Hundstage

Rummels Bucht

In unserem Hinterhof steht eine Linde. Sie verschattet und kühlt die Wohnungen. Eine Taube sitzt drin und laust sich. Die Tauben sind standorttreu, sie hocken auch ganz selbstverständlich in den Blumenkästen unserer Balkone. Nur weil es geht, kehre ich im Biergarten an der Rummelsburger Bucht ein, es fühlt sich verkehrt an, an diesem als Bretterverschlag hingezimmerten „Club“ ein Formular mit meiner Adresse auszufüllen. Der kellnernde Dreadlockdutt-und zerrissene Klamotten tragende Systemkritiker kennt keine Eile, dafür beim nächsten Besuch schon mich und meinen Getränkewunsch. Noch haben wir Ausgang, die Spatzen sind verstummt. Die Zeit hält die Luft an, selbst die Mücken suchen Schutz im Schatten. Ein Flaschensammler mit Wollmütze schiebt einen vollen Kinderwagen, das Leergut scheppert wie der Auftakt eines Hobby-Westerns auf Youtube. Huhu, Spiel mir das Lied vom Tod am Strand Algeriens. „Es war sehr warm“. Marcello Mastronianni im Unterhemd am Hotelfenster. Visconti, 1967, Anna Karinas grässlich affektiertes Lachen. Meursault raucht blaue Gauloises. Er hat keinen Ehrgeiz, alles ist egal, die Sache langweilt ihn. Frauen gackern, Männer klatschen ihnen auf den Hintern. Da ist überhaupt nichts grundlos. Der Junge spielt Panflöte. Es gibt „fünf kurze Schläge an das Tor des Unheils.“ Dann dauert „der Prozess“ aber doch recht lang. Die Araber („Killing an Arab“, The Cure, 79) kommen nie zu Wort. In „der Leere des Herzens“ fühlt der cool killer endlich“die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt.“ Dreht sich weiter und wir sind nichts. Existentialisten braucht heut auch niemand mehr. Es ist noch immer zu heiß, um raus zu gehen.

In Scheiße treten

Nach einer arabischen Legende sind die Hundstage, wenn der Sirius als hellster Stern des Großen Hundes erscheint, jene glühend heißen Tage, in denen die Fata Morganen aus dem flirrenden leeren Himmel tropfen.

Dieser Beitrag wurde unter Alltag, Armut, Berlin, Bier, expats, fahrrad, garten, Literatur, Meisen, Reise, Spaziergang abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Hundstage

  1. Haustein schreibt:

    Oh doch — wir benötigen Existentialisten — dringend, lg

    Gefällt 2 Personen

    • docvogel schreibt:

      okee, aber solche? mir kam die Gottes- und Sinnleere-Frage versus Begehren arg öd verhandelt vor, aber das liegt sicher auch am plakativ-pathetischen Medium Film. lg

      Liken

  2. Haustein schreibt:

    Tolles Foto

    Gefällt 1 Person

  3. eimaeckel schreibt:

    Das Wichtigste, ob beim Fremden oder beim Lied vom Tod ist ein leerer Himmel, aus dem eine gnadenlose Sonne brennt. Noch wichtiger: beim Lied vom Tod muss man vier Mal hu schreiben. Noch besser hu Hu Hu hu.

    Gefällt 2 Personen

    • docvogel schreibt:

      ha, genau, und vier Schüsse gabs im gleißenden Sonnenlicht nach dem tödlichen noch, und laut arabischer Legende sind die Hundstage jene Zeit, da aus dem leeren flirrenden Himmel die Fata Morganas kommen, die vielleicht auch den Fremden geblendet haben. muss ich noch einbauen…Danke wie immer für den tollen Kommentar!

      Gefällt 2 Personen

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