Kleiner Grenzverkehr

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Trinkwasser im Niemandsland

Den Bus, den ich suche, finde ich nicht. Niemand spricht Englisch. Nehm ich halt den Pritschenwagen zur Grenze. Weil ich dort nur die üblichen Edelstein-, Elektronik- und Asiasouvenirschrottläden vermute, wollte ich da eigentlich gar nicht hin, aber wie das Suchen könnte ich auch das mit den Erwartungen langsam mal sein lassen. Den äußersten Westzipfel Thailands markiert ein pompöses Monument aus poliertem schwarzem Stein mit Goldschrift, vor dem sich chinesische Touristen in Selfiepose fotografieren. Ein weiteres Schild weist darauf hin, dass der unlizensierte Kauf von Zigaretten und Alkohol strafbar ist. Direkt dahinter säumen Buden mit Zigarettenstangen und Whiskey aus Myanmar einen halben Kilometer weit die Uferpromenade. Der Grenzfluss selbst sieht auch nicht aus wie eine ernst zu nehmende Angelegenheit. Alte Holzboote bringen Waren und Leute über die paar Meter träges schlammgelbes Wasser hin und her, auch ich werde eingeladen, unkompliziert illegal die Grenze zu übertreten. Wo die müllige Uferpromenade ins Gebüsch übergeht, sitzt ein Junge und spielt mit einem Messer rum. Ich soll mich zu ihm in den Schatten setzen. Bo heißt er, komme von drüben, hier sei es besser, er lebt mit seiner Familie hier in einer der Behausungen im Gestrüpp hinter uns, Thaiboxen mag er, keine Freundin, kein Job, er ist 22, money no money, egal happy. Dann zündet er sich eine Filterzigarette an und ich geh wieder zurück. Am Ufer sind eine ganze Menge Hütten aus Planen, Blech, Latten und Bambus. Es gibt eingezäunte Gärtchen und Trampelpfade. Eine Hütte ist höher und weniger schrottig als die anderen, ein Gemeindehaus im Slum? Zwischen zwei Buden, an denen Trockenfisch und lebende Krebse aus siffenden Styroporkisten verkauft werden, steige ich die glitschige Böschung hinunter. Das ist ein richtiges Dorf! Auf einem überdachten Holzgerüst stehen drei Gefäße mit öffentlichem Trinkwasser, manche Hütten sind Läden. Unter dem herausragenden Dach glimmert ein buddhistischer Altar, Männer streichen ein Wandbrett hellblau. Am Ufer, wo aus einem Boot Kartons mit Dosenbier entladen werden, treibt ein Generator eine Wasserpumpe an, ein Stromkabel schlängelt sich über den Lehmweg, hangelt sich über eine Leine… da hält mich ein Typ an, sagt, hier habe ich nichts verloren, für Ausländer verboten. Viel zu gefährlich auch, keine Polizei würd sich hier rein trauen. Niemandsland! Mir kommts eher vor wie eine Art Christiania für Arme, eine ordentlich strukturierte „informelle Siedlung“ von ganz offen ihrer Tätigkeit nachgehenden Schmugglern und eher harmlosen Kleinganoven, an deren obrigkeitlicher Duldung sicher jemand gut profitieren wird. Drink? schaltet der Blockwart um und schwupp sitzen wir auf rosanen Plastikhockern unterm zerfetzten Planenvordach eines Shacks, in dem gut ein Dutzend Frauen, Mädchen, Kinder herumhängen, essen, kommen und gehen, wohnen, leben. An einem Kühlschrank endet das Stromkabel, ich kauf uns zwei Bier.

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