Abraham und der Storkower Bogen

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Die Dealer im Görlitzer Park haben ihre Sonntagskleider an. Bunt gemusterte Kaftans, wadenlange Hemdkleider in Brokatlila und Braun, aus glänzend gewachstem Stoff, steif gebügelt und mit schillernden Bordüren. Höchster Feiertag der Muslime, erklärt der schöne Ghanaese mit Goldklette, Kopftuch und Holzperlen in den Rastazöpfchen. Heute sollte Ibrahim seinen Sohn opfern und kurz bevor er Isaak die Kehle durchsäbelte schickte Allah ihm das legendäre Opferlamm. Abraham? sag ich, klar, Ladim nickt, war alles mal dasselbe. Früher mal begann mit den Brombeeren der Herbst. Schon im Juli waren sie in diesem Jahr fällig. Ein von Brombeerhecken gesäumter Fußgängerweg führt am Bahndamm entlang zur Storkower Straße. Die ist nicht zum Zu-Fuß-gehen gedacht. Die mehrspurige Verkehrsachse entstand um 1970 aus der Verlängerung und Zusammenlegung kleinerer Straßen als Verbindung zwischen Prenzlauer Berg (Greifswalder), südlichem Pankow und Lichtenberg durch zuvor stadträndige Gewerbegebiete und mehrere neuentstehende Hochaussiedlungen. Parallel zur Storkower kann man nun endlos an geparkten Kleinwagen entlang durch stille Straßen laufen, umhegte Mülleimerareale, verwaiste  Spielplätze, eingezäunte Sportanlagen und betretbare Grünflächen, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Der Storkower Bogen, ist ein kreisförmiges, in „freundlichen“ Primärfarben bemaltes Einkaufscenter. Im gleißenden Licht flimmert eine leere Piazza, ich kaufe ein Gummicroissant und lasse die Füße ins flache Wasser einer einst neumodischen Brunnenkreation hängen. Über eine Brückenröhre, die längste ihrer Zeit, Aufzug defekt, kommt man über die Storkower zur S-Bahn-Station, dahinter sind große Einkaufseinrichtungen in weitläufigen Parkplatzflächen verstreut. Zwischen Landsberger Allee und Kniprodestraße, nach einem weiteren Einkaufsblock (in den USA hat gerade das Mall-Sterben eingesetzt…) und einem fast schon lauschig abgeratzten Burger-Drive-In liegen hier preisgünstige Tankstellen und Autowaschanlagen, Werbeposterwände vor Brachen, Fitnesscenter, Tierfuttergroßmarkt, Möbelabholmarkt, Jobcenter, Finanzamt. Aus einem mit Graffitis zugeschmierten Flachbau kommt live geübte Rockmusik, im 2015 von ihm eingeweihten Rupert-Neudeck-Haus leben seither mehrere Hunderte Geflüchtete in Mehrbettzimmern. Im selben Haus gibt es auch eine Notunterkunft für Obdachlose. Dort wurde bis vor kurzem noch der Straßenfeger produziert, aufgrund der Zeitungskrise ist er temporär eingestellt, ebenso das Café Bankrott. Den besten Café Berlins, so meine Freundin, die das beurteilen kann, gibt es eine Ecke weiter bei der KulturMarktHalle. In einem klug designten und selbstgezimmerten Tiny House wird arabischer Kaffee mit Kardamom in zierliche Orienttässchen mit silbernen Deckelchen serviert. Ein paar deutschsprachige Trivialromane und zwei junge arabische Männer warten auf Kundschaft, die altgewordenen Bewohner aus der Hochhäusern der Nachbarschaft hätten wahrscheinlich gerne ihre alte Kaufhalle wieder gehabt, vielleicht wären sie da mal im „Bake off“ eingekehrt, mit dem „Hackenporsche“ ist der Weg zum nächsten Aldi weit. Zurück im Brombeerhohlweg bedeutet mit ein grauhaariger Herr mit einer großen Plastiktüte, ihm zu folgen. Er ist Fliesenleger, ursprünglich Kaminbauer, aus Griechenland, und zeigt mir seine geheime Brombeerstelle. Dazu müssen wir neben einer Brücke über ein Gartentor klettern und eine wild verwucherte Treppe hinunter steigen. Im Dreieck zwischen zwei Gleistrassen versteckt sich eine eingezäunte Datsche, die Brombeerhecke ist riesig, die Beeren auch, wir hamstern beide mehrere Kilos, ein Baum hängt voller reifer gelber Pflaumen. Der Grieche sagt, seine Frau mache so was wie Ketchup draus, ich mache Brombeer- Sauerkirschen-Chillie-Marmelade, Pflaumen-Kuchen mit karamellisierten Zimt-Mandelsplittern. Bei den Rezepten für Aufläufe stehen Zutaten wie „Kartoffelpüree aus Trockenproduktion“, Margarine, Maismehl, Tortenguss, und dass man die aufgeschlitzte Vanilleschote nach dem Kochen in der Milch herausnehmen soll, als gäbe es das alles noch im Kolonialwarenladen an der Ecke. Und „Pfirsiche“ bedeutet immer aus der Dose. Wer hätte je an Pfirsiche aus Pankow geglaubt, inzwischen sind sie abgeerntet, die Brombeeren vertrocknet, und ich bin mehrere Aufläufe, Kompotte und Kuchenversuche reifer. 

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6 Antworten zu Abraham und der Storkower Bogen

  1. Drittgedanke schreibt:

    Endlos herumzulaufen, „ohne einer Menschenseele zu begegnen“ – dass man das, ausgerechnet!, in großflächigen Stadtgebieten erlebt, daran erinnere ich mich auch. Im Grunde müsste einem das noch viel seltsamer vorkommen als Pfirsische aus Pankow… (Man kennt’s eben so. Und, wer weiß, mag ja sein, dass der Pfirsich hier sogar irgendwann den Apfel ablöst? …Pankower Bananen?)

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  2. eimaeckel schreibt:

    Die Dealer in Festtagskleidung haben mir gut gefallen (hätt ich gerne gesehen). Deine Beschreibung gibt ihnen viel Würde. Der Storkower Bogen und der alte Schlachthof auf der anderen S-Bahn-Seite ist bei mir mit vielen Erinnerungen und Hoffnungen aus der Nachwendezeit gefüllt. Das Schlachthofareal sollte mal ein autofreies Viertel werden. Mit Kinderwagen und Partnerin haben wir uns die hochfliegenden Pläne angeschaut. Damals gab es auch die „Röhre“ wie du sie nennst noch in voller Länge bis zur Eldenaer Straße. Sie hieß „das lange Elend“ Und so ist es ja dann auch gekommen.

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  3. wildgans schreibt:

    Dealer in Sonntagskleidern. Hier: Landfrauen in Kittelschürzen mit Bringkuchen aufm Arm.

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