Wo seid ihr? (Fluchtlinien)

 

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„Grünfläche“ bei der Topografie des Terrors

Als ich vom Hauptbahnhof aus zur Schlusskundgebung der Demo „Seebrücke“ stoße, ist die schon ziemlich am Ende. 12 000 seien da gewesen. jetzt hängen nur  noch ein paar Hundert zur Beschallung von einem LKW in der Sonne ab. Nackige Kleinkinder in den Wasserspielen. Kein Mensch ist illegal, schreit einer ins Mikro, und dass er diese Scheiße von Transitzentren nicht mehr hören will. Ein wenig arabische Folklore oder Wüstenblues hätte der doofen All-white-Rave-Musik vielleicht ganz gut getan. Auf der vertrockneten Wiese vor dem Reichstag üben sich Paare in Earthing. Eine junge Frau rekelt sich auf dem massigen Leib ihres Kerls, der ihr innig den Rücken streichelt. Die Fanmeile blockiert das Brandenburger Tor bis auf einen schmalen Durchgang, müssen wir den deprimierenden Ballermann jetzt spaßig und schützenswert finden, weil die Blöden ihn vorzeitig schließen wollen (zu wenig Volk)? In der Fluchtlinie der Fanmeile (ach, schon das Wort) steht ein Riesenrad. Im Knick des Tors ist der Eingang zum „Ort der Stille“. Dort drinnen ist es echt still. Drei Türen, Schleusen aus Glas, schwerer Vorhang, dichte Rahmen, Broschüren, links liegen zu lassen. Ein kitschiges Gemälde vom Licht am Ende des Feldes, in dunklem Braun, Scheiße, Kompost, Humus, Homo, davor liegt ein Stein, ein „Findling“, er wirkt völlig künstlich und deplatziert, schwarze Stühle stehen im etwas schummrigen Halbrund, ein Mann sitzt da, die Augen geschlossen, mich juckt’s am Fuß, trau mich aber nicht zu kratzen, um keinen Lärm zu machen, die Luft ist abgestanden. Nichts wie raus. In der Akademie der Künste gegenüber hält ein Rentnerpaar im Café die letzte Stellung. „Abfallprodukte der Liebe“, was für ein toller Titel (vom Filmemacher Werner Schroeter), die Zeitung zur Ausstellung gibt es zum mitnehmen. Das Stelenfeld, bemerke ich plötzlich, ist einfach zu klein. Am Zaun der Botschaft Niedersachsens, nein, es ist die Vertretung des Landes Rheinland-Pfalz, egal, direkt am Mahnmal, hängen Bilder einer weiteren Ausstellung: „Weit weg von Brüssel“,  hat der Fotograf Stefan Enders seine Arbeit betitelt. Für die ist er 31 000 Kilometer entlang der europäischen Außengrenze, einmal ringsherum, gereist. Enders porträtierte eine Menge Personen, frontal, alle haben sich in Szene gesetzt, jeder hat das Bild von sich gewählt. Fotos im altmodischen Schwarz Weiß, dafür gibts überhaupt keine Filme mehr. Fake. Aber Namen, Orte, Zitate. Geschichten von Leuten im Wald, von Roma und Samen, wenig Gewinner, ein spanischer Fremdenlegionär, ein französischer Bürgermeister, eine irische Straßenmusikerin. Ich lese alles. Herzergreifend, toll. Guckt das an, schleppt Tanten, Touristen und Euch dorthin. Vor einer Sport- und Shisha-Bar in der Nähe der Berlinischen Galerie wehen Duftschwaden herüber. Junge Männer am Grill, keine Frauen dabei. Im Prinzessinnengarten gibt es einen Revolutionsautomaten. Er ist leer. Ein dicker Türke fragt, ob der Stuhl frei ist und nimmt ihn dann mit. Ein Schwuler spricht amerikanisch, der Tattowierte hat grüne Hochwasser-Hosen an  Ich kann mir die Lippen blau anmalen und Bermuda-Shorts tragen.

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