Sandinodröhnung

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Sonntags sind Sportplätze besonders öd. Olympische Leere herrscht geradezu im Lichtenberger Sportforum, weißes Nachmittagslicht, gnadenlos schön. Wieder sucht mich die Vision von einem Eiskaffee mit Sahne heim. Aber im Gartenrestaurant am Orankesee läuft Fernsehen auf mehrere Flachbildschirmen, Fußball, ältere Ehepaare sitzen viel zu weit weg über ihren blassen, wie verdünnt wirkenden Bieren. Die Kleingartenanlage, vorbildlich einsichtig gestutzte Hecken, hat nur einen Ein-und Ausgang, der evangelische Friedhof daneben auch. In der Gegend hat Mies van der Rohe seine letzte Villa gebaut, bevor er 1933 emigrieren musste. In der sehr kurzen Gropiusstraße frage ich Anwohner, die ihren Hund ausführen, nach der Kriegsgräberstätte oder dem russischen Ehrenmal, deren Nähe mein digitaler Stadtplan anzeigt. Sie wissen von nichts. Es ist gleich hinter den Schrebergärten und einer hohen Mauer aus Fertigbauteilen,m sie fasst einen riesigen verwunschenen Märchenwald ein, Efeu umspinnt haushoch die Kiefern, Amseln lärmen. Kilometer später, gegenüber eines vergitterten, verwaisten Wurfplatzes und dem gleißenden Beton einer Eissporthalle, klettere ich schließlich über die Mauer, lande in einem weitläufigen Friedhof, Kapelle, Tor gleich um die Ecke. Urnengräber in Kreisbeeten, Eichhörnchen zwischen den Reihen der Kriegsgräberplatten. Fast unauffindbar, gänzlich versteckt hinter Dickicht und verwildertem Unterholz der Gräberhain von zwei tausend Toten, Russen, Polen, Deutsche, Soldaten, Zwangsarbeiter, Zivilisten, Kinder. Eine Wiese im Wald, so still, wie außerirdisch, mitten in der Stadt. Hohenschönhausen. Wo sind bloß all die Leute? Die Häuser haben 12 oder 20 Stockwerke, Grünflächen, Sandkasten, Schaukeln, der Rasen verdorrt, kein Müll, keine Musik. Lauwarmer Filterkaffee an der Sandinostraße. Immerhin mit Holzbank vor der Tür. Grad als ich den Mangel an Ausländern für die Totheit des öffentlichen Raums hier verantwortlich machen will, flaggt mich die blauweiße Markise des Akropolis an. Die Straßenbahn ist pünktlich.

Kriegsgräber, russischer Ehrenhain

 

 

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6 Antworten zu Sandinodröhnung

  1. Studio Glumm schreibt:

    .. schön mitgenommen (in die Vogelperspektive).

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  2. eimaeckel schreibt:

    „Geh ins Offene“. Weiß nicht mehr, wer das gesagt hat, aber es passt zu deiner abenteuerlichen Entdeckungstour (bist du wirklich einfach über die Mauer?) Und irgendwann braucht Mensch dann einen Kaffee und die Freude ist groß, wenn’s dann wirklich einen gibt. Sei froh, dass es nicht wirklich Sandino Dröhnung war. Mit dem Zeug habe ich mir schon in den 80ern den Magen ruiniert. Aus Solidarität 😉

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  3. docvogel schreibt:

    haha, ja, den gabs damals immer in der taz-kantzine, als die noch in der Voltastraße war…bei der Mauer stand ein Hydrant als Kletterhilfe, (Ansonsten sagt wiki: Schindhelm an Merkel, lieber Hölderlin: Komm ins Offene)

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  4. richard majchrzak schreibt:

    schoener blog und schoener artikel, gibt lust und anregung, danke …mal sehen

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