Dschungelfieber

 

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Zuerst laden wir drei 100 kg Säcke Reis, einen Karton Klempnermaterialien und einen Sack voll hellblaue Rohrknie, dann noch zwei Säcke Mandarinen und etwa 100 Melonen. Die kommen aufs Dach, zusammen mit zwei Soldaten, ihren Rucksäcken und weiteren Gepäckstücken. Gut eine Stunde später verlassen wir die Stadt Mae Sot und pesen Richtung Süden. Unterwegs steigen noch weitere Passagiere zu, sodass wir zu Spitzenzeiten 28 Personen in diesem Gefährt sind, darunter freilich drei kleine Kinder und zwei Jungen, von denen einer abwechselnd mit einer Schwangeren hinten raus kotzt, sobald der Pickup die Serpentinen bergauf in Angriff nimmt. Wegen der 1219 Kurven wird die vor 30 Jahren gebaute Straße Death Highway genannt, sie führt ins entlegene Umphang, wegen seiner Unzugänglichkeit zuvor ein Rückzugsgebiet für Kommunisten und Drogenschmuggler. Noch früher, bevor es die (durch wen gezogene?) Grenze zu Burma überhaupt gab, war die bergige und von vielen Flüssen durchzogene Dschungelregion die Heimat der Karen. Inzwischen sind viele von ihnen zu Flüchtlingen geworden, aus Myanmar aus.politischen Gründen vertrieben auf der Thaiseite wurden ihre Dörfer vernichtet, um Naturschutzparks, auch für uns Touristen, einzurichten. Im Wildlife Sanctuary stören die Eingeborenen, die Siedlungen der Einheimischen wurden von den verschiedenen Militärs niedergebrannt.
Als ich ankomme wirken die Guesthouses, Campsites und Resorts verwaist, das Büro der Touristeninfo eine staubige Baustelle, Restaurants und Kneipen geschlossen. Im „Garden Hut“, einem, idyllischen Plätzchen mit Holzbungalows direkt am Fluss, bin ich der einzige Gast, was mir die Zuwendung (Kaffee, Schmalzgebäck, Bananen, Wasser) der älteren Dame mit pinkfarbenem Hütchen sichert, die den Gasthof mit einer Handvoll junger Frauen und ein paar angestellten Männern betreibt. Beim Dorftempel gibt es mehr Katzen als Mönchlein. Man kann als Tourist hier Wildwasserpaddeln, Dschungel-Trekking und den größten Wasserfall Thailands besuchen. Alles, was ich tunlichst unterlassen werde, schon weil man dazu eine geführte Tour buchen muss, was zudem um die 100 Dollar kostet. Felder mit Tabak, Mais, Reis, Bananenstauden und Mangobäumen ziehen sich durchs Tal den Fluss entlang, Kühe, Wasserbüffel und ihre Kälbchen tragen Glocken, sodass mit den sanften Hügeln und bewaldeten Bergketten ringsum fast Almfeeling aufkommt. Alle paar Kilometer gibt es kleine Dörfer mit Läden für kaltes Trinkwasser. Am Abend zirpen Grillen, von irgendwo weht Musik herüber, die Luft kühlt ab. Die heiße Quelle sei gut 30 km weit entfernt, er könnte mich hinbringen, sagt der  Hausgärtner und zeigt mir Kinderfotos auf seinem Telefon. Während ich nur halb hingucke, bei der Sonne eh sinnlos, und nebenher in maps-me auf dem pad herumstreiche, ploppt  dort das Zeichen für „Hot Springs“ auf. Nur 3,8 km (Luftlinie…) entfernt, zuerst an der „Shalom Kirche“ vorbei die Asphaltstarße entlang, dann einen Waldweg hinein. Es geht so steil bergan, dass ich über eine Stunde brauche, um allein die gewundene Straße hinaufzukeuchen und weil schon zwei Uhr ist beschließe, das ganze zu vertagen. Doch die ganze Ochserei des Anstiegs nochmal? Der Waldweg geht flott auf dem Bergkamm entlang, ein Stunde geb ich mir, um Fünf versinkt die Sonne hinter den Bergen. Den Blick immer wieder auf die Uhr und das GPS, ich fürchte mich ein wenig, kein Mensch weit und breit, Leoparden solls hier geben, Schlangen (sah gestern eine überfahrene) oder Giftspinnen reichen auch, nicht stehenbleiben, sonst Moskitosirren, Aufmerksamkeit auf den Boden, Wurzeln, knackende Blätter, Rinnsale, Matsch, Schmetterlinge, direkt neben dem immer schmaleren Trampelpfad fallen irre steile Böschungen in gigantische Täler, Felsformationen, Monsterbäume, registriert nur aus den Augenwinkeln, plötzlich geht es rasant hinunter, schon fast drei Uhr, darf gar nicht dran denken, das alles wieder hoch und zurück zu müssen, laut gps zu nah dran zum umkehren. Und dann eine Lichtung! Wie selten passend dieses Wort, und Menschen, zwei Ranger und ein Weiblein, die mit Macheten Bambus in Becherform zurechthauen. Der eine zeigt mir den „Pool“. Es ist unfassbar himmlisch. Ich war noch nie in einer heißen Quelle baden, ich liege im Wasser, über mir das hellgrün lichtdurchblitzte, hohe Kathedralendach. Als ich wieder angezogen und zurück bin, schaut der Ranger auf die Uhr und macht Motomoto-Gesten, die Frau schnürt sich den Korb auf den Rücken und bedeutet mir zu folgen, aufwärts, zurück. Nach den ersten hunderten Metern rutschigem Kletteraufstieg kommen echt die Ranger mit ihren Mopeds hinterher, fahrend und dabei seitwärts mitlaufend. Und dann nehmen sie uns hintendrauf mit. Bei den haarsträubendstend Stellen muss ich die Augen zumachen, halte den Mann vor mir fest umarmt, atme tief und dankbar seinen Schweißgeruch ein, öffne die Augen wieder und blinzle berauscht vor Glück in das von Sonnensplittern durchbrochene Dschungeldach.

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8 Antworten zu Dschungelfieber

  1. Jules van der Ley schreibt:

    Toller Reisebericht, vielen Dank! Was sind Motomoto-Gesten?“ Ist die Verdopplung ein Plural?

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  2. susisissyfuss schreibt:

    Der Wahnsinn! Wunderschön, ich wünsche Dir eine tolle weitere Reise, liebe Sabine.
    Und danke fürs mitreisenkönnen per blog…

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  3. ..gezogene?) Grenze zu Burma… hatte da letztens noch „Waffenschmuggel“, Eric Ambler, erneut gelesen. Und da waren natürlich die Briten aktiv.Die ja im Westsender heute schon wieder nicht vorkamen, bei Waffenexporten. DLF und WDR müssen die irgendwie nicht kennen, da folgt gleich dieser Russe hinter USA. War aber nur Radio. Gelogene Bilder dazu habe ich noch nicht. Schleichen bestimmt welche im Gebüsch rum, voller Rum. Almayers Wahn nachspielen, die haben ja Humor, die Briten.

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  4. eimaeckel schreibt:

    Was ist eigentlich das Motto deiner Reise? Klingt nach: überall hin wo’s interessant ist, wo keiner bisher war, auch wenn’s weh tut und gefährlich ist.

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  5. docvogel schreibt:

    lieber kafka-on-the-road, bin einfach auf winterflucht-urlaub, habs gerne ländlich und nicht zu überlaufen, wo ich durch felder und dörfer spazieren gehen kann, touristische infrastruktur brauch ich schon, gasthof, nudelsuppen, busverbindung…

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