Wie die Raben

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Die Praxis liegt in einer Genossenschaftswohnanlage im Wedding. Im  Wartezimmer liegt ein Perserteppich auf dem Parkett, es gibt  drei Ledersessel und Zeitschriften, aber man muss nie lange warten. Mein Zahnarzt kam vor gut 30 Jahren aus Teheran. Er hat Zauberhände und macht nie etwas Unnötiges. Eine Blondine und eine junge Kopftuch-Frau assistieren ihm. Am Leopoldplatz ist Kirmes. Ein Kinderzug schrappt im Kreis herum. An der Bushaltestelle steht eine Frau mit halb entblößtem Hintern. Sie rubbelt hektisch ihre Scham, erschrocken schaue ich weg. Hol mir einen Pappbecher Kaffee an der nahen Bude und sehe zurück. In der Apotheke gegenüber kaufe ich feuchte Desinfektionstücher. Inzwischen hat sie ihre Hose bis auf die Knöchel heruntergelassen. Halbnackt und barfüßig steht sie mitten auf dem Bürgersteig, der spätnachmittägliche Berufsverkehr rauscht um sie herum. Im Unterstand der Bushaltestelle sind alle Sitze besetzt, bis auf den äußersten, neben dem hat sie ihre Sachen auf dem Boden ausgebreitet. Schlafsack, Müll, Tüten, Schuhe, ein Einkaufswagen. Sie guckt panisch, hab Neurodermitis, und Entzug, sagt sie, es juckt sie fürchterlich. Sie hält einen Flachmann in der Hand und reibt sich den Alkohol in die brennende Möse. Das kühle feuchte Tuch hilft, vielleicht auch meine Allergietabletten, die sie einsteckt, sie beruhigt sich schnell, zieht ihre Hose hoch, die ist sauber, neu. Wir setzen uns auf ihr Lager. Sie ist spindeldürr, Krebs auch noch, ja, sie ist in Behandlung, gibt auch eine Unterkunft, aber da sei es nicht gut, keine Privatsphäre, sicher auch striktes Drogenverbot. Entzug, sagt sie wieder, und zeigt entschuldigend auf den Rest Schnaps. An ihren dünnen Armen klimpern Armreifen, ihre blonden Haare sind mit rosa Strähnchen durchsetzt. Unter einem Auge hat sie ein Pflaster, einen etwas schmuddeligen Verband um ihr geschwollenes Fußgelenk. Ob ich ihr Cola besorgen könnte, und Klaren, sie fingert ein paar Euro hervor, sie funkeln wie Spielgeld  im Sonnenlicht. Als ich zum Obstler noch Schokolade, Bio-Bananen und Spekulatius dazu tue, fühle ich mich super. Hat dieser Tag doch noch Sinn gemacht. Ha. Und billiger als eine Yoga-Stunde. Mal kurz den Samariter spielen ist leicht und erzeugt Instant-Glück. Die damit einhergehende wohlige Selbstzufriedenheit macht die Güte und Barmherzigkeit (des Gutmenschen) so suspekt. Aber hieß es nicht: Was Ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr  mir getan? Warum haust sie inmitten der erschöpften, von Chefs, Vätern, Nahverkehr und Hormonen genervten Menschenmassen an einer Bushaltestelle am Leopoldplatz und nicht auf der nächsten Parkbank im Schatten eines alten Baumes? Warum gibt es kein Hospiz mit Kirmes und Schlosspark und frischbezogenen Betten für sie? Sie redet nun wie ein Wasserfall, ich könnte ihre ganze Lebensgeschichte haben, eine Stunde entfernt von Tuzla, Ex-Jugoslawien, von dort komme sie her, sie berlinert, sie spuckt, sie sabbert ihre Kippe voll, die sie nicht ansteckt, ihr ginge es ja gut, nur die Menschen, die sind schlecht. Wie zum Beweis knallt ein Kopftuchmädchen ihren Fingerring an die Scheibe hinter uns. Ob ich mal kurz auf ihr Zeugs aufpassen kann, die klauen hier. Wie die Raben. Klar komme ich wieder. Bis bald. Als Studentin habe ich beim Unisport einen Kurs in Ausdruckstanz besucht, der mir sehr gut gefiel . Nach dem zweiten Semester bedankte sich die Kursleiterin bei uns und verabschiedete sich. Sie hatte ihre Magisterarbeit in Tanztherapie erfolgreich abgeschlossen. Wir waren ihre Probanden gewesen. Ich fühlte mich verraten. 

 

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6 Antworten zu Wie die Raben

  1. wildgans schreibt:

    Wenn ich das lese, im Sonnenschein auf kleinem Winzerdorf, Walnüsse sammelnd, ist es weit weg und fremd, unvorstellbar. Ich staune, dass das nicht New York oder Mexico City ist, und ich mag, wie Frau Vogelperspektive damit umgeht und wie sie drüber textet! Und wie sie mit den wildwüsten, geplagten Menschenkindern umgeht!
    Gruß von Sonja

    Gefällt 3 Personen

  2. eimaeckel schreibt:

    Ja, das Gefühl ein bisschen was gerade zu rücken in dieser verrückten Welt – das tut gut. Aber wenn ich das Christus-Zitat in Verbindung bringe, mit dem was ich heute über die Katholische Kirche weltweit höre, dann müsste es Jesus ganz schön im Hintern weh tun.

    Gefällt 2 Personen

  3. katrin eissing schreibt:

    Wer ist denn dann die Tanzlehrerin? Wer Proband. Wechselt doch. meinst du es so?

    Gefällt 1 Person

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