Hat man schon nichts

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Der Paketshop hat noch offen. Eine Frau will was kopieren, geht dort aber nicht. Sie bricht in Tränen aus. Ihr Hund wurde gestohlen. Er saß angeleint am Eingang des Kaufhauses. Wer macht so was? Sie hat ein Foto von ihm mit Suchmeldung ausgedruckt. Dann war die Tintenpatrone alle. Drei Stunden hat sie ihn überall gesucht, alt ist er, ein Mischlingsrüde. Sie hat zwei Kinder und ihre Mutter ist gekommen. Und nun soll sie ohne Hund nachhause.

Es ist kalt in der Kombüse. Der Kapitän sieht aus, als könnte er Knut heißen. Sein weißer Bart ist zu vier dünnen Zauseln gewirbelt, auf seiner Mütze ist ein Anker angenäht. Er hält einen Vortrag über Gentrifizierung  – das Wort haben Sie vielleicht schon mal gehört? 58 Jahre lang hat man ihn immer wieder vertrieben, jetzt bleibt er. Auf dem Wasser. Mit einem 5-l Motor ist man beweglich,  man braucht weder Führerschein noch Genehmigung.  Nur einen schwimmenden Untersatz. Und schließlich kämen die ganzen Touristen nur nach Berlin wegen ihm und dem was er und die anderen Piraten verkörpern. Die Ansammlung schrottiger Kutter mit demonstrativem Autonomie- und Kulturanspruch seien schließlich das, was Berlin attraktiv mache. Höre ich da einen schwäbischen Akzent?

Best of Grill hat alle Feiertage über geöffnet. In der Ringbahn sitzen vom Familiensein erschöpfte Kleinfamilien. Jungen mit neuen Plastikgewehren machen Nervgeräusche. Eine Frau mit Kind und grauhaarigem Vater redet ununterbrochen, ohne Tonfall und Rhythmus zu ändern. Zwei Obdachlose fahren die ganze Runde mit im Kreis. Einer döst, den kapuzenbedeckten Kopf ans Fenster gesackt. Einmal schreckt er hoch, wendet das Gesicht irritiert um und spricht zu niemandem konkreten. Auch ihn hat am Heiligen Abend jemand beklaut. „Hat man schon nichts!“ Die gelben Ersatz-Turnschuhe sind ihm zu klein, die schnürsenkellosen Laschen hat er aufgeschnitten. Ein winziger Rucksack, ein Schlafsack und eine noch in Plastikfolie verpackte Isomatte lehnen nah an seinem Körper. Bartstoppeln überziehen seine eingefallen Wangen mit fahlem Grau, seine Fingernägel sind lang und schmutzig. Der in seine schmale Hand gedrückte Fünfer schickt eine Welle ungläubigen Lächelns über sein Gesicht. Wie in einem plötzlichen Wolkenloch erhellt sich seine Miene, erinnert sich daran, wie jung er doch ist.

 

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11 Antworten zu Hat man schon nichts

  1. Lass ich mir morgen von Tom Waits vorsingen. Oder wann er den Termin bei mir hat. Brauch ne App. Und’n Klavier. Nur Arbeit.

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  2. docvogel schreibt:

    schon gut, das nächste Mal nehm ich dann wieder die Flasch Sterni mit auf die Ringbahn-Runde…

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  3. richard schreibt:

    danke frau vogel

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  4. eimaeckel schreibt:

    Wunderbarer Text. Vom Kleinfamilie sein erschöpft wünsche ich dir ein gute neues Jahr.

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  5. docvogel schreibt:

    Danke, Dir auch! Und bitte weiterhin dito wunderbare Texte aus dem Wedding und dem Rest des Lebens

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  6. Heinrich schreibt:

    Gruß von Lehrte nach Berlin. Sie haben zwar keinen Lehrter Bahnhof mehr, aber ich finde Berlin so Klasse, dass ich sogar schon mal von Lehrte nach Berlin geradelt bin. Google Maps meint, man brauche dafür 13 Stunden und 53 Minuten. Ich habe das Doppelte gebraucht. Irgendwas stimmt wohl mit meinem Fahrrad nicht?!? 😉
    Gruß Heinrich

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    • docvogel schreibt:

      Mit dem Fahrrad hierher? Alle Achtung, dazu brächte ich wahrscheinlich das Achtfache an Zeit – und ein Fahrrad sowieso, das alte Herrenmodell hab ich verscherbelt, nachdem ich letztes Jahr davon runtergefegt worden bin. Aber nichts gegen Berlin, da stimm ich Ihnen zu! Am ehemaligen Lehrter Bahnhof war ich erst letzt, da ist jetzt u.a. die Stadtmission…

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