Geisterhäuschen

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Das gelbe Sorng-taa-ou, wie diese überdachten Pritschenwagen mit Bänken rechts und links heißen, fährt nicht um 11 wie angekündigt, sondern schon kurz nach 10 ab. Es fährt auch nicht die Straße nach Ban Sam Leap hoch, sondern das Flusstal entlang. Was solls, wer weiß das schon. Der Mais steht Spalier, ein Bauer  mit Strohhut und Tornister versprüht Pestizide über ein Feld mit Schößlingen. Dann beginnt die Straße doch kurvig bergan zu steigen, wird „scenic“ und verschlechtert sich, ein halbes Dutzend Bergrutsche versperren mit Geröll eine Fahrspur oder Springfluten haben eine Kehre halbseitig unterspült und weggerissen. In winzigen Straßendörfern sitzen Frauen mit Kleinkindern direkt am Straßenrand, Hunde dösen mitten auf dem Weg. Und plötzlich tauchen die an den Steilhang gepflanzten Stelzenhäuser von Sam Leap auf. Hier endet die Straße, das Dorf liegt am Salaween Fluss, der hier die Grenze zu Myanmar bildet. Der Salaween kommt aus dem Himalaya, entsteht dort in 5450 m Höhe aus dem Schmelzwasser eines Gletschers, fliesst durch Tibet nach Yunnan in China, wo er wegen seiner Stromschnellen Nu, Wut, heißt, fliesst weiter nach Myanmar und Thailand und kehrt von hier wieder nach Myanmar zurück, wo er nach fast 3000 km in die Andamanensee im indischen Ozean mündet. Das Ufer ist sandig und mit großen anthrazitglänzenden Felsbrocken gesprenkelt, langnasige Holzboote betreiben den kleinen Grenzverkehr, es gibt einen verschlafenen Einreiseposten, barfuß stehe ich in einem der längsten Ströme der Welt, wieso haben wir noch nie was von ihm gehört? (Der taz-Korrespondent berichtete mal mit schamlos viel wikipedia-copy&paste-sätzen über chinesische Staudammprojekte, die bisher wohl nicht realisiert wurden.) Am Ufer stehen Pavillons und gestapelte Plastikstühle, Männer testen die Lautsprecherboxen für eine Festivität (Lärm sehr gut!), der Songtaa-Fahrer hupt dringlich, es geht wieder zurück. Eine Kleinfamile fährt noch mit. Der Junge mit mongolisch aussehendem Vollmondgesicht bettet seinen runden Kopf in die Kniekuhle seines Vaters, nennen wir ihn Joseph Vodafon, der biegt sich geschmeidig zu ihm und gibt ihm einen Kuss. Mutter Maria, Ferrari steht auf ihrem Anorak unter einem flammendroten Drachenpferd, kramt aus ihrem Rucksack eine Plastiktüte und reicht ihrem Mann eine Betelnuss. Auf dem Straßenmarkt bekomme ich klebrig braune Reiskringel und Nudeln mit Chilli, Erdnüssen und Limone in einem Bananenblatt.

Geisterhäuschen dienen dazu, die Geister zu bannen, sie zu domestizieren und so von eigenen Haus oder Feld fernzuhalten. Um sie freundlich zu stimmen, stellt man ihnen täglich frische Schälchen mit Reis und Getränke hin. 

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10 Antworten zu Geisterhäuschen

  1. kormoranflug schreibt:

    Die Geisterhäuschen am Straßenrand sollen die Straßen- und Verkehrsgeister besänftigen. Es passiert ja auch genug. Hier stecke ich ein Räucherstäbchen unter die Feige in den Vorgarten. Die Nachbarn denken es wäre zur Abwehr der Hunde….

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  2. docvogel schreibt:

    ja, wumderbar, aber.gegen die gelben hunde wär auch nicht schlecht…

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  3. .. fährt nicht um 11 wie angekündigt, sondern schon kurz nach 10 ab…. muss irgendwie außerhalb des Zugriffs der DB sein….

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  4. docvogel schreibt:

    höhö, aber fast hätte ich so die Rückfahrt verpasst.

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  5. richard majchrzak schreibt:

    nice one, thanks,

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  6. Anhora schreibt:

    Die Geisterhäuschen gefallen mir. Ob ich es mal damit versuchen sollte?
    Ich habe ein Mobile aufgehängt, das ich vor Jahrhunderten aus Hongkong mitbrachte. Es hält die bösen Geister auch fern, braucht im Moment aber etwas Unterstützung. 😉

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