Mehr vom künstlerischen Leider

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Blöde Gans

Frankfurt: Schon am ersten Tag musste ich rauchen. Am zweiten auch. Mit Susanne, mit Melle. Oder wie die Dichterin Iris bemerkte: „Wenn einem so viel Scheiße wiederfährt, ist das schon einen Absturz wert.“ Wieder, sic. Mit dem holländischen Schriftsteller Gerbrand Bakker hatte ich ein unterhaltsames Gespräch  über Psychopharmaka. Ihm ist vor zweieinhalb Jahren sein Hund Jasper gestorben. Darüber geht unter anderem sein letztes Buch, ich habs noch nicht gelesen. Lesen soll man unbedingt dieses Buch: Hier sein, weg sein. 15 von den beteiligten 19 Schriftstellern aus Syrien sind da. Man erkennt sie an den Kopfhörern. Zu allen  Grenzen, die sie überwinden mussten, kommt die Sprachbarriere. Ein Übersetzer jongliert slapstickhaft mit zwei Mikrophonen. In das eine flüstert er, was auf Deutsch gesagt wird, in das andere übersetzt er die arabischen Statements von zwei der Autoren auf dem Podum simultan für uns ins Deutsche. Verstehen kann man da eigentlich vor allem, dass zwei Sprachen gleichzeitig nicht zu verstehen sind. Heinrich Riethmüller, der Vorsteher des Börsenverins, begrüßt die Gäste und fragt rethorisch, „Wie fühlt es sich an, ohne Wurzeln zu sei?“ Boing, da klingelt ein uralter Refrain (Wiederholung) des Nobelpreisträgers hinein: „How does it feel, To be without a home, Like a complete unknown, Like a rolling stone?“ Die inzwischen in Berlin lebende Rasha Abbas ist eine der wenigen Schriftstellerinnen, von der es schon was auf Deutsch gibt. „Die Erfindung der deutschen Grammatik“, bei mirkotext. Was die meisten der übrigen Autoren in ihrer Muttersprache publiziert haben und wie sie schreiben, davon lässt das Buch „Hier sein. weg sein“ Band eine Ahnung aufkommen. „Texte aus Deutschland“ lautet der Untertitel. Das in Windeseile, seit der Idee im Frühjahr dieses Jahres, entstandene Buch versammelt Gedichte und Erzählungen von 19 Schriftstellern, die nach Deutschland geflüchetet sind. Sie sind jung, sie sind alt, sie sind renommiert und berühmt in ihrer Heimat oder sie stehen am Anfang ihrer dichterischen Laufbahn. Bis auf eine Iranerin und einen Jemeniten kommen alle aus Syrien. Der Fotograf Mathias Bothor hat alle wunderschön porträtiert. Und wie immer im kleinen Secessions Verlag ist das Buch wunderbar gestaltet, es duftet nach Druckerschwärze und gutem Papier. Es wirkt kostbar – weil auf jeder Seite Zeilen zu lesen sind, die einen vernichten können. Das habe ich nicht geschrieben. Nur ergreifen. Berühren, schütteln, erschüttern. Gedichte, die einem Gänsehaut machen, Erzählungen vom Krieg, Leid, Flucht. Von Gefängnissen, von Scheiße, von Liebe. Es gibt Humor und Zartheit in den Texten, Zynismus und Realismus, und so unfassbar viel Schrecken. Man möchte zu heulen beginnen beim Lesen. Vielleicht sollte man mehr heulen. How does it feel?

Hier sein, weg sein. Anthologie syrischer Autorinnen und Autoren, Secession Verlag, Zürich/Berlin 2016., 256S., 24 Euro.

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Eine Antwort zu Mehr vom künstlerischen Leider

  1. Elisabeth Lindau schreibt:

    Danke für den Buchtipp, werde ich in der Buchhandlung meines Vertrauens (glücklicherweise direkt um die Ecke; ich hoffe, das bleibt noch lange so …) bestellen.
    Ich hoffe, es geht dir gesundheitlich schon sehr viel besser.
    Schöne Grüße
    Elisabeth

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