Schnäppchenprinz

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Reset. Bei Dubai Gold herrscht Hochbetrieb. Auf dem vom Gerüst verengten Bürgersteig stauen sich Kinderwagen. Stiefel mit Kunstpelzfutter kosten 24 Euro, lachsfarbenene Killer-Pumps mit Paillettenbesatz im Ausverkauf 10. Vor Euro Gida stapeln sich Granatäpfel, Mandarinen und Ananas, zwei für 2 Euro, das Kilo 79 Cent. Auf den schmutziggelben Bodenfliesen im S-Bahnhof kauert eine klapprige Romafrau, den zerquetschten Pappbecher als Hindernis in den Weg der Passanten geschoben. Um die Ecke von ihr trinken fröhliche Männer mit Rollstühlen und Reisetaschen Bier. Bei Döner 44 stehen die Leute Schlange. Paare umarmen sich. Wie süß der Milchschaum auf dem großen Glas Kaffee schmeckt. Fast hätte ich ein Foto meines späten Frühstücks aus Sesamkringel und dem Schälchen mit gemischten Oliven gemacht. Ein riesiger Spiegel mit Goldrahmen reflektiert den hochhängenden Flachbildschirm, im Musikvideo erzählen blonde Glitzerbräute ein Märchen ohne Ton, das niemanden interessiert. Gemurmel erfüllt das Simit Elif mit Nestwärme, keine trägt Kopftuch, kaum einer schaut auf ein Telefon. Ein Graugelockter am Laptop verbrüht sich am Minztee. Auf der Straßenseite gegenüber wirbt der mit Billigklamotten vollgestopfte Laden wie eh für den totalen Indirim. Was für ein Glück, wieder am Leben teilnehmen zu können. Feiner Regen poliert den Abendasphalt, bunte Lichter tänzeln durch Auspuffwölkchen wie die Sufi-Derwische auf der Istiklal. Beirut 124 Euro, Varna 49, Gaziantep 79. Morgen, vielleicht, hol ich mir den Schnäppchenprinz und geh mit ihm ins Cafe Carisma.

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2 Antworten zu Schnäppchenprinz

  1. eimaeckel schreibt:

    Schwester im Geiste, mit dir laufe ich über die Karl-Marx-Straße wie bei mir über den Leopoldplatz. Mein Fluchtpunkt heißt Simit Evi und auch ich freue mich dort am Leben teilzunehmen, obwohl ich nichts anderes tue, als meinen Sesamkringel festzuhalten und zu schauen. Dein Foto wäre ein gutes Cover für die Marx’sche Abhandlung über den Warenfetisch.
    Grüße vom Wedding in die Spiegelwelt
    Rolf

    Liken

  2. docvogel schreibt:

    Bruder im Geiste auch! Der Marxscher Warenfetisch, super! Hinsetzten und zu schauen, das ist das Geheimnis allen guten Reisens (Zitat Helge Timmerberg), im Simit Evi am Leopoldplatz saß ich letzt drinnen im Eck unter glaub ich bösem schwarzen Schimmel, draußen aufm Platz hat auch was. Das Simit Café Richtung Seestraße (rechts) gefällt mir auch…aufm Bürgersteig hocken und Passanten betrachten, herrlich!

    Gefällt 1 Person

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