Kopfbahnhof *

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Der Mann mit Fahrrad und einer schon mehrfach benutzten Alditüte kauft Betel ein, sagt Ladim. Wie zum Beweis hat er eine Nuß in seinen klammen Fingern, an der er herum knabbert. Gambia, fünf Jahre hier, wohnt in der Norweger Straße, nähe Bornholmer, („Skandinavisches Viertel“ heißt der neue Roman von Torsten Schulz) er spricht gut genug deutsch,um mich quer über die Mulde der Ex-Pissrinne anzurufen. Oder kennen die mich hier schon, harmlose Alte, Parkgängerin ohne Auftrag? Weiß ich wie ihr soziales Netz funktioniert, was darin eine Rolle spielt? Bethel Henry Strousberg, Generalunternehmer der Berlin-Görlitzer Bahn, so Johannes Groschupf im Tsp, „ließ 1866 den Kopfbahnhof am damaligen Stadtrand im Stil eines italienischen Palazzo bauen.“ Die Rummelsburger Bucht hat eine dünne Eisschicht. Jogger traben in kurzen Sporthosen über Leggings vorbei, Hunde tragen Pullis, meine Nase läuft. Der Uferweg vorbildlich, renaturierte Zivilisation, öffentlicher Raum mit Naturlehrschildern, Zonen für Totholz, Geschichtsstelen und Bänken bestückt. Beim Paul-und-Paula-Ufer gibt es ein Ökoklo, bisher immer geschlossen. Der Wassergrund ist mit Blei, Cadmium, Kupfer, Zinn oder Quecksilber vergiftet, Schwimmen ist verboten und von längerem „Aufenthalt auf dem Wasser“ wird abgeraten. Nichts mit Hausbootromantik, das Containerschiff Freibeuter mit seinen alternativen Lebensformen für völlig Verlorene scheint unbewohnt. Wegen dem Gift denkt man im Bezirksamt darüber nach, den Schlamm mit „Matratzen“ abzudichten und den Untergrund quasi unter einen Teppich zu stopfen. Im Röhricht-Bioreservat quietscht eine Ente, Haubentaucher treiben auf Eisschollen herum. Mit seinen katholisch wirkenden roten Lämpchen auf den Gräbern hat der Gottesacker bei der Kirche Alt-Stralau in der Dämmerung fast etwas Venezianisches. Weiden, Pappeln, im Backsteingebäude des ehemaligen Palmkernölspeichers wurden bis 1899 Rohstoffe aus den deutschen Kolonien Westafrikas zu Margarine verarbeitet. Die seit über einem Jahr leerstehende Taverne wird für 1,35 Millionen nicht verkauft. Die Möwen stört das alles nicht. Noch schwimmen keine Kadaver hier rum. Ein Paar Schwäne hat es auch hier her verschlagen. Sind die zwei Grauen dort nicht vielleicht Kormorane, Fischreiher? Der Matsch auf dem Trampelpfad ist gefroren, Schuhsohlenfährten. Rotkäppchensektflaschen. Am Ende ein Tor. Der Weg ist vermüllt. Die Mülleimer aus dem System gefallen. Das blaue Zelt im Gebüsch beim Weg zur Großen Liegewiese ist weg. Wo bist du hin?

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Eine Antwort zu Kopfbahnhof *

  1. kormoranflug schreibt:

    Meine Wahlheimat, die Kormorane sitzen auf den waagrechten Stangen der Naturschutzsicherung auf der Ostseite des Sees und genießen die Sonne.

    Gefällt 1 Person

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