Müssen weg

S-Bahnhof Schönefeld

Und zügig weiter mit dem Verschwinden. Jogger und Radfahrer pesen den Uferweg entlang, einer zieht Fetzen von Musik hinter sich her. Würd ich nicht vermissen. Stell dir vor, er wäre ein Eisverkäufer in Vientiane. Oder der Pickup mit der eiernden Werbeschleife für Gaskartuschen in Bezvalley. Bis Mitternacht wummern dann Partyboote mit Karaoke auf dem Mekong. Je lauter desto besser. Blesshühner schreien übers schwarze Wasser. Die letzten Eisschollen tauen, schlierig vom Dreck. Das soll sich ändern. Am Geländer zum Kai hängen Plastiktafeln mit einer Bekanntmachung des Senats. Ab Mitte des Jahres wird hier „ökologisch saniert“, alles, alle Boote müssen weg, das schwimmende Dorf, mit verschlungenen Seilen vernetzt, der vielbevölkerte Uferweg wahrscheinlich ewig Baustelle und gesperrt, verschwunden auch die Bank, auf der ich im Moment sitze und einem Bootsbewohner dabei zugucke, wie er Nudeln mit Tomatensauce auf einem gelben Campingkocher aufwärmt. Voyeur in der Serie Vanishing Cultures. Alles hier wird neu werden, glatt und sauber, durchgehend videoüberwacht, vielleicht mit einer abgezäunten und beschrifteten Öko-Nische für die bedrohte Fauna und Flora, aber keinem Platz für Unübersichtlichkeit, für Zwielichtig und lichtscheues Gesindel, kein schattiges Eck für heimliche Küsse, kein Versteck für Suff, Sünde und Verbrechen. Das Camp der in Nacht und Nebel geräumten Bewohner, wer war obdachlos, ist innerhalb von 14 Tagen ratzfatz spurlos verschwunden, Tabula rasa, Hütten und Habseligkeiten zermalmt, als Müll mit Baggern in Container geschaufelt, vom Erdboden getilgt. Entsorgt. Die ersten Bäume gefällt, Gestrüpp, ordentlich zerstückelt, der Geruch von Sägemehl und aufgerissener Erde. Halbmond. Dystopiekitsch, Gentrifizierungs-Blues. Eine junge Frau hat sich einen Klotz der Baumstämme als Hocker geholt und setzt sich zu ihren Freundinnen an die Promenade. Sie isst einen in Stanniolpapier gewickelten Döner. Die Pappeln stehen noch, schrundig gefurchte Rinden, wachsen schnell, werden 100 bis 200 Jahre alt. Aus ihrem Holz macht man Essstäbchen, Streichhölzer, Furniere, Gitarren, den Kern von Skateboards. Mona Lisa ist auf Pappelholz gemalt. Ein Baum kann bis zu 25 Millionen Samen pro Jahr losschicken, das sind die flauschigen Schneewehen im Frühjahr, Pappeln bilden auch Klonkolonien und können so uralt werden. Die hier werden den Sommer kaum überleben. Ein Krähe pickt an einer kleinen toten Ratte herum. Was dem Fortschritt im Weg steht, kommt weg. Sein Motor ist die Habgier, sagt der safrangelb gewandete Prophet des Untergangs, der wie ein Irrwisch durch Amitav Ghoshs Romane tanzt. In der Trilogie über den Opiumkrieg freut er sich über den Sieg des Bösen, in diesem Fall das Recht des Freihandels, für die Briten, sie kriegen Hongkong, wo sie einen Freihafen einrichten. Kolonialismus, Kapitalismus, Globalisierung, Hybridisierung, Religionen-, Ländern, Kasten- und Klassen-Überschreitungen. Sodom und Gomorrha. Und wenn sie nichts gestorben sind, so leben sie. noch heute. Nach hinduistischer Kosmologie befinden wir uns eh im Kaliyug oder Kali-Yuga, dem Zeitalter der Apokalypse. Das hat gerade erst angefangen. Wo sind die Opiumhändler? (Amitav Ghosh: Das mohnrote Meer, 656 S., Der rauchgraue Fluss, 719 S., Die Flut des Feuers, 858 S.)

Rummelsburger Bucht
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Allgemeines, Alltag, Arbeit, asien, Bücher, Berlin, Bucht, Fiction, Fluss, Götter, Geschichte, Literatur, Mekong, Mission, Obdachlos, Reise, Rummelsburger Bucht, Spaziergang, stadt abgelegt und mit , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Müssen weg

  1. Lydia Haustein schreibt:

    Großartiger Text!

    Gefällt 2 Personen

  2. wildgans schreibt:

    Absurd oder bizarr oder alles…Zukunft. Man will nicht.

    Gefällt mir

  3. Olpo Olponator schreibt:

    Auf den Börsen der Welt und den Sieben Meeren. Auf der Seidenstraße und im Weltraum. Sie wollen jetzt nicht nur Hongkong. Dort sitzt nur ihr schärfstes Werkzeug, die Bank. Schaltzentrale der Neuen Weltordnung. Über ihrem Eingang steht, in verborgener Schrift: „Laßt alle Hoffnung fahren“. Damit schreckt man sendungsbewußtes Bittstellergesindel ab. Wenn man in unseren Breiten erst wieder so weit ist, daß ein Menschenleben so gut ist wie kein Menschenleben, werden sie sich fürchten müssen. Doch das kann 100 Jahre dauern oder länger.

    Gefällt mir

  4. hajoschneider schreibt:

    Ach, Du hast es mal wieder getroffen: Diese Sucht, überall nur noch reinlich Saubers, Aufgeräumtes zu hinterlassen, nirgends mehr Platz für das Dunkle, das Schattenreich, die Phantasie zu lassen, das erschreckt mich schon seit Jahren. Es soll keine Geheimnisse mehr geben, nichts Unbekanntes, nichts Unerkannts, alles muss überschaubar und beherrschbar sein. Wenn wir dann die Welt dergestalt aufgeräumt haben, wo werden Phantasie und Traum dann hinflüchten?

    Gefällt 2 Personen

  5. eimaeckel schreibt:

    „Dystopiekitsch“ gefällt mir. Das Beruhigende ist, dass selbst die dystopische Zukunft nicht so wird, wie wir sie uns heute vorstellen.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s