Ich kann auch keine Pfirsiche mehr sehn

Südkreuz. Das ist in Berlin kein Romantitel sondern ein recht schicker, zumindest zugiger S-, U- und Stadtautobahn-Verkehrsknotenpunkt mit Möbelhaus-Anschluss. Tempelhof. Das „Feld“ des ehemaligen Flugplatzes ist eine Station entfernt. Man könnte das Konzept der blanken Stadtbrache, die urbane Glatze aus Asphaltbahnen und derzeit versteppter Wiesen,  jetzt gut mit ein wenig Schattenspendern modifizieren, ein Wäldchen, ein See… Im ehemaligen Rückstaubecken des Flughafens, auf der südlichen Seite des Columbia-Damms, haben Architekten und kulturell subventionierte Aktivisten mit Holzstegen und Stahlgerüsten übern Sommer die Floating University City eingerichtet. Ein Wasserrad, Tomaten in hölzernen Blumenkästen, Pilze im feuchten Stroh in Badewannen, Kisten mit heiligem Kompost und Hornissen. In einem luftigen Pavillon mit einzelnen Waben gibt es pinkfarbene Plastikgießkännchen zum Spülen der Ökoklos. Gummistiefel stehen an den Treppen und Podesten bereit, um damit im grünen Wasser herumzuwaten. Es gibt Bewirtschaftung und Programm, an einem vergangenen Sonntag stellt die Gruppe MetroZone ein Buch über Novosibirsk vor, später geben authentisch kostümierte Ethnomusiker aus der Großregion Südsee ein Konzert, ein australischer Surfertyp, der das organisiert hat, zeigt dazu seinen Docfilm. Vollmond auf Meer, eine Frau singt melancholisch melanesisch über längst verstorbene Ahnen. Time to go. Auf dem selbem Flachbildschirm hatten zuvor auch die Novosibirsk-Forscher einen Docfilm gezeigt. Da war es allerdings noch hell und die Schwalben und Mauersegler vollführten interessante Bewegungen. In Novosibirsk gelte das Motto Go West, und das beliebteste Hobby, zumindest unter Videokünstlern, sei Autofahren und dabei filmen. Man sieht eine vielspurige Straße mit Autos, die endlos an einer toten Kreuzung stehen, in der Ferne Hochhäuser, und Technosound. Beim Südstern essen wir eine der ödesten Thai-Suppen ever, beim Kotti überrennt eine Polizei-Einheit einen schmächtigen Dealer, der wirft sich sofort auf den Boden und lässt sich abführen. Am Schlesischen Tor ist wie immer Straßenfest. Alles gut? lockt der Dealer an der Warschauer Brücke. Doch das ist  Ostkreuz. Mein Ausflug ging ja nach Südkreuz: Der Gedenkort SA-Gefängnis Papestraße hat Montags zu. Das Kopfsteinpflaster brütet Blasen aus. Von einer Autowerkstatt kommen müde Geräusche, der Eingang zum leeren Büro sieht aus wie ein lauschig beschattetes Caféhaus, in dem es selbst gebackenen Kuchen geben könnte. Das ganze Gelände ist still und groß, Autos ohne Nummernschilder,  verschlossene Backsteinhäuser, Brombeerhecken, didaktische Schilder. Im Kasernengebäude der Preußischen Eisenbahnregimenter befand sich 1933 eines der ersten Konzentrationslager der SA., Folterkeller. Nach der Luftbrücke in der Nähe die ehemalige Lagerhalle der Senatsreserven, einer von 700 einst geheimen Orten. Daneben eine Kleingartenanlage. Eine Babyklappe. Wirklich eine Klappe, fast wie beim Altkleidercontainer. Dann das Krankenhaus, im Garten ein Wasserschlauch. In meinem Garten  wird  es Zeit für die Wespen.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Allgemeines, Berlin, Errinnerung, garten, Götter, Genozidmuseum, Geschichte, Memory, Reise abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Ich kann auch keine Pfirsiche mehr sehn

  1. eimaeckel schreibt:

    Bei deiner hitzeflirrenden Stadsafari in den Süden können einem schon mal die Himmelsrichtungen durcheinander kommen. Sehr lässig. Jetzt weiß ich auch endlich, wo die Seneatsreserve gebunkert war, die mein Vater von Westdeutschland zwei mal die Woche anfuhr. Danke.

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s