Sonntagsessen mit drei Fingern

Außer den Bootstouren durch die Backwaters soll Alappuzha laut Reiseführer keine Sehenswürdigkeiten haben

Überall Tiere. Gelbe Hunde dösen unter Autos, Eichhörnchen turnen auf Tempelbalustraden herum, Vogelschwärme scheißen ganze Uferstreifen voll, ihre Schlafbäume sind weiß verschorft, als hätten sie eine Krankheit, ein gehäuteter Bullenkopf grinst am Straßenrand dekorativ für einen Schlachter. Eine magere Katze schnappt sich zwei silberne Fische, die der Verkäufer ihr hingeworfen hat. Hunde, Krähen, hochstelzende Strandläufer, blasierte Grau- und Silberreiher, und darüber kreisend im rasanten Tiefflug riesige Raubvögel, Milane? Fischbussarde? scharen sich um die grauen Haufen Garnelen und Krebsreste, welche die Fischer als unverkäuflich aussortiert haben und an den Saum des Meeres kippen. Junge Männer werfen sich angezogen in die Brandung, kreischende Buben zerren an der Hand ihrer Väter, Frauen und Mädchen stehen bis zu den Knien in der Gischt, die Saris gerafft, alle Hosen und Kleidersäume sind nass, warm ist das Meer, trübsandig die Wellen, die uns mit sich hinaus ins Offene zerren wollen. Tausende Sonntagsausflügler sind an den kilometerlangen, breiten Strand gekommen, unter Sonnenschirmen werden an improvisierten Ständen Eis und Getränke angeboten begleitet von hellem Glockengebimmel wandert ein Mann auf und ab und trägt einen Stab voller rosafarbener Plastiktütchen mit Zuckerwatte. Scheinbar im Nichts steht ein Torbogen voller rosafarbener Kunstblumen zwischen Strandgut, Müll und getrocknetem Algengestrüpp im heißen Sand, es ist die Fotokulisse für Hochzeitspaare, die im Festsaal eines Strandhotels im Gesträuch dahinter feiern. Weil die Fähre von Alappuzha nach Kollam seit der Flutkatastrophe von 2018 – fast 500 Tote, nichts davon gehört – nicht mehr fährt, laufe ich weiter zum Bahnhof. Die Bahnschranke wird per Hand an einer Winde von einer jungen Frau hochgekurbelt. Am Schalter erklärt mir eine Frau in knallgelbem Sari strahlend, dass ich jeden Tag früh um sechs und Nachts um zwei einen Zug nehmen kann, Fahrkarten gäbs etwa ein Stunde vor der Abfahrt. In einer der Buden am Bahnhofsvorplatz trinke ich zwei Gläser süßen Milchtee.

Sonntagsausflug mit Krähe

Ein Hotel in einem mehrstöckigen gelben Betonbau wirbt mit Zimmern. In den verwinkelten Gassen zwischen den kleinen Häusern herrscht sonntägliche Stille. Nur die allgegenwärtigen Vögel krächzen und zwitschern, einer pfeift sein durchdringendes Uwii, das ich schon aus den Nächten kenne. Soll er von nun an Nachtpfeifer heißen. Unscheinbare Moscheen ohne Minarette zeigen an, dass das eine muslimische Nachbarschaft ist. Die frischen Samosas fetten die Packpapiertüte durch. Ein junger Kerl bäckt auf einer Platte kleine Fladen, in einer Pfanne brutzelt etwas Rotes mit Zweibeln, er reicht mir den Rührlöffel zum probieren, und so kommt es, dass ich mein erstes Mahl mit drei Fingern esse. Waschbecken gibts keines, der Koch trocknet meinen Aluteller mit einem zu Blättern geschnittenen Zeitungspapier ab, es schmeckt scharf und köstlich, eine rohe rote Zwiebelin Scheiben gibts dazu. Ältere Passanten nicken mir belustigt zu. Im Tempel neben meinem Gasthaus werden Trommeln geschlagen, das monotone Klopfen wird unmerklich schneller bis es in einem frenetischen Rasseln kulminiert und verklingt. Es knallt ein paar Mal und Feuerwerksraketen zischen in den Nachthimmel, gehts hier zum Neujahr des Hasen?

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16 Antworten zu Sonntagsessen mit drei Fingern

  1. Olpo Olponator schreibt:

    Die indischen Bilder fließen ebenso flott und bunt wie die indochinesischen an mir vorbei; vielleicht ruhen sie besser in sich selbst, betonen weniger das persönliche Erlebnis des Augenblicks, lassen sein. Ein Tag zum Wohlfühlen, Sonntagessen inklusive. Pension, was willst du mehr…

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  2. sinnlosreisen schreibt:

    Danke für deinen Bericht. Ich finde deinen Erzählstil genial. Einfach nur eine beschreibende Aufzählung der Beobachtungen ohne jegliche Wertung. Jeder Leser macht sich dann seine eigenen Gedanken wie er das einordnen will. Super!

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  3. eimaeckel schreibt:

    Die indischen Motorradfahrer haben scheints aufgerüstet: Ich sehe dickere Maschinen und sogar Helme. Führerschein dabei?Deine Berichte machen mir Mut zum Alleinreisen. 😀

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    • docvogel schreibt:

      Mach mal! Es gibt viel mehr Wohlstand, auch Frauen mit Rollern, und weniger schrecklich Arme, zumindest sehe ich bisher hier im kommunistisch dominierten Kerala weniger.

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    • Olpo Olponator schreibt:

      Naja – dicker ist diese Maschine mit dem Dicken nur, weil der draufsitzt 😉 … es ist eine Enfield Himalayan mit 411 ccm und 18Kw und so gesehen, eine echte Innovation in Richtung zeitgemäß, Brembo-Bremserei und Einspritzung inklusive – für den Export ab der Euro5 Version auch mit Gugl- und Enfield-Äbb Vorbereitung, wer’s braucht 😉
      Aber sieh dir doch das Bild im Großformat an, es ist wie eines mit versteckten Aussagen, man könnte ein ganzes Kapitel darüber verfassen, auch ohne Zuhilfenahme des vorliegenden Textes – und dir sollten sämtliche Moppets wieder egal sein, vor allem, stelltest du dir vor, du wärest vor Ort…

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      • docvogel schreibt:

        Wow, da spricht ja der super Enfield-Fachmann oder gar Enfield-Fan?

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      • Olpo Olponator schreibt:

        Jein 😉 …
        Ich war hierzulande jahrelang hinter einer Diesel her, möglichst Umbau auf den italienischen Motor mit immerhin 6 PS ;-! und noch immer Verbrauch um 2 Liter/100 – 2x hab ich eine (hierzulande) knapp verpaßt, nun ist es beinahe unmöglich an eine (umgebaute) zu kommen, die Umwelt ist schuld. außer es wäre eine vor 2001 (?) zugelassene (die dürfte man nachträglich umbauen, wenn mans legal braucht … ;-)).
        Die Himalayan erkennt man sehr leicht am Entenschnabel, dem Windschutz, Auspufführung, den Sturz/Kofferbügeln und dem Nichts vom Hinterreifen bis zum Beifahrersitz; auch die Lackierung am Tank ist zu sehen – nicht zu vergessen der unübersehbare Umstand, daß der Sozius gleich um 10cm höher sitzt als der Fahrer … war also einfach 😉 … für jenes Gelände, das ich fahre, ist sie als Notlösung zu gebrauchen (hab ich eine zeitlang überlegt), aber eigentlich ein wenig schwach und zu teuer, sie liegt im Bereich japanischer 250er (aber die könnens halt ohne Mehrkosten und sind qualitativ besser), nun wird sie seit einiger Zeit ein bißchen SchickimickiAdventureHobelGeheimtip für den Eissalon – auch wegen der nötigen Nachrüstung, sie ist serienmäßig einfach zu weich und nicht einstellbar – mit (wenig) Gepäck schlägt sie hinten ständig durch auf welligem Schotter, die Gabel – uiuiui…
        Ich hoffe, kein Sakrileg begangen zu haben, indem ich nun auf durchaus auch verzichtbare Reiseutensilien oben so intensiv eingegangen bin … 😉

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      • eimaeckel schreibt:

        Dann säße ich auf einer 500 Enfield Bullet. 😉

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      • Olpo Olponator schreibt:

        Die steht vor dem Pferd im Ersatzbeitrag für jenen, der im Nirvana verschwand … für ‚dick‘ rate ich zur Interceptor 650 … 😉

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      • docvogel schreibt:

        ha, das mit den Pferdestärken hab ich extra für gewisse Eingeweihte gepostet

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      • Olpo Olponator schreibt:

        Ja, war klar – für eimaeckel … 😉
        Ich hab mir Gedanken darüber gemacht, ob in dem verdecktsichtigen orangefarbenen Farbkübel (?) eh Wasser zum Heu ist und die Halbliter heute morgen als ein JA kaffeesuderfragt.

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      • docvogel schreibt:

        klar, für Euch beide, aber Du bist schon der Ober-Enfielder! Und das Kaffeesudorakel funktionert

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