Sternschnuppenhagel

 

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Der Donner kommt von der einen Seite, die Flugzeuge von der anderen. Windböen jagen wie verspielte Derwische herum, schütteln den Apfelbaum des linken Nachbarn, legen sich in die knarzende Hollywoodschaukel des anderen, verstecken sich im Gebüsch, legen sich ins Gras, schlagen einen Fensterladen zu, fahren hoch. Die Fahne des rechten Nachbarn knattert, zwei lilane Comic-Hühner drauf,  er hat auch noch eine gelbe mit Smiley, wo kriegt man so was, bei Ikea, im Datschenausstattungsbedarf?  Die Metallringe und das Seil zur Profi-Befestigung klappern am Fahnenmast, gaukelt uns ein wenig Hafenatmo vor. Flughafen haben wir eh in der Nähe. Die deutsche Fahne gibts hier fast nur bei sportlichen Ausnahmeereignissen. Im Schaukasten mit den Vereinsmeldungen rät ein ausgeschnittener Zeitungsartikel davon ab, die Christdemokraten oder gar die Liberalen zu wählen. Wieso überhaupt wählen, das hier ist Heimatschutzgebiet Ost, da regiert die Partei und Tegel ist im feindlichen oder doch weitest unerreichbaren Westen. Leider liess sich mit der Wende die Überfremdung der Kolonie durch zuwandernde Wessis (wie mich) nicht aufhalten. Die Einflugschneiße, auch Ausflug, je nach Wind, liegt wie ein Schutzschild über den geduckten Obstbäumen der Kleingartenanlage. Bei der kürzlichen 105-Jahr-Feier verkauften Alteingesessene auf dem Hauptweg selbstgemachten Kaffee und Kuchen, es gab Kinderbespaßung mit Anmalen und in der Gartenwirtschaft moderierte ein Radiosender-Clown die Schlagerparade. Es wurde Heino gespeilt, Mamma, das glaubt mir keiner. Das Gewitter verzog sich. Der Regen blieb aus. Aber wenn mans grad mal gerne so knallklar gehabt hätte, wie all die vergangenen Hitzetage, dann zieht eine hauchzarte Wollendecke auf. Ich sitze da wie im Lichtspieltheater und warte, dass der Vorhang aufgeht. Vielleicht sitz ich schon an der gefakten Bushaltestelle im Demenzgarten und warte, dass was passiert. Nichts geht ab. Wie es aussieht, wird auch dieser alljährliche Perseidenhagel ungesehn an mir vorübergehen. Stattdessen eine Fledermaus, vermutlich drei, klein wie Schwalben, die meistens Mauersegler sind. Eine Weile sind alle landenden Flugzeuge von Easyjet. Mein neuer Wasserkocher leuchtet nicht, wenn er in Betrieb ist. Klart es auf, oder ist das nur ein Wunsch? Und  reicht es nicht zur Wunscherfüllungsbeschwörung, wenn ich mir die Sternschnuppen einfach nur einbilde? Die Augen müssen sich an die Nacht gewöhnen. 

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2 Antworten zu Sternschnuppenhagel

  1. eimaeckel schreibt:

    Eine Zeitinsel ist das, was du beschreibst. Unter dem Schutz der Donnervögel verändert sich hier nichts. Dabei wird es doch immer heißer an der Bushaltestelle im Demenzgarten wird bald eine Bombe explodieren.

    Gefällt 2 Personen

  2. docvogel schreibt:

    herrlich, hoffentlich erwischt mich wenigstens die Bombe dann…im Sinn von „lieber ein Ende mit Schrecken als Schrecken ohne Ende“

    Gefällt 2 Personen

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