Did you ever go clear?

IMG_2588

Nähe der Warschauer Brücke finden Passanten am Montag früh einen Toten unter einem Baum. 40 Jahre, aus dem „Obdachlosenmilieu“. Es regnet. Ich geh zur Post, kaufe für 50 Cent ein Buch von günter kunert: kramen in fächern, alles klein geschrieben auf dem Umschlag, weiß auf schwarz, sieht aus wie ein suhrkamp klassiker, ist aber von aufbau, 1968. Kurze Texte, Impressionen vom Hinterhof, keuchende Bedeutungspausen, ganz schön geschraubtes Zeug. „Die Wasserfäden spulen sich von oben herunter und reißen nicht ab: in den Gärten zusammengeklappte Stühle, deren Eisengestänge schon rostet: Auch sie nehmen Anteil an der allgemeinen Vergängnis.“ Rostige Gartenstühle! Probleme hatten die. Ich nehme die S-Bahn zum Gartencenter am Treptower Park, kaufe ein paar Samentütchen, sammle Bärlauch, laufe im weiten Bogen über die matschige Wiese zurück, steh blöd auf Kieswegen im Nieselregen herum, stiere auf die Tropfenkreisel im grauen Wasser und scanne doch andauernd verstohlen das Ufer gegenüber nach einem pinkfarbenen Handtuch ab. Ich meide die Brücke über die Spree, geh aber dann drunter durch, bis dahin wo es nach Pisse stinkt und die dort immer unsichtbaren Obdachlosen ein Lager haben, eine sauber gefegte Festung mit Spendentopf am gedachten Eingang. Gegenüber hat nur ein Liebespaar kurz das Trockene gefunden. Seine Decke hängt dort, wo er im Gras daneben lag, ausgebreitet über dem Geländer. Sie ist nass, sie riecht nach nichts. Was mache ich hier? Ein Mann mit ausgemergeltem Oberkörper in rotem Unterhemd reckt sich auf der Reling eines am Ufer dümpelnden Lastkahns, bevor ich ihn ansprechen kann, ist er wieder zurückgekrochen in sein Kabuff. An der nächsten Uferbrache auf dem Nachhauseweg sehe ich ihn dann. Sein pinkfarbenes Handtuch leuchtet nicht, er eiert herum. Er hat Schuhe an! Weiße Sandalen. Andere Klamotten auch, war er im Schenkladen, den ich ihm empfahl? Er umkreist im Zickzack eine Baumgruppe, ich hoffe, er sieht mich nicht. Wieso? Wieder hab ich das komische Gefühl, dass er mich wahrgenommenen hat, um mich weiß. Wilder Schnittlauch wächst im Unterholz. Ich kaufe Obst, Wasser, Schokolade im nächsten Supermarkt. Warum? Was will ich? Als ich zurückkehre, wieder gut eine halbe Stunde später, steht er immer noch bei dieser Gruppe aus Bäumen, sein Handtuchlumpen auf einem trocken gebliebenem Unterholzflecken, er steht herum und schaut, blinzelt desorientiert, als ob die Horizontlinie, wie überhaupt alle Richtungen des Himmels und der Erde für ihn keine Geltung haben würden. Er freut sich über das Wasser.  Den Schnittlauch  anfassen kann er gerade nicht, eine Lähmung hält  seine Hände fest. Freunde von früher, sagt er eilfertig mit seinem erleuchtetem Lächeln, habe er wieder getroffen. Wo sind sie? Ich bleibe heute nicht.

Not for Jane or me…

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Allgemeines, Arbeit, Armut, Berlin, Errinnerung, Fiction, Fluss, Götter, Insel, Mission abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Did you ever go clear?

  1. eimaeckel schreibt:

    Ein Glück, dass er lebt.

    Gefällt 1 Person

  2. docvogel schreibt:

    Ja! Und heut war seine Decke überm Ufergeländer weg, ihn selbst hab ich auch nicht mehr gesehen. Vielleicht hat er mit den neu besorgten zu großen weißen Sandalen einen Weg gefunden.

    Liken

  3. snoopylife schreibt:

    Ich lebe ganz in der Nähe … Gerade in dieser Gegend wird es sichtbar. Immer mehr Menschen leben offenbar auf der Straße. Etwas hat sich verändert in den letzten Jahren. Traurig.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s