Blendung

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„29 plus eins“, sagt der Mann auf dem Rollator. Ich geh vom Fahrplanpfosten zu ihm in die Bushaltestelle. Er streift einen Fingerhandschuh ab und daddelt auf seinem Handy rum. Haufenweise Apps, die der BVG findet er nicht gleich, aber da ist er in seinen Erinnerungen schon dort, wo der Bus herkommen soll, Lobeckstraße oder so, da hat er als Kind gewohnt, bis sie ausgebombt wurden. Ja, 85 ist der Kreuzberger jetzt und morgen will er mit dem Zug nach Dresden, da ist eine Ausstellung zu Modelleisenbahnen, die wird er sich angucken. Der 29er kommt und wir wünschen uns noch einen schönen Tag. Im Arsenal am Potsdamer Platz läuft ein Film aus Nigeria. In wundervoll langsamen Bildern von pastoralen Landschaften, Kamelkarawanen durch Sandwüsten und pittoresk kostümierten Turbanmännern erzählt der 1976 gedrehte Film von einem Jungen, der von arabischen Sklavenhändlern entführt wird und später als islamischer Gelehrter in sein Dorf in Nordnigeria zurückkehrt. Und unentwegt, quasi die ganzen 142 Minuten des digital restaurierten Films lang, wird die Größe Allahs gepriesen. Die Geschichte spielt Ende des 19. Jahrhunderts, ist in Hausa und basiert auf einer Novelle des ersten Ministerpräsidenten des postkolonialen Nigerias. Der Politiker Abubakar Tafawa Balewa wurde 1912 im nordnigerianischen Tafawa Balewa geboren und 1966 bei einem Militärputsch ermordet. Er hat sich u.a. gegen die Pläne Frankreichs eingesetzt, in der Sahara Atomversuche durchzuführen. Es ist noch hell, als der Film zu Ende ist.

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7 Antworten zu Blendung

  1. Heinrich schreibt:

    Die Vogelperspektive ist eine große Bereicherung für unsere Welt. In diesem Blog baut sie eine wundervolle Brücke zwischen der realen und virtuellen Welt.
    Solche Impressionen kann nur eine Autorin schreiben, die Wissen, Bildung und die Fähigkeit hat, die Welt aufmerksam zu beobachten. Ich bin sehr beeindruckt!
    Um hier regelmäßiger zu lesen, kann man glatt ein paar andere Blogs weglassen! 😉
    Ich muss mich nur daran gewöhnen, dass die Kommunikation ohne Anrede und Grußformel praktiziert wird.

    Trotzudem Gruß Heinrich 😉

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    • docvogel schreibt:

      Lieber Herr Heinrich, mit konfuzianischer (?) Erkenntniszustimmung kann ich nichts dienen, aber mit grüßender Anrede sehr gerne, und gleich krümm ich mich vor Freude über Ihre wundervollen Worte, .herzlichst, Ihre Sabine

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      • Heinrich schreibt:

        Liebe Sabine,
        jetzt fühle ich mich richtig wohl! 🙂
        Nicht, dass ich den Namen „docvogel“ nicht schön fände, aber Sabine ist sehr viel wohlklingender und persönlicher!
        Ich erkläre Ihnen bei Gelegenheit, wie ich zum Internet, Anonymität – und deren Notwendigkeit – Nicknames und Vornamen stehe.
        Ich würde mich selbstverständlich auch an andere Gewohnheiten anpassen. Denn es gibt für alles ein Für und Wider. Auch für knappe „Chatzeilen“ in Blogkommentaren.

        Übrigens bestätigt sich mal wieder meine Vornamentheorie, die zwar nicht erklärt, woher Eltern schon wissen, wie ihre Kinder mal geraten, aber es bestätigt sich doch sehr häufig, dass sich Heinrichs sehr ähneln (Fritz‘ auch) wie auch alle, die Sabine heißen. Ich kenne NUR sympatische (meist liebenswerte) Sabines. (Zum Beispiel sind Iris‘ oft etwas „besserwisserisch“ darum heißt die Frau, die in meinem Navi sitzt auch Iris! 😉
        (Hoffentlich ist hier keine Iris, die ich nun verletzt habe….?!?)
        Aber es gibt ja noch viele Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir noch erforschen können.
        Gruß Heinrich
        P.S. ist es nicht bezeichnend, ich schreibe einen Beitrag „In der Kürze liegt die Würze“ und palavere selbst endlos…. 😉 Vermutlich weil die Widersprüchlichkeit herausfordert. Widersprechen macht den Menschen sowieso sehr viel mehr Spaß, als anderen zuzustimmen. Den Test habe ich schon gemacht. In einem Blog erst etwas kritisiert, dann das Gleiche gelobt. Beide Male hat der selbe Mensch widersprochen. 😉

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  2. docvogel schreibt:

    Lieber Heinrich, ja herrlich: mit einer Iris hab ich mich gerade entzweit. besserwisserisch, empathiefrei und weitgehend unbelehrbar. Sabine und ihre ältere Schwester Susanne (hab ich auch) haben ja schon bei Eckhard Henscheids „Trilogie des laufenden Schwachsinns“ schöne Nebenrollen. Du bist freilich für mich der erste Heinrich! Wie sind die denn so? Außer charmant in Blogkommentaren…herzlich grüßt sabine

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    • Heinrich schreibt:

      Liebe Sabine,
      ich benutze den Namen Heinrich im Internet, weil mein Vater so hieß. Das war der liebste Mensch auf diesem Planeten. Ich kann ihm nicht das Wasser reichen, gebe mir aber Mühe, ihm keine Schande zu bereiten. Im realen Leben heiße ich Fritz. Was man über Fritz sagen kann, habe ich hier zusammengefasst! 😉
      http://fritz-tour.de11.de/
      Ich muss mich jetzt aber erst einmal entschuldigen. Habe gerade noch einen genialen Buchtipp bekommen („Trilogie des laufenden Schwachsinns“ hört sich spannend an!) und muss mir das mal runterladen. 😉
      Gruß Heinrich

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  3. docvogel schreibt:

    Lieber Fritz, also, ich würd ja lieber bei Heinrich bleiben, wenns Ihnen genehm ist…aber Achtung die „Trilogie…“ ist länglich und hat ein gemächliches Tempo… herzlichst, Sabine

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