Wir haben Tabak und Rum

Der Frühjahrsputz geht weiter

Unter der Bahnbrücke haben sich ein paar Straßenjugendliche ihr Lager schön gemacht. Ein Teller mit Äpfeln steht auf einem Hocker, drei junge Hunde liegen auf einer Decke aufgereiht. Schlafsäcke, Plüschtiere und Kissen, Kisten und Tüten sind gemütlich arrangiert. Sauber muss es sein, sagt der Chef-Irokese, die rosige Blondierte im Nest auf dem Bürgersteig nickt zustimmend. Vor einer der Imbissbuden, die den Gang zum S-Bahneingang flankieren, singt ein Alter mit gebrochener Stimme in ein Mikrophon, Hare Hare, Hare Krishna. Er hat eine orangefarbene Mütze auf, der Sound scheppert aus einer altmodischen Box auf einem Rollgestell, ein Gummiband hält ein Bild mit türkisgrüner Landschaft. Ein Inder mit hellbauer Lieferbox und passender Logojacke wartet neben seinem Fahrrad auf das Blinzeln der Welt. Ein Mädchen spielt Gitarre mit Verstärker und säuselt mit Kate-Busch-Stimme eine verwechselbare Ballade. Die Bäckerei-Verkäuferin an der Ecke macht Kaffee an einer richtigen Espresso-Maschine. Ich steuere eine freie Bank am Platz an, da stoppt mich ein junger Kerl und schüttet einen Schwall Rum in meinen Becher, Slowake sei er, seine zwei Freunde aus Polen, rauchen auch? Schon sitze ich auf der Bank neben ihnen. Sie sind angeheitert, die Gegenwart gehört ihnen. Piotr erläutert seine Ideen von einer technischen Intelligenz, nicht Roboter, Porta, ein Portal, das sich öffnet, Beam me up Scottie, I listen, sag ich und verstehe nichts. Manchmal verliert er den Faden, lacht kurz in den Dämmerhimmel, trinkt einen Schluck, eine Pforte, ein Scheunentor, wenn sein Englisch für die komplexen Gedanken nicht ausreicht, wechselt er ins Deutsche. Als ich geh, umarmt er mich plötzlich, Schreck, das tut gut. Ein paar Meter weiter kommt er nach und umarmt mich noch einmal. Wir halten uns fest, Herzschlag pulst wie ein Urstrom durch Schichten wattierter Jacken hindurch. Energy transfered, mission completed.

Frankfurter Allee, Tor zur Untergrundbahn
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5 Antworten zu Wir haben Tabak und Rum

  1. Jules van der Ley schreibt:

    Schöne Impressionen. Besonders gefällt mir: „Ein Inder (…) wartet neben seinem Fahrrad auf das Blinzeln der Welt.“

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  2. kormoranflug schreibt:

    Wie hast Du nur das Baumhaus am Biergarten der Hafenküche gefunden?

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  3. eimaeckel schreibt:

    Ja, manchmal braucht es nicht so viele Worte. Schöner Moment und schön erzählt.

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