Neulich in der Bäckerei

 

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Der Mensch von Kafka On The Road alias „Depressiv und Spass dabei“ berichtet vom nachlassenden Impuls, seine Erlebnisse von Neulich-in-der-Bäckerei (beim Späti, in der Supermarkt-Kassenschlange, an der Bushaltestelle, aufm Friedhof) bloggerisch mitzuteilen. Kenn ich. Selten sind Besuche in der Bäckerei so spektakulär, wie jener soeben im Teestübchen Trithemius erzählte Vorfall. Was soll auch schon bemerkenswert sein an einem novemberlichen Sonntagsspaziergang  in Rummelburg. „Was meinst Du?“ „Ich hab dich gefragt.“ Ein männliches Ehepaar in orangefarbenen Funktionsjacken trabt vorbei. Herbstschlieren liegen malerisch auf den Schildern am Wegrand. Hier wurde die Szene von Paul und Paula gedreht. Runde Fotos zeigen Sträucher und Tiere des eingezäunten Röhrichts. Väter schieben Kinderwagen, Hunde laufen voraus, Wind weht an der Promenade der Spreebucht. Pappeln, Bänke, Boote. Biotope und Gedenkorte. Hinweistafeln und Stelen für Opfer und Täter, manche beschädigt, am „Gedenkort Rummelsburg“ –  seine über mehrere Diktaturen überdauernde „grausame Benutzung als Ort für Ausgrenzung und Verfolgung von randständigen Menschen“ -, wo Gefängnis, Zwangsvollzugsanstalt, Anilin-Fabfrik, nicht fern auch das heute in Wohnungen umgebaute Waisenhaus, waren. Aldi jenseits der mehrspurigen Straße, auf der auch die Tram fährt. Keine Kneipen, Cafés oder Buden. Eine Pizzeria,  schon lange geschlossen. Von den über 5000 Menschen, die in den „anspruchsvollen Neubauten am Wasserpark“ wohnen, ist keiner zu sehen. Sie betrachten den öffentlichen Raum von ihren  bodentiefen Wohnzimmerfenstern aus. Die Stellplätze für ihre Autos und Mülltonnen sind gepflastert, ihre Vorgärten sind niedrig eingehegt, die Kinderspielplätze sauber, die Straßen ordentlich und leer. Ein Mädchen spricht mit einer schwarzen Katze. Sogar die ausländerfeindlichen Graffitis am Uferstreifen sind korrekt überschrieben.

Mehr vom Neulich-in-der-Bäckerei-Genre:

Kafka On The Road, 

Teestübchen Trithemius

 

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9 Antworten zu Neulich in der Bäckerei

  1. eimaeckel schreibt:

    Den Spaziergang würde ich mal unter die „Lost Places“ Literatur einsortiern. Ich kenne die Ecke und möchte dort nicht tot über dem Zaun hängen. Diese trostlose Athmosphäre hast du gut eingefangen. Danke für den Link.

    Gefällt 1 Person

  2. docvogel schreibt:

    Ha, nicht tot-überm-Zaun-hängen-wollen wär doch auch eine schöne Kategorie. Schaurig, gell? Danke zurück!

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  3. Als „Depression&Spaß dabei“ bezeichnete vor Jahren einmal ein Arzt unsere Clique von nicht mehr ganz so depressiven Patienten, die versuchten, einander zu unterstützen. Ich musste jetzt gerade grinsen.

    Gefällt 1 Person

  4. Jules van der Ley schreibt:

    Dankeschön für deine Hinweise auf meinen Bäckereitext sowie auf den Blog „Kafka On The Road. Es muss nicht immer spektakulär sein. Ich mag auch solche szenischen Schilderungen wie deine hier. Es jeder Einzelheit ließe sich bei genauer Betrachtung etwas machen, muss aber nicht. Manches darf auch einfach für sich stehen wie der Gesprächsfetzen: „Was meinst Du?“ „Ich hab dich gefragt.“
    Also nochmals vielen Dank, es ist mir eine Bereicherung.

    Gefällt 2 Personen

  5. kormoranflug schreibt:

    Früher hiessen diese Fenster: „französische Fenster“ ein romantischer Begriff – ich weiss

    Gefällt 1 Person

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