Diogenes kann einpacken

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Er hat keine Schuhe an. Er taumelt am Ufer entlang, zerzaust und fürchterlich abgerissen. Ich gehe ihm aus dem Weg, er ängstigt, er berührt mich. Ich möchte ihm Geld geben, hab aber nur zwei große Scheine. Ich könnte sie wechseln, auf dem Weg zum nächsten S—Bahnhof blicke ich von der Brücke über die Spree und sehe ihn aus der Ferne, sein pinkfarbenes Frotteehandtuch über den Schultern leuchtet. Er sammelt eine lumpige asphaltgraue Decke ein, ich habe das komische Gefühl, er sieht mich auch. Ich kaufe zwei Bier und gehe zurück. Gut eine halbe Stunde ist vergangen. Vermutlich ist er längst verschwunden. Doch er liegt neben der Uferpromenade unter einem Baum, die schmuddelige Decke verbirgt ihn fast. Warum nicht, sagt er freundlich, als ich ihm ein Bier anbiete, er setzt sich halb auf. Seine Augen sind hellwach. Ich versuche, die Flaschen am Ufergeländer zu öffnen, am Metallpapierkorb gelingt es. Jens, er heißt nicht so, aber er erinnert mich an einen solchen, hat eine leichte, fast gesunde Bräune, seine Haare sind wellig dunkelblond, sein Bart rötlich, seine Augen leuchten hellblau. Er ist kein Trinker. Er ist 41, das war sein erster Winter auf der Straße. Seine Ausdrucksweise ist fein und elaboriert, durchsetzt mit englischen Codewörtern, eruptions und vocations, die er höflich für mich eindeutscht. Er hatte ein Tonstudio, eine Wohnung natürlich, war DJ, Elektro-Musiker. Was hat ihn aus der Kurve geschmissen, was ihn bei Höchstgeschwindigkeit aussteigen lassen? Bipolar? Manisch-depressiver Schub? Drogen? Da sind Stimmen. Freunde aus einem früheren Leben rufen ihn. Sie wollen Kontakt mit ihm aufnehmen, und Kinder sind da, die lärmen. Es ist laut, viel zu laut. Aber man muss sprechen. Er hat zu viel geschwiegen, deshalb die Missverständnisse, die Wunden. Die gebrochenen Rippen, der Riss in den Herzkranzgefäßen, die Beulen, manche auch vom Frost, die Kälte der Nächte, auf der Straße, in Hauseingängen hat er unterschätzt. Er hat schon Gras gegessen. Genug Wasser trinken ist wichtig. Das geben ihm Leute. Wo wäscht man sich als Obdachloser? Wo geht man scheißen, wohin, wenn das Fieber einen schüttelt? Er hat nichts, Diogenes ist ein Angebeer gegen ihn. Ein Koffer, eine Tüte vielleicht steht bei einem Freund. Papiere, Schatzbriefe, Existenzbeweise? Freunde von früher, Stimmen, Zeichen sprechen zu ihm. Jesussyndrom, Realitätsverlust, Verhungern. Seine Schuhe hat er ausgezogen und irgendwo stehen gelassen. Für den Kontakt mit der Erde, der Grund, das Universum. Wir sind alle eins. Bäume, Tiere, Steine. Als würde er zustimmen fältelt der Baumstamm hinter ihm seine Rinde zu schrundigen Grimassen. Selbst Tiere brauchen Behausungen. Eine Höhle, ein Nest. Er wickelt die Decke um seine besockten Füße. Wenn sie einfach so herumständen, würde er vielleicht auch wieder Schuhe anziehen. Seine Hände sind schmal, die Fingernägel lang und schmutzig. Er riecht nicht gut. Loslassen, sagt er, hat mit Erlösung zu tun. Er lächelt wie ein Heiliger.

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2 Antworten zu Diogenes kann einpacken

  1. Anhora schreibt:

    Berührend, deine Geschichte.
    Ich habe um Ostern herum auch etwas so Verrücktes getan, in meiner Wahrnehmung jedenfalls: Ich habe einen Hefehasen aus der Bäckerei gekauft, ihn einem Obdachlosen um die Ecke gebracht, mich niedergesetzt und „Hallo“ zu ihm gesagt. „Möchten Sie etwas Süßes?“ 2 Euro hab ich auch in seinen Hut geworfen. Er bedankte sich sehr höflich, viel zu höflich. Das war es gar nicht wert, ein Hase und 2 Euro. Was ist das schon?
    Seither habe ich ihn nicht mehr gesehen, vielleicht war er auf der Durchreise.
    „Loslassen hat mit Erlösung zu tun“. Dieser Satz geht mir nach, aus verschiedenen Gründen.

    Gefällt 1 Person

  2. docvogel schreibt:

    Wie schön! Bedankt hat er sich vermutlich von allem für Deine Zuwendung! ich glaube, wir sollten uns viel öfter zu den Obdachlosen, Randständigen oder Abgedrifteten hinsetzen und einfach mit ihnen reden.

    Gefällt 1 Person

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