Ziemlich kleine Freuden

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Versuch des Heimattourismus

Manchmal mache ich Touristen nach. Manchmal ist der Rehasport  der einzige Termin, den ich am Tag habe. Es sind fast alles Rentner dort, viele fitter als ich, was mich nicht mehr fertig macht. Ich finde es auch nicht hat mehr besonders lächerlich, einen Tennisball hochzuwerfen und ihn mit einem Joghurtbecher einzufangen. Der Blick in den Spiegel, der eine ganze Wand einnimmt, lässt sich vermeiden. Die schlimme Musik ist immer noch schlimm. Und die Paarübungen. Ich warte, bis alle jemanden haben, dann stelle ich mich zu dem oder der übrigen, für die oder den ich dann auch die übriggebliebene bin. Letztes Mal war es ein Mann, ganz in schwarzen Trainingsklamotten, das weiche Gesicht unter grauen Haaren verschlossen wie eine Eisdiele im Winter. Zuerst mussten wir uns mit dem Rücken gegeneinander stellen und einen Petziball zwischen uns klemmen. Das ist dieser elastische rote oder blaue Gummiballon, auf den man sich sogar setzen kann. Danach, das konnte nicht ausbleiben, mussten wir uns den Ball in verschiedenen Positionen und Variationen zuwerfen. Das ging auch mal daneben. Und da durchbrach ein blitzartiges Lächeln seine gefrorene Miene. There is a crack in everything, that’s how the light gets in… iss schon wieder Cohen-time?

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10 Antworten zu Ziemlich kleine Freuden

  1. dame.von.welt schreibt:

    Reha ist Cohen-time. Außer, die Selbsterhaltung ist so geschwächt, sich gegen die billige Jede-Zelle-meines-Körpers-ist-glücklich-time nicht wehren zu können.

    Würden wir uns in der Reha begegnen, dann als Übriggebliebene. Ich habe das ganz genauso gemacht wie Sie (wenn ich Paarübungen, nämlich die mit Anfassen, nicht verweigert habe). Die Reha-Rudel- und -Lager-Bildung war mir zuletzt vor Jahrzehnten in der Schule begegnet und war mir schon als Kind unheimlich.

    Demütig und dankbar gemacht haben mich einzelne, denen es schon viel länger viel schlechter geht als mir und die trotzdem heiter und freundlich waren.

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  2. docvogel schreibt:

    Der Jede-Zelle-Clip ist ja unfassbar! Es gibt halt leider auch unter denen, die unsereinen demütig machen, solche, die finden, dass Ausländer in unserem Gesundheitssystem privilegiert behandelt würden. Genießen wir den Herbsttag!

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    • dame.von.welt schreibt:

      Ich weilte vor einem Jahr in einer Reha-Klinik, die lauthals mit ihrem mehrsprachigen Therapieangebot warb und sich vor allem an türkisch- und arabischsprachige Patienten wandte. Der vermutete Hintergrund: türkisch- und arabischsprachige Ärzte in der B-Liga sind verzweifelter als deutschsprachige B-Ligisten, weswegen sie der Y-Liga dieser Reha-Klinik länger erhalten bleiben.

      Die Behandlung der türkisch-/arabischsprachigen Patienten durch Ärzte und Klinikpersonal inmitten dieser ganzen Jede-Zelle-meines-Körpers-Kulisse war so unterirdisch rassistisch und feindselig, daß selbst die Frei.Wild-Fan-Gemeinde unter den Patienten dahinter zurücktrat.

      Diese Reha war für mich wie Rastplatz auf der Autobahn: ich bildete mit absurd vielen Leuten eine zeitweilige Schicksalsgemeinschaft, die ich freiwillig nicht kennen wollen würde. Die Freundlichen unter Patienten und Personal waren eine kleine Minderheit.

      Ja genau: lieber Herbsttag genießen…;-)…

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  3. docvogel schreibt:

    ich hab mich gerne zu den übergewichtigen Bauarbeiter gesetzt, die waren angenehm maulfaul. Immerhin gab bei Ihnen türkische und arabische Patienten, bei mir waren es von 200 höchstens sieben und die waren Russlanddeutsche (sagt man so?) , schönen Abend

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  4. tikerscherk schreibt:

    Ich liebe Deine kleinen melancholischen Skizzen

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  5. Trippmadam schreibt:

    Warten, wer noch übrigbleibt, ist eine gute Idee. Werde ich ausprobieren.

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  6. docvogel schreibt:

    Prinzip Zaunkönig, viel Glück dabei!

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  7. eimaeckel schreibt:

    Reha Time is Rilke Time. So war es auf jeden fall bei mir. Wir schenkten uns gegenseitig Postkarten mit Rilke Gedichten und am schwarzen Brett hingen sie auch. Leonhard Cohen, das wäre cool gewesen. Aber für Depressive ist er verboten. Echt.

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