Soziale Plastik (1)

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Früher, ja früher, da rannten keine Horden von alten Leuten in Trainingsanzügen durch die städtischen Parks. Die Alten saßen krumm und entspannt auf den Bänken, genossen den Ruhestand und unterhielten sich. Miteinander, aneinander vorbei, mit sich selbst. Man hielt das Gesicht in die Sonne, vergiftete die Tauben oder machte ein Nickerchen. Heute haben auch wir einen Schrittzähler und platzieren die Pfandflaschen, sofern wir sie nicht schon sammeln. Heute haben auch jene schillernde Funktionskleider aus Astronautenplastik an, die ihre zähen Sehnen und Muskeln weniger bedeckt als betont. Als ob ihnen schon die Haut abgezogen wär. Die jüngeren sehen nur unwesentlich besser aus. Sie haben ihr Smartphone am Oberarm umgeschnallt, dem Rhythmus ihrer schweren Schritte nach hören sie Marschmusik. Jedem das Seine. Ach je, sie kriegen das um uns tosende Oratorium aus Amsel, Drossel, Fink und Star überhaupt nicht mit! Kurz vor Dämmerung ist der Sound so laut, dass ich still im Parkwäldchen stehen bleibe. Symphony for the Angels oder Probe im Orchestergraben. Und der nächste Jogger trabt vorüber. Dieser ist als Wespe verkleidet, er propellort und trägt alamierendes Orange. Warnt er vor sich selbst? Wie kann man bloß so rumlaufen? Sie sind auf dem Laufband, und wir – Baum, Weg, Passant- sind nichts. Wusch, wie ein Feen-Hauch rauscht eine freihändige Radfahrerin vorbei. Jogger im öffentlichen Stadtraum gehören verboten. Dafür gabs früher Sportplätze. Rechts im Bild stehen übrigens Zelte, da wohnen Leute. Links ist die Spree.

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7 Antworten zu Soziale Plastik (1)

  1. Wenn die dauernd rumrennen, wer guckt denn dann „Eisenbahnromantik“?

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  2. docvogel schreibt:

    wie, das gibts noch?

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  3. dagehtwas schreibt:

    schön beschrieben! 🙂

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  4. tikerscherk schreibt:

    Wirklich gut beschrieben.
    Ist das unter der Brücke, die über die Leipziger führt?

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