Sesam öffne Dich

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Auf das Auto eines Buchhändlers in Neukölln wurde ein Brandanschlag verübt. Es sei nicht das erste Mal, die Täter werden in der rechten Ecke vermutet. Bei jenem Buchladen Leporello von Heinz Ostermann wurden schon im Winter 2016 einmal die Scheiben eingeworfen und sein Auto abgefackelt. Deswegen gibt es am Samstag eine Kundgebung gegen Nazis am Rathaus Neukölln. Ein Sprecher der Partei der Linken spricht, eine Frau liest einen Aufruf vor zu einer weiteren Kundgebung gegen Rassismus und Sexismus, ein Mann mit rotem Schal trommelt eine Art Tusch, wenn man Beifall klatschen soll, eine Frau mit verhärmter Miene klöppelt dazu stoisch auf einer überraschend klangvollen Plastikrassel. Es ist kalt, die grauhaarigen Köpfe stecken tief in hochgezogenen Schultern und Krägen, manche halten rote DinA-4-Schilder mit einem Piktogramm in den Händen, ein Transparent schlackert wie ein verbrauchter Lappen am Rand, kraft- und freudlos alles. Auch ich bin froh, als die Veranstaltung sich vorzeitig sang- und klanglos verläppert. Das Elit Simit, eine Bäckerei mit Selbstbedienungscafé, ein Stück weiter die Karl-Marx-Allee Richtung Rixdorf, ist so gut besucht, dass es selbstverständlich ist, sich zu fremden Leuten mit an den Tisch zu setzen. Im Fernseher läuft ein türkischer Musikvideo-Sender ohne Ton, androgyne Blondinen fahren Madmax-Motorräder, Machomänner gucken mit Sonnenbrillen auf Wüsten, Schmachtlockenjünglinge werden von wilden Bräuten geküsst und geohrfeigt, ein knittriger Amor sammelt seine Pfeile wieder ein, Sonne geht unter im goldenen Schnitt. Ein beleibter Mann mit Wollpulli und dunkler Hautfarbe macht sich Notizen in seinem Tagebuchkalender, ein Dutzend Jugendliche mit leuchtenden Gesichtern, Studenten?, sitzen dicht gedrängt unter der Spiegelwand und besprechen wichtiges, zwei hübsche Mütter, eine mit, eine ohne Kopftuch, unterhalten sich leise und füttern ihre Schoßkinder mit Torte. Eine Kopftuchmatrone im knöchellangen Mantel wackelt mühsam am Stock zu einem freien Platz, Kuchen und Tee werden ihr gebracht. Der Bäckergeselle befördert ein Blech frisch gebackener Simitkringel schwungvoll vom Ofen in die Tresenauslage. Ein schöner Mann im Rollstuhl genießt seinen Milchkaffee. Bei Italy Depot gegenüber ist immerwährender Indirim, gepolsterte Winterjacken fünf Euro, alles übrige drei. Plötzlich eine Sehnsucht nach Istanbul, konkret und kribbelig in der Nase wie Duft gerösteten Sesams, klebt auf der Haut wie der neblige Samt vom Bosporus im Winter, eine Sehnsucht nach dem Eiswind vom Schwarzen Meer und der wolligfeuchten Wärme im großen Teehaus in Beylerbeyi. Flucht aus Byzanz (Joseph Brodsky) findet Exil in Neukölln.

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7 Antworten zu Sesam öffne Dich

  1. Ne hiesige Kneipe in Marktnähe hatte einst ein Jugoslawe aus Bled. Dann war zu. Dann wieder auf. Aber nicht mehr gut besucht. „ein türkischer Musikvideo-Sender ohne Ton“ lief nicht. Irgendein anderer Schrott. Ohne Ton. Denn der türkische Wirt wollte mit nem Kumpel die Kneipe musikalisch leerproben. Hat geklappt. Danach hieß die „Bei Marianne“, waren wieder Leute drin. Der depperte Wirt denkt wohl: Türkenfeindlich…ne.. Blödi… Deppenfeindlich. Erst üben, dann auftreten. So eine Musi ist doch kein Kochblog!

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  2. Jules van der Ley schreibt:

    Deine Impressionen lese ich wirklich gerne; diese weitgehend unbewertete Reihung von Szenen ergibt immer ein hübsches Gesamtbild, eine Schreibweise, die nicht nur im Ausland gut funktioniert, sondern auch in Neukölln, was mich ehrlich gesagt, weit mehr interessiert als Impressionen von Fernreisen.

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  3. eimaeckel schreibt:

    Schöne Momentaufnahme. Trostlos, aber menschlich. Das Simit Evi in der Müllerstraße, gleich neben dem neuen Jobcenter Wedding ist auch so ein Ort, an dem ich gerne sitze und staune.

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  4. docvogel schreibt:

    Simit Evi in der Müller? Hört sich gut an, geh ich rein, wenn ich das nächste mal dort spazieren bin…

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