffte Ehepaare sitzen auf der Steinplattform um den Springbrunnen am Storkower Bogen, stoisch trotzen sie dem Ensemble urbaner Tristesse ihre Daseinqualität ab. Fusspflege, Orchidnails, Tabakbörse. Sonja Bistro, Bäckereikettencafé. Wimpern verlängern 50 Euro, Wimpern krümmen 40. Das Kreativkaufhaus Edelhoff entpuppt sich als riesiges Näh- und Bastelparadies. Im Glastunnel des „langen Jammers“ hallt das Brüllen eines Kleinkindes. Im Blankensteinpark liegen Fahrradfahrer mit nacktem Oberkörper auf der Wiese. Eine Krähe keckert von einer Birke herunter. Ein Dackel trägt eine Halskette aus Bernstein. Der Himmel ist weit. Ich habe einen Stein im Schuh.

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6 Antworten zu Long time no see

  1. LHaustein schreibt:

    Morgens um sechs ist die Welt in Ordnung

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  2. docvogel schreibt:

    und ab neun lesen wir dann Zeitung und grottig übersetzte Sozialbrutalromane aus Lateinamerika?

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  3. janne schreibt:

    einfach mitfließen. das ist tatsächlich manchmal ein schlüssel zum glücklichsein.

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  4. eimaeckel schreibt:

    Abgeschaffte Ehepaare kenne ich nur aus Stuttgart. Sitzet die jetzet auch scho in Berlin? 😉

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  5. docvogel schreibt:

    so ebbes, nur der Schwob verschteht des halt… der Berliner argwöhnte, dass das geschiedene Leut sind, also nach abgeschaffter Ehe..

    Gefällt 1 Person

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