An der Bucht

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Die Roma sind weg. Nur eine ältere Frau in vielen Röcken und Jacken eingepackt hockt an einem Feuerchen. Ihr Mann mit Ohrenklappenmütze schiebt einen beladenen Einkaufskarren durch den Dreck, vielleicht sind noch ein paar Verwandte unterwegs bei der Bettelarbeit. Die notdürftigen Behausungen sind verlassen, durch die Türverschläge aus Brettern, Latten und Planen sind Matratzen und gammelige Decken zu sehen. Vor manchen Eingängen liegen Teppichreste, die während der Besiedlung von den Frauen wie Vorgärten sauber gefegt wurden. Auch die Hoodies aus Trebegängern und jungen Obdachlosen im Lager daneben hocken auf Kisten und Planken um zwei, drei kokelnde Feuerstellen herum, sie trinken Sternburg, einer füllt Rotwein, recht guten gar, so weit ich es erkenne, in eine Plastikflasche um. Viele gepflegte Hunde streunen herum, auf einem Podest steht ein Eimer voll Schrippen, mit Käse oder Salami belegt, einzeln in Folie gewickelt. Die hat J. von der Wärmestube vom Kneipenkollektiv in der Rigaer soeben vorbeigebracht, er arbeitet bei Karuna, einer Hilfsorganisation für Straßenkinder. Bis letztes Frühjahr betreuten sie die Leute hier an der Rummelsburger Bucht mit einem Zelt, Klocontainern, Rat und Angeboten zur Sozialhilfe. Jetzt gibt es weder Wasser – die Bucht ist mit Schwermetall verseucht –  geschweige denn Rudimente von sanitären Anlagen, Müllentsorgung oder gar Strom. Wie lädt man sein Handy hier auf, wo scheißt man hin, wie putzt man Zähne oder wäscht sich auch nur die Hände?

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Anfang kommendes Jahr will der Bezirk Lichtenberg eine ehemalige Flüchtlingsunterkunft in Karlshorst hergerichtet haben und den Leuten des Camps hier zur Verfügung stellen. Niedrigschwellig, ohne Personalienerfassung, bis April zumindest. Ein Schlaks mit halbrasiertem Kopf winkt mich heran, ein Ledertyp bietet mir von den Brötchen an. Fast gemütlich ists ums Feuer. Ob wer aus der Gruppe in die temporäre Unterkunft umziehen werde? Das wisse hier keiner vom anderen. Sie lachen und kümmern sich nicht weiter um mich, eine blonde Frau mit Dreads und Nietenjacke spricht Englisch, es ist ein bißchen wie beim Ferienlager der Versprengten, die nach der letzten Band die Abreise vom Festival verpasst haben.

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Zelte und wild zusammengehauene Hütten lehnen aneinander, verbunden durch schräg verzurrte Vordächer aus Planen und Werbebannern, darunter zertretene Wiese, nackter Boden, aufgetaute Matschpfützen, Schmuddeldecken, Schlafsäcke, Ersatzzäune, ein Dorf, ein beinahe heimeliger Kreis um die Feuerstelle. Dazwischen aufquellende Säcke mit Altklamotten, Fahrräder, aus lindgrünen Plastiksäcken quellen alte Laugenstangen und Brezeln. Ein Ensemble aus Einkaufswagen ist kunstvoll zu einer filigranen Barrikade aufgetürmt. Beißender Rauch zieht in niedrigen Schwaden über der Müllszenerie. Ein Radfahrer mit einem Anhänger bringt noch mehr Tüten voll Brot vorbei.

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Über der Bucht zieht eine Möwenschar eine letzte Runde vor dem pathetischen Sonnenuntergang. Auf Hausbootclustern gehen die ersten Lampen an. Qualm schwelt über dem Gelände, mit der blauen Stunde kommt die Kälte.

 

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6 Antworten zu An der Bucht

  1. Die schwerst besorgten Bürgerärsche haben jetzt ja mit der Omma vom WDR zu tun, sonst kämen die bestimmt zum Aufräumen. Oder der Buhrow kommt, ach ne, das wäre ja Arbeit. Da ginge der eher zur EU.

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  2. info@samuelherzog.net schreibt:

    Liebe Vogelsperspektive,

    Ich habe immer wieder Freude an deinen Posts (trotz Staubsaugerwerbung…) Merci alors.

    Im 2020 habe ich vor, mich „from tip to toe“ durch ein ganzes Glücksschwein zu beissen – und fang am 1.1. mal bei den Zehen an. Chez Georges, in Lyon. Mögen unsere grössten Pläne Fleisch werden! Bonne année!

    Herzlich

    S.

    Samuel Herzog info@samuelherzog.net +41 79 608 80 31 http://www.samuelherzog.net

    >

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: Samstagslinks – Geschichten und Meer

  4. stadtauge schreibt:

    Lieben Dank für diese eindringlichen Gegenwartsbilder und Worte. Es ist ein erschreckender Ort. Hin und wieder gehe ich dort hin oder vorbei, gebe dem/der ein oder anderen Geld und versuche ein wenig ins Gespräch zu kommen. Es ist heftig. Ich weiß auch nicht…

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  5. docvogel schreibt:

    geht mir auch so, jetzt sind die Shacks der Roma ja schon abgeräumt, der Container geleert, die verbliebenen „Bewohner“ nicht immer freundlich, aber wer wills ihnen verdenken.

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