moment of surrender

77D99269-3EF4-48F7-96D9-FAF003D6FD37

Wenn es hell wird morgens um sieben haben die Marktfrauen schon ihre Stände fertig aufgebaut. Der Klebreis dampft, Kürbis und Linsenschoten sind gekocht und portioniert. Darin liegt eines der Grundprinzipien des Marktes: Gemüse, eingelegte Fische, getrocknete Schweinekrusten, Gewürze, Kekse, Suppen werden aus großen Töpfen und Säcken in Millionen winzige Plastiktütchen umgefüllt und in Windeseile mit Gummis verschlossen. Eine Frau trägt einen jungen gelben Hund mit halbem Maul in einer Kiepe und umtuttelt ihn mit einer Strickjacke. Dach und Ladefläche eines Song´taas werden beladen mit verschnürten Kartons und Tüten voller Tüten. Zwischen die Einkäufe quetschen sich am Schluss die Passagiere. Im Dorf der Chinesen, „die Thailand lieben“, so heißt die erst vor ein paar Jahrzehnten gegründete Siedlung ehemaliger Kuonmintang-Flüchtlinge aus Burma, scheint Bedarf an Morning Glory zu herrschen. Ein Mädchen in rosa Plüschhoody mit Bommeln lächelt schüchtern. Die Sonne schafft es über die Berge und sengt sofort. Wozu Leute und Wetter beschreiben, wenn es keiner Narration dient? Wenn es nicht Seelenlandschaft illustriert, nicht Stimmungsmoment ist, das eine Dramaturgie auflädt? Vita contemplativa ist das Gegenteil von Handlung, ich bin kein Akteur, es gibt keine Geschichte, ich ändere nichts, ich hinterlasse keine Spuren. Was sich abspielt, erschliesst sich mir nicht. Ich sehe Oberflächen aus Licht, Farben, Bewegung. Ich betrachte Bilder, durch die Geräusche fluten, Sprache, die ich nicht verstehe. Was erzählen die Gerüche? Ich bin Zuschauer eines Stücks ohne Erkenntnisgewinn, was für ein schreckliches Wort auch. Und dann tut sich doch noch was. Die gelbe Transportkiste füllt sich mit Gepäckstücken und Leuten, die Zeichen für die um Neun angekündigte Abfahrt verdichten sich, um Zwölf gehts los. Dafür macht der Fahrer einen Abstecher zu dem als Schweiz von inländischen Touristen geschätzten Naturparadies, wo man in Zelt-Iglus unter Pinien an einem grünen Stausee campieren kann. Nachmittag ists, als wir das hoch in den Bergen und, klar, direkt an der Grenze klebende Chinesendorf Mae Aw erreichen. Es gibt eine Fake-Burg, einen Stausee, ein paar teure Resorts, ansonsten nur eine verratzte Einkaufsmeile für Souvenirs und massenhaft Tee in kleinen vakuumverschweißten Päckchen, die wer weiß wieviele Jahre da schon rumliegen. Ich kauf ein Päckchen in billigem Zellophan bei einer Mutter mit Kind, die am Straßenende im Dreck sitzen. Nach einer Viertelstunde bin ich durch und will wieder weg. Haufenweise karren Minivans mit getönten Scheiben Besucher heran, kaum ein Wagen aber verlässt den Ort wieder. Mein öffentliches Verkehrsmittel, so viel hab ich inzwischen herausgekriegt, fährt erst am Tag drauf die knapp 45km zurück. Puh. Handlungsbedarf. Zögerlich spreche ich am Parkplatz Touristen nach einem Lift an. Eine Stunde später mach ich mich schon offen zum Affen, indem ich am Dorfausgang zu trampen versuche. Natürlich hält kein Schwein. Peinlichkeit und Demütigung machen mich bald so mürb im Keks, das ich bereit bin, eine Bleibe für das zehn, ach zwanzigfache des Preises zu sichen, den ich im Ort, wo meine Zahnbürste und mein Adapter liegen, schon bezahlt hab. Und zack! The Moment of surrender. Als ich aufgeben will, bremst ein silberner Truck und ich klettere zu den fünf Erwachsenen auf die offene Ladefläche. So komme ich auch noch in den Genuss, die spektakulär steilen Haarnadelkurven zu erleben, mit freiem Blick auf Urwald, Abgrund und Himmel.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Allgemeines, Arbeit, Armut, asien, Reise, reisen, Tempel, Thailand, travel, travelblog abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu moment of surrender

  1. richard majchrzak schreibt:

    tolle gegend scheints und du die einzige europaerin…?viel geduld noetig um das zu erleben und dank fuers teilen…r

    Gefällt 1 Person

    • docvogel schreibt:

      sehr toll die gegend, aber schon europäer hier, backpacker, manche machen den legendären Mae Hong Son Loop, dh. man mietet sich in chiang mai ein motorrad und fährt dann etwa 5 tage oder so ungefähr 1856 kurven, da stehen die biker voll drauf, die bleiben,aber dann auch immer nur einen tag oder so in den Orten.

      Gefällt mir

    • docvogel schreibt:

      sorry für die.tippfehler, das reply hat eine macke …

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s