Verdrängung

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Bis vor wenigen Tagen stand hier ein Flachbau. Er war nicht schön, aber darin war unser Getränke-Stützpunkt, mit dem von Rosenbüschen umheckten Parkplatz davor ein beliebter sozialer Treffpunkt für alte und neue Anwohner, Tagelöhner der Baustellen und viele europäische Touristen aus den nahen Hostels. (Sind diese Jugendlichen etwa die Nutznießer der Interrail-Tickets, die gerade in einer mir unverständlichen Eu-Aktion umsonst verteilt werden?) Ein paar junge Männer, die bestimmt nie ein Interrtail-Ticket haben werden, schmissen den Laden, der brummte, aber Getränke-Hoffmann kann sich die Miete für die Filiale in den Neubauten ringsum nicht leisten. Die Spätis dürft es freuen, leicht habens die auch nicht. Lidl soll auch weg, obwohl der doch im ja wohl denkmalgeschützen Backstein-Fabrikgebäude ist. Das erfährt die Freundin bei der Maniküre im Nagelstudio, das dann bestimmt auch weg muss, wie die Apotheke nebenan, die belgischen Frittenbude und der Haferkater, ein „auf schottischem Porridge spezialisiertes Café in modern-rustikalem Ambiente“. Weg müssen Tische und Stühle, weg muss der Bürgersteig auf dem sie stehen und wir gehen. Gab es da nicht sogar mal ein Reisebüro?

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6 Antworten zu Verdrängung

  1. Jules van der Ley schreibt:

    Diese Sorte Verdrängung beobachte ich auch in meinem VIertel. Ironischer Weise wird ja genau das verdrängt, was den Reiz eines Viertels ausmacht. Indem Investoren den für ihre Klientel entdecken, zerstören sie ihn, vergleichbar dem Tourismus. Hörte ich gestern: „Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.“

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  2. docvogel schreibt:

    Ja, so ists, inzwischen sind ja nicht mal mehr Tante Emma Läden (was war das noch mal) bedroht, sondern bereits die schrottigen Billig-Großhandelsketten…ein schönes Zitat.

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  3. schlingsite schreibt:

    Jetzt wird auch klarer, was mit dem Spruch: „Alles muss raus“auf manchen Schaufenstern gemeint ist.

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  4. Hinnerk schreibt:

    Passiert bei uns im Dorf auch so ähnlich, aber nicht durch Verdrängung:
    Tante Emma, Friseur, Sparkassenfiliale, Doktor, Apotheke – alle weg, aber nix anderes. Und natürlich nur zweimal ein Bus in die Stadt, wenn nicht gerade Ferien sind. Und es triff wie immer die Gleichen. Die alten, die sowieso nicht wegkommen ohne Verwandte/Freunde oder so vor Ort, und die Jungen, die sich ihren Stoff zur Bushaltestelle liefern lassen. Weil die Kneipe auch schon lange dicht ist.

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