Goethes Gartenhaus

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Gärtner brauchen ja keinen Urlaub. Schon gar nicht im Sommer. Ich jedenfalls vermisse jedes einzelne Wochenende, das ich nicht in meinem Schrebergärtchen sein kann. Meine Nachbarn hingegen müssen die Schulferien ausnutzen, um mit ihren Kleinfamilien wegzufahren. Mein Glück, da ist mal für drei Wochen Ruh mit dem Kindergekreisch und dem Grillmeistergemacker. Das irre aber ist, dass ihre Beete ganz ohne Betreuung wie im Bilderbuch daherwuchern. Schulterhohe Tomatenstöcke voller dicker Dinger, Bohnen ranken ins Himmelblaue und knallpralle Erbsenschoten lugen bis über den Gartenzaun zu mir. In Nachbars Garten auf der anderen Seite sind die Kohlköpfe zu exaltiertem Gewölk erwachsen, das jeden Ikebanastecker blassaussehen liesse, Kürbisse wie Medizinbälle. Die Kartoffeln will man lieber gar nie sehen. Bei mir haben die Schnecken sogar das im Fachhandel vorgezogene Sixpack Selleriepflänzchen auf Stumpf und Stiel aufgefressen. Roten Bete und Mangold haben es nicht mal in meine ferne Erinnerung geschafft. Tomatenanbau hab ich schon lange aufgegeben. Ich mag auch keine Tomaten. Anfang August hab ich mich immerhin noch mal durchgerungen, den struppigen Teppich aus bitteren Rauken, wilden Möhren und zierlichem Fenchelgegakel aus einem Beet zu rupfen, verirrte Akeleien gleich mit. Dann vorschriftsgemäß Spinat und Feldsalat ins frisch planierte „Herbstbeet“ gesät, Samen in Rillen gedrückt, und Eimerweise schummriges Wasser aus der Regentonne apportiert, um die fiederigen Triebspitzen, ja sie guckten kurz raus, zu gießen. Und nun? Nix mehr da. Ein Wochenendtrip nach Weimar hat gereicht, auf einer Holzbank dem Rauschen uralten Parkbäumen gelauscht, Goethes Phloxrabatten und sein rosenberanktes Gartenhaus besucht. Rosen, ach je, gehen bei mir auch nicht. „Weit und schön ist die Welt, doch o wie dank ich dem Himmel, dass ein Gärtchen beschränkt, zierlich, mein eigen gehört. Bringet mich wieder nach Hause! Was hat ein Gärtner zu reisen? Ehre bringt’s ihm und Glück, wenn er sein Gärtchen versorgt.“ Sagte Goethe – bevor er nach Italien reiste.

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2 Antworten zu Goethes Gartenhaus

  1. Golli schreibt:

    Grillmeistergemacker?? Hey, Hey! 😁 Aber schulpflichtig werden sie leider erst nächstes Jahr.

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