Wo sie ruhen

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Neben der monströsen Festung des BND werden krumme Weihnachtstannen angeboten. Für die Hälfte  kann man sie auch als Topfbäume mieten. Auf eine Glasfassade bewerben blaue Leuchtbuchstaben ein „Research Gate.“ „Vergangenheit heilen“, verspricht ein Meditationskurs in der „Reinigungspraxis“ gegenüber. Das Klo auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof  ist beheizt. Barrierefrei und geräumig genug, um mehrere Leute beherbergen zu  könnten. Auf einer Infotafel steht der Scancode der web-app „wo-sie-ruhen“. Sie dient als Routenfinder zu Promigräbern auf 45 historischen Friedhöfen, ein Schauspieler verliest dazu Informationen, die auch Zuhause einen „emotional ansprechenden Eindruck“ machen können. Emotional ansprechend finde ich jetzt vor allem die nächste Bäckerei mit Stehcafe. Während ich gesüßten Milchschaum mit einem winzigen Plastikstäbchen in mich hinein löffle, überfällt mich die Erinnerung man meine Mutter, die ich so mit Kaffeeschaumtröpfchen gefüttert habe. Auf dem Gehsteig vor den bodentiefen Fenstern lächelt mir ein Frau mit roten Lippen zu. Eine Apothekenangestellte in weißem Kittel schüttet mir zwei Hände voll Kräuterbonbons und ein Kistchen mit Cremeproben in den Rucksack. (Ich schnorre für Weihnachtspäckchen der Kältehilfe.) Für mich und eine kranke Freundin kaufe ich mehrere Romane im langen Blomqvist. Dort gibt es preisreduzierte Mängelexemplare. Über die Spreebrücke beim Bahnhof Friedrichstraße eilt die isländische Schriftstellerin Steinunn Sigurdadottir auf dem Weg ins Berliner Ensemble. Ihr lila Schal flattert wie ihr offenes Lächeln im Wind. Vor einigen Jahren wollten wir mal zusammen U-Bahnfahren bis zur Endstation und zurück und dabei Bier aus Flaschen trinken. Es wurde nie was draus, heute macht das ja jeder. Ihr neuestes Buch „Heidas Traum“ (Hanser) ist die scheinbar einfach – das ist nie einfach – in Rollenprosa erzählte Geschichte einer isländischen Schäferin, die vom Ex-Model zur Umweltaktivistin wurde. Eine Apothekerin im Wedding, bei der ich weiter um Waren-Pröbchen bettele, fragt nach meinem Ausweis.  Man weiß heut ja nie. (Ich habe eine Visitenkarte des Hilfe-Vereins vorgelegt.)  Als ich meinen Presseausweis zeige, sagt sie spöttisch „ach, so sehn die also heute aus“.  „Bangkok!“ fügt sie kennerisch hinzu. Hä? Bei der Kao san road  könne man sich doch alle Ausweise fälschen lassen. Da kann ich ja bald echt Geld sparen, bedanke ich mich erfreut für den Tipp. Da packt sie doch eine Tüte mit Blasenteebeuteln,  Brausetabletten, Traubenzucker, Duschgels und drei Sonnenschutz-Schirmmützen. Die kriegen wir im Winter ja nicht los. Das sagt sie schon fast entschuldigend.

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4 Antworten zu Wo sie ruhen

  1. irit storch schreibt:

    a touching text of the difficult situation, in a colorful way you describe the greyness of the circumbstances.

    Gefällt 1 Person

  2. tikerscherk schreibt:

    Mal wieder so atmosphärisch dicht und niederschmetternd realistisch geschrieben.

    Gefällt 2 Personen

  3. look2him schreibt:

    Gibt es bei der Raumfahrtagentur noch eine Fahrkarte für die Strecke vom Weddinger Müllraum zur Rückseite des Mondes? Vielleicht mit Flixrakete?

    Gefällt 1 Person

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