Schöne Bilder

Stadtauswärts. Landsberger Allee, Lichtenberg Richtung Marzahn

Am Freitag war Lange Nacht der Bilder in Lichtenberg. Den Veranstaltungstipp gabs vom Fotoblogger Stadtauge. Dessen unterkühlte Stadtansichten haben mich schon öfters bei Spaziergängen in besonders öden Stadtgegenden inspiriert und manchmal hab ich den Verdacht, dass ich versuche, seine Ästentik zu imitieren. Aber es gibt mehr von uns und Geschichte eh. Das ist schon Stil, das Mülleimerstillleben ein eigenes Genre, Kunst seit der Schönheit von Heizkörperverkleidungen (Kapielski) und dem Ungeschick der Dinge (Rutschky?), wobei man die beiden eigentlich nicht zusammen in einem Satz nennen sollte. Jedenfalls sind – vielleicht aus Rache am Glatten – in den Massenmedien FB und Instagram die Fotos besonders trostloser Ecken, pittoresk verlassener Buden an von allen guten Geistern verlassenen Ausfallstraßen (Christian Y. Schmidt, Autor des Romans „Der letzte Huelsenbeck“ über einen Hobbyornithologen) von städtischen Nischen und zugigen Plätzen gerade in – oder fallen mir sie vermehrt auf. „Das Schöne, Schäbige und Schwankende“ von Brigitte Kronauer handelt auch irgendwie von einem Ornithologen, aber das führt jetzt echt zu weit ab. Seine Serie „Schöne Orte“ will der Autor Björn Kuhligk gerade per Crowdfunding als Fotobuch im „modernen, urbanen Querformat“ bei mikrotext publizieren, ab 40 Euro mit Kunstdruckposter. Genau, ich wollte ja berichten über meinen Ausflug zur Kunst. Freitag Abend also auf nach Marzahn. Eine Dame in Gelbweste führt eine Besuchergruppe durch eine labyrinthische Flucht von Ateliers. Im Tross ist es nicht so schrecklich, die Künstler und ihre zuvor noch nicht allzu öffentlich präsentierten Werke in ihren Räumen zu besichtigen, mal mit Schlaflager, Wasserkocher, ein alter Sessel, Farbpigmente in Instantkaffeegläsern, vor allem kann man sich in der Gruppe wieder verdrücken, ohne was blödes oder verlogenes über die Kunst gesagt zu haben. Nur an die Weintrauben traut sich keiner, von den Künstlern so erwartungfroh in kleinen Schälchen aufgetischt. Die Führerin erledigt die Kunst-Konversation, mit Seitenblick auf ihr Klemmbrett spricht sie gewandt von Raumerfindungen, von Luft und Wasser, Dynamik ja?, die kubanische Malerin lächelt zustimmend, im Studio nebenan tänzelt eine sehnige Frau in schwarzem Kleid und Papiermaske eine Säbelchoreografie, bei einem expressiven Maler aus Madrid gibt es Salzstangen in einem Glas, complicity, seduction, joy, fear und melancholy, perversion, brutality steht auf einem Flyer zu seinem Werk, zur Selbstvergewisserung greift er sich eine Handvoll metallener Spachtel vom farbfleckigen Tisch, seine Pinsel sind sauber auf dem Fenstersims verräumt, eine Chinesin hat ein Tellerchen mit Kartoffenchips inmitten ihres verträumten nachtblauen Universums aus Öl und Tintenzeichen angerichtet, niemand kommt, im Studio eines israelischen Malers mit Caravaggioaugen, keine Trauben hier, verstärkt leise Ambientmusik vom Laptop den Sogeffekt in die Tiefen seiner riesigen Farbfeldmonochromien, ein strubbeliges Paar zeigt gespiegelte Videos von strudelnden Wasserfluten und hält sich aneinander fest, bei einem Bildhauer mit lustigen Werktiteln steht eine mobile Doppelkochplatte, Weingläser, ein Topf Zwiebeln, seine Frau werkelt auch in Objekten, er bietet an, gute Preise zu machen. In der Toilette auf dem langen Flur bittet ein Schild, Farbe nicht ins Waschbecken zu schütten und kein Klopapier zu klauen. Von einem mit Kupferplatten vollverkleideten Raum hallt Technomusik herüber. Violette Discobeleuchtung, zwei alte Sofas, paar Bierflaschen künden vom Willen, hier Party zu feiern. War schon, kommt noch was. Kein Getränkeausschank. Ich habe gesehen, wozu ich kam. Raum, Luft, Geschichte: Die Ateliers befinden sich in einem funktionalen, 1985 errichteten Gebäudeklotz im ehemaligen mitlitärischen Sperrbezirk der Staatssicherheit in Hohenschönhausen. Gegenüber das Stasigefängnis, von den Sowjets 1951 der Geheimpolizei der DDR übergeben, heute Gedenkstätte, mit Wachturm, Stacheldraht und jenem fahlen Licht, in dem es keine Nacht und keinen Tag gibt. Die „Studios ID“, was für Intelligence Department steht, dienten früher der Entwicklung, Produktion und Instandhaltung von Spionagegeräten. Kameras, Wanzen, Überwachungsanlagen, Tarnausrüstungen, gefälschte Pässe, Taschen mit Geheimfächern usw. Bei den Künstler hat der Genius loci des OTS, des Operativ Technischen Sektors, keine für mich ersichtliche Wirkung hinterlassen. Der Kupferraum abhörsicher, mein Knips-Telefon auf Empfang.

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7 Antworten zu Schöne Bilder

  1. eimaeckel schreibt:

    Ich bin dir Schritt für Schritt gefolgt durch das Labyrint. Vielen Dank für das nicht Bewerten dessen, was du gesehen hast. Ich bin schon durch einiger solcher offenen Ateliers gestolpert und denke, das ist auch schon eine eigene Kunstform geworden. Tolles Titelfoto.

    Gefällt 3 Personen

    • docvogel schreibt:

      hat mich schon erstaunt, in welcher leuchtenden Unschuld die Künstler malen und individuelle Formen suchen, die Sperrmüllsessel, Farbpigmente in Kaffeedosen, alles wie vor 40 Jahren, nur ich hatte es lange nicht mehr gesehn…

      Gefällt 1 Person

  2. wildgans schreibt:

    Ich liebe solche Berichte über das, was ich hier auf dem Lande so gar nicht haben kann. Danke.
    Gruß von Sonja

    Gefällt 1 Person

  3. stadtauge schreibt:

    Und ich lach mich halb schlapp beim Lesen dieser Zeilen. Mein Tag ist gerettet.
    Der Satz „Im Tross ist es nicht so schrecklich, die Künstler und ihre zuvor noch nicht allzu öffentlich präsentierten Werke in ihren Räumen zu besichtigen, mal mit Schlaflager, Wasserkocher, ein alter Sessel, Farbpigmente in Instantkaffeegläsern, vor allem kann man sich in der Gruppe wieder verdrücken, ohne was blödes oder verlogenes über die Kunst gesagt zu haben“ ist genial und bringt es auf den Punkt.
    Ja und ich erfahre nun auch, was so die Highlights an den anderen Standorte der Langen Nacht der Bilder waren.
    Tja, nicht so ganz einfach mit der Kunst. Wenn man davon leben will und muss, muss man wohl viele Dinge mitspielen und aufführen. Ob man dabei freier und sich selbst ist weiß ich nicht. Ob man naiv ist, besser ignoriert oder anders fokussiert. Bleibt offen.
    Ich als Hobbyknipser, der auf der Langen Nacht der Bilder einfach nur sein Schnitzel aß und beim Bier das Leben vergaß, bin dann manchmal sogar froh, nach so einer Nacht morgens einfach wieder mit dem Regionalexpress nach Potsdam zu meiner Arbeitsstätte bei der Brandenburgischen Landesverwaltung fahren zu dürfen…und mein stadtauge zu schließen… (schnarchschnarch…).
    LG Daniel

    Gefällt 2 Personen

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