Bambara, vielleicht

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Die Dealer spielen Fußball, um sich aufzuwärmen. Manche hocken in Dreier- und Vierergruppen auf Banklehnen. Die Gesichter sind unter Kapuzen, Mützen und zwischen hochgezogenen Schultern vergraben. Meine Blicke werden mit Lächeln erwidert, ich könnte eine Kundin sein. Bambara spricht er, und Englisch und Französisch natürlich. Aus Bamako am Niger, Mali, wo mal die beste Musik Afrikas herkam, Ali Farka Touré, wo die Menschen schön, freundlich und sanftmütig waren, lange das favorisierte Einsatzgebiet für Entwicklungshelfer, da, wo die Bundeswehr jetzt Rekrutierungsvideos produzieren lässt und Musiker von religiösen Fundamentalisten verfolgt werden, ein Jahr sei er jetzt hier. Der Schneegriesel verdichtet sich zu einer grauweißen Wand. Die Farben verschwinden. Horizontaler Wind jagt unsere Atemfetzen davon, eisige Pfeilspitzen stechen ins Gesicht. In der Marienkirche am Alex steht Eucharistie auf einem Poster, der Gottesdienst findet auf Englisch statt. Der junge Pfarrer ist schwarz, er hat ein einziges Dreadlock-Zöpfchen, das wie eine Miniantenne senkrecht in die Höhe steht. Im Dämmerhimmel ziehen Nebelkrähen ihre majestätischen Kurvenformationen, sie sammeln sich unter Geschrei und lassen sich zum schlafen als schwarze Trauben auf den Bäumen ringsum nieder. In der Akademie der Künste bekommt ein Schriftsteller den Jean-Amery-Preis für europäische Essayistik. Karl Markus Gauß ist Österreicher und hat viele wunderbare Reportagen über ethnische Minderheiten an den Rändern Europas verfasst. Inzwischen ist er es ein wenig überdrüssig zu erfahren, wie anders ein jeweiliger Stamm seine Ostereier anmalt. Der Laudator, Feuilletonist aus Hamburg im Dreiteiler mit Einstecktuch, gefällt sich darin, neoliberalie Privatisierungen und Kommerzialisierung zu kritisieren und zugleich „Dritteweltbewegungen und Postkolonialismus“ verächtlich zu machen. Bis auf einen Mann mit Mandelaugen hat niemand im Publikum einen nichteuropäischen Hintergrund. Im Anschluss gibt es Sekt und Brezeln, von der Dachterrasse blickt man über das Brandenburger Tor. „Wir da oben“ denke ich unwillkürlich. Und steige in die Nacht hinunter.

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4 Antworten zu Bambara, vielleicht

  1. Jules van der Ley schreibt:

    Von „da oben“ muss die Wärme kommen. Schöne, winterliche Impressionen.

    Gefällt 1 Person

  2. eimaeckel schreibt:

    Ja, dein Artikel macht einen warm trotz Winter. 🙂

    Gefällt 2 Personen

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