Spreeblick

Wie aber soll die Finsternis erleuchtet werden, wenn wir nicht brennen? Hava korsun gibi agir, die Luft ist schwer wie Blei. Nazim Hikmet, 1961 in Berlin, aufgewachsen in Diyarbakir und Aleppo, gestorben 1963 in Moskau.

Buswendestelle Stralauer Insel

Das Wasser an der Bucht ist ein silberner Spiegel. Ein wogendes Tischtuch wie bei Lukas der Lokomotivführer, von Wolken gebügeltes Metall, gehämmerte Seide, stumpfes Zinn, doch zum Einbruch der Dunkelheit schillert das Wasser in allen Schattierungen von Blau bis Schwarz, fährt alles auf zum Schauspiel der nordeuropäischen Dämmerstunde. An Adventssonntagen der Erinnerungen saßen wir mit den entsprechend wenigen Kerzen am Esstisch, keiner machte das Licht an, bis es draußen ganz dunkel war, keiner verließ den Tisch, man versuchte diese Stunde in die Länge zu ziehen, auszutricksen, indem man nicht an ihr Ende denken durfte. Danach spielten wir Karten, war fast noch schöner. Im Seniorenzentrum an der Spree sind am Ende des Gebäuderiegels auf allen Etagen große Gemeinschaftsräume mit Wintergartenartig riesigen Fensterfronten. Stehlampen, Sitzecken, Sessel, Grüppchen (ich wünsche mir kartenspielender) Silberhaariger. Pflegezustände drinnen, laut Kommentatoren, schlimm. Das moderne Gebäude (Ende 1990er) mit Balkonen ringsherum auf der Stralauer Halbinsel liegt beim alten Speicher (Backsteinhistorismus, 1881, heute Lofts, davor ein schwarzer Sportwagen, siehe Kormoranflug, https://kormoranflug.wordpress.com/2020/11/24/homeoffice/#like-4390). Dort wurde einst aus Palmkernen aus den westafrikanischen Kolonie Öl, besonders für Margarine gemacht. Auf der anderen Seite der Stralauer Halbinsel erinnert ein Steindenkmal an Karl Marx, der sich während der 1837/38 in Berlin grassierenden Choleraepidemie als Student dort hin verzog und in einem Gartenlokal für den Kommunismus missionierte. Der Streik der dortigen Buddemaker (Arbeiter der Glasfabrik) von 1901 war laut der anderen Steinplatte von 1964 von seinen Ideen inspiriert. Davon, einem Gartenlokal oder irgendwelchen anderen Einkehrmöglichkeiten, let alone a Späti, gibt es keine Spur in der ganzen riesigen modernen Wohnanlage. Im schönen Neubau des Altersheims wurden am vergangen Wochenende ein Viertel der Bewohner (55) positiv getestet, plus 13 Pfleger, vier im Wachkoma ins Krankenhaus. Einmal war ich drin, die Pförtnerloge stand leer, schwarzes Brett unergiebig, einen Flyer eingesteckt, dann im Sog einer wild zeternden Dame im Rollstuhl vor die Tür geflüchtet. Sie erzählte Geschichten, spuckte sie fast aus, nicht alles verstand ich, dann kehrte sie erschöpft wieder zurück. Wahrscheinlich rauchten wir vorher noch eine zusammen. Ich sollte mal wieder vorbei gehen und fragen, ob ich eine Bewohnerin zum Spazierenschieben ausleihen kann. Wär auch einer Art Rollator für mich. Besser nach Ostern. Oder Pfingsten? Ja, ich kenne auch Leute, für die Weihnachten allein echt Scheiße ist und ich finde es auch scheiße, nicht früher das Enkelmachen bedacht zu haben. Positiv getestet. Nachhaltig shoppen. Würdevoll sterben. Sterbehilfe wird legal. In Österreich! Witz (von einer Comiczeichnung): Was kann uns 2020 schon noch schlimmes passieren? Dazu rennt einer der Heilgen 3 Könige aus dem Stall und schreit: It’s a Girl!

Dank an Aushilfshausmeister HH

In der Nacht zu heute wurde Tommy an von der Bucht tot gefunden. 57, bärtig, Cappy, heißt es in der Zeitungsmeldung, seit zehn Jahren ohne Wohnung, saß oft auf der weißen Gartenbank auf seinem Boot und trank Kaffee. Er schlief in seiner Kabine, sein Fernseher lief mit Autobatterie, er malte Bilder, die er manchmal verkaufte, sammelte Flaschen. Die BZ brachte im August ein Porträt über ihn. Er war nicht obdachlos! stellt einer auf Fb klar. Sein Boot war eines der meist fahruntüchtig wirkenden Kähne, die gegenüber des geschossenen Clubgartens am Ufer ankern. An Spätsommernachmittagen kehrte ich gerne dort ein. Der Türsteher und Platzanweiser wusste schon beim zweiten Besuch, wo ich sitzen möchte, der verpeilte Ober was ich trinken will. Seeblick, Hafenpromenade, Feierabend, Urlaub, Alltag forever. Die Boote liegen dort schon so lange, dass sie zusammen ein organisches Ufergewächs bilden, ein dümpelnder Cluster aus Materialien und Zeit, ein atmendes, murmelndes Biotop, an dem gewerkelt wird. Licht brennt, Wasser riecht, Leute und Hunde gehen hin und her. Ein Schandfleck, sagen manche, fast so schlimm wie die informelle Siedlung nebenan, der Slum aus Hütten, Planen und Zelten mit Zäunen aus Einkaufswägen. Bis zum Frühjahr war dort ein Sozialprojekt für Straßenkinder zu Gange, es gab Beratung, Kaffee, Klos. Die Roma nebenan sind weg, ihre von den Frauen sauber gefegten Behausungen plattgemacht, manche leben ein Stück weiter, Autos stehen da, in denen einige ihre Wertsachen aufbewahren. Die Zäune eines zukünftigen Water-World-Komplexes kreisen den verbliebenen Zufluchtsort immer weiter ein. Wo die Wagenburg des Protestcamps stand, werden schon riesige Heizungsrohre verlegt, eine Securityfirma und Kameras bewachen die Baustelle. Kerzen und Blumen am Zaun erinnern an die ermordete Fünfzehnjährige, die im Sommer im Gebüsch dort gefunden wurde. Der Müllcontainer wird schon lange nicht mehr geleert. Auf ihm steht Sisyphos.

Der ehemalige Speicher (Bildmitte), rechts davon das Seniorenzentrum Haus am See

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11 Antworten zu Spreeblick

  1. hajoschneider schreibt:

    fast ungewöhnlich lang, aber genauso eindrücklich wie Deine anderen Artikel. Bei Marx müsste es wohl 1837 gewesen sein, dass er in Berlin missionierte.

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  2. Wunderschön geschrieben, vielen Dank, das habe ich heute gebraucht.

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  3. docvogel schreibt:

    oh danke, und natürlich 1837, wird korrigiert, lg s

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  4. Irit Storch schreibt:

    Du hast mich wieder einmal zum laecheln, gebracht lebendig und spritzig beschreibst Du es.
    Danke das es Dich und Dein schreiben gibt. 🙂 🙂 🙂

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  5. kormoranflug schreibt:

    Einfach famos das Leben an der Spree. Das genieße ich jeden Tag auch wenn ich auf dem Weg fast umgefahren werde von den Look down Radlern. „Ich schass ma nichts“

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  6. stadtauge schreibt:

    Krasser Text. Beeindruckende Bilder. Ich laufe da ja auch hin und wieder rum, staune, zweifle, erfreue, entspanne und spanne an. Bizarr teilweise. So wie das Leben.
    Ich wünsche dir ein schönes gesundes Wochenende
    LG Daniel

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