kommunikation wird überbewertet

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Fußpilz in Bangkok, Flatulenz in Battambang und zwölf Stunden im Gefrierfach des Überlandbusses hab ich locker weggesteckt, da werd ich wohl auch noch Holger aus Darmstadt oder Horst aus Düsseldorf ertragen. Seit drei Tagen bin ich nun auf Rabbit Island. Es gibt keine Kaninchen, bloß ein paar Hunde und  Hühner. Hier kann man nur baden, lesen, nichts tun. Das Meer plätschert an den selbstverständlich mit hohen Kokospalmen gesäumten Strand, dahinter reihen sich ein paar luftige Hütten aus Bambus und Bananenstroh für uns paar Touristen. Ein Dutzend etwa verteilt sich auf die Handvoll Buden, die Essen und Trinken anbieten. Happy Hour für Cocktails, je 2 $, ist ganztägig, Siesta auch. Der AK 47 besteht aus fünf hochprozentigen Schnäpsen, zusammen 100 ml,  mit etwas Limonensaft.

Geisterhäuschen im Restaurant meiner Bungalowsiedlung auf Rabbit Island

Geisterhäuschen im Restaurant meiner Bungalowsiedlung auf Rabbit Island

Strom gibt es von einem Generator zwischen sechs und zehn Uhr am Abend, wifi keines. Zeit, mal wieder mit echten Menschen zu kommunizieren? Ich habe den vorletzten Bungalow – so nennt man die spartanischen Hütten auf Stelzen, in denen es ein großes Bett, Supermatratze!, mit Moskitonetz, Dusche, Abtritt und eine Miniaturveranda mit Hängematte gibt. Neben mir haust ein 20 jähriger Finne und Lukas aus Polen. Er hat Muskeln wie ein Karussellbremser, macht Kungfugymnastik und hat aus einem Strick, der um einen Baum geschlungen ist, und zwei Plastikrohren als Handgriffe ein Fitnessgerät gebastelt. Die Idee dazu stammt von den GIs im Vietnamkrieg. Lukas hat vier Monate Zeit, die ganz „mir selbst gehört“. Er spricht er nicht viel, ebenso wie der Finne, der Ole heißt. Klar, und der Hahn kräht um Fünf. Dann ist an unserem Ende der Welt noch Pierre, Mitte Vierzig, der einen Knoten in seinem Leben lösen will und gerne frischen Fisch und Krebse isst. Auf dem Boot saßen noch drei alleinreisende und kontaktfreudigere Deutschsprachler. Wer es bis auf diese winzige tropische Insel ohne Partyszene geschafft hat, kann nicht ganz verkehrt sein. Bis auf Holger aus Darmstadt. Der fühlt sich schon am Pier betrogen, weil man ihm keinen Fahrschein ausgehändigt hat. Klassische Rucksackpackpest, die überall auf der Welt den Durchblicker mimt, immer über die günstigsten Preise redet und alles dazu nutzt, ihr betoniertes Weltbild zu besätigen. Netter ist Alex aus Bern, um die Vierzig, macht was mit IT, hat sich ein Jahr Auszeit genommen, nachdem ihn seine Freundin verlassen hat. Mit Maike aus Bonn, einer blonden Gynäkologin Anfang Dreißig, die gehofft hatte, im Urlaub endlich den Mann ihres Lebens zu finden, umrunde ich die Insel. Der zweistündige Spazierweg verwandelt sich schon nach der ersten Bucht in einen verwunschenen, von Dornengestrüpp, Machetenlianen und schmetterlingsumtosten Blütenstauden zugewachsenen Dschungelpfad. Allein hätte ich mich mindestens vor Schlangen gefürchtet. Für Maike ist alles irgendwie so wie letztes Jahr in Ecuador oder Egalwo. Kommunikation wird überbewertet. Fünf Familiensiedlungen finden wir auf der etwa 6 km langen Strecke, die wir mangels Pfadfinderei zum Teil in kniehohem Wasser zurücklegen. Wo die Mangroven ein wenig Stand zugänglich machen, sind Fischernetze ausgelegt, markiert mit in der Sonne glitzernden, in Reihen dümpelnden Plastikflaschen. Endlich eine Verwertung des Mülls. Die in Thailand und Laos inzwischen gängige Methode des Refill der Milliarden Wasserflaschen hat sich noch nicht bis hierher herumgesprochen. Und auf mich warten sie nicht, um das gesagt zu kriegen. Bei den paar ärmlichen, nichtvom Strandtourismus profitiernden Behausungen trocknen Algen auf Strohpodesten. Wie verdienen die hier das Geld für Reis, Salz, T-Shirts und Sprit für den Kutter? Wenn man hier aufwächst, träumt man wahrscheinlich davon, in Phnom Penh Prostituierte zu werden. Ein Pärchen, sie im Sonntagsstaat mit Lippenstift, Sonnenbrille, glänzender Handtasche und Stöckelschuhen in der Hand, besteigt ein Boot zum Festland. Der Mann wirkt grenzenlos traurig, als ob er gleich seine Frau oder Schwester verkaufen würde. Ist das Paradies nur für Besucher mit Dollars zu haben?

Aussicht von der Veranda meines Bungalows

Aussicht von der Veranda meines Bungalows

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2 Antworten zu kommunikation wird überbewertet

  1. Anna schreibt:

    oh Sabine, ich will sofort Maike aus Bonn sein oder auch notfalls Holger – und mich sofort verbessern. Schöne Fotos, tolle Texte – einfach NEID. Gleich will ich mit! Liebe Grüße anna

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